13 November 2018

Man kann mich »erspenden«

Ich finde schon den Ansatz sehr gut: Unter dem Namen »Autoren helfen« haben sich Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum zusammengetan. Sie wollen – so steht es auf der entsprechenden Internet-Seite – »ihre kreativen Kräfte bündeln und sich für humanitäre und soziale Anliegen einsetzen«. Seit ihrer Gründung im September 2015 hat die Initiative immer wieder auf politische Themen aufmerksam gemacht und Spenden gesammelt.

Dabei wird eine politische Agenda verfolgt, die ich ebenfalls begrüße: Es geht um die Unterstützung von Flüchtlingen. So wurde die Initiative Flüchtlingspaten Syrien e.V. gefördert, Geld ging an schwangere Frauen im Flüchtlingscamp Idomeni, es gab Leseförderung in Frankfurt/Oder.

Das aktuelle Projekt heißt »Verschenke eine Wohnzimmerlesung«, und da bin ich jetzt auch dabei. (Im Team sind Autorinnen wie Kathrin Lange und Ursula Poznanski, die ich kenne und schätze, denen ich sehr vertraue.)

Das Projekt ist spannend, man kann sich praktisch einen Autor oder eine Autorin »erspenden«. Die Mixtur an Personen ist enorm: Lyriker und Krimischreiber, Science-Fiction- und Thriller-Autoren sind vertreten. Wer sich dafür interessiert, schaut auf der entsprechenden Seite, welcher Autor in der Nähe wohnt – und dann kann man sich jemanden für eine Lesung ins Wohnzimmer halten. Okay, man muss natürlich etwas spenden – aber das ist bei so einer Aktion ja der erwünschte Nebeneffekt.

Ich finde das Projekt super, und ich würde mich freuen, wenn es erfolgreich würde. Ich zitiere gern: »In Zeiten wie diesen ist jeder Einzelne gefragt, ein Zeichen zu setzen für Toleranz und Weltoffenheit. Denn jetzt entscheiden wir, in was für einem Land wir in zehn Jahren leben werden.« Eine Wohnzimmerlesung verändert nicht die Welt, kann hier aber durchaus etwas bewegen – und wenn's nur Spenden sind, die an die richtige Stelle gelangen.

12 November 2018

Hardcore, ein wenig stumpf, aber konsequent

Mazedonien ist alles andere als ein »Hotspot« für Punk und Hardcore; die meisten Menschen in Mitteleuropa dürften nicht einmal genau wissen, wo das Land denn liegt. Aber auch dort hat sich eine Punk-Szene herausgebildet, und die Band F.P.O. zählte in den Nuller-Jahren zu den Aktivposten. Die Band kommt wohl aus Skopje, der Hauptstadt, aber gute Informationen zu ihr sind schlecht zu bekommen.

Die Texte sind in mazedonischer Sprache; die Beschriftung auf der CD, die ich habe, ist auf kyrillisch. Immerhin ist eine englische Übersetzung dabei; die mir vorliegende CD heißt also übersetzt »don't know what a human is«. Schaue ich mir die Übersetzungen an, ist die Band nicht unpolitisch, trifft aber vor allem allgemeine und gesellschaftspolitische Aussagen.

Musikalisch passt das alles gut zusammen. Die Band prügelt sich im Stakkato-Sound durch ihre Stücke, das ist oftmals stumpf, klingt aber stets authentisch und knallig. Der Sänger erinnert in seinem Gebrüll an Gunnar, der in den späten 80er-Jahren mit So Much Hate die meiner Ansicht nach beste Hardcore-Band Europas nach vorne peitschte.

F.P.O. lässt sich am ehesten mit dem Sound vergleichen, der in den späten 80er-Jahren als Euro-HC bezeichnet wurde. Teilweise gibt es in den Stücken auch mal Breaks, manchmal wird sogar vergleichsweise dezent gespielt – meist wird aber nach vorne gedroschen. Es gibt keinen Metal-Einfluss, und von Emo scheinen die Burschen nichts gehört zu haben.

Konsequent.

Gardi Hutter in Stuttgart

Im Verlauf der Jahre erlebte ich zwei Vorstellungen der Clownin Gardi Hutter mit. Ich sah »Die Schneiderin« und »Alles Käse«, und ich bewundere jeweils die Art und Weise, wie die Künstlerin es schaffte, sehr ernsthafte Themen in komischer, ja, absurder Weise abzuhandeln. Der Tod und die Einsamkeit wurden von ihr ernstgenommen und nicht veralbert, trotzdem musste ich bei ihren Vorstellungen immer wieder lachen.

Am Sonntag, 11. November, sah ich »Gaia Gaudi« im Theaterhaus in Stuttgart. Für mich war es durchaus ungewohnt, dass Gardi Hutter nicht allein auftrat; sie wurde von drei jungen Leuten begleitet, die ihre Reise begleiteten: mal tanzend, mal singend, mal trommelnd, mal einfach nur herumstehend, mal albern, mal todtraurig.

Denn in diesem Theaterstück ging und geht es um den Tod. Die von Gardi Hutter gespielte Figur der Hanna ist tot, damit beginnt das Stück. Sie liegt bereits als Leiche im Sarg, doch Hanna mag ihren Tod nicht akzeptieren. Dabei muss sie von der Erde abtreten, um Platz für neue Generationen zu machen.

Wie ihre Seele durch das Leben und den Tod flattert, wie sie versucht, sich an das Leben zu klammern, wie ein roter Koffer zum Symbol wird, wie Todesvögel um die Seele herumflattern – das ist alles so traurig und gleichzeitig so lustig, dass man weinen und lachen möchte. (Hinter mir saß eine Frau, die praktisch ununterbrochen lachte, auch bei Szenen, in denen der Rest des Saals von eisiger Stille wie gelähmt wirkte.)

Ich stelle fest, wie schwierig es ist, dieses Theaterstück zusammenzufassen, wie komplex die Handlung dann doch war. So komplex und so einfach wie das Leben, so flatterhaft und anstrengend, so unklar und wirr. Ich fand »Gaia Gaudi« toll und empfehle es jenen Leuten, die Lust auf Theater haben und einen ungewöhnlichen Blick genießen können.

11 November 2018

Ein Stau und seine Folgen

Auf einmal war Stau auf der Autobahn zwischen Karlsruhe und Pforzheim. Ich sah die endlose Schlange der Autos, die sich am Berg von Wolfartsweier stauten. Frustriert blieb ich stehen, bislang war ich auf dem Standstreifen marschiert. Eigentlich wollte ich weiter, jetzt aber musste ich wohl stehen bleiben.

Neben mir hielten Radfahrer, die ebenfalls auf dem Standstreifen unterwegs waren. Wir unterhielten uns. Sie hatten Landkarten in der Hand, die sie betrachteten.

Auf einmal fiel mir die Tunnelöffnung auf, die rechts der Autobahn gähnte. »Vielleicht kommen wir dort weiter!«, rief ich aufgeregt und lief auf den Tunnel zu. Einer der Radfahrer ließ sein Rad stehen und eilte mir hinterher, auch andere Menschen folgten.

Der Tunnel war dunkel, es ging schnell bergauf, und rasch kam ich auf der anderen Seite raus. Ich stand in einem seltsamen Wald. Ein Auto raste auf mich zu, ich sprang zur Seite. Mir fiel auf, dass die Straße nicht asphaltiert war, sondern aussah, als bestünde sie aus einem Geflecht, wie Drähte, die eng miteinander verbunden waren.

Hinter mir kamen andere Leute aus dem Tunnel, der sich – wie sich aus dieser Perspektive zeigte – als ein Loch im Boden entpuppte. Ich halt ihnen aus dem Loch. Verwirrt standen wir herum.

Ich erkannte, dass der Wald kein Wald war und die Straße auf einmal kleiner war. Die Autos, die durch die Gegend fuhren, reichten mir kaum bis zu den Knien. Da kapierte ich, dass ich in einem Raum stand, riesengroß und mit Wänden, die weit in die Höhe ragten.

Rechts war eine Tür, zu der ich hinüber ging, auf einmal neugierig und angespannt, fast zitternd vor Anspannung. Ich schob sie auf und blickte in einen Flur, erhellt von indirektem Licht. Er erstreckte sich in beide Richtungen, auf beiden Seiten sah ich verschlossene Türen.

Ich war völlig verblüfft. Was sollte das? Da wachte ich auf.

10 November 2018

Nebel am Leuchtturm

Wieder blickte ich zu der Fensterfront, ließ meinen Blick über die Straße schweifen, die um diese Zeit menschenleer war, hinüber zu den Ruinen der alten Abtei und zu dem Leuchtturm, der sich als weiße und rote Säule in den Himmel zu recken schien. Der Nebel kam immer näher, er waberte bereits in dünnen Schwaden über die Straße und kletterte an den alten Mauern hoch.

Nachdenklich nahm ich mein Glas zur Hand, setzte es an und trank einen kleinen Schluck Rotwein. Das passte zum Wetter, fand ich: ein schweres Aroma, das im Gaumen und im Hals verschiedene Geschmacksnerven ansprach. Ich hätte stundenlang dasitzen können, ein Glas Wein in der Hand und den Blick auf den Nebel gerichtet.

Der Mann vom Nachbartisch sprach mich an, riss mich aus meinen Gedanken. »Entschuldigen Sie, verstehen Sie Französisch?«

Ich blickte auf. »Nicht besonders gut«, gab ich zu. »Aber es geht so.«

Er lächelte breit. »Ich habe gehört, dass Sie und Ihre Frau sich in deutscher Sprache unterhalten haben. Deutsch kann ich nicht, nur einige Wörter.« Er räusperte sich. »Guten Tag«, sagte er dann in stark akzentuiertem Deutsch.

»Kein Problem. Mein Französisch wird notfalls ausreichen.«

»Oder geht auch Englisch?«

»Das kann ich besser.«

Er strahlte. »Mein Englisch ist besser als mein Deutsch, Ihr Englisch ist besser als Ihr Französisch. Dann klappt das mit der Kommunikation.«

Wir wechselten ins Englische, und wenn wir da nicht weiterkamen, behalfen wir uns mit Französisch. Während ich mit dem Mann sprach, trank ich immer wieder aus dem Glas. Schnell war es leer.

Einer der Kellner kam auf seinem Gang durch das Restaurant vorüber. Das Bistrot 1954 war sicher nicht hochklassig, aber ich fand das Essen sehr ordentlich und vergleichsweise preisgünstig. Es war eines der zwei Restaurants in der Hostellerie Pointe Saint-Mathieu, in einem der letzten Zipfel der Bretagne gelegen, eher auf Touristen und nicht gerade auf Gourmets ausgelegt, mit schnellem Service und großen Portionen. Das andere Restaurant des Hotels bot Sterneküche-Niveau, hatte man mir gesagt.

»Noch einmal?«, fragte der Kellner und schnappte sich das Glas.

Ich nickte. »Einen Chinon.«

Er nickte ebenfalls und verschwand. Ich nutzte die Gesprächspause, in der der Mann neben mir ebenfalls trank, um noch einmal ins Freie zu schauen.

Die Landspitze war völlig im Nebel versunken. Saint-Mathieu, tagsüber eine schöne Ecke mit Ruinen, Leuchtturm und wenigen Wohnhäusern, zeigte sich nur noch als vernebeltes Stück Dunkelheit. Für einen Gruselfilm altmodischer Machart bräuchte man da keine Kulissen mehr zu bauen.

»Was sind Sie denn beruflich?«, fragte mich mein neuer Gesprächspartner.

Ich beging einen Fehler, der mit im Urlaub eigentlich nie unterlaufen sollte. »Ich arbeite in einem Verlag«, antwortete ich. Und als er nachfragte, fügte ich hinzu: »Ich bin Redakteur.«

Wie es sich herausstellte, erwies sich mein Gesprächspartner, der auf einmal eine Visitenkarte in der Hand hatte, als Schriftsteller. Er schreibe historische Romane, erzählte er mir wortreich, die sich an Kinder und Jugendliche richteten. Sie seien abenteuerlich, er beschäftige sich auch mit der deutsch-französischen Geschichte.

»Das Mittelalter, wissen Sie«, meinte er und zwinkerte mir zu, »also keine historisch heiklen Sachen.«

Der Keller kam vorbei. Ohne mich anzusehen oder ein »Dankeschön« abzuwarten, platzierte er in neues Glas mit Rotwein vor meiner Nase und eilte mit einem Eimer weiter, der bis zum Rand mit dampfenden Muscheln gefüllt war.

Ich nahm einen Schluck, genoss den kräftigen Wein, den ich für das Wetter geradezu ideal fand. Düsterer Sound hätte noch gefehlt, aber aus den Boxen im Bistrot drang irgendwelche Popmusik, die ich nicht einschätzen konnte, die aber viel zu fröhlich und aufgesetzt klang. Ich sah dem Nebel zu, der über die Straße kroch. Der Scheinwerfer des Leuchtturms stach durch die Dunkelheit, wie ein Stern, der sein Licht aus einer fernen Galaxis bis auf unseren Planeten herüberschleuderte.

»Wäre das nicht etwas für Ihren Verlag?«, redete der Mann neben mir weiter. Ich hatte ihn schon fast vergessen. »Ich könnte Ihnen die Bücher zuschicken, dann lesen Sie alles, und dann sehen wir, ob das nichts für den deutschen Markt wäre.«

In Gedanken stöhnte ich auf. Da wollte ich an einem Fenster in der Bretagne sitzen, auf das Meer blicken und die Arbeit hinter mir lassen. Und jetzt saß ich mit einem Autor da und sollte ein Fachgespräch führen.

Ich eierte herum, erklärte dem Mann, dass ich nur für Science Fiction zuständig sei, dass der Verlag, in dem ich tätig sei, nichts mit Kinderbüchern oder historischen Romanen anfangen könne, dass er mir gern etwas zuschicken könne und ich ja keinerlei Verpflichtungen einginge. Er war nicht unsympathisch, und unter normalen Umständen hätte ich ihn sogar gefragt, in welche Richtung seine Bücher wirklich gingen. Aber an diesem Abend hatte ich keine Lust darauf, über meinen Arbeit zu sprechen.

Lieber wollte ich dem Nebel zuschauen und meinen Wein trinken. Bald würde ich nicht einmal mehr das Licht des Leuchtturms sehen. Immerhin erkannte ich noch Autos, wenn sie am Hotel vorbeifuhren, auf der Landstraße, die an diesem äußersten Rand der Bretagne entlangführte. Ihre Scheinwerfer stachen durch den Nebel, ihr Licht streute.

»Überlegen Sie es sich«, sagte der Schriftsteller neben mir. Vielleicht war er müde, vielleicht sah er ein, dass ich keine große Lust auf ausufernde Gespräche hatte. Er legte die Karte neben mein Weinglas. »Hier ist meine Website, dort können Sie in die Bücher hineinschauen. Zwar ist alles in Französisch ...« Er lächelte verbindlich.

»Ich werde es schon verstehen«, behauptete ich und schämte mich ein wenig für mein abwesendes Verhalten.

Er nickte und stand auf. »Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall noch einen schönen Aufenthalt.« Er lächelte mir zu, hob grüßend die Hand und ging in Richtung Ausgang.

Als er im Freien stand, konnte ich ihn durch die Glasscheibe gut sehen. Er zog seine Jacke an, klappte den Kragen hoch. Kurze Zeit später leuchtete ein roter Punkt vor seinem Gesicht auf, Zigarettenrauch verschmolz mit dem allgegenwärtigen Nebel.

Er ging einige Schritte, dann war er im Nebel verschwunden. Von ihm blieben nur die Karte neben dem Weinglas und das Echo seiner Stimme in meinem Gehör.

09 November 2018

Nachts auf Burg Stahleck

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Es muss ein Silvester-Con gewesen sein, der auf Burg Stahleck veranstaltet wurde. Die Burg thront über dem Rhein, von ihren Mauern aus hat man einen phänomenalen Blick über Bacharach und andere Orte am Rhein. Von Ende 1996 bis an den Anfang 1997 nahm ich an der Veranstaltung teil; wenn ich mich recht erinnere, war ich nur zwei Tage anwesend.

Wer mir zu vorgerückter Stunde, irgendwann am frühen Neujahrsmorgen zwischen Mitternacht und Frühstück eine Sonnenbrille auf den Kopf setzte, weiß ich nicht. Ich war sicher schon ziemlich betrunken und sehr froh darüber, auf der Burg übernachten zu können. Das Bild zeigt das auch einigermaßen deutlich …

Obwohl es eine Fantasy-Veranstaltung war, trug ich keine »Gewandung«, hatte mich also nicht optisch in den Markgrafen von Wintersforst verwandelt. Stattdessen trug ich ein »Chaostage 1996«-Shirt, eine Sonnenbrille und ein dämliches Grinsen. Das passte für mich auch besser zu einer doch streckenweise konfusen Zeit.

08 November 2018

Ich erinnere mich an Achim Mehnert

Wann genau ich Achim Mehnert kennenlernte, kann ich nicht mehr genau sagen. Es muss in den ganz frühen 80er-Jahren gewesen sein, vermutlich schon 1981 beim StuCon in Stuttgart. Wir waren Science-Fiction-Fans, und wir waren immer wieder kreuz und quer durch die Republik unterwegs, per Anhalter und mit dem Gepäck auf dem Rücken.

Nicht nur einmal besuchte ich ihn in Köln, schlief nicht nur einmal im Schlafsack bei ihm auf dem Fußboden. Er besuchte mich in Dietersweiler, meinem Heimatdorf, wo er ebenfalls im Schlafsack übernachtete. So war das in den frühen 80er-Jahren. Wir waren jung, wir hatten kein Geld, aber viel Zeit und noch viel mehr Durst.

Er machte ein Fanzine namens »Denebola« und diverse Egozines, er veranstaltete Cons und schrieb Kurzgeschichten, er trank viel Bier und hörte laute Musik. Ich machte ein Fanzine namens »Sagittarius«, meine Musik klang ein wenig anders – sonst aber hatten wir erstaunlich viel gemeinsam. Er war ein wenig älter als ich, aber ich hätte uns immer als »gleichalt« betrachtet.

Wir waren gemeinsam auf Konzerten. Einmal fuhren wir nach Burglengenfeld bei Wackersdorf, wo wir das große »Anti-WAA-Festival« besuchten. Einmal schleppte er mich ins Müngersdorfer Stadion, wo wir uns U2 anschauten und er sich wunderte, warum ich die Vorgruppen allesamt besser fand. (Lou Reed oder die Pretenders oder Big Audio Dynamite waren um Längen cooler.)

Wir tranken viel Bier gemeinsam, er immer Kölsch, ich nur, wenn ich in Köln war. Er lästerte über das »Alpi« in Freudenstadt und trank es nur unter Protest. Wir saßen im »Milljöh« unzählige Male, wir saßen beim Jugendpark ums Grillfeuer, wir stromerten durch die Kneipen um den Barbarossaplatz, wie waren im »Blue Shell« und im »Rose Club«, im »Luxor« und in einem Laden, den ich nur als »Venuskeller« im Kopf habe, der aber sicher anders hieß. In Freudenstadt gingen wir ins »Nest« und hingen im Jugendzentrum an der Theke, wir waren in der »Schwarzwaldstube« und fuhren zu Partys, die irgendwo im Wald nur schwer zu finden waren.

Wir trafen uns überall in der Republik bei Cons, wo wir über Science Fiction und Musik sprachen, miteinander um die Häuser zogen und viel Spaß hatten. Kleinstädte wie Mettlach waren auf unserer Landkarte markiert wie Metropolen. Ich könnte tagelang Geschichten erzählen.

Ab den 90er-Jahren veränderte sich unser Verhältnis, es war berufsbedingt. Achim wurde freiberuflicher Autor – was ja mein Traumberuf gewesen war und seiner auch –, und ich wurde Redakteur. In den Serien, für die ich verantwortlich war, veröffentlichte er über ein Dutzend Romane. Meist arbeitete er für andere Verlage, und da waren wir nicht immer einer Meinung.

Zuletzt war unser Verhältnis nicht mehr so eng wie vor 30 oder 35 Jahren. Wir sahen uns auf Messen und Cons, und ich freute mich immer, wenn ich ihn sah. Als ich heute morgen las, dass er gestorben sei, verschlug es mir die Sprache. Von dem Schock habe ich mich noch nicht erholt; das wird so schnell auch nicht geschehen.

(Das Foto ist aus dem Jahr 2003 und stammt aus dem internen Server unserer Redaktion. Leider weiß ich nicht, wer der Urheber ist. Diese Angabe reiche ich nach, sobald ich sie weiß. Aber das Bild scheint von einer Präsentation zu stammen, in der es um die ATLAN-Miniserie ging.)

07 November 2018

Verwirrender November

In diesen Tagen bin ich nicht optimal aufs Wetter eingestellt. Früher war ja bekanntlich alles besser, also auch das Wetter: Im November regnete es, abends wurde es früh dunkel, es war nass und kalt. Und ich versuchte jahrelang, in genau dieser Zeit dem schlechten Wetter zu entkommen, indem ich durch afrikanische Länder reiste.

Im Jahr 2018 fühlt sich der November so an, als sei es ein Goldener Oktober. Spätestens dann, wenn ich mit dem Rad in der Stadt unterwegs bin, merke ich, wie verwirrend das alles für mich ist.

Am späten Nachmittag stieg ich aufs Rad. Ich zog die Herbstjacke an, die zwar ein wenig warm gibt, aber vor allem den Regen und den Wind abhalten soll. Ansonsten hatte ich Hose und Hemd an, mehr nicht, natürlich die Unterwäsche darunter (dass niemand auf dumme Gedanken kommt!). Das klappte gut. Ich fuhr durch die vergleichsweise warme Luft, ich fror nicht, wenngleich es mir an den Ohren ordentlich zog.

Als ich gegen 21 Uhr noch auf ein Bier aus dem Haus ging und in die Nordstadt radelte, war es schon ein wenig kühler. Sicherheitshalber zog ich zwischen Herbstjacke und Hemd noch einen Pullover an. Ich fuhr durch Berge von Blättern, die auf dem Gehsteig herumlagen, an den Händen und an den Ohren wurde es kühl – ansonsten aber war mir nicht kalt. Erhitzt kam ich in der Kneipe an.

Bei der Rückfahrt zog ich den Pullover wieder über. Zwischendurch überlegte ich mir, ob ich ihn ausziehen oder mir um die Ohren binden sollte. Ich ließ es, weil ich dann ja hätte anhalten müssen. Ein unzumutbarer Gedanke! Das kann aber auch daran gelegen haben, dass ich – um biblisch zu werden – »voll des süßen Weines« war …

06 November 2018

Zwischen Luxemburg und Apulien

Mit seinen Romanen um den Koch Xavier Kieffer hat der Schriftsteller Tom Hillenbrand eine Reihe ins Leben gerufen, die der Verlag als »kulinarische Krimis« vermarktet. Das klingt falscher als es ist: Tatsächlich wird in den Romanen fleißig gespeist und getrunken, dabei vermerkt der Autor auch gern, aus was die Speisen bestehen und wie sie zubereitet werden.

Und der jeweils eigentliche »Fall« hat stets mit Nahrung zu tun. Also stimmt die Bezeichnung tatsächlich ...

Das ist bei »Tödliche Oliven« nicht anders, den ich zuletzt las. Die Hauptfigur ist Xavier Kieffer, ein Koch in einem Gourmet-Restaurant in Luxemburg. Regelmäßig fährt er mit seinem alten Freund Alessandro nach Italien, um dort Wein und Olivenöl zu testen und zu kaufen. Doch als Alessandro spurlos verschwindet, beschließt Kieffer selbst, sich um den Fall zu kümmern und Nachforschungen anzustellen.

Er kommt auf die Spur einer Organisation, die unter anderem Geld damit verdient, dass sie Olivenöl panscht. Spätestens ab diesem Punkt wird der anfangs harmlose und eher amüsante Roman zum Einstieg in ein Nahrungsmittel-Thema, das dem Leser keinen Spaß mehr macht.

Tom Hillenbrand schildert, verpackt in eine packende Geschichte, wie aus unterdurchschnittlichem Olivenöl, das aus der Türkei kommt, mithilfe von »Verschnitt« und neuem Etikett ein hochwertiges Olivenöl wird, für das beispielsweise der Verbraucher in Deutschland richtig viel Geld bezahlt. Gelegentlich verging mir da bei der Lektüre ganz schön der Appetit.

Der Roman gehört zu einer Serie, die mittlerweile mehrere Bände umfasst. Xavier Kieffer ist eine sympathische Hauptfigur, und einige der Nebenfiguren sind dem Serienleser aus anderen Bänden bekannt. Ebenso fühlt man sich als Leser in Luxemburg und den Straßen des Herzogtums fast wie daheim. Aber wer noch nie einen Kieffer-Krimi gelesen hat, wird gut in die Handlung reinkommen.

Mir hat »Tödliche Oliven« gut gefallen, ein leicht zu lesender Krimi mit einem ernsthaften Hintergrund. Manchmal hätte das Lektorat ein wenig gründlicher sein können (Handkuss und Kusshand sind eben doch verschiedene Dinge), aber da ist mein Blick einfach zu »verdorben«. Eine Empfehlung für die Leser, die gern mal einen lockeren Krimi mögen!

05 November 2018

Ein starkes Paket in der Hackerei

Sollte ich sagen, welche Musik am Freitagabend, 2. November 2018, in der »Alten Hackerei« in Karlsruhe gespielt wurde, könnte ich das nicht klar sagen. Es war kein lupenreiner Punkrock, die Angehörigen der beiden Bands würden sich dagegen bestimmt verwehren, aber es war eben auch nicht »nur« IndieRock oder wie immer man Rockmusik mit deutschen Texten heutzutage nennen mag. Sagen wir's deshalb so: Ich sah zwei starke Bands und fand es nur schade, dass nicht mehr Leute gekommen waren.

Von Kramsky hatte ich zuvor nicht einmal den Namen gekannt. Die Band aus Trier – vier schwarzgekleidete Männer – brachte deutsche Texte, kombiniert mit einer Musik zwischen ruhig und laut, zwischen krachig und melodiös. Ein wummernder Bass, eine zeitweise fiebrig klingende Gitarre, ein knalliges Schlagzeug und ein Sänger, der die unterschiedlichen Stücke stark ins spärliche Publikum ballerte – das war schon ein guter Einstieg. In einem Laden und vor einem Publikum, das vor allem auf klassischen Punk und Hardcore abonniert ist, lieferten Kramsky auf jeden Fall ein gelungenes Brett ab.

Auf Illegale Farben freute ich mich schon lange. Ich mag die Platten der Band aus Köln, vor allem die Mixtur aus Neuer Deutscher Welle oder New Wave – nennt es, wie ihr wollt – sowie allerlei IndieRock und Punk, ebenso wie die gelungenen Texte. Beim ersten Konzert in Karlsruhe hatte ich sie glatt verpasst.

Auf der Bühne wirkten die fünf Männer in schwarz zuerst eher ruhig und wenig »punkig«, mit fortschreitendem Konzert wurden sie aber immer lebhafter. Sogar das Publikum bewegte sich nach einiger Zeit ein wenig, auch wenn wir insgesamt ein schlapper Haufen waren. (Die zweite Reihe des stehenden Publikums bestand übrigens aus mir. An der Theke saßen einige Leute, andere lehnten an der Theke, hinter mir kamen noch mal rund drei, vier Dutzend.)

Die Band ließ sich nicht lumpen, vor allem der Sänger ging immer stärker aus sich heraus. Mit dem Mikro sprang er in den Raum, brüllte den Zuschauern dann auch mal direkt ins Gesicht und bewegte sich kreuz und quer zwischen der Bühne und der Tür hin und her. Das fand ich cool, so was sieht man selten.

Live fand ich die Band auf jeden Fall »punkig«, die Musik wurde sehr druckvoll gespielt, die Texte ebenso druckvoll gesungen. Manches Stück, das auf Platte eher wie »Dance-Punk« klingt, wird live einfach knalliger. Das gefiel mir sehr gut. Kein Wunder, dass ich hinterher noch Tonträger auf Vinyl kaufen musste …

02 November 2018

Mit zwei Mofas durch die Republik

Ich gestehe, dass ich von »25 km/h« nicht viel erwartet hatte. Wir hatten Lust auf einen Kinoabend und hatten uns spontan für eine deutsche Komödie entschieden. Dass so etwas schiefgehen kann, wussten wir. Aber um es gleich im Voraus zu verraten: »25 km/h« ist ein sehr witziger Film, aber weit davon entfernt, eine völlig flache Geschichte zu erzählen. Es ist ein Film, der zudem schöne Blicke auf das Deutschland des Jahres 2018 wirft.

Hauptdarsteller sind Lars Eidinger, der einen durchgeknallten Angestellten aus dem höheren Management spielt, und Bjarne Mädel, der als dörflich lebender Schreiner arbeitet. Die beiden sind Brüder, haben sich jahrzehntelang nicht mehr gesehen und kommen erst wieder bei der Beerdigung ihres Vaters zusammen. Danach geht erst einmal einiges schief, bis die beiden im Suff beschließen, mit zwei uralten Mofas quer durch die Republik zu fahren.

Das machen sie mit einer einzigen Garnitur Klamotten, vielen Pannen und allerlei skurrilen Abenteuern. Man darf über die ernsthafte Logik des Filmes nicht zu lang nachdenken, sondern sollte sich an der gelungenen Abfolge aus Slapstick und ernsthaften Dialogen erfreuen. Die beiden Brüder zanken sich, sie brüllen sich an, und sie erfahren dabei mehr über sich und ihr Leben, als sie sich vorher vorstellen konnten.

Das ist richtig gut gemacht, ich war völlig baff. Die Idee ist nicht schreiend neu, aber das machen sowohl die Hauptdarsteller, als auch die vielen prominenten Nebendarsteller ziemlich klasse. Ich fühlte mich großartig unterhalten, ich lachte viel, und ich hatte hinterher nicht das Gefühl – wie bei manchem »Blockbuster« –, mein Geld für Fastfood aus dem Fenster gepfeffert zu haben.

Die wichtigste Hauptperson scheint mir übrigens Deutschland zu sein: Man sieht den Schwarzwald von einer Seite, die mir als gebürtigem Schwarzwälder sehr gut gefällt. Eine Avia-Tankstelle, die handlungsrelevant ist, kenne ich noch aus meiner Jugendzeit; da stand ich auch schon beim Trampen. Die Kleinstadt, in der alles anfängt, liegt zwischen der Stadt, in der ich arbeite, und der, in der ich großgeworden bin. Und so weiter …

Gezeigt werden verschiedene Ecken des Landes, der Rhein, ein schöner See, ein Atomkraftwerk, Berlin-Kreuzberg, ein Hippie-Festival in der Nähe von Paderborn, wunderschöne Weinberge – es müsste das Rebland hinter Baden-Baden sein, ich würde sagen, direkt hinter Neuweier – und immer wieder allerlei Menschen aus allen möglichen Schichten. (Okay, man könnte einwenden, dass der Film wenig Diversität zeigt; dunkelhäutige Menschen kommen praktisch keine vor. Aber das kann man angesichts einer Geschichte, die zwei Männer in ihre Jugend in den frühen 80er-Jahren zurückführt, sicher gut aushalten.)

Alles in allem: ein Film, der prächtig unterhält und eine rasante Geschichte erzählt.

31 Oktober 2018

Schönen Dank an Kepler

Ich bekam es heute erst mit, und es machte mich für einen Moment fast traurig: Die Kepler-Mission geht zu Ende – der Treibstoff ist ausgegangen. Ich finde Grundlagenforschung gut und bin als alter Science-Fiction-Fan immer daran interessiert, mehr über das Weltall zu erfahren.

Das Kepler-Weltraumteleskop war seit 2009 im Einsatz, es lieferte eine irrsinnige Menge an Daten. Dabei lieferte das Teleskop haufenweise Belege dafür, dass es in der bekannten Milchstraße wohl noch viel mehr Planeten gibt, als man sich vor zehn Jahren nur vorstellen konnte.

Laut Angaben der NASA hat das Teleskop mehr als 2600 Planeten entdeckt, dazu kamen zahlreiche Beobachtungen, aus denen man schließen kann, dass sich noch weitere Himmelskörper um Sonnen in der Galaxis drehen. Zu glauben, dass die Erde dabei der einzige Planet ist, auf dem sich Leben entwickelt hat, kommt mir da doch sehr egozentrisch vor.

Das Ende für das Teleskop kam wohl nicht zu überraschend, die Fachleute haben schon länger damit gerechnet. Wissenschaft hat halt auch ihre Grenzen. Also schaue ich heute nacht mal zum Himmel hoch und sage freundlich ein »Mach's gut, Kepler!«


30 Oktober 2018

Zweimal Punk aus Oslo

So mag ich es: Die Langspielplatte präsentiert zwei coole Bands, und wer unbedingt trotzdem die CD haben will, bekommt sie »für umme« mit der Vinylscheibe mitgeliefert. So kann ich mir zweimal guten Punkrock aus Norwegen auch im Auto anhören.

Um was geht es eigentlich? Danger!Man habe ich schon zwei-, dreimal gesehen, ich schätze die Band aus Oslo sehr. Die Mixtur aus Punk und Hardcore, die auf der Bühne echt zündet, klingt auch auf der Schallplatte sehr dynamisch und mitreißend; das sind Stücke, die mich unweigerlich zum Zappeln und Hüpfen bringen.

Das ist bei den Stücken auf dieser Split-LP auch nicht anders. Die fünf Lieder sind nicht unbedingt neu – mir kommen sie von anderen Platten bekannt vor –, knallen aber sogar in einer neuen Version immer noch richtig gut. Irgendwie kann die Band mit ihrem treibenden Sound in meinen Ohren echt nichts falschmachen.

Und die andere Band? Das sind Lucky Malice, ebenfalls aus Oslo und nicht so bekannt. Die Band versteht sich als Riot-Girls-Trio, die drei Frauen spielen seit 2004 zusammen und machen feministische Texte zu rotzigem Punkrock.

Das ist durchaus melodisch, knallt aber immer wieder auch sehr rotzig nach vorne. Ihr Sound ist nicht so eingängig wie der von Danger!Man, zieht einen dann doch immer stärker rein. Die Texte in englischer und norwegischer Sprache sind kämpferisch und machen keine Kompromisse. Klasse gemacht.

(Die Vinylscheibe mit den insgesamt zehn Stücken wurde von diversen Labels veröffentlicht. Das bekannteste davon dürfte Boss Tuneage sein.)

Eine Legende über Dunkle Ritter und Drogen

Das »Batman«-Universum ist so ungeheuer groß, dass ich wohl nie einen kompletten Überblick erhalten werde – so viel Lebenszeit habe ich nicht. Vor allem sind im Verlauf von Jahrzehnten unglaublich viele Geschichten entstanden, in denen unterschiedlichste Autoren und Zeichner sich an diesem Universum versucht haben, ohne dass es eine Kontinuität gibt – das alles kann nur ein Ultra-Hardcore-Fan komplett kennen.

Umso besser, wenn dann Einzelbände wie »Venom« erscheinen, die als Sammelband besondere Ausschnitte präsentieren. In diesem Fall handelt es sich um einen Auszug aus der Serie »Legends of the Dark Knight«; die Hefte für »Venom« wurden 1991 als Fünfteiler veröffentlicht. Autor der Geschichte ist Dennis O’Neill, für die echten Fans einer der »Batman«-Helden; als Zeichner treten verschiedene Künstler in Erscheinung.

Die Geschichte behandelt eigentlich das Thema Leistungsdrogen. Natürlich die Art und Weise, wie Superhelden so etwas nutzen würden … Und sie beginnt mit einer Schwäche des Helden: Weil Batman in einer schwierigen Situation versagt hat, will er mithilfe eines Medikaments seine Leistung steigern. Das klappt – doch natürlich hat so ein Medikament seine Schattenseiten.

Der Dunkle Ritter wird allen Ernstes von einer Droge abhängig. Mit dieser Geschichte wagt sich Dennis O’Neill fast an eine Demontage des Helden heran. In früheren Jahrzehnten wäre es unmöglich gewesen, eine solche Comic-Idee umzusetzen, in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren änderten sich eben die Superhelden-Geschichten.

Klar enthält die Geschichte die üblichen Schwächen einer Superheldenserie, trotzdem ist sie spannend und nachvollziehbar. Vor allem wird klar, dass Drogen nicht etwas sind, das »die anderen« betrifft: Man könnte sie ja beispielsweise einsetzen, um beispielsweise Supersoldaten zu erzeugen oder bei Menschen systematisch die Gefühle abzutöten. Das liest sich spannend und hat auch in der heutigen Zeit einiges an Aktualität.

Künstlerisch zählen die Zeichner Trevor von Eeden und Russell Braun sowie der Tuscher José Luis Garcia-Lopez eher zum Durchschnitt ihres Metiers. Ihre Zeichnungen sind gut, gefallen mir vor allem dann, wenn sie zu Großaufnahmen greifen, etwa zu Übersichten über Gotham, haben bei den Figuren aber oftmals diese Superhelden-Zerrbilder, mit denen ich nach wie vor nicht viel anfangen kann. Damit muss man halt leben.

Der Anfang der 90er-Jahre ist ganz schön lange her, und die Comics sind in dieser Zeit auch einen Weg der Entwicklung gegangen. Das merkt man an dieser Geschichte aus dem »Batman«-Universum. Sie ist nicht spektakulär, sie verändert nicht die Comic-Welt, aber sie war für die damalige Zeit echt modern und lässt sich heute noch richtig gut lesen.

Wer »Batman« erst durch die neueren Verfilmungen kennengelernt hat, für den ist dieser Band übrigens eine schöne Gelegenheit, eine spannende Episode aus diesem Universum kennenzulernen. Schön, dass Panini solche Stoffe neu in den Handel bringt. (Ich hab’ mir die Hardcover-Ausgabe besorgt.)

29 Oktober 2018

Eine Umfrage gefällig?

Die junge Frau trug die blaue Uniform einer Flugbegleiterin, dazu zeigte sie blonde Locken und ein strahlendes Lächeln. Sie steuerte direkt auf mich zu, ein Klemmbrett unter dem Arm. Ich stand innerhalb der Begrenzung, die dazu gedacht war, dass wartende Passagiere nicht irgendwo im Flughafengelände herumlungerten, sondern sich exakt in der dafür vorgesehenen Reihe platzierten.

»Guten Tag, ich bin Nadja«, begann sie und strahlte mich an. »Wie heißen Sie?«

Ich nannte meinen Namen, müde vom frühen Aufstehen und arglos wegen ihres Lächelns.

Sie strahlte weiter. »Das ist sehr schön, Klaus«, redete sie weiter, »wir führen eine Kundenbefragung durch. Dabei können Sie auch etwas gewinnen. Haben Sie Zeit und Interesse?«

Ich nickte. In der Tat hatte ich nichts zu tun. Es ging in der Schlange nur langsam weiter, weil am Schalter eifrig diskutiert wurde. Und ich war zu müde, um mein Buch aus der Tasche zu fischen und im Stehen zu lesen.

»Wie alt sind Sie, Klaus?«, fragte die Dame. »Ich stelle zuerst einige allgemeine Fragen. Aus welcher Region in Deutschland sind Sie? Was waren die Gründe für Ihre Reise?«

Immer kombinierte sie das Siezen mit der Nennung des Vornamens. Ich fand das überzogen, aber es ärgerte mich nicht. Brav gab ich die Dinge zur Antwort, die sie wissen wollte. Gegen so eine Statistik hatte ich nichts.

»Kann ich Ihre Telefonnummer haben, Klaus?«, fragte sie dann.

»Wofür das denn?« Auf einmal war ich wach. Hellwach sogar. Das bisherige Einlullen war vorüber.

»Nichts Schlimmes!«, sagte sie und strahlte noch mehr. »Wir wollen Sie nach der Umfrage später einmal anrufen, wenn wir Rückfragen haben.«

»Nein. Meine Telefonnummer erhalten Sie nicht«. Ich fand, dass ich höflich klang, höflich, aber bestimmt.

»Aber Klaus, die brauchen wir für diese Aktion.«

»Sie erhalten die Nummer aber nicht.« Ich lächelte höflich.

Sie nickte mir zu. Ihr Lächeln war verschwunden, als hätte es jemand ausgeknipst. »Dann noch einen schönen Tag«, sagte sie, diesmal ohne meinen Namen zu nennen. Ohne ein Wort des Grußes drehte sie sich zur Seite und ging davon.

Ich seufzte. Es wurde Zeit, dass ich mein Buch aus der Tasche holte.

26 Oktober 2018

Glauben und Züge

Zwischen den Wagen herrschte leichtes Gedränge. Reisende hatten sich mit ihren Koffern in den Bereich zwischen den Türen und Abteilen gestellt, weil es keine freien Sitzplätze mehr gab. Ich schob mich vorsichtig durch, bat immer wieder um Entschuldigung.

Wenn ich mit der Bahn reise, habe ich üblicherweise eine Platzreservierung. Dann sitze ich da, lese oder arbeite oder schlafe. Aber ab und zu muss ich doch aufstehen und beispielsweise zur Toilette gehen. So auch an diesem Abend …

Ich kam an einer Frau vorbei, klein und rundlich, die recht bürgerlich aussah, mit Kostüm und Perlenkette und sorgfältig wirkenden Haaren. Aufgeregt sprach sie auf eine andere Frau ein, die ein wenig größer und schlanker war als sie. Es ging um die Weltpolitik, um alle Probleme, die derzeit durch die Medien geistern, und um Jesus Christus.

»Wer glaubt, der wird gerettet«, sagte die Frau, und sie strahlte über das ganze Gesicht. »Das ist das wichtigste. Wer nicht glaubt, der kann nicht gerettet werden, und der wird in die Verdammnis stürzen.«

Manchmal beneide ich Menschen um ihren festen Glauben, dachte ich, als ich in die Toilette ging und die Tür hinter mir abschloss. Da fällt mancher Blick auf die Welt offenbar leichter.

25 Oktober 2018

Detektiv Schmidtchen im Jahr 1980

Schon in meiner frühesten Comic-Zeit beschäftigten sich vor allem die kleinen Verlage damit, Klassiker des Genres zu veröffentlichen. 1980 trat der Buzemi-Verlag auf den Plan, der damals in Brühl ansässig war – liegt in Nordbaden – und diverse Alben publizierte. Ich kaufte mir, obwohl ich nur wenig Geld hatte, den ersten Band von »Detektiv Schmidtchen«, den ich dieser Tage in der Hand hielt.

Bei solchen Comics fragt sich der Sammler und Archivar in mir, in welche Ecke er sie stecken soll. Ist das ein professioneller Comic, oder muss ich das eher als Fanzine behandeln? Das Impressum ist eher bescheiden, eine ISBN wurde damals nicht vergeben. Für den Vertrieb an die Handvoll Comic-Fachgeschäfte jener Zeit genügte das wohl. (Ich bestellte damals solche Comics bei einem Händler in Berlin, wenn ich mich nicht irre.)

»Detektiv Schmidtchen« selbst war tatsächlich ein Klassiker. Der Illustrator Friedrich Wilhelm Richter zeichnete die Abenteuer des Kommissars Klaus Schmidt und seiner Maus Schmidtchen für die »Bild«-Zeitung, wo sie von 1954 bis 1962 veröffentlicht wurden. Es waren Bildstreifen oder »Tages-Strips«; der Begriff ist ja letztlich egal. Jeden Tag zeichnete Richter seine drei bis vier Bilder, die Texte lieferte Frank Lynder, der damals ein Schwager von Axel Springer war, dem Verleger der »Bild«-Zeitung.

Seien wir ehrlich: Weder künstlerisch noch inhaltlich konnten sich diese Comics mit den amerikanischen und britischen Vorbildern messen. Für deutsche Verhältnisse war es sicher ein Kracher – so etwas kannte man nicht. Und 1980 war es ein echter Kracher. Heute betrachte ich die schwache Druckqualität mit einigem Staunen. Ein interessanter Comic aus meiner Jugend, der damals schon richtig alt war …

Übrigens sammelten zu jener Zeit einige junge Leute ihre ersten professionellen Comic-Erfahrungen, die heute noch aktiv sind. Den Titelentwurf gestaltete Gerhard Förster. Später zeichnete er selbst viele Comics, heute ist er Herausgeber der Fachzeitschrift »Die Sprechblase«.

Eckart Schott stellte den Comic laut Impressum zusammen, heute leitet er den Verlag Salleck Publications, der in seinem Programm viele Klassiker neu in den Handel bringt. Da schließt sich offenbar ein Kreis – nicht zum ersten Mal.

24 Oktober 2018

Porno oder Phantastik?

Einen ungewöhnlichen Comic präsentieren der Autor Zep und der Zeichner Vince. Ihr »Esmera« ist ein grafischer Roman, wie man ihn sich nur wünschen kann: die Geschichte einer Frau, die den Zeitraum von 1965 bis 2015 überdauert, wobei zeitgeschichtliche Aspekte wie die Studentenunruhen der 60er-Jahre eine Rolle spielen.

Was das heißt? In den 60er-Jahren geht das Mädchen Esmera auf ein katholisches Internat, entdeckt dabei seine Sexualität und eine Besonderheit, die ins Phantastische spielt und die ich an dieser Stelle nicht verraten will. Esmera experimentiert, findet allerlei heraus, und sie entwickelt sich.

An der Person eines Mädchens, das mit sich und seiner Rolle immer wieder hadert – vor allem angesichts mancher »Wechsel« – wird die Entwicklung von Sexualität und Moral seit den 60er-Jahren gezeichnet. Das klingt ein wenig theoretisch, aber seien wir ehrlich: Der Comic lässt es nicht an ausgiebigen und extrem realistischen Sex-Darstellungen mangeln, ohne allerdings ins Pornografische zu rutschen.

Ausgerechnet der Comic-Autor Zep, sonst eher bekannt durch alberne bis witzige Comics, vor allem durch seine Serie »Titeuf«, schuf die Geschichte der jungen Esmera. Er fängt den Zeitgeist der jeweiligen Jahrzehnte ein, er legt gleichzeitig eine Geschichte vor, in der Sex die Handlung voranbringt.

Stilistisch bleibt Vince im klassischen Comic-Stil. Die Sex-Szenen sind nicht übertrieben erotisch, meist rückt der Künstler große Penisse und schwere Brüste ins Zentrum. Die Bilder sind in Grautönen gehalten, es gibt keine Farbe. Damit verleiht er auch ausschweifenderen Sex-Szenen einen künstlerischen Charakter.

»Esmera« ist ein Comic, der mich überraschte. Blättert man ihn nur durch, sieht man vor allem viel nackte Haut und große Brüste. Schaut man ihn sich genauer an und lässt sich auf die Geschichte ein, macht sie Spaß. Sie ist witzig, sie ist unterhaltsam, sie macht Laune.

Klar, das ist keine Geschichte, die man unbedingt haben muss. Aber ein Comic, der unterhält und ganz nebenbei ein schönes Sittenbild zeichnet. Was will ich eigentlich mehr?

»Esmera« ist – wie von Splitter gewohnt – sehr schön gestaltet; ein Schmuckstück im Comic-Regal. Er umfasst 80 Seiten im Hardcover-Format, die 19,80 Euro kosten. Wer mir übrigens nicht glaubt, sollte die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages anschauen.

Xit und die Rockmusik der Navajos

Warum ich mich seit früher Jugend immer wieder für Indianer interessierte, hat wahrscheinlich seinen Grund darin, dass ich gern die »Winnetou«-Geschichten gelesen hatte. Für mich war klar, dass die amerikanischen Ureinwohner diejenigen waren, die den amerikanischen Traum als besonders widerwärtig erlebt hatten. Also fing ich irgendwann an, nach der Musik zu schauen, die Indianer gemacht hatten.

Womit ich bei der Band Xit landete – ihre Platte »Plight of the Redman« hörte ich dieser Tage nach langen Jahren mal wieder an. Die Band kam aus Albuquerque, New Mexico; wenn ich mich recht erinnere, kamen ihre Mitglieder vor allem aus dem Volk der Navajos. Ihr Name war eine Abkürzung für »Crossing of Indian Tribes«, was schon mal auf die Absichten der Band hindeutete: Man wollte auf die amerikanischen Ureinwohner hinweisen.

»Plight of the Redman« kam als erste von zwei Platten heraus, die in den 70er-Jahren von Motown veröffentlicht wurden, eigentlich einem Label für Soul-Musik. Meine Vinyl-Version stammt aus dem Jahr 1985 und wurde in Deutschland lizenziert – leider ohne Textblatt oder weitere Information. Das kann man sich ja glücklicherweise heute aus dem Internet zusammensuchen.

Aber auch so wurde klar, dass die Platte ein Konzeptalbum darstellte: Die Musik passt in den Stil der damaligen Zeit, ein wenig »progressiv«, ein wenig anspruchsvoll, eigentlich also Rock-Musik mit durchschnittlichem Tempo, immer wieder mit indianisch klingenden Gesängen und Schlagzeug-Rhythmen unterlegt, ansonsten aber in englischer Sprache gesungen.

Die Musik hat nichts mit dem zu tun, was ich zumeist höre, ist eigentlich »einfach nur gute Rock-Musik« der 70er-Jahre, die durch die Gesänge und Trommeln aber sehr eigenständig wirkt. Ihre Bedeutung erlangt die Platte tatsächlich durch die Geschichte der Band und ihres Volkes – dann wird sie zu einem spannenden Album, das ich mir auch heute gern anhören kann.

(Die Band hat sich übrigens wieder zusammengetan, zum dreißigjährigen Jubiläum gab es 2002 eine »Reunion«, und seither wurden mehrere Platten veröffentlicht. Wer sich für so etwas interessiert, sollte also mal nach Xit suchen.)

23 Oktober 2018

Ein Pop- und Subkultur-Archiv in Berlin

Ich weiß nicht mehr genau, seit wann ich Mitglied im Archiv der Jugendkulturen bin; ich erinnere mich aber gut an das Gründungstreffen. Also müsste ich bei der Gründung vor gut zwei Jahrzehnten dabei gewesen sein, damals auf Initiative von Klaus Farin. Einer der Gründe für das Archiv war, dass man dort Fanzines aus Jugend- und Subkulturen sammeln wollte.

In der Folge schickte ich über Jahre hinweg das nach Berlin, was ich daheim doppelt hatte oder nicht brauchen konnte. Mein eigenes Fanzine-Archiv – man darf darüber ja nicht nachdenken ... – füllt im Haus meiner Eltern, in dem jetzt meine Schwester lebt, den ehemaligen Hobbyraum meines Vaters. Das ist zwar ganz okay so, weil ich daheim den Platz für viele tausend Fanzines nicht hätte, gleichzeitig aber auch heikel: Die Hefte fangen im Verlauf der Jahre an zu müffeln.

Seit August gibt es nun ein Projekt im Archiv der Jugendkulturen, das den schönen Titel »Pop- und Subkulturarchiv International« trägt. Ich warte noch auf die Abkürzung und entscheide mich dann zwischen »PUSI« oder »PUSKI«. Aber egal: Künftig werden sich also vier bis fünf Leute um Fanzines kümmern, Menschen also, die im Gegensatz zu mir gelernte Bibliothekare sind oder wissenschaftlich orientiert. Darüber informierte mich ein entsprechender Text im Blog des Archivs.

Schauen wir mal, wie sich die Angelegenheit entwickelt. Ich finde es spannend, dass ein solches Archiv gefördert wird, also echtes Geld ausgegeben wird, und finde es auch gut – immerhin sind Fanzines für mich ein Stück Kulturgut.

Andererseits habe ich immer eine gewisse Furcht, dass szenefremde Leute mit dem »Blick von oben« auf Subkulturen schauen und sie entsprechend »verarbeiten« könnten. Verstehen sie den Witz in manchen Science-Fiction-Fanzines der 50er- und 60er-Jahre, falls sie diese überhaupt als subkulturelle betrachten? Kapieren sie die »Pseudo«-Hefte der frühen 90er-Jahre? Wie kommen sie mit dem rüpeligen Stil der Punk-Fanzines früherer Jahrzehnte klar? Oder gehen sie »aufklärerisch« und intellektuell an das Thema heran?

Schauen wir mal ...

22 Oktober 2018

Die sogenannten Hater und ich

Ich sagte früher immer gern, der Prozentsatz an Arschlöchern sei überall gleich groß; es gibt Leute, die meinen heute, die Arschlöcher versammelten sich vor allem im Internet. Dort nennt man sie neuerdings »Hater«, was ich für einen sehr unglücklichen Begriff halte. Sie greifen auf Plattformen wie Facebook oder Twitter gerne andere Menschen an, beleidigen und beschimpfen sie unentwegt.

(Ich selbst habe nur einen ganz persönlichen Hater, der mir in pathologischem Hass folgt und ständig anonyme Beleidigungen in der Kommentarspalte meines Blogs hinterlässt, wie ich nicht freischalte. Und dann gibt es einen, der immer mal wieder zu nächtlichen Zeiten oder Facebook bei Twitter seine blödsinnigen Kommentare postet. Es scheinen aber unterschiedliche Personen zu sein.)

Auffällig ist bei diesem Hass im Netz ja eins: Er richtet sich vor allem gegen Frauen. Und er wird von Menschen vorangetragen, die sich mittlerweile trauen, ihren Hass mit vollem Namen und nüchtern voranzutragen. Die Beschimpfungen, die politische Aktivistinnen ertragen müssen, sind meist unerträglich und überschreiten jegliche Grenze. Wünsche zur Massenvergewaltigung und zum Mord gehören ebenso dazu wie oberlehrerhaftes Herabwürdigen.

Man kann ja meinetwegen darüber diskutieren, ob eine Politikerin eine teure Uhr tragen sollte. Aber das rechtfertigt nicht, sie zu beleidigen und in wüstesten Beschimpfungen anzugreifen. Es rechtfertigt noch viel weniger, die Frauen anzugreifen, die es wagen, für die genannte Politikerin in einem Sozialen Netzwerk Partei zu ergreifen.

In solchen Fällen schäme ich mich. Mir ist es peinlich, dass es – und hier schreibe ich das jetzt auch mal – vor allem weiße, mitteleuropäische Männer in durchschnittlichen Verhältnissen und in durchschnittlichem Alter sind, die solche Sachen von sich geben. Bei Jugendlichen hätte ich in gewisser Weise ja Verständnis; da gehört – ich erinnere mich schamrot an eigene Peinlichkeiten – ein gewisser prolliger Ton offenbar dazu, wenn man ein toller Jungmann sein möchte.

Bei Erwachsenen hört bei mir jede Toleranz und jedes Verständnis auf. Ich halte Menschen, die im Netz solche Beschimpfungen von sich geben, für feige und widerwärtig. Sie üben bewusst Druck aus, sie wollen andere Menschen – in diesem Fall vor allem Frauen – aus einer vorgeblich sicheren Position heraus angreifen und vertreiben.

Mir ist nicht klar, was ich in solchen Fällen tun soll. Ein solches Verhalten macht mich ratlos. Bisher versuche ich solche »Hater« zu ignorieren. Das kann ich gut machen, weil sie mich weitestgehend in Ruhe lassen. Müsste ich mich mehr mit den Opfern solidarisieren oder gar mit den »Hatern« diskutieren?

21 Oktober 2018

Eine Hausaufgabe für die Autorinnen und Autoren

Am Sonntag beenden wir traditionell die Seminare für Autorinnen und Autoren in Wolfenbüttel mit einer letzten Diskussionsrunde. Eigentlich wollten Kathrin Lange und ich noch einmal Grundsätzliches besprechen – aber auf einmal war keine Zeit mehr dafür. Also gab die Kollegin den Teilnehmern des Seminars eine »Hausaufgabe« auf.

Es ging darum, welche Richtung man als schreibender Mensch eigentlich einschlagen kann und darf. Ist es in Ordnung, wenn ich beispielsweise einen Roman aus der Sicht einer muslimischen Frau schreiben würde – oder müsste man sagen, ich betriebe in einem solchen Fall »kulturelle Aneignung«? Darf man über die Zeit des Dritten Reiches schreiben und wie muss man in einem solchen Fall vorgehen?

Das sind grundsätzliche Fragen, die man sich als schreibender Mensch stellen sollte. Die Antworten sagen viel über den Menschen aus: Lehnt man schon die Frage als Zumutung ab? Kann man sie für sich einschätzen und beantworten? Ich wäre sehr gespannt darauf, die eine oder andere Antwort zu hören.

Aber natürlich ging es im Verlauf des Seminars, das am heutigen Sonntag sein Ende fand, vor allem um stilistische Details, um Erzählperspektiven und die Heldenreise, um Dialoge und Ideen. Viel Spaß hatten wir dabei auch; es wurde viel gelacht.

(Das Bild zeigt mich, wie ich die Hand hebe und eine »Fünf« zeige. Ich bestelle nicht fünf Bier, sondern kündige eine Pause von fünf Minuten an. Kathrin Lange, in der Bildmitte, grinst vor sich hin, Olaf Kutzmutz, rechts im Bild, lacht wohl über meinen naiven Glauben, die genannte Zeit würde eingehalten ...)

20 Oktober 2018

Leckereien im Seminar

Die Bundesakademie in Wolfenbüttel gibt sich redlich Mühe, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei ihren Seminaren gut und ordentlich zu versorgen. Das gleiche gilt für die Dozentin und den Dozenten.

Morgens gibt es ein vernünftiges Frühstück, mittags geht man in eine Pizzeria oder zu einem vietnamesischen Restaurant, abends gibt's Salat und Käse und gebratenes Gemüse. Dazwischen kann man sich Wasser und einen Kaffee kostenlos besorgen, abends stehen gegen eine geringe Gebühr allerlei Getränke wie Bier und Wein zur Verfügung.

In diesem Jahr werde ich darüber hinaus mit Leckereien versorgt, die meinen Bauch sicher anschwellen lassen. Ein Bekannter, den ich aus der Fan-Szene kenne – nennen wir ihn Holger –, brachte am Freitagabend selbstgebackene Kekse und einen Stollen. Darüber freuten sich alle, und am ersten Abend wurden dem leckeren Essen schon kräftig zugesprochen – am zweiten Abend wurde es dann rasant weniger ...

Ich bekam noch ein privates Geschenk. Eine Autorin und Seminarteilnehmerin – nennen wir sie einfach Christina – versorgte mich unter anderem mit einem Buch, mit einem Bier und einem Einhorn. Das freute mich sehr. Das Bier trank ich gleich, das Einhorn fand ich super, das Buch lese ich daheim.

Wer das mit dem Einhorn jetzt nicht versteht, möge sich nicht grämen; das muss ich bei einer anderen Gelegenheit erläutern. Es hat etwas mit dem Fantasy-Verein FOLLOW zu tun, mit dem »Clan«, dem ich angehöre, und der Figur, die ich in der sogenannten Magira-Simulation verkörpere.

Das hat tatsächlich etwas mit phantastischer Literatur zu tun und passt vollständig zu diesem Seminar, an dem ich dieses Wochenende teilnehme. Schön!

19 Oktober 2018

Wolfenbüttel im Oktober

Normalerweise fahre ich zweimal im Jahr in die kleine, aber sehr schöne Stadt Wolfenbüttel. Dort gibt es die Bundesakademie für kulturelle Bildung, in der ich als Co-Dozent an Seminaren mitwirken darf. In diesem Jahr arbeite ich mit Kathrin Lange zusammen, es geht um Science-Fiction- und Fantasy-Romane.

Der erste Tag ging am heutigen Freitag sehr flott und angenehm vorüber. 16 Autorinnen und Autoren saßen ab 16 Uhr mit uns – unter der Ägide von Dr. Olaf Kutzmutz von der Bundesakademie – in einem Saal des Schlosses der Stadt. Wir stellten uns gegenseitig vor, Kathrin und ich erläuterten im Wesentlichen, wie wir uns das Seminar ausgedacht hatten, und dann legten wir recht flott los.

In diesem Fall hieß das: Texte, die von den Teilnehmern eingeschickt worden waren, wurden von der Gruppe intensiv besprochen. Wir versuchten, nicht zu sehr auf grammatikalische Fehler und stilistische Schwächen zu achten, sondern uns mehr auf die Inhalte zu konzentrieren. Welches Ziel hatte der Text, wurde es erfüllt, wie kam er bei uns als »Publikum« an?

Bei solchen Fragestellungen entspannten sich auch dieses Jahr sehr schnell Diskussionen über Literatur im Allgemeinen und die Phantastik im Besonderen. Dabei habe ich immer den Eindruck, dass alle davon profitieren, auch wir Dozenten, die so auf neue Eindrücke und Gedankengänge geführt werden.

Und abends? Ab 22 Uhr sitzt man zusammen und trinkt Bier oder Rotwein. Wie es dann am Samstag in aller Herrgottsfrühe weitergeht, muss man sehen ... (Das Bild zeigt – von links – mich, Kathrin Lange und Olaf Kutzmutz.)

18 Oktober 2018

Das erste Quark-Heft

Was einen immer wieder wundert, wenn man sich mit Comics im deutschsprachigen Raum beschäftigt, ist die Tatsache, dass dieses Medium hierzulande nie so richtig erfolgreich war. Bis in die 70er-Jahre hinein galten Comics als etwas, mit dem sich Kinder beschäftigten oder eben sehr schlichte Leute. In den späten 70er-Jahren änderte sich das langsam, wie man heute gut nachvollziehen kann.

Ein Heft namens »Quark« war ein früher Versuch, hierzulande französische Comic-Kultur bekannt zu machen. Die erste Ausgabe erschien unter dem Untertitel »Bildstreifen für Erwachsene« bereits im Jahr 1977, veröffentlicht von einem in Paris ansässigen Verlag, in Frankreich gedruckt und von Hamburg aus vertrieben. Das Heft umfasste 36 Seiten im Schwarz-Weiß-Druck, und es war mit 2,50 Mark für die damalige Zeit ganz schön teuer.

Wenn ich das Heft heute durchblättere, ist mir schleierhaft, nach welchem Konzept es zusammengestellt wurde. Der erste Comic mit dem schöänen Titel »Wachtraum« fällt vor allem durch die Zeichnungen von Voss positiv auf, erzählt ansonsten aber eine krude Fantasy-Geschichte. Später wurden solche Geschichten im »Schwermetall« veröffentlicht.

»Sonniger Morgen« ist eine typische Geschichte von Gotlib – sie wurde später mehrfach nachgedruckt –, in der Gotlib in seiner bekannten Art die bürgerliche Welt verhöhnt; später erschienen solche Storys in »Pilot«. Ebenfalls von Gotlib stammen zwei Seiten mit »Witzbold«-Comics, die hierzulande später als eigene Publikation veröffentlicht wurden.

Und dann gibt es noch die Geschichte ohne Titel, bei der mir nicht klar ist, wer sie gezeichnet und erzählt hat – keinerlei Angaben sind dazu veröffentlicht worden. Es gibt sowieso kein vernünftiges Impressum in diesem Heft, weder ein Inhaltsverzeichnis noch ein Vorwort. Die Geschichte lässt sich am besten als »SM-Porno« zusammenfassen: leicht bekleidete Frauen mit kurvenreichen Körpern, die mit allerlei Schnüren gefesselt, ausgepeitscht und sonstwie gequält werden (ohne Blut, dafür mit extrem klar gezeichneten Körperformen).

»Quark 1« glänzte mit einer seltenen und seltsamen Mixtur aus Witz, Porno und Fantasy. Das galt im Jahr 1977 wahrscheinlich pauschal als »Erwachsenen-Comic« und wurde in ein Heft gepackt. Wer es las, fühlte sich womöglich sogar als Anhänger einer Gegen- oder Alternativkultur. Schaue ich mir das heute an, fühlte es sich an, als müsste ich mich dauernd für das Durchblättern schämen …

17 Oktober 2018

Wasserstoffbrennen und ich

Zur Frankfurter Buchmesse erschien in dem kleinen, aber feinen Amrun-Verlag eine Science-Fiction-Anthologie, die den schönen Titel »Wasserstoffbrennen« trägt. Es ist der erste Teil der Reihe »Nukleosynthese«.

Vertreten sind in diesem Buch verschiedene Autorinnen und Autoren, die meisten von ihnen kenne ich persönlich. Gelesen habe ich das Buch, das 126 Seiten umfasst, noch nicht – aber das werde ich nachholen.

Ich selbst bin mit einer Kurzgeschichte vertreten, bei der ich sicher bin, dass sie wegen ihrer groben Art nicht vielen Lesern gefallen wird. »Die Erben der steinernen Burg« spielt in einer nicht zu fernen Zukunft und im Süden von Spanien. Ergänzend wurde eine Biografie von mir veröffentlicht, die leider ein wenig inaktuell ist.

Mir ist völlig klar, dass niemand mit einer solchen Anthologie auch nur einen Cent verdienen wird. Ich finde es dennoch hervorragend, dass Jürgen Eglseer mit seinem Verlag eine Reihe von Anthologien herausbringen möchte. Das kann ich nur als mutig bezeichnen – sehr gut!

16 Oktober 2018

Ein Regional-Pop-Roman

Wie fühlen sich die 80er-Jahre für eine junge Frau an, die 1993 geboren worden ist? Lena Hofhansl ist die Autorin des Romans »B 14 revisited«, der in Stuttgart spielt und alle Bestandteile eines Pop-Romans enthält: Junge Leute konsumieren Drogen, hören viel Musik und verlieben sich. Das Interessante dabei ist, dass die Handlung auf zwei Ebenen spielt – einerseits im Jahr 1986, einerseits im Hier und Jetzt. Aus dieser Parallele zieht das Buch einen Teil seiner Spannung.

Kritisch fand ich vor allem zu Beginn, dass der Roman offenbar nur höchst oberflächlich redigiert worden ist. Unsaubere Perspektiven, durch den Raum wandernde Augen und völlig willkürliche Absätze machten’s für mich ein wenig schwierig.

Aber seien wir fair: Wer bei solchen Dingen nicht so pingelig ist, wird das nicht merken. Ich brauchte halt einige Zeit, bis ich in das Buch reinkam, fand es dann immer besser. Denn eigentlich bekommt der Leser des Romans zwei Beziehungsgeschichten geboten – auf jeder Zeitebene eine –, die durch ein altes Haus miteinander verbunden sind.

Dieses Haus wird 1986 besetzt; ganz in der Nähe der Schwabstraße in Stuttgart. Und in der aktuellen Zeit bekommt es eine junge Frau vererbt. Sie erfährt, dass ihr Vater, den sie nie kennengelernt hat, in diesem Haus einen Plattenladen betrieb – und in einem spontanen Entschluss versucht sie, diesen in der Gegenwart fortzuführen. Der im Keller lebende Typ, der sich selbst nur Rotze nennt, hat dabei keinen geringen Anteil.

Wie die Hausbesetzung in den 80er-Jahren und eine junge Frau von heute zusammenhängen, das wird im Verlauf des Romans immer klarer. Lena Hofhansl lässt viele Begriffe aus beiden Zeiten in den Roman einfließen.

Das Café Soho, in dem ich in den 80er-Jahren gelegentlich frühstückte, das besetzte Haus in der Schwabstraße, das ich gelegentlich besuchte, und das LKA, in dem auch heute noch Konzerte veranstaltet werden – das alles verbindet sich zu einem schönen Reigen, der alternde Konzertbesucher wie mich auf der nostalgischen Ebene abholt und jüngere Leser hoffentlich ebenso packt.

Klar: Der Blick der Autorin auf die Kämpfe in Wackersdorf, auf das Festival in Burglengenfeld, auf Punks und Hausbesetzer – dies alles wirkt auf jemanden, der »damals« dabei war, manchmal ein wenig bemüht. Man spürt, dass sie noch nie auf einer Demonstration war, bei der es zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Autonomen gekommen ist.

Was sie gut hinbekommt, ist die persönliche Sicht ihrer Figuren. Ob das der ziellos wirkende Emilio in den 80er-Jahren ist, der eigentlich nur zeichnen möchte und mehr aus Zufall in die Hausbesetzer-Szene gerät, oder die junge Isa, die in der aktuellen Zeit versucht, mehr über ihren Vater herauszufinden und deshalb sogar auf eine gut bezahlte Stelle verzichtet – das hat mir immer gut gefallen.

Der Roman entfacht einen gewissen Sog, und »B 14 revisited« macht nach einiger Zeit richtig Spaß. Mir hat er gefallen, ich würde ihn eingeschränkt empfehlen. Wer über die eine oder andere Schwäche hinwegsehen kann, sollte auf seine Kosten kommen.

Erschienen ist der Roman im Schmetterling-Verlag als Taschenbuch mit Klappcover. Die 196 Seiten kosten 12,80 Euro, und zu beziehen ist »B 14 revisited« überall im Buchhandel. (Eine stark gekürzte Version dieser Rezension hab ich vor einer halben Ewigkeit im OX veröffentlicht.)