24 Mai 2015

Channel 3 leben noch

Das kleine, aber feine Label Hostage Records aus Huntington Beach, Kalifornien, feierte 2012 das Erscheinen seiner Platte mit der Nummer fünfzig. Das musste natürlich gefeiert werden, also verpflichtete man die alten Helden von Channel 3, eine Platte aufzunehmen – dabei handelt es sich um eine der uralten Punkrock-Kapellen aus den goldenen Jahren des 80er-Jahre-Sounds aus dem südlichen Kalifornien.

Zwei Stücke sind auf der Single, wie sich das gehört. »Land Of The Free« und »Make It Home« sind entspannte Punkrock-Stücke mit Melodie und Herz, nicht mit aller Gewalt auf Tempo getrimmt. Wenn man will, ist das altersgerechter Pogo, bei dem man nicht wild durch die Gegend springt, sondern cool mit dem Kopf wackelt.

»Land Of Te Free« ist zudem ein sarkastischer Blick auf das Amerika von heute. Priester und Facebook, Politik und Kultur – das alles in einem klar formulierten Statement. Erwachsener Punkrock muss echt nicht langweilig sein, und diese großartige Band beweist das.

23 Mai 2015

Adicts, Glam und Glitter

Es hatte etwas von großem Rock-Theater, dieser Freitag abend, 22. Mai 2015, in der »Alten Hackerei« in Karlsruhe. Der Laden war proppevoll, er kochte zeitweise geradezu. Vor der Bühne war eine Sperre errichtet worden, so dass man nicht auf sie klettern konnte. Und es waren Besucher von weither angereist, unter anderem sogar Punks aus Frankreich. Der Eintrittspreis hatte dann auch eher etwas von einem »normalen« Konzert, wurde aber klaglos akzeptiert.

Weil ich so viele Bekannte traf, verpasste ich glatt die erste Band. Fondükotze aus Zürich lieferten ein gelungenes Konzert ab, sorgten dafür, dass das Publikum gut auf die »Hauptgruppe« eingestellt war. Ich schob mich langsam nach vorne, während sich die Kneipe füllte, und hatte einen halbwegs ordentlichen Platz im vorderen Bereich. Von dort aus konnte ich auch ohne Brille gut gucken – altersgerechter Punkrock hat durchaus seine Nachteile.

Die Adicts hatte ich in den 80er-Jahren einmal gesehen, damals fand ich sie eher schlapp und ohne Druck. Das war an diesem Abend anders. Vom ersten Ton an fand die Band, von deren Originalbesetzung aus den 70er-Jahren sichtlich nicht mehr so viele übrig sind, den Kontakt zum Publikum, drückte das Gaspedal ordentlich durch und pfefferte einen Punkrock-Klassiker nach dem anderen in den Raum.

Es war großartig. Viele Leute sangen mit; ich bin nicht so textsicher und ersparte mir etwaige Peinlichkeiten. Es wurde gehüpft und getanzt, der Schweiß floss, das Bier lief.

Von der Bühne aus wurde ein Feuerwerk aus Punkrock und Karneval abgefeuert. Glimmer flatterte durch den Saal, Glitzerkram wurde durch die Luft geschleudert, ich kam mir vor wie bei einer Karnevalsparty in meiner Kindheit. Und während ich Karneval normalerweise doof finde, passte es, vor allem auch deshalb, weil die Band mit sichtlicher Spielfreude am Start war.

Ein großartiger Abend!, er erinnerte in der Tat ein wenig an großes Rock-Theater. Aber das störte mich ausnahmsweise gar nicht, sondern begeisterte mich.

22 Mai 2015

Kurzroman gedruckt

Bei aller Freude darüber, dass es meinen Fantasy-Kurzroman »Der Schatten des Friedens« jetzt als E-Book gibt, möchte ich die Print-Ausgabe nicht vergessen. Es gibt durchaus noch Restexemplare des Werks im Basilisk-Verlag.

Wer sich dafür interessiert, gehe bitte auf die Internet-Seite des Verlages. Das Paperback kostet zwölf Euro, das sollte okay sein.

Redaktionell erinnert

Dass ich auf der Internet-Seite eine Kolumnenreihe habe, die den schönen Titel »Der Redakteur erinnert sich« trägt, habe ich gelegentlich erwähnt. Heute nutze ich mal wieder die Gelegenheit, auf einige dieser Erinnerungen zurückzublicken und sie an dieser Stelle zusammenzufassen. Oftmals ergeben diese Texte ganz nette Einblicke in das Verlagsgeschehen – auch wenn die Leser dieser Zeilen gar nichts mit Science Fiction im Allgemeinen und meinem Beruf im Besonderen zu tun haben.

»Werbetexte im Spätsommer 1997« standen erst dieser Tage auf dem Programm. In diesem Text ging es darum, wie ich in dem genannten Jahr versuchte, Texte aus dem Hirn zu kramen, die für eine Werbekampagne genutzt werden konnten. Das war damals nicht einfach, und es ist heute nicht einfach.

Ins Jahr 2004 führte »ATLAN-Minierien als E-Book«. Heutzutage sind E-Books nichts besonderes mehr, aber noch 2004 fristeten sie ein Randgruppendasein. Außerhalb unserer Redaktion schien niemand zu erkennen, welches Potenzial in der Möglichkeit des »digitalen Lesens« steckte.

»Sinzig im Oktober 1997« führte in vier Teilen ins Jahr 1997. Teil eins, Teil zwei, Teil drei und Teil vier – ich untergliederte das Thema in vier Fortsetzungen, weil es so leichter lesbar erschien – behandeln einen Science-Fiction-Con im Rheinland; die Texte sind in gewisser Weise mein Denkmal für den leider schon verstorbenen Fan und Beatles-Experten Werner Fleischer.

Das Jahr 2006 war nicht unwichtig für die Entwicklung der Serie PERRY RHODAN NEO, die 2011 in den Handel kam. Thema meiner Erinnerung ist »Ein Jour Fixe zu NEO«, und ich schreibe ein wenig über eine Besprechung mit der Verlagsleitung.

21 Mai 2015

Lost In Desire legen mit einer CD nach

Seit 2008 gibt es die Band Lost In Desire aus Wien; vor über einem Jahr habe ich mit »Skin« die erste Platte fünf Leute besprochen. Seit Ende 2014 liegt die aktuelle CD vor, die fünf Stücke unter dem Titel »100 Grams Of Your Heart« enthält.

Musikalisch bewegt sich die Band dabei in den Bahnen, die sie vor Jahresfrist gelegt hat. Man pendelt zwischen dem Synthie-Pop der frühen 80er-Jahre und dem düsteren Gruftie-Sound, wie man ihn Ende der 80er-Jahre in den Schwarzlicht-Diskotheken hierzulande gern hörte.

Dabei bleibt die Band schön düster und melancholisch; die Stücke sind nie schnell, sondern werden von tragisch klingenden Sequenzen durchwabert. Das kann ich mir nicht jeden Tag anhören; lasse ich mich aber darauf ein, packen mich die Stücke sehr wohl.

Eigentlich ist das eine optimale Musik für einen kühlen Herbsttag, wenn es regnet und die Nächte langsam länger werden. Bei einem Anfall von Weltschmerz kann sie aber auch gut eingesetzt werden.

Das Beste: Die CD ist im Handel nur schwer zu finden. Die Band hat aber erfreulicherweise eine Bandcamp-Seite, wo man sie sich anhören oder auch legal herunterladen kann.


20 Mai 2015

Zu faul für Pegida

Am Dienstag, 19. Mai 2015, gingen die »Anhänger der Pegida-Bewegung«, wie es immer so schön heißt, in Karlsruhe zum mittlerweile neunten Mal auf die Straße. Diesmal ging der angebliche Spaziergang durch die zentrale Innenstadt; ich war allerdings nicht dabei.

Gründe gibt es viele dafür. Einer ist sicher, dass ich mir von der Anwesenheit irgendwelcher Pegidioten in der Stadt nicht die Wochenplanung bestimmen lasse. Letztlich war ich zu faul für die Pegida, und ich futterte zu der Zeit gerade eine kurdische Pide, als die Superpatrioten ihren menschenhassenden Unfug durch die Innenstadt brüllten.

Zu viel Arbeit hatte ich an dem Tag sowieso. Auch nach dem Abendessen eilte ich ein weiteres Mal an den Computer, um Texte zu schreiben und die gefühlt 250 Mails zu beantworten, die sich während des Wochenendes auf meinem Computer angesammelt hatten. Arbeit und Faulheit zugleich siegten in meinem Fall also über meinen Wunsch, mich der Pegida auf der Straße in den Weg zu stellen.

Das taten genügend andere Leute. Wie die Medien berichteten und am Dienstagabend sogar iim Teletext zu lesen war, kam es an einigen Stellen der Innenstadt sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Anti-Pegida-Demonstranten. Beurteilen kann ich das nicht, weil ich davon selbst nichts mitbekommen habe.

Best Before aus Goslar

Die 90er-Jahre waren nicht unbedingt die Hoch-Zeit des Deutschpunk. Viele der Bands, die in diesem Jahrzehnt ihre Platten aufgenommen haben, sind spurlos verschwunden – das Interesse der Sammler und Forscher richtet sich aus nachvollziehbaren Gründen auf die frühen 80er-Jahre.

Deshalb ging eine Reihe von Bands geradezu unter. Dazu zählen auch Best Before; die stammten aus Goslar, blieben weitestgehend unbeachtet und veröffentlichten 1995 auf eigenem Label die Langspielplatte »schein sein«, die ich dieser Tage – weil ich sie im Radio spielte – mal wieder sehr genau anhörte.

Laut Textblatt handelte es sich um fünf Musiker, die Platte war auf 500 Exemplare limitiert; sicher deshalb, weil es einfach keinen größeren »Markt« gab. Musikalisch machte die Band ganz klassischen Punkrock, der schwer nach den ganz frühen 80er-Jahren klang: ein wenig rumpelig, ein wenig nach England klingend, nicht so schnell und ruppig wie der Deutschpunk um diese Zeit. Man erwartet geradezu, dass auf einmal eine Orgel zu plunkern anfängt oder ein Synthesizer allerlei Klänge auf die Ohren haut.

Auch textlich passt das in die frühen 80er-Jahre. Wenn die Band über den »Betonkoller« singt oder öffentlich ihr »Feindbild« hasst, klingt das in positiver Weise altmodisch. Andererseits haben die Texte eine starke Emo-Kante, und wer will, kann die Platte heute glatt als Vorläufer des später so erfolgreichen Emopunks bezeichnen.

Best Before ist eine Band, die in ihrer Zeit nie wichtig war; man hat sie nie großartig wahrgenommen. Mit »schein sein« hat die Band aber ein schönes Tondokument hinterlassen, das ich mir immer noch gern anhören mag.

19 Mai 2015

Klare Statements als Geschichte

Wenn es ein Thema gibt, mit dem man in Deutschland immer noch provozieren kann, so ist es das Dritte Reich mit allem Drum und Dran. Das war mir schon in meiner Jugend bekannt, als ich gelegentlich mit Themen und Mitteln provozierte, die mir nach einigen Jahrzehnten sehr peinlich sind. Meine große Hoffnung dabei ist stets, dass sich außer mir hoffentlich niemand an gewisse Peinlichkeiten erinnert.

Über eine solche Provokation schrieb ich eine Kurzgeschichte, an der ich – obwohl sie keine 10.000 Anschläge lang ist – recht lange herum dokterte. Sie ist für die Anthologie mit Punkrock-Geschichten gedacht, an der ich immer wieder arbeite und die hoffentlich irgendwann auch erscheinen wird.

Tatsächlich ist eine Kurzgeschichte entstanden, die einen biografischen Kern hat, diesen aber sehr weit ausdehnt. Die geschilderten Geschehnisse haben so – in der geschilderten Zuspitzung – nie stattgefunden. Trotzdem weiß ich, dass viele Leser glauben werden, dass das eine Eins-zu-Eins-Geschichte ist, die einen durchaus kritischen Schwank aus meiner Jugend präsentiert.

Mittlerweile bin ich mir nicht sicher, ob ich die Geschichte »Klare Statements« wirklich für das Buch verwenden soll. Sie gefällt mir, aber sie wird durchaus dazu verleiten, sie völlig falsch zu verstehen. Mal schauen, ob die Feigheit gewinnt – oder nicht ...

18 Mai 2015

Wie immer ein skurriler Kinky-Krimi

Weil ich es nicht geschafft hatte, den Musiker und Schriftsteller Kinky Friedman live in Karlsruhe zu sehen, musste ich notgedrungenerweise auf ein gedrucktes Buch zurückgreifen. Tatsächlich stellte sich heraus, dass ich einen ungelesenen Roman des amerikanisch-texanisch-jüdischen Schriftstellers im Stapel hatte – mit »Elvis, Jesus & Coca-Cola« hatte ich in der Folge dann auch viel Spaß ...

Es handelt sich um einen echt typischen »Kinky«-Roman, der sogar einen gewissen Fortsetzungscharakter aufweist. In seinem Verlauf führt der Autor nämlich eine Figur ein, die in späteren Romanen eine eher romantische Rolle spielen wird. (Ich muss die einzelnen Bände endlich einmal in der richtigen Reihenfolge lesen!)

Gleichzeitig ist es ein typischer »Kinky«-Roman, was die eigentliche Geschichte angeht. Das heißt: Die Handlung ist sehr verschlungen, verfolgt nicht immer den logischen Bahnen eines seriösen Krimis und macht gerade deshalb vielen Leuten viel Spaß.

Er beginnt mit dem Tod eines guten Freundes; dieser arbeitete zuletzt an einer Dokumentation über Elvis-Imitatoren. Dann verschwindet eine Ex-Freundin des Detektivs unter mysteriösen Umständen. Die Polizei wird aufmerksam, weil beide Personen Kinkys Namen kritzelten, bevor sie verschwanden.

Kinky schlussfolgert messerscharf: Das alles muss mit dem geplanten Elvis-Imitatoren-Film zusammenhängen. Wie genau, das weiß er noch nicht. Aber er aktiviert all seine Freunde, und gemeinsam wird ermittelt – dabei stolpern sie nicht nur in haarsträubende Gespräche, sondern auch über die Vergangenheit des Detektivs ...

Wer jetzt meint, das klinge seltsam, der hat recht. Kinky Friedmans Romane zeichnen sich durch streckenweise absurde Dialoge, skurrile Weltbeobachtungen und die weitestgehende Abwesenheit klassischer Detektivarbeit aus. Der Ermittler spricht lieber mit seiner Katze, die ihm eh nicht antwortet, als mit irgendwelchen möglichen Zeugen; mit denen unterhält er sich zwar auch, aber das findet in einem Ton statt, den man als Leser entweder zum Lachen oder zum Ärgern findet.

Ich habe mich bei »Elvis, Jesus & Coca-Cola« wieder einmal großartig amüsiert. Wer das Universum von Kinky Friedman nicht kennt, wird mit dem Roman wahrscheinlich nicht so viel anfangen können – ich halte die Schreibe dieses Autors für brillant und fand mich zum wiederholten Mal in dieser Einschätzung bestätigt. Sehr schön!

17 Mai 2015

Im schicken Restaurant

Wir hatten einen Grund, etwas zu feiern, also besuchten wir ein schickes Restaurant in der Innenstadt von Karlsruhe. Es war nicht ganz billig, aber auch nicht in der finanziellen Oberklasse. Das anwesende Publikum wirkte ebenfalls schick, die weißen Tischdecken machten einen feierlichen Eindruck.

Was mit als erstes verwunderte: Die Weine in der Karte waren nur sehr grob aufgelistet. Es stand beispielsweise ein Gavi aus der Toskana, ohne dass man erfuhr, woher er genau kam, oder es wurde ein Chardonnay gelistet, ohne dass dabei stand, aus welchem Land er stammte.

Deshalb fragte ich nach: »Woher ist der Chardonnay?« Ich vermutete schon, dass er aus Italien kam, aber er hätte ebensogut aus dem Elsass, aus Baden oder der Pfalz kommen können.

Die nette Bedienung war ratlos. Sie müsse nachschauen, sagte sie – das fand ich schon ein wenig schwach. Wir sahen ihr zu, wie sie zur Theke ging, die Weißweinflasche aus dem Kühlschrank fischte und das Etikett studierte. Dann kam sie zurück.

»Er ist aus Venedig«, sagte sie.

Ich starrte sie an. »Nord- oder Südhang?«, brachte ich hervor.

Unter dem Tisch kassierte ich Tritte gegen das Schienbein. Die Bedienung war irritiert und sagte erst einmal kein Wort. Und ich bestellte den Chardonnay aus der Region Venetien.

Der Wein schmeckte, das Essen war lecker, aber ich war irgendwie froh, als ich hinterher wieder auf der Straße war. Für die ach so feine Gesellschaft, bei der dann zu oft nur Schein statt Sein vorherrscht, habe ich dann doch nicht so viel übrig.

16 Mai 2015

Seminartag in der Mühle

In diesem Jahr mache ich das Jubiläum voll: 1995 war ich zum ersten Mal in Wolfenbüttel, um an der dortigen Bundesakademie für kulturelle Bildung etwas über Science Fiction zu erzählen. Seither war ich einige Dutzend Male in der Stadt in Niedersachsen, die dank ihrer schönen Innenstadt einen positiven Charme hat.

An diesem Wochenende geht es wieder einmal um die Kurzgeschichte, genauer gesagt, es geht um diejenige mit einem phantastischen Charakter, Science Fiction und Fantasy und allgemeinere Phantastik also. Am heutigen Samstag gab es die erste Schreibübung für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, mittlerweile haben wir auch alle Geschichten durchgesprochen, die wir im Vorfeld erhalten haben.

Mein Co-Dozent Uwe Anton und ich werden alsbald an die nächsten Aufgaben gehen. Wir wollen die Autorinnen und Autor schon ein wenig fordern; es ist ja kein Ferienlager. Also müssen sie heute abend noch einmal an einer Textaufgabe arbeiten, die wir anschließend im Team diskutieren werden.

Die Ergebnisse sind immer wieder verblüffend: Unter Druck arbeiten manche Leute echt besser ...

15 Mai 2015

Gedichte an der Wand

Seit mindestens fünf Jahren steht mitten in Wolfenbüttel ein Gebäude leer, das die »City« der reizvollen Kleinstadt geprägt hat. Ich meine das Gebäude, in dem jahrelang das Kaufhaus »Hertie« untergebracht war. Wann immer ich in Wolfenbüttel bin, um – wie an diesem Wochenende – in der Bundesakademie für kulturelle Bildung als Dozent tätig zu sein, versetzt mir der Anblick einen Stich.

Immerhin kam jemand auf die tolle Idee, riesige Plakate an die Wände und an die leeren Schaufenster zu pinnen und auf diese Gedichte zu drucken. Jetzt kann man immerhin Gedichte lesen, wenn man durch die Innenstadt spaziert und das marode Gebäude bewundert.

Das ist eine schlaue Idee. Noch schlauer wäre natürlich, das schöne Gebäude in irgendeiner Art wieder aufzumöbeln. Aber Gedichte oder Kunst sind oder wären schon mal ein brauchbarer Ansatz ...

14 Mai 2015

Papier im Internet

Es ist einer der schlechten alten Witze, die wir in der Redaktion immer mal wiederholen: »Dann druck ich jetzt mal das Internet für ihn aus« oder dergleichen. Laut Medienberichten haben das dann mal zwei britische Forscher ernsthaft gemacht – weniger ausgedruckt als berechnet.

Die zwei Männer von der University of Leicester checkten anscheinend, wieviel Papier man brauchen würde – in A4 oder dergleichen –, um das auszudrucken, was im Internet öffentlichen aufzufinden sei. Dabei gingen sie von rund viereinhalb Milliarden sichtbarer Seiten im Internet aus; wenn jede von diesen dreißig »Blätter« hat, kommt man auf die 136 Milliarden A4-Seiten.

Das kommt mir jetzt ein wenig vor, und ich frage mich, wofür Wissenschaftler eigentlich ihr Geld erhalten – aber jetzt wissen wir das halt auch ... Gefühlt habe ich allein davon eine Million Seiten gefüllt.

13 Mai 2015

Erbärmlicher Haufen

Dass ich meinen Zeitplan nicht nach den Bedürfnissen der Pegida-Anmelder ausrichte, dürfte einleuchten. Der normale Beruf und das normale Leben gehen schließlich vor, und die Reihenfolge ist – mit einem gewissen Zähneknirschen – auch korrekt formuliert. Trotzdem begab ich mich am Dienstag, 12. Mai 2015, mal wieder zur Demonstration gegen den Pegida-Aufmarsch.

Als ich ankam, lief die Kundgebung der Rechten bereits. Schätzungsweise 80 bis 100 Leute standen unter Deutschlandfahnen auf der Amalienstraße und sangen das Deutschlandlied. Rings um die sie hatte sich die Polizei aufgebaut, und überall hinter und an den Sperrgittern standen Demonstranten, die pfiffen und brüllten und sonstwie Radau machte. Die Pegidioten wirkten wie ein erbärmliches Häufchen, und fast hätte ich mit ihnen Mitleid gehabt.

Die Gegendemonstration war diesmal wie ein Straßenfest aufgezogen worden. Ein Lastwagen war zur Bühne umfunktioniert worden, es gab Informationsstände politischer Gruppen, und es gab Essen sowie Getränke; alles in allem herrschte eine fröhliche Stimmung. Das herrliche Sommerwetter trug sicher dazu bei. Ich stand viel herum und redete mit Bekannten, guckte den Nazis ab und zu auch mal zu, ignorierte sie aber meist.

Als es später mal für einige Minuten regnete, flüchtete ich mich mit einigen Bekannten unter die Bäume. Aus den Lautsprechern drang zu diesem Zeitpunkt sogar klassische Musik, und dazu tanzten einige Leute – das hatte was im Sommerregen.

Das Wetter wurde besser, die Pegida lief los. Ich spazierte zur Straßenkreuzung zwischen Wald- und Sophienstraße, um dort mehr oder weniger lautstark zu protestieren; hier gab es ein wenig Geschubse mit der Polizei. Auf einem Balkon, unter dem die Pegida durchmarschiert, wurde ein »Gegen Nazis«-Transparent entrollt, und es lief »Imagine« von John Lennon aus den Boxen – das hatte was.

Später waren die Nazis wieder auf der Amalienstraße und wir auf dem Stephansplatz. Es war eher langweilig. Musik lief, die Polizei war eher entspannt und tat cool, das erbärmliche Häuflein Pegidioten hörte irgendwelchen Reden zu und wurde dann von der Polizei wegbegleitet. Alles in allem ein entspannter Frühsommerabend in der Innenstadt von Karlsruhe ...

12 Mai 2015

»Exodus« von 2014

Es ist mir ja schon einigermaßen peinlich: Dieser Tage flatterte mir die Ausgabe 32 von »Exodus« ins Haus. Und ich las – ebenfalls dieser Tage – erst die letzten Texte der Ausgabe 31. Es ging nicht früher. Aber andererseits: Wenn ein Heft gut ist und man es vor allem nicht zeitnah lesen muss, kann es einige Tage liegen bleiben ...

Für Science-Fiction-Fans ist »Exodus« eine absolute Empfehlung. Ein »Muss« würde ich sogar sagen, vor allem, wenn man sich für Kurzgeschichten und gelungene Grafiken interessiert. Deutschsprachige Autoren werden präsentiert, die Geschichten sind stets gut lesbar und manchmal sogar richtig herausragend.

Wobei ich diesmal die Optik echt stark fand. Oliver Engelhard war mir kein Begriff; seine Science-Fiction-Bilder, die auf Farbtafeln präsentiert werden, empfinde ich als gelungen. Man könnte sie nicht auf einen kommerziellen Roman packen, dafür sind sie nicht verkaufsträchtig genug – aber sie haben einen ganz eigenen Charme, bei dem seltsam gerundete Frauengesichter auf eine technisch-kalte Umgebung stoßen.

Ein Science-Fiction-Magazin, in dem es auch noch Gedichte und schlaue Sätze gibt, die optisch schön präsentiert werden, ist sowieso eine ausgefallene Sache. »Exodus« war in den 70er-Jahren schon ziemlich klasse, und ich finde es seit den Nuller-Jahren wieder echt klasse. Eine echte Pflichtlektüre!

Und ich gelobe, die Nummer 32 ein weniger flotter zu lesen ...

11 Mai 2015

Zeitreise zum 90er-Jahre-Hardcore

Hardcore in den 90er-Jahren wurde echt anders. Zumindest in meinen Augen. Auch in Karlsruhe. Aus einer rasanten Musikrichtung und einer frischen Szene wurde eine festgefügte Hauptlinie, der sich die meisten Bands unterzuordnen schienen – nur das, was aus New York kam, faszinierte in diesen Tagen und Jahren viele Leute in der Szene.

Eine typische Band dieser Zeit war Beat Down. Die Band kam aus Karlsruhe, ich sah sie in den späten 90er-Jahren mehrfach und fand die Leute nett. Musikalisch war das nicht immer meine Tasse Bier, aber es knallte ordentlich.

Dieser Tage hörte ich mir endlich mal wieder die CD »Blood 'n Tears« an, die 1997 erschienen war. Darauf sind insgesamt 22 Stücke – in nicht mal 40 Minuten, yep! – , die schwer nach New York riechen und in denen Oi!, Punkrock und Metal eine unheilige Beziehung eingehen, aus der eben der spezielle Hardcore jener Tage entstand.

Das war schon damals nicht originell und ist es heute erst recht nicht. Aber wie die Band das machte, das war schon konsequent, und ich mochte den Sound. Rüpelig und rotzig, immer mal mit fettem »Oi!«-Gebrüll, dann wieder mit rasanter Gitarrenarbeit.

Die CD kann man sich immer noch anhören. Die Band klingt vor allem so, wie man Ende der 90er-Jahre idealerweise Hardcore spielte. Insofern handelt es sich bei »Blood 'n Tears« glatt um ein Zeitdokument. Damit hätten wir damals auch nicht gerechnet ...

Vier Personen machen Science Fiction

Um es vorwegzunehmen: Ich mag Action, auch und gerade im Kino. Wenn es kracht und scheppert und auf der Leinwand ein Feuerwerk der Bilder abgebrannt wird, dann finde ich das gut. Aber manchmal stellt sich bei mir eine gewisse Ermüdung ein, und ich will manche Filme einfach nicht anschauen. Deshalb guckte ich mir nicht den aktuellen »Avengers«-Ballerfilm an, sondern entschied mich für »Ex Machina«.

Dabei handelt es sich um einen klassischen Science-Fiction-Film, auch wenn er vorgeblich im »Hier und Jetzt« spielt. Ein junger Programmierer, der für einen Multimedia-Konzern arbeitet – eine Mischung aus Google und Facebook – gewinnt einen Preis; er darf eine Woche mit seinem obersten Boss zusammen in einem abgelegenen Labor an einem faszinierenden Experiment teilnehmen.

Sein Chef hat ein Kunstwesen geschaffen, dem er die Gestalt einer faszinierenden, wenngleich künstlich wirkenden Frau gegeben hat. Und er stellt sich und seinem jungen Besucher die Frage, ob das Kunstwesen schon so weit entwickelt ist, dass man es für »echtes Leben« handeln könnte. Aus dieser Frage und aus dem Zusammenspiel zwischen den zwei Männern, der Roboterfrau und einer ungewöhnlich wirkenden »Dienerin« entsteht ein packendes Vier-Personen-Stück, das in dem luxuriösen Haus und seinen Laboren im Keller spielt.

Seien wir ehrlich: Bei »Ex Machina« handelt sich um eine Schöpfungsgeschichte, die fast schon biblischen Charakter hat. Die Zahlen, die einzelne Sitzungen beziffern, machen das geradezu aufdringlich klar. Aber das stört nicht; dieser religiöse Aspekt kann von mir zudem auch nur interpretiert sein. Der Film ist faszinierend und spannend zugleich.

Mit zum faszinierenden Eindruck, den der Film auf mich gemacht hat, gehören die Gegensätze: die fast schon klaustrophobische Stimmung in den unterirdischen Labors auf der einen Seite, die grandiose Natur auf der anderen Seite. Wenn die zwei Männer einen Gebirgsbach bis an den Rand eines Gletschers hinaufsteigen, hat das etwas Symbolisches – und es ist spannend, obwohl sie nur miteinander reden.

Letztlich stellt der Film allerlei Fragen, wie sie von den klassischen Science-Fiction-Autoren schon gestellt worden sind. Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? Kann eine Maschine echte Gefühle entwickeln? Und wenn sie Gefühle nur »nachbaut«, ist sie dann nicht auch in gewisser Weise menschlich?

»Ex Machina« ist ein Science-Fiction-Film der – zumeist – leisen Töne. Dass er dennoch packend ist und vor allem zum Nachdenken Anlass gibt, hebt ihn aus der Masse heraus. Ich fand ihn hervorragend und empfehle ihn sehr gern weiter.

10 Mai 2015

Acht Jahre zum Feiern

Seit acht Jahren gibt es die »Alte Hackerei«, seit dieser Zeit ist die Punkrock-Kneipe zu einer Institution geworden, die weit über die Grenzen von Karlsruhe hinaus bekannt ist – innerhalb der Szene, versteht sich. Dass man in der Kneipe auch gut feiern kann, das merkte ich am Samstagabend, 9. Mai 2015 – der achte Geburtstag wurde zünftig mit Bier und anderen Getränken begossen.

Als ich eintraf, spielte die erste Band bereits. The Strapones aus der Schweiz knallten rockenden Hardcore-Punk in den Saal, rhythmisch und auf den Punkt gebracht, knallig und einfach gut. Das war nicht schreiend originell, aber mir gefiel es; diese Art Musik kann ich einfach immer gut hören und mag sie vor allem live sehr.

In der Pause zwischen den Bands trank ich viel Bier und redete viel. Im hinteren Teil der »Hackerei« stand wieder ein Karaokebus; das hat sich in den vergangenen Jahren als Konzept bewährt. Am frühen Abend tummelten sich dort vor allem die Kinder der älterer werdenden Punkrock-Generation, später enterten dann auch Erwachsene die Bühne, um irgendwelche Lieder zu trällern.

Pünktlich zu WWK war ich wieder im Saal. In den 90er-Jahren hatte ich die Band gut ein Dutzend mal gesehen, und der ruppige Hardcore-Punk packte mich auch diesmal. Die röchelnd-röhrende Stimme des Sängers, die gelegentlich an Motörhead erinnert, der wummernde Gitarren- und Bassangriff auf die Gehörzellen – das funktionierte für mich immer noch. Super!

Die letzte Band des Abends interessierte mich eigentlich nicht. Dampfmaschine machten Hardrock, das sagte man mir schon vor Wochen, und das ist nun mal nicht meine Tasse Bier. Weil's mich aber interessierte, schaute ich mir ein Stück an, war fassungslos und blieb dann, um mir den Rest ihres Auftritts anzuschauen.

Klar ist das Hardrock, meinetwegen sogar Metal, aber mit einer tüchtigen Hardcore-Kante. Der Sänger macht eine schräge Show auf der Bühne, wirkt wahnsinnig und durchgeknallt; die Musik wiederum hört sich an wie eine Mixtur aus Motörhead und – meinetwegen  – Biohazard, also sehr wuchtig. Wenn sich das mit deutschen Texten paart, kommt etwas heraus, das einem das Hirn zwischen den Ohren ordentlich durchpustet.

Das fand das Publikum auch, es wurde ordentlich gefeiert, mitgesungen und getanzt. Und nachdem die Bands von der Bühne verschwunden waren, ging es genauso weiter: mit viel Bier, mit lauter Musik, mit betrunkenen Gesprächen und gelegentlichen Tänzen.

Als ich das Gelände des Alten Schlachthofes verließ und mein Rad in Richtung Heimat lenkte, waren die Vögel schon wieder so fürchterlich laut, dass ich wohl davon Kopfweh bekam. Aber wer auf einen »Hackerei«-Geburtstag geht, muss wohl mit Spätfolgen rechnen ...

09 Mai 2015

Im Hotel Paradiso

Am Freitag abend, 8. Mai 2015, war ich im Theaterhaus in Stuttgart, gegeben wurde dort die »Familie Flöz« mit ihrem Stück »Hotel Paradiso«. Wer sich jetzt darunter nichts vorstellen kann, dem geht es wie mir vor einigen Wochen, als ich zum ersten Mal davon hörte.

Bei der »Familie Flöz« handelt es sich um eine Theatertruppe, die an verschiedenen Standorten auftritt. In Stuttgart spielten gerade einmal vier Schauspieler geschätzte zwanzig Personen; das wird durch ständig wechselnde Masken und Kostüme klargemacht. Da es keine Dialoge gibt und die gesamte Handlung durch Geräusche – Musik und Effekte aus dem Hintergrund – und Bewegung präsentiert wird, entsteht schnell eine faszinierende Spannung.

Bei »Hotel Paradiso« wiederum handelt es sich um eine Familiengeschichte: ein Hotel im Niedergang, eine Seniorchefin, die kaum noch kann, ein Bruder, der mit seiner Schwester im Dauerstreit liegt, ein mörderischer Koch und ein diebisches Dienstmädchen. Das alles spielt sich in einem immer schnelleren Reigen aus Liebe und Gewalt ab, mal urkomisch, mal traurig, immer abwechslungsreich und höchst unterhaltsam.

Ich lachte oft schallend, ich war häufig völlig baff, wenn ich die originellen Auftritte der Schauspieler sah. Und ich war am Ende völlig begeistert. Die »Familie Flöz« ist Theater – aber echt von der »anderen Art«. Toll!

Hier der direkte Link zur Unterseite von »Hotel Paradiso«; ich finde schon die liebevollen Masken sehr schön ... Und wer nur den Trailer zu »Hotel Paradiso« anschauen möchte, klicke hier ...

08 Mai 2015

Geschichten eines Originals

Bereits 2011 erschien ein Buch, das bei mir zuerst im »Noch zu lesen«-Stapel versackte, dann von mir mit großem Vergnügen gelesen wurde, bevor ich glatt vergaß, darüber auch einige positive Zeilen zu schreiben. Das Buch nennt sich »Sackratten-Blues«, es stammt von Chris Hyde und trägt den Untertitel »letzte Stories«.

Angesichts des fortgeschrittenen Alters des Autors – er ist schon deutlich über die 70 – kann man wohl davon ausgehen, dass nicht mehr viele Bücher von ihm verfasst werden dürften. Ein Alterswerk ist der »Sackratten-Blues« allerdings trotzdem nicht. Stattdessen bekommt man als Leser einen ordentlichen Schlag vor das Fressbrett serviert, in direkter und unmittelbarer Sprache, wie man sie nur selten findet.

Chris Hyde heißt in Wirklichkeit Helmut Wenske, in den 70er-Jahren war er vor allem als Künstler bekannt. Ich hatte selbst Poster von ihm in meinem Jugendzimmer hängen, faszinierende Interpretationen von Geschichten des amerikanischen Schriftstellers H.P. Lovecraft beispielsweise.

In den 80er-Jahren begann Wenske unter seinem Autorennamen Chris Hyde damit, seine Jugend in Bücher zu vereweigen. Vor allem »Rock’n’Roll Tripper« ist ein echter Kracher, viel besser als die Fortsetzung mit »Scheiß drauf!«. In diesen Büchern schrieb er über die Szene in den 60er-Jahren, über Drogen und Reisen, über Prügeleien und Suff, ein Leben an der Grenze – und das alles in einer knalligen, sehr unmittelbar wirkenden Sprache.

»Der Sackratten-Blues« passt zu den anderen zwei Büchern; es sind autobiografische Geschichten, in denen es um Saufen, Ficken und Prügeln geht. Chris Hyde trieb sich in Hanau in den unmöglichsten Lokalitäten herum, erlebte dabei logischerweise sehr viel, und darüber schreibt er.

Sprachlich bleibt er in der Gosse, das ist kein sauberer Stil, das wirkt alles, als sei es erzählt und einfach heruntergeschrieben worden. Ganz ehrlich, das muss man mögen; streckenweise war's mir ein wenig zu anstrengend. Wenn man sich auf den »Beat« der Sprache einlässt, macht das alles aber richtig Spaß.

Was bei alledem eh auffällt: Der Mann hat etwas erlebt, und darüber schreibt er. Das unterscheidet ihn von vielen der sogenannten Popliteraten, deren Schreibe man anmerkt, dass sie außer der Universität und irgendwelchen Lesebühnen noch nicht viel vom Leben gesehen haben.

Wer auf »hohe Literatur« steht, muss wohl eher die Finger von dem Werk lassen. Wer einen schnoddrig geschriebenen Einblick in das Leben eines echten Originals haben möchte, ist hier an der besten Adresse überhaupt. Es ist kein »Muss«-Buch und verändert sicher kein Leben, unterhält aber gut.

Das Paperback umfasst 114 Seiten und erschien im Verlag Robert Richter. Für 14,80 Euro ist es überall im Buchhandel zu bestellen, auch bei den bekannten Versendern. Idealerweise bestellt man es aber direkt beim Verlag, in dessen Shop haufenweise anderer »undergroundiger« Bücher zu finden sind.

07 Mai 2015

Nosferatu und das Müsli

Die Handlung des einminütigen Kurzfilms ist reichlich blöd, aber das ist bei der abschließend kommenden Werbebotschaft kaum anders zu machen. Trotzdem freut es mich als Genre-Fan sehr, wenn ich sehe, dass britische Werbeleute einen echten Phantastik-Klassiker für ihre Aktion aufgegriffen haben.

Letztlich geht es um Frühstücksflocken, klar. Aber eine solche Werbung kann man doof und langweilig machen, und so ist sie meist. Oder man geht ran und macht etwas Augenzwinkerndes aus dem Thema.

Die Rede ist von »Nosferatu« auf der einen Seite – ja, der klassische deutsche Horror-Film von Murna von 1922 – sowie der Marke »Crunchy Nuts« auf der anderen Seite. In der Agentur Leo Burnett London scheint jemand Sinn für schrägen Humor und uralten Horror zu haben. Das finde ich gut!

06 Mai 2015

Begehrte Autoren

Es ist noch nicht lange her, da wurden die sogenannten Indie-Autoren von den Verlagen eher belächelt. Das seien doch die Schreiberlinge, die es nicht geschafft hätten, bei einem der Großen des Geschäfts einen Vertrag zu ergattern. Das seien doch alles Leute, die nichts könnten.

Zumindest einige dieser Autoren sind erfolgreich. In der Masse ergeben sie zudem ein schönes Geschäft.

Das hat jetzt auch die sogannnte Tolino-Allianz bemerkt, zu der sich Gruppen wie Thalia, Hugendubel, Weltbild oder Libri zusammengeschlossen werden – benannt nach dem Lesegerät Tolino. Die Tolino-Allianz möchte mit ihrem neuen Angebot massiv in den Markt der Selfpublisher vorstoßen, wie die Fachzeitschrift »buchreport.express« in ihrer Ausgabe vom 30. April 2015 meldet.

Die Zusammenarbeit mit den Autoren soll über Neobooks erfolgen, die Selfpublishing-Tochter von Droemer-Knaur. Angesprochen werden Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum; sie können künftig ihre E-Books kostenlos hochladen und über die Shops vertreiben lassen.

Versprochen wird sehr viel, unter anderem können besonders erfolgreiche Autoren sogar eine Printauflage erwarten. Ziel ist ganz offensichtlich, direkt gegen Amazon und dessen Selfpublishing-Programm anzutreten.

Attraktiv ist das unter anderem für Autoren, die etwas gegen Amazon haben, bisher aber von dem amerikanischen Handelsriesen abhängig waren. Wie sich das Ganze weiter entwickelt, weiß derzeit keiner. Möglicherweise wird der E-Book-Markt endgültig unübersichtlich – für die Kunden könnte das trotzdem einen schöne Entwicklung sein, weil für sie die Auswahl noch größer wird.

Ganz alte Schule

Sprache ist oft verräterisch, häufig sogar albern. Bei manchen Leuten frag ich mich sowieso, ob sie dieselbe Sprache benutzen wie ich.

Da nennt sich also eine Gruppe von Nazis, die nicht nur »ein bisschen einen« auf radikal machen, sondern echt radikal und gefährlich sind, allen Ernstes »Old School Society«. Wenn das nicht ein so ernsthaftes Thema wäre, müsste ich ja schallend lachen: Seit wann geben sich eigentlich deutsche Nazis völlig ernsthsft englischsprachige Bezeichnungen?

Weil sie aus der Skinhead-Szene stammen und mit Skrewdriver und anderem Kram sozialisiert wurden? Und wie habe ich mir das vorzustellen, wenn die sich auf ihrem Kameradschaftsabend treffen? Wie klingt denn »Old School Society« auf Sächsisch? »Öld Skühl Socee-ütüh«?

05 Mai 2015

Beam, Bastei und die Flatrate

Auch wenn der Artikel schon seit einem Monat erschienen ist, finde ich die darin formulierten Inhalte immer noch bemerkenswert. Bastei-Lübbe – derzeit auf Platz 16 in der Hitliste der »100 größten deutschsprachigen Verlage – möchte im digitalen Geschäft weiter ordentlich Gas geben.

Man habe, so formulierte es die Fachzeitschrift »buchreport.magazin« in ihrer Ausgabe vom April 2015 »die weltweit rund 3,6 Mrd Mobile-Web-Nutzer im Blick«, also jene Leute, die sich ständig mit ihren Smartphones und Tablets in digitalen Welten bewegen. Vor allem die Firma Beam-E-Books, die von Lübbe im Herbst 2014 gekauft worden ist, soll hier der Dreh- und Angelpunkt werden.

In den Jahren 2016 bis 2020 soll Beam, »schrittweise als globaler Streaming-Player etablieren«, schreibt das Fachmagazin in streckenweise seltsamem Denglisch. Dabei setze Lübbe vor allem auf die »Idee, sich dabei ganz auf massenkompatible Serieninhalte zu konzentrieren«.

Das gehöre für Lübbe gewissermaßen zur »Genstruktur«, weil man schließlich große Erfolge mit Serien wie »Jerry Cotton« und »John Sinclair« feiere. Dass es sich dabei nicht um Serien mit Fortsetzungscharakter handelt, scheint den Journalisten der Fachzeitschrift entgangen zu sein.

Das schadet den Expansionsgedanken der Firma nicht. Man möchte in verschiedenen Ländern seinen »Markteintritt« erreichen, man möchte für Beam eine Flatrate einführen. In Deutschland soll diese dann 4,99 Euro pro Monat kosten. Und bis 2020 wolle man 24 Millionen Nutzer haben, mit denen man »einen dreistelligen Umsatz in Millionenhöhe« erreichen wolle.

Ob und wie das klappt, ist sicher spannend. Der Lübbe-Vorstandsvorsitzende hat auf jeden Fall eine wichtige Idee. Man wünsche sich »Serien von Spitzenschreibern«, und diese sollten ihre Serien »exklusiv und für einen begrenzten Zeitraum exklusiv für Beam« schreiben.

04 Mai 2015

Krachiges aus Berlin

Eine gelungene Mischung aus völlig unterschiedlichen Stilrichtungen bot ich am Sonntag abend, 3. Mai 2015, meinen Hörerinnen und Hörern im Querfunk an. Im ENPUNKT-Radio ging es diesmal um Musik aus Berlin – und da musste die Terrorgruppe als Einstieg geradezu sein.

Danach ließ ich es munter weiterlaufen. Unter anderen kamen die Offenders – vier Italiener in Berlin – und die Bottrops mit Terrorgruppe-Kollegen, was sehr gut passte. Zum melodischen Getändel passte ebenfalls die Band Mothers Little Helpers, die eher Indie Rock spielt.

Deutschpunkig wurde es mit den Kaput Krauts aus den Nuller- und No Exit aus den 90er-Jahren. Für die Hardcore-Fraktion lieferte ich mit Ghostwriter ein echt wuchtiges Brett.

Den Leckerbissen hielt ich bis zum Ende zurück: Mekanik Destrüktiv Kommandöh aus dem Jahr 1981, krachig und avantgardistisch und irgendwie trotzdem Punk. Es würde mich ja interessieren, wie das beim durchschnittlichen Punkrockhörer ankam ...

03 Mai 2015

Hzero überzeugen achtmal

Manchmal sind es die schlichten Dinge, die mein Herz erfreuen. In diesem Fall ist es der geradelinige, auf den Punkt gedroschene und rasante Hardcore-Punk, den die Band Hzero aus Barcelona spielt. Die Platte »Cana Antiqua« der Band kam 2008 heraus – offizieller Termin war echt mein Geburtstag! – und überzeugt absolut.

Enthalten sind acht Stücke, allesamt in spanischer oder katalanischer Sprache. Es wird nicht nur geknüppelt, sondern auch gerockt, aber auf eine Art und Weise, die nichts mit dem lahmen Hardrock zu tun hat, der sich in den vergangenen Jahren in der Szene immer mehr breit gemacht hat. Man stelle sich beispielsweise Bands wie D.O.A. aus Kanada in spanischer Sprache vor, dann hat man einen Eindruck von Hzero.

Auch wenn ich von den Texten nichts verstehe, gehen sie schnell ins Ohr. Man wippt mit, man wackelt mit, man will eigentlich mitsingen. Warum ist so eine Band denn eigentlich nicht bekannter geworden, verdammt noch mal?

Erschienen ist die Vinylscheibe bei dem kleinen spanischen Label Sell Our Souls; die Platte selbst habe ich bei einem deutschen Vertrieb für kleines Geld erstanden. (Das Schöne ist heute, dass es Bandcamp gibt – und dort kann man die Platte anhören und kaufen.)

02 Mai 2015

Multikulti beim Chinesen

Weil wir ins Kino wollten und vorher keine Zeit hatten, daheim zu kochen, entschieden wir uns spontan, beim »Kinochinesen« zu futtern. Um es vorwegzunehmen: Das war nicht besonders gut. Als Vegetarier reichte es bei mir zu langweilig schmeckendem Gemüse, das ich mit reichlich Gewürzen nachbearbeitete; die Fleisch- und Fischfraktion war ernsthaft unglücklich.

Lustig war der Tisch direkt neben uns: gut ein Dutzend Frauen zwischen Anfang vierzig und Mitte fünfzig. Sie feierten etwas, sie reden wild durcheinander. Es klang wie russisch, in das reichlich viel deutsche Lehnwörter fließen.

Irgendwann sangen sie zu allem Überfluss: »Happy Birthday« in einem wunderlichen Englisch mit seltsam klingenden Einsprengseln. Das fand ich doch lustig: Deutschrussen singen Englisch beim Chinesen. Multikulti vom feinsten. Da stört es dann auch nicht mehr, dass das Essen nicht gerade berauschend war.

30 April 2015

Graphic Novels betrachtet

Ich weiß selbst, dass eine Graphic Novel nichts anderes ist als ein Comic – trotzdem hat sich dieser Begriff im Verlauf der vergangenen dreißig Jahren durchgesetzt. Auf der Internet-Seite der Raketenheftchenserie, für die ich arbeite, hatte ich zuletzt »eine Woche der Graphic Novels«, in der an jedem Tag ein starker Comic mit besonderem Thema vorgestellt wurde. Das möchte ich an dieser Stelle gern rekapitulieren ...

Unter dem Titel »Bedrückender Blick in Kriegsgefangenenlager« stellte ich den Band »Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B« vor. Gezeichnet und geschrieben wurde er von dem französischen Comic-Star Jacques Tardi – es ist keine leichte Lektüre, aber sie lohnt sich.

Sehr mysteriös ist die Geschichte von »Appartement 23«, der Graphic Novel von Guillaume Sorel; der Zeichner und Autor steht schon immer für ausgefallene Geschichten.  Meine Besprechung steht folgerichtig unter dem Titel »Zwischen Literatur, Traum und Comic«.

Ein französischer Zeichner, der hierzulande nicht sonderlich bekannt ist, begibt sich auf die Spuren seines Großvaters, der im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft geriet – »Auf den Spuren Rogers« ist ein eindrucksvoller Comic-Roman. Meine Besprechung steht unter dem Titel »Der Vergangenheit hinterher«; die Geschichte ist kein Action-Kracher, entwickelt sich aber folgerichtig.

Auf der Perry-Seite habe ich den famosen Comic »Auf nach Matha« besprochen; dabei handelt es sich um einen melancholischen Blick in die 60er-Jahre, auf Popkultur der damaligen Zeit und die Jugendkultur von damals. Junge Leute am Strand, Stress mit den Eltern – das ist alles schön erzählt.

Der wohl bekannteste und eindrucksvollste Roman über den Ersten Weltkrieg ist »Im Westen nichts Neues« – den fand ich als gedruckten Roman schon hammerhart. Peter Eickmeyer machte daraus eine Graphic Novel, die sehr ruhig ist und bei der man tatsächlich kaum den Begriff »Comic« benutzen kann.

Alles in allem beweisen die fünf Bücher, dass Graphic Novels schon eine eigenständige Sache sind, meinetwegen eine Untergattung der Neunten Kunst, der Comics also. Es handelt sich bei den vorgestellten Büchern immer um Romane, die eben mit Bildern erzählt werden, durchaus literarisch und anspruchsvoll.

29 April 2015

Stressfrei gegen Pegidioten

Der Dienstag abend war kühl und frisch, zugleich sonnig. Eigentlich ein ideales Wetter, um einen gemütlichen Abend zu verbringen. Da aber in Karlsruhe die Pegida zu ihrem »Spaziergang« aufgerufen hatte, fühlte ich mich dazu gedrängt, zur Gegendemonstration zu gehen.

Leider war ich nicht so pünktlich unterwegs, wie ich das eigentlich geplant hatte. Als ich auf dem Stephansplatz eintraf, hatten die Pegidioten bereits mit ihrer Kundgebung begonnen. Wie immer war nicht viel zu sehen, weil die Polizei alles weiträumig abgeriegelt hatte.

Die »bürgerliche« Gegendemonstration bestand zu diesem Zeitpunkt aus vielleicht 300 Leuten. Aus den Boxen drang nette Musik, einige Leute tanzten sogar; ansonsten wurde mit Trillerpfeifen und Trommeln ordentlich Radau gemacht. Die Stimmung war recht gelassen, auch deshalb, weil die Polizei offenbar nicht auf Krawall gebürstet war.

Die einzige Auseinandersetzung an diesem Tag fand wohl an einer Straßenbahnhaltestelle statt. Die Polizei setzte Pfefferspray ein und verletzte vor allem Unbeteiligte. Denn Sinn dieses Vorgehens mögen bitte andere Leute diskutieren ...

Mit meinem Rad fuhr ich ein wenig durch die Gegend. Von der »anderen Seite« her kam ich ein wenig näher an die Pegidioten heran. Das einzige, was ich vom Lautsprecher aus hörte, waren zwei Worte: Der Redner brüllte etwas von »abschieben« und »Deutschland«; diese beiden Worte kamen praktisch ununterbrochen an mein Ohr, alles andere ging im Lärm der Trillerpfeifen unter.

Ich begab mich in die Sophienstraße, an die Ecke zur Waldstraße. Dort sollte der Versuch unternommen werden, den angeblichien »Spaziergang« zu blockieren. Es waren vielleicht 150 Demonstranten, die von gut hundert Polizisten buchstäblich eingekreist waren. Die Stimmung war trotzdem locker; Musik lief, einige tanzten wieder. Und es kamen ständig neue Leute hinzu.

Als später der Aufmarsch der Pegidioten die Waldstraße hochzog, waren wir wohl um die 300 Leute. Parolen wurden gebrüllt, es wurde getrillert und getrommelt. Anwohner hängten ein riesiges »Gegen Nazis«-Transparent aus ihren Fenstern, unter dem die Pegida hindurchspazieren durfte.

Interessiert schaute ich dem Haufen der Pegidioten nach; nach meiner Schätzung waren es nicht mehr als 80 Leute, die von starken Polizeikräften eskortiert wurden. Als sie vorbei waren, begab ich mich mit den anderen Demonstranten zurück zum Stephansplatz.

Dort herrschte geruhsame Stimmung, bis die Pegida-Leute wieder auftauchten, um ihre Abschlusskundgebung abzuhalten. Unter gellenden Pfiffen und Sprechchören hielten die Redner ihren Vortrag; ich verstand kein Wort. Später begab ich mich mit anderen Leuten an eine andere Stelle des Platzes, direkt vor das Lokal am Eingang zur Postgalerie.

Dutzende von Leuten kletterten auf die Tische und Stühle. Verzweifelt versuchte eine junge Restaurantangestellte, die Demonstranten davon abzuhalten; es war vergeblich. Wer auf einem Tisch stand, konnte zumindest besser zur Pegida hinüberbrüllen.

Und da war es richtig witzig. Die Sprechchöre waren abwechslungsreich, die Demonstranten waren bester Laune, es wurde auch gelacht. Die Polizei setzte zwischendurch mal die Helme auf, was sie sofort martialisch machte, dann wieder ab – unterm Strich blieb aber alles sehr friedlich.

Nach 21 Uhr war der Spuk endlich vorüber. Die Pegida-Leute wurden zum Bahnhof gekarrt, die Antifa zog in einer Spontan-Demonstration quer durch die Stadt in Richtung Südstadt. Und ich machte, dass ich heimkam: Ich wollte das Pokal-Halbfinalspiel zwischen Dortmund und München zumindest noch teilweise angucken – das wurde dann ein spannender Abschluss eines friedlichen Abends.

Konkrete Erinnerungen, musikalisch

Es gibt immer wieder Bands, mit denen ich so gar nicht gerechnet habe. Ein Beispiel dafür ist Much Better Thank You, eine Band, die aus der Gegend von Osnabrück kommt und sich musikalisch zwischen diverse Schubladen setzt.

Ich habe die CD »Concrete Memories« gehört, die auf den siebzigsten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz anspielt. Auf der CD sind nur zwei Stücke enthalten, doch die haben es in sich; vor allem fällt die Stimme der Sängerin extrem auf.

Die Stimme ist dünn und hoch, aber dennoch ausdrucksstark. Sie vibriert manchmal, sie piepst und sie ist filigran. Wer mag, darf den Vergleich mit einer Elfe aus der Klischee-Schublade ziehen, möge aber bitte die Unter-Schublade mit Björk stecken lassen – das passt ebenso wenig wie Kate Bush. Das ist alles schon eigenständig, beim ersten Ton dadurch nicht eingängig, dann aber doch immer klarer und auch gelungener.

Die Musik ist die meiste Zeit zurückhaltend, gleichzeitig sehr vielseitig: Im Stück gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten, und manchmal wechselt es von einem getragenen Stil ins Schwungvolle. Das ist schon gitarrenlastig, dann wieder plunkert aber ein bisschen Elektronik rein. Ungewöhnlich, aber todsicher nicht langweilig. Wenn man sich darauf einlässt, versteht sich ...

28 April 2015

Mit Nazis reden?

»Man muss doch mit den Leuten reden.« Das höre ich oft, wenn ich meine Meinung zu Pegidioten und anderen Wirrköpfen äußere. Ebenfalls gern gehört: »Das sind ja nicht alles Nazis; viele von denen könnte man durch gutes Zureden davon überzeugen, dass ihre Ansichten falsch sind.«

Das stelle ich mir dann gern vor: ich im Gespräch mit einem Pegidioten. Er oder sie: »Die Moslems betreiben eine Islamisierung Deutschlands, und dagegen will ich etwas tun.« Ich dann: »Das ist doch offenkundiger Unsinn. Es gibt bekloppte Muslime, gegen die muss meinetwegen die Justiz etwas tun – aber die Mehrheit von den Leuten ist nicht mehr und nicht weniger bescheuert als durchschnittliche Christen oder Atheisten.«

Er oder sie: »Aber die sind trotzdem gefährlich.« Ich: »Es ist trotzdem Unsinn.« Er oder sie: »Aber ... aber ... aber ...« Ich dann: »Unsinn. Unsinn. Unsinn.« So ginge es bei den meisten Diskussionspunkten. Meine Antwort wäre irgendwann, kreischend wegzulaufen oder eben zu sportlicheren Argumenten zu greifen.

Menschen, die voller Angst oder – wahlweise – Hass stecken, sind als Diskussionspartner zumindest für mich nicht sinnvoll. Ich habe weder Lust noch Zeit, mich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die ich als rassistisch oder sonstwie hoffnungslos bescheuert ansehe.

Ich gehe ja auch nicht ins Diskussionsforum der NPD – haben die so was überhaupt? – und versuche die Mitglieder davon zu überzeugen, dass Ausländer auch nur »Menschen wie du und ich« sind. Das wäre vergebliche Liebesmüh'. Ebensowenig kann ich den örtlichen Superchristen oder Muslim-Fanatiker davon überzeugen, dass Schwule und Lesben auch nur »Menschen wie du und ich« sind. Warum sollte ich dann mit denen diskutieren?

Wer mag, der darf. Ich halte niemanden davon ab, mit Leuten zu diskutieren, die menschenverachtende Haltungen haben. Wer das mag, soll das tun. Mir ist dafür die Zeit zu schade. Nazis und ihre Sympathisanten sind schlichtweg nicht satisfaktionsfähig.

27 April 2015

Tolles Thema – aber leider ohne mich

Wer sich hinter dem Pseudonym J.J. Preyer verbirgt, weiß ich leider nicht. Im Programm des Blitz-Verlages ist der Autor gleich mit mehreren Titeln vertreten; unter anderem schreibt er für einige Serien, die der Verlag publiziert. Mit »Sherlock Holmes und der Flucht der Titanic« lieferte er einen Roman ab, der mich mehr als die Serien interessierte.

Der Roman spielt nämlich viele Jahre nach den bekannten Fällen des Detektivs Sherlock Holmes. Im Jahr 1915 ist dieser längst im Ruhestand und wohnt auch nicht mehr in London. Aufgrund eines Telegramms seines Bruders fährt Holmes in die britische Metropole, wo er sich um eines der Geheimnisse der »Titanic« kümmern soll. Das Schiff war drei Jahre zuvor gesunken, ein Schock nicht nur für die britische Öffentlichkeit.

In der Folge ist Holmes gezwungen, die Fahrt der »Titanic« nachzuvollziehen, mit einem anderen Schiff zwar, aber auf einer sehr ähnlichen Route. Das habe ich dann allerdings nicht mehr gelesen, weil der Roman es trotz des spannenden Themas nicht schaffte, mich zu packen.

Dabei macht der Autor vieles richtig. Man merkt seinem Roman an, dass er sauber recherchiert hat. Sowohl das London des Ersten Weltkriegs als auch die Figur des Sherlock Holmes wirken nachvollziehbar und überzeugen; das alles ist stimmig beschrieben. Mit den Geheimnissen um die »Titanic« fügt der Autor zudem eine Ebene hinzu, die gleichfalls faszinierend ist.

Trotzdem blieben mir die Figuren zu distanziert, der Fall fesselte mich nicht, der Stil blieb mir zu oft an der Oberfläche, ging kaum in die Tiefe. Letztlich plätschert die Handlung so dahin, bleibt es häufig bei einer Art von Nummernrevue, bei der eben allerlei Holmes-Elemente aneinander gereiht werden.

Ich finde das jetzt nicht schlimm. Nicht alles kann jedem gefallen. Und lese ich die entsprechenden Rezensionen im Internet, fanden viele Leser diesen Roman richtig gut. Für mich war »Sherlock Holmes und der Flucht der Titanic« einfach zu spannungsarm, so dass ich nach etwa 50 von 222 Seiten aufgab.

Andere Leser dürften dazu eine andere Meinung haben, weshalb ich gern auf die Internet-Seite des Blitz-Verlages verweise. In diesem Verlag ist der schön gestaltete Roman erschienen, und dort gibt es auch eine kostenlose Leseprobe ...

26 April 2015

Xaver und das Phantastische Quartett

Das Phantastische Quartett – das sind vier Science-Fiction-Fans, die in den vergangenen Jahren auf Cons aufgetreten sind und dabei »Perlen der Science Fiction« präsentiert haben. Gesehen habe ich das Quartett in all den Jahren nicht, weil ich wohl auf die falschen Cons gehe. Mit dem Fanzine »!Xaver« gibt es jetzt ein Fanzine, in dem die vier Männer sich und ihre Arbeiten präsentieren.

Das Heft ist 68 Seiten stark, wurde im A5-Format gedruckt und überzeugt schon rein optisch durch ein vierfarbiges Titelbild und ein professionell wirkendes Layout. Kein Wunder: Für das Layout zeichnet Hardy Kettlitz verantwortlich, der seit Jahren für verschiedene Verlage im Science-Fiction-Bereich tätig ist.

Die Macher wollen »den Beweis erbringen, dass auch in Zeiten des Internets ein gedrucktes Fanzine seine Berechtigung hat und Spaß machen kann«. So steht es im Vorwort, und ich finde, das Versprechen wird eingelöst. Ich habe das Heft komplett gelesen, möchte jetzt sicher nicht damit anfangen, alle Details wiederzukäuen, war aber höchst zufrieden mit der Lektüre.

Die Artikel beschäftigen sich mit klassischen Phantastik-Filmen, in denen die USA angegriffen wird, mit dem Autor und Herausgeber Wolfgang Jeschke, dem Uplift-Universum des amerikanischen Schriftstellers David Brin oder auch mit der aktuellen Wissenschaft. Die vier Mitglieder des Phantatischen Quartetts, von denen ich nur Udo Klotz ein bisschen besser kenne, frönen dabei ihren höchst eigenen Vorlieben, lassen es am augenzwinkernden Humor nicht fehlen und informieren ganz nebenbei über allerlei Science-Fiction-Themen.

So muss in der heutigen Zeit ein Fanzine sein! Es muss echt Spaß machen – den Lesern und den Schreibern –, und es muss gut aussehen. Das tut »!Xaver«. (Das Heft kostet drei Euro plus Porto. Und zu beziehen ist es bei stef.kuhn-at-yahoo.de)

25 April 2015

Films aus South Carolina

Ich weiß noch, wie begeistert ich von der ersten Platte der Strokes war: Die New Yorker brachten mit einer rüpelig klingenden Mischung aus stinknormaler Rock-Musik und einer gehörigen Punk-Attitüde in den Nullerjahren einen frischen Wind in die sogenannte Indie-Szene. Irgendwann wurde es ein wenig still um sie – aber es gibt eine Band namens The Films, die eigentlich ihre Nachfolge sein könnten.

The Films stammen aus Charleston in South Carolina, was nicht gerade als eine Szene-Hochburg bekannt geworden ist. Glaubt man dem Band-Info kennen sich die vier jungen Männer schon seit ihren Highschool-Zeiten; auf jeden Fall traten sie ab Mitte der Nullerjahre regelmäßig auf und brachten im Jahr 2007 ihre erste Platte mit dem hübschen Titel »Don't Dance Rattlesnake« heraus.

Musikalisch ist das ansprechender IndieRock: gute Melodien, flottes Geschrammel, saubere und dreckige Töne schön vermischt, immer ein gelungenes Gespür für den coolen Sound der heutigen Zeit. Die Band aus Charleston muss man sicher nicht gehört oder gesehen haben; wer sich aber für zeitgenössischen IndieRock interessiert, dürfte sie mögen.

24 April 2015

Ein idealer Schüler

Zu den krawalligen Geschichten, die ich im Jahr 1981 verfasste, zählt »Ein idealer Schüler«. Sie ist rasch erzählt: Es geht um die Konfrontation eines Schülers mit einer Gruppe von Lehrern, der zuvor die Auseinandersetzung mit einer Lehrerin vorausging. (Weil ich derzeit alte Geschichten von mir erfasse, um sie vielleicht mal als Büchlein zu veröffentlichen, war ich auch mit diesem Text beschäftigt.)

Als ich die Kurzgeschichte verfasste, ging ich selbst noch zur Schule, und das merkt man dem Text deutlich an. Einige Namen der Lehrer, die in diesem Text auftauchen, sind beispielsweise Namen entnommen, die es in der Wirklichkeit gab – nach mehr als dreißig Jahren dürfte das aber niemanden mehr stören.

Klar ist, dass sich hinter dem Schüler, über den ich schrieb, nichts anderes als ich selbst verberge; die Figur ist schwer überzeichnet, in der Wirklichkeit war ich wesentlich schüchterner – aber es ist eindeutig, dass ich mich selbst in eine Geschichte hineinschrieb. In diesen Jahren las ich viele Geschichten von Charles Bukowski und sah mich selbst als kommenden »Underground-Autor«.

Die Konfrontation mit den Lehrern, über deren Leben ich zu jener Zeit nichts wusste, ist völlig aus der Sicht eines angehenden Jungautors beschrieben ... Eine solche Konfrontation hatte ich nie, sie ist frei erfunden, aber ich stellte mir wohl immer wieder vor, wie ich mit Lehrern oder Lehrerinnen massiven Streit hatte.

Ich war weder so primitiv, einen derartigen Ton anzuschlagen, noch so mutig, gegen eine Lehrerin oder einen Lehrer wirklich so militant anzutreten. Gewünscht hatte ich es mir oft genug. Insofern ist es für mich durchaus interessant, einen solchen Text nach all den Jahren wieder anzuschauen: Ich hasste damals die Schule, und doch wusste ich, dass es sinnvoll war, sie zu besuchen. Mit 16, 17 Jahren darf man wohl so denken ...