30 November 2023

Im Mekong-Delta

Bei meiner Reise in Vietnam, die ich im Dezember 2000 unternahm, war ich von den unterschiedlichen Menschen ebenso fasziniert wie von den Varianten in der Natur. Manches erinnerte mich durchaus an die Aufenthalte in afrikanischen Ländern, vieles war aber ganz anders. Faszinierend fand ich den Mekong, in dessen Delta ich auch mit einem Boot unterwegs war – ich fuhr nicht selbst, fand den Aufenthalt in dem kleinen Wasserfahrzeug höchst interessant.

Vor allem die Seitenarme im Delta faszinierten mich. Sie waren teilweise still. Ruhig floss das Wasser, rechts und links vom Strauchwerk gesäumt. Die großen Städte schienen weit entfernt zu sein, man hörte keinen Straßenlärm, höchstens das Summen und Brummen des Bootsmotors. Und das Surren der Stechmücken, wobei sich das in Grenzen hielt. (In Vietnam wurde ich nicht so fürchterlich verstochen, wie mir das im Senegal ergangen war.)

Es ist zu befürchten, dass ich nie wieder eine solche Reise machen werde. Solange ich beim Betrachten alter Bilder noch die Erinnerungen in mir habe, kann ich das verschmerzen …

Damage Done aus Würzburg

Eine Band, über die ich praktisch nichts weiß: The Damage Done kamen Mitte der 90er-Jahre aus Würzburg und spielten Hardcore-Punk. Ich sah die Band nie, kaufte nur irgendwann mal ihre schön gestaltete EP und fand die gut. Interessanterweise war die Platte in der Villa Roller in Waiblingen eingespielt worden, einem Ort, in dem ich vor allem in den späten 80er-Jahren zahlreiche Konzerte besucht hatte.

Die Platte selbst wurde 1996 aufgenommen, sie enthält knalligen Hardcore, der ohne jegliches Metal-Gewichse auskommt. Die Stücke kommen auf den Punkt, die englischsprachigen Texte beschäftigen sich mit allgemein gültigen Themen wie dem Ärger mit der Polizei und dergleichen.

Insofern sind die Band und ihre Platte sehr typisch für die Hardcore-Szene der 90er-Jahre: Zwar gab es zu dieser Zeit haufenweise Dogmatiker aller Art, aber aus diesem Szene-Hickhack schien sich die Band herauszuhalten. Anhören kann man sich das auch Jahrzehnte danach immer noch richtig gut. Schön!

29 November 2023

Ein Schönschwätzer in Gallien

Der aktuelle Band der erfolgreichen »Asterix«-Reihe wird überall abgefeiert. Man könnte glauben, »Die weiße Iris« sei der beste Band mit Abenteuern des berühmten Galliers seit Jahrzehnten. Tatsächlich unterhält das gelungene Comic-Album auf verschiedenen Ebenen sehr gut. Für Kinder ist es allerdings nicht mehr geeignet – dieser »Asterix«-Band ist nur noch für Erwachsene richtig verständlich.

Die einzelnen »Asterix«-Geschichten bieten schon immer im Wesentlichen zwei grundsätzliche Möglichkeiten: Entweder kommt eine Bedrohung in das gallische Dorf und seine Umgebung – etwa ein Seher oder eine Trabantenstadt –, oder Asterix und Obelix reisen in die Ferne, besuchen Goten oder Belgier, das Morgenland oder Amerika. »Die weiße Iris« konzentriert sich stark auf das gallische Dorf und seine Bewohner mit ihren Eigenheiten. Und das gelingt richtig gut.

Gallische Dörfler, die sich sonst gern prügeln, werden ebenso zur Achtsamkeit erzogen wie römische Legionäre, die zwar immer noch in den Krieg ziehen, aber auch gern mal mit dem Feind diskutieren. Sogar die Wildschweine werden sanftmütig und wollen eher spielen, als in Panik vor Obelix wegzurennen. Und wenn im gallischen Dorf der Barde auftritt, wird er nicht verprügelt, sondern mit höflicher Beachtung beschenkt. Alle sind gut zueinander, alle unterliegen einem Bann von Gutmenschentum.

Für die Texte ist Fabrice Caro zuständig, der als Fabcaro auftritt und ein wenig zu viel Dialog in die Sprechblasen packt. Vor lauter Text kann man kaum noch die Bilder erkennen – dafür sind die Texte wirklich mit exzellenter Qualität. Sie sind satirisch und ironisch, sie greifen aktuelle gesellschaftliche Themen auf und ziehen sie ins Lächerliche.

Und nach wie vor ist Didier Conrad – wie bei den vorherigen Alben – für die Grafik zuständig. Das macht er nach wie vor gut. Die Zeichnungen sind klassisch, auf Modernismen wird verzeichnet, und sie überzeugen auch in den Details. So hatte ich viel Freude an dem possierlichen Hund Idefix.

»Die weiße Iris« ist eine hervorragende »Asterix«-Geschichte, die sich leider nur an Erwachsene richtet. Früher war der gallische Held für Kinder wie Erwachsene zugänglich, das hat sich offenbar geändert.

Ich fühlte mich dennoch sehr gut unterhalten, und ich war von der Story und den Zeichnungen überzeugt. Na also!

27 November 2023

Schlappe Fahrradsaison '23

Wenn ich am heutigen Tag auf das Jahr 2023 zurückblicke – und bei diesem Thema kann ich das schon –, fällt mir zu meinen sprtlichen Aktivitäten nicht viel ein. Damit meine ich nicht die fast täglichen Fahrten mit dem Rad zum Einkaufen oder in die Kneipe. Gemeint sind Radtouren, wobei die bei mir bei einer Stunde losgehen – für echte Tourenradler ist das wohl eher albern.

Im Jahr 2023 hatte ich keine einzige Radtour, die länger war als eine Stunde. Ich war weder in der Pfalz, noch war ich im Elsass, ich fuhr nicht in den Schwarzwald hoch – die Bergdörfer bei Karlsruhe zählen noch nicht so richtig – und war nicht im Kraichgau unterwegs. Es reichte zu einigen kurzen Trips in die nähere Umgebung, und das führt am Ende zu einer enttäuschenden Bilanz.

Ausreden gibt es genug: Vor Juni kann ich kaum radeln, weil mich davor die Allergien zu sehr plagen. Im Juli hatte ich Corona, und die Spätfolgen plagten mich noch Wochen danach. Und im Sommer regnete es teilweise ergiebig, was auch kein Spaß machte. Als es wieder besser ging, legte ich mich mit dem Rad in den Dreck und fuhr danach erst mal zehn Tage lang nicht mehr in den Wald.

Aber seien wir ehrlich: Der Hauptgrund ist und war die Arbeit. Wer morgens in aller Frühe anfängt und trotzdem erst um 19 Uhr nach Hause kommt, kann sich größere sportliche Aktivitäten einfach abschminken. Unterm Strich waren mir also die Abenteuer eines Weltraumfahrers wichtiger als meine eigene Gesundheit. So schlau war das nicht.

Wenn ich also einen Vorsatz für 2024 äußern kann, sollte ich das früh tun: Das muss künftig – wieder – anders werden!

24 November 2023

Depressive Gegenwart, spannende Vergangenheit

Als ich meinen Roman »Vielen Dank, Peter Pank!« im Sommer 1994 erstmals plante, war er nur für eine Veröffentlichung im »Zap« gedacht. Trotzdem hatte ich Überlegungen, die weit in die Zukunft reichten. Darüber schrieb ich schon an verschiedenen Stellen; hier kommt der letzte Teil dieses Rückblicks.

Mir war bei der Planung bereits klar, dass die Haupthandlung »in weiten Teilen depressiv geprägt« sein würde; das sollte aber auch meine Sicht auf die Punk-Szene des Jahres 1986 sein: viele Drogen, viele kaputte Leute. Aus diesem Grund sollte der Roman »viele zerstörerische Aktionen« enthalten.

Ich plante aber weiter: »Damit das nicht zu negativ rüberkommt, müssen die positiven Segmente in der Rückblend-Ebene auftauchen.« An meine eigene Überlegung hielt ich mich allerdings selbst nicht gut genug.

Deshalb skizzierte ich folgendermaßen: »Diese Ebene zeigt, wie Peter Punk überhaupt zum Punk kam, damals 1977 bis 1979, wie er als junger Punk in Stuttgart No-Future-Aktionen am laufenden Band machte, wie ab 1982 die jungen Punks mit ihren ›lächerlichen Nietenjacken‹ kamen und die älteren Punks auch verschreckten, wie die Szene in Stuttgart bereits ab 1983 anfing, ins Drogen-Umfeld abzukippen, wie Peter Pank immer mehr in den Kreislauf aus Alkohol und No-Future-Denken hineinsteuerte, wie er sogar meinte, mit der Bundeswehr dagegensteuern zu können, und sich dadurch immer mehr ins Loch brachte. Die Rückblend-Ebene landet irgendwann im Herbst 1986, also an dem Punkt, an dem die Haupthandlung anfängt.«

Davon setzte ich immerhin einen Teil um, wie sich später zeigen sollte. Im ersten Band nehmen die Rückblenden gut ein Viertel des Romans ein, vielleicht auch ein Drittel. Bei den späteren Bänden ließ ich sie ausfallen, weil ich lieber eine stringente Handlung haben wollte.

Mir fiel wohl selbst auf, dass nicht einmal mein Konzept in diesen Phasen besonders positiv klang. »Was auf den ersten Blick jetzt auch depressiv klingen mag, ist es natürlich nicht«, schrieb ich deshalb. Bei den Rückblenden sollen also auch einzelne Personen mit ihren »Schicksalen« dargestellt werden, und das müsse »beim besten Willen nicht negativ« sein.

Offensichtlich hatte ich vor, nicht nur über Peter Meißner alias Peter Pank zu schreiben, sondern auch andere Figuren in den Fokus zu rücken. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich das nicht getan habe. Der Roman und seine Folgebände wären dann vielleicht »literarischer« geworden, aber es wäre etwas ganz anderes herausgekommen …

23 November 2023

Jagdfieber zum Taschenkalender

Beim Aufräumen fiel mir der »Taschenkalender für junge Literaur« für das Jahr 1987 in die Hände. Ich wollte ihn bereits wegwerfen, weil ich sicher keinen Kalender für das Jahr 1987 mehr benötige, bis ich auf die Idee kam, ihn durchzublättern.

Wie sich herausstellte, enthielt der Kalender neben dem üblichen Kalendarium allerlei Texte von jungen Autorinnen und Autoren. Kein Wunder: Er wurde vom Bundesring junger Autoren e.V. herausgegeben, verantwortlich für den Inhalt war Esher Hermann. Und am 29. März 1987 war ein Text von mir enthalten – was mich damals sehr erfreute.

Er trug den Titel »Jagdfieber«, war ursprünglich 1985 geschrieben worden und gehörte wohl zu den Texten, die ich damals eingereicht hatte. Tatsächlich ist der Text gar nicht schlecht; ich hatte mir echt Mühe gegeben. 

Und manchmal klingt er ja fast prophetisch: »Flog westwärts / über den großen Fluss / hinein ins Neuland.« An Computer dachte ich 1985 aber noch nicht so oft ...

22 November 2023

Schmales Buch mit historischem Inhalt

Man kann nicht behaupten, dass im deutschsprachigen Raum über die Zeit des Faschismus in Italien viel bekannt ist. Da kommt mir ein Büchlein wie »Die Inschrift« gerade recht. Es stammt von Andrea Camilleri, dem italienischen Schriftsteller, der vor allem durch seine Krimis um den Commissario Montalbano bekannt geworden ist.

»Die Inschrift« spielt im Jahr 1940, kurz nachdem Italien offiziell an der Seite der Deutschen in den Weltkrieg eingetreten war. In dem sizilianischen Ort, in dem auch die Montalbano-Romane spielen, kommt es zu einer Konfrontation im Haus des Vereins »Faschismus und Familie«, an dessen Ende ein alter Mann tot auf der Erde liegt. Er gilt als Held des Faschismus, er wird geehrt, seine junge Witwe erhält eine Rente, und eine Straße wird nach ihm benannt. Doch dann tauchen Fragen auf …

Camilleris Novelle erschien als Hardcover-Bändchen bei Kindler, extrem großzügig gesetzt und somit echt nur für beinharte Fans interessant. Es sind keine 80 Seiten, und die werden durch reichlich »leere« Seiten sehr luftig präsentiert. Ich las das sehr gern und werde das Büchlein sicher mal wieder lesen – aber …

Dabei lohnt sich die Lektüre durchaus: Der Autor zeigt die bizarren Seiten des Faschismus mit einem augenzwinkernden Humor, der viel Freude macht. Es ist eine Satire auf eine düstere Zeit und verrät mehr über die Jahre unter dem »Duce« wie manch dickleibiges Werk.

Als »historischer Roman« taugt das nichts, es ist letztlich eine gelungene Erzählung, verfasst von einem meisterhaften Autor. Und Fans wie ich mögen das …

20 November 2023

Eine behagliche Bäckerei

Der Wind brachte Schnee und Eis mit sich, ich wurde von einer Böe fast gegen eine Hauswand gedrückt. Auf der Hauptstraße kämpfte sich ein Schneepflug durch die weißen Massen, sein orangefarbenes Blinklicht zuckte durch die Dämmerung des späten Nachmittags. Wir hatten Januar, und das Wetter zeigte sich von seiner winterlichsten Seite.

Vor mir strahlte das Schaufenster durch die Dämmerung. Ich überquerte die Straße und erreichte die Eingangstür. Unter einem kleinen Vordach blieb ich stehen. Während ich die Schuhe abklopfte und auch den dicksten Schnee von meiner Jacke entfernte, spähte ich ins Innere. Ein Schimmer von rötlich-goldenem Licht erhellte den Raum.

Ich trat ein. Eine Glocke an der Tür machte klar, dass jemand in die Bäckerei trat.

Die gläserne Theke war voll mit Kuchen und Torten sowie anderen Leckereien. An drei, vier Tischchen in der Ecke saßen Leute, tranken Kaffee und unterhielten sich. Eine schmale Wendeltreppe führte nach oben. Hinter dem Tresen stand eine junge Frau, die mit strahlendem Lächeln einen älteren Mann mit Wollmütze bediente.

Sie sah auf und zwinkerte mir zu. »Dein Zimmer ist frei!«, rief sie mir zu. Einige Leute drehten ihre Gesichter zu mir. Von einem der hinteren Tische wurde ich gegrüßt, aber ich erkannte nicht, wer es war.

»Danke«, gab ich zurück und wandte mich nach links. Die Wendeltreppe war steil, und ich hatte immer das Gefühl, mit dem Kopf gegen eine der Stufen über mir zu stoßen. Aber ich kam unangefochten nach oben.

Ein langer Flur wartete auf mich. Auf dem Holzboden knarrten meine Schritte. Die Lampen an den Wänden spendeten nur ein schwaches Licht, aber es reichte aus. Mit wenigen Schritten kam ich zu einer Holztür auf der rechten Seite.

Ich schloss auf und trat ein. Behagliche Wärme empfing mich. Auf dem kleinen Arbeitstisch stand mein Computer. Ich legte meine dicke Jacke ab, zog die Schuhe aus und holte die dicken Socken aus einem kleinen Schrank. Als ich mich an den kleinen Tisch setzte, den Blick auf das Fenster gerichtet das Schneetreiben direkt vor mir, holte ich tief Luft.

Es wurde Zeit, dass ich loslegte. Da wachte ich auf.

17 November 2023

Vorlesetag mit dem Sams

Es war nicht das erste Mal, dass ich einer Schulklasse aus einem Buch vorlesen durfte. Für die Jungs und Mädchen in einer ersten Klasse in Ettlingen kam allerdings zum ersten Mal ein Unbekannter ins Klassenzimmer. Entsprechend gespannt waren die Kinder.

Ich erzählte ganz kurz von mir: dass ich gerne lese, dass ich deshalb als Beruf viel lesen und schreiben müsse. Das fanden sie schon mal interessant. Ich zeigte einige Beispiele meiner Arbeit; das war nichts für Erstklässler, schon klar, aber sie fanden die Titelbilder mit den Raumschiffen und den Außerirdischen toll.

Die Begeisterung war allerdings größer, als ich »Das Sams und der blaue Drache« präsentierte. Die Serie von Paul Maar feierte in diesem Jahr ihren fünfzigsten Geburtstag, und ich erinnerte mich daran, wie ich das erste »Sams«-Buch gelesen hatte. Das Buch mit dem blauen Drachen ist aktuell, das kannten also auch die Kinder noch nicht, die daheim vorgelesen bekommen.

Ich hatte das Gefühl, dass ihnen die Geschichte gefiel. Ich zeigte zwischendurch einige Bilder aus dem Buch, und am Ende bedankten sich die Kinder allesamt artig bei mir. Unterm Strich war’s wieder einmal ein schöner Ausflug für mich – zu einem Publikum, das sich für Geschichten begeistern kann.

16 November 2023

Blauer Schimmer im Hotel

Juni 1996, Köln, in einer der Nebenstraßen der Innenstadt. Begleitet von einem Sommerregen, erreichte ich die Rezeption des Hotels. Der Mann hinter dem Tresen musterte mich neugierig.

»Für mich ist ein Zimmer reserviert«, sagte ich und nannte meinen Namen und den Namen des Verlags. »Für zwei Nächte.«

Der Rezeptionist verzog keine Miene. Meine abgerissene Erscheinung, meine Lederjacke, meine Stiefel und meine abstehenden Haare schienen ihn nicht zu stören.

Wir erledigten die Anmeldung, alles verlief in professioneller Atmosphäre. Er reichte mir meinen Zimmerkarte, dann bückte er sich und schob mir ein Handtuch über den Tresen.

»Es regnet heute ab und zu«, sagte er im leichten Singsang, den ich in Köln bei Schritt und Tritt vernahm. »Und da besteht die Gefahr, dass Ihre Haare abfärben. Und wir wollen ja kein blaues Kissen haben. Es wäre nett, wenn Sie immer das Handtuch auf das Kissen legen könnten.«

Ich nahm das Kissen und bedankte mich dafür. In der Nacht benutzte ich es tatsächlich, nachdem ich mich lang auf der Straße herumgetrieben und zu viel Kölsch getrunken hatte.

Der korrekte Rezeptionist hatte recht. Das Handtuch hatte am nächsten Morgen einen blauen Schimmer.

15 November 2023

Wie eine schöne Phantastik-Idee elend versackt

Als ich mit der Lektüre des Romans »Nephilim – der Schwur« anfing, packten mich die Sprache und die Handlung schnell. Die Hauptfigur war ungewöhnlich, der Stil zog mich in seien Bann. Ich wollte mehr über die ungewöhnliche Figur, ihre Herkunft, ihre Ziele und ihr Schicksal erfahren. Unterm Strich enttäuschte mich der Debüt-Roman von Izzy Kramer allerdings sehr.

Der Anfang packte mich ja: Der Held ist ein riesiger Typ, der weiße Augen und weiße Haare hat, der als Außenseiter am Rand der Gesellschaft steht und immer in Schwierigkeiten steckt. Er ist einsam, er lebt in einem schmuddeligen Zimmer – doch er weiß nicht, dass er eine mysteriöse Bestimmung hat.

Die wird ihm klar, als er erkennt, dass er in Wirklichkeit kein echter Mensch ist, sondern zu einem Volk gehört, das unter der Erde lebt. Dort gibt es unterirdische Reiche; es gibt Ladengeschäfte und Schulen, und alles ist ein bisschen so wie bei den Menschen. Auch dort muss sich der seltsame Mann mühsam durchsetzen; anscheinend gehört er nirgends so richtig hin.

Spätestens ab dem Punkt, an dem die Unterwelt erklärt wird, warf mich die Autorin aus ihrem Werk hinaus. Die unterirdische Welt ähnelt sehr der Oberwelt; lustigerweise sprechen die Leute dort unten die gleichen Sprachen wie oben: Die Unterwelt unter England spricht englisch, die unter Deutschland logischerweise deutsch. Wie es mit sprachlichen Minderheiten oder Einwanderergesellschaften aussieht, verschweigt uns die Autorin leider.

Okay, es ist der erste Roman von Izzy Kramer, und der Anfang ist echt stark. Dann aber hätte der Wortschatten-Verlag, der das Buch veröffentlicht hat, der Autorin eine Lektorin oder einen Lektor zur Seite stellen müssen, der ihr bei der Story hilft. Der Weltenbau wirkt nicht durchdacht, die Konflikte sind sehr einfach. Am Ende des Romans blätterte ich mehr, als dass ich las, weil ich wissen wollte, wie er ausgeht.

Seien wir fair: Es gibt einige spannende Ansätze in diesem Werk; mich konnte es unterm Strich nicht packen.

14 November 2023

Sie sind wirklich sehr putzig

Mit seinen Geschichten um die phantastische Welt Troy hat der französische Comic-Künstler Christophe Arleston über viele Jahre hinweg die Comic-Fans begeistert. Seine wichtigste Serie dabei ist »Lanfeust«, die es mittlerweile auf drei ausgewachsene Zyklen bringt. Dazu kommen Einzelbände und andere Comics, die auf derselben Welt spielen.

Mit »Die Gnome von Troy« liegt eine Variante vor, die von Lanfeust und seinen Freunden als Kindern erzählt. Erschienen ist zuletzt der vierte Band, der den schönen Titel »Zu putzig« trägt und bei dessen Lektüre ich mehrfach schallend lachen musste.

Wobei ich klar sagen muss: Der Humor ist sicher nicht jedermanns Sache. Er ist manchmal echt grob, er ist alles andere als politisch korrekt oder niveauvoll. Es geht um Fäkalien, Innereien und Sex – unter anderem – und um die groben Späße, die von den fiktiven Kindern von Troy so gespielt werden.

Christophe Arleston hat eine Freude daran, solch einen Humor zu zelebrieren; das sieht man schon bei den »Lanfeust«-Geschichten und anderen Comics, die er geschrieben hat. Das ist gelegentlich unter der Gürtellinie, aber die Pointen treffen. Jede Geschichte in diesem Band ist eine Seite lang, und sie endet immer mit einer Pointe.

In eine skurrile und immer treffende Grafik setzt das Ganze jener Zeichner um, mit dem Arleston seit langer Zeit zusammenarbeitet: Didier Tarquin kann phantastische Welten erschaffen, er illustriert Action und schnelle Bewegungen, er hält die Waage zwischen »funny« und halbwegs realistisch.

Wer sich auf die »Gnome« einlässt, braucht vielleicht einen guten Magen, vor allem aber ein Herz für schlechte Scherze. Dann wird er oder sie mit komischer Fantasy belohnt. Wenn das nichts ist ...

13 November 2023

Die Borograven und der Pluckerwank

Bis vor wenigen Tagen war ich der festen Ansicht, der Roman »Alice hinter den Spiegeln«, hierzulande vor allem als »Alice im Wunderland« bekannt, gehöre zur Allgemeinbildung. Und ich nahm an, dass jeder einmal das berühmte Nonsense-Gedicht aus diesem Buch gehört oder gelesen hatte, zumindest ging ich davon aus, dass dies jeder tun würde, der sich mit Sprache beschäftigt.

Ich habe mich wohl getäuscht. Derzeit lese ich die Übersetzung eines amerikanischen Krimis, und dort stieß ich auf folgende Formulierung: »Gar milbig war'n die Borograven.« Darüber stolperte ich prompt, obwohl ich’s im ersten Moment nett fand. Aber dann grübelte ich ein wenig.

Zwar bin ich kein Übersetzer, und mein Englisch ist nicht berauschend, aber mir war klar, dass es im Original »All mimsy were the borogoves« heißen musste. Der Übersetzer hatte diesen Unsinnssatz halt einfach so wörtlich wie möglich in die deutsche Sprache übertragen.

Dabei gibt's eine halbwegs offizielle Übersetzung, die ich immer noch großartig finde: »Gar elump war der Pluckerwank.« (Wer jetzt nicht weiß, wovon ich spreche, möge in der Wikipedia nachgucken. Oder in seiner/ihrer Ausgabe von »Alice im Wunderland« und dort vergleichen.)

Ich gestehe: In solchen Fällen finde ich mich selbst ziemlich rechthaberisch. Aber ich musste nach den »Borograven« das Buch erst einmal zur Seite legen ...

10 November 2023

Original indisch

Ich kann wohl nichts dafür, ich habe einen eingebauten »Schreibfehlersucher«. Der hilft leider nur bei fremden Texten, bei eigenen Texten werde ich nie so richtig fündig. Aber manchmal sehe ich Plakate, bei denen es mich juckt, den Rotstift zu zücken und Korrekturzeichen anzubringen – glücklicherweise benutze ich als Redakteur nie einen Rotstift und habe auch nie einen in der Tasche.

Aber seit Wochen sehe ich in Karlsruhe immer wieder eine Aufschrift, und ich muss jedes Mal grinsen. Mir ist schon klar, was die Leute, die das Lokal betreiben, mit ihren drei Zeilen meinen, aber die »Original Indische Cousine« finde ich trotzdem sehr lustig …

09 November 2023

Rasanter Comic in starkem Stil

Immer wieder werden Comics veröffentlicht, die mich spontan begeistern: Manchmal liegt es an der Erzählweise, manchmal aber auch am Stil der einzelnen Zeichnungen oder Farben. Bei »Das große Los« von Joris Mertens verbindet sich eine packende Geschichte mit originellen und verblüffenden Bildern. Der Comic-Band erschien im Frühjahr und zählt für mich zu den großen Überraschungen des Jahres.

Die Geschichte spielt in einer großen europäischen Stadt, die wie eine Mischung aus Brüssel und Paris anmutet; die Handlung scheint in den 70er-Jahren angesiedelt zu sein, wenn man die Autos als Maßstab heranziehen kann. Hauptfigur der Geschichte ist Francois, ein einsamer Mann, der viel zu viel raucht und viel zu wenig auf seine Gesundheit achtet. Er arbeitet als Fahrer für eine Wäscherei, bekommt seit Jahren keine Gehaltserhöhung und hofft auf ein wenig Glück für sich.

Seine Hoffnung ist das Lottospielen, er träumt vom großen Los. Irgendwann, so glaubt er, wird es kommen, und danach kann er sich auch vorstellen, die attraktive Kioskbesitzerin und ihr Kind einzuladen. Aber er stößt auf einen Mordfall, mit dem er natürlich nichts zu tun hat, und findet eine Tasche mit einer Unmenge von Geld. Damit könnte er sein Leben auf einen Schlag verändern …

Joris Mertens erzählt seine Geschichte mit einem lakonischen Grundton. Der Autor kommt ohne lange Dialoge aus, die Figuren unterhalten sich meist knapp. Es gibt Seiten, auf denen kein einziges Wort gesprochen wird, die nur von den kargen Gesten der Figuren oder einem Blick in das zerknitterte Gesicht von Francois beherrscht werden.

Die Handlung ist vor allem am Anfang eher hoffnungslos, behält aber eine Spannung bei, die bis zum Ende anhält. Und wenn man den Comic zuklappt, hallt in einem der »Sound« der Geschichte noch länger nach.

Das liegt natürlich auch an den Bildern. Mertens hat einen Stil, wie es ihn selten gibt. Er ist realistisch, allerdings mit leichten Verzerrungen. Viele Seiten wirken, als seien sie nur grob schraffiert worden. Das zeigt sich vor allem bei den großen Ansichten der Stadt, der Häuser oder der nächtlichen Straßen.

Der ununterbrochene Regen, der die Geschichte als tragikomisches Element begleitet, wird durch die künstlerische Darstellung zu einem zentralen Thema. Das ist eindrucksvoll und originell – das muss man echt gesehen haben! (Ich empfehle, die Leseprobe auf der Online-Seite des Verlags anzuschauen.)

Die Geschichte fesselt durch den Ton der Erzählung, ebenso durch die Bilder. Beides prägt sich rasch ein. Lohnenswert!

Erschienen ist »Das große Los« als eindrucksvoller Hardcover-Band im Splitter-Verlag. Er ist 144 Seiten stark und kostet 35,00 Euro. 

(Die Rezension kam bereits im Juli auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie. An dieser Stelle hier bringe ich sie zur Dokumentation quasi.)

08 November 2023

Nie in Thailand

Der Mann starrte mich verblüfft an. »Wie?«, rief er aus. »Du warst noch nie in Thailand?«

Er war gut zehn, zwölf Jahre jünger als ich, vielleicht auch mehr, ein von der Sonne gut gebräunter Mitteleuropäer mit Tätowierungen auf den Oberarmen und an den Waden, mit kurzen Haaren und einem fein ausrasierten Bart. Ich saß in einer Strandbar des Hotels, in dem wir uns für einige Tage auf den Kapverdischen Inseln einquartiert hatte.

Ich überlegte kurz, was ich sagen sollte. »Nein, in Thailand war ich nie, aber ich mit dem Fahrrad durch Westafrika gefahren«, hätte arrogant geklungen und wäre unnötig gewesen. Ich wollte mich in dieser Bar entspannen, mehr nicht, und in Ruhe ein Bier trinken. »Nein«, sagte ich ruhig, »das war ich noch nie.«

Er hob beide Arme. »Da musst du unbedingt hin, und dann musst du die legendäre Full Moon Party besuchen.« Er nannte mir den Namen eines Ortes und eines Hotels, und ich vergaß beides genau eine Sekunde später wieder komplett. »Da ist der Teufel los, das muss man erlebt haben.«

»Und warum ist die Party so legendär?«, fragte ich arglos.

»Die besten DJs, die besten Drinks, die beste Musik und der beste Beach, den du dir vorstellen kannst!« Er war geradezu euphorisiert und strahlte über das ganze Gesicht. »Du musst nach Thailand reisen, das musst du erleben.«

»Schauen wir mal«, sagte ich ausweichend. »Wenn ich mal wieder in der Gegend bin.« Immerhin war ich schon in Vietnam und Malaysia gewesen, hatte in Singapur und auf einigen indonesischen Inseln ein wenig Zeit verbracht. Aber ich verzichtete darauf, ihm das zu erzählen.

Es hätte sicher nichts gebracht. »Denk dran!«, sagt er. »Full Moon Party in Thailand.« Er nickte mir zu, dann ging er weiter.

»Aha«, sagte ich nur.

Dann blickte ich aufs Meer hinaus. Dort schimmerte der Vollmond, sein Licht verwandelte die Wellen in ein Meer aus glitzernden Flecken. Um das zu genießen, brauchte ich keinen DJ und keine Musik.

07 November 2023

Wir standen im Nieselregen

Es nieselte an diesem Freitagabend in Frankfurt. Ich benötigte frische Luft, Arndt ebenfalls. Ob er eine Zigarette rauchen wollte, weiß ich nicht mehr. Aber wir standen unter einem Vordach, die Straße war feucht, die Autos rollten vor uns vorüber, das Licht zuckte durch die Pfützen, und die Luft roch nach Abgasen und Großstadt. 

Arndt war Gast beim Galaktischen Forum, das meine Kollegen und ich veranstalteten, und wir kannten uns nicht besonders gut. Und noch arbeitete er nicht regelmäßig mit unserer Redaktion zusammen.

Wir kamen ins Reden. Zuerst waren wir sehr oberflächlich, keiner konnte den anderen so richtig einschätzen. Ich trug einen dunklen Anzug und eine Krawatte, sah also so aus, wie man sich einen Chefredakteur vorstellte. Arndt hatte normale Kleidung an, fiel aber in jeder Gesellschaft auf, weil er eine Glatze hatte und sehr muskulös wirkte.

Unweigerlich kamen wir auf ein heikles Thema zu sprechen. Er ging von sich aus direkt darauf los: Dass er eine Glatze habe, sei nicht politisch zu verstehen. Er sei kein Skinhead, und er habe mit rechtsradikalem Gedankengut nichts am Hut. Ich reagierte spontan, indem ich mein Hemd aufknöpfte und das »So Much Hate«-Shirt zeigte, dass ich darunter anhatte. Danach wusste jeder vom anderen in etwa, wo er mit ihm dran war.

Und wir erzählten uns Geschichten.

Arndt hatte als Türsteher gearbeitet und konnte einiges zum Besten geben. Ich plauderte über Punk-Konzerte und körperliche Auseinandersetzungen auf der Straße. Wir wechselten die Themen in einem rasenden Tempo, schnitten viele nur kurz an und hatten irgendwann genug: Es war auf die Dauer zu feucht und zu kühl in diesem Oktober.

Danach aber war mir klar: Mit diesem Mann konnte man sicher gut zusammenarbeiten – auch auf einer sehr menschlichen Basis.

31 Oktober 2023

Spannend ohne Dialog

Mit seinem Album »Das große Los« begeisterte mich der Comic-Künstler Joris Mertens sowohl künstlerisch als auch erzählerisch. Mit »Béatrice« liegt nun ein weiteres Album vor, das mich sehr beeindruckt hat. Stilistisch erinnert es sehr an »Das große Los«, inhaltlich unterscheidet es sich sehr. Diesmal kommt der Autor ohne eine einzige Sprechblase aus – trotzdem wächst einem die Hauptfigur mit ihren Schwächen und Stärken ein wenig ans Herz.

Die Geschichte wirkt ohne Dialoge zuerst einfach, ist es aber gar nicht. Erzählt wird von einer Frau namens Béatrice, die jeden Tag mit der Bahn zur Arbeit fährt. Dabei benutzt sie zwei Bahnhöfe; mit ihrem roten Mantel fällt sie – in der Darstellung des Künstlers – auch im dichtesten Gedränge auf.

Immer wieder sieht sie eine rote Handtasche, die auf dem Fußboden steht. Und nachdem sie mehrfach daran vorbeigegangen ist, nimmt sie die Tasche mit. Sie weiß nicht, dass sie damit ihr Leben für immer verändert …

Wenn man will, ist »Béatrice« eine phantastische Geschichte, die auf eine durchaus interpretationsfähige Art und Weise mit Zeit und Raum spielt. Durch den Kontakt mit der Tasche, in der sie ein Fotoalbum findet, nimmt die junge, offenbar sehr einsame Frau an einem Leben teil, das längst vergangen ist. Sie scheint sich mit dieser Vergangenheit in eine Übereinstimmung zu bringen, die Zeiten verwischen irgendwie, und das Ende ist eher traurig.

Wieder einmal schafft es Joris Mertens, eine Geschichte zu schreiben, die mich fasziniert. Sie ist ruhig, sie kommt ohne Hektik aus, und doch steckt sie voller Tragik und Gefühle – auch ohne ein einziges Wort in irgendeiner Sprechblase zog sie mich bei der Lektüre in ihren Bann.

Dazu kommt die Grafik des Künstlers, die mich bei diesem Album erneut packte. Die Ansicht der monströs wirkenden Großstadt mit all ihren schroffen Kanten, das quirlige Leben in den Bahnhören, der Trubel im Kaufhaus und die ruhige Situation im warmen Heim – das wird von ihm in starken Bildern zum Leben erweckt.

Mit »Béatrice« ist dem Künstler eine Graphic Novel gelungen, wie man sie selten findet: filmisch erzählt, mit wenigen Effekten, auf den Punkt gebracht und voller Emotionen – toll!

(Erschienen ist der Comic beim Splitter-Verlag als schicker Hardcover-Band. Wer mag, checke die Leseprobe auf der Internet-Seite des Verlages.)

30 Oktober 2023

Memoranda und Carcosa

In Zeiten, in denen die Science Fiction mal wieder kriselt – wenn man die literarische Form anschaut –, finde ich es wichtig und auch bewundernswert, wenn sich mutige Leute aufmachen und einen Verlag für das Genre gründen. Mit Carcosa gibt es seit Oktober ein neues Imprint des bereits existierenden Memoranda-Verlags, und das erste Programm kann sich sehen lassen.

Die Macher kennen sich schon lange – sie haben bei verschiedenen Projekten zusammengearbeitet. Hardy Kettlitz veröffentlicht bei Memoranda vor allem Sachbücher zur Science Fiction, aber auch eher anspruchsvolle Genre-Literatur, Bücher also, mit denen man garantiert nicht auf die Bestsellerliste kommt.

Das gilt ebenso für das Carcosa-Programm, für das Hannes Riffel verantwortlich zeichnet. Ich weiß, dass die beiden sehr viel Sachkenntnis und professionellen Ehrgeiz mit bringen. Vor allem bringen sie enorm viel Wagemut auf – das Programm des neuen Imprints schreit nicht nach Bestseller-Würdigungen.

Um mal in die Leser-Perspektive zu springen: Mir ist der wirtschaftliche Erfolg erst einmal egal. Klar, so ein Verlag soll lange leben, damit ich – ganz egoistisch – tolle Science-Fiction-Romane lesen kann. Mit Klassikern wie Leigh Brackett, Ursula K. LeGuin oder Gene Wolfe geht das Programm auch wuchtig los; ein Almanach mit Artikeln und Erzählungen ist zudem gleich dabei. Und was fürs Frühjahr angekündigt wird, finde ich ebenfalls toll.

Am liebsten würde ich das komplette Programm des Carcosa-Verlags kaufen und lesen. Da ist kein Titel dabei, den ich vom Ansatz her schwach finde. Aber weil meine Lesezeit nicht unendlich ist, muss ich mich wohl auf eine Auswahl beschränken.

Wenn das kein Luxusproblem ist!

27 Oktober 2023

Von Avignon und Hardcore

Bereits in meinem ersten Konzept zu »Vielen Dank, Peter Pank«, das ich im Sommer 1994 schrieb, waren Elemente enthalten, die sich erst im zweiten und dritten Band der Trilogie wiederfanden. Als ich dann so weit war, hielt ich mich allerdings nicht an die Reihenfolge, die ich geplant hatte, sondern änderte sehr viel – das ist bei einem solchen Projekt wohl normal.

Zitat aus dem Konzept: »Ein weiterer Versuch, nach Avignon zu fliehen, endet damit, dass er mitkriegt, dass seine ehemalige Liebe sich den goldenen Schuss gesetzt hat und sein Freund Mayo in der Klapse sitzt.« Es gibt das Zerwürfnis mit der großen Liebe in »Chaos en France«, und jemand stirbt an einer Überdosis Heroin, aber das wird völlig anders erzählt.

Und das hier wurde sowieso völlig anders geschichtet: »Peter beschließt, nach Marokko abzuhauen, um sich dort endgültig die Birne abzukiffen. An der Grenze zu Spanien, in Port Bou, trifft er auf zwei total bescheuerte alle Männer, bei denen er zwei Wochen lang haust. Danach sind alle Fluchtgedanken passé, er trampt zurück nach Deutschland.«

Die zwei Männer in Port Bou tauchen im Roman auf, der Aufenthalt beträgt aber nur einen Tag und eine Nacht. Es erschien mir nicht schlüssig, die Handlung mit den zwei schrägen Hippies auf zwei Wochen auszudehnen.

Weitere Überlegungen wurden nur teilweise umgesetzt: »Er besetzt ein Zimmer in einem Abbruchhaus und richtet sich dort so gut wie möglich ein, findet sogar einen Job auf einer Baustelle, wo er als Zimmermann jobbt.« Den Job auf der Baustelle gab’s in »Und: Hardcore!«, das besetzte Zimmer wurde ein Wohnwagen am Waldrand.

»Das tut ihm ganz gut; und bei einigen Konzerten verliebt er sich sogar – allerdings eher hoffnungslos«, konzipierte ich weiter. »Ab diesem Punkt stößt Peter Pank über Nagold und Tübingen auf die HC-Szene und sieht, dass es auch noch andere Dinge außer Saufen gibt, die trotzdem was mit Punkrock zu tun haben.«

Und so skizzierte ich die geplante Handlung zu Ende: »Naja, und dann steuert die Sache langsam auf ein Happy-end zu: Er sieht für sich eine Lösung fürs Leben, eventuell auch mit eben jener Beziehung; eine Lebenslösung, die Punk und Arbeit, Geld und Verweigerung, Hass und Liebe auf einen Nenner bringt.«

So kam’s dann doch nicht …

26 Oktober 2023

Kriegsbücher in Kinderhand

In unserem Haushalt gab es nur wenige Bücher, aber diese faszinierten mich schon, bevor ich lesen konnte. Wir hatten Bücher der Kirche: eine Bibel, Gesangsbücher, einige Hintergrund-Informationen. Dazu kamen Fachbücher meines Vaters zur Elektrotechnik und einige Bücher über den Zweiten Weltkrieg – über die Division, bei der er 1943 bis 1945 gewesen war, und über die Heeresgruppe, der er angehört hatte.

Und es gab Bücher, die er während des Krieges als junger Mann von seinen Tanten und Onkeln geschenkt bekommen hatte. Propaganda des Dritten Reiches also, die ich zwar nicht lesen konnte, aber mit Interesse durchblätterte. Vor allem ein Buch hatte es mir angetan: ein dünngedrucktes Paperback, das den Krieg der Luftwaffe gegen die Briten im Mittelmeer verherrlichte.

Ich fand die Fotos der Flugzeuge eindrucksvoll: Sie flogen über das Meer, sie stürzten sich auf feindliche Schiffe, sie steuerten eine feindliche Stadt an, um dort »den Gegner« anzugreifen; in diesem Buch waren es zumeist die Briten. Veröffentlicht wurde das Buch noch vor dem Angriff auf Russland; es ging also vor allem um 1940/41.

Die Bilder zeigen keine Toten, sondern nur Flugzeuge sowie deutsche Offiziere. Die sahen auf den schwarzweiß gedruckten Bildern immer streng und würdevoll aus. Auch Abbildungen anderer Offiziere waren zu sehen, ebenfalls in Uniform und sehr ernsthaft. Die Uniformen trugen unterschiedliche Symbole, so dass mir klar wurde, dass die Männer verschiedenen Seiten angehörten.

Ich fragte meinen Vater eines Tages, wer denn die Bösen im Krieg gewesen seien. Seine Antwort war klar. »Das waren die mit den Hakenkreuzen.« Das war für mich als Kind einleuchtend: Jeder dieser Uniformierten mit einem Hakenkreuz am Ärmel war also ein Feind.

Vom Krieg erzählte mein Vater nie. Das war bei anderen Männern anders. Aber irgendwann fragte ich ihn, gegen wen er denn gekämpft habe. »Gegen die Russen«, gab er zur Antwort; weitere Auskünfte bekam ich nicht Auch in späteren Jahren verhielt er sich sehr zurückhaltend, was diese Themen anging.

Aber für mich war dann klar: Die Russen – das waren die mit den Hakenkreuzen. Und so geschah es immer wieder, dass ich das Buch mit den Fliegergeschichten durchblätterte und die Männer mit den Hakenkreuzen für Russen hielt.

Keine Ahnung, ob das eine besonders schlaue Konditionierung war …

25 Oktober 2023

Sehnsuchtsort Wilder Westen

Ich gestehe, dass ich gerne Western-Romane lese, wenngleich nur selten. Mir ist bewusst, dass es sich dabei um keine realistischen Darstellungen handelt, sondern um Geschichten, die häufig eher an Fantasy erinnern. Das stört mich allerdings nicht, wenn ich einen solchen Roman lese.

Wer sich mit dem Thema beschäftigt, merkt schnell, dass oft behauptet wird, dieser oder jener Autor stelle die Zeit des sogenannten Wilden Westens besonders realistisch dar oder sei gar »authentisch«, was immer das im Einzelfall heißen mag. Mit seinem Sachbuch »Hundert Jahre deutsche Westernmythen« greift Rainer Eisfeld die Tatsache auf, dass vor allem im deutschsprachigen Raum das Genre gemocht wurde, vor allem mit dem Zusatz »realistisch« oder »echt«.

Eisfeld ist mir seit langem bekannt, seine Arbeiten zur Science Fiction sind für jeden Interessenten des Genres lesenswert. Weniger bekannt ist, dass der Politologe sich auch mit Western und ihren Mythen beschäftigte; mir war nicht einmal klar, dass er schon in den fünfziger Jahren einige Western-Romane ins Deutsche übersetzt hatte.

Ich fand seine Darstellung höchst spannend. Schon der Autor Friedrich Armand Strubberg behauptete – lange vor Karl May –, dass seine Geschichten aus dem Wilden Westen allesamt wahr seien. Karl May machte es mit seinem Old Shatterhand nach, und noch in den 50er-Jahren wurden die frei erfundenen Geschichten von Billy Jenkins als »Wahrheit« verkauft. Mit H. J. Stammel, der den Begriff »authentic western« in den 80er-Jahren auf seine Romane drucken ließ, reicht Eisfelds Darstellung bis in die Neuzeit.

Eisfeld zeigt auf, welche Geschichten die jeweiligen Autoren erfanden, wo die historische Wahrheit steckt und wie sie von den Autoren aufgebauscht wurde. Das ist vor allem für Western-Leser wie mich spannend, sollte aber auch die Menschen interessieren, die sich für Unterhaltungsliteratur insgesamt interessieren. Sehr lesenswert!

(Erschienen ist das Buch als Paperback im Verlag Dieter von Reeken. Man kann es überall im Buchhandel kaufen; es umfasst 197 Seiten, enthält viele Abbildungen und kostet 17,50 Euro.)

23 Oktober 2023

Folge 45 mit Blessuren

Er läuft und läuft und läuft: mein Fortsetzungsroman »Der gute Geist des Rock'n'Roll« im OX-Fanzine. Die Ausgabe 170 ist vor mehreren Tagen erschienen, und ich habe aus Zeitgründen noch keine Zeile darin gelesen – das ärgert mich sehr. Immerhin sind mir eineinhalb Seiten bestens bekannt: Es ist die Folge 45 meines Romans.

Diesmal schafft es meine Hauptfigur endlich nach Hause. Peter guckt sich im Spiegel seine Blessuren an, findet sich alles andere als attraktiv, trinkt Bier und telefoniert später noch mit einer jungen Frau. Es ist also alles da, was einen Punkt betrifft, der schon über dreißig Jahre alt ist und nicht weiß, wo er mit seinem Leben hinmöchte .

Da ich immer wieder gefragt werde, wieviel an diesen Geschichten denn autobiografisch ist, kann ich klar sagen: In dieser Folge ist alles frei erfunden. Die Wohnung ist schon die, in der ich in den 90er-Jahren wohnte – wobei sich zwei Wohnungen ein wenig »verwischen« –, und viele Gedankengänge aus dieser Zeit versuche ich nachzuempfinden. Die Hetzjagd und die Schlägerei gab es so aber nicht, und nächtliche Telefonate mit jungen Frauen verliefen zumindest nicht völlig bescheuert.

Ich bin selbst gespannt darauf, wohin das Schreiben des Fortsetzungsromans meine Geschichte bringen wird. Es gibt kein festgezimmertes Konzept, sondern Überlegungen, die mal in der einen oder in der anderen Richtung aufgegriffen werden können ...

22 Oktober 2023

Erklärbär in Dreieich

»Entschuldigen Sie bitte.« Die Frau, die mich ansprach, war um die fünfzig Jahre alt und strahlte mich an. Sie hatte eben ihr Auto auf dem Parkplatz abgestellt, keine zehn Meter von meinem Wagen entfernt, und kam auf mich zu. »Wollen Sie auch ins Bürgerhaus? Was ist denn das für eine Veranstaltung, zu der so viele Leute aus ganz Deutschland anreisen? Sie sind ja sogar aus Hamburg.« Sie wies auf mein Nummernschild.

»Das ist nur ein Dienstwagen«, sagte ich, »das Auto gehört nicht mir, sondern meinem Arbeitgeber.« Ich erklärte ihr, was im Bürgerhaus vor sich ging: Der BuchmesseCon öffnete an diesem Samstag, 21. Oktober 2023, seine Pforten, und ich gehörte zu den Besuchern. Ich erzählte ihr von Autorinnen und Autoren, von Science Fiction und Fantasy.

Sie guckte mich an. »Science Fiction und Fantasy?«, fragte sie nach. Ich bejahte. Sie wünschte mir einen schönen Tag und verschwand, und ich hatte das Gefühl, etwas Unanständiges gesagt zu haben.

Ich ging üben den schmutzigen Parkplatz; meine Kolleginnen waren schon weiter. Zwei Frauen, die gerade in einen Waldweg einbiegen wollten, hielten an. Wieder lächelte mich eine an.

»Was ist denn das für eine Veranstaltung im Bürgerhaus?«, fragte sie. »Ich habe vorhin sogar einen Mann im Schottenrock gesehen, und Sie sehen auch anders aus.«

Ich guckte an mir hinunter. Rote Converse, schwarze Hose, schwarzes Shirt, graue Jacke – ich fand, dass ich völlig normal aussah. Aber ich erklärte den beiden Frauen das gleiche, was ich drei Minuten zuvor geschilderrt hatte. Die beiden bedanken sich freundlich, wir wünschten uns jeweils einen schönen Tag, und ich ging weiter.

Es war nicht das erste Mal, dass ich zu einem BuchmesseCon fuhr oder ging. Seit sie in Dreieich veranstaltet wurde, hatte ich diese Veranstaltung für die phantastische Literatur immer besucht. Aber ich war nie von Einheimischen gefragt worden, um was es sich bei alledem handelte.

»Immerhin ziehen sie nicht mit Fackeln und Mistgabeln auf und rufen zur Hexenverbrennung«, spottete ich so leise, dass es außer mir garantiert niemand hörte. Und ich überlegte mir, ob es nicht sinnvoll sein könnte, die Bevölkerung des Orts über die beeindrucken Veranstaltung zu informieren, die in ihrem Bürgerhaus ablief ...

20 Oktober 2023

Ein neuer Stern für Tolkien

Das Fanzine »Neuer Stern« ist eines der Hefte, bei denen ich nie weiß, was mich erwartet. Thomas Hofmann und seine Mistreiter überraschen stets mit neuen Schwerpunkten und Themenheften; das finde ich nicht immer toll, aber stets interessant und abwechslungsreich.

Zuletzt las ich die Ausgabe 94, die im September 2023 veröffentlicht wurde und sich mit J. R. R. Tolkien und seinem Werk beschäftigt. Das gelingt auf den 56 Seiten im A5-Format sehr gut.

Beispielsweise gibt es einen unterhaltsamen Artikel von Holger Marks, in dem er allerlei »unwichtige Dinge« über J. R. R. Tolkien und sein Werk auflistet – etwa die Versuche eines deutschen Verlags, Tolkien während der Nazi-Diktatur als Autor zu gewinnen. Selbstverständlich ist die aktuelle Verfilmung, die Serie »Die Ringe der Macht«, ein wichtiges Thema

Lesenswert finde ich auch Rezensionen zu Tolkien-Werken und anderer Fantasy. Warum man bei der Rezension von »Kull von Atlantis« aber ausgerechnet die »Terra Fantasy«-Ausgabe aus dem Jahr 1976 zu Rate zieht und nicht die aktuelle Übersetzung und Präsentation aus dem Festa-Verlag, erschließt sich mir nicht.

Gut gefallen haben mir übrigens die Kurzgeschichten. In »Ydal Edhils Abschied« lässt Niels Wiesner einen Elf und einen Zwerg über die heutige Welt sprechen; eine stimmungsvolle Geschichte, die den klassischen Tolkien-Stil mit einer feinen Darstellung unserer Welt verbindet. »Prinz Buckel« von Peter Schünemann, der praktisch in jeder »Neuer Stern«-Ausgabe vertreten ist, wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Fantasy-Geschichte mit Magie, mit großen Schlachten und tapferen Helden, ist aber gleichzeitig ein schönes Statement für Inklusion in der Phantastik.

Alles in allem ist diese Ausgabe wieder sehr gelungen. Dass icih sie von vorne bis hinten durchgelesen habe, spricht da wohl Bände …

Buchmesse 2023 am Donnerstag

Als ich am Donnerstagmorgen, 19. Oktober 2023, die Hallen in Frankfurt betrat, wusste ich wieder einmal, warum ich die Buchmesse so mag: Bücher und Bücher und Bücher, und dazwischen Menschen, die sich für die unterschiedlichsten Spielarten von Literatur begeistern konnten, die in diesen Segmenten arbeiteten, die als Vertriebsleute und Journalisten, Autorinnen und Autoren, Lektoratsleute und Redakteurer, Marketing-Spezialisten und schlichtweg Fans auf dieser Messe unterwegs waren.

Von den großen Themen dieser Messe bekam ich nicht viel mit. Wie auch? Ich war damit beschäftigt, als Verlagsmensch unterwegs zu sein. Ich besuchte andere Verlage, ich sprach mit Verlagsleuten an deren Ständen, ich diskutierte über die aktuelle Situation in der Branche, und ich entwickelte mit Kollegen zusammen – wie es halt zu machen war – die eine oder andere Idee. Wie immer wird man in der nahen Zukunft sehen müssen, was sich davon verwirklichen lässt.

Irgendwelche Promis sind mir auf einer solchen Messe egal. Ich dränge mich nicht zu Veranstaltungen, bei denen wichtige Menschen auf Bühnen sitzen und mehr oder weniger kluge Gedanken von sich geben. Schon klar – mir fehlt es auch an der Zeit für so etwas. Entscheidend ist aber: Die wahren Prominenten auf einer solchen Messe sind die Bücher und die Menschen, die sie erschaffen haben.

Und so stand ich – trotz eines gedrängten Terminkalenders – immer mal wieder an einem Stand, hatte ein Buch in der Hand, blätterte darin herum und war kurz davor, es mitzunehmen. In solchen Fällen war ich heilfroh, dass eine solche Messe keine Verkaufsveranstaltung ist ...

Als ich am Donnerstagabend nach Hause fiel, war mein Kopf buchstäblich voll. Er quoll schier über von neuen Eindrücken, und ich war noch geradezu begeistert. Und ich stellte wieder einmal fest: Eine Buchmesse ist für mich immer wunderbar – vor allem, wenn ich nur einen Tag dort bin und nicht anstrengende drei oder vier Tage an einem Stand stehe und ununterbrochen in Gesprächen bin.

18 Oktober 2023

Mosaik-Roman mit Science-Fiction-Abschluss

Als Autorin beschäftigt sich Jennifer Egan seit vielen Jahren mit den unterschiedlichsten Themen. Für ihre Romane wurde sie mit Preisen ausgezeichnet, sie verkaufen sich weltweit. Mit »Candy Haus« liegt seit einiger Zeit ihr aktuelles Werk vor, das – wenn man es grob vereinfachen will – einen Gesellschaftsroman mit einem aktuellen Science-Fiction-Thema verbindet. Ich las den Roman sehr gern und war von der Mixtur ausgesprochen angetan.

Die Handlung lässt sich nicht so einfach zusammenfassen, denn die Autorin erzählt von verschiedenen Leuten und ihren Lebensläufen, die sich immer wieder verbinden und trennen. Eine wichtige Figur ist beispielsweise der Gründer eines Unternehmens, das die Welt buchstäblich verändert: Man kann seine Erinnerungen quasi auf einen Chip hochladen und sie damit für die Nachwelt speichern.

In der Science Fiction ist das keine grundsätzlich neue Idee; längst gibt es Filme und Romane, in denen Bewusstseine gespeichert oder auf technische Gerätschaften hochgeladen werden. Dieser Roman greift die Idee aber anders auf, verzichtet unter anderem auf jeglichen technischen Aspekt, sondern beschränkt sich darauf, wie man so eine Technologie nutzen könnte.

Der Anfang der Entwicklung liegt beispielsweise in der Arbeit einer Forscherin, die sich mit südamerikanischen Völkern beschäftigt hat. Und diese Wissenschaftlerin wiederum steht in einer Beziehung zu anderen Menschen, die wiederum … und so weiter.

»Candy Haus« besteht, wenn man so möchte, aus einer Reihe von Novellen oder Erzählungen, die sich inhaltlich wie stilistisch unterscheiden. Sie spielen in der nahen Vergangenheit, in der Gegenwart und in der nahen Zukunft, decken so den Zeitraum von Mitte des 20. bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts ab. Weil die jeweiligen Figuren, von denen ihr Handlungsabschnitt erzählt, in einer Beziehung zu anderen Figuren stehen, entsteht das Mosaik einer Welt, in der praktisch alle miteinander verbunden sind: über Beziehungen und Erinnerungen.

Die reinen Science-Fiction-Aspekte belässt die Autorin im Hintergrund. Neben der Technik, Erinnerungen zu speichern, führt sie einen weiteren Aspekt in die Handlung ein: eine Art Chip – hier »Assel« genannt –, der ins Hirn von Menschen verpflanzt wird. Er kann für allerlei Zwecke genutzt werden, selbstverständlich auch für eine mögliche Überwachung.

Wie sich die Lebensläufe der Menschen verbinden und wieder trennen, wie Musik eine immer wichtigere Rolle spielt, wie die unterschiedlichsten Schauplätze gewissermaßen aufleuchten und wieder verschwinden – das alles schildert Jennifer Egan mit sprachlicher wie inhaltlicher Präzision. Als Leser muss man bei der Lektüre »dranbleiben«, sonst verliert man den Überblick. Ich musste immer wieder zurückblättern, um mich vergewissern, dass eine Figur, die auf einmal die Hauptperson war, gut 200 Seiten zuvor als Nebenfigur eine wichtige Rolle spielte.

Sicher handelt es sich bei »Candy Haus« um keinen »echten« Science-Fiction-Roman. Die Art, wie die Autorin aber Elemente dieser Literaturgattung benutzt, um ihr Werk in eine andere Zeit zu verschieben, fand ich spannend und lesenswert. Eindeutig aber ist »Candy Haus« ein Roman, der viel über unsere Zeit und ihre Verwicklungen erzählt, ein Streiflicht vor allem durch die amerikanische Gesellschaft.

Lohnenswerte Lektüre!

Erschienen ist »Candy Haus« als Hardcover mit Schutzumschlag im Verlag S. Fischer. Wer sich ein wenig einlesen möchte, greife zur Leseprobe, die der Verlag auf seiner Internet-Seite anbietet.

(Diese Rezension wurde bereits im Juni auf der PERRY RHODAN-Seite veröffentlicht. Ich wiederhole sie hier aus Gründen der Dokumentation.)