23 Januar 2019

Werde ich ein Weitermacher?

So schnell kann es gehen: Für die Deutsche Rentenversicherung zähle ich ab dem Jahr 2019 zur Ziel- und potenziellen Lesergruppe der Zeitschrift »Zukunft Jetzt«. Zumindest wurde mir das Exemplar 4/2018 zugeschickt. Zuerst war ich ein wenig verwirrt, dann aber ergab es immer mehr sinnvolle Zusammenhänge für mich.

Schon klar und einsichtig: Ich bin mittlerweile 55 Jahre alt, ich sollte mir Gedanken über meine Rente und all den anderen Kram machen. Ich fische auch immer brav die Rentenscheide aus dem Briefumschlag, wenn ich sie erhalte, schaue sie kurz an, vergesse gleich wieder alles und werfe sie entweder weg oder hefte sie irgendwo ab. Mit der Zeitschrift möchte man mich wohl auf mein künftiges Dasein als Rentner vorbereiten.

Herausgeber der Zeitschrift ist die Deutsche Rentenversicherung, es gibt einen Chefredakteur und eine Redaktion. Als Verlag ist die Axel Springer Corporate Solutions in Berlin angegeben, also eine Tochtergesellschaft des Springer-Konzerns. Das macht, ich gestehe es vorsichtig, das Blatt nicht unbedingt sympathisch für mich.

Das Heft informiert über die »neuen Weitermacher«, also Leute, die nach der Rente weiter arbeiten; ein Soziologe schwafelt über »Ältere«, die »mehr Engagement« zeigen sollen; »ehrenamtliche Versichertenberater« werden ebenso vorgestellt wie die Möglichkeit des »Vorsorgen vor der Zielgeraden«– damit ist so etwas wie die Riester-Rente gemeint. Ich bin sicher, dass sich vor allem Leute, die ohnehin nicht gut verdienen, über solche Berichte besonders freuen.

Mir leuchtet ein, dass die Rentenversicherung sich auf die Leute einstellen will, die in absehbarer Zeit von ihr Geld bekommen sollen. Ob man denen unbedingt hilft, indem man ihnen von Zusatzversicherungen und einem Arbeiten nach der Rentengrenze erzählt, möchte ich bezweifeln. Ich habe mich dann dazu entschieden, das kostenlose Heft im Altpapier zu entsorgen und kein Abonnement abzuschließen – auch wenn es die Versicherung ja gern bezahlen würde …

Mal schauen, was ich mache, wenn die Rentengrenze immer näher rückt. Hut, Gehstock und Blouson in »gedeckten Farben« muss ich dann sowieso kaufen.

22 Januar 2019

Eine Kommunardin in Paris

Mit der Comic-Trilogie »Auf die Barrikaden!« setzt der französische Zeichner Wilfrid Lupano nicht nur dem Aufstand der Pariser Kommune im Jahr 1871 ein Denkmal – er sorgt auch dafür, dass man die besondere Rolle der kämpfenden Frauen in jener Zeit stärker wahrnimmt. Der dritte Band trägt den krassen Titel »Wir werden nichts über ihre Weiber sagen« – tatsächlich ein Zitat jener Zeit – und erzählt davon, wie die aufständischen Frauen auch nach der Niederlage noch weiter drangsaliert wurden.

Die Hauptfigur der Geschichte ist ein Kindermädchen. Sie steht, nachdem die Pariser Kommune von den Kräften der Reaktion zusammengeschossen worden ist, vor Gericht und wird von den Richtern buchstäblich fertiggemacht. Ihr Vergehen ist nicht nur, dass sie sich für die Freiheit eingesetzt hat, sondern dass sie auch noch in eine andere junge Frau verliebt gewesen ist – das wird ihr nachträglich zum Verhängnis.

Lupanos Geschichte ist spannend und mitreißend, man hat Mitleid mit der jungen Frau und empfindet gleichzeitig Wut über die Verhältnisse. Denkt man dann ein wenig länger nach, fällt einem vielleicht sogar auf, dass manche Verhältnisse auch heute noch nicht unbedingt optimal sind. So bezieht sich die gesamte Trilogie zwar aufs Jahr 1871, spiegelt aber bewusst heutige Diskussionen.

Bei den Bildern konnte mich Xavier Fourquemin durchaus überzeugen. In meinem Schrank habe ich den einen oder anderen Comic von ihm (er hat im Piredda-Verlag veröffentlicht); sein Stil ist manchmal spielerisch und dadurch nicht so realitätsnah, wie man es vielleicht bei einer solchen Geschichte erwarten würde. Ich mag seine Bilder, aber mir leuchtet ein – wenn man sich die Kritiken im Internet anschaut –, dass nicht jeder damit hundertprozentig klar kommt.

Alle drei Bände sind absolut empfehlenswert. Dass die Zeichner so unterschiedlich sind, empfinde ich als Bereicherung, nicht als kritisch. Und Lupano als Texter überzeugt immer! Das ist für alle Leser/innen spannend, die politisch wach sind und eine spannende Geschichte mit Hirn mögen.

Erschienen ist dieser Comic im Splitter-Verlag; ich empfehle an dieser Stelle unbedingt, die Leseprobe auf der Internet-Seite des Verlages anzusehen. Man bekommt den Comic in allen Buchhandlungen, die ISBN 978-3-95839-280-9 kann dabei hilfreich sein. Und natürlich gibt's ihn auch im Internet ...

Wie Wasted Youth rotzten

Hört man sich heute die Platten der frühen amerikanischen Punk-Bands an, wirken viele von ihnen immer noch frisch und rotzig. Die Band Wasted Youth ist dafür ein typisches Beispiel. Ich habe keine Originalplatte von ihnen aus den frühen 80er-Jahren – damals kannte ich die noch gar nicht –, sondern eine sogenannte Fanclub-Ausgabe, die irgendwann in den Nuller-Jahren gepresst wurde.

Anders gesagt: Es handelt sich um eine illegale Pressung, auf der sich die Originalplatte mit ihren zehn Stücken befindet, zu denen Stücke vom ersten Demo-Tape sowie diverse weitere Aufnahmen kommen, die allesamt ordentlich scheppern. Laut Aufschrift wurde diese Platte nur 300-mal gepresst. Na gut, glauben wir das mal.

Die Langspielplatte »Reagan's In« kam 1981 heraus, sie ist das zentrale Werk der Neuauflage. Es war die erste Platte der Band, und die Stücke sind kurz und sehr knapp; das längst ist gerade mal zwei Minuten lang, andere teilweise kürzer als eine Minute. Mit Aussagen wie »Fuck Authority« sagte die Band klar, wo es lang ging, bei »Punk For A Day« war klar, was sie von manchen Auswüchsen der Szene hielt.

Wasted Youth zählte zu den frühen Bands des kalifornischen Hardcore-Sounds; wer unbedingt einen Vergleich ziehen mag, nehme die Circle Jerks in ihren frühen Phase. Der Sound ist ungestüm, die Stücke werden allesamt nach vorne gepeitscht, und man hält sich nicht mit musikalischen Experimenten oder längeren Textzeilen auf.

Schaut man sich die Fotos aus jener Zeit an, ist irgendwie klar, dass zu diesem Sound das Stagediven aufkam. In Los Angeles krachte es ziemlich, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse waren im Umbruch – das spiegelt sich in der Musik ebenso wieder wie im wild tobenden Publikum.

Die Platte »Reagan's In« ist als »Fanclub-Ausgabe« auf jeden Fall ein Zeugnis dieser Zeit, als Punk und vor allem Hardcore noch neu und sehr aufregend waren. Zwar reicht es dann heute bei mir nur noch zum Sitz-Pogo – aber ich mag diesen alten Hardcore immer noch!

21 Januar 2019

Jonger Soacher

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Streuner war eine getigerte Katze, die uns eines Tages zugelaufen war. Sie war nicht besonders hübsch und wirkte immer ein wenig zersaust, aber wir Kinder liebten sie. Streuner war nicht sehr häuslich, trieb sich die meiste Zeit im Freien herum und wollte auch nicht die Nacht im Haus verbringen. Sie ließ sich aber gern streicheln und genoss das Essen, das sie bei uns bekam.

In jenem Frühsommer wurde ihr Bauch dicker und dicker. »Du wirst es sehen«, kündigte meine Mutter an. »Die wirft hier eine Bande von kleinen Katzen, und wenn die groß genug sind, lässt sie uns die Bande zurück und zieht weiter.« Sie sollte recht behalten, aber zuvor sollte Streuner zwei Würfe bei uns lassen.

Meist hielt sich Streuner in diesen Tagen im vorderen Hof auf. Vor dem Holzgatter lag sie oft auf den feinen Steinen und genoss die Sonne, die auf ihr getigertes Fell herunterbrannte. Gelegentlich spazierte sie zu einem dicken Holzpfosten, sprang mehr oder weniger elegant hoch und setzte sich so auf den Pfosten, dass sie den Weg in beide Richtungen überblicken konnte.

Ich saß auf der Treppe aus alten Sandsteinen, die zum »Vorhäusle« unseres Hauses führte, und bastelte mit Fischer-Technik. Seit die Firma Fischer neben Dübeln auch noch technische Elemente anbot, schenkten mir die Verwandten ständig neues Spielzeug von Fischer-Technik. Damit baute ich Fahrzeuge und Häuser, ich war völlig fasziniert.

Auf einmal rannte Streuner an mir vorbei, in völliger Panik, schlüpfte zwischen den Stangen des Holzgatters hindurch und hinunter in den Garten, versteckte sich dort hinter irgendwelchen Sträuchern. Ein Hund, lauthals kläffend, stand in unserem Hof. Er war nicht groß, ging mir – obwohl ich ein kleiner Junge war – höchstens bis an die Knie.

Ich sprang auf und schrie ihn an. Der Hund kläffte verwundert, dann drehte er um und flitzte los. Ich eilte ihm hinterher, er rannte den Weg hoch. Einer unserer Nachbarn, den wir alle nur als den »jungen Mattes« kannten, nahm ihn in Empfang.

»Was machsch du mit meim Hond?«, schrie er mich an. (»Was machst du mit meinem Hund?«)

Er habe meine Katze gejagt, und deshalb hätte ich ihn aus dem Hof gescheucht, gab ich zornig zurück. Der junge Mattes war ein großer blonder Mann mit Vollbart, sicher schon um die dreißig Jahre alt, und ich war nur ein Grundschüler, aber in diesem Augenblick war ich so zornig, dass mir der Unterschied nicht einmal bewusst wurde.

Drohend hob er seine Faust. »Wenn du meim Hond ebbis duasch, du jonger Soacher, schlag i dir's G'nick aa!«, brüllte er so laut, dass man es in den umliegenden Häusern sicher durch Türen und Wände hindurch hören konnte. (»Wenn du meinem Hund etwas tust, du junger Pisser, schlag ich dir das Genick durch!«)

Streuner und der Köter des Nachbarn wurden nie Freunde. Der junge Mattes und ich auch nicht.

18 Januar 2019

Die lesenswerte Ausgabe vom Januar 2018

Ich schaffe es schon seit vielen Jahren nicht mehr, Zeitschriften und Bücher so zeitaktuell zu lesen, dass entsprechende Rezensionen eine echte »Werbewirksamkeit« entfalten können. Der einfache Grund: Es gibt zu viele Dinge, die mich interessieren, und ich lese »privat« halt das, wozu ich Lust habe, zu einem Zeitpunkt, an dem es für mich passt. Schließlich muss ich sehr viel an beruflicher Lektüre absolvieren.

Immerhin kam ich mit einer Verspätung von einem Jahr dazu, die Ausgabe 37 der Zeitschrift »Exodus« zu Ende zu lesen. »Exodus« kenne ich noch aus meiner frühesten Fan-Phase. Anfangs der 80er-Jahre wurde es eingestellt, davor aber bekam ich mithilfe des Fanzines eine knallige Öffnung meines Science-Fiction-Weltbildes vermittelt.

Seit einigen Jahren ist »Exodus« wieder da: mit farbigem Titelbild, einem professionellen Layout und einem größtenteils professionellen Inhalt. Das heißt natürlich nicht, dass mir alles in dem Magazin gefällt. Die Ausgabe 37 ist dafür ein schönes Beispiel.

Selbstverständlich überzeugt die Optik, und die Galerie mit Werken von Mario Franke ist mit ihren vierfarbigen Darstellungen eindrucksvoll. Auch die Illustration der Geschichten kann mich zumeist überzeugen, daran kann ich nichts kritisieren.

Mit den Geschichten bin ich nicht immer einverstanden. So fand ich ausgerechnet den längsten Text – die Story »Die Läuterung« von Dirk Alt – nicht sonderlich überzeugend, vielleicht auch deshalb, weil der Autor politische Inhalte in ein SF-Szenario packte. Da steckte mir zu viel »erhobener Zeigefinger« im Text.

Die meisten Texte setzten sehr auf den Schlusseffekt, sind damit recht klar in der »klassisch« anmutenden Kurzgeschichte verankert. Da fand ich es dann tatsächlich interessanter, in einem Artikel – ebenfalls von Dirk Alt – einen Hinweis auf Literaturzeitschriften zu finden, die sich mit Science Fiction als Sonderthema beschäftigten. (Okay, »Der Erker« kannte ich schon, aber trotzdem ...)

Das mag jetzt alles ein wenig mäkelig daherkommen, ist aber ein Meckern auf hohem Niveau. Tatsächlich erweist sich »Exodus« als die Publikation im deutschsprachigen Raum, die ihre Science-Fiction-Texte so verpackt und anbietet, dass man auch als anspruchsvoller Leser zuverlässig »bedient« wird. Da muss einem auch nicht alles gefallen, wenn das Gesamtpaket stimmt.

Die Ausgabe 37 war und ist also lohnenswert, und man kann sie immer noch nachbestellen. Aber zu empfehlen ist sowieso ein Abonnement des Heftes!

Statistik auf der Straße

Ich fahre jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit. Darüber kann man diskutieren, von wegen, ich wiese ein mangelndes ökologisches Verständnis auf oder so. Aber darum geht es hier und jetzt nicht. Im Verlauf einer Woche komme ich auf acht bis zehn Fahrten zwischen meinem Wohnort und meinem Arbeitsplatz,

Auf der Fahrt sehe ich viele andere Autos. Ich überhole auf der zweispurigen Strecke andere Autos, ich wiederum werde überholt. Mir kommen Fahrzeuge entgegen, es gibt Kreuzungen und Abbiegestellen. Weil ich Musik höre oder einem Hörbuch lausche, fließe ich recht entspannt und gelassen durch den Verkehr; zumindest glaube ich das.

Die meisten Fahrerrinnen und Fahrer, die ich auf der Straße mitbekomme, sind normal unterwegs. Sie fahren in einem durchschnittlichen Tempo, sie blinken an den richtigen Stellen und machen den Eindruck, sich nicht stressen zu wollen.

Doch gibt es alle zwei, drei Tage eine Person, die sich irgendwie seltsam verhält. Sie drängelt, sie fährt dicht auf, sie haut einem das Fernlicht ein oder überholt auf der rechten Spur oder gar auf der Abbiegespur. Es gibt kein Gesetz, wann das passiert, es kann morgens oder abends sein. Klar gibt es Tage, an denen es keinen Vorfall gibt, aber in der Woche gibt mindestens eine Person, deren Fahrverhalten ich als bescheuert einstufen würde.

Das einzige Gesetz, das ich bisher finden konnte, die einzige Gemeinsamkeit dieser Fahrer – es sind meist Männer, sicher zu 95 Prozent – auf der Straße: Fast immer sitzt diese Person in einem SUV. Mir ist klar, dass ich mich auf einen Shitstorm einstellen kann, wenn ich das schreibe, aber: Drängler oder aggressive Fahrer sitzen mehrheitlich in einem SUV.

Etwas passiert mit den Menschen, wenn sie so einem rollenden Panzer sitzen. Ihre Bedeutung steigt, ihr Zeitdruck sowieso. Und das lassen manche von ihnen offenbar gern die anderen spüren.

17 Januar 2019

Fanzine Nummer 8

Ein Fanzine mit dem Titel »Fanzine« zu belegen, zeugt von einem gewissen Selbstbewusstsein. In den frühen 70er-Jahren veröffentlichten die Aktivisten der »Science Fiction Gruppe Achim & Lüneburg« dieses kleine Heft, das vor allem Informationen über die damalige Fan-Szene vermittelte und im Umdruck hergestellt wurde. Es kam aus Lüneburg, sollte »mindestens jeden Monat einmal« erscheinen und ist heutzutage eine wunderbare Quelle für die fannischen Aktivitäten jenes Jahres.

Schaue ich mir beispielsweise die Ausgabe 8 an, die im Juni 1973 veröffentlicht wurde, stoße ich auf viele Namen von Fans, die ich in den 80er-Jahren kennenlernte. Einer von ihnen ist heute noch als Autor aktiv – Uwe Antons Fanzine »Ganymed Horror« wird kurz rezensiert –, ein anderer macht nach wie vor seine Fanzines (Kurt S. Denkena). Es werden viele Anschriften veröffentlicht, es gibt kurze Hinweise auf neue Fanzines, und es gibt allgemeine Blödeleien.

Cartoons, offenbar aus Zeitschriften abgezeichnet, lockern den Text des acht Seiten umfassenden Mini-Fanzines auf. Die Bilder, die gelegentlich »nackte Mädchen« – wie man das damals nannte – zeigen, werden mit fannischen Anspielungen untertitelt; der Humor ist heutzutage kaum mehr zu vermitteln.

Wenn ich in einem Fanzine stöbere, das aus dieser Zeit kommt, fühlt sich das für mich oft wie eine Zeitreise an. Ich kenne viele der beteiligten Personen vom Namen her oder lernte sie persönlich kennen. Und ein Mini-Heft wie »Fanzine 8« macht mir durch die amüsanten Sprüche sogar besonders viel Spaß.

16 Januar 2019

Der Junge muss an die frische Luft

Man kann nicht sagen, dass ich ein Fan von Hape Kerkeling bin. Ich kenne seine Figuren seit vielen Jahren; da ich aber keine Comedy-Sendungen im Fernsehen angucke, habe ich all seine berühmten Auftritte im Verlauf der Jahre verpasst. Man hat sie mir erzählt, ich habe mir den Witz von »Hurz« erzählen lassen – aber ich bin kein Fan.

Trotzdem ging ich dieser Tage ins Kino und sah mit »Der Junge muss an die frische Luft«. Dabei handelt es sich um die Verfilmung eines Romans von Hape Kerkeling, in dem er seine Zeit als Junge verarbeitete. Ich war im Vorfeld durchaus kritisch: Deutsche Komödien sind häufig ein wenig bemüht, und die Vorberichterstattung kam mir für meinen Geschmack sogar zu positiv.

Dann aber sah ich den Film. Der Saal war voll. Rings um mich wurde gelacht und geweint, mir liefen auch die Tränen übers Gesicht, die komplette Mixtur aus Trauer, Kitsch und Komik prasselte von der Leinwand auf mich herab. Und als ich aus dem Kino kam, war ich der festen Ansicht, dass der Film wirklich sehenswert ist.

Das Ruhrgebiet in den frühen 70er-Jahren: Hans-Peter ist ein dicklicher Junge, der große Freude daran hat, sich zu verkleiden und seine kranke Mutter mit albernen Späßen zu erfreuen. Zum Karneval geht er als Prinzessin, nicht als Cowboy, und bald schafft er es, die Nachbarinnen erfolgreich nachzuahmen. Somit ist der Junge die offenbar einzige Quelle der Freude für die depressive Mutter.

Der Schauspieler, der die Rolle des jungen Hape Kerkeling übernommen hat, spielt großartig. Wie der Junge es hinbekommt, die Zeit der frühen 70er-Jahren erfolgreich abzubilden, ist wirklich sensationell. In drei Jahren spielt sich ein großes Drama ab, sterben Menschen, gibt es feuchtfröhliche Feiern, wird getanzt und geweint, gesungen und gestritten.

Wer diesen Film mit Deko-Material ausstatten durfte, hatte sichtlich Freude. Angefangen von den Tapeten bis hin zu den Zeitungen und Zeitschriften, der Werbung und den Verpackungen von Nahrungsmitteln, dem Laden an der Ecke und den kleinen Autos auf der Straße – ein Sammelsurium von glaubhaften Dingen, die mich an meine eigene Kindheit erinnerten. (Der Film richtet sich offenbar auch an eine Ü40-Zielgruppe. Im Kino herrschte eine eher gehobene Altersgruppe vor.)

Ein starkes Drehbuch, eine Gruppe hervorragender Schauspieler und eine gelungene Abfolge von lustigen und traurigen Szenen: Deutsches Kino kann mich also doch begeistern. Ich empfehle den Film gern weiter!

15 Januar 2019

Eine Stadt voller hässlicher Menschen

Seit den 80er-Jahren mag ich die Serie »Jeremiah«. Es mögen sich Wissenschaftler und andere kluge Menschen darüber streiten, ob es sich bei diesem Comic nun um Science Fiction handelt – weil die Geschichten in der Zukunft spielen – oder eher um einen Western. Für den Western spricht die grundsätzliche Anlage: zwei Freunde, die unterwegs in einem gefährlichen Amerika sind und dort ihre Abenteuer im Kampf gegen allerlei Bösewichte erleben.

Zuletzt las ich den Band 34 der Serie, der den Titel »Jungle City« trägt und im Erko-Verlag erschienen ist. Von der Anlage her ist es echt ein Westen: Jeremia und Kurdy, die beiden Freunde, kommen mit ihren Motorrädern in eine kleine Stadt, in der sie schnell merken, welche Spannungen es gibt.

Science-Fiction-Elemente sind die Wasserknappheit in der geschilderten Zukunft. Müllsäcke mit »Monsanto«-Aufschrift deuten darauf hin, dass die Chemie-Industrie der Vergangenheit – also unserer Gegenwart – daran schuld ist, dass das Wasser in Jungle City teilweise lebensgefährlich ist.

Die beiden Helden wollen sich nicht in die Konflikte hineinziehen lassen, die zwischen zwei mächtigen Banden herrschen. Über allem thront gewissermaßen der lokale Potentat, der den Zugang zu sauberem Wasser kontrolliert und damit die wirtschaftliche Macht über die Stadt ausübt. Eigentlich wollen Jeremiah und Kurdy etwas essen und trinken sowie übernachten – doch dann werden ihre Motorräder gestohlen, und unversehens sind sie gezwungen, Partei zu ergreifen.

Ich liebe die Comics des belgischen Zeichners und Autor Hermann, seit ich sie in den 70er-Jahren erstmals im »Zack« kennengelernt habe. Der Belgier, der mit komplettem Namen Hermann Huppen heißt, ist Jahrgang 1938 und schon so lange im Geschäft, dass er sich Modernisierungen getrost verkneifen kann.

Seine zynische Science-Fiction-Geschichte ist spannend erzählt, endet ziemlich negativ und offen zugleich, und verzichtet auf Elemente, mit denen man eigentlich rechnet. Weder ergibt sich eine Liebesgeschichte – oder dergleichen –, noch findet der Oberbösewicht am Ende seine gerechte Strafe. Auf dem Weg zum tragischen Ende erhält man als Leser aber eine knallige Geschichte.

Künstlerisch weiß Hermann nach all den Jahrzehnten einfach, was er will und was er kann. Die Bilder sind realistisch, die Stadt wirkt heruntergekommen, und praktisch alle Figuren, die auftauchen, sind auf ihre Art echt hässlich. Mit den eindrucksvollen Bildern und der knalligen Actiongeschichte entsteht ein Comic, der nicht mehr nach dem großen Erfolg schreit, aber mir sehr gut gefallen hat.

(Ich hole mir dann auch die anderen »Jeremiah«-Bände aus dem Erko-Verlag. Na klar, es sind ja sogar schöne Hardcover-Ausgaben.)

14 Januar 2019

Es gab auch 2018 E-Book-Bestseller

Zu den Dingen, die mir persönlich nie wichtig sind und waren, zählen Bestsellerlisten. Aber rein beruflich interessieren sie mich. Also schaute ich mir die Liste der »E-Book-Bestseller 2018« an, die in der Ausgabe 2 des »buchreport.express« veröffentlicht wurde.

Auf Platz eins landete bei dieser Liste die Autorin Jojo Moyes. Ihr Roman »Mein Herz in zwei Welten« kostet 19,99 als E-Book, was ich ganz schön hochpreisig finde. Auf den folgenden Plätzen finden sich Autorinnen wie Lucinda Riley oder Mona Kasten, Nele Neuhaus – auch für 16,99 Euro – oder Rita Falk. Man könnte daraus schließen, dass das E-Book-Geschäft vor allem von Autorinnen dominiert wird.

Aber man sollte sich bei solchen Listen immer auch das Kleingedruckte anschauen. In diesem Fall: Zu Rate gezogen wurden die Shops der Tolino-Allianz sowie Shops, die über die Barsortimente beliefert werden. Was komplett fehlt, sind Apple sowie der Marktführer Amazon.

Vor allem bei Amazon finden sich – wie allgemein bekannt sein dürfte – die Selfpublisher und die niedrigpreisigen E-Books. Ohne Mathematik studiert zu haben oder mich selbst als »Fachmann« bezeichnen zu müssen – es gibt ja immer mehr »E-Book-Fachleute« ... –, stelle ich fest, dass die Statistik ein wenig zu holpern scheint. Es möge jeder Mensch selbst seine oder ihre Schlüsse daraus ziehen ...

Artless und die Tanzparty

Punkrock und Hardcore gibt es schon ziemlich lang; die Gelehrten streiten sich noch über offizielle Definitionen. Die Musik und die Szene sind teilweise »museal«, sprich, man findet ihre Ausprägungen in offiziellen Sachbüchern und tatsächlich auch in irgendwelchen Museen wieder. Ich höre mir dann lieber bewusst mal wieder Musik von »damals« an ...

So fing Deutschpunk nicht mit den Toten Hosen an, wie junge Leute vielleicht meinen könnten, sondern mit Bands wie Artless. Deren kurze aber heftige Existenz währte von 1979 bis 1981. Die Band war für die Szene in Nordrhein-Westfalen von große Bedeutung: weg vom studentischen Sound, wie er zeitweise geprägt wurde, hin zu dem Punk, wie man ihn eigentlich bis heute kennt.

Ihr Demo-Tape »Tanzparty Deutschland« wurde 1990 als Vinyl-Scheibe gepresst – ich kaufte mir die Platte damals auch – und ist immer noch als CD erhältlich. Auf der CD findet sich neben dem Demo mit seinen zwölf Stücken noch insgesamt 13 Stücke eines Live-Konzertes, das 1981 in Essen gegeben wurde.

Die Platte ist nix für Freunde des filigranen Gitarrenspiels, nix für Leute, die vor allem saubere Aufnahmen mögen: Das hier ist rau und authentisch, das kracht und scheppert, und es gibt wunderbar die Atmosphäre der frühen Punk-Tage wieder. Eine Entdeckung nicht nur für die jüngeren, die man auch 2019 wunderbar anhören kann.

13 Januar 2019

Bei Evelyn in Lesmont

Eine Pension in einem kleinen Dorf in der Champagne, auf halbem Weg zwischen Karlsruhe und dem Endpunkt der Reise gelegen: Meine Erwartungen waren nicht so hoch, ich wollte vor allem gut schlafen, und – wenn man schon mal in der Gegend ist – einen besonderen Ort kennenlernen. Das wurde im »Bonheur à la Campagne« sehr klar und sehr treffsicher erreicht.

Wir hatten uns im Internet informiert, bevor wir das Zimmer gebucht hatten. Wir wussten also, dass uns eine Anlage erwarten würde, die es so kein zweites Mal gab. Als wir den kleinen Ort Lesmont erreichten, nicht weit entfernt von der schönen Stadt Troyes gelegen, waren die Internet-Bilder aber bereits wieder aus meiner Gedankenwelt verschwunden.

Fast wären wir an dem Tor vorbeigefahren. Gerade noch rechtzeitig bogen wir ab, verließen die Landstraße, die in einem weiten Bogen durch das Dorf führte, und standen dann in einem Hof zwischen Wohngebäuden, die alle recht alt wirkten. Zwischen zwei parkenden Autos stellten wir unseren Wagen ab, die Sonne schien, und es roch überall nach Pflanzen und Blüten.

Die Besitzerin der Pension – sie hatte in ihrem Anbau drei Zimmer zu vermieten – hieß Evelyn, erwies sich als unfassbar freundlich und überschüttete uns mit einem Schwall in französischer Sprache. Da mein Französisch leider schlecht ist und ihr Englisch kaum existierte, brauchten wir einige Zeit, bis wir uns »eingegroovt« hatten. Dann konnten wir gut kommunizieren.

Sie zeigte uns die Anlage. Es gab einen wunderbaren Garten, in dem man auf Stühlchen und unter Büschen sitzen konnte; alles wunderbar angelegt. Sowohl im Garten als auch in dem Gastgebäude waren überall Dekorationsgegenstände angebracht.

Blumen, Statuen, Bilder – ein Sammelsurium an unterschiedlichsten Dingen empfing uns. Man kam sich vor wie in einem Museum, das einen verwirrenden Charakter hatte und sicher den einen oder anderen Schatz beherbergte.

Wir erhielten ein Zimmer, das vor allem durch den überladenen Prunk beeindruckte. Große Bilder, Statuen, Leuchter, ein altmodisches Sofa und ein unfassbares Himmelbett: Man kann nicht sagen, dass ich begeistert war, aber ich guckte völlig verblüfft. Alles war sauber, wenngleich der Geruch ein wenig muffig war, wie in einem Museum eben, das von haufenweise Zeugs angefüllt ist.

Das Frühstück war auch ein Erlebnis. Wir saßen in einem hellen Raum, überladen mit allerlei Krimskrams, bekamen Brioche und Marmelade, helle Brötchen und Honig, leckeren Kaffee und Obst. Evelyn sah aus, als ob sie uns am liebsten gestopft hätte.

Als wir aus dem Hof fuhren, hatten wir fast das Gefühl, eine Freundin zurückzulassen. Mir war alles ein wenig »too much«, aber ich war gleichzeitig unglaublich fasziniert.

12 Januar 2019

Die Schneerutsche

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Es schneite stark in jenem Winter. Ich ging zur Grundschule, es war die zweite oder dritte Klasse, zu Beginn der 70er-Jahre also Wir Kinder toben stundenlang durch den Schnee, den unsere Eltern wohl verfluchten. Wir rutschten am liebsten an einem Hügel hinter dem Friedhof, wo wir mit genügend Schwung richtig weit auf die Wiesen hinauskamen.

Eines Tages entschloss sich die Gemeindeverwaltung zu einem tollkühnen Plan. Ein Weg, der leicht abschüssig war und mitten durchs Dorf verlief – man hätte ihn nicht als Straße bezeichnen können –, wurde für den Autoverkehr gesperrt. Am oberen Ende spannte der Dorfschulze eine Schnur, damit jeder Autofahrer wusste, dass er den Weg nicht als Abkürzung benutzen durfte.

Am unteren Ende, dem sogenannten Talweg, stellte sich der Dorfschulze selbst hin. Er hatte im Krieg einen Arm verloren und hielt eine große Glocke in seiner einen Hand. Mit der Glocke und lauten Rufen dirigierte er den geringen Autoverkehr, der an diesem Tag durchs Dorf floss.

Und wir Kinder konnten rutschen. Wir stellten uns mit unseren Schlitten oben am Weg auf, dann nahmen wir Anlaufen und rauschten durchs Dorf, vielleicht zweihundert Meter weit, für uns aber eine richtig große Entfernung, vorbei am Kindergarten und am Gemeindehaus, bis hinunter zur Metzgerei. Wir kreischten vor Begeisterung.

Es war ein Tag, den wahrscheinlich keines der Kinder vergessen wird, die daran teilnehmen konnten. Es schneite ununterbrochen, es war kalt und windig, wir hatten Schlitten aus Holz und trugen Handschuhe und Mützen, die unsere Mütter gestrickt hatten. Einige wenige Erwachsene waren unterwegs, ansonsten aber gehörte für einen Tag ein Weg im Dorf einer Bande kreischender und schreiender Kinder.

Sogar der strenge Dorfschulze lächelte manchmal unter seiner Mütze hervor, wenn wir an ihm vorbeischlidderten und in einem Gebüsch landeten. Ein Dorf-Paradies im Schnee.

11 Januar 2019

»La Antena« verblüffte mich

Ich erinnere mich nicht daran, den Film »La Antena« hierzulande wahrgenommen zu haben, als er 2007 herauskam. Ich sah ihn zuletzt an, weil ich eine Gratis-DVD besaß, auf der sich der Streifen befand. Und ich legte ihn mit einer gewissen Langeweile in den DVD-Player, so nach dem Motto, »wenn's nicht taugt, schmeiße ich die DVD gleich weg«.

Das Gegenteil war der Fall. Der Science-Fiction-Film verblüffte mich, er verwirrte mich streckenweise, ich fand ihn skurril und unterhaltsam, spannend und phantastisch. Ich kapierte nicht alles, und ich bin sicher, dass ich die DVD nicht zum letzten Mal angeschaut habe. (Dann kapiere ich hoffentlich jede Wendung innerhalb der Geschichte.)

Und worum geht es jetzt? Schwer zu sagen: Für den Film ist ein argentinischer Regisseur namens Esteban Sapir verantwortlich. Er ist komplett in Schwarzweiß gehalten, hat eine durchaus anstrengende Ästhetik und eine manchmal stressige Musik, kommt praktisch ohne Dialoge aus und ist im Prinzip ein »klassischer« Stummfilm.

Der Vergleich zu »Metropolis«, dem Meisterwerk aus dem Jahr 1927, ist angebracht. Auch in »La Antena« geht es um eine Stadt, die unter einer faschistisch wirkenden Herrschaft steht. Die Menschen können nicht mehr sprechen, sie werden mithilfe eines allmächtigen Fernsehprogramms kontrolliert. Nur eine einzige Sängerin ist in der Lage, ihre Stimme zu benutzen.

Ein Techniker, dessen Tochter sich mit dem blinden Sohn der Sängerin – er verfügt auch über eine Stimme – angefreundet hat, nimmt den Kampf gegen die Diktatur an. Es kommt zu Kämpfen in einer Funkstation, also in der »Antena«, und am Ende kommen die Freiheit des eigenen Wortes zurück zu den Menschen.

Das klingt ziemlich schräg, und das ist es auch. Die Schauspieler grimassieren oft, wie man das von den alten Stummfilmen her kennt. Wenn sie etwas sagen oder rufen, fliegen Buchstaben und ganze Wörter durch das Bild; die hektische Musik begleitet jede Bewegung. Eindrucksvoll und ungewöhnlich ist das, kein harmloser Science-Fiction-Spaß, sondern durchaus eine Unterhaltung, für die man das Hirn anschalten muss.

Aber das schadet in diesen Zeiten ja eigentlich nicht.

10 Januar 2019

Verlorene Schreibprojekte 2018

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, packt mich gelegentlich die Wehmut: Ich habe vergleichsweise wenig geschrieben und publiziert. Das ist vielleicht nicht richtig, weil ich irrsinnig viele Texte produzierte, in denen es um eine gewisse Science-Fiction-Serie ging – aber schaue ich mir an, was ich an eigenständigen Texten auf meiner 2018er-Liste stehen habe, finde ich meine Bilanz nicht gerade überzeugend.

Nachdem 2016 meine Kurzgeschichtensammlung »Für immer Punk?« erschienen war und 2017 mein Fantasy-Roman »Das blutende Land« folgte, ging ich davon aus, dass ich 2018 ebenfalls ein Büchlein in den Handel schieben könnte. Es existiert bereits einen Arbeitstitel, es gibt einen Überblick zu den Dingen, die darin veröffentlicht werden sollen – aber ich wurde schlicht nicht fertig. Die geplante Sammlung der »Magira-Geschichten«, was ich an dieser Stelle nicht weiter erläutern möchte, wird sich also mindestens auf Ende 2019 verschieben.

Immerhin scheint im Frühjahr 2019 das Buch endlich zu seiner Produktion kommen, an dem ich in den vergangenen Jahren immer wieder gearbeitet habe. Es ist ein Projekt, an dem ein Freund und ich gemeinsam tätig waren. Wer genau was an dem »Totengräber«-Geheimprojekt bastelte, werde ich irgendwann erzählen, wenn es raus ist. Ich mache drei Kreuze – hier passt das ja! –, wenn dieses Buch endlich erscheint.

Eine offene Wunde für mich ist mein Roman »Und: Hardcore!«. Dieser erschien in vielen Fortsetzungen im OX-Fanzine, ist der dritte Teil der »Peter Pank«-Trilogie und sollte endlich als Buch erscheinen. Aber dazu müsste ich alle Fortsetzungen noch einmal durcharbeiten, viel streichen und zusammenfassen – und irgendwie graust es mich ziemlich vor dieser Arbeit. Deshalb schiebe ich sie immer wieder vor mir her …

Ebenfalls geschoben habe ich ein Science-Fiction-Konzept. Ich hatte ein Exposé und die ersten Kapitel geschrieben, weil ich von einem Verlagskollegen dazu aufgefordert worden war. Leider fand er mein Konzept dann doch nicht gut, so dass nichts daraus wurde. Ich würde es natürlich gerne irgendwann zu Ende bringen und veröffentlichen.

Aber seien wir realistisch: Es geht nur eins nach dem anderen. 2018 war nicht gerade optimal. Vielleicht schaffe ich 2019 ein wenig mehr. Schauen wir mal …

09 Januar 2019

Soße aus dem Mund

Die zwei Paare am Nachbartisch waren das, was man »gutbürgerlich« nennen würde: zwei grauhaarige Männer, die viel und offenbar gern lachten, zwei Frauen, die auch schon angegraut wirkten. Man aß gut, man ließ sich den Wein schmecken, man hatte offenbar viel Spaß. Alle sprachen im örtlichen Dialekt, wirkten so, als seien sie gut vernetzt in der örtlichen Gesellschaft.

Normalerweise versuche ich, die Gespräche am Nachbartisch zu ignorieren. Das geht nicht immer, und so schnappte ich irgendwann Wörter wie »Seehofer« oder »Kretschmann« auf, verstand dann recht schnell, dass es um Politik ging. Danach war es um mich geschehen, und ich lauschte immer wieder zum anderen Tisch hinüber. Das ist unhöflich, aber ich konnte mich nur mühsam bremsen.

Der eine Mann sagte, er habe früher immer die SPD gewählt, und er habe immer die Öffentlich-Rechtlichen Medien verteidigt. Der andere war wohl ein CDU-Wähler, seit vielen Jahren zwar durchaus kritisch, aber dennoch von der Partei überzeugt.

Später sagte der ehemalige SPD-Wähler, dass er mittlerweile eigentlich »nur noch RTL-Nachrichten« gucke. Die seien nicht so manipulativ wie die anderen. Was er damit meinte, fragte sein Gegenüber.

Die Begründung: Bei »heute« oder der »Tagesschau« sage man nie, die AfD veranstalte einen Parteitag, sondern man sage immer, »die rechtspopulistische AfD« mache dies. Das sei eine Manipulation.

Man sage schließlich auch nicht, »die rotgrün versifften Grünen« täten dies oder jenes. Er lachte laut, das war offenbar ironisch gemeint. Ich sah zu, dass ich mich wieder auf meinen Tisch konzentrierte.

Später fiel der Name Sarrazin, und ich hörte doch wieder hin. »Man muss die Bücher lesen«, sagte der ehemalige SPD-Wähler. »Da ist jedes Wort wahr, da stimmt alles.« Alle Zitate und alle Zahlen seien belegt, alles sei wissenschaftlich korrekt.

Es war ein schöner Abend, und mein Essen und meine Getränke waren lecker, die Gesellschaft an meinem Tisch empfand ich als sehr angenehm. Trotzdem musste ich mich immer wieder darauf konzentrieren, nicht mit einem Ohr am Nachbartisch zu sitzen.

Die Leute dort wirkten sympathisch: gute Bürger in einem netten Restaurant in der Innenstadt, keine Stammtisch-Proleten. Und trotzdem troff die angebräunte Soße aus einem freundlich lächelnden Mund.

08 Januar 2019

Gedenken an die Aktion Rheinland

Meine Verbindungen zur Stadt Düsseldorf sind nicht besonders gut, ich war in all den Jahren dort nicht gerade oft. Deshalb kenne ich mich auch mit der Historie der rheinischen Metropole nicht aus und wusste bis vor kurzem nichts von der Aktion Rheinland.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, als sich die alliierten Truppen bereits Düsseldorf näherten, versuchten einige Zivilisten den Endkampf um die Stadt zu verhindern. Sie verhandelten mit den amerikanischen Truppen, wurden aber verraten und hingerichtet. Die Mörder wurden nach dem Krieg übrigens freigesprochen ...

In Erinnerung an diese Ereignisse im April 1945 wurde im Jahr 2015 eine CD zusammengestellt, die den Titel »Aktion Rheinland« trägt. 21 Bands aus Düsseldorf und Umgebung präsentieren 21 Stücke – und das ist nicht nur irgendein Sampler, der allerlei Kram versammelt, sondern wirklich eine spannende Reihung unterschiedlichster Bands und Projekte.

Klar sind bekannte Bands wie die Broilers (hier mit Stadion-Rock, aber mit einem klarsichtigen Text über Heimat und Identität) und die Toten Hosen (mit einer starken Version des Liedes »Die Moorsoldaten«) dabei. Dazu kommen Bands, die ich kenne, wie etwa Die Krupps (mit wuchtigem Elektro-Sound) oder Heavy Gummy (die die Ereignisse des 16. April 1945 vertonten).

Interessant ist die Mischung allemal. Es findet sich konventionelle Rockmusik mit deutschen und englischen Texten, deutschsprachige Popmusik, ein wenig Elektro, ziemlich cooler HipHop von JayJay, sogar klassische Musik vom Converse Quartet. Alle Bands und Projekte stammen aus Düsseldorf und Umgebung, allesamt stellen sie sich politisch klar auf.

Ich habe mir die CD mehrfach angehört. Nicht alles gefällt mir, nicht alle Stücke gehen in eine musikalische Richtung, die mich erfreut. Das Gute daran ist sowieso: Man kann sie mehrfach hintereinander anhören, sie wurde zumindest mir nicht langweilig.

07 Januar 2019

Verschwitzt und fröhlich

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Wenn man schon mal die Gegend um Las Vegas ansteuert, darf auch ein Abstecher in den Grand Canyon nicht fehlen. Auf diese einfache Touristen-Logik durfte ich bei meiner Reise nach Kalifornien nicht verzichten. Immerhin vertraute ich mich einem halbwegs öffentlichen Verkehrsmittel an und mietete mir keinen eigenen Wagen.

Ich war von den Örtlichkeiten beeindruckt, wie so viele andere Menschen auch. Stundenlang spazierte ich an der Kante des Grand Canyons entlang, kletterte an einigen Stellen ein wenig herum, ließ mich später sogar zu einem Rundflug überreden – den ich nicht bereute – und war hinterher gebührend verschwitzt.

Die Temperaturen an diesem Tag waren recht hoch. Obwohl wir Ende November hatten, knallte die Sonne ganz schön. Man brauchte im Schatten eine Jacke, weil es sofort frisch wurde – von oben herab wurde es aber hell und heiß.

Weil ich derzeit mit der aktuellen Politik der USA meine Schwierigkeiten habe, kann ich mir derzeit keinen Urlaub in diesem Land vorstellen. Das kann sich jederzeit ändern. Und schaue ich mir meine Fotos von meinen Amerika-Aufenthalten an, denke ich immer, dass ich mir von manchem Politiker nicht die positiven Erinnerungen verderben lassen sollte.

06 Januar 2019

Heilige Drei Könige

Wie weit es mit der christlich-abendländischen Kultur wirklich her ist, merkt man unter anderem am sogenannten Dreikönigstag. Gern stelle ich an einem solchen Tag die Frage nach den Heiligen Drei Königen: Wie heißen die denn, und wo kommen sie her?

Die Antwort bekommen einige immerhin zusammen. Sie erinnern sich an die Könige aus dem Morgenland, und sie wissen, dass einer von ihnen schwarz war.

Frage ich aber weiter, wird es schnell kritisch. Wo in der Bibel sind die denn erwähnt, diese drei Könige? Woher kommt denn die Geschichte?

Auch gebildete Menschen versichern dann, das stehe alles in der Bibel, und die Tradition käme aus irgendeinem Evangelium. Wenn ich dann frage, in welchem Evangelium das stünde, herrscht auch bei den gebildeten Menschen üblicherweise Schweigen.

Meine schrecklich-strenge christliche Erziehung wirkt sich hier aus. Ich habe die vier Evangelien nämlich irgendwann gelesen und mich schon vor Jahrzehnten darüber gewundert, dass in der Bibel weder etwas von Königen zu lesen ist noch die Zahl drei eine Rolle spielt. In der Tat wird in einem der vier Evangelien von »Sterndeutern« geredet, die Namen fallen nie. Die komplette Geschichte mit den drei Königen ist Legendenbildung aus dem frühen Mittelalter.

Das aber ist letztlich egal, die Geschichte entscheidet. Schon klar – und ich möchte auch niemandem sein religiöses Bekenntnis streit machen und seine Freude am Dreikönigssingen. Nur ... wie weit ist es mit dem christlich-abendländischen Vaterland denn nun wirklich, wenn offensichtlich drei Figuren verehrt werden, die nicht einmal in der Bibel stehen, von denen aber jeder glaubt, dass sie der Bibel entstammen?

05 Januar 2019

Rote Elefanten in Paris

Mit der Comic-Trilogie »Auf die Barrikaden!« erinnern der Comic-Autor Wilfrid Lupano und unterschiedliche Zeichner an den Aufstand der Kommune in Paris. Bürger kämpften damals in der belagerten Stadt für ihre Rechte, während die deutschen Truppen einen Ring um Paris zogen.

»Die roten Elefanten« wird aus der Sicht eines Kindes erzählt. Victorine ist elf Jahre alt, lebt in Hunger und Not inmitten der belagerten Stadt. Die Mutter tritt für die Frauenbewegung ein, während Victorine ihren eigenen Träumen folgt. Sie stellt sich vor, sie könnte die Elefanten im Zoo befreien und auf ihrem Rücken gegen die deutschen Belagerer marschieren ...

Lupano ist ein Autor, der es immer wieder schafft, unterhaltsame Szenen mit politischen Inhalten zu verbinden. Er stellt die Kämpfe der Zivilbevölkerung ins Zentrum seiner Geschichte, erzählt von ihrem Leid, von Hunger und Tod. Die Sicht des Mädchens ist hingegen von Optimismus geprägt, von phantastischen Träumen und Vorstellungen. Das wirkt aus der Sicht eines erwachsenen Lesers oftmals witzig, wirkt aber völlig glaubhaft.

Luzy Macel setzt dies in ebenfalls glaubhafte Bilder um. Er benutzt zwar den Blick eines Kindes, macht deshalb manchmal die eine oder andere ironisch anmutende Illustration, bleibt aber immer auf einer realistischen Ebene. Sogar leicht karikaturistische Elemente wirken nicht albern, sondern verstärken die bedrückende Atmosphäre einer Not leidenden Bevölkerung.

Schon die Trilogie »Auf die Barrikaden!« schildert insgesamt kein witziges Thema. Aber »Die roten Elefanten« gewinnt dem Thema einen Aspekt ab, den man als kämpferisch und als tapfer sehen kann. Auch ein elf Jahre altes Mädchen kann schließlich für die Rechte und für die Freiheit eintreten.

Lupano und Mazel schaffen es mit dem 56 Seiten starken Album, eine packende Geschichte zu erzählen, die unterschiedliche Geschmäcker befriedigen sollte: Wer historische Abenteuer mag, ist hier richtig. Wer politische Geschichten mag, wird ebenfalls bedient. Und wer einen feministischen Blick auf die Historie Europas bekommen möchte, sollte unbedingt zugreifen.

Tolle Trilogie, toller zweiter Band! (Erschienen im Splitter-Verlag. Checkt die Leseprobe auf der Internet-Seite des Verlages.)

04 Januar 2019

Einige Worte zu Hagen Zboron

Als ich in den späten 70er-Jahren die ersten Kontakte zur organisierten Szene der Science-Fiction-Fans knüpfte, zum sogenannten Fandom also, war Hagen Zboron schon nicht mehr aktiv. Vor allem in den 60er-Jahren schrieb er für viele Fanzines, sein bekanntestes Heft dürfte »Nibelungen« gewesen sein. Andere Mini-Fanzines trugen Titel wie »Auch 'ne Meinung«, und er veröffentlichte sie zu einer Zeit, in der ich noch nicht geboren oder noch sehr klein war.

Ich lernte Hagen Zboron nie kennen, obwohl er in Rottenburg wohnte, einer Kleinstadt im Schwäbischen, durch die ich in den 80er- und frühen 90er-Jahren sehr oft fuhr. Immer wieder nahm ich mir vor, mit ihm in Kontakt zu treten. Ich wollte ihm schreiben, dass ich seine Texte sehr gern gelesen hatte. Dann aber ließ ich es stets sein: Er hatte sich von der Science-Fiction-Szene entfernt, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er sich über ein Schreiben von mir gefreut hätte.

Seit dieser Woche bereue ich das sehr. Wie ich zum Jahresanfang erfuhr, war er am 31. Dezember 2018 verstorben. Die Gründe sind mir nicht bekannt, sie tun auch nichts zur Sache.

Hagen Zboron war ein kritischer Autor. Mit wachem Blick betrachtete er die Science Fiction im Allgemeinen und die damals noch junge Fan-Szene im Besonderen. Er schrieb ausführliche Kritiken zu Romanen und Kurzgeschichten, zu Fanzines und Filmen. Dabei ließ er es nicht an Ironie mangeln, hatte immer einen sehr eigenen Blick auf die Szenerie. Viele seiner Texte sind auch heute noch lesenswert, viele sind leider schon vergessen – weil die Hefte damals meist per Umdrucker hergestellt wurden und deshalb die Seiten teilweise kaum noch lesbar sind.

Es wäre schön, sein Werk der Nachwelt zur Verfügung zu stellen, selbst wenn dies nur in groben Auszügen zu machen wäre. Aber ich fürchte, das wird ein unerfüllbarer Traum bleiben. Ich hätte Hagen Zboron gern kennengelernt und bedauere nun sehr, nie den Kontakt hergestellt zu haben …

03 Januar 2019

Im guten alten Amt

Die Arbeitsberaterin blätterte durch meine Unterlagen, dann sah sie mich an. Hinter ihrer Brille wirkten die Augen wie vergrößert. »Sie sind also arbeitslos«, sagte sie.

Ich nickte. »Ich melde mich als Arbeitssuchender bei Ihnen zurück.«

Erneut blätterte sie in ihren Akten. »Sie waren arbeitslos gemeldet, dann haben Sie sich abgemeldet, jetzt melden Sie sich wieder. Warum?«

»Ich war drei Monate in Westafrika.«

»Ohne Versicherungsschutz?«

Ich nickte. »Ja, ich habe mich ordnungsgemäß vom Amt abgemeldet, jetzt bin ich wieder da.«

»Aber da waren Sie nicht versichert!« Sie schien verwirrt zu sein.

»Na ja, das hat mich in den drei Monaten nicht so interessiert«, gab ich zurück. »Ich hatte eine Krankenversicherung für die Reise, keine Sorge.«

»Und jetzt sind Sie arbeitslos.«

»Na ja. Ich suche Arbeit, und ich bin sicher, bald eine Stelle zu finden.« Ich gab alles, um sie optimistisch anzulächeln. Wir schrieben den März 1988, und das Arbeitsamt war eine Behörde, in der eisenharte Regeln galten. »Das wird alles klappen.«

Sie tippte auf meine Unterlagen. »Hier steht, dass Sie nach der Schule keine Ausbildung gemacht haben. Sie haben keine Lehre gemacht und auch nicht studiert.«

»Genau. Und jetzt suche ich Arbeit als Redakteur.«

Sie wirkte ratlos. »Aber das haben Sie nicht studiert.«

»Das muss man nicht. Das ist ja ein Beruf, dessen Bezeichnung nicht geschützt ist.« Ich lächelte erneut. »Derzeit versuche ich, mir als freier Mitarbeiter ein Zubrot zu verschaffen.«

»Das können Sie nicht machen, wenn Sie arbeitslos sind.«

»Doch, doch.« Ich gab mir Mühe, freundlich zu bleiben. Man hatte mir gesagt, dass es nicht einfach werden würde. »Ich muss diese Nebeneinkünfte bei Ihnen anmelden, und sie werden dann mit dem Geld verrechnet, das ich vom Amt erhalte.«

»So so«, schnaubte sie und blätterte in den Unterlagen. Kritisch musterte sie mich. »Es wäre meiner Ansicht nach sinnvoller, wenn Sie erst einmal eine Ausbildung machen würden. Irgendeine.«

»Aber warum? Ich habe ja in einem Beruf gearbeitet, ich werde das auch wieder tun. Ich will mich ja nur für die Übergangszeit arbeitssuchend melden.«

»Das geht so nicht.« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Sie können nicht einfach hier hereinschneien und meinen, für Sie müsste man Sonderregeln einführen. Wir schauen mal, was wir für Sie tun können.« Sie blätterte wieder. »Erst einmal eine Quaifizierungsmaßnahme, dann sehen wir weiter.«

Es war nicht einfach mit dem Arbeitsamt. In jenem Frühjahr 1988 hatten die Dame vom Amt und ich einige Kommunikationsprobleme. (Zwei Monate nach diesem Gespräch hatte ich eine feste Arbeitsstelle als Redakteur.) Nach allem, was man so hört, ist es heute mit der Agentur für Arbeit nicht viel einfacher …

02 Januar 2019

Gegen den Strom

Es sind immer wieder die »kleinen Filme«, die mich berühren und begeistern. Das erlebte ich auch kurz vor Jahresende, als ich den wunderbaren isländischen Film »Gegen den Strom« im Kino anschaute. Den Originaltitel »Woman At War« hätte ich übrigens gelassen, den fand ich viel stärker – aber da es um Stromleitungen geht, ist »Gegen den Strom« in seiner Doppeldeutigkeit ebenfalls sehr gut.

Der Film erzählt von einer Frau um die fünfzig. Sie leitet einen Chor und führt ein offenbar sehr zurückhaltendes und bürgerliches Leben in Island. Doch in ihrer Freizeit zieht sie los, um für die Umwelt zu kämpfen. Mit Pfeil und Bogen – übrigens sehr glaubhaft dargestellt! – schafft sie es tatsächlich, eine Stromleitung zu unterbrechen. Unter knallharten Bedingungen rennt sie durch die freie Natur in Island, versteckt sich vor Polizisten und taucht am Ende wieder in ihre bürgerliche Existenz ab.

Der Ein-Frau-Krieg einer Person gegen die Industrie und für die Umwelt ist beeindruckend in Szene gesetzt. Die grandiosen Bilder von der isländischen Landschaft begeistern, die Aktionen der Frau wirken wuchtig. Dabei macht sie keinen fanatischen Eindruck, sondern setzt sehr gelassen ihre Ziele um. Aber dann gerät ihr Aktionsplan ins Wanken, als ein kleines Mädchen in der Ukraine in ihr Leben tritt – oder treten könnte …

»Gegen den Strom« ist extrem unterhaltsam. Streckenweise ist der Film spannend wie ein Thriller, dann wieder überraschen witzige Dialoge. Und immer wieder muss man echt lachen: immer dann beispielsweise, wenn ein radfahrender Tourist mit fremdländischem Aussehen von der Polizei als möglicher Terrorist verdächtigt wird.

Für zusätzlichen Witz sorgen eine Band und ein dreiköpfiger Chor, die zu den unmöglichsten Anlassen im Bild herumstehen. Das kann man jetzt nicht genau erklären, das muss man gesehen haben. Ich bin sicher, dass das auch nicht allen Leuten gefällt; ich fand's toll.

»Gegen den Strom« machte mir großen Spaß. Halldóra Geirharðsdóttir ist eine tolle Schauspielerin, der ich sowohl die bürgerliche Existenz als auch die Rolle als Kämpferin jederzeit abnahm. Wer mag, kann den einen oder anderen Schwachpunkt finden – aber ich mochte auch den offenen Schluss des Filmes sehr.

(Wer mir nicht glaubt, schaue sich die Trailer im Netz an. Man findet sie auch auf der Internet-Seite des Filmes.)

28 Dezember 2018

Der »Harry Potter«-Marathon

Ich weiß, dass viele »ernsthafte« Fantasy-Fans aus meiner Generation ihre Probleme mit den »Harry Potter«-Romanen hatten. ich erinnere mich an die Verrisse »von oben herab« zu den Büchern. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an meine Freude, als ich die ersten Bücher der Serie las und mich eben wie ein Junge fühlte, der in die Welt der Magie einsteigt.

So ging es mir nicht, als ich die Filme im Kino ansah – als kleiner Junge funktionierte es für mich nicht. Aber das änderte nichts an meiner jeweiligen Freude ...

Ich sah alle »Harry Potter«-Filme zu ihrer jeweiligen Zeit im Kino, einen Teil sogar in Hollywood, in einem plüschigen Kinosaal am Hollywood Boulevard. Ich fand sie teilweise gut, teilweise albern, teilweise brillant. Und über die Feiertage schaute ich sie mir alle noch einmal an: bequem auf dem Sofa daheim, eine DVD aus der Box nach der anderen.

Wichtige Erkenntnis: Diese Filme sind gut gealtert. Ich musste mich kein einziges Mal dafür schämen, dass ich sie mal gut gefunden hatte. Sie sind sehr gut gemacht, sie sind unterhaltsam, sie sind schnell erzählt und machen mir immer noch Freude.

Vor allem ist die Veränderung der Figuren immer noch klar und spannend. Was im ersten Film noch echte Teenager sind, werden irgendwann junge Erwachsene, die alle Variationen von Teenage-Liebe durchmachen. Und was als eher witzige Zauberer-Serie anfängt, wird am Ende zu einer Parabel auf Faschismus und die Kraft des Widerstandes.

Die abschließenden zwei Teile der Folge sieben sind tatsächlich ein Beispiel dafür, wie unterhaltsam und wie spannend man Politik erzählen kann. Die Herrschaft des Dunklen Lords, der Widerstand einiger tapferer Leute, das Anpassen von vielen anderen – das alles wird eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Doch: Ich mochte die »Harry Potter«-Filme, und das zum wiederholten Mal. Ich bin mir zudem sicher, dass ich sie bald wieder anschauen werde. Vielleicht zu Weihnachten 2019 …

27 Dezember 2018

Chango mit einem ruppigen Stück

Man braucht sogar als Süddeutscher einige Zeit, um den Text von »I Heas Maschian« zu verstehen. Das Stück stammt von der österreichischen Band Chango und ist im lokalen Dialekt gehalten. Und es geht um die marschierenden Nazis, die eben auch in Österreich immer mehr von sich reden machen.

Welche Schublade für die Musik passend ist, weiß ich nicht. Das Band-Info spricht von Stoner-Rock – dann wird das so sein. Ein dumpf wummernder Bass trägt das Stück, die gesamte Instrumentierung ist schleppend und zäh, packt mich aber beim zweiten und dritten Mal immer mehr: klassische Rockmusik, halt schleppend gespielt, durchaus gewöhnungsbedürftig und von Mal zu Mal besser klingend.

Was Chango machen, ist definitiv kein Punkrock oder sonst was, das ich mir täglich anhöre. Aber es ist ein starkes Stück, das auf die weitere Musik der Band sehr neugierig macht.

Superspannender Berlin-Thriller

Ich kenne den Schriftsteller Martin Krist persönlich, wir haben uns zuletzt beim LiteraturCamp in Heidelberg sehr gut unterhalten. Das färbt meinen Eindruck von seinen Büchern natürlich positiv sein – und das sollte ich einer Rezension auch vorausschicken. Nur: Das ändert nichts daran, dass ich seinen Krimi »Böses Kind« hervorragend fand.

In kurzen Kapiteln, die in filmischer Weise sehr schnell hintereinander geschnitten worden sind, erzählt der Autor seine Geschichte. Dabei wählte er verschiedene Blickwinkel. Seine Hauptfigur ist Henry Frei, ein Kommissar, der einen Haufen eigener Geheimnisse mit sich herumschleppt. Mit seinen Kollegen führt er einen aussichtslos erscheinenden Kampf gegen Verbrecher aller Art.

Die andere Hauptfigur ist eine junge Frau namens Suse. Nachdem sie von ihrem Mann verlassen worden ist, wohnt sie mit drei Kindern in einer winzigen Wohnung. Sie erhält von ihrem Mann kein Geld, ist also gezwungen, jeden Tag arbeiten zu gehen, und geht zwischen ihren Pflichten und dem täglichen Stress fast unter.

Eines Morgens stellt Suse fest, dass ihre Tochter Jacqueline nicht mehr da ist. Statt dessen steht ein Mann im Garten und starrt Suse an. Suse dreht fast durch vor Sorge, sucht ihre Tochter trotz des Stresses, das sie in ihrem Umfeld hat, findet sie nicht, meldet sich bei der Polizei und wird von dieser nicht sonderlich ernst genommen.

Zur gleichen Zeit finden Henry Frei und seine Leute einen verstümmelten Hund, dann eine männliche Leiche. Es scheint einen direkten Zusammenhang zu Suse und ihrer Tochter zu geben. Und offenbar drängt die Zeit – damit es nicht bald weitere Tote gibt …

Der Thriller läuft in rasendem Tempo ab. Ständig passiert etwas, schnelle Dialoge wechseln sich ab mit rascher Action. Hinter jeder Figur scheint ein Geheimnis zu stecken, auch die Polizisten sind keine Charaktere, die einem als hundertprozentig korrekt vorkommen. Damit schafft es der Autor, einen Leser immer wieder zu überraschen.

Interessant fand ich eines: Obwohl Martin Krist eine Art hat, seine Dialoge zu führen, die meinem Geschmack gar nicht entspricht, störte mich das irgendwann nicht mehr – so sehr vermochte er mich zu packen und in seinen Thriller hineinzuziehen. Nachdem ich mich auf »Böses Kind« eingelassen hatte, war ich kaum mehr in der Lage, mit der Lektüre aufzuhören.

Den Roman hat der Autor als Selfpublisher veröffentlicht. Ich kaufte die Taschenbuchausgabe via Amazon – auf seiner Internet-Seite informiert Martin Krist über seine Vertriebssituation. (Und weil mich »Böses Kind« so gepackt hat, bestellte ich mir auch gleich die Fortsetzung. So funktioniert das eben …)