15 Oktober 2018

Mal ernsthaft, SPD …

Ich gehöre zu den Menschen, die Politik verabscheuen, obwohl – oder gerade weil – sie sich für politische Zusammenhänge interessieren. Sieht man von den Phasen ab, in denen ich bewusst ungültig wählte oder mich für die Anarchistische Pogo-Partei engagierte, war die SPD theoretisch eine Partei, die ich wählen würde. Zwei-, dreimal war sie das auch praktisch, seit langem aber nicht mehr. Als Arbeitnehmer, der aus der Arbeiterschicht kommt, wäre ich ein idealer Wähler für eine Partei, die sich für soziale Themen sinnvoll einsetzt.

Bei den letzten Wahlen habe ich mein Kreuz entweder bei den Grünen oder bei der Linkspartei gesetzt. Die Grünen sind eigentlich nicht wählbar, weil sie sich an den Interessen des gehobenen Bürgertums ausrichten, das mit dem dicken SUV beim schicken Biometzger vorführt, und die Linken sind eigentlich wegen ihres teilweise grausigen Personals ebenfalls nicht wählbar.

Nur gibt es dann für Menschen wie mich gar nichts mehr, wo sie ohne mörderische Bauchschmerzen ihr Kreuz setzen können. (Mein Alptraum wäre eine Situation wie in Frankreich, wo man sich zuletzt zwischen dem Front National oder einer »bürgerlichen Alternative« zu entscheiden hatte.)

Ich versuch's mal mit einigen Punkten zum Mitschreiben ...

Eine Sozialdemokratie muss sozial und demokratisch denken. Dass man das überhaupt noch aufschreiben muss, sagt mehr als deutlich, welche Wahrnehmung ich von der SPD habe.

Sozial geht nicht ohne ökologisch: In einer Welt, die durch die Gier von ganz vielen – nicht nur der Oberklasse, sondern der von den meisten in der »westlichen Welt« – an den Rand des Untergangs gedrängt worden ist, muss ganz schnell umgesteuert werden. Das ist eine große Aufgabe, und diese Aufgabe kann nur mit sozialen Aspekten angegangen werden. Die Klimaschock würde schließlich alle treffen.

Sozial geht nicht ohne international: Wer glaubt, man könnte nur die Grenzen gegen unerwünschte »Billig-Arbeitnehmer« dicht machen, damit es der Arbeiterschaft besser geht, tickt meiner Ansicht nach nicht falsch. »Hoch die internationale Solidarität« oder noch besser »hoch die antinationale Solidarität« dürfen halt nicht nur Schlagworte sein, sondern die sollten ernsthaft gemeint werden.

Sozial geht nicht ohne transparent: Ich kann nur dann für soziale Gerechtigkeit kämpfen, wenn ich meinen eigenen Laden transparent führe und auch sonst für Transparenz sorge. Woher kommen unsere Nahrungsmittel, wer bezahlt unsere Politiker, welche Mauscheleien gibt es in den Sicherheitsapparaten?

Das klingt alles ganz einfach. Eine Partei, die sich um soziale Themen kümmert, die sie international, ökologisch und transparent führt – das könnte eine »erneuerte« SPD sein. Allein mir fehlt der Glaube ...

14 Oktober 2018

Der BuchmesseCon 2018

Als ich das Bürgerhaus in Dreieich betrat, war ich schon ein wenig gestresst: Die Fahrt über die Autobahn hatte viel länger gedauert, als ich geplant hatte. Zwischen Heidelberg und Darmstadt hatte stockender Verkehr geherrscht, ohne dass ich einen Grund dafür gesehen hatte. Aber in Dreieich ging es mir rasch besser.

Der BuchmesseCon hat sich verändert, seit er in Dreieich ist. Nicht nur, dass er professioneller geworden ist – was ich positiv meine –, er wurde auch stärker durchmischt. Fantasy- und Science-Fiction-Fans tummelten sich in den Räumlichkeiten, viele Lesungen waren brechend voll, und die Stände der Kleinverlage und Zeitschriften waren dicht umlagert. Sicher waren mehr als 500 Besucher anwesend, und ich bekam ebenso sicher nur einen Teil des Geschehens mit.

Ich plauderte mit Autorinnen und Autoren, mit Fans beiderlei Geschlechtes, ich stöberte an den Ständen diverser Verlage und ließ mich – mit großem Interesse – über den überraschenden Erfolg von Steampunk-Anthologien belehren, und so raste der Nachmittag und der frühe Abend in einem Affenzahn ohnegleichen an mir vorüber. Diesmal hatte ich keine eigene Lesung, weil ich auch kein neues Buch veröffentlicht hatte, und war nur als Redakteur einer Science-Fiction-Serie vor Ort.

Immerhin hatte ich damit auch einen Programmpunkt zu absolvieren, ging hinterher noch essen und fuhr später über die Autobahn in Richtung Süden. Der BuchmesseCon war 2018 erneut eine wunderbare Veranstaltung, bei der ich mir manchmal vorstelle, dass sie sogar mehrere Tage dauern könnte – aber dann wäre es nicht nur für die Veranstalter mehr Arbeit, sondern der außergewöhnliche Charakter wäre ebenfalls perdu.

Mein Dankeschön an die Veranstalter und ihr Engagement; das finde ich großartig. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf 2019!

13 Oktober 2018

Polizeisperren in Halle 4

Man bekommt, wenn man auf einer Buchmesse ist, verständlicherweise nur einen sehr kleinen Eindruck von dem mit, was in den vielen Messehallen los ist. So wusste ich beispielsweise, dass rechtsradikale Verlage mit Ständen vor Ort sein würden, und ich hatte auch gehört, dass Politiker von rechtsradikalen Parteien auf die Messe kommen würden – aber ich sah und hörte davon eigentlich nichts. Wenn ich in meiner Science-Fiction-Filterblase unterwegs bin, habe ich ohnehin genügend zu tun ...

Als ich am Samstagmittag in die Halle 4.1 wollte, wurde es seltsam. Ich ging über den Hof, genoss die Sonne und betrat die Halle 4.0 an der Stelle, wo die großen Rolltreppen sind. Eine Traube von Menschen füllte den Innenraum aus, kaum jemand kam mehr vorwärts oder rückwärts.

Polizisten in »Riot-Cop«-Ausrüstung standen vor den Zugängen zur Rolltreppe und sperrten diese ab. Das zentrale Element der Halle 4, über das die Stockwerke verbunden sind, war auf einmal eine Sperrzone. Die meisten Menschen wussten nicht, was los war – vor allem Ausländer waren sichtbar verwirrt angesichts der Präsenz der Polizei –, und irrten ein wenig herum.

Ich fragte einige Leute, ob sie wüssten, was los sei. Einer meinte dann, »der Höcke ist da«, aber das war auch eher eine Vermutung als eine Tatsache. Wie sich was weiter entwickelte, bekam ich nicht mehr mit. Ich ging zur Treppe – auch die Fahrstühle waren allesamt gesperrt –, die eigentlich nur für Notfälle gedacht ist, und eilte diese hoch.

Auch im Treppenhaus standen Polizisten in Ausrüstung, ließen mich aber passieren. So kam ich dann doch in die Halle 4.1, wo aber die anderen Personen meines Termins mit einiger Verspätung eintrafen. Und auch dort herrschte eher Verwirrung vor. In meiner Wahrnehmung sorgten die bewaffneten Polizisten also nicht gerade für ein Gefühl der Sicherheit ...

12 Oktober 2018

Wandeln in fremden Hallen ...

Wenn ich früher den normalen Dienst am Messestand unseres Verlages absolvierte, klagte ich gern darüber, dass ich keine Zeit hätte, durch andere Hallen zu bummeln. Dabei gäbe es dort so vieles zu entdecken und zu bestaunen. Es klappte praktisch nie – für mich bestand die Buchmesse im Wesentlichen aus der Halle, in der wir unseren Stand hatten.

An diesem Freitag, 12. Oktober 2018, ergab es sich auf einmal, dass ich ein »Loch« in meinem Terminplan hatte. Ich bummelte durch die Sonne, ich aß gemütlich zu Mittag, und ich beschloss, mir die Halle mit den ausländischen Verlagen anzuschauen. Und das war wieder einmal eine Reise in eine ganz andere Welt.

Verlage aus den USA und aus Kanada, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und aus Saudi-Arabien, Verlage aus – buchstäblich – aller Herren Länder: Es war ein Spaziergang zwischen den unterschiedlichsten Kulturen, und das manifestiert sich eben auch in der Gestaltung von Titelbildern oder Messeständen. Da ist ein Stand eben mal quietschebunt, ein anderer präsentiert sich nüchtern und zurückhaltend.

In solchen Minuten geht der »Privat-Klaus« auf Reisen. Ich kann die Bücher, die von diesen Verlagen ausgestellt werden, zum größten Teil nicht lesen. Aber es ist ein bereicherndes Vergnügen, sie zu betrachten, auch mal zur Hand zu nehmen und durchzublättern. Allein dafür hat sich der Besuch der Buchmesse gelohnt ...

11 Oktober 2018

Bei Sonne in die Halle

Ich bin sehr froh, einen Beruf gewählt zu haben, der meinen Interessen entspricht: Da kann ich viel Zeit mit dem Lesen und dem Schreiben von phantastischer Literatur im weitesten Sinn verbringen. Und ich kann auf Buchmessen fahren, bei denen ich dann Leute treffen, die ähnlichen Interessen wie ich folge. So auch in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse.

Wobei es schon hart ist: Im Hof zwischen den Messehallen herrschen sommerliche Temperaturen, die Sonne knallt auf den Platz herunter, und mit dem Anzug komme ich mir vor, als sei ich zu warm angezogen. Viel schöner wäre es, mit einem Buch in der Hand gemütlich auf dem Platz zu sitzen, zu lesen und zu dösen. Das entspräche auch eher dem Sinn und Zweck einer Buchmesse.

Aber gut: Wir sind ja nicht zum Spaß hier. An diesem Donnerstagmorgen, 11. Oktober 2018, fuhr ich mit der Bahn nach Frankfurt; es klappte alles recht gut, und der Zug hatte nur 28 Minuten Verspätung. Den Fußweg vom Bahnhof zur Messehalle genoss ich, die Taschenkontrollen waren absurd kurz – ich hätte wahrscheinlich eine Maschinenpistole einschmuggeln können, und es wäre niemandem aufgefallen.

Und dann ging es gleich ins Getümmel. Ich traf Bekannte, die ich mochte, und ich wich Leuten aus, die ich kannte, die ich aber nicht treffen wollte. Und ich hatte auch gleich den ersten Termin, wenngleich der zur Hälfte aus »privatem Gelaber« bestand und eher mit Musik und tiefhängenden Gitarren zu tun hatte. So muss es sein!

10 Oktober 2018

Ein paar Gedanken zur Werbewirkung

Zu den Dingen, die ich im Verlauf der Jahre gelernt habe, zählt eines: Glaube keiner Aussage in Sachen Werbewirksamkeit – man kann das alles nicht vernünftig messen. Dazu zählt auch der Wert von Kampagnen im Umfeld von Social Media, über die ja immer wieder diskutiert wird.

Als ich in den frühen 80er-Jahren in einem Supermarkt jobbte, waren manche Aktionen klar messbar: Räumte man Ware an spezielle Positionen – etwa am Rand des Ganges –, verkaufte sie sich besser. Änderte man das Licht im Obst-und-Gemüse-Bereich, verkaufte man dort mehr. Machte man die Butter so billig, dass man sie zum Einkaufspreis anbot, kamen die Leute in Scharen und machten den Einkaufswagen nicht nur mit Butter, sondern vor allem mit den normalpreisigen Produkten voll.

Das war und ist sofort messbar. Am Abend sieht man anhand der Kassen, was man mehr verkauft hat. So einfach und so klar.

Der Wert von Bauzaun-Plakataktionen – in den 80er-Jahren der absolute Hit – oder von umfangreichen Facebook-Kampagnen, was einem heute stets empfohlen wird, ist allerdings nicht zu messen. Ich finde Kampagnen in Sozialen Netzwerken dennoch gut, weil ich da immerhin sehen kann, wie viele Besucher ich hatte. Bei einer Anzeige, die ich in einer Zeitschrift schalte, kann ich das nicht seriös feststellen.

Ich habe auf der Internet-Seite der Zeitschrift »Horizont« ein spannedes Interview gelesen, das mit Julia Scheel geführt worden ist. Sie ist Geschäftsführerin der Gesellschaft für integrierte Kommunikationsforschung (GiK), arbeitet für den Burda-Konzern und steht natürlich auf Kampagnen, die in gedruckten Medien ablaufen.

Sie sagt, Werbung in einem gedruckten Medium – etwa einer Zeitschrift – gelte als viermal glaubwürdiger und dreimal so kaufanregend wie in Social Media. Sie misstraut den grundsätzlichen Aussagen von Facebook und Google, weil sie diese als Aussagen aus einer Black Box betrachtet. Ein Verlag könne schließlich eine gedruckte Ausgabe präsentieren, das könne man belegen.

Das Interview halte ich für spannend und lesenswert, auch wenn ich denke, dass »Anzeigen« in Sozialen Medien sehr wohl etwas bringen. Ich kann Menschen erreichen, die ich sonst nicht mehr erwische, und ich kann mein Anliegen so verbreiten, wie ich es für richig halte. Das kann ich mit einer statischen Anzeige kaum.

Warum ich mir darüber Gedanken mache? Natürlich aus »fachlichen« Gründen; ich muss ja rein beruflich immer mal wieder über einen Werbe- und Marketing-Etat diskutieren. Aber auch aus privaten Gründen: Mich interessiert einfach, ob und wie jemand wie ich beispielsweise mehr von seinen eigenen Büchern verkaufen könnte ...

09 Oktober 2018

Monsteralarm in Paris und in den Alpen

Wollte man die Geschichten von »John Sinclair« verfilmen, müsste man echt sehr viel Geld ausgeben – allein schon für die Kulissen. Das merkte ich, als ich nacheinander die Folgen 90 und 91 der Hörspielserie anhörte; die beiden bilden eine Doppelfolge, inklusive eines Cliffhangers, und man muss sie als dramaturgische Einheit behandeln.

Der erste Teil hat den dramatischen Titel »Belphégors Rückkehr« und beginnt in Paris. Vor der beeindruckenden Kulisse des Montmatre kommt es zu dramatischen Ereignissen: Ein Mann verbrennt von innen, die Kirchenkuppel wird gespalten. Mit dabei ist eine Wahrsagerin, die mit irgendwelchen magischen Dingen zu tun hat.

Es wird klar, dass ausgerechnet in Paris irgendwelche Höllenmächte ihr schreckliches Regime errichten wollen – ein knalliger Endkampf beginnt dann auf dem Eiffelturm. Wo auch sonst? Allerlei Bösewichte geben sich ein Stelldichein, die Polizei fliegt mit einem Hubschrauber hektische Einsätze ...

Der zweite Teil spielt vor allem in den Alpen, unweit des Mont-Blanc-Massivs. Im Hörspiel mit dem schönen Titel »Der Höllenwurm« werden dann alle möglichen Mythen verwurstet. Die Großen Alten von Atlantis werden erwähnt, die geheimnisvolle Lady X spielt ebenso eine Rolle wie der Herr der Zombies und der Kaiser der Vampira, Erdgeister und der titelgebende Höllenwurm.

Auf der Seite der Guten tauchen dann die Geisterjäger John Sinclair und Suko auf, dazu kommen die eingangs erwähnte Wahrsagerin sowie ein Eiserner Engel. Für viel Krachbumm ist also ebenso gesorgt wie für viele mythische Berichte. Das Problem dabei: Wenn so viele Gegner auftauchen, wird das nicht spannend oder gar gruselig, sondern zu einer Nummern-Show mit viel Gebrüll und noch mehr Zufällen.

Ich könnte jetzt und an dieser Stelle einen längeren Text darüber schreiben, ab wann ich etwas gruselig finde. Aber ich hatte nur als ganz junger Jugendlicher bei der Lektüre von »John Sinclair«-Heften und anderen Romanheften irgendwie Angst; später fand ich ihren Inhalt eher albern.

Bei den Hörspielen mag ich die Abfolge von schnellen Dialogen, erklärenden Sequenzen, den übergreifenden Zusammenhängen und den toll gemachten Geräuschen. Das ist nicht hochgeistig, macht aber Spaß.

Wobei ich die in diesen zwei Hörspielen aufgebotene Anzahl von Monsterwesen keine Sekunde lang ernstnehmen konnte– der Denglisch-Begriff von »too much« war hier absolut zutreffend. Das können die Hörspielmacher allerdings nicht ändern; so ist die Serie eben. Und sie findet seit vielen Jahren ihre Fans.

Comet Gain machen herzzerreißenden Pop

Dass es immer noch richtig schönen IndiePop gibt – fast ein wenig zu schön, fast ein wenig zu poppig –, der von der Insel kommt, erfreut mich oft. In diesem Fall ist es eine Band namens Comet Gain, die schon seit 1992 in wechselnder Besetzung existiert, von der ich aber bislang trotz mehrerer Tonträger nichts mitbekommen habe. (Eigentlich ist es immer nur David Feck, der sich wechselnde Musiker sucht.)

Ganz neu ist eine Single der Band, die es nicht nur digital gibt (was für mich nach wie vor nicht so viel wert ist), sondern auch als Vinyl-Single. Sowohl das Titelstück »If Not Tomorrow« als auch die B-Seite mit »I Was More Of A Mess Then« gefallen mir sehr gut: Sie sind sehr melodisch, die Gitarren schrammeln trotzdem ordentlich, und die Sängerin hat eine hohe, aber sehr treffende Stimme.

Manchmal erinnert mich das, was die Band so macht, an die Musik, die zu Beginn der 90er-Jahre auf Sarah Records veröffentlicht worden ist. Das kann ich mir nicht jeden Tag anhören – bei Comet Gain aus London funktioniert es auf jeden Fall. (Laut Plattenfirma soll eine »große« Platte im Jahr 2019 kommen. Danach sollte ich wohl mal Ausschau halten.)

08 Oktober 2018

Der gute Geist zum fünfzehnten Mal

Wie kritisch kann ich zu der Szene sein, der ich mich jahre- und jahrzehntelang verbunden fühlte? Das frage ich mich immer wieder, wenn ich meine Fortsetzungsgeschichte für das OX-Fanzine schreibe. In der aktuellen Ausgabe 140 bin ich mit der fünfzehnten Fortsetzung meines Romans »Der gute Geist des Rock'n'Roll« vertreten.

Wieder einmal verarbeite ich biografische Elemente, wie ich das seit Anfang meiner »Peter Pank«-Romane mache. In diesem Fall geht's um Konfrontationen mit der eigenen Szene, die mir in den 90er-Jahren häufig unterliefen: Wenn die politischen Punks zu politisch waren, konnte ich damit nicht viel anfangen. Und mit den »verasselten« Straßenpunks hatte ich meiner Ansicht auch nichts gemein.

(Die Folge war ja, dass wir uns als »Disco Punx Karlsruhe« verstanden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die mit meinem Roman nichts zu tun hat.)

In diesem Roman kommt das zum Tragen. Die aktuelle Folge spielt im Sommer 1996 – wie der gesamte Roman – und vor dem Eingang eines besetzten Hauses. Der häufig betrunkene Held möchte das tun, was er gern tut: ein Bier trinken, vielleicht auch mehr. Dass aus dem Keller irgendwelcher Elektro-Krach dröhnt, interessiert da viel weniger. Aber vielleicht interessiert die Leser heute, wie unsereins solche Konfrontationen vor über zwanzig Jahren empfunden hat …

07 Oktober 2018

Für immer in Pop zur Hälfte

Man kann nicht behaupten, dass Martin Büsser und ich beim ZAP zusammengearbeitet haben. Wir schrieben für das gleiche Blatt: er die eher anspruchsvollen Artikel über Musik, ich eher erlebnisorientierte Berichte über Musik und Demonstrationen. Lese ich aber die Texte, die er für das ZAP und andere Zeitschriften verfasst hat, nach all den Jahren wieder, merke ich erst so richtig, was für ein schlauer Kopf er war.

Im Ventil-Verlag erschien zum Jahresanfang das Sachbuch »Für immer in Pop«, das zahlreiche Texte des Autors, Journalisten und Herausgebers enthält. Ich lese es stückchenweise, immer mal wieder einen Artikel oder einen kürzeren Text. Deshalb wird es zu einer kompletten Rezension noch eine Weile dauern – sicher ist, dass es sich um ein Sachbuch handelt, bei dem ich die potenzielle Zielgruppe bin und das sicher für alle Menschen lesenswert ist, die sich für Pop und Punk im weitesten Sinne interessieren.

Wenn sich Martin Büsser über Nirvana oder Exploited ausließ, kann ich das immer nachvollziehen. Oft schrieb er über Bands und Musiker, von denen ich noch nie gehört habe – das zeichnete seine Schreibe schon in den späten 80er-Jahren aus. Manchmal macht mich das neugierig, manchmal denke ich eher »Och nö«, und insgesamt fühle ich mich durch solche Texte bereichert.

Zu großer Form lief er immer auf, wenn er einen längeren Text liefern konnte. Oft bezog er sich auf Punk, auch wenn er – wenn ich mich recht erinnere – nie punkrockig im engeren Sinne aussah. Seine Texte waren vom Punk beeinflusst, und wenn er über neue Musik schrieb, bezog er sich immer wieder auf Punk.

So ist das Buch, von dem ich bislang die Hälfte gelesen habe, eine Fundgrube für interessante Texte. Man muss sich für Popmusik im weiteren Sinne begeistern können, man muss ein Vergnügen daran haben, über Musik und Texte nachzudenken. Dann ist »Für immer in Pop« super, und ich freue mich auf die zweite Hälfte der Textsammlung.

06 Oktober 2018

Das Jahresprogramm der Akademie

Dass ich die Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel schätze, habe ich schon oft genug geschrieben. Als Dozent war ich an dieser Akademie einige Male tätig, als Besucher war ich immerhin bei einer Tagung dabei. Ich würde öfter nach Wolfenbüttel fahren, wenn es zeitlich ginge – es gibt viele Seminare und Angebote, die ich spannend finde.

Dieser Tage wurde ich darüber informiert, dass das Jahresprogramm 2019 online zu finden ist. In allen sechs Programmbereichen gibt es Tagungen und Seminare sowie viele andere Angebote. Leider gibt es kein gedrucktes Programm mehr, was ich sehr bedauere – ich habe immer gern darin geblättert und gestöbert –, aber nachvollziehen kann.

Ich kann Leuten, die sich weiterbilden wollen, die Akademie nur empfehlen. Das gilt für Literatur und Bildende Kunst ebenso wie für Musik und andere Bereiche. Aber das kann jeder Mensch auch selbst herausfinden. Das Stöbern im Programm lohnt sich auf jeden Fall!

05 Oktober 2018

Das Beziehungsgeflecht um einen Cop

Der Polizist Jesse Stone ist ein ungewöhnlicher Cop: Er hat einen moralischen Kompass, der ihn leitet, auch wenn er selbst voller Fehler und Komplexe steckt. Wenn er also mitbekommt, dass sich eine Lehrerin aus der gehobenen Schicht gegenüber ihren Schülerinnen nicht korrekt verhalten hat, ist das für ihn ein »Fall«. Dann stört es ihn nicht, dass ihn ein wichtiger Rechtsanwalt oder sogar einflussreiche Leute aus dem Stadtrat dazu bewegen wollen, das Thema fallen zu lassen.

Selbst ist Jesse Stone recht locker, was den Sex mit wechselnden Partnern angeht. Als er aber erfährt, dass Kinder zu unfreiwilligen Zeugen von Swinger-Partys werden, interessiert ihn das ebenfalls. Als zu allem Überfluss auch noch ein »Spanner« nachts durch die kleine Stadt Paradise zieht, der Frauen beobachtet oder bedrängt, hat Stone damit immerhin einen echten Fall.

Ich liebe die Romane von Robert B. Parker. Bei »Verfolgt in Paradise« bricht der Autor mit mehreren Regeln, die ansonsten für Krimis gelten. So gibt es keinen Mord, und die Fälle haben vor allem mit sexueller Belästigung zu tun und würden für viele Leute nur als Bagatelle gelten. (Die betroffenen Kinder und Frauen dürften das anders sehen.) Der Autor zeigt aber, wie sein Held ermittelt und wie er versucht, die Verbindungen zwischen den einzelnen Fällen herzustellen.

Es gibt die üblichen lakonischen Dialoge, die alle Romane von Robert B. Parker auszeichnen, diesmal bekommen die Beziehungen und Gefühle aber einen weiteren Raum als üblich. Der Held ist ein Trinker, und er muss versuchen, mit dem Alkohol umzugehen oder ihn sich ganz abzugewöhnen. Er will sich keine Schwächen eingestehen, und seine größte Schwäche ist seine Ex-Frau, zu der er sich immer noch hingezogen fühlt.

Damit entsteht eine ganz andere Art von Spannung, als man sie sonst in Krimis kennt. Klar gibt es auch ein wenig Action, und der Autor schildert die übliche Ermittlungsarbeit – aber ich fand die Beziehungen diesmal am interessantesten.

»Verfolgt in Paradise« ist ein typischer Parker-Roman, der alle Elemente enthält, die ich an den anderen Werken dieses Autors schätze. Doch sein gewisses Etwas zeichnet ihn ganz besonders aus. Spannend!

04 Oktober 2018

Ecrasez l'Infame

Franz Rottensteiner war vor allem in den 70er- und 80er-Jahren einer der Herausgeber und Lektoren, die dafür sorgten, dass die phantastische Literatur im deutschsprachigen Raum an Bedeutung gewann. Er präsentierte im seriösen Suhrkamp-Verlag Autoren aus einem breiten Spektrum der Phantastik, die er in schönen Taschenbüchern sowohl den Literatur-Snobs als auch den Science-Fiction- und Fantasy-Fans nahebrachte. Zusammen mit Walter Ernsting und Wolfgang Jeschke dürfte er zu den Leuten gehören, die meinen Literaturgeschmack prägten.

Aber er fing – wie viele andere seiner Generation – damit an, dass er Fanzines veröffentlichte. Das war in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren kaum anders möglichen. Heutigen Zeitgenossen kann man das ja kaum erklären.

Dieser Tage hielt ich die fünfte Ausgabe seines »Ecrasez l'Infame« in den Händen, das im Rahmen einer sogenannten APA erschienen war. Im Dezember 1964 kam es heraus, und es war für die damalige Zeit sehr typisch aufgemacht: Der spätere Herausgeber und Lektor ging auf die Aussagen von anderen Fans ein, stellte seine Meinung zu aktuellen Themen dar und plauderte über seine »Entwicklung im Fandom«. Jahrelang hatte er sich – bis zu dieser Zeit – auf Distanz zur Szene gehalten und keinerlei Freundschaften gepflegt.

Manches von dem, was er in seiner Biografie schreibt, veränderte sich nicht; das hätte ich auch über mich schreiben können: »Meine Eltern wußten beispielsweise auch nie, was ich las, und es kümmerte sie auch nicht; genauso habe ich auch nie über schulische Dinge gesprochen.« Viele Dinge in diesem sieben Seiten umfassenden, per Umdruck hergestellten Fanzines kann ich also nachvollziehen, obwohl ich zu der Zeit, als es verfasst wurde, gerade einmal ein Jahr alt war. Schon interessant …

02 Oktober 2018

Fernsehen bei der Tante

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Ob sie Christiane oder Christine hieß, weiß ich gar nicht mehr. Bei uns Kindern hieß sie im breiten Dialekt unseres Dorfes einfach »Dande Krischdee«, sie war eine entfernte Verwandte, die nur drei Häuser von dem unseren entfernt wohnte. Sie hatte einen Fernseher, im Gegensatz zu uns, und ab und zu saßen meine Schwester und ich bei der Tante, um zu schauen, was sich in der schwarzweiß flimmernden Welt des Fernsehprogramms tat.

Das behielten wir auch bei, als wir langsam älter wurden. Ich fing schon früh an, mich als Jugendlicher für die Nachrichten zu interessieren. Und so kam es durchaus vor, dass meine Schwester und ich bei der Dande Krischdee saßen, um die »tagesschau« anzugucken.

An dem einen Abend im Jahr 1980 war eine andere alte Frau anwesend, eine Nachbarin von der anderen Straßenseite. Wir fanden sie ein wenig unheimlich, weil sie einen leichten Kropf hatte und sich deshalb eine seltsame Sprechweise angewöhnt hatte. Jedes Wort kam gequetscht aus dem Mund, und wenn sie sprach, schwabbelte der geschwollene Hals hin und her. Sie hatte sich in einem Sessel niedergelassen, trank ein Glas Likör und starrte auf den Fernseher.

Meine Schwester und ich saßen auf Stühlen, während Dande Krischdee ebenfalls einen Sessel eingenommen hatte. Durch die Fenster sahen wir hinaus ins Freie, ab und zu fuhr ein Auto auf der Dorfstraße vorbei.

Die Nachrichten flimmerten in Schwarzweiß vorbei. Es ging um die aktuelle Politik, um Politiker wie Schmidt und Brandt. Und dann kam Franz-Josef Strauß ins Bild, polternd und maulend wie so oft, mit einem Deutsch, das stark Bayerisch eingefärbt war.

Und die Nachbarin beugte sich nach vorne, das Gesicht auf einmal verzückt. Mit einem strahlenden Lächeln und einer Stimme voller Andacht sagte sie: »Unser Führer.«

Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mehr. Aber diesen Gesichtsausdruck und diese Wörter – die sollte ich in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr vergessen.

01 Oktober 2018

Ein Abend im Culinarium

Das Restaurant »Culinarium« kannte ich bereits, ich hatte dort einmal gegessen, als es sich noch in Ettlingen befunden hatte. Mittlerweile ist das Restaurant nach Grötzingen umgezogen, einen Teilort meiner Heimatstadt. Im ältesten Haus des gesamten Landkreises bietet das Restaurant heute seine französische Küche an.

Das Gebäude, das Kopfsteinpflaster, die schmale Treppe nach oben, das Fachwerk, die Möbel aus altem Holz – wer es mag, in einem klassisch wirkenden Haus zu speisen, ist beim »Culinarium« auf jeden Fall an der richtigen Stelle. Die Speisekarte war auf einer Tafel angeschrieben, in schöner Handschrift, und zu meiner großen Erleichterung gab es auch etwas ohne tote Tiere.

Wir bestellten Weine – sie sind meist aus der Region, also aus Baden oder dem Elsass – und das Essen. Preislich war das alles in Ordnung, für ein Drei-Gang-Menü wurden 39 Euro veranschlagt, was ich bei der gebotenen Qualität für völlig in Ordnung halte. Wenn man schon mal ein wenig »feiner futtern« geht, sind das alles keine überzogenen Preise.

Die Weine waren gut, die Beratung empfand ich als brauchbar. Weil ich der Fahrer war, blieb es bei einem leichten Pinot Gris. Bei den eigentlichen Gerichten kamen sowohl der Vegetarier als auch die Fleisch- und Fisch-Fraktionen auf ihre Kosten. Wir waren hinterher pappsatt – die Desserts hatten einiges »Volumen« und ich hatte mich dummerweise für ein Schokotörtchen entschieden – und in positiver Stimmung.

Sehr schön! Schon jetzt kann ich sagen: Wir kommen wieder!