17 Juli 2018

Dann doch lieber mit dem Taxi?

Ich wollte den Zug um 7.36 Uhr bekommen und verließ um 7.05 Uhr das Haus. Meiner Ansicht nach sollte das gut reichen – es gibt ja genügend Straßenbahnen in Karlsruhe. Zudem war ich nicht völlig unerfahren, was das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln anging.

Als dann am Europaplatz die Straßenbahn einige Verspätung hatte, wurde mir klar, dass es eng werden würde ... Sehr eng! Einige andere Menschen, die ebenfalls Gepäck mit sich führte, wirkten ähnlich nervös wie ich.

In der Straßenbahn lief mir der Schweiß in Strömen den Nacken hinunter und nässte mein Hemd. Ich war angespannt und hoffte ausnahmsweise, die Bahn hätte Verspätung. Das gab es schließlich öfter. Aber wenn man sich auf Pünktlichkeit und Verspätung verlassen könnte, wäre ja manches einfacher.

Ich kam auf die Sekunde genau pünktlich am Bahnsteig an, verschwitzt und genervt, weil ich durch den ganzen Bahnhof gerannt war. Der Zug stand vor meiner Nase und bewegte sich nicht, die Türen waren zu.

Mit mir war ein Mann im hellblauen Hemd in der Straßenbahn gesessen, er hatte auch die verschlossene Tür erreicht. Wir schauten dem Zug zu, wie er eine geschlagene Minute vor unserer Nase stand, ohne dass sich etwas tat.

Dann fuhr der Zug ab, elegant und gelassen. Und ich machte mich auf den Weg, nach einem vernünftigen Anschluss zu suchen ... (Künftig, so schwor ich mir zum wiederholten Mal, würde ich mit dem Taxi zum Bahnhof fahren. Egal, was es kostete.)

16 Juli 2018

Nakam aus Tübingen und ihr Hardcore

Die Band Nakam aus Tübingen hat sich offenbar nach einer jüdischen Gruppierung benannt, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Ziel hatte, Rache für den Massenmord an den Juden zu üben. Das Word »Nakam« ließe sich auch schlichtweg mit »Rache« übersetzen – warum die Band sich für diesen Namen entschieden hat, ist mir allerdings unbekannt.

Seit 2014 hat sie diverse Tonträger veröffentlicht, ich habe die gleichnamige EP seit einigen Tagen auf dem Plattenteller – die kleine Platte enthält sechs Stücke, wurde auf 500 Exemplare limitiert und kam im Herbst 2017 bei dem kleinen Label Kink Records heraus. Geboten wird rotziger Hardcore-Punk mit Brüllgesang und treibendem Sound, der gut nach vorne knüppelt.

Okay, manchmal ist mir die Gitarre zu metallisch, ansonsten gibt es an dieser Band nur wenig auszusetzen. Die Stücke sind knackig und klar, sie rotzen richtig gut und versetzen mich nach kurzer Zeit in ein hektisches Gezappel. Sehr gelungen!

Ein Sonderheft zu fünfzig Jahren

Wann ich genau zum Mitglied in der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) wurde, weiß ich nicht mehr. Es muss in den ganz frühen 80er-Jahren geworden sein. Ich hatte damals ein Faible für Indianer und informierte mich über die damalige Situation indigener Völker in Nord- und Südamerika.

Die Gesellschaft kann in diesem Jahr 2018 ihren fünfzigsten Geburtstag feiern, und ich bin immer noch Mitglied. Dabei bin ich fürchterlich passiv: Ich zahle meinen Beitrag, ich spende gelegentlich ein wenig, und ich lese die Zeitschrift »Pogrom«. Die aktuelle Ausgabe 305 hat als wichtigstes Thema den Rückblick auf die fünfzigjährige Geschichte der Menschenrechtsorganisation.

Noch einmal wird die Geschichte erzählt, wie sich der Verein aufgrund des Biafra-Krieges und der damals anlaufenden Hilfe für Biafra gründete. Nachgezeichnet wird das Leben einiger Vereinsaktivisten, erzählt wird von den Regionalgruppen (ich wohne in Karlsruhe und mache vor Ort nichts für die GfbV; da ist es natürlich interessant, hier zu lesen, was sich so tut) oder von einzelnen Aktionen.

Die GfbV ist auf keinem Auge blind, das fand ich schon immer gut. Man kritisierte »linke« wie »rechte« Staaten und setzte sich immer für die Rechte von Minderheiten und Unterdrückten ein. Das fand und finde ich charmant, das halte ich nach wie vor für unterstützenswert. (Man kann über das Thema »kleine Nationen« gern auch diskutieren – aber das ist ein anderes Thema.)

Das 88 Seiten starke Heft steckt voller Informationen. Vieles war mir als regelmäßiger »Pogom«-Leser seit vielen Jahren bekannt, in der Zusammenstellung las ich trotzdem viele neue Themen. Eine gelungene Ausgabe, wie ich finde – und vielleicht wird durch mein Textlein hier jemand auf die Vereinigung aufmerksam.

15 Juli 2018

Räubereien im Garten

Wie immer im Sommer, wenn es warm ist und ich die Laune dazu habe, sitze ich auf dem Balkon. Ich spanne den Sonnenschirm auf, stelle mir etwas Kühles dazu und tu' die Dinge, die ich dringend erledigen muss: Ich lese Manuskripte und Zeitung, oder ich schreibe allerlei Texte. Manchmal höre ich dazu Musik, meist aber lasse ich die Geräusche der Nachbarschaft auf mich wirken.

Vor etwa zehn Jahren gab sich ein Junge, vielleicht acht Jahre alt, redlich Mühe, mich mit seinen Geräuschen zu euphorisieren. Er hieß Johannes, so viel hatte ich herausbekommen, und er liebte ein ganz bestimmtes Spiel.

Das Spiel war vergleichsweise einfach: Er rannte durch den Garten, hin und her und auf und ab, mal mit einer Spielzeugpistole bewaffnet, mal mit einem kleinen Ast in der Hand. Und mit einer Energie, die nur Kinder aufbringen, schrie er »Ich bin der Räuber Hotzenplotz!« und das mindestens ein Dutzend Mal hintereinander.

Gelegentlich hielt er inne, weil er trinken musste. Dann rannte er wieder los. »Ich bin der Räuber Hotzenplotz!«, schrie er und fuchtelte mit seiner Waffe in der Luft herum. »Ich bin der Räuber Hotzenplotz!«

Anfangs ging er mir ein wenig auf die Nerven, bald aber gewöhnte ich mich an ihn und blendete ihn aus. Weder den kleinen Johannes noch seinen Räuber Hotzenplotz hörte ich mehr. Irgendwelche Geschichten von Raumfahrern auf fremden Welten waren dann doch eingängiger.

Irgendwann zog die Familie weg. Die Kinder, die heute im Haus wohnen, sind pflegeleichter. Sie spielen ab und zu im Garten, sie schreien und kreischen, aber das ist eher abwechslungsreich. Den Räuber Hotzenplotz vermisse ich fast.

Gelegentlich denke ich an den Johannes. Der dürfte jetzt 18 oder gar 20 Jahre alt sein und sich nicht mehr daran erinnern. Oder er hat längst den ehrbaren Beruf eines Räubers ergriffen und eifert dem Herrn Hotzenplotz auch im realen Leben nach ...

14 Juli 2018

Die Science-Fiction-Times vom April 1969

Ein Interview mit dem polnischen Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem, ein großer Artikel über die Kurzgeschichten von Jack Vance: Damit sind die zwei Schwerpunkte umschrieben, die das Fanzine »Science Fiction Times« im April 1969 mit seiner Doppelausgabe 94/95 bot. Verantwortlicher Redakteur der »SFT«, wie das Blatt abgekürzt genannt wurde, war Hans Joachim Alpers, damals wohnhaft in Bremerhaven.

In einer Zeit, in der es nicht einfach war – und vor allem recht kostspielig –, an Informationen aus dem Ausland heranzukommen, lieferte die »SFT« beispielsweise Beiträge, in denen die Inhalte amerikanischer SF-Zeitschriften zusammengefasst wurden. Dazu kamen Berichte zur Szene in aller Welt, umfangreiche Buchbesprechungen und kritische Leserbriefe.

Diese Doppelnummer war vergleichsweise normal, sie lieferte keinerlei Skandale und zeichnete sich nicht durch besondere Angriffe auf »bürgerliche« Autoren und »kapitalistische« Verlagsstrukturen aus. Der Autor Hans Peschke, der auch unter dem Pseudonym Harvey Patton publizierte, wird allerdings wegen eines Leserbriefs attackiert – in einem schriftlichen Angriff, der den Auschwitz-Prozess in Frankfurt, den »Völkischen Beobachter« und das »BRD-Estabilshment« in einen Zusammenhang stellt.

Die Macher der »SFT« hatten große Kenntnisse der Science Fiction und waren den »unkritischen« Fans, die sich zu dieser Zeit in anderen Fanzines wiederfanden, weit voraus, was diese Kenntnisse anging. In der Art und Weise ihrer Argumentation schossen sie aber häufig über das Ziel hinaus. Da bildet diese eigentlich »durchschittliche« und häufig sehr sauber recherchierte Ausgabe 94/95 letztlich doch keine Ausnahme.

13 Juli 2018

Der Wüstenkurier 15

Das Fanzine »Wüstenkurier« eröffnete für mich ab 1980 eine buchstäblich neue Welt: Unter der Ägide von Jörg Schukys veröffentlichte in diesem kopierten und zusammengetackerten Heft eine kleine Gruppe von engagierten Leuten ihre Texte, die allesamt in dem Fantasy-Land Esran angesiedelt waren. Sie erzählten von kleinen Stämmen, die in einem wüstenhaften Land angesiedelt sind, von einer Religion, in der ein einziger Gott angebetet wird, von Mythen und Legenden, von Reisen und Kämpfen, von Abenteuern und Gottesträumen.

Das Land wiederum zählte zur sogenannten Magira-Simulation – die Fantasy-Welt Magira wurde von wirklichen Menschen aus dem deutschsprachigen Raum gewissermaßen gespielt. Ich hatte mir den Namen »Ghazir en Dnormest« gegeben, den ich phantastisch fand und der mit meinem eigenen Namen in gewisser Weise verbunden war. Als solcher war ich ein Esraner und zählte zum Volk der Bekassiden.

Schon 1980 entstanden meine ersten Texte, die in dieser Welt und in diesem Land spielten. Einige wurden im »Wüstenkurier« veröffentlicht, viele warf ich aber weg, weil sie mir zu schlecht erschienen, aus vielen wurden nur Fragmente. Teilweise schrieb ich die Geschichten in der Schule oder im Bus zur Arbeit.

Ich hatte im Sommer 1980 nach der zehnten Klasse das Gymnasium verlassen und einen Lehre als Bürokaufmann angefangen, die ich im Frühjahr 1981 erfolgreich schmiss. Für die Erwachsenen war ich sicher sehr anstrengend: ein sturer Jugendlicher mit verwirrendem Zeugs im Kopf, der am liebsten seltsame Musik hörte und seltsame Heftromane las. Die Fantasy-Welt von Magira und das geheimnisvolle Land Esran fand ich spannender als die bundesrepublikanischen Zustände, die mich 1981 reichlich anwiderten.

Die Ausgabe 15 des Fanzines »Wüstenkurier« präsentierte meine erste »große« Fantasy-Geschichte. Sie hieß »In den Salzstöcken von Bekassan« und erzählte von einem jungen Sheik, der mit einigen Getreuen ein Abenteuer in einem Sandstock erlebt. Ich war irrsinnig stolz auf diese Veröffentlichung im Sommer 1981.

Für das Buch, das ich in diesen Tagen zusammenstelle, griff ich diese Geschichte noch einmal heraus. Ich packte sie in einen neuen Zusammenhang, um sie an meinen heutigen Stil anzupassen – sonst hätte ich sie entweder eins zu eins im damaligen Stil veröffentlichen müssen, der mir mittlerweile doch ein wenig peinlich ist, oder eben komplett neu schreiben. Blättere ich das alte Fanzine heute durch, kann ich den Stolz von damals trotzdem gut nachvollziehen …

12 Juli 2018

Sogar ein ZineWiki

Es gibt immer wieder Dinge, die mich im ersten Augenblick überraschen, bei denen ich im zweiten Augenblick aber ein »na ja, warum eigentlich nicht?« denke. Ein schönes Beispiel dafür ist die oder das ZineWiki, von dem ich dieser Tage zum ersten Mal hörte – ich recherchierte zum »International Zine Month«, von dem ich in all meinen Jahrzehnten des Fanzineschreibens und Fanzinelesens noch nie gehört hatte, und stolperte über eine Wikipedia, die sich nur mit Fanzines beschäftigt.

Die Idee finde ich super. Fanzines gibt es seit den 20er- oder 30er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, sie decken eine irrsinnige Breite an Themen ab, und ich mag die Vielfalt, die man auf ihren Seiten finden kann.

Die Seite solle eine »open-source encyclopedia devoted to zines and independent media« sein, versprechen die Macher. Zudem: »It covers the history, production, distribution and culture of the small press.« Das klingt alles gut.

Egomane, der ich bin, schaute ich erst einmal, ob es etwas von mir gäbe. Doch weder mein Science-Fiction-Fanzine SAGITTARIUS noch mein Punkrock- und Egozine ENPUNKT ließen sich in der Liste finden. Ich checkte weitere Fanzines, an denen ich mitgewirkt hatte – es gab auch kein ZAP zu sehen.

Okay, die Macher haben offenbar die deutschsprachige Szene nicht im Blick. Mir wurde klar, ich müsste mich anmelden, um Beiträge in diese Seite zu schreiben. Dazu habe ich allerdings weder Lust noch Zeit.

Und dann fiel mir der entscheidende Satz auf: »This page was last modified on 4 August 2017, at 16:30.« Daraus schließe ich messerscharf, dass das Engagement auf dieser Seite eben auch eingeschränkt ist.

Wenn's jetzt jemanden gäbe, der sich um solche Themen kümmert, wäre das sicher nicht schlecht. Andererseits dreht sich die Welt auch ohne Fanzines und Fanzine-Listen weiter ...

11 Juli 2018

Bekassan auf einer Landkarte

Weil ich mich derzeit damit beschäftige, alte Erzählungen und Kurzgeschichten von mir für ein Buch zusammenzupacken, habe ich in alten Fanzines gestöbert. Unter anderem fand ich die Landkarte von Bekassan, die ein gewisser »H.G.« gezeichnet hat. (Hans Grünberger?) Sie wurde 1980 veröffentlicht, genau zu der Zeit also, in der ich meine ersten Geschichten veröffentlichte, die im Wüstenland Bekassan spielen.

Wahrscheinlich ist es heute keinem Menschen mehr begreiflich zu machen, wie toll ich es 1980 fand, eine Landkarte für »mein« Reich zu haben. Das kannte ich ansonsten nur von »Herr der Ringe« oder »Conan« sowie den anderen Fantasy-Romanen, die es zu jener Zeit gab. Die Szene war 1980 ja noch völlig übersichtlich.

Das Gebiet auf dieer Landkarte gehört zur Fantasy-Welt Magira, auf dieser gibt es einen Kontinent namens Hondanan, und in diesem wiederum liegt im Süden das Land Esran. Dabei handelt es sich um ein vor allem von Wüste geprägtes Gebiet; man stellte sich damals also eine Art mittelalterliches Nordafrika vor.

Bekassan wiederum ist in dieser Fantasy-Welt ein Teil von Esran. Meine Fantasy-Figur, die ich auf der Fantasy-Welt Magira simulierte, sollte ein Bekasside sein – woher 1980 mein Interesse an Afrika kam, weiß ich leider nicht mehr.

Auf der Landkarte konnte ich auf jeden Fall sehen, wo »mein« Stamm lebt, wo der Salzstock zu finden ist und über welche Straßen mein Held in welche Gemeinde reiten kann. Und so siedelte ich eine Reihe von Geschichten in dieser Region an, viele von ihnen kamen über das Stadium eines Konzeptes nicht hinaus.

1980 ist sehr lange her. Schaue ich mir heute die Landkarte an, kann ich die Empfindungen von damals teilweise noch nachspüren. Ich fand die Fantasy-Welt Magira toll, ich liebte das Land Esran mit seiner exotischen Kultur, und ich war begeistert davon, in »meinem« Bekassan meine eigenen Geschichten erzählen zu können.

10 Juli 2018

Rinderhirsch

Eine touristische Begebenheit im Schwarzwald 

Die Welt ist ein seltsamer Ort. Und die Menschen, die man gelegentlich trifft, machen sie erst recht zu einem Territorium der Seltsamkeiten. Kommen Touristen in eine Region der Erde, die sie als ein bisschen zurückgeblieben betrachten, verhalten sie sich gerne ein bisschen »von oben herab«. Das gilt auch für die touristische Region Schwarzwald, aus der ich ursprünglich komme und in der ich die ersten zwei Dutzend Jahre meines Lebens und einiges darüber hinaus verbracht habe.

In einer Silvesternacht kam es zu einer Begebenheit in der Kleinstadt meiner Herkunft, die für einige Menschen das Leben verändern sollte. Für das Tier, um das es letztlich ging, war aber alles zu spät: Es war schon tot, als die Geschichte begann.

Das junge Paar kam aus einer größeren Stadt in Nordrhein-Westfalen. Ausgerechnet im beschaulichen Freudenstadt, der Stadt mit dem angeblich größten Marktplatz in Deutschland, verbrachte es seine Flitterwochen. Schöne Flitterwochen sollten es sein, im Winter und unter Tannen, auf dem romantischen Marktplatz und im wunderschönen Tannenwald, so richtig zum Gleich-noch-einmal-Verlieben. Man kann sich richtig vorstellen, in welch beschwingter Stimmung das junge Paar von West- nach Süddeutschland kam.

Das Paar bekam Appetit und ließ sich auf einen Restaurant-Tip ein. Ich hätte ihnen das Lokal sogar selbst empfohlen: Es war die »Alte Kanzlei« unweit des Marktplatzes, ein sehr rustikales Lokal, in dem man aber sehr gut essen konnte. Der Wirt, ein unglaublich dicker Mann, war das beste Beispiel für seine Küche. Wer es gut bürgerlich mochte, wer gerne Wild aß, wer gerne die schwäbische Küche ausprobierte und es gerne trotzdem mit ein bisschen Niveau wollte, der war in diesem Lokal am richtigen Ort.

Das Lokal genoss einen guten Ruf, und das zu Recht. Ein idealer Tip. Und das Hirschrückensteak, das sich das Paar aus dem Ruhrgebiet bestellte, klang wirklich nach einer erstklassigen Wahl.

Die beiden fanden das Essen gut; sie lobten es hinterher sogar, als sie bezahlten. Trotzdem passte ihnen etwas nicht. Und als keiner hinschaute, rochen sie besonders intensiv daran, fanden, dass es nicht richtig schmeckte, und ließen sich die Reste einpacken. Die wiederum schleppten sie in das Hotel, in dem sie offiziell abgestiegen waren, und präsentierten sie dort dem Küchenchef.

Und der Mann bestätigte den Verdacht, den das Paar geäußert hatte: Man hatte ihnen keinen Hirsch serviert, sondern schnödes Rindfleisch angedreht.

Panik! Herzattacke! Weltuntergang! 

Zu der Zeit, so muss man berichten, war die BSE-Krise in aller Munde. Auch hartherzige Fleischfresser verzichteten in dieser Zeit auf den Konsum von Rindfleisch, weil sie keine Lust hatten, vom Rinderwahnsinn und seinen Folgen beeinträchtigt zu werden. Eine durchaus nachvollziehbare Reaktion – man hätte allerdings der Einfachheit halber gleich Vegetarier werden können, und alles wäre viel einfacher gewesen.

So auch die Dame in unserer kleinen Geschichte. Aufgrund der BSE-Krise aß sie nämlich kein Rindfleisch mehr, nur noch Wild. Das war zwar unwesentlich teurer, aber das stört ja wohlhabende Touristen aus dem Ruhrgebiet nicht so richtig.

Die arme Frau litt auch prompt unter den Folgen des falschen Hirschbratens: Sie musste sich mehrfach übergeben, ihr Mann alarmierte die Polizei, die anscheinend nichts anders zu tun hatte und tatsächlich die Ermittlungen aufnahm.

Jetzt wurde die Provinzposse richtig lustig. Es gab am bewussten Abend, so fand die Polizei heraus, nämlich gar kein Rindfleisch auf der Karte. Eine Vertauschung von Rind und Hirsch sei also gar nicht möglich gewesen.

Seltsame Angelegenheit. Aussage stand gegen Aussage.

Und dann schaltete sich der Wirtschaftskontrolldienst der Polizei ein. So einfach sollte der Fall nicht gelöst werden ... Reste des umstrittenen Gerichtes wurden tatsächlich nach Karlsruhe geschickt, um dort von Nahrungsmittelchemikern des Chemischen Veterniär-Untersuchungsamtes genauer unter die Lupe genommen zu werden. Als dieses Amt nicht hundertprozentig zu einer Lösung des Falls kam, schaltete sich auch noch das Chemische Veterinär-Untersuchungsamt in Freiburg ein. Grund: Man wollte eine DNA-Analyse vornehmen, um die Essensreste hundertprozentig genau unterstützen zu können.

Das kostete richtig viel Geld – und das alles nur deshalb, weil ein Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen in seinem Urlaub unbedingt einen Hirsch futtern wollte ...

Der Wirt drehte in den ersten Tagen des Januars 2001 fast durch. Kein Wunder, die Gerüchte konnten seinem ohnehin nicht richtig gut gehenden Gasthaus das Genick brechen. Seine Argumentation war: »Ich stand an diesem Abend selbst am Herd, und ich kann jederzeit nachweisen, dass ich im Großmarkt etwa acht Kilo Hirschkalbsrücken gekauft habe.« Besonders hübsch war allerdings sein wichtigstes Argument: »Ich würde meine Gäste doch nie betrügen.«

Immerhin räumte er ein, dass die schöne Geschichte, am bewussten Abend habe es kein Rindfleisch gegeben, nicht stimme: Die Polizei hatte die Speisekarte nicht richtig lesen können, so scheint es, denn an diesem Abend standen zwei verschiedene Rindfleischgerichte auf der Karte. Nun ja, dass die Polizei aus Analphabeten besteht, hat mancher schon vermutet; das Ausmaß des Schreckens scheint aber doch verwunderlich zu sein.

Es dauerte alles seine Zeit, doch irgendwann kam der Befund, der offizielle, bestätigt durch einen Polizeioberrat. Es sei in der Tat kein Rindfleisch serviert worden; wobei er nach wie vor nicht sagen konnte, welches Fleisch denn nun die freundlichen Urlauber verzehrt hatten. Und während der Ruf des Wirtes weiterhin seinen Schaden nahm, weil buchstäblich im ganzen Land über den Rinderhirsch aus der Schwarzwaldstadt diskutiert wurde, zogen sich die weiteren Ermittlungen hin ...

Der Freudenstädter Hotelier erhob nun Anklage gegen die Gäste aus Nordrhein-Westfalen. Klar … Und er korrespondierte ganz nebenbei mit dem Chef des anderen Hotels nur noch über Rechtsanwälte. Die Provinzposse weitete sich immer mehr aus, bald ging es nicht mehr nur noch um den Wirt und seine Gäste, sondern es ging auch um Veterinäre, den Wirtschaftskontrolldienst, verschiedene Polizeistationen und diverse Rechtsanwälte, von den Journalisten landauf, landab, die über den Unfug schrieben, einmal ganz zu schweigen.

Und das End' vom Lied: Der dicke Wirt musste seine »Alte Kanzlei« schließen, weil ihm die Gerüchteküche das Genick brach. Die Gäste von außerhalb blieben aus, Geschäftsessen wurden in andere gastronomische Einrichtungen verlegt, und die Einheimischen guckten als gute Schwaben ohnehin stets aufs Geld und gingen der Einfachheit halber lieber in ein preiswertes Gasthaus um die Ecke, in dem es dieselbe Art von Gerichten für fünf Mark weniger gab.

So hatte der Rinderhirsch doch noch ein Ende genommen, wenngleich kein gutes. Was aus den Anzeigen des Wirtes gegen die jeweils anderen Beteiligten wurde, ist übrigens nicht bekannt, genauso, was aus ihm selbst wurde. Aus der gastronomischen Landschaft meiner Ex-Heimatstadt ist der Mann, der doch eigentlich nicht zu übersehen war, auf jeden Fall verschwunden …

(Der Text wurde im Sommer 2003 geschrieben und Ende 2003 in der Ausgabe 40 meines Fanzines ENPUNKT veröffentlicht. Ich finde, das kann ich hier locker mal dokumentieren.)

09 Juli 2018

Pleite mit treibendem Deutschpunk

Der Bandname ist klasse und passt zur Heimatstadt: Pleite kommen aus Berlin, nahmen 2017 ihr erstes Demo auf und publizierten 2018 die erste »echte« Platte. Ich holte mir die einseitig bespielte Vinyl-Langspielplatte bei Twisted Chords und hörte sie seitdem sehr häufig.

Für mich ist das Deutschpunk, auch wenn die Band diesen Begriff womöglich gar nicht so gern hört. Texte in deutscher Sprache werden rausgebrüllt, dazu kommt ein treibender Sound mit sägenden Gitarren – das rattert und knattert und ist richtig gut. Gelegentlich lodert mal eine Emo-Gitarre dazwischen, vor allem aber wird mit Wucht und Energie nach vorne gespielt.

Was die Band macht, klingt ziemlich kompakt. Zu den sarkastischen Texten, die man sich auch gern noch mal durchliest, kommt die Musik, die eingängig ist, aber nicht zu viel Melodie riskiert. Für mein Gehör machen die Musiker alles ziemlich richtig, die Stücke sind abwechslungsreich und lassen auch mal einen Tempowechsel zu.

Wer jetzt Vergleiche sucht, nehme einfach die eine oder andere aktuelle Band, meinetwegen die zu Recht populären Pascow, und ergänze hier noch einen dunkel brüllenden und einen heller schreienden Sänger – dann haben wir eine halbwegs brauchbare Beschreibung von Pleite. Oder man gehe halt auf Bandcamp und höre sich dort mal an, was die Band so liefert. Ich find's ziemlich klasse!

06 Juli 2018

Mit Vivaldi zum Abendessen

Früher konnte ich mir nicht vorstellen, in einem großen Hotel am Strand meinen Urlaub zu genießen. Das Abenteuer war mir wichtiger, das Umherziehen mit dem Seesack auf dem Rücken. Doch in diesem Jahr genoss ich es beispielsweise sehr, mich nur um ganz wenig selbst kümmern zu müssen. So war beispielsweise immer klar, um welche Zeit es das Abendessen gab, und ich konnte mich darauf verlassen, dass es schmeckte.

Im Innenhof des Gran Mélia genoss ich das erholsame Nichtstun. Die Sonne wärmte den Boden auf, die Wasserbecken schimmerten im hellen Licht. Einzelne Menschen waren unterwegs, zumeist Touristen wie ich. Kinder rannten lachend zwischen Erwachsenen hin und her, ein junges Paar ging Hand in Hand, dazwischen bewegten sich einzelne Hotelangestellte, sofort an der Uniform und am schellen Schritt zu erkennen.

Es war schon Zeit zum Abendessen, der Geruch nach frisch gebratenem Fisch drang durch die geöffneten Türen des Speisesaals ins Freie. Ich hatte noch Lust, die frische Luft zu genießen und einen Cocktail zu trinken, saß auf einem Stuhl und döste ein wenig vor mich hin.

Bis auf einmal laute Musik ertönte. Streicher setzten ein, die Lautsprecherboxen im Innenhof des Hotels verbreiteten den Sound eines kompletten Orchesters. Und während ich noch erkannte, dass es Vivaldis berühmte »Vier Jahreszeiten« waren, setzte auch schon das Wasserballet ein.

Aus bisher verborgenen Düsen innerhalb der Brunnen spuckten Fontänen in die Höhe, mal höher, mal stärker, mal leichter, mal niedriger. Zum Tosen der Instrumente kam das Plätschern des Wassers.

Kameras wurden gezückt, Kinder johlten vor Begeisterung, Erwachsene ließen ihre Smartphones klicken und klackern. Auch wenn es irgendwie kitschig war, fand ich den Vivaldi-Einsatz tatsächlich schön. Er passte zu einem Hotel, das auf Teneriffa so tat, als sei es eine Mischung aus maurischem Palast und mitteleuropäischer Gastronomie. Ich trank mein Glas aus und ging – buchstäblich beschwingt – zum Abendessen in den Speisesaal.

05 Juli 2018

Den Selfpublisher gelesen

Die Zeitschrift »Der Selfpublisher« ist mir seit längerem bekannt, ich lese sie aber nicht regelmäßig. Der einleuchtende Grund: Ich bin nicht die Zielgruppe, weder als Redakteur noch als Gelegenheitsautor ist Selfpublishing für mich eine spannende Option. Als mir im Juni aber die Ausgabe 1/2018 in die Hände fiel, die im März diesen Jahres veröffentlicht worden ist, las ich sie komplett durch.

Interessant fand ich den Bericht von Emily Bold, die auch auf dem Cover abgebildet ist. Die Autorin fing als Selfpublisherin an, hat es zu einer gewissen Beliebtheit gebracht und wird mittlerweile auch von »normalen« Verlagen veröffentlicht. Ich hätte mir bei diesem Bericht noch die eine oder andere kritische Nachfrage gewünscht, aber man kann ja nicht alles haben.

So hätte mich beispielsweise interessiert, woher die Beliebtheit der Autorin kommt: Sind ihre Geschichten so gut, vermarktet sie sich besser als andere Autorinnen, oder war sie schlichtweg die erste, die in »ihrem« Genre haufenweise eigene E-Books publizierte? Manchmal sind die Antworten ja ganz einfach.

Das ist übrigens die hauptsächliche Schwäche des ansonsten professionell gemachten Magazins: Die meisten Beiträge bleiben an der Oberfläche, die Autorinnen und Autoren steigen selten in die Tiefe und fragen noch seltener nach Hintergründen. Klar, es geht um Buchblogger und die Verbindung zu Selfpublishern, es wird auch über die Buchhandlung »Otherland« geschrieben, aber unterm Strich herrscht in den Texten ein Fanzine-Charakter vor: Man findet sich gegenseitig gut und liebt den Erfolg. Dagegen spricht ja auch nichts ...

Schön ist das Porträt der Autorin und »Social-Media-Ikone« – was immer das zu bedeuten hat – Karena John, die ich seit dem LiteraturCamp unter ihrem Twitter-Namen Bordsteinprosa kenne, durchaus lesenswert ist ein Artikel, der mithilfe eines Typenindikators zeigten soll, wie man glaubwürdige Charaktere erschaffen kann. Dazu kommen haufenweise Tipps und Ratschläge, alles in allem ein höchst unterhaltsames und informatives Gesamtpaket.

Das Heft ist 60 Seiten stark, und ich empfand die Lektüre als interessant. Klar bin ich nicht die Zielgruppe, aber ich denke, dass es für Selfpublisher und Leute, die sich für Schreiben und Veröffentlichen interessieren, wertvolle Hinweise liefern kann. Es war übrigens die letzte Ausgabe, die Jennifer Jäger als Chefredakteurin betreut hat; mittlerweile geht sie als Buchautorin und Verlagslektorin ganz andere Wege.

Afrika ist nicht gleich Afrika

Seit ich das letzte Mal eine Reise in ein afrikanisches Land unternommen habe, sind viele Jahre vergangen. Wohl deshalb lese ich so gern die Reportagen, die Simone Schlindwein für die »taz« schreibt. Sie vermitteln ein lebendiges Bild des Kontinents, bei dem es nicht um touristische Schönheiten, sondern wirtschaftlich-gesellschaftliche Realität geht.

Im aktuellen Artikel der Journalistin, der den schönen Titel »Ruandische Wertarbeit« trägt, geht es um das kleine Land Ruanda. Das liegt in Ostafrika, wurde in den 90er-Jahren von einem fürchterlichen Massenmord erschüttert und wird seit vielen Jahren recht streng und stramm regiert. In ihrer Reportage zeigt Schlindwein, wie die Staatsführung versucht, das Land nach vorne zu bringen.

Dauerstau und stressiger Verkehr: Das ist das Afrika, das ich aus den 80er- und 90er-Jahren kenne. Ruanda möchte moderne Wege gehen und setzt unter anderem auf Digitalisierung. Das finde ich spannend, das ist eine Entwicklung, die in der normalen Afrika-Alarm-Berichterstattung nicht vorkommt. Nicht zuletzt aus diesem Grund empfehle ich, die interessante Reportage zu lesen.

04 Juli 2018

Kampf gegen Linksterroristen

Der Staat nimmt den Kampf gegen den Terror sehr ernst. Vor allem, wenn es darum geht, die Horden an Linksfaschisten – so der Ausdruck eines CSU-Wichtigmannes über friedliche Demonstranten gegen die AfD – im Zaum zu halten. Da darf man nicht an den richtigen und wichtigen Mitteln sparen.

Wie unter anderem die Badische Zeitung beispielsweise auf ihrer Online-Seite erwähnt, wurden in Heilbronn gewalttätige Linksterroristen sogar mithilfe eines Hubschraubers gesucht. Anscheinend hatten einige Aktivisten eine Versammlung der AfD angegriffen: Man hatte eine Konfetti-Kanone benutzt, um den Veranstaltungsraum mit Papierschnipseln zu bewerfen.

Laut Polizei gab es keine Verletzten, auch wenn die AfD – wie so oft – das Gegenteil behauptet. Immerhin suchte die Polizei mit einem Großaufgebot nach den schrecklichen Übeltätern. Sogar ein Hubschrauber kam zum Einsatz, man fand aber niemanden.

Die Not des Staatsschutzes ist groß, der Linksterrorismus wird immer schlimmer. Da muss man halt alles versuchen – wenn dann ein Mitarbeiter eines Amtes einen Menschen an der S-Bahn-Haltestelle anspricht und auch sonst Kontakt sucht, kann das zu unterschiedlichen Verwirrungen führen. Zumindest berichtet die Rote Hilfe darüber.

Wie das alles zusammenhängt? Ich bin weder Journalist noch Verschwörungstheoretiker ...

Für mich unbekannte SF aus den fünfziger Jahren

Den ersten Band des »Hall of Fame«-Zweiteilers, den Robert Silverberg zusammengestellt und der Golkonda-Verlag in deutscher Sprache veröffentlicht hat, habe ich bereits gelesen. Eine Rezension muss ich noch schreiben – das Buch fand ich hervorragend, und ich halte es für eine echte Pflichtlektüre für jeden Science-Fiction-Fan.

Interessanterweise kannte ich die meisten Kurzgeschichten und Erzählungen schon. Sie waren Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre in Anthologien des Heyne- und des Hohenheim-Verlages veröffentlicht worden; in dieser Zusammenstellung sah ich sie allerdings nie. Eine großartige Anthologie!

Derzeit lese ich mich durch den zweiten Band der »Hall of Fame«, in dem sich Erzählungen und Kurzgeschichten finden, die ich noch nicht kannte. Da ich ja Science Fiction mag, möchte ich auf einzelne Geschichten dann hinweisen, wenn ich sie lese …

Völlig unbekannt war mir »Die Suche nach dem heiligen Aquin«, auch der Autor Anthony Boucher war mir bisher durch die Lappen gerutscht. In einer Zukunft, die nicht genauer definiert wird, müssen sich Christen und Juden vor ihrer Regierung im Untergrund verstecken. In dieser Zeit bricht ein Mönch auf, natürlich alles unter großen Sicherheitsvorkehrungen, um mit seinem Robot-Esel nach dem Aquin zu suchen.

Die moralische Frage wird in vielen Diskussionen zwischen dem Roboter und dem Mönch besprochen: Ab wann ist es richtig, etwas Falsches als wahr hinzustellen, um dem Glauben damit zu helfen?

James Blish ist ein Autor, den ich vor allem von seinen »Star Trek«-Romanen her kannte. Als Autor von Kurzgeschichten oder Novellen hatte ich ihn nicht auf dem Schirm. Ein echter Fehler, wie mir »Oberflächenspannung« bewiesen hat: Die Erzählung schildert die Anpassung von Menschen an eine fremde Umgebung, es geht also um sogenannte Umweltangepasste. Wie sie an die Umwelt angepasst werden und warum, das zeigt der Autor nur kurz – dann aber zeigt er in einer fulmimanten Erzählung, wie winzige Menschen zu einer Reise ins Unbekannte aufbrechen, voller Mut und Elan, voller Zweifel aber auch.

Beide Geschichten entstammen den allerfrühesten fünfziger Jahren. Man kann davon ausgehen, dass sie für viele amerikanische Science-Fiction-Autoren stilprägend waren. Ich habe sie dieser Tage gelesen und kann nur sagen: Sie sind toll. Und ich freue mich schon darauf, die nächsten Geschichten in diesem Buch zu lesen, die ich für mich neu entdecken kann.

03 Juli 2018

Die Sinclair Academy als Hörbuch

Es liegt nahe, die erfolgreiche Gruselheftserie »John Sinclair« immer wieder aufzufrischen und zu modernisieren. Es liegt auch nahe, die ebenso erfolgreiche und vor allem sehr gelungene Horror-Hörspielserie »John Sinclair« durch allerlei Begleitprodukte im Handel zu unterstützen. Deshalb war ich sehr gespannt auf die »Sinclair Academy« und lauschte gespannt dem Hörbuch »Sturm über Arbordale«, das 2016 erschienen ist; das vierte Hörbuch der Reihe.

Die Grund-Idee ist schnell erklärt: Die Sinclair Academy ist so eine Art Ausbildungszentrum für junge Leute, die für den Kampf gegen Dämonen, Geister und Vampire fit gemacht werden sollen. Gründer ist der legendäre John Sinclair, doch in den Hörbüchern werden die Geschichten der jungen Leute erzählt. Jack, Stacy (oder so), Hassan und Sachiko sind entsprechend vielseitig aufgestellt, sie unterscheiden sich in Charakter und Ausrichtung – das alles wurde richtig ordentlich vorbereitet.

Als Sprecher kommt Thomas Balou Martin zum Einsatz, der schon in verschiedenen Fernsehserien mitgewirkt hat. Der Schauspieler macht seinen Job gut, seine Stimme ist wandelbar genug, so dass man zeitweise meint, verschiedene Sprecher hätten die unterschiedlichen Rollen übernommen.

Das ändert leider nichts daran, dass die Dialoge meist sehr hölzern sind. Vor allem die Zwischenformulierungen wie »sagte sie« oder »meinte er« sind oft wirklich schlecht und ziehen bei der Geschichte jegliche Spannung heraus – vor allem auch deshalb, weil man dank des Sprechers immer weiß, wer eigentlich gerade die Handlung trägt.

Die Geschichte ist eher unspannend, zumindest für meine Begriffe. Die Konflikte der Gruppe untereinander werden eher schlicht vorangetragen; die Fahrt nach Arbordale lockert das Ganze nur mäßig auf. In dem kleinen Ort ist ein Ehepaar verschwunden, die jungen Agenten sollen die Hintergründe herausfinden und kommen hinter ein gruseliges Geschehen.

Es passiert einiges, am Ende gewinnt das Gute, der Ablauf dahin verläuft recht klar und eindeutig. Die Geschichte ist dabei nicht einmal schlecht, sie entspricht klassischer Gruselheft-Dramaturgie. Packen konnte mich hier allerdings nichts.

Action wirkt schwerfällig, Dialoge werden oftmals peinlich verlabert: Wo die »John Sinclair«-Hörspiele die klassischen Geschichten von Jason Dark modernisieren und in eine neue Höhe bringen, ist die »Sinclair Academy« leider ein Rücksturz in finstere Heftromanzeiten. Ich bin allerdings sicher, dass es viele Hörer geben wird, denen genau das gefällt ...

Rasante Fortsetzung der Nostradamus-Story

Den ersten Band des Comics »Arthus Trivium« fand ich richtig klasse: Die Handlung spielt im Jahr 1565, eine der Hauptfiguren ist der Wahrsager Nostradamus, der es mit den Mächten der Hölle aufnimmt. Dabei helfen ihm drei junge Geheimagenten, die nichts anderes tun, als in Frankreich allerlei Monster umzubringen.

Dieser Tage las ich den zweiten Band. In »Der dritte Magier« wird die Bedrohung klarer, die auf die gesamte Christenheit zukommt. Arthus Trivium, Angelique Obscura und Angulus Dante nehmen den verzweifelten Kampf auf, während die finsteren Mächte direkt den Wahrsager Nostradamus angreifen.

Die Geschichte ist rasant erzählt: Schnelle Dialoge und knallige Action wechseln sich ab, für Feinheiten bleibt da wenig Zeit. Der Comic vermengt historische und phantastische Elemente, und die Zeichnungen sind echt klasse – sehr detailliert, gleichzeitig sehr realistisch angehaucht.

Raule und Juan Luis Landa haben mit »Arthus Trivium« einen Comic geschaffen, der vor allem denjenigen gefallen dürfte, die spannende Action mit phantastischem Charakter mögen. Das ist abwechslungsreich erzählt und klasse gezeichnet.

Der Comic erschien bei Splitter, auf der Website des Verlages kann man sich die Leseprobe anschauen. Und ich warte so lange eben auf die Fortsetzung dieser neuen Serie ...

02 Juli 2018

Nachdem die Panzer durch waren

Kurz nach sechs Uhr stand der stellvertretende Marktleiter vor der Tür meines Elternhauses und klingelte. Es war unter der Woche, und meine Eltern waren bereits aufgestanden. Mein Vater machte sich zur Arbeit in der Fabrik bereit, meine Mutter schmierte Pausenbrote und kochte Kaffee.

»Ich brauche Ihren Sohn«, sagte der stellvertretende Marktleiter. »Dringend.« Er wohnte in einem anderen Dorf, musste immer durch unser Dorf fahren, um zur Arbeit zu kommen.

Nach kurzem Gespräch weckte mich meine Mutter. Zehn Minuten später saß ich im Auto des stellvertretenden Marktleiters. Während ich ein belegtes Brötchen vesperte, das meine Mutter mir gepackt hatte, erklärte er mir, welches Problem wir hätten.

»Heute nacht sind die Panzer durch die Stadt gefahren, und die Vibrationen haben offenbar den Strom gestört.« Er sagte, er könne sich das auch nicht erklären, aber so sei es nun einmal.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich seit über einem Jahr in dem Supermarkt, neben der Schule jobbte ich im Lager und an der Tankstelle, füllte Regale auf und schob Einkaufswagen über den großen Parkplatz. Ich sah an manchen Tagen aus »wie der letzte Mensch«, wie man mir bestätigte, aber ich machte meine Arbeit sehr ordentlich.

Seit einigen Tagen lief ein Großmanöver in unserer Region. Ständig rollten Panzer durch die Straßen, gingen Soldaten in Stellung, donnerten Flugzeuge im Tiefflug über die Dörfer und Kleinstädte hinweg.

»Aber was nun?«, fragte ich mich, weil ich nicht verstand, warum ich so früh aus dem Bett musste.

»Wenn der Strom ausfällt, haut's auch bei unseren Kühlanlagen den Strom weg. Die Tiefkühltruhen waren über längere Zeit hinweg ohne Strom, wir können den Inhalt nicht mehr verkaufen.«

Was das bedeutete, erkannte ich, als wir kurz vor halb sieben Uhr am Supermarkt eintrafen. Es war ein Samstagmorgen, ich hätte an diesem Tag keine Schule gehabt. Mein Job war nun, halb aufgetaute Nahrung wegzuwerfen.

Ich hatte eine Gitterbox, ich trug Handschuhe. Mit dem Hubwagen steuerte ich die Gitterbox zu den Kühltruhen und nahm den gefrorenen oder schon angetauten Inhalt heraus, warf ihn in die Box, bis sie randvoll war. Dann rollte ich aus dem Markt heraus, durchs Lager hindurch und an den Müllcontainer. Dort warf ich alles hinein.

Gefrorenes Fleisch, gefrorene Pizza, gefrorene Torten, viel Eis, Tiefkühlgemüse und viele andere Dinge mehr wanderten in den Müll. Ich schuftete ununterbrochen und so schnell ich konnte, weil die Tiefkühltruhen leer sein mussten, bis der Markt öffnete.

Trotz der Handschuhe wurden meine Hände eiskalt, während ich gleichzeitig unglaublich schwitzte. Zeitweise halfen mir Kolleginnen und Kollegen, aber die waren ab sieben und acht Uhr damit beschäftigt, ihre eigenen Arbeitsbereiche im Markt aufzubauen.

Um neun Uhr kamen die Kunden, und wenige Minuten davor waren die Tiefkühltruhen leer. Der stellvertretende Marktleiter hatte Schilder gedruckt, die auf den Umstand hinwiesen, und er hatte Nachschub bestellt. Der würde im Verlauf des Tages eintreffen.

Danach saß ich im Lager auf einer Palette, verschwitzt und verfroren zugleich, und wartete auf den Lastwagen, der außerplanmäßig den Müll abholen würde, bevor dieser in der Sommerhitze zu stinken beginnen würde. Um kurz vor zehn Uhr hatte ich meine erste Bierflasche geöffnet und trank mit großen Zügen.

Als der stellvertretende Marktleiter kam, kommentierte er das Bier nicht, sondern setzte sich zu mir auf die Palette. »Was hätten Sie heute eigentlich?«, fragte er mich. Ich war 17 Jahre alt, er höchstens 25, aber natürlich siezten wir uns.

»Tankstelle«, gab ich zurück. »Wie fast immer am Samstag.«

Er nickte. »Wir stellen einen Ersatz an die Tankstelle. Sie trinken Ihr Bier aus, dann legen Sie sich eine Stunde oder so in eine Ecke und ruhen sich aus.« Er sah mich grimmig an. »Das ist eine dienstliche Anordnung, klar?«

Ich nickte ebenfalls. Er beugte sich nach vorne und steckte einen Zwanzigmarkschein in meine Jackentasche. Als er davon ging, drehte er sich um und sagte: »Gute Arbeit.«

Meine Hände zitterten immer noch vor Kälte.

01 Juli 2018

Ein Tierchen ohne Hals

Wenn ich mich dem Rad in der Stadt unterwegs bin, achte ich gelegentlich auf die Details, die man am Straßenrand erkennen kann. So freute ich mich über Jahre hinweg über ein Bild an einer Hauswand, das man wohl als Street Art bezeichnen könnte. Es war ein wenig versteckt, man musste schon daran vorbeikommen, um es zu sehen.

Für mich war es immer ein Tierchen ohne Hals, und ich war mir nie sicher, ob es sich um ein Reh oder sonstwas handelt. Irgendwann bemerkte ich, dass an dem Tier gekratzt wurde. Pinselstriche nahmen Elemente weg, veränderten es.

Und als ich dieser Tage an der betreffenden Ecke vorbeiradelte, stellte ich fest, dass es nicht mehr zu sehen war. Anstatt des Tierchens sah ich nur noch die langweilige Farbe, mit der das gesamte Haus angestrichen war. Das fand ich ein wenig traurig – und deshalb zeige ich hier noch mal das Tier, wie es vor zwei Monaten noch zu sehen war.