18 Mai 2018

Bar machen wirklich coolen Sound

Höre ich die Musik von Bar, werden zahlreiche Assoziationen in mir wachgerufen: eine lange Autobahnfahrt bei Nacht, blitzende Lichter außerhalb, das meditative Vorbeiflitzen der weißen Markierungen; eine verrauchte Kneipe nach Mitternacht, in der alle nur noch mit halb geöffneten Augen in Welt blicken; ein regnerischer Tag im November, an dem einem nur noch schwerer Rotwein schmecken möchte.

Dabei ist die Musik, die diese Band aus Freiburg macht, alles andere als depressiv. Klar, die Stücke sind düster und melancholisch, zugleich aber eingängig, selbstverständlich keine Musik für launige Partynächte und durchtanzte Abende, sondern eher eine Musik für die Ruhe und die Einsamkeit, auf ihre Art aber auch voller Energie. Die aktuelle Platte heißt »Keep Smiling«, kommt im Mai in den Handel und ist ziemlich genial.

Die Stücke sind höchst unterschiedlich; bei »We Are Bound« wird es fast schon schmissig. Meist aber herrscht eine zurückhaltende Stimmung vor, werden die Instrumente behutsam eingesetzt, vibrieren die Gesangsstimmen in rauchigem Pathos. Das ist alles nicht leierig, sondern sehr wohl kraftvoll. Es ist die zweite Platte der Band, und ich werde mir den ersten Tonträger auch noch holen.

(Interessant finde ich eines: Die CD lief, und ich wusste noch nicht einmal, woher die Band kam. Mein erster Gedanke war: »Die klingen ja wie das Liquid Laughter Lounge Quartet.« Diese Band hatte ich sehr geschätzt. Und ... wie es sich herausstellte, sind es im Prinzip die selben Leute. Cool.)

Ungewöhnliche Rezensionen

Zwei sehr ungewöhnliche Rezensionen habe ich zu meinem Fantasy-Roman »Das blutende Land« gefunden: Die eine ist positiv, die andere negativ – und beide haben auch einen ganz speziellen Schreibstil. Ich finde es nach wie vor sehr interessant, welch unterschiedliche Empfindungen mein Roman bei den Lesern wachruft.

Im Blog »Our Favourite Books« bespricht eine Rezesentin namens Melanie Berg meinen Roman eher kritisch. Sie fand ihn langatmig, vergleich ihn mit Markus Heitz und lobte eigentlich nur die Schlacht am Ende – dass die nur wenige Seiten lang ist, verwirrt mich ein wenig. Aber gut ...

Als »gut gelungen« bezeichnet die Rezensentin beispielsweise die »Balance zwischen blutigen und ekligen Gemetzel und einer guten, ehrlichen Schlacht«. Allerdings kommt die Kritik direkt auf dem Fuß: »Wer auf sympathische Charaktere und Protagonisten hoffte, muss ich klar enttäuschen, da ist keiner mit dem man mitfiebern möchte, das fand ich schade, letztendlich ist es einem egal wer lebt, stirbt oder leidet.«

Anders sieht es mit der Rezension aus, die ich auf »Lovelybooks« gefunden habe. »Frick geht immer bis an die Schmerzgrenze«, heißt es hier. »Seine Protagonisten werden schonungslos bloßgestellt.« Verglichen wird der Roman mit einer Dystopie – und »niemand kommt ungeschoren davon« ...

Das Fazit hat mir natürlich geschmeichelt, weshalb ich es gern zitiere: »Wer keinen der bekannten ›echten‹ Kriegsromane lesen möchte und keinen Bock auf die übliche ›Junge-rettet-im-Alleingang-die-Welt‹-High-Fantasy mehr hat, sollte unbedingt »Das Blutende Land« lesen.« Danke!

17 Mai 2018

Es sind eben vierzig Jahre vergangen

Die Members zählten zu den ersten Punkrock-Bands, die ich hörte. Ihr Hit »The Sound Of The Suburbs« lief ab 1978 gelegentlich im Radio, im Deutschlandfunk etwa, und auf meiner ersten Punk-Kassette, die mir ein Klassenkamerad aufnahm, war dieses Stück dann auch drauf. Bis heute ist es einer meiner liebsten Stücke.

Als ich hörte, dass die Members in Karlsruhe spielen sollten, überlegte ich lange, ob ich das Konzert überhaupt sehen wollte. In den 80er-Jahren, als das erste Punk-Revival tobte, sah ich mehrere der alten englischen Bands und fand sie alle grausig: Ob Vibrators oder Adicts, ob UK Subs oder 999 – das waren langweilige Rock-Bands mit gelangweilten Musikern.

Erstaunlicherweise waren die jüngsten Punkrock-Oldie-Konzerte, die ich sah, alle richtig klasse. The Adicts waren großartig, die UK Subs überzeugten in den vergangenen Jahren jedes Mal, bei den Buzzcocks in Weinheim kochte vor Jahren buchstäblich die Bude, und als ich The Wire vor Jahren in Solingen sah, war das abgeklärt und intellektuell, aber nicht langweilig. Aber die Members – wie würde das sein?

Als ich am Mittwochabend. 16. Mai 2018, in der »Alten Hackerei« ankam, spielte die Band bereits. Vielleicht zwei Dutzend Leute hatten sich eingefunden, die Punkrock-Kneipe war also ziemlich leer. Die Band gab sich aber unverdrossen viel Mühe, gute Stimmung zu verbreiten, und wir Zuschauer johlten auch eifrig zurück. Bei »Mitsing-Stücken« halte ich mich stets zurück, so auch in diesem Fall.

Die klassischen Stücke klappten eigentlich ganz gut, sieht man davon ab, dass die Band sie gelegentlich sogar langsamer als im Original spielte. Als ärgerlich empfand ich den neuen schwedischen Gitarristen, der gelegentlich zeigen musste, wie gut er sich an seinem Instrument auskennt. Das führte dann dazu, dass schöne Stücke wie »I'm In Love With A Working Girl« durch fürchterliche Soli kaputtgeritten wurden.

Seien wir ehrlich: In den 80er-Jahren wäre ich bei diesem Konzert rausgegangen. Aber weil ich die Band sympathisch fand, applaudierte und johlte ich eifrig und freute mich darauf, die alten Stücke mal wieder zu hören. Und wenn ich den Gitarristen ausblendete, gefiel es mir sogar richtig gut.

Aber seit 1978 sind halt einfach vierzig Jahre vergangen. Diese Tatsache kann so ein Konzert nicht wegdiskutieren ...

16 Mai 2018

Pferdekutschen zum Morgen

Ich wurde wach, weil ich das Getrappel von Pferdehufen auf einem Kopfsteinpflaster hörte. Zuerst glaubte ich noch, in einem Traum festzustecken, aus dem ich nicht herausfand. Dann öffnete ich die Augen und stellte fest, dass ich in der Wirklichkeit war. Hinter mir stand das Zimmerfenster schräg offen, die Sonne drang herein, und unter dem Fenster rollte gerade wirklich eine Kutsche über das Kopfsteinpflaster.

Dann kapierte ich es: Ich war in Brügge, ich hatte meine erste Nacht im wunderbaren Guesthouse Nuit Blanche verbracht, und ich kam mir vor, als sei ich am Vorabend in eine Zeitmaschine gestiegen. Das Haus war richtig alt, es entstammte dem 16. Jahrhundert, wenn ich die Informationen richtig verstanden hatte, und es erhob sich in einem Teil der belgischen Stadt, der komplett nach spätem Mittelalter und früher Neuzeit aussah.

Ich kroch aus dem Bett und ging durch das Zimmer, eigentlich eine großzügige Dachkammer. Die schrägen Wände und der Boden bestanden aus dunklem Hotel, das die Jahrhunderte blankpoliert hatten. Der Kamin war kalt, man brauchte kein Feuer. Aber sowohl am Kamin als auch an den Balken waren überall Schnitzereien und kleine Kunstwerke angebracht, die den Charme des Raumes vergrößerten.

An dem runden Holztisch und den drei Holzstühlen vorbei kam ich zum Fenster und blickte von dort hinunter auf den grünen Garten, auf den Kanal, auf dem in diesem Augenblick ein Boot vorüberglitt, auf den Kirchhof dahinter und die gotische Kirche, die sich wie ein trutziges Monument in den Himmel erhob. Ich öffnete das Fenster, nahm einen tiefen Zug von der kühlen Luft und freute mich einfach nur über den herrlichen Morgen.

Ich war tatsächlich im Urlaub, ich wohnte für einige Tage in einem wunderbaren Gästehaus, und ich konnte zu Fuß alle Sehenswürdigkeiten und gastronomischen Einrichtungen einer Stadt besuchen, die ich so gern hatte. Vielleicht konnte ich sogar mit einer Pferdekutsche fahren …

15 Mai 2018

Arcana feiert ein Jubiläum

Ich lese die Zeitschrift »Arcana« seit ihrer ersten Ausgabe. Eigentlich ist das Heft ein Fanzine, was die Auflage und die Gestaltung angeht; der Inhalt ist aber so anspruchsvoll gestaltet, dass ich diesen Begriff kaum angebracht finde. Man versteht sich als »Magazin für klassische und moderne Phantastik«, und das stimmt. Veröffentlicht wird das Heft seit dem Jahr 2002 im Verlag Lindenstruth; Gerhard Lindenstruth ist einer der beiden Herausgeber und mir seit den 80er-Jahren bekannt.

Die Jubiläumsausgabe 25, die im Frühjahr des Jahres erschienen ist, umfasst 72 Seiten und einen farbigen Umschlag. Inhaltlich macht das Heft das, wofür es angetreten ist: Es präsentiert Autoren von »früher«, die bei den meisten Leuten in Vergessenheit geraten sind, präsentiert aber auch aktuelle Schriftsteller – dabei sind Bestsellerthemen nie gefragt.

Sehr klassisch sind die Geschichten »Die Dame mit dem Brokatmuff« von Adolph Johannes Fischer (es geht um ein altes Schloss und seine Geheimnisse)von 1932  und »Das Skelett« von Jerome K. Jerome (eigentlich ein Grusel-Krimi) von 1893. Sie entstammen buchstäblich anderen Zeiten und haben einen behäbigen Erzählstil. Im Prinzip handelt es sich um Schauergeschichten, die auf eine Pointe zulaufen. Wer diesen klassischen Stil gelegentlich mag, kommt hier auf seine Kosten.

Unter der Überschrift »Die seltsamen Visionen einer Einzelgängerin« gibt es einen längeren Beitrag über die Schriftstellerin Eddie M. Angerhuber, von der ich schon lange nichts mehr gehört habe. In den 90er-Jahren las ich häufig Kurzgeschichten von ihr, die in kleinauflagigen Anthologien, Fanzines und Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht wurden. Sie wird in dem Artikel als eine wichtige Autorin präsentiert; stilistisch war sie in der Tat außergewöhnlich.

Darüber hinaus enthält das Heft einige Rezensionen und kleinere Beiträge. Schön fand ich den Index, der den Abonnenten als zweites Heft mitgeliefert wurde. Die Geschichte von »Aracna« wird zusammengefasst, garniert mit vielen Bildern und Textbeispielen. Eine gelungene Ergänzung!

Wer mehr über »Arcana« wissen möchte, gehe auf die Internet-Seite des Verlages. Dort kann man das Heft abonnieren; darüber hinaus ist das Buchprogramm auch sonst anspruchsvoll und lesenswert.

14 Mai 2018

Mbret in Albanien

Schon im Sommer 2015 erschien die Folge 28 der Hörspielserie »Dorian Hunter«; es war also hoch an der Zeit, dass ich sie anhörte und vor allem auch einige Zeilen dazu schreibe. Wer die Serie nicht kennt: Es handelt sich um die Hörspiel-Umsetzung der klassischen Gruselheftserie »Dämonenkiller«, die in den 70er-Jahren Maßstäbe setzte.

Zaubermond-Audio modernisiert die klassischen Geschichten aus der »guten alten Zeit« und macht daraus packende Hörspiele für die Hörer von heute: So wird etwa aus einem Bibelschmuggler, was in den 70er-Jahren durchaus ein Handlungsmotiv war, ein finsterer Schlepper für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Auch sonst wird vieles klarer und deutlicher dargestellt, was in den 70er-Jahren nur angedeutet wurde.

Es handelt sich um eine Fortsetzungsgeschichte, ein Neuling wird nicht alles verstehen. Trotzdem steht die Geschichte für sich allein und ist auch für sich verständlich. Die spannende Machart hilft einem sowieso, manche inhaltliche Klippe zu umschiffen.

Der Journalist und Dämonenjäger Dorian Hunter ist eigentlich auf dem Weg nach Wien. Unterwegs wird sein Flugzeug nach Albanien gebracht, wo es im Niemandsland niedergeht. Dort scheint ein Dämon zu herrschen – der finstere »Mbret«, der dem Hörspiel auch den Titel verliehen hat. Mit einer Stewardess gelingt Dorian Hunter die Flucht. Zu zweit schlagen sie sich durch die Wälder und landen letztlich in einem düsteren Schloss, wo es zur Konfrontation mit dem Dämon und einer Horde von Zombies kommt.

Die Geschichte lebt vor allem von den unterschiedlichen Charakteren – zwei Polizisten aus London sind ebenfalls im Einsatz – und den schnellen Dialogen. Das macht Spaß, das ist gnadenlos unterhaltsam. Dazu kommen großartige Geräusche und ein packender Soundtrack; was will man mehr?

Mit »Mbret« hat die Truppe um Dennis Ehrhardt als Produzenten und Andrea Bottlinger als Autorin des Skriptes erneut eine packende Geschichte geschaffen, die mich als »Dorian Hunter«-Freund echt gefesselt hat. Sie sollte aber auch Hörern gefallen, die erst mal in die Serie reinhören wollen. (Ich finde ja immer noch, dass sie echt Suchtgefahr aufweist ...)

Sex, Liebe und eine tote Frau

Wenn die Leiche einer jungen Frau zwei Wochen im Wasser treibt und dann in den Hafen einer Kleinstadt in Neuengland geschwemmt wird, ist das kein schönes Ereignis. Vor allem dann nicht, wenn in der Kleinstadt mit dem schönen Namen Paradise die Rennwoche ansteht. So beginnt der Roman »Tod im Hafen«.

Jesse Stone, der Polizeichef der Stadt, übernimmt die Ermittlungen. Schnell stellt er Beziehungen zu Florida her, von dort hilft ihm eine junge Polizistin in Miami.

Gemeinsam kommen die beiden auf Zusammenhänge, die ihnen nicht behagen: Wohlhabende Männer veranstalten Partys auf ihren Jachten, bei denen Drogen und viel zu junge Frauen im Spiel sind. Sex als reine Triebbefriedigung also, dazu eine Vergewaltigung und der Missbrauch von Minderjährigen.

Der Fall wird ekeliger, je tiefer Stone und seine Kollegin bohren. Hinter der bürgerlichen Fassade reicher Leute kommt eine Mixtur aus käuflichem und privatem Sex zum Vorschein, die den Ermittlern übel aufstößt.

»Tod im Hafen« ist der fünfte Band der Serie um den Polizisten Jesse Stone, die der amerikanische Autor Robert B. Parker erfunden hat. Die knappen Dialoge, die zielführenden Ermittlungen, die klare Sprache ohne jeglichen Firlefanz – das hat mich alles so gefesselt, dass ich den Roman praktisch kaum aus der Hand legen konnte.

Wie oft bei den Jesse-Stone-Fällen dreht sich ein Teil des Falles um die Beziehung zwischen dem Polizisten und seiner Exfrau – die beiden versuchen, wieder zusammenzukommen – sowie um sein Problem mit Alkohol, den er vermeidet, wo es nur geht. Da der Fall viel mit Sex zu tun hat, über den vorrangig geredet wird, und über Pornografie, die man sich anschaut, bezieht Jesse Stone viele Ermittlungen auf sich und seine Beziehung.

Das könnte langweilig oder gar gefühlsduselig sein, ist es aber nicht. Als routinierter Autor schafft es Robert B. Parker, auch »gefühlige« Szenen zwischen Stone und seiner Exfrau so zu schildern, dass sie mit trockenen Dialoge und kurzen Beschreibungen sehr wirkungsvoll sind. Dadurch entsteht eine Spannung besonderer Art: Was ist Liebe, was ist Sex, was ist Beziehung?

Für Fans von Robert B. Parker gibt es übrigens einige nette Anmerkungen: Mehrfach wird ein Privatdetektiv aus Boston erwähnt, der mit seinem schwarzen Begleiter fast engagiert wird – damit ist Spenser gemeint, der bekannte Serienheld des Autors, und sein Freund Hawk. Wer die Spenser-Krimis nicht kennt, wird die Hinweise kaum wahrnehmen; wer sie mag und kennt wie ich, der freut sich.

»Tod im Hafen« ist ein typischer Parker-Roman. Was bei anderen Schriftstellern vielleicht gar nicht positiv gemeint ist, gilt hier als Kompliment – der Krimi ist modern, obwohl er auf den klassischen »Noir«-Stoffen aufbaut, und das konnte kaum einer so gut wie der 2010 verstorbene Robert B. Parker. (Erschienen ist der Roman bei Pendragon als Taschenbuch sowie als E-Book. Coole Sache!)

13 Mai 2018

Die Alte Hackerei zum elften Jahr

Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich pünktlich in der »Alten Hackerei«, verlaberte nicht zu viel Zeit vor der Tür, sondern zahlte meinen Eintritt, holte mir ein Bier und stand punktgenau zur ersten Band im Konzertraum. Anfangs verloren sich keine fünfzehn Leute vor der Bühne, was die Band nicht störte – dann aber füllte sich der Raum zügig.

Auf der Bühne tummelten sich drei junge Männer – kurzzeitig überlegte ich, dass alle drei zusammen gerade mal so alt sein könnten wie ich –, die eine großartige Punkrock-Mixtur ins Publikum ballerten. The Murderburgers, so der Name der Band, kamen aus Schottland. Wenn sie sich untereinander unterhielten, verstand ich kein Wort, und auch manche Ansage des Sängers war nur schwer zu verstehen.

Die Musik war ein furioses Gebräu, die mich an kalifornische Bands aus der Mitte der 80er-Jahre erinnerte, aber durchaus eigenständig. Der Sänger klopfte launige Sprüche, in denen es eigentlich nur um vorehelichen Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung sowie Furzen und Rülpsen ging. Das war alles andere als intellektuell, erwies sich aber als ein großartiger Spaß.

Nach diesem Auftritt bummelte ein wenig herum und stellte fest, dass der hintere Teil des »Hackerei«-Geländes wie ein Volksfest wirkte. Ganze Familien hatten sich eingefunden, saßen an Biertischen oder machten beim Karaoke-Wettbewerb mit. Vor allem waren haufenweise Kinder und Jugendliche unterwegs, was ein witziger Gegensatz zum Geschehen im Konzertraum war.

Dort kletterten dann die Herren von Crim auf die Bühne. Da gab es kein großes Zögern, die Spanier legten sofort los. Vergleiche fielen mir schwer, letztlich war es unglaublich kraftvoller und wuchtiger Punk, der ohne Pause nach vorne gebolzt wurde, mit knalligen Melodien.

Ansagen gab es nur wenige, und es hörte sich bei deb Spaniern echt witzig an, wenn sie Stücke mit »eins-zwei-drei-vier« einleiteten, um dann auf Spanisch loszubrettern. Crim erwiesen sich als richtig starke Band, die Musik blies mir ordentlich die Ohren durch. Und als am Ende eine Coverversion gespielt wurde, brauchte ich wegen des Tempos gut eine Minute, bis ich erkannte, dass ein Stück von Cock Sparrer gespielt wurde.

Zwei Bier später drängte ich mich wieder in den Konzertraum, der mittlerweile sehr voll war. Die englische Band Wonk Unit, die ihren Stil selbst als »Honk Punk« bezeichnen, erwies sich als Partykracher schlechthin. Vom ersten Ton an wurde getanzt; und es war ein sehr lustiger und harmloser Pogo – wenn die eine Hälfte der Pogo-Menge aus Frauen besteht und die andere Hälfte aus brillentragenden Männern, kann eigentlich nichts schiefgehen.

Die Engländer spielten einen wunderbar abwechslungsreichen Punk mit vielen Melodien, mit gelegentlichen Ska- und Reggae-Einsprengseln, das alles witzig und flott gespielt. Wobei das Gerede des Sängers und seine Show für viele Lacher und ein dauerbreites Grinsen sorgten. Ich fand's toll.

Danach war ich buchstäblich beglückt. Ich ging hinaus ins Freie, stellte fest, dass es in Strömen regnete, und beschloss, erst mal weiter Bier zu trinken und Unsinn zu reden. Das gelang mir sehr gut, und als ich irgendwann zu sehr später Stunde – immerhin wurde es noch nicht hell – mein Fahrrad durch die nächtliche Stadt steuerte, regnete es nicht mehr. Angesichts meiner großartigen Stimmung hätte das aber auch nichts mehr ausgemacht.

12 Mai 2018

Ein Hühnchen in Yaoundé

Nach meinem langen Spaziergang setzte ich mich wieder auf den Balkon des Hotels; ich musste mich erst noch etwas ausruhen. Nach drei Stunden, die ich ununterbrochen durch die in der Hitze glühenden Straßen der Metropole spaziert war, genoss ich es einfach, auf einem alten Stuhl zu sitzen und ins Tal zu schauen.

Unter mir lag eine Ansammlung von kleinen Häusern, die schmale Straßen säumten; entlang eines Baches wucherte grünes Buschwerk. Auf der anderen Seite des flachen Tales erhoben sich die Türme der Banken, dahinter kam die eigentliche Innenstadt von Yaoundé. Den Bahnhof konnte ich von meiner Warte aus nicht sehen, er lag hinter den Häusern.

Zu meinen Füßen spielte sich ohnehin ein spannenderes Geschehen ab. Die gegenüber wohnenden Kinder, denen ich am ersten Tag beim Fußballspielen zugeschaut hatte, versuchten offenbar, ein Hühnchen zu töten. Immer wieder versuchte das Tier, den Griffen der Kinder zu entkommen. Sie ließen es einige Schritte laufen, fingen das Hühnchen dann aber unter lautem Kreischen wieder ein.

Der größere Junge hielt es fest, seine Helfer hielten es ebenfalls, und dann versuchte er, dem Tier den Hals umzudrehen. Er schaffte es nicht. Ratlos standen die Kinder im Kreis herum. Diesen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte das Hühnchen. Es riss sich los, rannte einige Schritte, wurde sofort eingefangen.

Diesmal war offensichtlich ein Mädchen an der Reihe; es hatte eine Machete in der Hand und fuhr damit am Hals des Hühnchens herum, das alles still mit sich geschehen ließ. Der große Junge packte das Hühnchen nun so, dass es flach auf dem Boden lag, dann stellte er seinen Fuß mit den Badeschlappen direkt auf den Kopf. Zwei kleinere Jungen hielten die Beine und die Flügel des Hühnchens fest, die anderen Kinder schauten gespannt zu, einige waren in die Hocke gegangen und richteten ihre Blicke auf das Geschehen.

Als sich das Mädchen mit der Machete am Hals des Tieres zu schaffen machte, schaute ich feige zur Seite ...

(Die Geschichte habe ich meinen Kamerun-Tagebuch entnommen, das ich im Herbst 1999 führte. Sie ist also recht authentisch. In meinem Fanzine ENPUNKT wurde sie in einer anderen Version auch einmal veröffentlicht.)

11 Mai 2018

Verwirrung bei der Buchmesse

Ich wollte mit dem Auto zur Frankfurter Buchmesse fahren. Obwohl ich das nicht zum ersten Mal tat, verfuhr ich mich. Verwirrt fuhr ich durch die zahlreichen Hügel, aus denen Frankfurt bestand; ich fühlte mich orientierungslos und unsicher.

An einer Stichstraße hielt ich an. Links von mir stand eine ARAL-Tankstelle, rechts konnte ich von einer Parkfläche ins Tal blicken. Ich erkannte sofort das Gelände der Buchmesse. Ich hatte den falschen Hügel genommen, stellte ich erleichtert fest.

Danach folgte ich einer schmalen Straße, die den Berg hinunter führte, stellte mein Auto auf dem Parkplatz der Buchmesse ab und ging zu Fuß zum Hintereingang. Von dort aus kam ich in einen Bereich der Halle, in dem vor allem Kleinverlage ihre Bücher ausstellten. Zu meinem eigenen Stand drang ich nicht vor, weil so viele Menschen unterwegs waren.

An einem Stand plauderte ich mit einer auffallenden Blondine, die viel lachte. Wir tranken Weißwein, der mir gut schmeckte. Ich wehrte ab, als sie mir nachschenken wollte. Ich müsse ja noch fahren.

Dann verließ ich die Messe auch wieder. Es schneite wie blöd, als ich ins Freie trat. Die Hügel um Frankfurt waren hinter einem Schleier aus Schneeflocken verborgen.

In meinen Halbschuhen stapfte ich zu meinem Auto. Jetzt kann ich durch diesen verdammten Schnee zum Hotel fahren, dachte ich verbittert. Immerhin hatte ich nicht zu viel Wein getrunken, das erleichterte mich.

Und dann wachte ich endlich auf.

10 Mai 2018

Die Schlosslichtspiele kommen wieder

Ich freue mich schon jetzt darauf, wenn in diesem Sommer 2018 die Schlosslichtspiele Karlsruhe wieder starten. Diesmal steht ein Science-Fiction-Motto über der Veranstaltungsreihe, die 2015 zum Stadtjubiläum erstmals ins Leben gerufen worden ist: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic«, schrieb Arthur C. Clarke einst, und er hat damit völlig recht. Ist eine Technik mal weit genug vorangeschritten, kann man sie nicht mehr von Magie unterscheiden.

Ich bin gespannt darauf, ob 2018 die Magie wieder funktioniert: Vom 28. Juli bis zum 9. September 2018 werden unterschiedliche Künstler die Front des Schlosses in einem neuen Licht erstrahlen lassen. Schon jetzt ist klar, dass ich mehrfach in dieser Zeit zum Schloss pilgern werde.

Mit dabei sind wieder »die Ungarn«, wie unsereins die ungarische Künstlergruppe Maxin10sity nennt – ich kann mir diesen Namen nie merken. in den vergangenen Jahren fand ich die Arbeit dieses Kollektivs immer am eindrucksvollsten. Diesmal wollen sie mit »I'mmortal« auch einen Zirkusartisten in das Projekt integrieren – bisher kann ich mir das nicht einmal vorstellen.

Spannend klingt auch das, was von dem Künstlerkollektiv Global Illumination geplant ist. In seiner Show soll die Evolution der Technologie gezeigt werden. Ich zitiere aus der Information: »Die Show beginnt mit der Ära der analogen Maschinen über Lochkarten zu 8-Bit-Prozessoren und PCs bis hin zu künstlichen neuronalen Netzen. Erzählt wird die Geschichte von Apparaten, Maschinen und Codes, die den digitalen Wandel eingeleitet haben und Raum für die kreative Vorstellungskraft des Menschen öffnen.«

Ich freue mich schon wie ein kleines Kind. Der Sommer kann kommen, nur das Wetter sollte halt auch passen.

09 Mai 2018

Bei St. Peter und Paul

Auf der Kaiserallee standen wir nebeneinander: ich in meinem Auto auf der rechten Spur, links von mir der Motorradfahrer mit dem »Harley Davidson«-Aufnäher auf der Jacke. Der Motorradfahrer ließ seinen Motor aufheulen, er hatte es offenbar eilig. Das alte Lied »Harley David (son of a bitch)« von den Bollock Brothers kam mir in den Sinn, meine Laune war positiv.

Die Ampel schaltete auf grün, der Motorradfahrer und ich rollten los. Er setzte sich vor mich, und weil es eine Reißverschluss-Situation war, zog ich mit meinem Auto ebenfalls auf die Mitte.

Auf einmal hatte ich grelles Fernlicht hinter mir: Offenbar hatte ich übersehen, dass der SUV-Fahrer hinter mir ebenfalls ein Zeitproblem war oder das Reißverschlus-Verfahren falsch verstanden hatte.

Er fuhr hinter mir her, die ganzen paar hundert Meter bis zur nächsten Ampel. Dabei hielt er den Sicherheitsabstand ein; ich konnte seine Lichter nicht mehr sehen und war mir sicher, dass er keine zwanzig Zentimeter hinter mir fuhr. Ich gab mir Mühe, ruhig zu bleiben und keinen Stinkefinger zu zeigen. Aber er hätte ihn aus seiner erhöhten Position eh nicht wahrgenommen.

An der nächsten Ampel – links erhob sich die Peter-und-Paul-Kirche – hatte ich Grün. Ich rollte über die Ampel und fuhr über die Rheinstraße weiter.

Auf einmal nahm ich die Bewegung hinter mir wahr. Der SUV-Fahrer nutzte seine Chance und überholte rechts. Die Straße war zwar an dieser Stelle einspurig, und rechts parkten überall Autos.

Aber wofür hat man eine Fahrradspur? Er gab eifrig Gas, ein Fußgänger rannte über die Straße, und so schaffte es der SUV-Fahrer, genau eine Wagenlänge vor mir an der nächsten Ampel zu halten. Ich merkte, wie er mich im Rückspiegel musterte.

Und ich wusste, dass ich meinen Meister gefunden hatte …

08 Mai 2018

Cyanide Pills machen Teenage-Punk

Es gibt immer wieder Punkrock-Bands, die mich begeistern. Eine dieser Bands: die Cyanide Pills, die irgendwo aus England sind und innerhalb kurzer Zeit mehrere Tonträger rausgehauen haben. Wie die Burschen das hinkriegen, wenn sie gleichzeitig die ganze Zeit durch Europa touren, ist mir echt schleierhaft.

Im Frühjahr 2017 kam »Sliced And Diced« raus, die dritte Platte, die mir als CD vorliegt. Insgesamt sind 18 Stücke drauf, allesamt so knackig und flott, dass es eine wahre Freude ist. Was die Burschen produzieren, ist Teenage-Punk, der sich anhört, als würde hier wirklich eine Bande von 18-jährigen damit anfangen, den Punkrock für sich zu entdecken.

Klar bietet sich der Vergleich mit den Buzzcocks und anderen Helden der 70er-Jahre an, doch die Band schafft es, 2017 genügend Melodien reinzubringen, die nicht so klingen, als seien sie schon vierzig Jahre alt. Das ist dynamisch und rotzig, das geht rasch ins Ohr, da will man auf und ab hüpfen.

Ich könnte mir in den Hintern beißen, dass ich die Band bei ihrer Tour im Frühsommer 2017 verpasst habe. Aber so oft, wie die durch die Gegend tingeln, werde ich es hoffentlich doch noch irgendwann schaffen ...

Ein Alptraum von Killer und Cop

Er ist ein wahnwitziger Autor. Seine Bücher sind manchmal wahre Alpträume. Aber ich mag die Art von Krimis, die James Ellroy schreibt, seit ich vor vielen Jahren seine »Schwarze Dahlie« verschlungen habe. Der Roman »Blut auf dem Mond« entstammt der frühen Phase des Autors, seine Meisterschaft hatte er damals noch nicht erlangt – der Krimi ist trotzdem superspannend.

Im Prinzip schildert er das Duell zwischen einem Serienkiller und einem Polizisten. Beide wurden in den 60er-Jahren traumatisiert: Während der Polizist danach sein Leben der Aufgabe gewidmet hat, Ungerechtigkeit und Verbrechen zu bekämpfen, möchte der Killer im Prinzip nur seine Rache finden – an Personen, die er mit den Taten aus seiner Jugend in Verbindung bringt. Der Roman spielt in den frühen 80er-Jahren, die Zeiten haben sich geändert, aber beide Männer sind sich in gewisser Weise treu geblieben.

Niemand erkennt, dass ein Serienkiller sein Unwesen in Los Angeles treibt. Völlig zufällig wirkende Mordfälle werden von niemandem einem Serienkiller zugeschrieben – schließlich werden die Opfer jedes Mal auf andere Weise umgebracht, es bleiben auch keine Zeichen oder sonstigen Hinweise. Nur der sture Polizist kommt auf die Spur des Täters.

Er findet heraus, welche Zusammenhänge es zwischen den einzelnen Mordopfern gibt. Er zieht die richtigen Schlüsse, begeht aber in einem entscheidenden Punkt einen Fehler. Danach ist es keine Jagd mehr, sondern zwei Jäger versuchen, sich gegenseitig zu erwischen.

Was in der Zusammenfassung nach einem klassischen Polizei-Krimi klingt, ist in Wirklichkeit sehr komplex. Der Autor taucht tief in die Psyche seiner beiden Hauptfiguren ein, schildert sie mit ihren Ängsten und Nöten, mit ihren Schwierigkeiten und inneren Dämonen. Man merkt dem Autor an, dass er weiß, wovon er schreibt; er kennt die Brutalität auf der Straße selbst aus eigener Erfahrung.

Die Polizei wird realistisch vorgestellt; die frühen 80er-Jahre mit ihrer Szenerie sind sehr glaubhaft. Der Roman hat seine Schwächen; vor allem stilistisch überreizt es Ellroy manchmal – das ist definitiv keines seiner Meisterwerke.

Trotzdem las ich den Roman mit viel Faszination. Lloyd Hopkins, der Polizist, wird so klar gezeichnet, dass klar wird, warum Ellroy auf Basis dieser Hauptfigur eine Roman-Trilogie verfasst hat. »Blut auf dem Mond« ist der erste Teil der Trilogie, und ich werde mir die anderen Teile ebenfalls besorgen. Es gibt sowieso noch eine Reihe von Ellroy-Romanen, die ich unbedingt lesen möchte!

07 Mai 2018

Der Wolfenbüttel-Blues

Wenn in Wolfenbüttel schlechtes Wetter herrscht, fällt es mir leicht, die kleine Stadt zu verlassen und zurück in mein gemütliches Karlsruhe zu verlassen. Ist das Wetter aber so schön wie an diesem Wochenende, wenn die Sonne scheint und die Stimmung steigt, dann möchte ich gern noch länger bleiben.

Mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars hatte ich mich über das Wochenende hinweg geradezu eingegroovt, so dass mir die Abreise am Montag geradezu hart vorkam. Noch einmal wurde diskutiert, noch einmal wurde gearbeitet, noch einmal wurden Texte geschrieben; ich stellte die Cluster-Methode vor, mit der man sehr schnell Ideen entwickeln oder Schauplätze klarer gestalten kann.

In der Schlussrunde gab es viel Lob und auch ein wenig Kritik. Das Seminar schien gut angekommen zu sein, und auch mir als Dozent hatte es gut gefallen. Einigen Leuten sah ich an, dass es hinter ihrer Stirn intensiv arbeitete und sie bereits in Gedanken bei der nächsten Geschichte waren.

So muss es sein – und es ist auch gut, dass ein solches Seminar nach drei Tagen vorüber ist. Aber jucken würde es mich schon, weitere zwei Tage an die bisherigen drei Tage ranzuhängen. Tage zum Schreiben und Diskutieren, zum Lachen und zum Arbeiten, für den Erfahrungsaustausch und den Umgang mit Schreibsituationen. Toll war's!

06 Mai 2018

Schreibaufgabe mit Religion

Zu einem Seminar, an dem Autorinnen und Autoren vor allem in der Diskussion über ihre Arbeit sprechen und ihre Fähigkeiten weiter entwickeln wollen, zählen auch Schreibaufgaben. Zumindest machen wir das in Wolfenbüttel bei den Science-Fiction-Seminaren schon sehr lange, und es hat sich bewährt.

Der Samstag, 6. Mai 2018, hatte das Thema Religion. »Stellt euch vor, ihr könntet eine Kurzgeschichte zu einer Anthologie beisteuern«, stellte ich als Aufgabe ins Zentrum. »Ihr müsst über Religion schreiben, es soll aber ein positiver Blick sein, und es sollte eine phantastische Geschichte dabei herauskommen.«

Unsere Autorengruppe hatte eine Stunde Zeit, danach besprachen wir die Texte. Wie so oft, fand ich auch diesmal die Ergebnisse sehr verblüffend. Innerhalb einer Stunde hatten einige Leute eine komplette Kurzgeschichte geschrieben, andere hatten Konzepte für eine Erzählung entwickelt – aber jeder hatte ein Ergebnis, das zumindest ich immer interessant fand.

Das war natürlich nicht das einzige Thema, mit dem wir uns an diesem Samstag in Wolfenbüttel beschäftigten. Wir aßen gut zu Mittag, wir diskutierten über Texte, die im Voraus eingereicht worden waren, wir tranken Kaffee und sprachen über die ideale Art und Weise, die Figuren in einer phantastischen Geschichte mit Namen und Biografien auszustatten.

(Das Bild zeigt übrigens den Eingang zum Schloss in Wolfenbüttel. Hinter dieser Fassade tagt unsere Arbeitsgruppe und bespricht Science-Fiction-Texte und dergleichen.)

05 Mai 2018

Ein bisschen Theorie in Wolfenbüttel

Wieder einmal bin ich zu einem Seminar in Wolfenbüttel; dort wirke ich an der Bundesakademie für kulturelle Bildung als einer von zwei Dozenten. Das Seminar trägt den schönen Titel »Echt genial!«, und es geht um die »kurzen Formen« bei der Science Fiction und der phantastischen Literatur.

Mit mir ist Uwe Anton als Autor tätig, dazu kommt Olaf Kutzmutz als literarischer Leiter der Akademie. Dazu kommt ein Dutzend Autorinnen und Autoren, die mit uns diskutieren und streiten und von uns vielleicht auch etwas lernen wollen. Es sind einige »Wiederholer« dabei, also Menschen, die so ein Seminar schon einmal besucht haben, und das freut mich natürlich.

Diesmal findet das Seminar vom Samstag bis Montag statt, nicht freitags bis sonntags, wie es sonst meist üblich war. Das bringt mich manchmal ein wenig durcheinander, sorgte aber offenbar am Anreisetag dafür, dass die Züge ziemlich pünktlich fuhren und keine größeren Staus die Teilnehmer aufhielten. Die Laune beim Start war also positiv.

Wir veranstalteten eine kleine Vorstellungsrunde, die belegte, aus welch vielfältigen Berufen die Autorinnen und Autoren kommen. Uwe Anton und ich erzählten auch ein wenig aus unserem beruflichen Umfeld, spielten ein wenig das Spiel »böser Redakteur und lieber Autor«, und dann ging es auch schon los. 

Wobei wir um ein wenig Theorie und Diskussion nicht herumkamen. Was ist eine Novelle, was eine Kurzgeschichte? Gibt es Veröffentlichungsmöglichkeiten für die Science Fiction und Fantasy? Mit der eigentlichen Arbeit fingen wir aber auch schon an, und abends ging es mit einem Bier weiter.

04 Mai 2018

Mind Trap knallen aus Berlin

Ein Sänger, der ziemlich rüpelt, eine ruppige Band, dazu Texte in englischer Sprache, die nach vorne geballert werden: Mind Trap aus Berlin machen Hardcore, wie man ihn seit den späten 80er-Jahre auch aus deutschen Landen kennt. Das rumpelt, das rotzt, das knallt, und das gefällt mir.

Ich habe von der Band die EP »Life Among Liars And Thieves«, die 2014 aufgenommen wurde. Darauf sind sechs Stücke, die allesamt knallen: Meist wird schnell nach vorne gespielt, die wenigen Breaks und Mosh-Zwischenstücke stören überhaupt nicht.

Soweit ich weiß, fühlt sich die Band der Straight-Edge-Szene zugehörig; ich wusste nicht einmal, dass so etwas noch existiert. (Das klingt so nach den 90er-Jahren ...) Die Texte auf der EP sind aber alles andere als penetrant. In dem Stück »two-face« geht's etwa um das Bild, das man in der Gesellschaft von sich erzeugen möchte; auch die anderen Texte sind eher kurz und haben eine persönliche Note.

Mind Trap überzeugen mich auf dieser EP, das wirkt authentisch und klar, ohne irgendwelche Metal-Anleihen und dergleichen. Wahrscheinlich gefällt's mir auch, weil eben nicht nur geprügelt wird, sondern die Band zeigt, dass sie durchaus differenziert zu Werke geht.

Erinnerung an Wolfgang Völz

Der deutsche Schauspieler Wolfgang Völz ist am 2. Mai 2018 gestorben; das vermelden am heutigen Tag viele Online-Medien. Ich habe zwei Erinnerungen an den Mann, beide sind recht verschwommen. Aber es ist interessant, bei wie vielen Menschen der Schauspieler in diesen Tagen noch einmal Emotionen auslösen konnte.

Ich erinnere mich an die »Raumpatrouille«-Filme, an denen er mitwirkte. Die Filme selbst sah ich wohl nie komplett, zumindest habe ich sie nicht im Gedächtnis. Sie wurden in den 70er-Jahren noch einmal im Fernsehen gezeigt, ich sah sie bei einer Tante, weil wir keinen Fernseher hatten. Und später zappte ich beim Fernsehgucken immer mal wieder durch und blieb einige Minuten hängen.

Mein bleibender Eindruck ist der aus einer Talkshow. Ich müsste in alten Unterlagen nachschauen – aber es gab eine Fernseh-Talkshow zum Thema Science Fiction, an der Wolfgang Völz und ich teilnahmen. Das ist gut zwanzig Jahre her.

Er machte auf mich einen urwüchsigen Eindruck: Während ich dem Alkohol nur vorsichtig zusprach und vor allem deshalb wenig trank, um keinen Druck auf der Blase zu bekommen, trank er vor der Sendung einen Krug Bier aus, exte während der Sendung ein Bier hinunter und hörte hinterher nicht auf damit.

Das fand ich schon irgendwie cool. Und mehr ist leider nicht bei mir hängen geblieben.

03 Mai 2018

Phantastik in der Diskussion

Das sogenannte PAN-Branchentreffen, das ich im April in Köln besucht habe, wirkt bei mir nach. Ich habe viele Berichte dazu gelesen, und ich habe das Sonderheft der Zeitschrift »Mephisto«, das zu dieser Veranstaltung produziert wurde, gründlich studiert. Das Thema »Träumen Androiden von Freiheit?« ist nämlich, wenn man es durch alle Punkte diskutiert, nicht so einfach.

Vor allem, wenn ich mir klarmache, dass der größte Teil der phantastischen Literatur, den unsereins so konsumiert, von einer ganz bestimmten Gruppe konsumiert und produziert wird: weiße Mitteleuropäer, meist heterosexuell, sehr häufig auch männlich. Ich kann nicht einmal behaupten, dass ich das bewusst so aussuche, aber es ist ein Fakt.

Der größte Teil der Science Fiction und Fantasy, die ich in meiner Jugend gelesen habe, wurde tatsächlich von weißen Männern geschrieben. (Autorinnen wie Ursula K. Le Guin oder Tanith Lee, Marianne Sydow oder Susan Schwartz galten bis in die 90er-Jahre hinein als Ausnahmen.)

Das färbt auf die Figuren ab, die in diesen Romanen auftauchen. Mir fiel das bei der Lektüre des »Mephisto«-Sonderheftes ganz bewusst auf. Die meisten Figuren in Science-Fiction-Romanen waren früher ganz selbstverständlich Amerikaner und Europäer.

(Die Science-Fiction-Serie, für die ich arbeite, war schon sehr früh eine Ausnahme mit afrikanischen und asiatischen Protagonisten. Frauen spielten aber lange Zeit nur eine absolute Nebenrolle, Homosexualität fand nicht statt.)

Alles Gejammer nutzt nichts – so war das eben. Wichtig ist, dass ich als Leser, Redakteur und Gelegenheitautor heute die Welt anders gestalte, auch und gerade eine fiktive, eine phantastische Welt. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, ich kann nur die Zukunft gestalten. Und diese ist vielfältiger geprägt, als ich mir das heute vielleicht vorstellen kann.

Wobei ich auch nichts davon hielte, unbedingt Charaktere einzuführen, die »komplett anders« sind. Wenn es gezwungen wäre, fände ich das aufgesetzt. (In meinem Roman »Das blutende Land« sind die Charaktere übrigens nicht »weiß«, sondern mehrheitlich braunhäutig. Aber das wird nicht thematisiert, weil es für die Geschichte nicht wichtig ist.)

Das Branchentreffen wirkt nach. Welche genauen Schlussfolgerungen ich aus den Diskussionen ziehen werde, muss man noch sehen. Aber ein gedanklicher Anfang ist gemacht!

02 Mai 2018

Der Schock ist zurück

Im deutschsprachigen Raum sind die Comics um »Tif et Tondu« nie so richtig berühmt geworden. Das kann daher kommen, dass sie hierzulande mal als »Gin und Fizz« und mal als »Harry und Platte« vermarktet worden sind. Sie waren nur für »echte« Comic-Fans relevant, die sie durchaus schätzten.

Unter dem zweiten Namen liegt mittlerweile bei Salleck Publications eine sehr schön gestaltete Ausgabe in Einzelbänden vor, die Stück für Stück durch Sammelbände ergänzt wird. Machen wir uns aber nichts vor – das ist vor allem für den »harten Kern« der Comic-Szene relevant.

Weil die Serie nicht so bekannt ist, wird nicht jeder gleich wissen, wer oder was sich hinter »Schock« verbirgt. Allen anderen sei gesagt: Es handelt sich um einen gemeinen Verbrecher, den Anführer des organisierten Verbrechens schlechthin – und in ihren zahlreichen Abenteuern stoßen die Herren Harry und Platte immer wieder mit ihm zusammen.

Es lag nahe, zu dieser wichtigen Nebenfigur eine eigenständige Geschichte zu erzählen. Bereits im Sommer 2014 erschien im deutschen Sprachraum daher »Die Geister von Knightgrave«, der erste Band von »Schock« – gut sechzig Jahre, nachdem die Figur erstmals in einem Abenteuer aufgetaucht war.

Interessant ist bei diesem Comic, wer ihn gestaltet hat. Mit dem Zeichner Eric Maltaite ist der Sohn des Mannes mit an Bord, der die Figur damals erschaffen hat. Zusammen mit dem Autor Stéphan Coman hat er dieses erste Album erarbeitet, das erstaunlich realitätsnah und wenig »funnyhaft« ist.

Die Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg, sie ist sogar recht hart. Mit den lustigen Abenteuern früherer Jahre hat das nichts zu tun, der Schock hat echte Gründe, Menschen aus der Oberschicht zu hassen. Das ist spannend erzählt und gut gezeichnet, die Lektüre macht wirklich Spaß; ich war positiv überrascht.

Dabei war ich nicht der einzige. In Frankreich wurde die Reihe längst fortgesetzt, auch in Deutschland ist ein zweiter »Schock«-Band erschienen. Veröffentlicht wird die Serie hierzulande von Salleck Publications; der Verlag bringt bekanntlich mehrere frankobelgische Klassiker heraus.

Fairerweise muss ich sagen: Wer »Harry und Platte« nicht kennt, wird mit dem »Schock« nicht viel anfangen können. Die entsprechende Zielgruppe ist hierzulande einfach nicht groß genug. Obwohl ... vielleicht bin ich da zu sehr eingeschränkt mit meiner Sicht der Dinge?

Ich habe den »Schock« sehr gern gelesen, mochte die Sicht auf die fünfziger Jahre und frühere Jahrzehnte und fühlte mich rundum gut unterhalten. Da möchte ich gern eine Fortsetzung lesen!

Zum ersten Mal die Hornisgrinde

Als ich ein Kind war, zählte es zum Standardprogramm bei vielen Familienausflügen: Wir fuhren zum Mummelsee. Manchmal war der düstere See im Schwarzwald, zu dem uns mein Vater mit seinem VW-Käfer chauffierte, das eigentliche Ziel der Reise. Manchmal aber diente er nur als Zwischenstopp, bevor wir über den Schwarzwaldkamm hinunter »ins Badische« fuhren, zu Dörfern wie Sasbachwalden und Kappelrodeck, Ottenhöfen oder Waldulm.

Oft gingen wir am Mummelse spazieren. Mein Vater wusste allerlei Geschichten über den See zu erzählen. Er habe keinen Grund, und wenn man versuche, mittels eines Fadens herauszufinden, wie tief er sei, verschwände der Faden in der unergründlichen Tiefe. Mein Vater kannte die Sagen und Legenden über den Mummelseegeist und die Nixen am See, über das alte Waldmännlein, das sich irgendwo am Berg verbirgt – und als Kind lauschte ich all diesen Geschichten mit wohligem Grusel.


Nie gingen wir zur Hornisgrinde hoch, dem höchsten Berg des Nordschwarzwaldes. Als ich Kind war, konnte man diese Region nicht betreten; sie war bis 1996 militärisches Sperrgebiet. Staunend blickte ich am Berg hoch, aber ich wanderte nie in die Höhe.

Ich weiß nicht, wie viele Jahrzehnte das alles her ist. An diesem 1. Mai 2018 war ich zum ersten Mal seit langen Jahren am Mummelsee, und zum allerersten Mal in meinem Leben spazierte ich zur Hornisgrinde hoch. Es bot sich an: An diesem Tag wäre mein Vater 93 Jahre alt geworden, und meine Eltern hätten ihren 64. Hochzeitstag gefeiert, würden sie noch leben.

Der See war natürlich viel kleiner als in meiner Erinnerung. Trotz langsamer Gangart hat man ihn als Erwachsener ruckzuck umrundet. Und weil er heute barrierefrei ausgebaut worden ist, kommt man als Fußgänger ohne jegliches Problem voran. Aber faszinierend fand ich den See trotzdem, er ist immer noch düster und wirkt unergründlich.

Von der Hornisgrinde aus hat man – auch wenn es leicht diesig ist – einen starken Blick. Man sieht am Horizont die Alpen, man kann die Schwäbische Alb und die Vogesen gut erkennen, und die tiefen Täler und bewaldeten Hügel des Schwarzwaldes sind einfach faszinierend.

Und ich stellte wieder einmal fest: Obwohl ich seit 1992 im Flachland wohne und obwohl ich viele Regionen in Afrika oder Asien faszinierend fand, ist der Schwarzwald immer noch die Region, die ich als »Heimat« bezeichnen würde …

30 April 2018

Noch einmal zu den Sch'tis

Ich gehöre zu den Menschen, die sich »Willkommen bei den Sch’tis« zweimal im Kino ansahen und auch beim zweiten Mal noch schallend lachten. Humor ist Geschmackssache, und mit diesem Streifen kam ich auf ein Linie mit dem Humor der Macher. Mir war dann durchaus klar, dass »Die Sch'tis in Paris: Eine Familie auf Abwegen« nicht so gut sein würde, aber ich wollte ihn sehen – also schauten wir uns den Streifen an. (Ist schon einige Tage her, was aber nichts machen dürfte.)

Die Hauptrolle spielt Dany Boon selbst, er ist Architekt und Designer. Zusammen mit seiner Frau zählt er zur gehobenen Klasse in Paris, dabei lässt er alle vergessen, dass er in Wirklichkeit aus einer Unterschicht-Familie aus dem französischen Norden kommt. Doch dann will ihn sein einfach gestrickter Bruder unbedingt besuchen und rückt mit der ganzen Familie in Paris an.

Der erste Film mit den Sch'tis setzte vor allem den Dialekt der Nordfranzosen als Thema fest. Daran schließt der zweite Film an – aber da dieser Gag im ersten Film lang und breit durchexerziert wurde, funktioniert er in diesem Film gar nicht. Die beiden hängen inhaltlich sowieso nicht im geringsten zusammen; gäbe es den Dialekt nicht, wäre keine Beziehung vorhanden. Ich fand übrigens alle sprachlichen Witze ziemlich blöd; die Gags wurden einfach in »Willkommen bei den Sch’tis« verfeuert.

Was bleibt, reicht immerhin für einige Lacher; es handelt sich um eine Komödie mit einem Stückchen Verwechslung, die auch ein Komödie über Klassengegensätze sein könnte. Auf der einen Seite haben wir Leute, die in einer unglaublich teuren Wohnung in Paris wohnen, auf der anderen Seite leben Menschen auf einem Wohnwagenplatz. Daraus ließe sich viel Humor schlagen, ohne dass man zu zynisch werden müsste.

Gerade ein Filmemacher wie Dany Boon müsste das schaffen. Das klappt in »Die Sch'tis in Paris« nur sehr eingeschränkt. Der Film knirscht oft am Rand der Peinlichkeit entlang, ist nur streckenweise lustig.

Wer Dany Boon mag, sollte den Film im Fernsehen anschauen, wo er bald zu sehen sein wird. Ins Kino gehen muss man deshalb nicht. (Er läuft eh nirgends mehr.) Auch wenn ich mich nicht geärgert habe, hat er meiner Freude an französischen Komödien doch einen Dämpfer verpasst …

29 April 2018

Neudesign nach zwanzig Jahren

Als im Jahr 1998 das erste Buch einer bis dato unbekannten Autorin namens J. K. Rowling erschien, ahnte niemand, dass die Abenteuer des Zauberlehrlings Harry Potter ein derartiger Erfolg sein würden. Vor allem konnte sich niemand vorstellen, dass dieser Erfolg nun zwanzig Jahre anhalten würde und auch noch darüber hinaus weiterlaufen würde.

Wie so viele andere, so bekam ich damals erst dann von Harry Potter und seinen Freunden etwas mit, als der dritte Band erschienen war. Ich holte mir die ersten drei Bücher und fand sie großartig, verstand sofort, warum so viele Jugendliche von diesen Romanen schwärmten. Auch den vierten Band kaufte ich und las ihn; der fünfte Band liegt ungelesen in einem Stapel, und den sechsten und siebten kaufte ich nie.

Mittlerweile wurde die Serie auch durch die Filme noch mehr nach vorne gebracht; die habe ich alle gesehen, im Kino und auf DVD. Ich mag die Welt, die J. K. Rowling erschaffen hat, und ich gönne der Autorin den Erfolg von ganzem Herzen.

Zur Feier des zwanzigjährigen Jubiläums werden die Bücher neu veröffentlicht, zumindest im deutschsprachigen Raum. Der Carlsen-Verlag setzt auf eine neue Gestaltung, die der aus Mailand stammende Grafiker Iacopo Bruno übernommen hat. Sie sieht anders aus, man kann sie weder moderner noch besser nennen, aber auch nicht schlechter.

Und ich habe jetzt ein Luxusproblem: Kaufe ich die noch fehlenden Bände, die ich tatsächlich irgendwann lesen möchte, nun in der klassischen Version irgendwo nach oder hole ich mir das Neudesign?

28 April 2018

Merlot und Coldplay und Cooltun

Justin Leone ist ein Name, der mir bis vor einem Tag völlig unbekannt war. Es handelt sich bei dem jungen Mann mit der eindrucksvollen Frisur um einen Weinkenner, der ein Buch geschrieben hat oder schreiben lassen hat.

Das wiederum erscheint in einem Verlag, mit dem ich beruflich einiges zu tun habe. Soweit so gut, Weinkenner gibt es genügend, und Bücher über Wein werden immer wieder veröffentlicht.

Ich stolperte aber über die Werbeaussage: »Merlot ist wie Coldplay«, steht da. Wer weder das eine noch das andere kennt, dem sei hiermit gesagt: Merlot ist eine Weinsorte, die ich auch gerne trinke, und Coldplay ist eine englische Band, die grausig-langweilige Popmusik macht, die sich verwirrenderweise bei sogenannten Indie-Musik-Fans ebenfalls großer Beliebtheit erfreut.

Aber dann der Satz: »Ob man will oder nicht, man kann es nur mögen.« Damit hat sich der Mann echt nicht gerade qualifiziert. Schließlich gibt es sogar beim Merlot unterschiedliche Qualitäts- und Geschmacksstufen, und man kann das nicht alles in eine Tasche stopfen. Soviel weiß sogar ein Weinbanause wie ich.

Aber Coldplay mögen? Die Band, deren Stücke eigentlich nur aus langgezogenen Vokalen bestehen und die öffentlich auf großen Bühnen herumjammert? Die Band steht ja in einer Tradition mit anderen englischen Bands, die kreuzlangweilig waren und trotzdem riesigen Erfolg hatten: In den 80er-Jahren waren das die Dire Straits, in den 90er-Jahren langweilten Oasis, und jetzt sind es halt Coldplay.

Bei dem Gedanken schüttelt es mich. Ich muss mal schauen, ob wir noch einen ordentlichen Merlot im Keller haben ...

27 April 2018

Bier und Toilette

Es war einer dieser seltenen Tage im Sommer, in denen sogar in Freudenstadt die Hitze stieg. Wir saßen – wie so oft – im Stadtpark auf der Wiese, tranken Bier oder dösten in der Sonne. Den harten Kern bildete eine Gruppe von jüngeren Punks, zu denen ich mich immer als »alter Sack« gesellte, und darum gruppierten sich andere junge Leute.

Da meine Wohnung keine fünfzig Meter von der Stelle entfernt war, diente sie schnell als »Außenquartier«. Während man den Jungmännern zumuten konnte, kurz in der Toilette am Marktplatz zu pinkeln, gab ich manchmal den Mädchen den Schlüssel zur Wohnung; meine Toilette war sauberer als das öffentliche Klo in jenen Jahren.

Andere deponierten Bier in meinem Kühlschrank. Gelegentlich gab ich meinen Schlüssel auch einem jungen Mann, damit er frisches kühles Bier holen konnte. Ich war mir sicher, dass sich keiner an meinen Schallplatten oder Comics vergriff. Die meisten standen sowieso nur staunend vor den Regalen und waren froh, wenn sie aus der Höhle aus Papier und Vinyl wieder heraus waren.

»Kann ich deinen Schlüssel haben?«, fragte mich ein Mädchen. Sie saß am Rand unserer Gruppe, schüchtern und schmächtig und mit rötlichen Haaren. »Ich ... ähm ... muss mal.«

Ich nickte und schob ihr den Schlüssel rüber. Sie nahm ihn und stand auf.

Ein Jugendlicher folgte ihrem Beispiel. »Ich ...« Er stotterte.

»Schon klar.« Ich winkte ab, von der Hitze und dem Bier schon leicht verduselt. »Hol dir ein Bier, der Kühlschrank steht in der Küche.«

Die beiden gingen, und mir wurde in einem Teil meines Bewusstseins klar, dass sie ein Paar sein mussten. Niemand in der Runde sagte etwas, alle dachten wohl das gleiche.

Die beiden blieben länger weg, als sie gebraucht hätten, um zu pinkeln oder Bier zu holen. Während sie in meiner Wohnung waren, musste seltsamerweise kein weiteres Mädchen aufs Klo, und es war auch nicht dringend nötig, weiteres Bier aus dem Kühlschrank zu holen.

Als sie zurückkamen, strahlten beide. Sie setzten sich wieder zu unserer Gruppe, als sei nichts geschehen. Ich grinste, andere in meiner Nähe grinsten ebenfalls. Niemand kommentierte den Vorfall.

Und ich wusste, dass ich an diesem Abend im Spätsommer 1991 wohl besser die Bettwäsche wechseln sollte.

26 April 2018

Im Januar 1981 kam schon das dritte Fanzine

Nachdem ich im Januar 1980 die erste Ausgabe meines Fanzines »Sagittarius« veröffentlicht hatte, kam die Nummer zwei bereits im Sommer. Die Auflage des Heftes stieg an, also wollte ich bei der dritten Ausgabe eine Druckauflage von 200 Exemplaren herstellen lassen.

Entsprechend mutig ging ich an die Gestatung des Covers. Den Umschlag konnte ich »für umme« in einer Druckerei drucken lassen, in der ein Bekannter arbeitete. Dort gab es »übrig gebliebenen« Karton, der nichts kostete. Weil der Karton so dick war, musste er vorher mit einer Kerbe versehen werden, damit er beim Knicken nicht brach – eine recht umständliche Sache.

Der darauf folgende Arbeitseinsatz hatte es für sich: Weil das Heft in getrennten Durchgängen gedruckt worden war, musste es von Hand zusammengelegt werden. Die Papierstapel lagerten im Wohnzimmer, meine Schwester und ich sowie kurzzeitig rekrutierte Freunde sortierten einen Nachmittag lang, dann wurden die Hefte zusammengetackert.

Es war richtig viel Arbeit. Aber als ich im Januar 1981 mein Heft verschicken konnte, war ich stolz darauf, einen Umschlag zu haben, der zweifarbig angelegt war. Den Inhalt fand ich ebenfalls super, die Gestaltung war zu jener Zeit meine absolute Schwäche.

Mein Glaube an mich selbst war allerdings groß: Ich war gerade einmal 17 Jahre alt und sah mich auf dem Weg zu einem wichtigen Redakteur. Ich hatte mein erstes Geld mit dem Schreiben verdient und überlegte mir schon, »Sagittarius« einmal professionell machen zu können ...

25 April 2018

Die Hives und ihr Schweden-Rock

Macht jemand eine Zusammenstellung von Indie- oder Alternative-Rock der Nuller-Jahre, kommt er oder sie nicht um eine schwedische Band herum: The Hives sorgten mit »Main Offender« für einen der großen Hits dieses Jahrzehnts, der auch heutzutage noch oft und gern in sogenannten Indie-Discos zu hören ist. Mit dem Stück legte die schwedische Band einen Kracher hin, der sie zu Beginn der Nuller-Jahre populär machte.

Allerdings war es nicht nur der rotzige Sound, sondern auch das coole Outfit und der knallige Auftritt, der zur Beliebtheit der Schweden beitrug. Ich sah die Band nie live, weil sie gleich auf der großen Bühne landete und ich ihre »frühe Phase« verpennte. Musikalisch höre ich das immer noch gern.

Auf Burning Heart Records – in den 90er-Jahren als Punkrock-Label gestartet – kam 2001 eine CD von den Hives heraus, auf der sich nur drei Stücke befanden. Klar war das Titelstück »Main Offender« zugleich auch der Ohrwurm der Platte.

»Lost and Found« sowie »Howlin' Pelle Talks To The Kids« sind ähnlich gut, dürften aber so gut wie niemandem im Ohr sein. Dabei bieten sie dasselbe: rotzige Gitarren, ein energisches Schlagzeug und eine Stimme, die immer so klingt, als sei sie kurz davor, einfach mal umzukippen.

Klar: Drei Stücke auf einer CD, das ist echt Verschwendung. Fürs Radio war's super. Und wenn ich mir die Platte heute anhöre, ist es auf jeden Fall ein Tonträger ohne jeden Ausfall. Das muss man als Band erst einmal hinbekommen.

Ein knallharter Thriller, der in Berlin spielt

Den Autor kannte ich unter seinem bürgerlichen Namen schon länger; Martin Krist kommt ursprünglich aus der Fantasy- und Horror-Szene. Weil ich wusste, dass er auf Thriller »umgesattelt« war, interessierte mich sehr, wie er so ein Thema angehen würde. Sein Roman »Drecksspiel« ist knallhart – so viel kann ich bereits verraten –, und ich fand ihn unglaublich spannend.

Die Handlung spielt in Berlin. Die Hauptpersonen sind unter anderem ein korrupter Polizist, ein Ermittler mit düsterer Vergangenheit und eine junge Frau, die zum Opfer eines skrupellosen Entführers wird. Weitere Personen tragen den Roman. Anfangs weiß der Leser nicht, wie die einzelnen Handlungsfäden zusammenhängen, doch das Dickicht aus Beziehungen und Verbindungen spitzt sich im Verlauf der Handlung immer weiter zu.

Vor allem die Figur des Ermittlers David Gross gefiel mir. Man erfährt wenig über ihn und seine Vorgeschichte, es ist aber klar, dass er düstere Geheimnisse hat. Sein aktueller Auftrag gilt einer Entführung: Er soll eine junge Frau finden, die verschwunden ist. Recht schnell merkt er, dass einige Informationen nicht zusammenpassen, und viele Beteiligte ihr eigenes Spiel betreiben.

Die zweite Figur, die ich spannend fand, ist der korrupte Polizist Toni. Er treibt sich viel zu gern im »Milieu« herum, nimmt Drogen und hat eine Prostituierte als Freundin. Wegen seiner Verbindungen zum organisierten Verbrechen gerät er immer tiefer in einen Sumpf aus Gewalt und Schrecken.

Völlig unschuldig ist Hannah, eine weitere junge Frau. Sie wird mitsamt ihrem kleinen Kind von einem Unbekannten festgehalten und weiß, dass sie praktisch keine Chance hat. Doch verbissen nimmt sie den Kampf um ihr Leben und das ihrer Tochter auf.

Der Autor wechselt ständig die Perspektiven – das aber stets klar und eindeutig, spannend und nachvollziehbar. Als Leser fiebert man auf allen Handlungsebenen mit, lebt und leidet mit den Figuren, findet sogar irgendwann den herzlich unsympathischen Polizisten ganz okay und hofft, dass er seine Ziele erreichen kann.

Schnelle Dialoge, die auf den Punkt kommen, hektische Action mit ebenso schnellen Blickwechseln: »Drecksspiel« ist ein rasanter Roman, der mich nicht mehr losließ. Ich wollte ständig wissen, wie es weitergeht, wollte den Figuren auf ihrem Weg durch das nächtliche Berlin folgen, wollte erfahren, wie die unterschiedlichen Figuren und Entführungen zusammenhängen und – was zum Teufel! – der Pate des organisierten Verbrechens mit allem zu tun hat.

Der Roman packt, ich empfehle ihn allen, die spannende und auch mal krasse Thriller mögen. Das Taschenbuch gibt’s noch im Handel, obwohl es 2013 erschienen ist – ist das E-Book sowieso. Wer mehr wissen will, kann sich ja auch die Website des Schriftstellers anschauen ...