16 Dezember 2018

Geschwätz mit Nazis?

Das ganze Jahr 2018 musste ich mir immer wieder anhören oder es irgendwie lesen: Man solle mit den Rechtsradikalen reden, man sollte ihnen zuhören und sie ernstnehmen. Ihre Anliegen seien grundsätzlich nachvollziehbar, ihre Methoden falsch. Und ich sagte in solchen Fällen stets, dass ich keine Lust auf solche Gespräche habe.

Das hat sich nicht geändert, und ich fürchte, meine Sicht der Dinge werde ich auch 2019 nicht verändern. Es ist nicht sinnvoll, mit Nazis oder mit »Rechten« zu reden, und ich habe weder Lust noch Zeit, mit diesen Leuten meine Lebenszeit zu verschwenden. (Ich weiß: Man könnte sie ja bekehren. Aber daran glaube ich derzeit nicht.)

Wie soll ich mir das denn vorstellen? Wir setzen uns zusammen, wir trinken Kräutertee, und dann reden wir. Über Flüchtlinge und »Musels«, sicher nicht über Straßenbau und Umweltschutz. Über Messerangriffe und Vergewaltigungen von Ausländern, sicher aber nicht von einer Kultur, in der es sinnvoll ist, Einflüsse von außen zu verarbeiten.

Selbst wenn es gut laufen sollte: Im besten Fall haut man sich die Ansichten um die Ohren, bleibt dabei höflich und freundlich, vergreift sich nicht im Ton und geht hinterher auseinander, ohne dass sich etwas ändert. Wahrscheinlicher ist doch, dass man sich eben nicht »human« verhält, sondern sich sinnlos streitet.

Es geht mir schon gar nicht mehr um Richtig und Falsch. Es geht mir darum, dass ich es als Verschwendung von Lebenszeit betrachte, mit Menschen zu reden, die – sobald sie an die Macht kämen – Leute wie mich in ein Lager stecken würden. Und da lasse ich mich gern als intolerant beschimpfen ...

15 Dezember 2018

Aus für das »Weinkontor«

An diesem Wochenende schließt das »Weinkontor« in Landau seine Pforten. Ich finde das traurig, mir fehlen fast die Worte. Auf der Internet-Seite geben die Betreiber dazu bekannt: »Wir bedanken uns herzlich und mit Tränen in den Augen bei unseren langjährigen Stammgästen und unseren leibgewonnen Winzerfreunden.«

Als wir am vergangenen Wochenende noch einmal im »Weinkontor« waren, bekamen wir – wie immer – ein tolles Essen serviert, dazu wunderbare Weine, in einer Atmosphäre, die ich stets als positiv und aufmerksam empfand. Ich hatte zum wiederholten Mal das Gefühl, in Corine Berrevoets und Michael Mury nicht nur ein Restaurant-Team, sondern echte Gastgeber zu treffen.

Bereits zum Jahresanfang hatten sich die beiden in einem Artikel in der »Rheinpfalz« dazu geäußert, zum Ende des Jahres 2018 aufhören zu wollen. Die Lage in der Gastronomie sei schwierig, das Ganze sei – wenn man ein gewisses Niveau wolle – »wirtschaftlich für zwei Familien nicht darstellbar«.

Ich kann das alles nicht beurteilen. Ich kenne weder die Kalkulation eines solchen Lokals, noch kann ich den Aufwand einschätzen. Ich fand das Preis-Leistungs-Verhältnis immer hervorragend, ich mochte das Essen, die Weine und die Gastfreundschaft. Und ich werde auch die einen oder andere Träne in Erinnerung an das »Weinkontor« vergießen.

14 Dezember 2018

»Besuch bei Papa« noch mal geprüft

Die Kurzgeschichte »Besuch bei Papa« entstand, nachdem ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Voudou-Markt gewesen war. Ich schrieb sie am 30. Januar 1988 in Avepozo, wo ich in einer Hütte wohnte. In Togo faszinierte mich die Allgegenwärtigkeit von Voudou, an dem niemand zweifelte. Ich sah immer wieder am Strand oder wenn ich mit meinem Rad unterwegs war, die Reste von Zeremonien.

Die Geschichte schrieb ich in einem Rausch auf Notizblätter. Ich tippte sie erst Jahre später ab, als ich in Bischweier wohnte und bereits in Rastatt arbeitete – am 30. Juli 1994 war ich damit fertig.

Danach war ich ein wenig ratlos: War das jetzt eine Reisegeschichte, konnte man sie als »phantastisch« betrachten, war das vielleicht sogar Horror? Ich wusste es nicht, es war auch egal.

Veröffentlicht wurde sie 1996 in der Ausgabe 6 des Fanzines »Sternenfeuer«, das unter anderem von Klaus Bollhöfener herausgegeben wurde. Das Fanzine hatte eine geringe Auflage, es gab einige Resonanzen auf die Geschichte, dann geriet sie in Vergessenheit. Auch bei mir.

Im Dezember 2018 hielt ich sie wieder in den Händen, stellte sie auf neue Rechtschreibung um und entfernte das eine oder andere Wort, das mir nicht mehr gefiel. Insgesamt aber fand ich die Geschichte immer noch gut – und ich stellte mir die Frage, was ich damit machen sollte. Schauen wir mal ...

13 Dezember 2018

Der Kosmosgigant wirbt

Science Fiction war in den 70er-Jahren eine »Jungs-Literatur«, und in der Fan-Szene bewegten sich vor allem männliche Jugendliche und einige wenige junge Männer. Deshalb verwundert es auch kaum, dass Fanzines immer wieder sexistische Inhalte brachten oder mit »nackten Mädchen« warben – manche fanden Darstellungen von Nacktheit geradezu progressiv.

Ein schönes Beispiel ist das Fanzine »Giant Of Cosmos«, das gegen Ende der 70er- und zum Anfang der 80er-Jahre vor allem mit gesellschaftskritischen Inhalten auffiel. Man war bewusst »links«; wenn ich mich recht erinnere, zählten der Herausgeber und seine Freunde zu jener Zeit zum DKP-Umfeld. Heute kann man sich das kaum noch vorstellen, aber in diesen Jahren galt die DKP zwar als ein bisschen spinnert, aber sonst als durchaus demokratisch und korrekt.

Mit »Weltraum-Western-Stories«, von denen sich die Herausgeber distanzieren wollten, war vor allem eine erfolgreiche Science-Fiction-Heftromanserie gemeint, deren Lesern gern actionlastige Geschichten schrieben. Wer eher Sozialkritik veröffentlichen wollte, hatte aus nachvollziehbaren Gründen wenig Lust auf Kämpfe zwischen Raumschiffen und deren Besatzungen.

Durchaus üblich war übrigens, dass die »normalen« Seiten eines solchen Fanzines mit einem Umdrucker hergestellt wurden und man die Grafiken via Offsetdruck präsentierte. Man musste beim Zusammenlegen der Seiten entsprechend aufpassen. Das Ergebnis war manchmal gut, manchmal schrecklich.

Sieht man von der seltsamen Werbung ab, die ich 1980 übrigens keine Sekunde lang seltsam fand, erinnere ich mich an den »Giant Of Cosmos« sehr positiv. Die politischen Inhalte hielten sich in Grenzen, das Fanzine lieferte eine schöne Mischung aus Geschichten, Buchbesprechungen und Artikeln. Manchmal fehlen mir solche Hefte, die bewusst politisch argumentierten, in der heutigen Phantastik-Szene.

12 Dezember 2018

Literaturen aus anderen Weltgegenden

Schaue ich beispielsweise während der Buchmesse in die Literaturbeilagen der großen Tageszeitungen, lese ich mal das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen oder gucke ich eine Folge des Literarischen Quartetts an, so stelle ich immer wieder fest: Der größte Teil der sogenannten anspruchsvollen Literatur, die einem in solchen Medien um die Ohren gehauen oder vorgeschlagen wird, klingt schon so langweilig, dass ich nicht die geringste Lust habe, da auch nur die Leseprobe anzufassen.

Dann aber bringt die »taz« eine Sondereilage von »Litprom«, die sich »Literatur Nachrichten« nennt, und ich stelle nicht nur fest, dass ich sie komplett lese, sondern dass ich sogar tierisch Lust darauf bekomme, die vorgestellten Romane alle zu lesen. Präsentiert werden Autorinnen und Autoren aus den unterschiedlichsten Weltgegenden, aus Südamerika und Afrika in diesem Fall, die eben Krimis schreiben. Das klingt spannend und abwechslungsreich, das macht mich alles neugierig.

Wann immer ich diese »Literatur Nachrichten« in den Händen halte, kaufe ich danach Bücher von Schreibenden, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Das finde ich toll. Die aktuelle Ausgabe bestätigt das. (Man kann sie übrigens auf der Litprom-Seite im Internet herunterladen.)

Dass ich dem Verein – ein Litprom e.V. steht dahinter, der sich der »Vermittlung außereuropäischer Literaturen« verschrieben hat – nicht beitreten werde, obwohl ich das alles interessant finde, hat einen einfachen Grund: Selbstschutz. Ich würde sonst noch mehr Bücher kaufen, die sich dann in irgendwelchen Stapeln verbergen werden ...

11 Dezember 2018

Ein Gruselhörspiel ohne Monster und Dämonen

In der immer umfangreicher werdenden Hörspielserie um den Geisterjäger John Sinclair nimmt »Melinas Mordgespenster« eine besondere Rolle ein. Das Doppelhörspiel kommt nämlich ohne übernatürliche Feinde aus, sondern ist – für die Serie vor allem – erstaunlich psychologisch und dadurch ziemlich spannend.

Der Roman wurde erstmals 1981 veröffentlicht; damals als Band 177 der Serie. Zur Story: Der Geisterjäger wird von seinen Eltern gewissermaßen in sein Heimatdorf zurückbeordert. Dort seien Menschen auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Während seiner Fahrt ins Dorf trifft Sinclair mit einem seltsamen Mädchen zusammen, das ihn zu attackieren versucht, dann aber verschwindet. Etwas ist unheimlich in diesem Dorf, das scheint zu stimmen ...

»Melinas Mordgespenster« erzählt von zwei Mädchen, deren Vater offenbar vor ihren Augen ermordet worden ist. Das haben beide nicht verkraftet. Während die eine in eine »Anstalt« eingeliefert werden musste, wohnt die andere mit ihrer Mutter zusammen – und diese arbeitet interessanterweise als Haushaltshilfe bei den Eltern von John Sinclair.

Familiäre Verwicklungen kommen hier ebenso zusammen wie fürchterliche Mordtaten, verzweifelte Mädchen und eine psychiatrische Einrichtung, die nicht sehr vertrauensbildend wirkt. Die Doppel-CD setzt auf die Schock-Effekte, die man bei den anderen »Sinclair«-Hörspielen schon kennt. Wenn gemordet wird, hört man das Zustechen ebenso wie das Spritzen des Blutes. Wer das nicht zu schockierend findet, bekommt eine spannende Hörspiel-Doppelfolge geliefert, die durch eine höhere Realitätsnähe überzeugt.

Klar, anspruchsvolle Psychologie wird nicht geboten; die Geschichte ist für einen »Sinclair« trotzdem gut geworden. Streckenweise wird sie ruhig erzählt, weshalb die Knaller umso heftiger wirken. Gute Dialoge, sehr gute Sprecher, sorgsam eingesetzte Geräusche – wer ein gruseliges Hörspiel mag, ist hier richtig.

Übrigens hat Lübbe-Audio das Hörspiel schön gestaltet: Diesmal werden die zwei CDs in einem Pappschuber ausgeliefert. Wer sich nur den Download sichert, hat dieses haptische Vergnügen allerdings nicht ... (Ach ja: Wer sich mal einen Eindruck verschaffen möchte, checke die Internet-Seite des Verlages.)

Komintern Sect von 1983

Auch wenn ich mich in den 80er-Jahren nicht gerade mit Punkrock aus Frankreich auskannte – die Band Komintern Sect war mir ein Begriff. Die vier Punks und Skins aus Orléans spielten in der ersten Hälfte der 80er-Jahre zusammen, lösten sich 1986 auf und gaben in den Nullerjahren dann doch mal wieder einige Konzerte. Die wichtigste Zeit der Band war aber eindeutig von 1983 bis 1986.

Neben vielen Aufnahmen für klassische Sampler wie etwa »Chaos en France« (nach dieser Sampler-Reihe benannte ich übrigens meinen Punkrock-Roman »Chaos en France – Peter Pank in Avignon«) veröffentlichte die Band auch drei Platten. Die erste LP mit dem klaren Titel »Le seigneurs de la guerre« kam 1983 heraus und kann heute noch überzeugen.

Klar ist der Punkrock nicht gerade schnell, und er rumpelt ganz schön. Dafür gefallen die Oi!-Chöre und die klare Haltung. Die Band war zu ihrer Zeit dem klassischen Stil verhaftet und hielt nicht viel von dem damals neuen Hardcore-Punk; das macht ihre Platte zeitloser als manches Gebretter, das zur selben Zeit von der Insel kam.

Textlich ist und war die Band eher schlicht, dafür aber eindeutig. Obwohl man Oi! mochte, hielt man sich von den Rechten fern. In Stücken wie »Barcelone 1936« oder auch dem Titelstück der Platte behandelt die Band zeitlose Themen: Es geht um Krieg und Freiheit oder um das Leben des einzelnen in einer kälter werdenden Gesellschaft und andere Dinge.

Klar: Die Platte ist vor allem ein zeitgenössisches Dokument. Ich war 1983 zum ersten Mal in Paris und fand die Mischung aus Tristesse in manchen heruntergekommenen Straßenzügen sowie der historischen Tradition dieser Metropole immer irritierend. Komintern Sect lieferte den passenden Soundtrack dazu.

10 Dezember 2018

An die Buzzcocks denken

Zu den Bands, die ich seit gut vierzig Jahren mag und immer wieder gern höre, zählen die Buzzcocks. Ich habe mehrere Platten der Band, allerdings allesamt Nachpressungen, die für Sammler keine große Relevanz habe, und höre mir diese immer wieder an, habe aber auch keine Skrupel, bei YouTube nach Aufnahmen der Band zu schauen und diese während der Arbeitszeit laufen zu lassen.

Dass Pete Shelley, der Sänger der Band, am 6. Dezember im Alter von nur 63 Jahren starb, überraschte mich dann doch. Mir fiel sofort wieder das einzige Konzert der Band ein, das ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Ich musste in meinen Notizen nachschauen, um herauszufinden, wann das gewesen war.

Am Donnerstag, 18. Mai 2000, fuhr ich nach Weinheim ins Café Central, wo ich an diesem Abend für drei Bands meinen Eintritt bezahlte, dann gleich mal zwei Bands völlig verschwatzte, um dann zu den Buzzcocks in den Konzertraum zu gehen. Ich war durchaus skeptisch, daran erinnere ich mich noch gut. Immerhin waren die großen Zeiten der Band damals ja eigentlich schon zwanzig Jahre vorbei.

Aber dann war ich völlig baff. Auf der Bühne standen einige ältere Herren – man muss sich klar machen, dass die damals jünger waren als ich heute … –, und nach einiger Zeit merkte ich, dass die offenbar richtig viel Freude hatten. Sie grinsten die ganze Zeit, sie pfefferten ihre alten Hits mit großartiger Energie ins Publikum. Von »langsam« und »alt« konnte keine Frage sein; die sahen auch genauso aus wie früher (na ja, die paar Falten erkannte ich einfach nicht).

Sie spielten natürlich alle großen Hits wie »Orgasm Addict« oder »Harmony In My Head« – mein Lieblingsstück dieser Band – und natürlich der Über-Hit »Ever Fallen In Love«. Und irgendwann konnte ich nicht mehr still stehen und mit dem Fuß wippen, sondern fing an, wie ein Teenager herumzuhüpfen. Ich sprang, ich sang, ich lachte, ich freute mich.

So habe ich die Band in Erinnerung, und wenn ich die alten Stücke der Buzzcocks anhöre, denke ich an dieses Konzert. Dass Pete Shelley jetzt gestorben ist, trifft mich tatsächlich.

07 Dezember 2018

Parken bei den Flamingos

Wenn ich in den vergangenen Monaten mit der Straßenbahn zum Bahnhof fuhr, um dann – immer genügend Puffer eingeplant – mit dem Zug irgendwohin zu fahren, geriet ich eigentlich stets in Stress. Der Grund: Die Straßenbahn hielt irgendwo an und blieb stehen, ohne dass ich einen Grund dafür erkannte. Zuletzt: sieben Minuten vor dem Europaplatz, acht fünf Minuten an der Ebertstraße – um das auszugleichen, müsste ich eine Dreiviertelstunde einkalkulieren, nicht nur eine halbe.

Also fuhr ich am Freitagmorgen mit dem Rad. Es war vergleichsweise warm, ich hatte dennoch eine Mütze auf. Und ich schwitzte ordentlich, kam aber gut durch das Verkehrsgewühl und pünktlich zum Bahnhof. Alles gut geklappt.

Nur: Einen vernünftigen Abstellplatz fürs Rad fand ich noch nie, auch an diesem Tag nicht. Alle offiziellen Plätze waren völlig zugestellt, zudem standen überall »wild parkende« Räder. Ich kettete mein Fahrrad an den Zaun des Zoos, wo ich es hoffentlich wiederfinden würde.

Hinter dem Zaun stand eine Gruppe von Flamingos, gut ein Dutzend. Sie ignorierten mich, standen cool auf einem Bein oder hüpften gelangweilt herum. Mit ihrer Hilfe, so dachte ich, würde mir am Abend die Orientierung gelingen ...

06 Dezember 2018

Ein Inhaltsverzeichnis, getippt natürlich

Wer sich in den frühen 80er-Jahren mit Fanzines beschäftigte, hatte meist keine Höhepunkte der Layout-Kultur vor sich. Mein Heft war keine Ausnahme. Auch wenn ich mir viel Mühe gab – ich bekam keine vernünftige Gestaltung hin. Man sieht das sehr deutlich am Inhaltsverzeichnis der dritten Ausgabe von SAGITTARIUS.

Natürlich wurde diese Seite mit einer Schreibmaschine getippt, das war damals normal. Nur ganz wenige Fanzinemacher hatten Zugriff auf moderne Satzgeräte, und Hefte dieser Art wurden sofort als semiprofessionell betrachtet.

Ich saß in meinem Kinderzimmer unter dem Dach unseres kleinen Hauses, vor mit eine Kofferschreibmaschine, die nicht viel Geld gekostet hatte, und hämmerte mit allen zehn Fingern wie ein Besessener in die Tasten. Es musste zeitweise ein fürchterlicher Radau gewesen sein, lauter noch als die Musik, die aus dem Kassetten-Rekorder wummerte.

Ein echtes Problem war dabei, den Zeilenrandausgleich hinzubekommen. Das geschah durch sauberes Auszählen. Jeder Punkt wurde sauber gesetzt, und nötigenfalls wurde mit Tipp-Ex – was ganz schön teuer war – schnell ausgeglichen. Für eine Seite wie das Inhaltsverzeichnis benötigte ich also recht viel Zeit.

Schaue ich mir heute die Liste der freien Mitarbeiter an, fühlt sich das seltsam an. Mit den meisten habe ich keinen Kontakt mehr, Manfred Borchard ist leider verstorben, und von einigen weiß ich nur noch den Namen, sonst aber nichts mehr.

Nicht einmal mehr die Schreibmaschine besitze ich noch. Die verkaufte ich im Januar 1988 an einen Autohändler in Ougadougou. Aber das ist dann eine ganz andere Geschichte …


05 Dezember 2018

Zusammengerottet

Wir standen auf dem Balkon, jeder eine Flasche »Tannenzäpfle« in der Hand. Vom dritten Stock aus hatte man einen guten Blick über die Straße und die Häuser der Umgebung.

»Gar nicht schlecht, deine neue Bude«, meinte Pleite, der mich zum ersten Mal besuchte. »So langsam wohnt ihr alle in der Südweststadt.«

Ich nickte und zeigte in verschiedene Richtungen, wer wo in welchen Häusern lebte, den ich kannte. Pleite ergänzte durch zwei, drei weitere Leute. Ich war wenige Tage zuvor in die neue Wohnung in der Hirschstraße gezogen und erhielt von vielen Freunden wertvolle Unterstützung; allein wäre ich im Chaos untergegangen.

»Ihr rottet euch jetzt also in der Südweststadt zusammen«, spottete er. »Dann fällt's den Bullen leichter, wenn sie euch mal ausräuchern wollen.«

»Wieso ausräuchern? Wir sind doch allesamt brave Bürger, die ihre Steuer zahlen.«

Er zeigte mit dem Daumen nach hinten, wo meine Jacke auf dem Sofa lag. »Disco-Punx Karlsruhe. Ein Ruf wie ein Donnerhall.« Er lachte. »Ich seh' schon die Schlagzeile vor mir. ›Polizei hebt gefährliches Netzwerk aus‹ oder so.«

Ich lachte auch. »Na ja, da werden sie nicht viel finden.«

»Sicher?« Er wies auf meine Wand mit Schallplatten. »Aus dem gesammelten Deutschpunk und den entsprechenden Texten kann die Bullerei doch gleich eine komplette Verhaftung ableiten.« Er fing an zu singen. »Polizei SA SS ...«

»Hör auf!«, rief ich und legte ihm die Hand auf den Mund. »Bist du wahnsinnig?«

Er lachte erneut. »Klare Ansage: Wenn das die Nachbarn hören ...« Er hob die Flasche an, als wollte er mit ihr der gesamten Nachbarschaft zuprosten. »So wird das auf jeden Fall nichts mit der Revolution.«

»Vor allem nicht mit Bier aus der Staatsbrauerei«, konterte ich und wies auf das Etikett.

Wir grinsten uns an, dann stießen wir die Flaschen zusammen. Punk war 1998 zu einer Angelegenheit geworden, die uns immer mehr mit den Widersprüchen unseres Lebens konfrontierte. Und eine vernünftige Antwort auf die Widersprüche hatte keiner von uns.

Da war es besser, auf einem Balkon zu stehen, Bier zu trinken und stumm auf die Stadt zu schauen ...

04 Dezember 2018

Illegale Farben tragen Grau

Schaut man sich die – immer noch – aktuelle Platte der Band Illegale Farben an, die den Titel »Grau« trägt, könnte man meinen, ein depressives Album vor sich zu haben. Hört man sich dann aber alles an, wird es bunt, gefühlvoll und abwechslungsreich – und das meine ich an dieser Stelle absolut als Lob.

Nennt es Emo, nennt es Indie, nennt es Dance-Punk – Illegale Farben zelebrieren auf dieser Platte einen vielfältigen, ja, schon überwältigenden Stil-Mix, der mich überzeugt. Es ist die zweite Platte der Band, mit der sie sich stärker vom großen Vorbild befreien kann und nicht mehr so stark nach den frühen Fehlfarben-Aufnahmen klingt. Veröffentlicht wurde sie Ende 2017.

Da lodert die Gitarre mal über längere Zeit richtiggehend hell wie im Stück »Sirenen«, da wummert der Bass in psychotisch-paranoider Weise in dem starken Lied »Willkommen im Tunnel«, da wird das Stück »Kein Problem« in seiner Monotonie und maschinenhaften Starre zu etwas, das ich nur als unfassbar cool bezeichnen kann.

Was die Band macht, ist Neue Deutsche Welle im positiven Sinn. Das klingt nicht wie 1979 bis 1981, natürlich klingt es auch nicht wie die Bands, die danach das Genre totritten – aber die Vergleiche bieten sich einfach an. Hier ist eine Band, die versucht, neue Wege zu gehen, die sich nicht trotzig vom Punk abwendet, sondern ihn auf ihre Weise verändert und für sich anpasst.

Da zapple ich automatisch mit, ob ich die Platte daheim anhöre oder mir die Band live angucke. Immer wieder bin ich von den guten Texten verblüfft, die nicht pathetisch sind, die keine konkrete Politik verkünden, aber immer wieder Lebensfragen klar in den Raum stellen.

Ach – ich kann das eh nicht richtig formulieren: Die Platte ist super. Anhören bitte!

Eine kleine Verwirrung im Literaturhaus

Das Literaturhaus in Frankfurt ist ein beeindruckendes Gebäude: einladend und schön, klassisch von außen, modern im Innern. Ich besuche es gern. Halte ich mich in diesem Gebäude auf, fühle ich mich automatisch ein wenig wichtiger und größer.

Will man auf eine Toilette gehen, nimmt man die breite Treppe nach unten. Danach steht man vor Türen, die zu den Toiletten für Damen – links – und Herren führen.

Dort stand ich auch. Ich starrte auf das »Leser«-Schild, fühlte mich sehr angesprochen und öffnete die Tür. Alles war korrekt, fand ich. Den weiteren Vorgang muss ich an dieser Stelle wohl nicht beschreiben, das können sich die meisten selbst denken.

Aber was machen Leute, die nur Hörbücher hören und nicht lesen? Dürfen Autoren auch aufs Klo oder haben die eine eigene Tür? Fragen über Fragen …

03 Dezember 2018

Spaziergang in Noyers

Es war spät, als wir noch durch Noyers bummelten. Die laue Sommerluft hatte die Hitze des Tages verdrängt, es herrschte ein sehr angenehmes Klima vor. Auf dem Kopfsteinpflaster und zwischen den alten Gebäuden hallten unsere Schritte wieder, aber wir achteten nicht darauf.

Ich staunte über die Gemeinde, die zwar nur einige hundert Einwohner hatte, aber auf mich wie eine kleine Stadt wirkte. Arkaden an den Gebäuden um den alten Marktplatz, einige Kneipen und Pensionen – in den vergangenen Jahren waren Touristen wie wir auf die Gemeinde aufmerksam geworden. Noyers-sur-Serein zählte zu den »schönsten Dörfern Frankreich«, ein Titel, den ich an diesem Ort für absolut angebracht hielt.

Seit dem Mittelalter wurden die Häuser bewohnt, sie wirkten teilweise schief, strahlten in meinen Augen aber eine uralte Würde aus, eine Gelassenheit und Ruhe. Vor allem in der Nacht wirkten sie eindrucksvoll, nur wenige Menschen waren unterwegs, und niemand störte die Ruhe. Schnitzereien an den alten Balken, vorstehende Erker und wuchtiges Gemäuer ließen mich immer wieder anhalten und einige Details betrachten.

Am stärksten beeindruckten mich die kleinen Kunstwerke an der Papierwarenhandlung, die in der Nacht aussahen, als seien sie Lebewesen. Allerlei Gestalten aus Papier klammerten sich an Holz und saßen auf Steinen, ein bizarrer Anblick, der mich an alte Filme erinnerte. Das war Fantasy in der Realität, auf einen Schlag fühlte ich mich wie herausgerissen aus unserer Welt.

Ein schöner Abschluss eines gelungenen Tages in Burgund! Die kleinen Papiermenschen aus Noyers würde ich wohl nicht so schnell vergessen …

02 Dezember 2018

Zehn Jahre und eine Lesung

Im Vorfeld war ich ein wenig angespannt: Ich sollte auf einer Party lesen, bei der hinterher zwei Punkrock-Bands aufspielen sollten. Würde das gut gehen? Würde es ein Publikum für die Lesung geben? Würden sich nicht alle darauf freuen, zu lauter Musik ebenso laut zu feiern?

So radelte ich am Samstag, 1. Dezember 2018, bei eher feuchtkühlem Wetter in die Nordstadt von Karlsruhe. Als ich im P 8 eintraf, waren dort anfangs nur wenige Leute anwesend. Ich trank zwei Bier, um meine Nervosität loszuwerden, unterhielt mich mit den Veranstaltern und kletterte irgendwann auf die Bühne.

Weil ich die falsche Brille dabei hatte, tat ich mich recht lange schwer mit dem Buch: Mit Brille war's nichts, ohne Brille auch nichts. Ernsthaft: Solche Probleme hätte ich mir vor zwanzig Jahren nicht einmal vorstellen können. Aber ich konnte sehen, dass sich gut drei Dutzend Leute im Raum aufhielten und sitzend oder an der Theke stehend meiner Lesung folgten.

Vor allem las ich aus dem aktuellen Punkrock-Buch vor, also aus »Für immer Punk?«, dazwischen erzählte ich allerlei Geschichten. Später gab's auch eine kurze Sequenz aus »Zwei Whisky mit Neumann« und den Text »Maschinengewehr, sing!«, den ich nach all den Jahren selbst immer noch gut finde.

Danach ließ ich mich gern in ein Gespräch verwickeln, trank Bier, verkaufte Bücher und räumte meinen Kram weg. Parallel dazu wurde der seriöse Teil der Veranstaltung vorbereitet.

Weil das Thema des Abends der zehnte Geburtstag der Libertären Gruppe Karlsruhe war, gab es einen Rückblick mit einer Rede, mit Bildern und einem kleinen Filmbeitrag. In Zeiten wie diesen finde ich es wichtig, dass es Leute gibt, die sich für ihre Überzeugung – und Anarchismus finde ich immer noch erstrebenswert – auf die Straße stellen und sich dafür einsetzen.

Später stand ich im Freien. Ein Lagerfeuer brannte, ich trank Bier und unterhielt mich. Als dann die Band Arschwasser spielte, ging ich in den Veranstaltungsraum hinein. Die Band, bestehend aus zwei Frauen und einem Mann, prügelte sich durch 35 Jahre Punkrock und Hardcore, mit durchaus eigenwilligen Versionen alter Punkrock-Hits. Das gefiel mir, einige Leute hüpften herum.

Mir reichte es dann doch irgendwann. Ich hatte einige Biere zu viel getrunken und fühlte mich vom Lagerfeuer völlig geräuchert. Also schnappte ich meinen Kram und radelte heim – das Ende eines gelungenen Abends.