29 Mai 2011

Abgeschottetes Leben?

Früher habe ich in Gesprächen immer von der »kleinen Welt« geredet, in der ich mich vorzugsweise bewege, eine Welt, in der es Punks und vernünftige Skins, Hardcore-Kids und Autonome gibt, in der man zwar Berührungen zur »normalen Welt« hat, weil man in dieser ja sein Geld verdienen muss, diese aber komplett ablehnt. Das war eigentlch schön bequem, weil es klare Feindbilder schuf.

In den letzten Jahren wurde ich sehr bürgerlich. Gehe ich privat aus, bin ich häufig mit Pädagogen und anderen gebildeten Menschen unterwegs.

In meinem sozialen Umfeld redet man über Politik und Literatur, und der Müll wird anständig getrennt. Ich bin also längst im bürgerlichen Mittelstand angekommen.

Man muss nur an einem durchschnittlichen Samstag abend in die Innenstadt von Karlsruhe gehen,um zu erkennen, wie weit weg man von der Masse der Gesellschaft sein kann. Schlecht tätowierte Muskelmänner, hysterisch lachende Dauerwellen-Fregatten, beides in Gruppen, dazwischen Heerscharen betrunkener Junggesellen-Abschiede ... Himmel hilf.

Mir war nicht bewusst, wie sehr ich schon normal geworden bin. Oder wie weit ich tatsächlich von anderen Leuten weg bin. Mein Leben kam mir auf einmal ebenso abgeschottet und fern der Realität vor wie 1989 oder 1992, als ich mich ausschließlich in Punkrockstadt und Hardcorehausen bewegte ...

»Back To The Roots« habe ich mir damals anders vorgestellt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das Leben ist eine wunderbare Reise und jede Veränderung öffnet neue Blickwinkel und manchmal ganze Universen, das wichtigste ist niemals die Bodenhaftung zu verlieren und die Schattenseiten zu ignorieren.

Anonym hat gesagt…

Pädagogen und anderen gebildeten Menschen unterwegs

Widerspruch in sich q.e.d.

Michael hat gesagt…

"Normal" ist eine Kategorie, in der ich leider viel zu wenig Menschen sehe. Vielleicht muss man in seiner Biografie aus einem "abgeschotteten Leben" kommen, um die innere Freiheit und die unabhängige Denkfähigkeit entwickelt zu haben, die es scheinbar braucht, um "normal" zu werden.
Wenn ich durch die Blödzeitung beim Griechen blätter oder durch die Volksverdummung auf RRRRtl oder Satt1 zappe, dann fühle ich mich als "Normaler" in der Minderheit. Ich denke, mehr normale Menschen wären ein Segen.

Götz Roderer hat gesagt…

Jep. Hatte am Wochenende ein prinzipiell identisches Erlebnis. Geht den Pädagogen so, meinereinem, anscheinend jedem. Die Welt ändert sich, und man kann dem Zug nur noch nachwinken. Und irgendwann kriegt man dann wohl die Kündigung ...