13 November 2018

Man kann mich »erspenden«

Ich finde schon den Ansatz sehr gut: Unter dem Namen »Autoren helfen« haben sich Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum zusammengetan. Sie wollen – so steht es auf der entsprechenden Internet-Seite – »ihre kreativen Kräfte bündeln und sich für humanitäre und soziale Anliegen einsetzen«. Seit ihrer Gründung im September 2015 hat die Initiative immer wieder auf politische Themen aufmerksam gemacht und Spenden gesammelt.

Dabei wird eine politische Agenda verfolgt, die ich ebenfalls begrüße: Es geht um die Unterstützung von Flüchtlingen. So wurde die Initiative Flüchtlingspaten Syrien e.V. gefördert, Geld ging an schwangere Frauen im Flüchtlingscamp Idomeni, es gab Leseförderung in Frankfurt/Oder.

Das aktuelle Projekt heißt »Verschenke eine Wohnzimmerlesung«, und da bin ich jetzt auch dabei. (Im Team sind Autorinnen wie Kathrin Lange und Ursula Poznanski, die ich kenne und schätze, denen ich sehr vertraue.)

Das Projekt ist spannend, man kann sich praktisch einen Autor oder eine Autorin »erspenden«. Die Mixtur an Personen ist enorm: Lyriker und Krimischreiber, Science-Fiction- und Thriller-Autoren sind vertreten. Wer sich dafür interessiert, schaut auf der entsprechenden Seite, welcher Autor in der Nähe wohnt – und dann kann man sich jemanden für eine Lesung ins Wohnzimmer halten. Okay, man muss natürlich etwas spenden – aber das ist bei so einer Aktion ja der erwünschte Nebeneffekt.

Ich finde das Projekt super, und ich würde mich freuen, wenn es erfolgreich würde. Ich zitiere gern: »In Zeiten wie diesen ist jeder Einzelne gefragt, ein Zeichen zu setzen für Toleranz und Weltoffenheit. Denn jetzt entscheiden wir, in was für einem Land wir in zehn Jahren leben werden.« Eine Wohnzimmerlesung verändert nicht die Welt, kann hier aber durchaus etwas bewegen – und wenn's nur Spenden sind, die an die richtige Stelle gelangen.

12 November 2018

Hardcore, ein wenig stumpf, aber konsequent

Mazedonien ist alles andere als ein »Hotspot« für Punk und Hardcore; die meisten Menschen in Mitteleuropa dürften nicht einmal genau wissen, wo das Land denn liegt. Aber auch dort hat sich eine Punk-Szene herausgebildet, und die Band F.P.O. zählte in den Nuller-Jahren zu den Aktivposten. Die Band kommt wohl aus Skopje, der Hauptstadt, aber gute Informationen zu ihr sind schlecht zu bekommen.

Die Texte sind in mazedonischer Sprache; die Beschriftung auf der CD, die ich habe, ist auf kyrillisch. Immerhin ist eine englische Übersetzung dabei; die mir vorliegende CD heißt also übersetzt »don't know what a human is«. Schaue ich mir die Übersetzungen an, ist die Band nicht unpolitisch, trifft aber vor allem allgemeine und gesellschaftspolitische Aussagen.

Musikalisch passt das alles gut zusammen. Die Band prügelt sich im Stakkato-Sound durch ihre Stücke, das ist oftmals stumpf, klingt aber stets authentisch und knallig. Der Sänger erinnert in seinem Gebrüll an Gunnar, der in den späten 80er-Jahren mit So Much Hate die meiner Ansicht nach beste Hardcore-Band Europas nach vorne peitschte.

F.P.O. lässt sich am ehesten mit dem Sound vergleichen, der in den späten 80er-Jahren als Euro-HC bezeichnet wurde. Teilweise gibt es in den Stücken auch mal Breaks, manchmal wird sogar vergleichsweise dezent gespielt – meist wird aber nach vorne gedroschen. Es gibt keinen Metal-Einfluss, und von Emo scheinen die Burschen nichts gehört zu haben.

Konsequent.

Gardi Hutter in Stuttgart

Im Verlauf der Jahre erlebte ich zwei Vorstellungen der Clownin Gardi Hutter mit. Ich sah »Die Schneiderin« und »Alles Käse«, und ich bewundere jeweils die Art und Weise, wie die Künstlerin es schaffte, sehr ernsthafte Themen in komischer, ja, absurder Weise abzuhandeln. Der Tod und die Einsamkeit wurden von ihr ernstgenommen und nicht veralbert, trotzdem musste ich bei ihren Vorstellungen immer wieder lachen.

Am Sonntag, 11. November, sah ich »Gaia Gaudi« im Theaterhaus in Stuttgart. Für mich war es durchaus ungewohnt, dass Gardi Hutter nicht allein auftrat; sie wurde von drei jungen Leuten begleitet, die ihre Reise begleiteten: mal tanzend, mal singend, mal trommelnd, mal einfach nur herumstehend, mal albern, mal todtraurig.

Denn in diesem Theaterstück ging und geht es um den Tod. Die von Gardi Hutter gespielte Figur der Hanna ist tot, damit beginnt das Stück. Sie liegt bereits als Leiche im Sarg, doch Hanna mag ihren Tod nicht akzeptieren. Dabei muss sie von der Erde abtreten, um Platz für neue Generationen zu machen.

Wie ihre Seele durch das Leben und den Tod flattert, wie sie versucht, sich an das Leben zu klammern, wie ein roter Koffer zum Symbol wird, wie Todesvögel um die Seele herumflattern – das ist alles so traurig und gleichzeitig so lustig, dass man weinen und lachen möchte. (Hinter mir saß eine Frau, die praktisch ununterbrochen lachte, auch bei Szenen, in denen der Rest des Saals von eisiger Stille wie gelähmt wirkte.)

Ich stelle fest, wie schwierig es ist, dieses Theaterstück zusammenzufassen, wie komplex die Handlung dann doch war. So komplex und so einfach wie das Leben, so flatterhaft und anstrengend, so unklar und wirr. Ich fand »Gaia Gaudi« toll und empfehle es jenen Leuten, die Lust auf Theater haben und einen ungewöhnlichen Blick genießen können.

11 November 2018

Ein Stau und seine Folgen

Auf einmal war Stau auf der Autobahn zwischen Karlsruhe und Pforzheim. Ich sah die endlose Schlange der Autos, die sich am Berg von Wolfartsweier stauten. Frustriert blieb ich stehen, bislang war ich auf dem Standstreifen marschiert. Eigentlich wollte ich weiter, jetzt aber musste ich wohl stehen bleiben.

Neben mir hielten Radfahrer, die ebenfalls auf dem Standstreifen unterwegs waren. Wir unterhielten uns. Sie hatten Landkarten in der Hand, die sie betrachteten.

Auf einmal fiel mir die Tunnelöffnung auf, die rechts der Autobahn gähnte. »Vielleicht kommen wir dort weiter!«, rief ich aufgeregt und lief auf den Tunnel zu. Einer der Radfahrer ließ sein Rad stehen und eilte mir hinterher, auch andere Menschen folgten.

Der Tunnel war dunkel, es ging schnell bergauf, und rasch kam ich auf der anderen Seite raus. Ich stand in einem seltsamen Wald. Ein Auto raste auf mich zu, ich sprang zur Seite. Mir fiel auf, dass die Straße nicht asphaltiert war, sondern aussah, als bestünde sie aus einem Geflecht, wie Drähte, die eng miteinander verbunden waren.

Hinter mir kamen andere Leute aus dem Tunnel, der sich – wie sich aus dieser Perspektive zeigte – als ein Loch im Boden entpuppte. Ich halt ihnen aus dem Loch. Verwirrt standen wir herum.

Ich erkannte, dass der Wald kein Wald war und die Straße auf einmal kleiner war. Die Autos, die durch die Gegend fuhren, reichten mir kaum bis zu den Knien. Da kapierte ich, dass ich in einem Raum stand, riesengroß und mit Wänden, die weit in die Höhe ragten.

Rechts war eine Tür, zu der ich hinüber ging, auf einmal neugierig und angespannt, fast zitternd vor Anspannung. Ich schob sie auf und blickte in einen Flur, erhellt von indirektem Licht. Er erstreckte sich in beide Richtungen, auf beiden Seiten sah ich verschlossene Türen.

Ich war völlig verblüfft. Was sollte das? Da wachte ich auf.

10 November 2018

Nebel am Leuchtturm

Wieder blickte ich zu der Fensterfront, ließ meinen Blick über die Straße schweifen, die um diese Zeit menschenleer war, hinüber zu den Ruinen der alten Abtei und zu dem Leuchtturm, der sich als weiße und rote Säule in den Himmel zu recken schien. Der Nebel kam immer näher, er waberte bereits in dünnen Schwaden über die Straße und kletterte an den alten Mauern hoch.

Nachdenklich nahm ich mein Glas zur Hand, setzte es an und trank einen kleinen Schluck Rotwein. Das passte zum Wetter, fand ich: ein schweres Aroma, das im Gaumen und im Hals verschiedene Geschmacksnerven ansprach. Ich hätte stundenlang dasitzen können, ein Glas Wein in der Hand und den Blick auf den Nebel gerichtet.

Der Mann vom Nachbartisch sprach mich an, riss mich aus meinen Gedanken. »Entschuldigen Sie, verstehen Sie Französisch?«

Ich blickte auf. »Nicht besonders gut«, gab ich zu. »Aber es geht so.«

Er lächelte breit. »Ich habe gehört, dass Sie und Ihre Frau sich in deutscher Sprache unterhalten haben. Deutsch kann ich nicht, nur einige Wörter.« Er räusperte sich. »Guten Tag«, sagte er dann in stark akzentuiertem Deutsch.

»Kein Problem. Mein Französisch wird notfalls ausreichen.«

»Oder geht auch Englisch?«

»Das kann ich besser.«

Er strahlte. »Mein Englisch ist besser als mein Deutsch, Ihr Englisch ist besser als Ihr Französisch. Dann klappt das mit der Kommunikation.«

Wir wechselten ins Englische, und wenn wir da nicht weiterkamen, behalfen wir uns mit Französisch. Während ich mit dem Mann sprach, trank ich immer wieder aus dem Glas. Schnell war es leer.

Einer der Kellner kam auf seinem Gang durch das Restaurant vorüber. Das Bistrot 1954 war sicher nicht hochklassig, aber ich fand das Essen sehr ordentlich und vergleichsweise preisgünstig. Es war eines der zwei Restaurants in der Hostellerie Pointe Saint-Mathieu, in einem der letzten Zipfel der Bretagne gelegen, eher auf Touristen und nicht gerade auf Gourmets ausgelegt, mit schnellem Service und großen Portionen. Das andere Restaurant des Hotels bot Sterneküche-Niveau, hatte man mir gesagt.

»Noch einmal?«, fragte der Kellner und schnappte sich das Glas.

Ich nickte. »Einen Chinon.«

Er nickte ebenfalls und verschwand. Ich nutzte die Gesprächspause, in der der Mann neben mir ebenfalls trank, um noch einmal ins Freie zu schauen.

Die Landspitze war völlig im Nebel versunken. Saint-Mathieu, tagsüber eine schöne Ecke mit Ruinen, Leuchtturm und wenigen Wohnhäusern, zeigte sich nur noch als vernebeltes Stück Dunkelheit. Für einen Gruselfilm altmodischer Machart bräuchte man da keine Kulissen mehr zu bauen.

»Was sind Sie denn beruflich?«, fragte mich mein neuer Gesprächspartner.

Ich beging einen Fehler, der mit im Urlaub eigentlich nie unterlaufen sollte. »Ich arbeite in einem Verlag«, antwortete ich. Und als er nachfragte, fügte ich hinzu: »Ich bin Redakteur.«

Wie es sich herausstellte, erwies sich mein Gesprächspartner, der auf einmal eine Visitenkarte in der Hand hatte, als Schriftsteller. Er schreibe historische Romane, erzählte er mir wortreich, die sich an Kinder und Jugendliche richteten. Sie seien abenteuerlich, er beschäftige sich auch mit der deutsch-französischen Geschichte.

»Das Mittelalter, wissen Sie«, meinte er und zwinkerte mir zu, »also keine historisch heiklen Sachen.«

Der Keller kam vorbei. Ohne mich anzusehen oder ein »Dankeschön« abzuwarten, platzierte er in neues Glas mit Rotwein vor meiner Nase und eilte mit einem Eimer weiter, der bis zum Rand mit dampfenden Muscheln gefüllt war.

Ich nahm einen Schluck, genoss den kräftigen Wein, den ich für das Wetter geradezu ideal fand. Düsterer Sound hätte noch gefehlt, aber aus den Boxen im Bistrot drang irgendwelche Popmusik, die ich nicht einschätzen konnte, die aber viel zu fröhlich und aufgesetzt klang. Ich sah dem Nebel zu, der über die Straße kroch. Der Scheinwerfer des Leuchtturms stach durch die Dunkelheit, wie ein Stern, der sein Licht aus einer fernen Galaxis bis auf unseren Planeten herüberschleuderte.

»Wäre das nicht etwas für Ihren Verlag?«, redete der Mann neben mir weiter. Ich hatte ihn schon fast vergessen. »Ich könnte Ihnen die Bücher zuschicken, dann lesen Sie alles, und dann sehen wir, ob das nichts für den deutschen Markt wäre.«

In Gedanken stöhnte ich auf. Da wollte ich an einem Fenster in der Bretagne sitzen, auf das Meer blicken und die Arbeit hinter mir lassen. Und jetzt saß ich mit einem Autor da und sollte ein Fachgespräch führen.

Ich eierte herum, erklärte dem Mann, dass ich nur für Science Fiction zuständig sei, dass der Verlag, in dem ich tätig sei, nichts mit Kinderbüchern oder historischen Romanen anfangen könne, dass er mir gern etwas zuschicken könne und ich ja keinerlei Verpflichtungen einginge. Er war nicht unsympathisch, und unter normalen Umständen hätte ich ihn sogar gefragt, in welche Richtung seine Bücher wirklich gingen. Aber an diesem Abend hatte ich keine Lust darauf, über meinen Arbeit zu sprechen.

Lieber wollte ich dem Nebel zuschauen und meinen Wein trinken. Bald würde ich nicht einmal mehr das Licht des Leuchtturms sehen. Immerhin erkannte ich noch Autos, wenn sie am Hotel vorbeifuhren, auf der Landstraße, die an diesem äußersten Rand der Bretagne entlangführte. Ihre Scheinwerfer stachen durch den Nebel, ihr Licht streute.

»Überlegen Sie es sich«, sagte der Schriftsteller neben mir. Vielleicht war er müde, vielleicht sah er ein, dass ich keine große Lust auf ausufernde Gespräche hatte. Er legte die Karte neben mein Weinglas. »Hier ist meine Website, dort können Sie in die Bücher hineinschauen. Zwar ist alles in Französisch ...« Er lächelte verbindlich.

»Ich werde es schon verstehen«, behauptete ich und schämte mich ein wenig für mein abwesendes Verhalten.

Er nickte und stand auf. »Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall noch einen schönen Aufenthalt.« Er lächelte mir zu, hob grüßend die Hand und ging in Richtung Ausgang.

Als er im Freien stand, konnte ich ihn durch die Glasscheibe gut sehen. Er zog seine Jacke an, klappte den Kragen hoch. Kurze Zeit später leuchtete ein roter Punkt vor seinem Gesicht auf, Zigarettenrauch verschmolz mit dem allgegenwärtigen Nebel.

Er ging einige Schritte, dann war er im Nebel verschwunden. Von ihm blieben nur die Karte neben dem Weinglas und das Echo seiner Stimme in meinem Gehör.

09 November 2018

Nachts auf Burg Stahleck

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Es muss ein Silvester-Con gewesen sein, der auf Burg Stahleck veranstaltet wurde. Die Burg thront über dem Rhein, von ihren Mauern aus hat man einen phänomenalen Blick über Bacharach und andere Orte am Rhein. Von Ende 1996 bis an den Anfang 1997 nahm ich an der Veranstaltung teil; wenn ich mich recht erinnere, war ich nur zwei Tage anwesend.

Wer mir zu vorgerückter Stunde, irgendwann am frühen Neujahrsmorgen zwischen Mitternacht und Frühstück eine Sonnenbrille auf den Kopf setzte, weiß ich nicht. Ich war sicher schon ziemlich betrunken und sehr froh darüber, auf der Burg übernachten zu können. Das Bild zeigt das auch einigermaßen deutlich …

Obwohl es eine Fantasy-Veranstaltung war, trug ich keine »Gewandung«, hatte mich also nicht optisch in den Markgrafen von Wintersforst verwandelt. Stattdessen trug ich ein »Chaostage 1996«-Shirt, eine Sonnenbrille und ein dämliches Grinsen. Das passte für mich auch besser zu einer doch streckenweise konfusen Zeit.

08 November 2018

Ich erinnere mich an Achim Mehnert

Wann genau ich Achim Mehnert kennenlernte, kann ich nicht mehr genau sagen. Es muss in den ganz frühen 80er-Jahren gewesen sein, vermutlich schon 1981 beim StuCon in Stuttgart. Wir waren Science-Fiction-Fans, und wir waren immer wieder kreuz und quer durch die Republik unterwegs, per Anhalter und mit dem Gepäck auf dem Rücken.

Nicht nur einmal besuchte ich ihn in Köln, schlief nicht nur einmal im Schlafsack bei ihm auf dem Fußboden. Er besuchte mich in Dietersweiler, meinem Heimatdorf, wo er ebenfalls im Schlafsack übernachtete. So war das in den frühen 80er-Jahren. Wir waren jung, wir hatten kein Geld, aber viel Zeit und noch viel mehr Durst.

Er machte ein Fanzine namens »Denebola« und diverse Egozines, er veranstaltete Cons und schrieb Kurzgeschichten, er trank viel Bier und hörte laute Musik. Ich machte ein Fanzine namens »Sagittarius«, meine Musik klang ein wenig anders – sonst aber hatten wir erstaunlich viel gemeinsam. Er war ein wenig älter als ich, aber ich hätte uns immer als »gleichalt« betrachtet.

Wir waren gemeinsam auf Konzerten. Einmal fuhren wir nach Burglengenfeld bei Wackersdorf, wo wir das große »Anti-WAA-Festival« besuchten. Einmal schleppte er mich ins Müngersdorfer Stadion, wo wir uns U2 anschauten und er sich wunderte, warum ich die Vorgruppen allesamt besser fand. (Lou Reed oder die Pretenders oder Big Audio Dynamite waren um Längen cooler.)

Wir tranken viel Bier gemeinsam, er immer Kölsch, ich nur, wenn ich in Köln war. Er lästerte über das »Alpi« in Freudenstadt und trank es nur unter Protest. Wir saßen im »Milljöh« unzählige Male, wir saßen beim Jugendpark ums Grillfeuer, wir stromerten durch die Kneipen um den Barbarossaplatz, wie waren im »Blue Shell« und im »Rose Club«, im »Luxor« und in einem Laden, den ich nur als »Venuskeller« im Kopf habe, der aber sicher anders hieß. In Freudenstadt gingen wir ins »Nest« und hingen im Jugendzentrum an der Theke, wir waren in der »Schwarzwaldstube« und fuhren zu Partys, die irgendwo im Wald nur schwer zu finden waren.

Wir trafen uns überall in der Republik bei Cons, wo wir über Science Fiction und Musik sprachen, miteinander um die Häuser zogen und viel Spaß hatten. Kleinstädte wie Mettlach waren auf unserer Landkarte markiert wie Metropolen. Ich könnte tagelang Geschichten erzählen.

Ab den 90er-Jahren veränderte sich unser Verhältnis, es war berufsbedingt. Achim wurde freiberuflicher Autor – was ja mein Traumberuf gewesen war und seiner auch –, und ich wurde Redakteur. In den Serien, für die ich verantwortlich war, veröffentlichte er über ein Dutzend Romane. Meist arbeitete er für andere Verlage, und da waren wir nicht immer einer Meinung.

Zuletzt war unser Verhältnis nicht mehr so eng wie vor 30 oder 35 Jahren. Wir sahen uns auf Messen und Cons, und ich freute mich immer, wenn ich ihn sah. Als ich heute morgen las, dass er gestorben sei, verschlug es mir die Sprache. Von dem Schock habe ich mich noch nicht erholt; das wird so schnell auch nicht geschehen.

(Das Foto ist aus dem Jahr 2003 und stammt aus dem internen Server unserer Redaktion. Leider weiß ich nicht, wer der Urheber ist. Diese Angabe reiche ich nach, sobald ich sie weiß. Aber das Bild scheint von einer Präsentation zu stammen, in der es um die ATLAN-Miniserie ging.)

07 November 2018

Verwirrender November

In diesen Tagen bin ich nicht optimal aufs Wetter eingestellt. Früher war ja bekanntlich alles besser, also auch das Wetter: Im November regnete es, abends wurde es früh dunkel, es war nass und kalt. Und ich versuchte jahrelang, in genau dieser Zeit dem schlechten Wetter zu entkommen, indem ich durch afrikanische Länder reiste.

Im Jahr 2018 fühlt sich der November so an, als sei es ein Goldener Oktober. Spätestens dann, wenn ich mit dem Rad in der Stadt unterwegs bin, merke ich, wie verwirrend das alles für mich ist.

Am späten Nachmittag stieg ich aufs Rad. Ich zog die Herbstjacke an, die zwar ein wenig warm gibt, aber vor allem den Regen und den Wind abhalten soll. Ansonsten hatte ich Hose und Hemd an, mehr nicht, natürlich die Unterwäsche darunter (dass niemand auf dumme Gedanken kommt!). Das klappte gut. Ich fuhr durch die vergleichsweise warme Luft, ich fror nicht, wenngleich es mir an den Ohren ordentlich zog.

Als ich gegen 21 Uhr noch auf ein Bier aus dem Haus ging und in die Nordstadt radelte, war es schon ein wenig kühler. Sicherheitshalber zog ich zwischen Herbstjacke und Hemd noch einen Pullover an. Ich fuhr durch Berge von Blättern, die auf dem Gehsteig herumlagen, an den Händen und an den Ohren wurde es kühl – ansonsten aber war mir nicht kalt. Erhitzt kam ich in der Kneipe an.

Bei der Rückfahrt zog ich den Pullover wieder über. Zwischendurch überlegte ich mir, ob ich ihn ausziehen oder mir um die Ohren binden sollte. Ich ließ es, weil ich dann ja hätte anhalten müssen. Ein unzumutbarer Gedanke! Das kann aber auch daran gelegen haben, dass ich – um biblisch zu werden – »voll des süßen Weines« war …

06 November 2018

Zwischen Luxemburg und Apulien

Mit seinen Romanen um den Koch Xavier Kieffer hat der Schriftsteller Tom Hillenbrand eine Reihe ins Leben gerufen, die der Verlag als »kulinarische Krimis« vermarktet. Das klingt falscher als es ist: Tatsächlich wird in den Romanen fleißig gespeist und getrunken, dabei vermerkt der Autor auch gern, aus was die Speisen bestehen und wie sie zubereitet werden.

Und der jeweils eigentliche »Fall« hat stets mit Nahrung zu tun. Also stimmt die Bezeichnung tatsächlich ...

Das ist bei »Tödliche Oliven« nicht anders, den ich zuletzt las. Die Hauptfigur ist Xavier Kieffer, ein Koch in einem Gourmet-Restaurant in Luxemburg. Regelmäßig fährt er mit seinem alten Freund Alessandro nach Italien, um dort Wein und Olivenöl zu testen und zu kaufen. Doch als Alessandro spurlos verschwindet, beschließt Kieffer selbst, sich um den Fall zu kümmern und Nachforschungen anzustellen.

Er kommt auf die Spur einer Organisation, die unter anderem Geld damit verdient, dass sie Olivenöl panscht. Spätestens ab diesem Punkt wird der anfangs harmlose und eher amüsante Roman zum Einstieg in ein Nahrungsmittel-Thema, das dem Leser keinen Spaß mehr macht.

Tom Hillenbrand schildert, verpackt in eine packende Geschichte, wie aus unterdurchschnittlichem Olivenöl, das aus der Türkei kommt, mithilfe von »Verschnitt« und neuem Etikett ein hochwertiges Olivenöl wird, für das beispielsweise der Verbraucher in Deutschland richtig viel Geld bezahlt. Gelegentlich verging mir da bei der Lektüre ganz schön der Appetit.

Der Roman gehört zu einer Serie, die mittlerweile mehrere Bände umfasst. Xavier Kieffer ist eine sympathische Hauptfigur, und einige der Nebenfiguren sind dem Serienleser aus anderen Bänden bekannt. Ebenso fühlt man sich als Leser in Luxemburg und den Straßen des Herzogtums fast wie daheim. Aber wer noch nie einen Kieffer-Krimi gelesen hat, wird gut in die Handlung reinkommen.

Mir hat »Tödliche Oliven« gut gefallen, ein leicht zu lesender Krimi mit einem ernsthaften Hintergrund. Manchmal hätte das Lektorat ein wenig gründlicher sein können (Handkuss und Kusshand sind eben doch verschiedene Dinge), aber da ist mein Blick einfach zu »verdorben«. Eine Empfehlung für die Leser, die gern mal einen lockeren Krimi mögen!

05 November 2018

Ein starkes Paket in der Hackerei

Sollte ich sagen, welche Musik am Freitagabend, 2. November 2018, in der »Alten Hackerei« in Karlsruhe gespielt wurde, könnte ich das nicht klar sagen. Es war kein lupenreiner Punkrock, die Angehörigen der beiden Bands würden sich dagegen bestimmt verwehren, aber es war eben auch nicht »nur« IndieRock oder wie immer man Rockmusik mit deutschen Texten heutzutage nennen mag. Sagen wir's deshalb so: Ich sah zwei starke Bands und fand es nur schade, dass nicht mehr Leute gekommen waren.

Von Kramsky hatte ich zuvor nicht einmal den Namen gekannt. Die Band aus Trier – vier schwarzgekleidete Männer – brachte deutsche Texte, kombiniert mit einer Musik zwischen ruhig und laut, zwischen krachig und melodiös. Ein wummernder Bass, eine zeitweise fiebrig klingende Gitarre, ein knalliges Schlagzeug und ein Sänger, der die unterschiedlichen Stücke stark ins spärliche Publikum ballerte – das war schon ein guter Einstieg. In einem Laden und vor einem Publikum, das vor allem auf klassischen Punk und Hardcore abonniert ist, lieferten Kramsky auf jeden Fall ein gelungenes Brett ab.

Auf Illegale Farben freute ich mich schon lange. Ich mag die Platten der Band aus Köln, vor allem die Mixtur aus Neuer Deutscher Welle oder New Wave – nennt es, wie ihr wollt – sowie allerlei IndieRock und Punk, ebenso wie die gelungenen Texte. Beim ersten Konzert in Karlsruhe hatte ich sie glatt verpasst.

Auf der Bühne wirkten die fünf Männer in schwarz zuerst eher ruhig und wenig »punkig«, mit fortschreitendem Konzert wurden sie aber immer lebhafter. Sogar das Publikum bewegte sich nach einiger Zeit ein wenig, auch wenn wir insgesamt ein schlapper Haufen waren. (Die zweite Reihe des stehenden Publikums bestand übrigens aus mir. An der Theke saßen einige Leute, andere lehnten an der Theke, hinter mir kamen noch mal rund drei, vier Dutzend.)

Die Band ließ sich nicht lumpen, vor allem der Sänger ging immer stärker aus sich heraus. Mit dem Mikro sprang er in den Raum, brüllte den Zuschauern dann auch mal direkt ins Gesicht und bewegte sich kreuz und quer zwischen der Bühne und der Tür hin und her. Das fand ich cool, so was sieht man selten.

Live fand ich die Band auf jeden Fall »punkig«, die Musik wurde sehr druckvoll gespielt, die Texte ebenso druckvoll gesungen. Manches Stück, das auf Platte eher wie »Dance-Punk« klingt, wird live einfach knalliger. Das gefiel mir sehr gut. Kein Wunder, dass ich hinterher noch Tonträger auf Vinyl kaufen musste …

02 November 2018

Mit zwei Mofas durch die Republik

Ich gestehe, dass ich von »25 km/h« nicht viel erwartet hatte. Wir hatten Lust auf einen Kinoabend und hatten uns spontan für eine deutsche Komödie entschieden. Dass so etwas schiefgehen kann, wussten wir. Aber um es gleich im Voraus zu verraten: »25 km/h« ist ein sehr witziger Film, aber weit davon entfernt, eine völlig flache Geschichte zu erzählen. Es ist ein Film, der zudem schöne Blicke auf das Deutschland des Jahres 2018 wirft.

Hauptdarsteller sind Lars Eidinger, der einen durchgeknallten Angestellten aus dem höheren Management spielt, und Bjarne Mädel, der als dörflich lebender Schreiner arbeitet. Die beiden sind Brüder, haben sich jahrzehntelang nicht mehr gesehen und kommen erst wieder bei der Beerdigung ihres Vaters zusammen. Danach geht erst einmal einiges schief, bis die beiden im Suff beschließen, mit zwei uralten Mofas quer durch die Republik zu fahren.

Das machen sie mit einer einzigen Garnitur Klamotten, vielen Pannen und allerlei skurrilen Abenteuern. Man darf über die ernsthafte Logik des Filmes nicht zu lang nachdenken, sondern sollte sich an der gelungenen Abfolge aus Slapstick und ernsthaften Dialogen erfreuen. Die beiden Brüder zanken sich, sie brüllen sich an, und sie erfahren dabei mehr über sich und ihr Leben, als sie sich vorher vorstellen konnten.

Das ist richtig gut gemacht, ich war völlig baff. Die Idee ist nicht schreiend neu, aber das machen sowohl die Hauptdarsteller, als auch die vielen prominenten Nebendarsteller ziemlich klasse. Ich fühlte mich großartig unterhalten, ich lachte viel, und ich hatte hinterher nicht das Gefühl – wie bei manchem »Blockbuster« –, mein Geld für Fastfood aus dem Fenster gepfeffert zu haben.

Die wichtigste Hauptperson scheint mir übrigens Deutschland zu sein: Man sieht den Schwarzwald von einer Seite, die mir als gebürtigem Schwarzwälder sehr gut gefällt. Eine Avia-Tankstelle, die handlungsrelevant ist, kenne ich noch aus meiner Jugendzeit; da stand ich auch schon beim Trampen. Die Kleinstadt, in der alles anfängt, liegt zwischen der Stadt, in der ich arbeite, und der, in der ich großgeworden bin. Und so weiter …

Gezeigt werden verschiedene Ecken des Landes, der Rhein, ein schöner See, ein Atomkraftwerk, Berlin-Kreuzberg, ein Hippie-Festival in der Nähe von Paderborn, wunderschöne Weinberge – es müsste das Rebland hinter Baden-Baden sein, ich würde sagen, direkt hinter Neuweier – und immer wieder allerlei Menschen aus allen möglichen Schichten. (Okay, man könnte einwenden, dass der Film wenig Diversität zeigt; dunkelhäutige Menschen kommen praktisch keine vor. Aber das kann man angesichts einer Geschichte, die zwei Männer in ihre Jugend in den frühen 80er-Jahren zurückführt, sicher gut aushalten.)

Alles in allem: ein Film, der prächtig unterhält und eine rasante Geschichte erzählt.