24 März 2019

Eine Prise Blues

Kaum ist der Trubel der Buchmesse vorüber, tritt auch schon ein wenig der Messe-Blues ein. Zurück geht es über die Autobahn, den Kopf voller neuer Gedanken und Ideen, Eindrücke und Gesprächen. Es waren irrsinnig viele Gespräche, eine ununterbrochene Kommunikation mit Hunderten von Menschen.

Was mich immer beeindruckt: wie schnell man offen miteinander umgeht, wie schnell ein Umgang entsteht, den ich positiv finde. Die Leute an den kleinen Phantastik-Verlagen, die Leser/innen, die Verlagsleute aus den größeren Verlagen – sie alle verströmten gute Laune und positive Energie. In Zeiten, in denen man manchmal glaubt, die Welt würde nur von Idioten bewohnt, ist so eine Lage schon wie eine Utopie.

Ob sich Leipzig unter kommerziellen Gesichtspunkten lohnt, kann ich nicht sagen. Ich kann für mich nur sagen, dass es mir viel Freud bereitet hat. Eine wunderschöne Messe geht für mich an diesem Sonntagabend zu Ende ...

23 März 2019

Tag drei erfolgreich absolviert

Die meisten Leute können sich nicht so richtig vorstellen, was man auf einer Buchmesse den ganzen Tag so macht. Das ist normal. Ich kann mir schließlich auch nicht so richtig vorstellen, was ein Schweinezüchter, ein Steuerprüfer oder ein Hochleistungssportler, eine Grafikerin, eine Kinderärztin oder eine Bundeskanzlerin den ganzen Tag über machen.

Am heutigen Tag machte ich auf der Leipziger Buchmesse eigentlich nur eins: Ich redete. Und ich redete. Und wenn ich eine Pause hatte, redete ich wohl mit mir selbst, der Sonne am Himmel oder der frischen Luft. Ich kam nicht aus dem Redefluss heraus, fühlte mich zwar nicht immer wohl damit, konnte aber nicht aufhören.

In vielen Gesprächen mit Autorinnen und Autoren ging es um die aktuelle Situation im Buchhandel. Viele Leute scheinen sich Sorgen zu machen, bei vielen Leuten sind die Umsätze eingebrochen, gibt es schlichtweg weniger verkaufte Bücher und damit auch ein geringeres Einkommen. Das sind subjektive Eindrücke, klar – aber vor allem die Schreibenden, die von Verkäufen leben und nicht von staatlichen Subventionen, haben offenbar mehr Probleme als vor einigen Jahren.

Wenn ich mir das alles dann so durch den Kopf gehen lasse und mit einem Bier nachspüle, ist es wohl schon besser, wenn ich als angestellter Redakteur tätig bin und nicht andere Dinge versuche. Die Gelegenheitsschriftstellerei kann ich als »Hobby« mehr schlecht als recht betreiben – aber dann ist es nicht so schlimm, wenn riesige Erfolge ausbleiben ...

22 März 2019

28 Stunden in Leipzig

So schnell können Tage an einem vorüberrauschen. Am Vormittag des Donnerstags, 21. März 2019, startete ich in Karlsruhe zu meiner Fahrt nach Leipzig, wo ich die diesjährige Leipziger Buchmesse besuchen wollte. Ich entschloss mich spontan, über Nürnberg zu fahren, weil dort keine Staus gemeldet wurde, rollte dann mit meine Dienstwagen gefühlte 200 Kilometer durch Baustellen und Tempo-80-Zonen und fragte mich hinterher, ob es nicht schneller gewesen wäre, die zwei Staus bei Heidelberg und so zu überwinden.

Aber das sind Luxusprobleme, die man leicht bewältigen kann. Ich hörte die neue Razzia-Platte im Auto – sie klingt wirklich wie früher, und das ist hier positiv gemeint – und die Promo-CD der Band Kontrolle, die ich unglaublich toll fand. Zwischendurch hörte ich immer wieder ein Hörbuch der Romanserie, für die ich tätig bin, und kam so guter Dinge durch.

In Leipzig empfingen mich schönes Wetter und gutgelaunte Menschen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich das Wetter drehen würde – aber das hatte ich im vergangenen Jahr auch gedacht. So absolvierte ich fleißig Termine, sprach mit Lesern und tat das, was man auf einer Messe eben macht: Man redet zu viel, man trinkt zu wenig, man isst falsche Dinge.

So rasten der Donnerstag und der Freitag an mir vorüber. Schauen wir, wie das Wochenende wird; immerhin dürfte die wahre Besucherwelle noch kommen ...

20 März 2019

»Maddrax« wird 500

Ich habe lange überlegt, ob ich in meiner Funktion als Redakteur der Konkurrenz etwas schreiben soll oder als jemand, der die phantastische Literatur mag. Mittlerweile bin ich sicher, dass es sinnvoller ist, wenn ich mich persönlich äußere. Dann wird es nicht versehentlich als offizielle Aussage aufgefasst.

Die Serie »Maddrax« kenne ich seit vielen Jahren – sie wird vom Bastei-Lübbe-Verlag veröffentlicht, erscheint alle zwei Wochen und zählt zur phantastischen Literatur. In munterer Weise vermengen die Autoren allerlei Elemente von Science Fiction, Fantasy und Horror, zeitaktueller Kritik und ein wenig Popliteratur. Es hängt davon ab, wer welchen Roman schreibt; entsprechend vielseitig ist die stilistische wie inhaltliche Ausrichtung der Serie.

Ich lese jeden Roman an, blättere darin herum und bekomme so im Groben mit, um was es eigentlich geht. Als Experten würde ich mich nicht bezeichnen, und komplett gelesen habe ich schon lange keinen Roman der Serie mehr. Das wird sich jetzt ändern – dieser Tage ist nämlich der Band 500 erschienen, und der liegt schon daheim auf meinem »dringend zu lesen«-Stapel.

Sascha Vennemann schrieb »Zeitbeben«. So lautet der Titel von Band 500. Ich bin sehr darauf gespannt.

Den Kollegen möchte ich an dieser Stelle gratulieren. Ich weiß selbst sehr gut, wie kompliziert das Geschäft geworden ist, und wie schwer es ist, eine Serie im Handel zu halten. Dass »Maddrax« die Nummer 500 erreichen würde, hätte ich nie gedacht. Das ist eine starke Leistung, Respekt!

19 März 2019

Reiter im Schneenebel

Ich irrte zu Fuß durch die Nacht. Nebelschwaden trieben über die Straße, es war kalt, und die Straße lag voller Schnee. Rechts und links von mir türmten sich Berge aus Eis und Schnee auf, als hätte es in den vergangenen Wochen einen bitteren Winter gegeben. Aber ich wusste nicht genau, wo ich war. Es sah zwar so aus, als sei ich im Wald zwischen Freudenstadt und Dietersweiler unterwegs, wie in den 80er-Jahren, aber mir war verwirrenderweise bewusst, dass ich in Bayern unterwegs war.

Wegen des Wetters sah ich nicht viel, ich konnte mich im Brausen und Tosen des Windes nicht orientieren. Dann aber näherte ich mich einer Stelle, wo der Wald offenbar aufriss. Eine Woge aus Schnee und Eis raste vor meinem Gesicht vorbei, verschwand auf der linken Seite in der Dunkelheit. Ich hörte den Lärm, der wie die Wilde Jagd toste und brüllte, und dann kam schon wieder eine riesige Woge von der rechten Seite, um an mir vorbeizurasen.

Aus einem Grund, der sich mir nicht erschloss, erkannte ich, was sich vor meinen Augen abspielte: Ich war Zeuge eines Pferderennens, das mitten im Schneesturm ausgetragen wurde. Da sah ich auch schon die Tiere: Groß waren sie, mit riesigen Köpfen und roten Augen. Sie schnaubten vor Energie, die Reiter auf ihren Rücken waren nicht zu erkennen.

Hier würde mir niemand helfen können, das wusste ich. Also ging ich weiter und erreichte eine Straße. Hier war vor Stunden geräumt worden. Ich ging zwischen den Schneebergen dahin, stapfte durch den Neuschnee, fror und zitterte.

Von hinten hörte ich ein Auto, es dröhnte durch die Nacht. Ich stellte mich an den Straßenrand, hob aus altem Reflex heraus den Daumen. Der Fahrer ignorierte mich, das Auto zischte an mir vorbei. Hilflos sah ich ihm nach.

Da sah ich, dass es irgendwohin abbog. So schnell ich konnte, rannte ich in die Richtung, wohin das Auto gerollt war. Ich sah es nicht mehr, stapfte weiter durch die Nacht und den Schnee.

Bis ich auf einmal merkte, dass ich über eine Glasplatte ging, verstärkt durch schwere Stahlstreben. Unter mir war Wasser, das eine Kuppel offenbar bis an den Rand gefüllt hatte. Ich sah Menschen in Badekleidung, die sich durch das Wasser bewegten, mal mehr, mal weniger elegant.

Von unten grinste mich ein Mann an. Er klopfte mit der flachen Hand gegen die Scheibe, fand es vielleicht komisch, dass ich durch die Nacht stapfte, während er durch warmes Wasser schwamm. Wütend starrte ich zurück. Was sollte ich tun?

Da wachte ich auf.

18 März 2019

Drei verzweifelte Menschen

Bereits im Jahr 1933 veröffentlichte der große französische Schriftsteller Georges Simenon den schmalen Roman »Die Selbstmörder«. Bei Diogenes wurde er in der leider mittlerweile vom Markt genommenen Reihe »ausgewählten Romane« als Band fünf veröffentlicht. Ich las ihn in den vergangenen Tagen und ließ mich zum wiederholten Mal in eine Geschichte hineinziehen, die traurig und spannend zugleich war.

Ein junger Mann und ein Mädchen unterhalten in einer französischen Kleinstadt eine verheimlichte Affäre, die aus wenigen Worten und ausgiebigem Knutschen besteht. So richtig gut kennen sich die beiden nicht, und dennoch flüchten sie nach Paris – weil sich der junge Mann vom Vater des Mädchens bedroht fühlt. Dort schlagen sie sich mehr schlecht als recht durch, mit Gaunereien und Gelegenheitsarbeiten.

Der Vater folgt in seiner Verzweiflung. Er versucht, seine Tochter wiederzufinden, wobei er sich auf die Hilfe eines Detektivs verlässt. Seine Suche macht ihn besessen, so sehr, dass er die Briefe seiner Frau aus der Provinz ignoriert oder gar nicht versteht.

So treiben drei Menschen durch Paris, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen. Sie alle sind verzweifelt, und alles, was sie tun, treibt sie noch tiefer in die tragische Situation hinein. Man möchte sie während der Lektüre ständig alle drei am Kragen schnappen und kräftig durchschütteln – es ist ein echtes Elend.

Die Lektüre von »Die Selbstmörder« ist nicht leicht, weil die Geschichte so aussichtslos erscheint und auf ein zerstörendes Ende zusteuert. Trotzdem schafft Simenon es, die Figuren so zu schildern, dass man mit ihnen mitleidet und wissen will, wie alles ausgeht.

Dabei macht der Autor einige Dinge, die ich einem Autor normalerweise nicht verzeihe: Er springt durch die Erzählperspektiven, wechselt sie manchmal sehr hektisch; dann wieder rafft er die Handlung auf ungewohnte Weise, um später eine Szene mit allen Details zu schildern. Damit trägt er zur fiebrigen Atmosphäre dieses Großstadtromans der dreißiger Jahre bei.

Georges Simenon wirkt in diesem Roman nicht wie ein Krimi-Schriftsteller, sondern wie einer, der versucht, einen Gesellschaftsroman im kleinen Format zu schaffen. Dabei blickt er auf die »kleinen Leute«, nicht auf die Reichen und Schönen. Faszinierend.

(Übrigens: Mir war keine der handelnden Personen sympathisch. Als Leser mochte ich weder das Mädchen noch den jungen Mann und schon gar nicht den spießig-verzweifelten Vater. Sie alle haben keinen klaren Plan, sie alle vertrödeln gewissermaßen ihre Zeit und steuern alle miteinander immer tiefer in die jeweilige Krise hinein.)

Das Ende einer Hörspiel-Ära

Die »John Sinclair«-Hörspiele sind sehr erfolgreich, sie zählen sicher zu den beliebtesten Hörspielen im deutschsprachigen Raum. Auch ich höre sie gern an, obwohl ich die Romane mit dem Geisterjäger nicht sonderlich mag. Aber in Form der Hörspiele finde ich sie oft klasse.

Deshalb war ich besonders gespannt darauf, wie sich die Nummer 100 der Serie präsentiert. Sie trägt den Titel »Das Ende« – was sollte sich dahinter verbergen? Der Geisterjäger selbst segnet natürlich nicht das Zeitliche, auch wenn er allerlei Gegner zu bekämpfen hat.

Tatsächlich hört einer der Sprecher auf: Frank Glaubrecht sprach John Sinclair in den bisherigen Folgen. Es gibt tatsächlich Sequenzen, in denen der Sinclair der Zukunft auftaucht – also der neue Sprecher – und auch der Sinclair der Vergangenheit eine kleine Rolle hat. Der bisherige Sprecher kann sich auch noch in einer persönlich klingenden Ansprache von seinen Fans verabschieden. Eine schöne Geste!

Ansonsten ist der Inhalt der Doppel-CD sicher knallig genug, um die Fans zu begeistern. Der Kaiser der Vampire taucht ebenso auf wie allerlei andere Höllenkreaturen oder die »Alten von Atlantis«. Magische Gegenstände poltern haufenweise durch die Handlung, eine – schwer nach Science Fiction riechende – Pyramide aus seltsam-blauen Material schaukelt durch Raum und Zeit, es wird viel geballert, gebrüllt und gestorben, und am Ende sind einige Leute tot.

Klar: Das ist keine Folge für Neulinge. Hier werden viele Handlungsfäden zusammengeführt, und über echte Logik darf man bei »John Sinclair« sowieso nie nachdenken. Aber gut gemacht ist das Hörspiel wie immer schon.

So wird eine hektische Verfolgungsjagd durch die Straßen von London inszeniert, es gibt Kämpfe zwischen den Dimensionen und eine witzige Szene in einer Kneipe auf einer griechischen Insel – das alles wird mit starken Geräuschen, kurzen Musik-Sequenzen und richtig guten Sprechern toll illustriert. So müssen Hörspiele sein, denke ich, um die Hörerinnen und Hörer heute zu fesseln.

Für die »Sinclair«-Fans ist diese Nummer hundert sicher ein Fest: so viele Bösewichte auf einem Haufen! Wer die Serie nicht kennt, wird damit wenig anfangen können. Ich fand's gut gemacht, aber inhaltlich einfach zu überzogen. Allerdings bin ich ja auch kein echter Fan ...

17 März 2019

Ein negativer Smily ins Gesicht

Ich fahre mit dem Rad durch die Erbprinzenstraße. Es nieselt, die Temperaturen sind wieder gefallen, und es geht ein unangenehmer Wind. Außer mir ist niemand auf der Straße.

Die Anzeigentafel, auf die ich zuradle, blinkt mich hektisch an. »Langsam«, zeigt sie in roten Großbuchstaben.

Ich denke mit der Selbstironie, zu der ich nach dem Training noch fähig bin: »Stimmt, ich bin verdammt langsam.«

Dann kommt so ein Negativ-Smily in Rot, also ein rotes Gesicht, das die Mundwinkel nach unten gezogen hat. Ganz klar: Ich werde öffentlich getadelt.

Das sieht niemand außer mir, also ist es mir egal. Mit derselben lahmarschigen Geschwindigkeit wie vorher radle ich weiter.

Und frage mich verzweifelt: Wie langsam muss man an dieser Stelle eigentlich fahren, damit einem die Stadtverwaltung kein schlechtes Gewissen einredet, man sei ein »Fahrradraser«? Haben die eigentlich sonst keine anderen Probleme?

15 März 2019

In der Nationalbibliothek

Warum ich auf die Idee kam, in der Deutschen Nationalbibliothek nach mir selbst zu gucken, weiß ich gar nicht mehr. Sicher zählte Eitelkeit zu den wichtigsten Grundlagen dafür. Ich stellte fest, dass es tatsächlich einen Eintrag zu mir gab, wunderte mich über die Kombination aus »Schwerpunkt Science-Fiction und Fantasy« und »Afrikareisender« – dort war ich seit 2004 nicht mehr –, fühlte mich aber doch sehr geschmeichelt.

Gleichzeitig wunderte ich mich. Klar, bei den »Publikationen« und »Autor von« ist die Bibliothek gut aufgestellt. Die Aufzählung scheint zu stimmen, und dass »Die Jenseitsinsel« fehlt, kann nicht verwundern – die Novelle erschien ja nicht in einem »seriösen« Buchverlag mit ISBN und dergleichen, kann deshalb auch nicht aufgefunden werden.

Bei »Publikationen« und »Beteiligt an« sieht es schon deutlich skurriler aus. In der Liste tauchen Titel auf, die ich allein geschrieben habe, aber auch Werke aus meiner Arbeit, an denen ich maximal als Chefredakteur beteiligt war. Müsste man danach gehen, hätte die Deutsche Nationalbibliothek mittlerweile gut hundert »Silberbände« und dergleichen aufzulisten.

Das wäre nicht korrekt, schon klar – aber warum sind dann einige wenige in der Liste, die anderen aber nicht? Aber vielleicht sollte ich mir über solche Listen eh keine großen Gedanken machen.

14 März 2019

Das digitale Dachau

Im Januar 1986 veröffentlichte der Heyne-Verlag eine Anthologie, die den auffälligen Titel »Das digitale Dachau« trug. Sie wurde von Wolfgang Jeschke zusammengestellt und präsentierte eine umfangreiche Auswahl an internationaler Science Fiction – nicht nur aus dem englischsprachigen Raum.

Warum ich mich immer wieder gern daran erinnere, hat einen einfachen Grund: Von mir ist die Kurzgeschichte »Sternfahrt« enthalten, die ich zwei oder drei Jahre zuvor beim Heyne-Verlag eingereicht hatte.

Mit den Autorinnen C. J. Cherryh und Kate Wilhelm sowie den Autoren George R. R. Martin und Ian Watson sind in dem Buch Leute vertreten, die schon damals zu den großen Namen gehörten. Sie gewannen in jenen Jahren Preise und wurden nicht nur in den USA mit umfangreichen Romanen veröffentlicht. Heutzutage dürften auch die meisten Genreleser nur noch den Namen von George R. R. Martin kennen – und das nicht wegen seiner Science Fiction, sondern wegen seiner Fantasy.

Darüber hinaus ist eine Reihe von Autoren in dem Buch zu finden, die ich nicht kannte und deren Namen mir bis heute nicht viel sagen. Sie stammten aus Italien und Russland – aber ich wüsste beispielsweise heute mit Giuseppe Pederiali nichts mehr anzufangen. Man muss fairerweise sagen: So dürfte es diesen Autoren damals mit den Namen aus Deutschland gegangen sein.

Hans Zakel kannte ich immerhin; er schrieb für viele Fanzines und hatte auch in meinem eigenen Fanzine veröffentlicht. Die anderen Namen waren mir teilweise sehr fremd.

Insgesamt aber hatte Wolfgang Jeschke ein Taschenbuch zusammengestellt, dessen Mischung einiges an Überraschungen bot. Die bekannten amerikanischen Autorinnen und Autoren sorgten dafür, dass auch unbekannte Leute wie ich in der Anthologie veröffentlicht werden konnten.

Ich war damals extrem stolz auf die Veröffentlichung, erinnere mich aber noch gut daran, wie wenig mein soziales Umfeld damit anfangen konnte. Weder meine Verwandtschaft noch die Leute im örtlichen Jugendzentrum fanden das spannend.

Das Problem mit den Filterblasen, die nicht immer passen können, gab's also schon damals ...

13 März 2019

Cons und andere Zumutungen

Noch in den 90er-Jahren, als ich bereits Redakteur war und mein Geld mit Science Fiction verdiente, fuhr ich gern auf die Treffen von Science-Fiction-Fans, also auf die sogenannten Cons. Ich hatte von 1981 bis 1992 selbst Cons veranstaltet und mochte die Treffen mit Gleichgesinnten. Aber ich stellte von Jahr zu Jahr fest, wie wenig Spaß mir das alles machte, und deshalb ging ich auf immer weniger Cons.

Klar: Es ist Arbeit, und die Cons sind stets am Wochenende. Damit verbringe ich dann immer ein Wochenende mit Arbeit. Das führt letztlich dazu, dass es mir keine Freude mehr bereitet, auf einen solchen Con zu fahren.

In diesem Jahr habe ich für mich bislang zwei Cons vorgemerkt, dazu eine Fan-Veranstaltung, die wir vom Verlag organisiert hatten und die bereits in der Vergangenheit liegt. Im Mai fahre ich nach Osnabrück und besuche dort die PERRY RHODAN-Tage, nutze aber den Freitagabend für einen privaten Besuch. Und im Oktober steht der BuchmesseCon in Dreieich vor mir, das ist seit vielen Jahren eine Pflichtveranstaltung.

Damit ist das Jahr eigentlich ausgebucht. Allerdings überlege ich mir ernsthaft, den ACD-Con zu besuchen. Die alljährlichen Treffen des ATLAN-Clubs Deutschland, in dem ich seit den 80er-Jahren Mitglied bin, sind ja eher Grillpartys als seriöse Veranstaltungen; da könnte es mir also auch »halbprivat« gefallen. Schauen wir mal ...

12 März 2019

Ein Nachmittag in Chinon

Bevor ich in der Loire-Region unterwegs war, hatte ich von Chinon noch nichts gehört – ein Beleg dafür, wie wenig ich mich in Frankreich im Allgemeinen und mit Wein im Besonderen auskenne. Weil der Reiseführer den Ort empfahl, fuhren wir dahin, bummelten durch die schmalen Straßen entlang des Berges, aßen eine Kleinigkeit, schwitzten ein wenig, schauten uns die alten Burgruinen an und waren insgesamt sehr von dem Ort angetan.

Chinon ist ruhig, geradezu beschaulich, eine französische Kleinstadt, wie geschaffen für einen dieser Filme, die man in Deutschland so mag: ein wenig verträumt, ein wenig spinnert, insgesamt aber mit guter Stimmung. Zumindest bei unserem Aufenthalt dort hatte ich das Gefühl, dass die Leute in Chinon eine gelassene Lebensart haben.

Entlang des Flusses Vienne stehen große Bäume, die Schatten spenden. Man kann auf alten Mauern sitzen, dem Wasser zuschauen, das träge vor einem vorbeifließt, man kann auch ein Eis essen und sich generell gut fühlen. Oder man kann durch die Gassen stromern. Beides ist schön.

Was man tunlichst nicht machen sollte: am hellichten Tag einen Chinon-Wein trinken. Die Rotweine aus der Region sind kräftig, schon ein kleines Glas ballert einem den halben Kopf weg. Ich mochte das »Probiererle« sehr, beging aber einen schweren Fehler: Ich vergaß, genügend Wein zu kaufen, um den Kofferraum zu füllen.

Andererseits muss man es positiv sehen: Jetzt habe ich einen weiteren Grund, mal wieder nach Chinon zu fahren. Die Weine dort lohnen sicher einen zweiten Besuch.

11 März 2019

Interessanter Genre-Mix mit starker Grafik

Um es einleitend zu sagen: Es gibt einen ganzen Strauß von Comics, die der Autor Sylvain Cordurié entwickelt hat und die sich mit Sherlock Holmes und übernatürlichen Phänomenen beschäftigen. Viele von ihnen sind im Splitter-Verlag erschienen, ich finde sie allesamt irgendwie cool, verstehe sie aber nicht komplett.

Das kommt daher, dass die Bände zwar selbständig wirken, aber immer irgendwie Fortsetzungen sind, in denen Anspielungen auf andere Bände vorkommen und die offen enden. Zuletzt las ich »Sherlock Holmes und die Zeitreisenden«, das bereits 2016 erschienen ist und im Prinzip aus zwei Alben besteht, die man in einem schicken Hardcover-Band zusammengefasst hat.

Die Geschichte spielt im Jahr 1894, und das London dieser Zeit fängt Vladimir Krstic-Laci in seiner teilweise sehr opulenten Grafik hervorragend ein: Kutschen rollen durch prächtige Straßen, sowohl die Frauen als auch die Männer tragen schicke Kleidung, die Interieurs der Gebäude überzeugen ebenso wie die Landschaftsbilder – rein grafisch ist der Comic absolut gelungen. (Wozu sicher die passende Farbgebung durch Axel Gonzalbo beiträgt.)

Hauptfigur ist Sherlock Holmes, der nicht mehr als Detektiv tätig ist, sondern eine Buchhandlung betreibt. Doch dann taucht ein Gelehrter auf, der anscheinend eine Zeitreise hinter sich gebracht hat, und Holmes wird als Ermittler reaktiviert. Er stößt – offenbar zum wiederholten Mal – hinein in ein Netz aus Verschwörungen und Intrigen, das sich durch England und vor allem die höfische Gesellschaft zieht.

Das Netz hat nicht nur mit Wissenschaft zu tun, sondern auch mit Magie, mit Telepathie und einer Reihe von weiteren übersinnlichen Themen. Sogar die Königin ist darin verstrickt, und die Lösung des Falles wird einigermaßen kompliziert.

Ganz ehrlich: Verstanden habe ich nicht alles. Die Figuren haben allesamt Beziehungen zueinander, die aus früheren Comics stammen, in denen beispielsweise Vampire durch London marodiert sind. Spannend wirkte das alles, und die Zusammenhänge sind interessant.

Sherlock Holmes als Figur funktioniert sichtlich auch im Comic und in einem Genre-Mix, wie ich ihn so noch nicht gesehen habe. Eine Prise Krimi, viel Science Fiction und Fantasy, das Ganze dazu noch gut gezeichnet und spannend erzählt – das macht neugierig auf die anderen Bände des Themas, die bei Splitter erschienen sind.

Vielleicht erkenne ich dann mehr Zusammenhänge?

Quatsch-Schlager-Deutschpop

Auf solche Texte muss man erst einmal kommen: »Der Rasen ist gemäht / der Zaun ist repariert / und so vermute ich / dass hier nichts mehr passiert.« Ähnliche Reime sind auf der Platte »tiefsee« der Band Ja König Ja oft zu finden, immer haarscharf zwischen genial und irrsinnig vorbeizischend, immer mal wieder zu einem Grinsen anlassgebend.

Veröffentlicht wurde die Platte schon 1999, verantwortlich war mit Detlef Diederichsen einer der deutschsprachigen Musik-Päpste. Es war die dritte Platte der Band, die es immer noch gibt und die alle Schaltjahre neue Tonträger veröffentlicht. Die damals vier Musiker spielten gekonnt mit ihren zwischen Dada und Besinnlichkeit flirrenden Texten und der teilweise schrammeligen Musik.

Es ist ganz eindeutig Popmusik, aber sie ist absichtlich minimal gehalten. Da quiekt die Orgel, da wird die Gitarre gern variabel eingesetzt, wenn nicht gerade alles vor sich hinschunkelt, darüber plätschern die Stimmen in einem lockeren Tonfall.

Und dann die Lieder! Gesungen wird über Bob Dylan und sein uneheliches Kind, über Tuberkulose und ertrinkende Männer; es gibt ganz eindeutig keine ernsthaften Inhalte. Vielleicht kann man in die Texte etwas hineininterpretieren, vielleicht sind sie bewusst albern – das ist egal.

»tiefsee« ist eine originelle Platte, die weit vom Punk weg ist, die irgendwie in den Kontext der Hamburger Schule gehören dürfte, dafür aber dann doch nicht intellektuell genug ist. Das ist auch nach all den Jahren noch durchaus lauschenswert.

10 März 2019

Warum ich kein guter Amerikaner sein konnte

Ich ging ins »Long Beach Cafe«, das sich gleich um die Ecke des Motels befand, in dem ich mich einquartiert hatte. Ich musste nur eine Gasse durchqueren, in der sich der Unrat in verborgenen Winkeln sammelte, dann über einen Parkplatz gehen, und ich war da. Die Einrichtung des Cafés erwies sich als eine Orgie in Grün: grüne Lederpolster auf den Bänken, viel Grün an den Wänden, eine grün gestaltete Speisekarte.

Die Werbung versprach »giant omelettes«. Nach nach dem sportlichen Vortag, an dem ich mit dem Rad durch die Gegend gefahren und lange spazieren gegangen war, fühlte ich mich hungrig und wie abgemagert. Also bestellte ich nach kurzem Überlegen ein Veggie Omelette; das sollte reichen.

Während ich auf das Essen wartete und meinen Kaffee trank, dessen Tasse ständig nachgefüllt wurde, betrachtete ich das Publikum. Viele Geschäftsleute hatten sich eingefunden, Männer in Anzug und Krawatte und Frauen in Business-Kostümen. Andere Leute sahen aus wie Vertreter, die eine Nacht im Motel verbracht hatten, oder eben Handwerker, die sich auf den nächsten Einsatz vorbereitet hatten. Sie alle aßen und tranken in rasantem Tempo.

Als das Essen kam, war ich erst einmal völlig irritiert. Allein das Omelette war so groß, dass ich es kaum schaffte; es hätte für zwei Personen locker gereicht. Dazu kamen Unmengen von Bratkartoffeln, die ebenfalls eine komplette Mahlzeit ergeben würden; die Leute im Café meine Pfanne zu Hause bis an den Rand gefüllt.

Dazu wurden mir noch zwei Toastbrote gereicht. Völlig verstört blickte ich auf den riesigen Berg von Essen, bevor ich vom Eiswasser trank und loslegte.

Ich wurde von meinen Eltern dazu erzogen, meinen Teller leerzuessen und mir nicht mehr zu bestellen, als ich essen könne. Bis heute ist es mir ein Greuel, Nahrungsmittel wegzuwerfen, und ich vermeide das, wo ich nur kann.

An diesem Tag ging es nicht anders. Ich sah Leute, die ebenfalls nur die Hälfte ihre Mahlzeit schafften, andere aber futterten alles.

Viel Zeit zum Zuschauen hatte ich nicht, weil ich mit dem Essen beschäftigt war. Die Kellnerin kam auch kurz danach, fragte schnell, ob denn alles in Ordnung sei und ob ich noch mehr wolle. Als ich verneinte, schmiss sie mir auch schon die Rechnung auf den Tisch und rauschte davon.

Von wegen Dienstleistungsgesellschaft Amerika, dachte ich und schaute dem anderen Kellner zu, der am Nachbartisch in etwa drei Sekunden die Fläche abwischte und dann zwei Servietten sowie eine Besteck-Garnitur hinpfefferte. Schnell waren sie ja, das musste man ihnen lassen.

Ich allerdings nicht. Schamhaft aß ich das Omelette, hatte noch Stunden danach ein fürchterliches Füllegefühl, futterte einige der Kartoffeln, ließ den Toast unberührt stehen, und dann verließ ich das Long Beach Cafe in einem schwankenden Gang, als hätte ich auf einen Schlag sechs Kilogramm Fett mehr auf dem Körper.

Es hätte für drei Leute meiner Statur gereicht. Mindestens. Und mir war hinterher einiges klarer, woher denn die Dickleibigkeit gewisser Amerikaner kam.

09 März 2019

Manuskripte bewerten lassen

Zu den Dingen, von denen sich Verlagsleute in diesen Monaten immer wieder faszinieren lassen, zählen »Big Data« und weitergehende Analysen. Es wäre schließlich einfacher, wenn man mehr Bestseller hätte, um die hohen Kosten, die ein Verlag nun mal mit sich bringt, besser wieder einzuspielen.

Dummerweise lassen sich Bestseller kaum planen. Wenn man einen Autor oder eine Autorin hat, die immer »funktionieren«, fällt das vielleicht einfacher; eine Garantie für die Zukunft ist das trotzdem nicht. Und Planbarkeit wäre doch zu schön.

In der Ausgabe 9 des »buchreport.express«, die am 28. Februar 2019 erschienen ist, wurde ein Interview mit Alexander Woge veröffentlicht. Er ist Geschäftsführer einer Firma, die als »Verlagsdienstleister« antritt. In diesem Interview geht es um Künstliche Intelligenz und wie man sie in Verlagen einsetzen kann. Das Thema scheint derzeit sehr viele Menschen in den Verlagen umzutreiben.

Woge formuliert es sehr schön: Er sehe »spannende Entwicklungsmöglichkeiten … auch im Bereich der Textanalyse«. Dabei gehe es um die »semantische Analyse« von Texten. Noch konkreter: Man könnte also ein Manuskript »anhand von bestimmten Modellen bewerten lassen«, bevor man es von einem Lektor »eingehend begutachten« lässt.

Die schöne neue Welt der Bücher, es ist der Traum vieler Verlagsleute. Man könnte vielleicht sogar die Lektorate weitestgehend einsparen, man könnte ganz viel »outsourcen«, und man könnte vor allem irrsinnig viel Geld sparen.

Wie schön wäre es, könnte ein Verlag nur die Romane veröffentlichen, die sicher funktionieren! Wie schön wäre es, könnte man so veröffentlichen, dass man keinen Ausschuss hätte und nur Erfolge! Ich sehe sie schon seit Monaten genau so denken und überlegen, die Krämerseelen, die sich »Verleger« nennen und nur an Geld denken, nicht aber an Inhalte.

Was mich bei all diesen Gedanken immer tröstet: Solange es Autorinnen und Autoren gibt, die einfach schreiben, was sie wollen, und Leser/innen, die in der Lage sind, selbst zu denken und selbst nach ihrem Stoff zu suchen, solange können die Computer und die Künstlichen Intelligenzen noch nicht die Literatur übernehmen!

08 März 2019

Green Book

»Boah, ist Aragorn dick geworden«, rutschte es mir heraus, als ich erkannte, wer eine der zwei Hauptrollen in dem Spielfilm »Green Book« spielte: Es war tatsächlich Viggo Mortensen, den ich als Aragorn aus der »Herr der Ringe«-Trilogie kannte. Die andere Hauptperson waren mit kein Begriff – aber ich bin auch kein Experte in Sachen Schauspielerei und informiere mich vor Kinovorstellungen eh viel zu wenig über die Filme und die Leute, die bei ihnen mitmischen.

Trotzdem ließ ich mich bereitwillig auf »Green Book« ein. Der Film hat den einen oder anderen Preis gewonnen, er ist derzeit in aller Munde, aber mich interessierte das Thema auch so. Vom Grundsatz her war's eine Komödie mit zwei Leuten, die sich anfangs nicht leiden können und die sich am Ende geradezu anfreunden. Solche Geschichten kennt man öfter, in »Ziemlich beste Freunde« und anderen Filmen stieß eben ein reicher Weißer auf einen armen Schwarzen, und die beiden näherten sich an – hier ist es gewissermaßen anders.

In den frühen 60er-Jahren fahren ein hochgebildeter Pianist mit schwarzer Haut und ein eher schlichter Weißer gemeinsam durch die Südstaaten. Der Schwarze gibt Konzerte, wird von den Medien und seinen Gastgebern sehr geschätzt, während der Weiße sich eher als Chauffeur sieht und immer mehr auch als Leibwächter. Denn recht schnell wird klar, dass die Gegensätze zwischen den beiden zwar groß sind, die Feindschaften von außen aber viel größer: Der allgegenwärtige Rassenhass wird in dem Film immer wieder thematisiert.

Man muss den Film nicht über den grünen Klee loben. Ich fand ihn sehr unterhaltsam, und ich würde ihn jederzeit empfehlen. Man lernt nicht unbedingt viel Neues über die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß, man kann aber einen interessanten Jazz-Pianisten entdecken – von dem ich noch nie gehört hatte –, und man wird mit einem gelungenen Unterhaltungsstreifen belohnt.

»Green Book« ist ein Streifen, der in mal amüsanter, mal knalliger Weise klarmacht, wie unsinnig der Gedanke ist, dass man Menschen in Rassen einteilen und sie entsprechend bewerten könnte. Dass dies manchmal ein wenig platt rübergebracht wird, störte mich nicht. Lohnender Film!

07 März 2019

Acrataka treffen auf Escöria

Das ist mal ein Brett: Die Split-EP der kanarischen Band Acrataka und der brasilianischen Band Escöria erhielt ich durch einen Tausch »Papier gegen Vinyl« im Anschluss an meine Lesung im Pfälzerwald. Und ich finde, ich habe da ein gutes Geschäft gemacht (die andere Seite hoffentlich auch) – das bolzt doch ziemlich, das Stückchen Vinyl, das 2016 erschienen ist und den Titel »Crisis« trägt.

Acrataka ist eine Band von den Kanarischen Inseln; woher genau, ist auch eher egal. Die fünf Bandmitglieder spielen rasenden HC-Punk der klassischen Schule; der Sänger brüllt, die Gitarre sägt, und das Schlagzeug poltert. Dass die Aufnahmequalität nicht besonders gut ist, stört mich nicht. Geboten werden vier politische Stücke – auch ohne Sprachkenntnisse erkenne ich, dass es um den Krieg, um Revolutionen oder die Ablehnung jeglicher Autorität geht. Knallig und klar.

Auch Escöria macht keinen Sound für ruhige Gemüter; die Band aus Rio Grande in Brasilien spielt Crust-Punk, und der ist ja schon per Definition wütend und laut. Die Band gibt's seit 1996 – auf der Split-EP sind zwei Stücke enthalten, die ebenfalls sehr politisch wirken. Die vier Herren lassen's auf jeden Fall ordentlich knallen.

(Dass wir uns klar verstehen: Jeden Tag kann ich mir so ein Geboller nicht reinziehen. Ab und zu muss aber eine tüchtige Portion Hardcore-Punk einfach sein.)

Der deutsche SF-Klassiker in Comic-Form

(Um es vorwegzunehmen: Ich weiß nicht, warum diese Rezension hier so spät erscheint. Der Comic, um den es geht, wurde bereits 2016 veröffentlicht. Man kann ihn aber immer noch kaufen, und ich möchte ihn zumindest kurz empfehlen.)

In den 70er-Jahre setzte die deutschsprachige Science-Fiction-Serie »Mark Brandis« echte Maßstäbe. Die Geschichten spielten nicht – wie etwa bei PERRY RHODAN – in den Tiefen der Milchstraße, sondern zwischen den Welten und Monden des Sonnensystems; Außerirdische tauchten nicht auf, und an überlichtschnelle Raumfahrt dachte niemand. Verfasst wurden die Romane von Nikolai von Michalewski, sie faszinierten damals zahlreiche Jugendliche.

Mittlerweile gibt es die Serie in neuer Form: Als Paperback liegt sie beim Mohlberg-Verlag vor, die Hörspiele erscheinen bei Universal und sind eine zeitgemäße Umsetzung des Klassikers. Seit Ende 2016 existiert eine Comic-Umsetzung. Es gibt bereits mehrere Bände, ich las bisher nur den ersten Band.

Die Texte orientieren sich am ersten Roman, der den Titel »Bordbuch Delta VII« trägt, und setzen diesen ziemlich genau um. (Wer also die Original-Geschichte kennt, wird keine Überraschungen erleben.) In einer nahen Zukunft hat sich die Menschheit ins All ausgebreitet; es gibt Kolonien auf dem Mond, dem Mars und der Venus. Während sich auf der Erde die Machtblöcke kritisch gegenüberstehen, stoßen abenteuerlustige Raumfahrer wie Mark Brandis immer tiefer ins All vor.

Es kommt zu einem Putsch auf der Erde, Brandis schließt sich dem Widerstand gegen die Militärmachthaber an. Demokratische Raumfahrer kämpfen also gegen faschistische Usurpatoren – so lässt sich die Handlung der frühen »Mark Brandis«-Serie zusammenfassen. Das war spannend, das ist immer noch spannend, und das transportiert der Comic in gelungener Weise.

Michael Vogt versteht sein Handwerk; er hat die klassische Science-Fiction-Geschichte sehr gut in die heutige Zeit transportiert. Künstlerisch finde ich ihn nicht immer überzeugend: Seine Darstellungen von Raumschiffen und futuristischen Gebäuden sind großartig. Bei Personen hat er seine Schwierigkeiten, vor allem die Gesichter sind nicht gerade optimal. Aber darüber kann ich angesichts der gelungenen Story locker hinwegsehen.

Der erste Teil des »Mark Brandis«-Comics ist gut gelungen, mit Luft nach oben. Weitere Teile sind bereits erschienen, diese muss ich mir wohl dringend besorgen. Wer Comics und Science Fiction mag, sollte hier auf jeden Fall mal einen Blick reinwerfen!

02 März 2019

Wieder einmal Jingo

In den späten 80er-Jahren, als die Hardcore-Welt noch in Ordnung war und unsereins sich selbst zu einer kleinen, verschworenen Gemeinschaft gehörte, zählten auch Jingo de Lunch aus Berlin zu den Helden – nicht zuletzt durch die beeindruckende Stimme und Live-Präsenz der Sängerin. Ich sah die Band in dieser Phase einmal und war begeistert; beim zweiten Mal war das in den 90er-Jahren, und da wandelte die Band bereits auf metallischen Pfaden.

In den Nuller-Jahren veröffentlichte Rookie Records eine CD mit dem schönen Titel »The Independent Years«, was sich schon mal wie ein klares Statement anhört. Die Platte präsentiert 21 Stücke aus den Jahren 1987 bis 1989, die noch mal zeigen, warum Leuten wie mir damals die Band so gut gefiel.

Die Stücke haben stets eine metallische Kante, was sich vor allem an der Gitarre zeigt. Sie bleiben aber stets melodisch und klingen vor allem sehr eigenständig, nicht nur wegen der Stimme, die für damalige Verhältnisse einfach sensationell klang.

Seien wir ehrlich: Heute hätte so ein Sound wahrscheinlich gar keine Chance mehr, weil er nicht in eine Szene-Schublade passt. Ich würde womöglich wegen der Metal-Anteile abwinken und sagen, dass mir das nicht gefalle. Den »echten« Metal-Fans dürfte es zu schrubbig sein, wer Punkrock mag, wird mit der Musik auch wenig anfangen können, und für »Indie«-Fans ist das alles eh zu uncool.

Heute würde sich Jingo de Lunch mit diesen Stücken zwischen alle Stühle setzen. Wahrscheinlich tat die Band das damals ebenfalls, weshalb sie ja auch nur der »harten Szene« gefiel. Die CD ist eine schöne Erinnerung daran. Und ganz klar: Wer die Band bislang nicht kannte oder nur ihre Metal-Phase in den 90er Jahren im Kopf hat, sollte mal nach dieser Platte Ausschau halten.

01 März 2019

Mit den Andromeda Nachrichten ins neue Jahr

Die Ausgabe 264 der »Andromeda Nachrichten« muss ich unbedingt empfehlen – dieses Fanzine des Science-Fiction-Clubs Deutschland e.V. (SFCD) kommt einem optimalen Magazin für meine liebste Literaturgattung mit dieser Nummer am nächsten. Damit hat Michael Haitel, der als Chefredakteur fungiert, eine richtig schöne Zusammenstellung geliefert, die auch Leser außerhalb des Vereins interessieren sollte.

Was mir diesmal gut gefallen hat: Es gibt einige längere Beiträge, die eher grundsätzlicher Natur sind. So erzählt Uwe Lammers in »E-Books – Das Echo der Zukunft« davon, wie sich aus seiner Sicht das E-Book-Geschäft entwickelt hat. Ich würde da einiges anders sehen, finde die Zusammenstellung der Daten und Fakten aber sehr lesenswert, vor allem für Leute, die sich mit dem Thema bisher nur am Rande beschäftigten.

Vom selben Autor gibt es einen Beitrag über »Alternative Weltentwürfe in der Science Fiction«, der vor allem durch viele Informationen und Hinweise glänzt und trotz seiner wissenschaftlichen Sprache gut lesbar ist. Ebenfalls interessant: Clemens Nissen schreibt über »Existenzphilosophie«, wirft also einen intellektuellen Blick auf die »Seele der Science Fiction«.

Darüber hinaus bietet das Heft auf 116 Seiten im A4-Format eine schöne Mischung aus Artikeln – etwa zu Steampunk-Veranstaltungen –, Rezensionen und Informationen. So stelle ich mir ein unterhaltsames Fanzine vor, so sind die »Andromeda Nachrichten« ein gelungenes Aushängeschild für den dienstältesten Verein in der deutschsprachigen Science-Fiction-Szene.

Das Magazin bekommen alle Vereinsmitglieder im Rahmen ihres Mitgliedsbeitrages geschickt. Man kann es auch abonnieren oder einzeln bestellen – hierzu verweise ich auf die Internet-Seite des Vereins. Und man kann sie auch kostenlos herunterladen, was ich hiermit ausdrücklich empfehlen möchte.

28 Februar 2019

Das Kopftuch zum Laufen

Wie absurd mittlerweile manche Diskussionen geführt werden, belegt die Auseinandersetzung um den Renn- oder Lauf-Hidschab. Hier hat sich das Unternehmen Decathlon in eine Auseinandersetzung begeben, die es letztlich nur verlieren konnte.

Dazu ist zu sagen: Ich finde es nicht gut, wenn sich Frauen verschleiern, eine Burka oder einen Hidschab tragen – sie fügen sich damit in ein patriarchales System ein und ordnen sich einer Logik unter, die ihre Freiheit beraubt, auch wenn sie das anders sehen mögen. Gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass eine Frau tragen kann, was sie will – also eben auch einen Hidschab oder ein Kopftuch.

(Mich stört die Kopftuch tragende Verkäuferin in unserer Konditorei um die Ecke nicht im geringsten. Eine Kopftuch tragende Lehrerin fände ich nicht korrekt.)

Decathlon wollte einen Hidschab einführen, den Frauen beim Sport tragen können. Dieses Produkt sollte es zuerst nur in Marokko geben, dann aber überlegte man sich, es auch in Frankreich in den Handel zu bringen. Aufgrund einer massiven Reaktion in der Öffentlichkeit entschloss man sich nun, den Hidschab nicht in Frankreich anzubieten.

Meiner Ansicht nach ist das ein Fehler: Es gibt nun mal Frauen, die auf die muslimische Kopfbedeckung Wert legen. Sie müssen dann auch in der Lage sein, mit dieser Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit aufzutreten und beispielsweise Sport zu treiben.

Also ist es richtig, dass es Produkte gibt, die sie nutzen können. Verbietet oder verdrängt man solche Produkte, bringt man solche Frauen nicht dazu, selbstbewusst das Kopftuch abzulegen, sondern man treibt sie aus der Öffentlichkeit.

Mir ist eine Person, die selbstbewusst und frei ihren Sport absolviert – auch mit Hidschab –, lieber als eine Person, die sich daheim versteckt oder glaubt, sich verstecken zu müssen. Jede Person muss das Recht haben, sich so anzuziehen, wie sie es für richtig hält – basta.

27 Februar 2019

Als alter Mann im »Jungle«

Schreibe ich heute über Ereignisse – natürlich in einer sehr romanhaften Form –, die im Jahr 1996 spielen, stelle ich immer wieder fest, wie viele Szenerien sich in meinem Kopf richtig gut eingeprägt haben und welche ich komplett vergessen habe. Die Kellerräume der »Haifischbar« im besetzten Haus in Karlsruhe – der »Steffi« – habe ich derart gut im Gedächtnis, dass ich beim Schreiben entsprechender Szenen mir schon fast zutraue, die Zahl einzelner Treppenstufen exakt zu bestimmen.

Dabei ist ja alles, was ich schreibe, sehr anonymisiert. Ich erwähne den Namen des besetzten Hauses nicht, zumindest habe ich es nicht vor, und ich tu' so, als ob es sich nicht gerade um Karlsruhe handle – aber es ist natürlich alles gut zu erkennen.

Wovon ich spreche? Von »Der gute Geist des Rock'n'Roll«. in der aktuellen Ausgabe 142 des OX-Fanzines erschien die siebzehnte Folge meines Fortsetzungsromans, der nach wie vor versucht, die Widersprüche einzufangen, die für mich der Punk und der Hardcore in der Mitte der 90er-Jahre hatten. Und dazu zählte dann eben auch, dass man als Punkrocker auf eine sogenannte Jungle-Party ging und sich dort fürchterlich alt vorkam.

Wer das alles auch lesen will, soll sich das OX am Kiosk kaufen; dort kann man es immer öfter finden. Oder eben auf seiner Internet-Seite abonnieren – ein stets lohnenswertes Heft!

26 Februar 2019

Ein Gebäude voller Teenager

Warum es mich in dieses Feriencamp verschlagen hatte, erfuhr ich nicht – oder ich hatte es vergessen, nachdem man es mir gesagt hatte. Ich irrte durch die Räumlichkeiten, stellte fest, dass ich von Jugendlichen umgeben war und dass die einzigen Menschen »über zwanzig« offenbar die Betreuer der Jugendlichen waren.

Manche Gänge durch das Gebäude waren verschlungen. Ich musste mich über steile Treppen quälen und mehrere Türen ausprobieren, bis ich es endlich schaffte, in einem Raum voller Spiegel ein bescheidenes Frühstück einzunehmen. Als einige Jugendliche in den Raum kamen und mich sahen, blieben sie stehen, tuschelten miteinander und verschwanden.

Später wollte ich ins Schwimmbad. Dort war viel los, Jugendliche sprangen von allen Seiten ins Schwimmbecken, lauter HipHop dröhnte durch die Halle. Genervt flüchtete ich. Bei diesem Lärm konnte ich weder lesen, noch sonstwie entspannen.

Vielleicht fand ich unterm Dach meine Ruhe. Ich stieg eine lange Wendeltreppe hoch, bis ich einen Balkon erreichte. Von dort aus hatte ich einen weiten Blick über das Land. Und wachte auf, bevor ich sehen konnte, was es zu sehen gab ...

Ein Western-Comic mit besonderen Helden

Seit die ersten Comics mit dem schnell schießenden Cowboy Lucky Luke erschienen sind, haben die Zeichner und Autoren alle möglichen Western-Elemente in ihren Geschichten verarbeitet: Gangster und Viehzüchter, Goldgräber und Indianer, Soldaten und Saloonbetreiber – sie alle fanden mehrfach ihren Platz. Auch ethnische Minderheiten wie Italiener oder Iren wurden häufig thematisiert. Es dauerte aber seine Zeit, bis auch einwandernde Juden als handelnde Personen bewusst ins Zentrum gestellt worden sind.

Im Band 95 der »Lucky Luke«-Serie ist dies der Fall. »Das gelobte Land« spielt schon im Titel mit dem jüdischen Mythos, in ein neues Land auszuwandern, in dem Milch und Honig fließen. In diesem Fall handelt es sich um Juden aus Osteuropa, die vor den dauernden Pogromen fliehen und sich im Wilden Westen eine neue Zukunft aufbauen wollen. Bei ihrem Weg durch die Weiten der Prärie steht ihnen Lucky Luke mit seinem treuen Pferd Jolly Jumper zur Seite.

Das klingt auf den ersten Blick vielleicht befremdlich. Denke ich an Witze über Juden, zucke ich erst einmal zusammen und reagiere ablehnend. Jul, der neue Texter bei »Lucky Luke«, bekommt das aber alles hin, ohne dass es peinlich wirkt.

Der Autor kennt offenbar die jüdische Kultur und die Eigenheiten der jddischen Sprache. Er schafft es, die Familie Stern bei ihrem Weg in den Wilden Westen mit allerlei Eigenarten zu karikieren, ohne dass es sie abwertet.

Allerlei Hinweise auf die heutige Populärkultur dürfen – wie bei »Lucky Luke« üblich – auch nicht fehlen. Oft genug gibt es also Anlass zum Schmunzeln.

Die Zeichnungen passen dazu. Achdé schafft es, den klassischen Stil der Serie beizubehalten und sie immer wieder aufzufrischen.

Wer die alten »Lucky Luke«-Geschichten kennt und liebt, wird sich nicht erschrecken; neuere Leser werden sich an den neuen Witzen erfreuen. Ein gelungener Comic über ein Thema, das ich zuerst für ein wenig heikel hielt.

24 Februar 2019

Über einen Unfall mit Folgen

Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre schrieb ich, vertraglich an eine Agentur gebunden, etliche Kurzgeschichten für Rätsel- und Frauenzeitschriften. Die Arbeit war gut bezahlt und nicht sonderlich anstrengend; manche meiner Texte wurden auch mehrfach veröffentlicht. Die meisten der Kurzgeschichten sind verschollen, weil sie mir nicht wichtig erschienen.

Ausgerechnet »Unfall mit Folgen« fällt durch dieses Raster. Heute hatte ich diese Geschichte wieder in der Hand; genauer gesagt, schaute ich die Datei durch. Immerhin wurde sie damals mit einem Computer getippt.

Bei der Geschichte handelt es sich um eine »Love Story«, was damals durchaus gewünscht war, aber irgendwie konnte ich sie nicht verkaufen – offenbar wollte keine Zeitschrift sie haben. Dabei enthält sie alles, was man zu jener Zeit wollte: eine überraschende Begegnung, ein Happy-End auf mehreren Ebenen. Und eine junge Frau lernt letztlich einen tollen Mann kennen – genau das, was eigentlich gewünscht wurde.

Ich gab mir redlich Mühe, alle Ziele zu erfüllen, die man mir für solche Geschichten setzte. Dass die Hauptfiguren in ein »Tanzlokal der gehobenen Klasse« gingen, klingt heute auch völlig absonderlich. 1989 oder 1990 erschien mir das offenbar erwähnenswert – immerhin ging es um Leute, die Bürojobs hatten.

Amüsant ist ohnehin, dass die Geschichte so altmodisch wirkt. Die Abwesenheit einer Krawatte wird erwähnt – damals trugen Angestellten fast immer eine Krawatte. Und weder das Internet noch ein Smartphone spielen eine Rolle – bei derselben Geschichte, die ich heute schreiben würde, müsste das auf jeden Fall mitwirken.

Und nun? Keine Ahnung. Vielleicht sollte ich wirklich mal einen Sammelband mit »klassischen Geschichten« veröffentlichen ...

22 Februar 2019

Der gelbe Sound der Revolution

Mit Revolutionen ist es so eine Sache, mit Aufständen und Widerstandsbewegungen, mit Demonstrationen und Aufmärschen: Wann immer viele Leute gemeinsam auf die Straße gehen und man in einer Menge unterwegs ist, fühlt man sich stärker. Es hat etwas »Faschistisches« und gleichzeitig »Geiles«, mit vielen anderen Parolen zu rufen, gemeinsam zu laufen und zu rennen, vielleicht auch mal etwas zu werfen oder kaputtzumachen. Ich kann das aus verschiedenen Gründen sehr gut verstehen.

Bis in die neunziger Jahre hinein waren große, auch aufrührerische Demonstrationen eine Sache der »Linken«, und ich setze das bewusst in An- und Abführungszeichen. Gegen die Startbahn West und gegen Wackersdorf, für besetzte Häuser und die Umwelt, für Flüchtlinge und gegen Nazis – ich habe selbst an zahlreichen Demonstrationen teilgenommen und werde das sicher auch in Zukunft tun.

Aber ich muss mir einfach überlegen, mit wem ich laufe und an wessen Seite ich welche Parole rufe. Ich werde nie vergessen, wie ich mich fühlte, als ich in den 80er-Jahren bei einem »Ostermarsch« in Stuttgart war: Auf der einen Seite wehten die Fahnen der Kommunisten sowie irgendwelcher kurdischen Splittergruppen, auf der anderen Seite beteten irgendwelche Superchristen. Damit wollte ich nichts zu tun haben, also ging ich danach auf keinen Ostermarsch mehr.

Oder in den 90er-Jahren, als ich gegen den Kosovokrieg demonstrieren wollte. Ich drehte um, als ich die Kundgebung sah – unter einem Meer von serbischen Flaggen wollte ich nicht für Frieden demonstrieren.

Viele »Linke« hatten damit kein Problem, ich schon. Für mich gibt es keinen guten und schlechten Nationalismus – ich halte Nationalismus generell für fragwürdig.

Als ebenso fragwürdig betrachte ich derzeit die »Gelbwesten«. Weniger auf die in Frankreich, bei denen aber auch immer mehr seltsame Fraktionen auflaufen: Ab dem Moment, wenn aus einer »Gelbwesten«-Demonstration heraus antisemitische Parolen gerufen werden, ist das Thema erledigt – aber das müssen die Franzosen selbst entscheiden.

Wenn hierzulande die »Gelbwesten« auflaufen, formieren sich seltsame Grüppchen. Beinharte Nazis, verwirrte Ökospinner und beknackte Linke rufen zu den Demonstrationen auf, fordern irgendwas und machen es sehr schwer, das Ganze ernstzunehmen. In diesem Gebräu gegensätzlicher Meinungen und verwirrenden Aussagen machen dann auch noch Leute mit, mit denen ich nicht am Tisch sitzen oder auf einer Demonstration laufen möchte.

So schön eine gewisse Romantik der Revolution ja sein mag – siehe einleitend –, so klar ist es auch, dass ich nicht mit Leuten in einer Reihe laufen kann, die faschistische, nationalistische oder antisemitische Thesen verbreiten. Für mich sind die »Gelbwesten« hierzulande nicht diskutabel: zu unsauber in ihrer Abtrennung.

Gruselig finde ich, wie viele Menschen dann mehr oder weniger heimlich ihre Sympathie für die Bewegung zeigen: Endlich zeige man es »mal denen da oben« oder »so ein bisschen Revolution tut gut« oder »wir sollten mehr von den Franzosen lernen«. Der gelbe Sound der Revolution klingt für mich zu sehr nach Stiefeltritten und zu wenig nach Demokratie.

21 Februar 2019

Ein Gaston auf der Leinwand

Ich bin ein großer Fan der »Gaston«-Comics, die der große französische Comic-Künstler Franquin entwickelt und gezeichnet hat. Der anarchistische Charme des Büroboten, der durch den Verlag schlurft und ständig Chaos anrichtet, machte mir schon Spaß, als ich noch nicht einmal wusste, wie es in einem Verlag zugeht. Seit ich das weiß, finde ich die »Gaston«-Comics noch besser.

Also war ich sehr darauf gespannt, die aktuelle Verfilmung anzuschauen. Im Kino verpasste ich sie – vielleicht lief sie bei uns auch nicht –, also holte ich mir die DVD. Das ist dann doch echte Fan-Begeisterung … Und wenn man sich den Film so aus der Ferne anschaut, wurde sehr viel vom Comic übernommen.

Der junge Schauspieler Théo Fernandez sieht wirklich so aus, wie man sich Gaston vorstellt. Sein grüner Rollkragenpullover, seine Tiere, sein altersschwaches Auto, sein schlapper Gang – das alles kennt man aus den Comics. Auch viele Figuren sind eins zu eins übernommen, übrigens auch sprachlich. Mademoiselle Jeanne ist im Deutschen eben Fräulein Trudel, und das wurde bei der Synchronisation auch so gemacht.

Die Idee, aus einem Verlag ein Start-Up-Unternehmen zu machen, fand ich gut. Verlage sind altmodisch, Start-Ups gelten als modern; bei ihnen kann man den Alltag in einem Büro besonders verzerrt zeigen. Streckenweise gelang das auch sehr gut, leider eben nicht konsequent.

Letztlich versuchte der Film zu sehr, einige der Witze – sie sind im Original eine halbe oder ganze Seite lang – zu einer Story zu verbinden. Dabei musste er scheitern. Eine Aneinanderreihung von Gags, verbunden durch eine eher schlappe Handlung, funktioniert einfach nicht.

Seien wir sehr fair: Die »Gaston«-Verfilmung ist nur beinharten Fans zu empfehlen. Leuten wie mir beispielsweise. Ich habe die DVD nicht weggeschenkt, sondern erst einmal behalten. Vielleicht gefällt mir der Film nach dem Genuss einiger Biere besser …

20 Februar 2019

Harry Potter auf virtuellen Straßen

Die Welt von Harry Potter fand ich immer faszinierend. Ich las zwar nicht alle Bücher – nur die ersten vier –, fand aber die Filme meist sehr gut. Das ist phantastische Unterhaltung für meinen Geschmack. Umso interessanter finde ich, dass mit »Wizards Unite« nun ein Spiel vorbereitet wird, das die »Harry Potter«-Welt in die Straßen ganz gewöhnlicher Städte bringen soll. Zu Muggeln wie mir also ...

Das hat man sich im Prinzip so vorzustellen, wie das, was seit über zwei Jahren unter dem Titel »Pokémon Go« zahlreiche Leute in unsere Nachbarschaft bringt. Bei dem Pokémon-Suchen ziehen Leute mit ihren Smartphones durch die Gegend, treffen sich an irgendwelchen Verkehrskreuzungen, sammeln irgendwelchen Kram ein, trainieren irgendwelche virtuellen Viecher und führen sogar Kämpfe gegeneinander. Das ist sicher lustig, wenn man es selbst betreibt, ist für die Anwohner aber durchaus skurril bis nervig.

Künftig gibt es immerhin gesetzliche Änderungen. Laut Medienberichten hat sich das Entwicklerstudio Niantic darauf eingelassen, künftig entsprechenden Abstand zu Wohnhäusern zu halten.

Man kann also so ein Pokémon-Viech nicht irgendwo in einen Garten platzieren, der dann von Dutzenden oder gar Hunderten von Jägern und Sammlern gestürmt wird. Das finde ich dann auch okay. Bisher gilt die Anordnung nur in den Vereinigten Staaten, sie wird sicher auch bald in irgendeiner Form in Mitteleuropa erlassen.

Wie aber wird das mit Harry Potter weitergehen? Ziehen dann bald verkleidete Fans durch unser Wohnviertel, duellieren sich bald Zauberer und Elfen auf unserem Platz? Es bleibt spannend.

Vielleicht sollte man sich Gedanken über eine Folgewirtschaft machen: Irgendjemand muss den Potter-Fans, die so ein Wizard-Ding jagen, doch auch Essen und Trinken verkaufen ...

19 Februar 2019

Mein Gedächtnis und trügerische Bilder

Wann ich zuletzt in Böblingen war, wusste ich nicht, als ich an diesem Montagabend mein Auto durch die schwäbische Stadt steuerte. In den 80er-Jahren hatte ich allerlei Punk-Konzerte in Böblingen besucht, und ich vermutete, dass es gut dreißig Jahre her war, seit ich das letzte Mal durch die Straßen gelaufen und gefahren war.

Ich stellte fest: In meinem Gedächtnis stimmte keine einzige Erinnerung mit der Wirklichkeit überein. Verblüfft stellte ich beispielsweise fest, dass Böblingen ein bisschen hügelig war. In meiner Erinnerung war die Stadt flach. Ich hatte auch keinerlei Bilder von kleinen Häusern im Sinn, nichts von schwäbischer Gemütlichkeit.

Die öden Vororte und die Wohnblocks überraschten mich nicht, die gab und gibt es ja überall. Da sah Böblingen aus wie alle anderen Mittelstädte in Baden-Württemberg. Aber die beschauliche Innenstadt verblüffte mich völlig.

Wieder einmal wurde mir bewusst, wie trügerisch die eigene Erinnerung ist, wenn sie nicht durch Bilder und Aufzeichnungen gestützt wird. Vielleicht hätte ich mir vorher historische Fotos aus den 80er-Jahren anschauen müssen. Aber das hätte sicher nicht viel am eigentlichen Problem – dem schwankenden Gedächtnis – geändert.

18 Februar 2019

Spannendes Kompendium zum »neuen« Deutschrock

Um es vorwegzunehmen: Ich kann mit dem sogenannten Deutschrock nichts anfangen, der im Gefolge von Bands wie den Böhsen Onkelz und Frei.Wild richtiggehend populär geworden ist. Für meine Ohren ist das Hardrock mit meist dämlichen Texten, die häufig eine rebellische Attitüde mit patriotischem Unterton verbinden. Wobei ich mich nicht gut auskenne, mein Urteil also ein echtes Vor-Urteil ist ...

Ich kann allerdings unterscheiden, glaube ich zumindest. Wenn sich jemand als Patriot bezeichnet und stolz auf »seinen« Bodensee ist oder auf »sein« Südtirol oder sonst was, ist mir das wesensfremd. Das unterscheidet den Deutschrocker nicht unbedingt vom Volksmusiker, was den Inhalt angeht – trennt ihn aber im Normalfall immer noch vom Nazi.

Deshalb finde ich so ein Buch wie das von Klaus Farin zusammengestellte »Deutschrock – 30 Fragen 55 Bands« richtiggehend wichtig. Befragt wurden haufenweise Bands, von denen ich noch nie gehört habe. Nur einige waren mir bislang ein Begriff, teilweise aber eher vor einem Oi!-Hintergrund. (Wiens No. 1 hielt ich etwa immer für eine Oi!-Band.)

Bei den Namen leuchtet bei manchem Menschen sicher die Alarmglocke auf: Wer sich Berserker nennt oder Endgegner, muss sich kritische Fragen anhören, finde ich. (Allerdings erinnere ich mich gut an Zeiten, in denen es Punk-Bands wie Stoßtrupp und Oberste Heeresleitung gab ...) Bei Killerton oder Vollblut kann alles mögliche dahinter stecken.

Einig sind sich die Bands darin, dass sie rockige Musik machen, meist von der lauten Art. Und dass ihre Texte zum größten Teil in der deutschen Sprache gesungen oder eben gebrüllt werden. Was hat diese Szene aber sonst so gemeinsam? (Von »unsereins« wird sie ja gern in die »Grauzone« gesteckt, was jegliches Nachfragen unnötig macht ...)

Die Bands beantworten Fragen zu ihrer inhaltlichen Ausrichtung, aber auch zu Politik. Was sei für sie Deutschrock, warum müsse man sich als Deutschrocker von der rechtsradikalen Szene abgrenzen, und wie sei das mit dem Patriotismus für sie?

Ich finde die Aussagen und Ansichten, die auf den 240 kleinformatigen und sehr eng gedruckten Seiten zusammengefasst worden sind, spannend und lesenswert. Am Stück lesen kann man das nicht, ich brauchte längere Zeit dafür. Nicht nur, weil mir die meisten Bands unbekannt waren, sondern auch deshalb, weil ich aus dem Kopfschütteln nicht herauskam.

Rechtsradikales verkündet keiner, zum Patriotismus haben viele ein positives Verhältnis, andere bezeichnen sich als links, einige als unpolitisch, viele versuchen sich gegen die Extremen abzugrenzen, und alle haben etwas gegen die Medien und ihre Lügen. Das ist nicht immer gerade schlau argumentiert, häufig aber nachvollziehbar. Gelegentlich wird kritisch nachgefragt, meist lässt Klaus Farin die Bands aber mit ihren »O-Tönen«, die er natürlich entsprechend gekürzt und zusammengefasst hat.

Ich werde sicher kein Fan dieser Musikrichtung werden und mir wohl auch nie einen Tonträger von Analgewitter, Unantastbar oder Verlorene Freiheit kaufen – aber dieses lesenswerte Buch gab meinen Einblick in eine Szene, von der ich so gut wie nichts weiß. Empfehlenswert!