31 März 2015

Kritik an der Medienkritik

Ich weiß, ich bin kein Journalist mehr. Seit über zwanzig Jahren arbeite ich »nur noch« als Redakteur, der mit Autoren, Lektoren, Zeichnern und Vertriebsleuten zu tun hat. Auf der Straße bin ich nur selten unterwegs, um irgendwelche Berichte zu schreiben. Trotzdem erinnere ich mich gern an meine Zeiten bei der »Südwest-Presse« und auch beim »Anzeiger« zurück. Und wenn ich bemerkte, wie sehr die Medien derzeit in der Kritik stehen, trifft mich das.

Nach dem Absturz der Gemanwings-Maschine in Südfrankreich gab es eine teilweise effekthascherische, häufig miese und oftmals völlig überzogene Berichterstattung. Über diese oftmals sehr schlechte Arbeit der Medien wurde in den »sozialen Netzwerken« und in Blogs eifrig diskutiert.

Das ließen die Medienschaffenden nicht auf sich sitzen. Der Kritik an den Medien begegnen sie mittlerweile mit Kritik an der Medienkritik. Dabei wird auf überzogene Facebook-Einträge oder verletzende Blog-Artikel verwiesen.

Längst geht es also nicht mehr darum, was bei diesem Unglück passiert ist. Man wird selbstverständlich weiter versuchen, auf widerlichste Art und Weise das Leid der Opfer auszuschlachten. Das alles diene der Wahrheitsfindung, das alles sei Journalismus, bei dem es darum gehe, die guten Geschichten aus der Tragödie entstehen zu lassen.

Und gleichzeitig sichert mancher Medienmensch seinen Einfluss, indem er auf die einprügelt, die seine Arbeit kritisieren – daraus kann er dann wieder einen Beitrag machen und veröffentlichen. Manch bescheuerter Facebook-Eintrag wirkt allerdings nicht so schlimm wie manch ach so seriöser Beitrag eines seriösen Journalisten.

Vielleicht sollten sich »die Medien« mal ernsthaft darüber Gedanken machen, warum man sie nicht mehr so richtig ernstnimmt ...

30 März 2015

Punk aus den Zehnerjahren

Eigentlich war das Motto meiner Radiosendung vom Sonntag, 29. März 2015, recht kompliziert: Punk und Hardcore aus Deutschland aus den Zehnerjahren, oder wie soll man das Jahrzehnt denn nennen, in dem wir derzeit leben? So ganz nebenbei entwickelte sich dann doch ein Schwerpunkt auf dem Label Twisted Chords. Doch erst einmal der Reihe nach.

Ich spielte viel deutschsprachiges Zeugs: den Glampunk von Hotel Energieball aus dem Ruhrgebiet oder den rotzigen Deutschpunk der Kaput Krauts aus Berlin beispielsweise, den coolen 70er-Jahre-Sound von Front aus Wiesbaden. Dazu gesellten sich neue Aufnahmen der Terrorgruppe aus Berlin sowie neues Material der ollen Skeptiker aus der ehemaligen DDR.

Englischsprachig gab es den knalligen Hardcore von Cobretti aus Köln oder den ebenso rotzigen Hardcore von Scheisse Minnelli – bei denen ist eh schwer zu sagen, woher sie eigentlich kommen. Alles in allem eine Sendung für die Geografie-Freunde also ... und die Hörerinnen und Hörer des Querfunks in Karlsruhe kamen hoffentlich auf ihre Krachmusik-Kosten.

29 März 2015

Ein Jahr vor der Wahl

In ziemlich genau einem Jahr wird in Baden-Württemberg wieder zu einer Landtagswahl geblasen, und mir ist schon fast schlecht deswegen. Beim letzten Mal wählte ich ja Grün – nicht weil ich neuerdings die Grünen gut finde, sondern weil ich die unerträgliche Mappus-Bande nicht mehr länger sehen wollte und versuchte, mit einer Stimme gegen die CDU und gegen den bescheuerten Tiefbahnhof in Stuttgart zu punkten.

Nach aktuellen Umfragen mögen mehr als 70 Prozent der Wahlberechtigten im Südweststaat den guten Kretschmann; die Grünen kommen auf 25 Prozent. Wenn die FDP mit ihren fünf Prozent ins Parlament kommt, stehen Gelb-Schwarz auf ebensovielen Stimmen wie Grün-Rot. Ich weiß jetzt schon, dass mich viele Leute bedrängen werden, auf jeden Fall für Grün zu stimmen.

Nur ... warum? Wegen irgendwelcher Sachzwänge bauen die Grünen den Tiefbahnhof weiter. Wegen irgendwelcher Verordnungen schieben sie ebensoviele Flüchtlinge ab wie die CDU. Und man tut alles, damit die Machtverhältnisse im Land zementiert werden.

Kretschmann macht eine vernünftige Politik. Das machten CDU-Ministerpräsidenten wie Teufel und Späth auch. »Vernünftig« – das heißt in Baden-Württemberg, dass man dafür sorgt, dass die Industrie und das Handwerk möglichst unbehelligt bleiben und alles weiter so läuft, wie bisher.

Aber wenn man das möchte, muss man doch nicht die Grünen wählen. Oder?

28 März 2015

Ein Mann am Klavier

Wir betraten das Restaurant gegen 21 Uhr, wie vereinbart. Wir hatten einen Tisch reserviert, ich freute mich schon auf das Essen. Noch als wir in der Tür standen, bemerkte ich, dass an einer Seite des Restaurants eine Art Elektro-Orgel stand, die offenbar auf »Klavier-Modus« gestellt worden war. Und der Mann am Klavier spielte etwas von Richard Clayderman – oder wie immer sich dieser Klimperer in den 80er-Jahren genau schrieb.

Das Restaurant selbst war ganz okay, das Essen schmeckte, die Weine waren lecker; ich als Fahrer musste leider nüchtern bleiben. Nur die Musik nervte, zumindest anfangs. Der Klavierspieler trug einen gelben Hut und einen Bart, und er spielte ununterbrochen; Pop und Klassik-Pop wechselten sich ab, ein wenig Mozart, dann ein wenig modernes Zeugs.

Und irgendwann nahm ich ihn einfach nicht mehr wahr. Wir redeten viel und vor allem durcheinander, ich bekam nicht einmal mit, dass der Mann spielte. Bis mich meine Nebensitzerin darauf hinwies: »Nach einiger Zeit kann man den Mann gut ausblenden.«

Da war's dann bei mir wieder vorbei mit der Ignoranz; ich bekam den Mann am Klavier in epischer Länge und Breite mit. Immerhin sang er nicht ...

El Carlos von der Alm

Eigentlich hielt ich mich  für einen Menschen, der Humor und Witz erkennt, wenn man es ihm vor die Nase hält. Die Platte der Band – oder des Projektes – namens El Carlos setzt mich allerdings vor einige grundsätzliche Fragen: Wie gut ist hier der Witz, oder bin ich nur zu blöd, um ihn zu verstehen?

Seien wir erst einmal fair: Die Platte sieht cool aus, schickes pinkfarbenes Vinyl. Das ganze steckt in einem Albumcover, so richtig echt zum Aufklappen, also wirklich hochwertig gestaltet – so was mag ich. Schaue ich mir allerdings das Infoblatt an und gucke auf die Homepage, bekomme ich immer mehr den Eindruck, als ob hier einige Profis aus der Musik-Szene versuchen, einen Punkrock-Witz zu machen.

Angeblich singt ein Typ aus dem Allgäu, der normalerweise Kühe über die Alm schubst, hier aber einen auf Punkrock macht. Dabei kommt eine Mixtur aus schlichtem Deutschpunk und schnell geschraddelter Volksmusik heraus, zu dem obskure Texte wie »Tatütata« gebrüllt werden. Das ist für zwei, drei Stücke sogar recht amüsant, wenngleich bemüht, nervt aber auf der Länge einer ganzen Langspielplatte.

Manchmal denke ich beim Anhören, es könnte sich um ein Seitenprojekt der mächtigen Kassierer handeln, dann wieder denke ich, dass es sich wirklich um eine Handvoll Punks aus Kempten und Umgebung handelt. Und dann denke ich aber vor allem »was soll's?«, mache die Platte weg und lege etwas auf, das mir besser gefällt ... so einfach ist dann doch meine Welt.

(Eine Kurversion dieser Besprechung erschien übrigens vor längerem bereits im OX-Fanzine.)

27 März 2015

Datenschutz nervt

Dass die Weltsicht, die unsereins hat, nicht immer auch die Weltsicht von anderen Leuten sein kann, leuchtet ein. So war und ist für mich der Datenschutz ein hohes Gut; darüber diskutierte man schon in den 80er-Jahren.

Schaut man sich aber das Interview an, das Christian Sauer von der Firma Webtrekk dem Online-Portal »Gründerszene« gegeben hat, wird klar, dass es dazu auch andere Sichtweisen gibt. Sauer und seine Firma bieten laut »Gründerszene« allerlei »Analyse- und Marketinglösungen«, die dazu führen sollen, dass die jeweiligen Firmen besser mitbekommen, wer denn eigentlich ihre Internet-Seiten besucht.

Auf die Frage, ob Datenschutz der »digitalen Wirtschaft in Deutschland« schade, antwortet Sauer mit einem eindeutigen »Ganz klar: Ja!« Schließlich laute der »neue Deal in der Internetwirtschaft« ja »Daten gegen Leistung«, und hierfür benötige man einfach viele Daten.

Während man aber hierzulande die eigenen Firmen kaputt diskutiere, seien in anderen Ländern die Weltmarktführer aktiv, »die sich um unseren Datenschutz nicht kümmern«. Sauer und einige andere Protagonisten der »Big Data«-Szene wünschen sich schlichtweg, dass der Datenschutz weiter gelockert wird, damit sie hemmungsloser ihre Geschäfte betreiben können.

Ich verkneife mir hierzu einen eindeutigen Kommentar. Die Aussagen in diesem Interview sprechen sowieso für sich selbst. Nicht jeder hat eben dieselbe Weltsicht, und dieses Interview macht das in punkto Datenschutz ganz schnell klar.

26 März 2015

Ein halbes Jahr und eine Story

An manchen meiner Geschichten arbeite ich ewig. Nicht weil mir nichts einfiele oder weil mir die Zeit einen Strich durch die Rechnung macht, sondern einfach deshalb, weil ich manchmal eine Geschichte anfange, mit ihr nicht weiterkomme und sie dann erst nach Wochen wieder anfasse. So ging es mir mit der Geschichte »Auf Nazis warten«, von der ich heute endlich den Roh-Text geschafft habe.

Die ersten Wörter an diesem Text entstanden schon am 30. September 2014; ich schrieb mit viel Elan den Anfang einer Story, die wieder einmal auf Erinnerungen basiert, diese aber sehr weit dehnt. Bis zum 1. Oktober schaffte ich immerhin 6000 Anschläge, dann passierte lange Zeit nichts.

Ich machte erst im November weiter und kam irgendwann auf 18.000 Anschläge. Da war ich schon ziemlich stolz auf meine Arbeit, konnte allerdings nicht ahnen, wie lang die Pause danach ein würde.

Weiter machte ich erst im Januar, da korrigierte ich allerdings nur die bisherigen Zeilen, kam aber nicht weiter. Im Februar schrieb ich einige tausend Anschläge, wurde aber nicht fertig. Erst am 26. März setzte ich mich konzentriert auf den Hintern und vollendete den Roh-Text.

Dieser steht jetzt bei rund 29.000 Anschlägen; für eine Kurzgeschichte ist das eine ordentliche Länge. Schauen wir mal, ob sie durch die Bearbeitung kürzer wird – weil ich unsinnige Sätze streiche – oder länger; manchmal bietet es sich ja durchaus an, einen Text durch knappe Beschreibungen zu verlängern.

25 März 2015

»The Warriors« nochmal gesehen

Es war der erste Film, den ich im Kino anschaute: »The Warriors« war 1979 der Knaller schlechthin. Mich faszinierten die Musik, die Darstellung der Gewalt, die Action, die durch die Nacht rasenden Züge und die endlosen Straßenzüge von New York derart, dass ich den Film an zwei Abenden hintereinander im Kino anschaute.

Danach bekam ich ihn nicht mehr aus dem Gedächtnis, obwohl ich ihn seitdem nie wieder im Kino anschauen konnte. In den frühen 90er-Jahren sah ich ihn auszugsweise, als ihn ein Bekannter auf Video-Kassette hatte und diese bei einer Party vorführte. Doch jetzt kaufte ich mir die DVD und schaute mir diese an.

Es ist nicht immer gut, sich Dinge aus der Jugendzeit in Erinnerung zu rufen; oftmals ist man enttäuscht, schämt sich manchmal geradezu für das, was man mit 15 Jahren toll fand. So geht es mir oft bei Musik, bei Romanen oder auch bei Filmen. Nicht aber bei »The Warriors«.

Klar sind aus der Sicht von heute die Action-Szenen nicht sehr einfallsreich – man hatte nicht viel Geld für spektakuläre Stunts –, manche Dialoge sind arg holperig, und die Story ist nicht gerade von intellektueller Tiefe. Aber die Geschichte einer Straßenbande, die aus der Bronx zurück nach Coney Island will, während überall die anderen Banden der Stadt versuchen, sie zu erledigen, ist nach wie vor packend und mitreißend.

Dazu trägt nach wie vor die Musik bei. Es ist kein Punk, sondern eher eine Art Disco, viel Elektronik, viel Beat, viel stampfender Rhythmus. Und die Kamerafahrten entlang der Züge, die zelebrierten Aufmärsche der Banden, das Rennen und Kämpfen; die Musik pulst, die Züge pumpen ihren Beat durch den Film, und die Jugendlichen, die sich durch die Straßen kämpfen, bewegen sich buchstäblich im Rhythmus der Stücke.

Während ich mir den Film anschaute, schwankte ich zwischen Begeisterung – weil mir der Film immer noch gefiel – und einer gewissen Wehmut, weil mir klarwurde, wieviel Zeit seit damals vergangen war. Einerseits wäre ein Remake des Filmes toll, andererseits möchte ich das aber nicht: Mit der DVD habe ich mir ein Stückweit die Jugend zurückgeholt ...

(Dabei ist die Kauf-DVD von einer unterdurchschnittlichen Qualität. Aber das gehört zum Rückblick auf die Jugend vielleicht ebenfalls dazu.)

24 März 2015

Moderne Deutschpunk-Meister

Wahrscheinlich werden sich die Leute von Kaput Krauts, die ich nicht persönlich kenne, vor Ekel schütteln, weil ich sie in die Deutschpunk-Schublade stelle. Mit ihrer Platte »Straße Kreuzung Hochhaus Antenne«, die 2012 aufgenommen wurde und bei Twisted Chords rauskam, zeigen sie auf jeden Fall, dass Punkrock mit deutschen Texten auch in der heutigen Zeit noch seine Relevanz hat.

Die Texte sind messerscharf (»es ist immer noch deutsch in Scheißland«) und glasklar; selten wir kluggescheißert, ebenso selten wird parolengebrüllt. Man ist politisch eindeutig, man bezieht klar Front und sagt, wo man steht: kritisch, auf der Seite der Ausgegrenzten, mit zynischem Blick auf Staat, Gesellschaft und Medienzirkus.

Musikalisch hat sich die Band weiter entwickelt. Noch ist der Sound noch ruppig, doch die Melodien werden klarer. Mittlerweile gibt's sogar mitgrölbare Textzeilen, was ich positiv finde – man will im Konzert ja auch was zurückgeben ... Präsentiert wird knalliger Punk mit viel Melodie und Schmackes, bei dem mir nicht langweilig wird.

Großartige Platte! Kaufen!

23 März 2015

Das OX im Relaunch

Wenn man bedenkt, wie lange ich schon für das OX-Fanzine schreibe – sind die zwanzig Jahre schon voll? noch nicht ... –, überrascht mich immer wieder, dass ich es kaum schaffe, über das Heft zu schreiben. Das liegt daran, dass das Heft so regelmäßig erscheint, dass es stets so umfangreich ist und so viel lesenswerte Beiträge enthält und dass ich es stets in irgendwelchen Papierstapeln versacken lasse.

Bei der Nummer 117, die bereits im Dezember 2014 erschienen ist, machte ich eine Ausnahme. Der Grund waren weniger die Broilers auf dem Titelbild als vielmehr die Tatsache, dass das Layout des Heftes reformiert wurde. Die Schrift wurde größer, das Layout schlicht luftiger, und das ganze führt nun dazu, dass man zumindest das Gefühl hat, so ein Heft auch komplett lesen zu können.

Bei mir war's so: Die Ausgabe 117 wurde zu 80 Prozent gelesen; alles liest man bei einem solchen Heft meist nicht, weil einen einfach nicht alle Themen interessieren können. Manche Bands finde ich halt doch ein wenig lahm, und die x-te Geschichte über 80er-Jahre-Punk in Dänemark ist vielleicht echt nur etwas für Spezialisten.

Bei manchen Interviews würde ich mir kritischere Fragen wünschen, bei manchen bleibt das ganze doch an der Oberfläche des Musikjournalismus. Aber unterm Strich ist das Heft einfach gelungen – und das liegt unter anderem an dem gelungenen »Relaunch« der Optik. Das OX ist eine Fundgrube für Themen; ich ertappe mich bei der Lektüre nach wie vor dabei, dass ich mir Bands rausschreibe, sie – wie man das heute so macht – auf Youtube oder Bandcamp anhöre und dann beschließe, mir eine ihrer Platten zu kaufen.

Langer Rede, kurzer Sinn: ein gutes Heft, das ich einfach künftig gründlicher lesen werde. Dank des luftigen Layouts fällt es mir wohl auch ein wenig leichter ...

22 März 2015

Auf dem Mandelblütenfest

Hätte man mir vor zwanzig Jahren gesagt, dass ich wirklich freiwillig auf ein »Dorffest« gehen würde, hätte ich mich lauthals gewundert. Aber ich werde wohl wirklich älter – auf jeden Fall verschlug es mich gestern auf das Mandelblütenfest in Gimmeldingen. Man muss jetzt weder die Veranstaltung kennen – das tat ich bis gestern nicht –, noch das wirklich hübsche Dorf.

Da wir aber vorhatten, einen Spaziergang zu unternehmen, um das schöne Wetter zu genießen, bot sich das an. Der Spaziergang vom Parkplatz durch die Weinberge bis hin zum eigentlichen Dorf zog sich dann doch ein wenig – und der kühle Wind brachte als direktes Ergebnis einen Satz heiße Ohren. Aber gut, was macht man nicht alles, um mal wieder an der frischen Luft zu sein.

Gimmeldingen ist ein Ortsteil von Neustadt an der Weinstraße, eine typische Landgemeinde in der Pfalz: Hinter dem Dorf erheben sich die Hügel des Pfälzerwaldes, davor erstrecken sich die Felder und Weinberge. Im Dorf selbst wimmelt es von Weingütern und Bauernhöfen, es gibt viele schöne alte Häuser – und überall waren die Leute unterwegs.

Wir nutzten nach einem ausgiebigen Spaziergang die Chance, mal wieder in dem vorzüglichen »Nett's Restaurant« einzukehren. Dort gibt es stets hervorragendes Essen und gute Weine; als Autofahrer durfte ich am Riesling leider nur nippen. Danach gönnten wir uns noch Kaffee und Kuchen im »kleinen Café« des Restaurants, das in einem wunderschönen Gewölbekeller eingerichtet ist.

Alles in allem ein gelungener Ausflug, in dessen Verlauf wir uns auch mit einigen Leckereien und Getränken aus der Pfalz eindeckten. Touristisch waren wir an diesem Tag also mehr als erfolgreich ...

21 März 2015

Blond Rock

Im Mai 1984 schloss ich mein Abitur ab, ohne zu wissen, was ich danach machen sollte. Ich war vor allem – mal wieder – unglücklich verliebt und wusste auch da nicht so richtig, was ich machen sollte. Also tat ich das, was junge Leute damals gern taten und heute wohl ebenfalls gerne tun: Ich schrieb ein Gedicht ... oder zumindest einen Text, der sich wie ein Gedicht in Zeilen fassen ließ.

Der Text hieß »Blond Rock« und versuchte eine Mixtur aus szenischer Beschreibung (»Das eingebildete Trommeln des Regens / vermischt sich in meinem Innern / mit dem Hämmern saustarker Rock-Musik«) und heulsusiger Gedankengänge (»nur düstere Schatten / die an die Vergangenheit erinnern«).

Der Mensch, der mit aus diesem Text entgegen blickt, ist mir heute sehr fremd. Ich kann kaum nachvollziehen, wie ich vor über dreißig Jahren dachte, als ich diesen Text schrieb. Und das finde ich heute tatsächlich ein wenig irritierend.

20 März 2015

Affenmesserkampf machen Punk

Warum die fünf Kieler auf so einen abgefahrenen Namen wie Affenmesserkampf gekommen sind, kann man sicher in irgendwelchen Interviews nachlesen – an dieser Stelle interessiert das weniger. Ich habe dieser Tage ihre Platte »Doch« angehört, gleich mehrfach, weil sie mir so gut gefiel. Erschienen ist sie bereits 2013, aufgenommen wurde sie 2012 – so ein schönes Stück Vinyl darf bei mir erst mal eine Weile reifen, bevor ich es mir gründlich anhöre.

Die Band spielt den kantigen Punkrock mit deutschen Texten, der seit einigen Jahren geradezu Mode geworden ist; das klingt nicht wie der Deutschpunk der 80er-Jahre, ist aber trotzdem eindeutig punkig. Der Sänger singt weniger, als dass er seine Textzeilen über einen ruckeligen Sound hinwegsingt, der nicht gerade pogotauglich ist.

Textlich ist die Band weit vom eher pubertären Parolen-Deutschpunk weg; die Bandmitglieder scheinen komplett im »Hier und Jetzt« zu stecken. Wer Lieder wie »Die Laufbahn im Laufrad« oder »Ich so, Typ Romantischer Rebell« liefert, hat einen ironischen Blick auf die Welt und auch auf sein eigenes Leben – das finde ich gut.

Die Platte ist keine von denen, bei denen man nach dem ersten Durchhören mitsingen kann; die Songs sind ein wenig sperrig. Dafür ist sie trotz aller Nähe zu manchen Emopunk-Bands eigenständig genug und macht echt Spaß. Affenmesserkampf sind echt klasse!

19 März 2015

Schreckliche Gewaltexzesse

Nach den »Ausschreitungen«  und »Gewaltexzessen« von Frankfurt sind wieder einmal alle einer Meinung. Journalisten, Polizisten und Politiker verurteilen – mit fast gleichlautenden Worten – die  Gewalt der Autonomen. Wer aus dieser Meinungsmehrheit ausschert, dem droht offensichtlich der gesellschaftliche Ausschluss.

Da ich das nicht möchte, äußere ich mich hier auch klar und deutlich: Gewalt ist schrecklich. Sie ist durch nichts zu rechtfertigen. Die Gewalt bei den Demonstrationen in Frankfurt ging von den Autonomen aus.

Nachdem das erledigt ist, kann ich ja mein Hirn wieder einschalten. Ich war in Frankfurt nicht dabei, ich habe nur im Fernsehen und im Internet die Bilder gesehen. Häufig sah man, wie von ähnlichen Ereignissen gewohnt, das gleiche Bild: Man zeigte stets die gleichen Ausschnitte, immer dasselbe brennende Polizeiauto, immer dieselben Steine auf der Straße, immer dieselbe Aufnahme von den Rauchschwaden über Frankfurt. Je öfter man so ein Bild sieht, desto klarer wird das Bild im eigenen Kopf – in der ganzen Innenstadt brannte und krachte es.

Mir fällt nur einiges auf. Beispielsweise hieß es, es seien 90 Polizisten verletzt worden – einen Tag später sind die dann praktisch alle wieder im Dienst. 80 von den Polizisten seien zudem durch »Reizgase« verletzt worden.

Haben die Demonstranten also die Polizisten mit Gas besprüht, wurde von den Demonstranten etwa Giftgas eingesetzt? Oder war es nicht vielleicht so, dass die Polizisten das Gas eingeatmet haben, dass sie selbst oder ihre Kollegen reichhaltig versprüht haben? Sind sie vielleicht deshalb verletzt worden, weil sie Opfer ihrer eigenen Waffen wurden?

Ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Die bundesdeutsche Journaille war ebensowenig dabei – mit Ausnahme einiger weniger Kameraleute und Journalisten. Aber das hindert niemanden daran, sein Gehirn ein- oder auszuschalten. Je nach dem, was halt so drin ist ...

(Und noch was: Glaubt eigentlich jemand, dass die Berichterstattung über die Demonstration so ausführlich gewesen wäre, wenn es nicht geknallt hätte? Machen wir uns doch nichts vor: Wären 20.000 Leute völlig langweilig durch die Straßen gezogen, hätte das keinen Menschen interessiert ...)

18 März 2015

Das Herz der Finsternis aus deutscher Sicht

Ein glänzender Roman, eine tolle Geschichte, stilistisch auf höchstem Niveau erzählt und mit verschiedenen Handlungsebenen ausgestattet: Ich habe endlich den Roman »Eine Frage der Zeit« des deutschsprachigen Schriftstellers Alex Capus gelesen und bin von ihm mehr als angetan. Was wie ein historischer Roman um die Ecke kommt, ist in Wirklichkeit ein vielschichtiges Stück Literatur, das zeigt, dass es im deutschsprachigen Raum sehr wohl möglich ist, unterhaltsam und auf hohem Niveau zu schreiben.

Die Geschichte des Romans lässt sich rasch erzählen. Drei Werftarbeiter aus Papenburg erhalten 1914 den Auftrag, in der deutschen Kolonie in Ostafrika ein Schiff zusammenzubauen. Das Schiff wird in Einzelteile zerlegt, die deutschen Arbeiter erreichen irgendwann ihr Ziel und beginnen mit der Arbeit. Doch dann beginnt der Erste Weltkrieg, und die britische Marine beschließt, die deutschen Truppen in Ostafrika auch mithilfe von Schiffen auf den großen Seen anzugreifen.

Alex Capus schildert die soziale Herkunft seiner drei Hauptfiguren – und ihres englischen Gegenspielers – mit viel Liebe zum Detail. Er macht klar, warum sie was tun und wie sie Stück für Stück an der Realität scheitern. Sie werden zu Zeugen der unbarmherzigen Kolonialherrschaft und können sich dem Krieg, den sie ablehnen, beim besten Willen nicht entziehen.

Dabei hält der Autor eine hohe Fallhöhe für seine Figuren ein: Sie alle scheitern, sie alle haben Ziele, die sie nicht verwirklichen können; ihre Leben verwandeln sich in grausige Tragikomödien. Das beschreibt Capus so packend und so intensiv, dass ich als Leser kaum die Lektüre unterbrechen konnte.

Er verzichtet auf ausufernde Schilderungen seiner Umgebung, was für viele historische Romane ja stilprägend ist. Action findet man in seinem Roman praktisch gar keine. Dass es einem auf keiner Seite langweilig wird, belegt, wie hervorragend die Figuren aufgebaut sind, wie gut sie der Autor gegeneinander stellt und wie gelungen er sie durch die Handlung führt.

Ach, ich komme da kaum aus dem Loben heraus: Capus ist es gelungen, mich ziemlich zu begeistern. Man muss übrigens weder Afrika-Fan noch am Thema Erster Weltkrieg interessiert sein, um das Thema faszinierend zu finden.

(Die Hardcover-Ausgabe des Buches ist seit langem vergriffen; es gibt aber eine E-Book- und eine Taschebuch-Ausgabe. Checken!)

17 März 2015

Sardev in Farbe und Bunt

Der Verlag In Farbe Und Bunt ist ein vergleichsweise neuer Verlag, der sein erstes Programm auf der Buchmesse in Leipzig vorgestellt hat. Freundlicherweise hat man mir auch dieses Programm geschickt, so dass ich es als gedrucktes Exemplar in meine Sammlung stecken kann – aber man kann es natürlich auch kostenfrei downloaden.

Das Programm dokumentiert ein interessantes Spektrum an Science Fiction und Fantasy, dazu kommen Kinderbücher und anderes. Angeboten werden die Titel in gedruckter Form wie auch als E-Book. Als Start in ein neues Verlagsprogramm kann sich das 20 Seiten umfassende Heft im A4-Format wirklich sehen lassen.

Ich selbst bin vor allem von der Seite sieben angetan. Unter der Überschrift »Schauergeschichten, Science-Fiction, High-Fantasy, Horror, Steampunk« wird mein Kurzroman »Sardev – Der Schatten des Friedens« vorgestellt. Dieser erscheint im April 2015 als E-Book sowie als Audiobuch im Ifub-Programm.

Ich muss jetzt nur ein wenig rätseln, in welche der genannten Schubladen in der Überschriften der kurze Roman jetzt gehört: Science Fiction ist es nicht, Steampunkt beim besten Wilklen auch nicht, Horror oder Schauergeschichten hätte ich ebenfalls ausgeschlossen. Bliebe also die »High Fantasy«, was immer das jetzt sein soll ... so lernt man nebenbei noch ein bisschen über das eigene Werk.

Ernsthaft: Ich freue mich sehr, so schön präsentiert zu werden, und wünsche meinem Roman natürlich alles Gute!

16 März 2015

Melodien für Milliarden

Im Jahr 1996 war Punkrock wieder da – und zwar auf den unterschiedlichsten Ebenen. Die Chaostage-Trilogie der Jahre 1994 bis 1996 hatte dafür gesorgt, dass Punk auf der Straße wieder eine Nummer war. Und musikalisch spielten haufenweise Bands eine kommerzielle Variante von Punkrock, die sogar radio- und auf jeden Fall musikfernsehtauglich war.

In dieser Zeit platzierte die Terrorgruppe aus Berlin ihre zweite Langspielplatte – die gab's damals auch gleich als CD, dem angesagten Format überhaupt. »Melodien für Milliarden« kam mit einem umfangreichen Booklet und zeigte die Band auf der Höhe ihres Könnens.

In diesem Sommer 1996 gab es die Terrorgruppe gerade mal seit drei Jahren. Die Burschen hatten sich landauf, landab die Finger blutig gespielt und überall für fröhlichen Pogo gesorgt. Wer an deutschsprachigen Punkrock in den 90er-Jahren dachte, kam recht schnell auf die Berliner. Dass aus der einen oder anderen Ecke der Kommerz-Vorwurf erhoben wurde, ignorierte man gelassen – zumindest tat man so.

Die Platte war richtig gut – und sie ist es immer noch, wenn man sie sich heute anhört. Es herrscht klassischer Punkrock vor, mit Melodie und einem ordentlichen Tritt in den Hintern der Leute, die sich das in aller Gemütsruhe anhören wollen. Dazu gibt's immer mal wieder einen Schuss Ska, gelegentlich frönt man dem poppigen Song, und alles wird zu einer unangestrengt wirkenden, super-unterhaltsamen Soße zusammengerührt.

Sehr schön sind die Texte der einzelnen Stücke. Die Band war selten explizit politisch, verzichtet auf eindeutige Aussagen zu aktuellen Themen der Zeit – und hat sich deshalb immer klar positioniert. Die Weltsicht ist sarkastisch bis zynisch, man findet Polizei, Staat und Gesellschaft meist doof oder lohnt alles gleich komplett ab.

Das wird aber mit viel augenzwinkerndem Humor serviert. Die Band ist und war keine reine Spaßkapelle, wenngleich ihre Auftritte oft feuchtfröhlich und knallig zugleich waren. Das alles merkt man der Platte heute noch an. Wer sich für guten deutschsprachigen Punkrock interessiert, kann und sollte die Terrorgruppe kennen; und »Melodien für Milliarden« ist ein Beispiel dafür, wie cool Punk in der Mitte der 90er-Jahre sein konnte.

15 März 2015

Robot & Frank

Endlich habe ich den Film »Robot & Frank« gesehen, der hierzulande in den Kinos fürchterlich gefloppt ist und über den ich auch auf irgendwelchen Science-Fiction-Seiten praktisch nichts gelesen habe. Kein Wunder: Der amerikanische Spielfilm aus dem Jahr 2012 ist so »independent«, dass er an den großen Kinoketten ebenso vorbeiging wie an vielen Medien, und für Science-Fiction-Fans bietet er dann doch nicht genug.

Dabei spielt der Streifen in der »nahen Zukunft«, und eine seiner Hauptfiguren ist ein Roboter. Die eigentliche Hauptfigur ist aber der Schauspieler Frank Langella, der hier einen alternden Einbrecher spielt, der schon sehr viel vergessen hat und einen vergeblichen Kampf gegen das Alter führt. Das ist manchmal witzig anzuschauen, unterm Strich aber eher traurig.

Die Zeit vergeht immer schneller, und das merkt eben auch ein ehemaliger Fassadenkletterer. Er wehrt sich gegen den Roboter, den sein Sohn ihm als Pfleger ins Haus stellt, so lange er kann – um dann das technische Gerät tatsächlich als einen Freund zu akzeptieren.

Spätestens da wandelt der Film ein wenig auf Asimovs Spuren: Inwiefern kann ein technisches Gerät denn Gefühle so weit simulieren, dass sie echt wirken? Und welche Wünsche muss ein Roboter seinem Besitzer erfüllen, damit dieser ein möglichst gutes Leben hat?

Ich will gar nicht so viel über die Handlung verraten, den Film aber jenen empfehlen, die gerne mal einen augenzwinkernden Film über das Älterwerden sehen möchten, die Roboter mögen und die sich freuen werden, Liv Tyler endlich mal nicht als Elfin, sondern als verschmitzte Tochter zu erleben. Sehr schöner Film!

14 März 2015

Tage in Kings Cross

Es war eine glückliche Zeit, wenn ich mich recht daran erinnere: Einige Tage wohnten wir im Juli 1991 in Sidney; wir hatten uns im »Downunder Backpackers Hostel« einquartiert, eines von vielen Hostels der Nachbarschaft. Zumindest zeitweise wohnten wir nicht in einem Mehrbettzimmer, mussten uns also nicht in einem »Dorm« den Platz teilen, sondern hatten ein Zimmer für uns.

Unser Hostel gehörte zum Viertel Kings Cross, dem damaligen Szeneviertel der australischen Metropole, und von hier aus waren es nur einige hundert Meter bis zur Elizabeth Bay. Ebenso war es nicht weit zu Kneipen und Liquor Stores, wo ich mir gelegentlich ein Bier kaufen konnte, um es dann in einer Papiertüte über die Straße tragen und heimlich zu trinken.

Sidney fand ich quirlig und unterhaltsam, ich ließ mich gern auf der Straße treiben, war aber viel zu kurz dort, um mir einen echten Eindruck von der Stadt zu verschaffen. Ganz in der Nähe gab es – und es ist auffällig, wie gut ich mich daran erinnere – eine stets gut gefüllte Diskothek, die wir nie betraten, die sich aber dadurch auszeichnete, dass hier Go-Go-Girls am Werk waren.

Auffällig war die Präsenz der Polizei. Sie patrouillierte durch die Straßen, immer wieder sah ich Uniformierte. Manche waren zu zweit unterwegs, andere parkten in einem Fahrzeug am Straßenrand. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Polizei wirklich nötig wäre – aber vielleicht lag die friedliche Atompshäre auch daran, dass man ständig Uniformierte sah.

Als ich Sidney verließ, tat ich das im festen Bewusstsein, in naher Zukunft wieder eine Reise nach Australien zu unternehmen. Das Land hatte mich fasziniert, und Sidney war ein schöner Abschluss einer langen Reise gewesen – aber dann kam eh alles anders, und seither verschlug es mich nie wieder auf den fünften Kontinent ...


13 März 2015

Ein Pornostar von 1993

Thomas Pradel ist ein preisgekrönter Buchgestalter; wir sind fast gleichalt. Getroffen haben wir uns in all den Jahren nie – aber ich habe seine Musik gehört. Er war für die Ein-Mann-Band L'Edarps A Moth verantwortlich, von der ich diverse Kassetten besitze. Weil mich interessierte, wie die Indie-Musik der frühen 90er-Jahre klingt, hörte ich dieser Tage einmal »Pornostar« aus dem Jahr 1993 an.

Enthalten sind sage und schreibe 18 Stücke, die meisten um die drei Minuten lang. Musikalisch ist die Bandbreite recht groß: Manchmal handelt es sich um schräge Experimente, dann wieder um eher piepsigen IndiePop, gelegentlich sägt eine Hardrock-Gitarre durch die Gegend.

Alle Instrumente wurden von Thomas Pradel selbst gespielt, auch die Aufnahmen stammen von ihm. Allein das ist schon eine Leistung – da stört mich weniger, dass ich mit der Musik meist nicht so viel anzufangen weiß. Die Melodien stimmen oftmals, dann wieder ist es mir zu dünn.

Textlich gibt es Liebeslieder ebenso wie Interpretationen von Klassikern (Erich Kästner und Bertolt Brecht); schön sind Titel wie »Braunschweig in Aspik«. Viele Reime sind eigenironisch oder gewollt schlicht; man merkt dem Autor und Musiker an, dass ihm das alles echt viel Spaß bereitete.

Der große Spaß an L'Edarps A Moth erschließt sich mir im Jahr 2015 nicht. Vielleicht muss ich die Kassette einfach noch einmal zehn Jahre liegen lassen und sie mir dann erneut anhören ...

Und Terry lächelte freundlich

In diesen Tagen fällt es mir geradezu schwer, meinen Blog nicht in eine Liste von Nachrufen umzufunktionieren. Mehrere Menschen sind gestorben, die ich persönlich kannte oder deren Werke ich mochte. Einige Sätze zu Terry Pratchett möchte ich dennoch verlieren.

Vom literarischen Werk des Briten habe ich so viel gar nicht gelesen. Der Humor seiner »Scheibenwelt«-Romane ist nicht jedermanns Sache, und manchmal hat er mich nicht gepackt. Das mag an den Übersetzungen liegen – ich bezweifle allerdings, dass mein sehr durchschnittliches Englisch dazu ausgereicht hätte, die Feinheiten seiner Dialoge und Beschreibungen im Original zu verstehen. Hier brauche ich wohl kaum zu kokettieren.

Ich bekam Terry Pratchetts nette Art auf einem Con in Dortmund mit; er wirkte zurückhaltend und sympathisch gleichermaßen. Mein persönliches »Highlight« mit ihm erlebte ich allerdings 1997 auf dem WorldCon in San Antonio in Texas.

Aus Zufall ergab es sich, dass die Autogrammstunden von Robert Feldhoff, unserem PERRY RHODAN-Autor, und Terry Pratchett parallel liefen. Also saßen die beiden Schriftsteller nebeneinander an einem Tisch in einer großen Halle. Vor Pratchett begann eine Schlange, die einmal quer durch die Halle und an den Wänden entlang verlief; Hunderte von Fantasy-Fans standen an, um ihre Bücher signieren zu lassen.

Für Robert interessierten sich zwei, drei Leute; dann hatte er nichts mehr zu tun. Geduldig signierte Pratchett ein Buch nach dem anderen, sprach mit den Fans, wirkte aufmerksam und höflich und war keine Sekunde lang überheblich oder sonstwie abgehoben. Neben ihm langweilte sich Robert.

Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Damit Robert nicht so allein saß, tat ich so, als wollte ich auch ein Autogramm holen, trat zu ihm und reichte ihm einen Roman, den er signierte. Pratchett erfasste die Situation sofort, wahrscheinlich bekam er mit, was wir redeten.

Der Bestsellerautor schaute zu uns herüber, nickte kurz und lächelte uns freundlich an. Es war kein herablassendes Lächeln, keines von einer höheren Warte herab, sondern einfach eine sympathische Geste. Dann ging er wieder an seine Arbeit.

Dieses Lächeln möchte ich in Erinnerung behalten, wenn ich an Terry Pratchett denke ...

12 März 2015

Arcana zum zwanzigsten

In der heutigen Zeit ist ein Heft wie »Arcana« ein Anachronismus: Es erscheint geheftet und im A5-Format, und es sieht auf den ersten Blick aus, als sei es ein Fanzine aus den 80er-Jahren. (Aus dieser Zeit kenne ich den Herausgeber, wobei ich ihn meiner Erinnerung nach ein einziges Mal gesprochen habe.)

Streng genommen aber ist »Arcana« eine richtig gute Literaturzeitschrift, die sich zu Recht als »Magazin für klassische und modere Phantastik« versteht. Die aktuelle Ausgabe 20 erschien dieser Tage, und ich las sie von vorne bis hinten durch – ein echtes literarisches Vergnügen für Menschen, die Kurzgeschichten mögen, und für Menschen, die sich für phantastische Literatur ernsthaft interessieren.

Es handelt sich um ein »Sonderheft Frankreich«, und es enthält nur Kurzgeschichten französischer Autoren, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts schrieben. Einige Namen wie Maurice Renard waren mir aus diversen Phantastik-Anthologien bekannt, die anderen las ich zum ersten Mal – das macht aber nichts.

Es handelt sich bei den zehn Geschichten durch die Bank um sehr gut lesbare Texte. Sie spielen mit phantastischen Motiven, sie zielen häufig auf eine Pointe ab, und sie enthalten häufig einen tüchtigen Krimi-Anteil. Man merkt ihnen an, wie sehr die Literaturgattungen zur Jahrhundertwende ineinander verwoben waren.

Ich mochte den unterschiedlichen Blick, den die Autoren auf ihre Arbeit geben. Das war alles unterhaltsam geschrieben und lässt sich auch heute noch mit Genuss lesen – eine tolle Zusammenstellung, der hoffentlich bald wieder ein ähnlicher Themen-Schwerpunkt folgen wird.

Das Heft umfasst 68 Seiten, ist sorgfältig gemacht und kostet fünf Euro. Zu beziehen ist es über den Verlag Lindenstruth in Gießen, der im übrigen verschiedene schön gemachte Bücher in seinem Programm hat. Ein Besuch der Internet-Seite lohnt sich für den echten Phantastik-Fan!

11 März 2015

Zwischen Punk und Hardrock gerotzt


Ich gehöre zu den Trotteln, die die furiose schwedische Punk-Band The Baboon Show echt noch nicht gesehen haben; das will ich nicht weiter vertiefen ... Dafür hörte ich mir dieser Tage immer wieder ihre Platte mit dem hübschen Titel »People's Republic Of The Baboon Show Formerly Known As Sweden«; ein Grund mehr für mich, einen Konzertbesuch bei der Kapelle ganz weit vorne auf den »to do«-Zettel zu schreiben.

Sagen wir so: Manche Stücke klingen echt, als hätte man AC/DC mit einer Sängerin neu gestartet. Das ist hervorragender, rotziger Hardrock, zwar ohne jegliche Soli, dafür aber von der Produktion und von den Songstrukturen her – das ginge auch im Fußballstadion oder als Vorgruppe bei irgendwelchen Kommerz-Festivals. Wobei bei AC/DC der Hardrock sowieso eine Nummer für sich ist – da habe ich noch nie gemault.

Bei den meisten Stücken der Platte lässt es die Band trotzdem gut punkrockern. Die Stimme der Sängerin wirkt immer rauh, würde sofort in eine Hardrock-Band passen, ist bei schnellen Stücken aber stets rotzig und klar gleichzeitig. Sie treibt die Stücke voran, sie sorgt für den Rhythmus und den Charakter – und dann überzeugt mich das eben doch.

Die Platte ist abwechslungsreich, sie ist gut, und sie könnte auch Leute ansprechen, die mit Punkrock-Gebolze nichts am Hut haben. Das ist doch auch was ...

06 März 2015

Gewalttätig, intelligent, spannend

Seit ein Roman aus der »Jack Reacher«-Reihe mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt worden ist, dürften sich weltweit mehr Leser für die packenden Thriller interessieren. Um es vorwegzunehmen: Deren Lektüre lohnt sich – wenn man bereit ist, sich auf ein konsequentes und nicht unbedingt immer liberales Weltbild einzulassen. Zuletzt las ich »Way Out«, einem Roman aus der Reihe, der hierzulande 2009 erschienen ist.

Zu den Hintergründen: Jack Reacher war jahrelang bei der Militärpolizei der Vereinigten Staaten und ist heute der Typ Einzelgänger, den man vor allem aus Western kennt. Er reist mittellos durch die Welt, hat keinen festen Wohnsitz und trägt praktisch kein Geld mit sich. Doch immer wieder wird er mit Problemen konfrontiert, und dann hilft er den Menschen, die in ebendiesen Problemen stecken.

So auch in diesem Fall: Eine junge Frau und ihre Tochter sind entführt worden, und ihr Mann – ein schwerreicher Mann – versucht, sie wiederzubekommen. Er lässt Jack Reacher anheuern, und dieser steigt in das Spiel ein.

Schnell merkt er, dass mehr hinter der Entführung steckt, als sein Auftraggeber ihm anfangs sagen wollte: Der Ehemann der Entführten verdient seine Millionen damit, dass er quasi als Chef einer Söldnertruppe für die amerikanische Regierung auftritt. Im Verlauf von einigen Jahren machte er sich einige Feinde, und Reacher vermutet einen Zusammenhang.

Das klingt vergleichsweise schlicht, wie eine Entführungsgeschichte eben, die irgendwann einen mehr oder weniger glücklichen Ausgang nimmt. Doch »Way Out« ist recht trickreich, der Roman überrascht mit einigen Wendungen und bleibt so bis zum packenden Ende echt spannend.

Ein intellektuelles Buch ist der Roman dennoch nicht. Jack Reacher ist ein ehemaliger Soldat; er kann ermitteln, er kann kämpfen, er kann töten – und das schildert der Autor immer wieder. Die Szenen sind sehr klar, und sie werden meist aus einer eng begrenzten Perspektive erzählt, nämlich aus Reachers Blickwinkel; die Dialoge sind schnell und präzise und treiben die Handlung voran.

Das einzige, was nicht so richtig funktioniert, ist die Darstellung einer Art Liebesgeschichte, die man auch hätte weglassen können. Dass zwei Ermittler unterschiedlichen Geschlechtes zusammenarbeiten können, glaube ich jederzeit; sie müssen dafür nicht auch noch das Bett teilen und dabei Klischeesätze von sich geben.

Die Weltsicht des Autors scheint klar zu sein: Böse Menschen muss man im Zweifelsfall umbringen. Zumindest legt Lee Child entsprechende Überlegungen seinem Helden Jack Reacher in den Mund. Gleichzeitig aber ist sein Denken liberal im positiven Sinn, von einer hohen Toleranz gegenüber den Eigensinnigkeiten der einzelnen Menschen geprägt.

»Way Out« ist spannend und mitreißend; ich las den Roman in einem Rausch der Spannung. Und ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Band aus dieser Serie, den ich in die Hand nehme.

05 März 2015

Erinnerungen an olle Zeiten

Auf der Internet-Seite von PERRY RHODAN, der Science-Fiction-Serie, für die ich tätig bin, plaudere ich gern über die Vergangenheit: mal über meinen frühen Jahre als Fan, mal über meine Arbeitszeit im Verlag. Die Kolumnen-Reihe »Der Redakteur erinnert sich« kommt auf jeden Fall gut genug an – ein Grund, sie auch hier einzubauen.

Unter dem Titel »Ein Papier zur FanZentrale« ging es am 6. Januar 2015 ins Jahr 1994 zurück. Ich beschrieb, wie ich ein Arbeitspapier verfasste, das als Grundlage für die noch zu gründende PERRY RHODAN-FanZentrale dienen sollte.

Ganz erfolglos war ich damit nicht – den Verein gibt es noch heute. Am 7. Januar 2015 brachte ich den zweiten Teil zu »Ein Papier zur FanZentrale«, in dem ich vom weiteren Fortschritt berichtete. 1994 ist über zwanzig Jahre her, aber an manche dieser Tage erinnere ich mich noch unglaublich genau ...

»Walter Ernsting war ein besonderer Mensch« – so hieß es am 15. Januar 2015. Ich erinnerte an den Gründer der PERRY RHODAN-Serie und des Science-Fiction-Clubs Deutschland, den ich kurz vor seinem Tod in Salzburg besuchen durfte.

Ins Jahr 1995 und nach Wolfenbüttel ging ich am 20. Februar – es hieß »Eine Struktur für viele Zyklen«. Ich schrieb über meine Zusammenarbeit mit Robert Feldhoff und den von ihm maßgeblich erfundenen Thoregon-Zyklus.

Zuletzt ging es am 26. Februar ins Jahr 1988 zurück – und in die damals noch existierende DDR. »Das geplante Sondershausen-Treffen« interessierte mich sehr, aber ich konnte nicht teilnehmen; die dämlichen Stasi-Behörden hatten etwas gegen Fan-Treffen im »realen Sozialismus«.

04 März 2015

Schon wieder nicht demonstriert

Am Dienstag, 3. März 2015, kam ich gegen 21.15 Uhr auf dem Hauptbahnhof in Karlsruhe an. Ich trug einen Anzug und einen Mantel; viel seriöser als ich konnte man nicht aussehen. In der einen Hand hatte ich meinen Notebook-Tasche, mit der anderen zog ich meinen Trolley. Anders gesagt: Ich war der typische Geschäftsreisende anfangs der fünfzig, den niemand beachtet.

Im vorderen Teil des Bahnhofs wimmelte es von Polizisten. Sie trugen den sturen Blick jener Polizisten, die so aussehen, als wollten sie jemanden krankenhausreif schlagen. Da keine »gewalttätigen Demonstranten« zu sehen waren, beschäftigten sie sich damit, in Gruppen herumzustehen, als drohe ein Terroranschlag.

Das war kein schöner Anblick, liebe Freunde von der Polizei. Als bahnreisender und vielsteuernzahlender Bürger fühlte mich nicht sonderlich geschützt, sondern eher von dem martialischen Aufgebot bedroht.

Eine Gruppe junger Männer saß an einem Tisch. Sie sahen nicht wie Nazis aus, ich ordnete sie aber eher dem »rechten« Spektrum zu; vielleicht erlebnisorientierte Fußballfans oder dergleichen. Sie tranken Bier, in ihrer Nähe hatten sich weitere Beamte aufgebaut.

Vor der Tür blinkte und blitzte es blau. Überall standen Polizisten in Straßenkampf-Uniform, überall warteten Polizeifahrzeuge. Eine sehr überschaubare Gruppe junger Männer in schwarzen Kapuzenpullovern beobachtete alles auf der anderen Straßenseite – womöglich waren das die »gewaltbereiten Linken«, die gegen den Nazi-Aufmarsch der Pegida demonstriert hatten.

Der Taxifahrer, der mich nach Hause fuhr, schimpfte die ganze Fahrt über. Straßen waren gesperrt, die Bahnen waren nicht gefahren, in der Innenstadt hatte das Chaos geherrscht. Aus seinem Bericht bekam ich dann einigermaßen mit, wie die Polizei mal wieder die Demokratie geschützt hatte ...

(Mehr kann ich nicht berichten. Ich war nicht dabei. Aber manchmal sagen Bilder eh mehr als Worte. Ich verweise auf Fotos im allmächtigen Internet ...)

02 März 2015

Krachige Musik aus Ex-Jugoslawien

Als ich meine Radiosendung im Freien Radio Querfunk vor vielen Jahren startete, war mein Ehrgeiz unter anderen, originelle Themen aufzugreifen. In den vergangenen Jahren schaffte ich das leider nur noch selten – am Sonntag, 1. März 2015, schimmerte es aber ein wenig durch, das Originelle und Ausgefallene. Und das nur deshalb, weil ich als Schwerpunkt den Punk aus Jugoslawien und den Nachfolgerepubliken Jugoslawiens wählte.

Unweigerlich bildete sich ein gewisser Schwerpunkt mit Novi Sad im nördlichen Serbien aus – die Stadt war schon in den 80er-Jahren eine Szene-Hochburg. Ich spielte die Oi!-Punks von Red Union und die Alt-Punks von Vrisak Generacije aus dieser Stadt – das waren schon mal schöne Stücke. Ebenso brachte ich den melodischen Punk von Blitzkrieg aus Novi Sad zu Gehör.

Ein bisschen geschichtlich wurde es mit Pekinska Patka aus Belgrad, die 1978 mit ihrem Punk angefangen hatten. Aus Mazedonien kam die Band Xaxaxa mit ihrem poppigen Punk, und aus Slowenien kam die Hardcore-Band Polska Malca, die ich 1990 durchaus anstrengend fand.

Kroatien war mit dem modernen Punkrock von Deafness By Noise vertreten, ebenso mit dem Anarcho-Punk, den Apatridi in den 90er-Jahren spielten. Ebenfalls aus Nula kam die Anarcho-Punk-Band Nula, die häufig in Süddeutschland und Österreich spielte.

01 März 2015

Zum fünfzigsten

Es gibt diverse Geschichten darüber, wie sich Hermann Ritter und ich kennengelernt haben: 1981 durch einen Briefwechsel, 1982 dann persönlich. Seither sind wir befreundet und haben schon einiges gemeinsam erlebt. Wir waren gemeinsam auf Cons, wir haben gemeinsam getrunken, getanzt und gesungen.

Wir haben den EuroCon '92 mitveranstaltet. Wir waren an diversen PERRY RHODAN-WeltCons beteiligt. Wir waren auf Science-Fiction-WeltCons. Wir waren auf mehreren Festen der Fantasie. Wir besuchten zahlreiche Parties und Konzerte. Wir haben 1985 auf Burg Niederalfingen tatsächlich einmal einen Preis gewonnen, durch die gesangsstarke Unterstützung von Krischan Holl vor allem,.

Hermann ist mein »Lord« im Einhorn-Clan, was ich jetzt nicht weiter erläutern möchte. Ich bin »sein« Redakteur bei PERRY RHODAN NEO und PERRY RHODAN-Action; wir haben also auch schon Romane gemeinsam erarbeitet. Das alles prägt.

Und heute feierte er seinen fünfzigsten Geburtstag. Unglaublich!, es ist doch erst einige Jahre her, als wir verunsicherte Jugendliche waren, die sich für Science Fiction und Fantasy interessierten. Da sind so viele Jahre vergangen?

Der Jubilar ist nicht im Land, sondern hat es vorgezogen, auf eine ferne Insel zu verduften. Recht hat er. Aus diesem Grund gibt es nur diesen Gruß hier:

Alles Gute zum fünfzigsten, altes Haus!

28 Februar 2015

Peter in der Zielgerade

Es ist bereits die Folge 54: In der Ausgabe 118 des OX-Fanzines erschien die aktuelle Folge meines Fortsetzungsromans »Und: Hardcore!« – weiter geht es mit den »Peter Pank«-Epos. Die Handlung lässt sich rasch zusammenfassen: Zusammen mit einem Journalisten und einer undurchsichtig wirkenden, aber reichlich coolen Frau dringt Peter Meißner in einen »Schuppen« ein, der schon zu Beginn des Fortsetzungsromans eine Rolle spielte. Dort vermutet man allerlei Nazi-Kram.

Derzeit bin ich noch nicht ganz sicher, wie viele Folgen es noch sind, bis der Roman zu Ende ist. Sind's zwei oder drei? Auf jeden Fall soll das fertige Buch im Verlag des Archivs der Jugendkulturen erscheinen. Seien wir aber mal realistisch – das wird frühestens im nächsten Jahr der Fall sein.

27 Februar 2015

Tolle Gestaltung, lahmer Inhalt

Manchmal kaufe ich Bücher nur deshalb, weil sie toll aussehen. Das machte ich bei dem Roman »Der Hals der Giraffe« der deutschsprachigen Schriftstellerin Judith Schalansky; sowohl für den Inhalt als auch die Gestaltung hatte die Autorin sehr viel Lob erhalten. Und das machte mich dann doch sehr neugierig ...

Um es vorwegzunehmen: Will man wissen, warum die anspruchsvolle deutsche Literatur so erbärmlich und langweilig ist, sollte man sich diesen Roman einmal angucken. Wer ihn durchlesen möchte, benötigt ein wenig Zeit. Er ist nicht kompliziert geschrieben, enthält keinerlei stilistischen Experimente, ist aber einfach sterbenslangweilig.

Das Feuilleton liebte das Werk dennoch: In der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« wurde »Der Hals der Giraffe« euphorisch besprochen. Die Rezensentin bescheinigte sogar, es handele sich um »einen aufregend trockenen Roman über die brennenden Fragen unserer Zeit«. Er sei quasi »die Spitze der literarischen Evolution«.

Eigentlich handelt es sich um einen Lehrerinnen-Roman. Hauptfigur ist eine Lehrerin in einer Kleinstadt irgendwo im Osten der Republik, die schon zu DDR-Zeiten und während der sogenannten Wende im Schuldienst tätig war. Sie ist stur, sie schwört auf Professionalität und knallhartes Lernen. Wer sich nicht anpasst, der rasselt durch.

Die zynische Hauptfigur, die eigentlich mit der aktuellen Welt nicht klarkommt, ärgert sich über Schüler und Lehrer, und sie verzweifelt an der Welt, die sie mit einem dauernd-miesepetrigen Blick beäugt. Während in ihrer Wahrnehmung rings um sie die Welt zerfällt, versucht sie grimmig den Kurs zu halten.

Wie die Autorin es schafft, aus diesem eigentlich interessanten Thema eine so langweilige Lehrveranstaltung zu machen, das ist schon klasse. Der Blick durch die Brille der Hauptfigur ist gelungen – wenn geplant war, die Lehrerin so darzustellen, hat die Autorin ordentlich gearbeitet. Da aber eigentlich den ganzen Roman über nichts passiert, kommt so gut wie keine Spannung auf.

Der Roman hat wenig Handlung, sondern besteht aus sehr viel Innensicht, aus Reflektionen und Gedanken; gelegentlich gibt es Interaktion. Die Hauptfigur ist unangenehm, und das beschreibt die Autorin natürlich gut; trotzdem packte es mich einfach nicht. Der Spiegel, den die Autorin ihren Lesern vorhalten wollte, kam bei mir nicht besonders gut an. Unterm Strich war's dann eine quälende Lektüre, mehr nicht.

Ach so: Die Gestaltung des Romans ist wirklich klasse. Der Umschlag besteht aus einem groben Leinen, das man so eigentlich nie sieht; darauf wurde das Skelett einer Giraffe geprägt. Im Inhalt gibt es einige Illustrationen von Tieren aller Art – das hat weniger mit dem eigentlichen Romaninhalt zu tun als vielmehr mit dem »Meta-Thema«: Wieviel Anpassung benötigt man als Mensch, um in der heutigen Umwelt überleben zu können?

»Der Hals der Giraffe« ist im Suhrkamp-Verlag erschienen; der Roman ist noch im Handel erhältlich, allerdings nicht mehr in der superschicken Leinen-Ausgabe. Aber wer sich trotz meines kritischen Blicks für den Roman interessiert, wird ihn sicher auch in einer anderen Version gern kaufen ...

26 Februar 2015

Rennen in der kalten Stadt

Dienstag abend, 24. Februar 2015: Der erste offizielle Aufmarsch der »Pegida Karlsruhe« sollte ablaufen, und ich wollte dabei sein, um diesen Aufmarsch mitzublockieren. In ziemlicher Hektik fuhr ich von der Arbeit nach Hause, zog mir wärmere Kleidung an und machte mich auf den Weg in die Innenstadt von Karlsruhe.

Weil ich mit dem Rad unterwegs war, nahm ich die Route entlang des Stephanplatzes, der großmaßstäblich von der Polizei abgeriegelt war. Überall waren Gruppen von Männern unterwegs, die dem Platz zuströmten. Das typische Nazi-Ornat trugen die wenigsten, viele von ihnen wirkten aber miesepetrig und schlechtgelaunt.

Ich stellte mein Rad an der Karls-Apotheke ab und wollte zum Ludwigsplatz. Zu meinen Bekannten ließ mich die Polizei erst nach einiger Diskussion durch. Offensichtlich überforderte mein Aussehen ihr Schema – dann stand ich bei den Gegendemonstranten.

Es blieb lange Zeit langweilig. Die Polizei riegelte den Stephanplatz ab, auf dem die Pegidioten ihre Kundgebung abhielten. Wir konnten sie kaum sehen, geschweige denn hören. Wir standen am Ludwigsplatz, froren und brüllten ab und zu mal irgendwelche Parolen. Von der anderen Seite des Stephanplatzes her kamen andere Demonstranten; es gab dort auch Rangeleien, aber wir sahen nichts konkretes.

Irgendwann liefen die Pegidioten los. Die nächste Stunde war ein Katz-und-Maus-Spiel in der Innenstadt. Überall waren Gruppen von Demonstranten unterwegs, überall rannten Einsatzkräfte der Polizei durch die Gegend. Wir wollten den Nazi-Aufmarsch blockieren, die Polizei riegelte ständig irgendwelche Straßen ab.

Am Zirkel – auf Höhe des Badischen Kunstvereins – wurden wir sogar eine Viertelstunde lang von Polizeiketten »eingekesselt«. Die Pegidioten marschierten vorbei, es kam zu einigen hektischen Aktionen. Hier flog der eine Böller, durch dessen Detonation es zu den zwei verletzten Polizisten gab.

Unsere Gruppe wollte zum Schlossplatz, wo wir die Schlusskundgebung der Pegida anschauen wollten; wir gingen als Ortskundige irgendwelche Schleichwege, liefen durch die Ritterstraße und standen auf einmal dem kompletten Pegida-Mob gegenüber, der bereits auf dem Rückweg vom Schloss war. Ich war in dem Moment sehr froh, dass die Polizei zwischen uns und denen stand ...

Zu sehen gab es rund 200 beinharte Nazis, zwischen denen sich einige normale, bürgerlich gekleidete Menschen aufhielten, die Plakate in die Luft hielten, auf denen sie ihre Meinung äußerten. Der Großteil der Pegida-Demo bestand aber aus sehr kräftig aussehenden Jungmännern mit schlechter Laune.

Die Pegida-Demo war zwischen Polizeiketten und der Unterführung entlang des Schlossplatzes eingekeilt. Auf der anderen Seite der Unterführung kam es zu Gerenne; wir sahen Demonstranten, die von der Polizei gescheucht wurden – während die Pegidioten begeistert johlten. Dabei kam es zu den zwei weiteren verletzten Polizisten, die beim Rennen unglücklich stürzten.

Unsere kleine Gruppe schrie eifrig »Nazis raus!« – wobei ich schon froh war, dass die Polizei zwischen uns und denen stand. Hinter uns hatte man mittlerweile die Straße abgesperrt, so dass keine Verstärkung zu uns durchkam.

Ein Polizist sprach mich beim Vorbeigehen halblaut auf Badisch an: »Sie haben ja so recht.« Ein anderer sagte zu einer Frau aus unserer Gruppe: »Es ist Ihnen schon klar, dass die Kundgebung aufgelöst ist. Die können jetzt heimgehen, wir stehen zu Ihrem Schutz da.« Die Pegida-Demo skandierte mittlerweile »Danke, Polizei!«

Danach wurde es wieder hektisch. Die Polizei machte den Weg für die abmarschierende Pegida frei – wir gingen freiwillig aus dem Weg; vereinzelt kam es gegenüber unserer Gruppe zu Schubsereien. Unter wütendem »Nazis Raus«-Gebrüll wurden die Pegidioten durch die Stadt geführt; wieder gab es überall Polizeispaliere und Gruppen von Gegendemonstranten. In meinen Augen war die Innenstadt von Karlsruhe voller aufgebrachter Leute.

Am Stephanplatz endete alles. Es kam zu einer Rangelei zwischen einer Gruppe Nazis und einer Gruppe Demonstranten, es kam zu gegenseitigem Beschimpfen – dann war es vorüber. Die Pegida war marschiert und hatte sich dabei als knallharter Nazi-Aufmarsch entpuppt. Wieder einmal etwas auf der Straße gelernt ...

25 Februar 2015

Presse und Pegidioten

Wenn ich einen Standpunkt der Pegidioten teilen kann, ist es tatsächlichi der, die bundesdeutsche Presse zu kritisieren. Der Begriff »Lügenpresse« ist aus den unterschiedlichsten Gründen falsch – aber wie falsch und unlogisch häufig berichtet wird, lässt sich täglich an unzähligen Beispielen festmachen. So schreiben viele der sogenannten Journalisten einfach voneinander ab oder übernehmen kritiklos die Aussagen der Polizei.

Ein schönes Beispiel dafür erlebte ich am gestrigen Abend und an der Reaktion der sogenannten Qualitätsmedien am heutigen Tag. (Ich verzichte auf die Angabe von Quellen. Wer mithilfe von »Pegida« und »Karlsruhe« googelt, dürfte genug finden.) Einen Bericht liefere ich vielleicht noch nach, hier erst einmal einige Sätze zur Pressereaktion.

Die Medien schreiben von 200 »Islamkritikern« oder »Pegida-Anhängern«; dass es sich zu zwei Dritteln um beinharte Nazi-Schläger und Hooligans handelte, zwischen die paar »bürgerlichen Demonstranten« mit ihren putzigen Schildern kaum auffielen, wird verschwiegen. Auf der anderen Seite wird mal von »700 Pegida-Gegnern« gesprochen, dann sind es wieder »jeweils mehrere hundert« – was nach meiner Rechnung dann mehr wären als 700. Aber zwischen denen sind dann auch wieder »100 gewaltbereite Linksautonome« oder auch »bis zu 200 teils gewaltgeneigte Teilnehmer der Gegenveranstaltungen«.

Wie immer schwanken die Zahlen, wie immer nimmt man irgendwelche Angaben, ohne sie auch nur einmal selbst nachzuprüfen. Und es bleibt ein Bild: Brave Demonstranten unter schwarz-rot-goldenen Fahnen wurden von bösen Linken angegriffen, und die Polizei hat alles getan, damit alles friedlich bleibt.

»Danke, Polizei«, skandierten die Pegidioten am Ende. »Danke, liebe Medien«, skandiere ich in meinem Redaktionsbüro vor mich hin und schäme mich für meinen Berufsstand.