15 Oktober 2018

Mal ernsthaft, SPD …

Ich gehöre zu den Menschen, die Politik verabscheuen, obwohl – oder gerade weil – sie sich für politische Zusammenhänge interessieren. Sieht man von den Phasen ab, in denen ich bewusst ungültig wählte oder mich für die Anarchistische Pogo-Partei engagierte, war die SPD theoretisch eine Partei, die ich wählen würde. Zwei-, dreimal war sie das auch praktisch, seit langem aber nicht mehr. Als Arbeitnehmer, der aus der Arbeiterschicht kommt, wäre ich ein idealer Wähler für eine Partei, die sich für soziale Themen sinnvoll einsetzt.

Bei den letzten Wahlen habe ich mein Kreuz entweder bei den Grünen oder bei der Linkspartei gesetzt. Die Grünen sind eigentlich nicht wählbar, weil sie sich an den Interessen des gehobenen Bürgertums ausrichten, das mit dem dicken SUV beim schicken Biometzger vorführt, und die Linken sind eigentlich wegen ihres teilweise grausigen Personals ebenfalls nicht wählbar.

Nur gibt es dann für Menschen wie mich gar nichts mehr, wo sie ohne mörderische Bauchschmerzen ihr Kreuz setzen können. (Mein Alptraum wäre eine Situation wie in Frankreich, wo man sich zuletzt zwischen dem Front National oder einer »bürgerlichen Alternative« zu entscheiden hatte.)

Ich versuch's mal mit einigen Punkten zum Mitschreiben ...

Eine Sozialdemokratie muss sozial und demokratisch denken. Dass man das überhaupt noch aufschreiben muss, sagt mehr als deutlich, welche Wahrnehmung ich von der SPD habe.

Sozial geht nicht ohne ökologisch: In einer Welt, die durch die Gier von ganz vielen – nicht nur der Oberklasse, sondern der von den meisten in der »westlichen Welt« – an den Rand des Untergangs gedrängt worden ist, muss ganz schnell umgesteuert werden. Das ist eine große Aufgabe, und diese Aufgabe kann nur mit sozialen Aspekten angegangen werden. Die Klimaschock würde schließlich alle treffen.

Sozial geht nicht ohne international: Wer glaubt, man könnte nur die Grenzen gegen unerwünschte »Billig-Arbeitnehmer« dicht machen, damit es der Arbeiterschaft besser geht, tickt meiner Ansicht nach nicht falsch. »Hoch die internationale Solidarität« oder noch besser »hoch die antinationale Solidarität« dürfen halt nicht nur Schlagworte sein, sondern die sollten ernsthaft gemeint werden.

Sozial geht nicht ohne transparent: Ich kann nur dann für soziale Gerechtigkeit kämpfen, wenn ich meinen eigenen Laden transparent führe und auch sonst für Transparenz sorge. Woher kommen unsere Nahrungsmittel, wer bezahlt unsere Politiker, welche Mauscheleien gibt es in den Sicherheitsapparaten?

Das klingt alles ganz einfach. Eine Partei, die sich um soziale Themen kümmert, die sie international, ökologisch und transparent führt – das könnte eine »erneuerte« SPD sein. Allein mir fehlt der Glaube ...

14 Oktober 2018

Der BuchmesseCon 2018

Als ich das Bürgerhaus in Dreieich betrat, war ich schon ein wenig gestresst: Die Fahrt über die Autobahn hatte viel länger gedauert, als ich geplant hatte. Zwischen Heidelberg und Darmstadt hatte stockender Verkehr geherrscht, ohne dass ich einen Grund dafür gesehen hatte. Aber in Dreieich ging es mir rasch besser.

Der BuchmesseCon hat sich verändert, seit er in Dreieich ist. Nicht nur, dass er professioneller geworden ist – was ich positiv meine –, er wurde auch stärker durchmischt. Fantasy- und Science-Fiction-Fans tummelten sich in den Räumlichkeiten, viele Lesungen waren brechend voll, und die Stände der Kleinverlage und Zeitschriften waren dicht umlagert. Sicher waren mehr als 500 Besucher anwesend, und ich bekam ebenso sicher nur einen Teil des Geschehens mit.

Ich plauderte mit Autorinnen und Autoren, mit Fans beiderlei Geschlechtes, ich stöberte an den Ständen diverser Verlage und ließ mich – mit großem Interesse – über den überraschenden Erfolg von Steampunk-Anthologien belehren, und so raste der Nachmittag und der frühe Abend in einem Affenzahn ohnegleichen an mir vorüber. Diesmal hatte ich keine eigene Lesung, weil ich auch kein neues Buch veröffentlicht hatte, und war nur als Redakteur einer Science-Fiction-Serie vor Ort.

Immerhin hatte ich damit auch einen Programmpunkt zu absolvieren, ging hinterher noch essen und fuhr später über die Autobahn in Richtung Süden. Der BuchmesseCon war 2018 erneut eine wunderbare Veranstaltung, bei der ich mir manchmal vorstelle, dass sie sogar mehrere Tage dauern könnte – aber dann wäre es nicht nur für die Veranstalter mehr Arbeit, sondern der außergewöhnliche Charakter wäre ebenfalls perdu.

Mein Dankeschön an die Veranstalter und ihr Engagement; das finde ich großartig. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf 2019!

13 Oktober 2018

Polizeisperren in Halle 4

Man bekommt, wenn man auf einer Buchmesse ist, verständlicherweise nur einen sehr kleinen Eindruck von dem mit, was in den vielen Messehallen los ist. So wusste ich beispielsweise, dass rechtsradikale Verlage mit Ständen vor Ort sein würden, und ich hatte auch gehört, dass Politiker von rechtsradikalen Parteien auf die Messe kommen würden – aber ich sah und hörte davon eigentlich nichts. Wenn ich in meiner Science-Fiction-Filterblase unterwegs bin, habe ich ohnehin genügend zu tun ...

Als ich am Samstagmittag in die Halle 4.1 wollte, wurde es seltsam. Ich ging über den Hof, genoss die Sonne und betrat die Halle 4.0 an der Stelle, wo die großen Rolltreppen sind. Eine Traube von Menschen füllte den Innenraum aus, kaum jemand kam mehr vorwärts oder rückwärts.

Polizisten in »Riot-Cop«-Ausrüstung standen vor den Zugängen zur Rolltreppe und sperrten diese ab. Das zentrale Element der Halle 4, über das die Stockwerke verbunden sind, war auf einmal eine Sperrzone. Die meisten Menschen wussten nicht, was los war – vor allem Ausländer waren sichtbar verwirrt angesichts der Präsenz der Polizei –, und irrten ein wenig herum.

Ich fragte einige Leute, ob sie wüssten, was los sei. Einer meinte dann, »der Höcke ist da«, aber das war auch eher eine Vermutung als eine Tatsache. Wie sich was weiter entwickelte, bekam ich nicht mehr mit. Ich ging zur Treppe – auch die Fahrstühle waren allesamt gesperrt –, die eigentlich nur für Notfälle gedacht ist, und eilte diese hoch.

Auch im Treppenhaus standen Polizisten in Ausrüstung, ließen mich aber passieren. So kam ich dann doch in die Halle 4.1, wo aber die anderen Personen meines Termins mit einiger Verspätung eintrafen. Und auch dort herrschte eher Verwirrung vor. In meiner Wahrnehmung sorgten die bewaffneten Polizisten also nicht gerade für ein Gefühl der Sicherheit ...

12 Oktober 2018

Wandeln in fremden Hallen ...

Wenn ich früher den normalen Dienst am Messestand unseres Verlages absolvierte, klagte ich gern darüber, dass ich keine Zeit hätte, durch andere Hallen zu bummeln. Dabei gäbe es dort so vieles zu entdecken und zu bestaunen. Es klappte praktisch nie – für mich bestand die Buchmesse im Wesentlichen aus der Halle, in der wir unseren Stand hatten.

An diesem Freitag, 12. Oktober 2018, ergab es sich auf einmal, dass ich ein »Loch« in meinem Terminplan hatte. Ich bummelte durch die Sonne, ich aß gemütlich zu Mittag, und ich beschloss, mir die Halle mit den ausländischen Verlagen anzuschauen. Und das war wieder einmal eine Reise in eine ganz andere Welt.

Verlage aus den USA und aus Kanada, aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und aus Saudi-Arabien, Verlage aus – buchstäblich – aller Herren Länder: Es war ein Spaziergang zwischen den unterschiedlichsten Kulturen, und das manifestiert sich eben auch in der Gestaltung von Titelbildern oder Messeständen. Da ist ein Stand eben mal quietschebunt, ein anderer präsentiert sich nüchtern und zurückhaltend.

In solchen Minuten geht der »Privat-Klaus« auf Reisen. Ich kann die Bücher, die von diesen Verlagen ausgestellt werden, zum größten Teil nicht lesen. Aber es ist ein bereicherndes Vergnügen, sie zu betrachten, auch mal zur Hand zu nehmen und durchzublättern. Allein dafür hat sich der Besuch der Buchmesse gelohnt ...

11 Oktober 2018

Bei Sonne in die Halle

Ich bin sehr froh, einen Beruf gewählt zu haben, der meinen Interessen entspricht: Da kann ich viel Zeit mit dem Lesen und dem Schreiben von phantastischer Literatur im weitesten Sinn verbringen. Und ich kann auf Buchmessen fahren, bei denen ich dann Leute treffen, die ähnlichen Interessen wie ich folge. So auch in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse.

Wobei es schon hart ist: Im Hof zwischen den Messehallen herrschen sommerliche Temperaturen, die Sonne knallt auf den Platz herunter, und mit dem Anzug komme ich mir vor, als sei ich zu warm angezogen. Viel schöner wäre es, mit einem Buch in der Hand gemütlich auf dem Platz zu sitzen, zu lesen und zu dösen. Das entspräche auch eher dem Sinn und Zweck einer Buchmesse.

Aber gut: Wir sind ja nicht zum Spaß hier. An diesem Donnerstagmorgen, 11. Oktober 2018, fuhr ich mit der Bahn nach Frankfurt; es klappte alles recht gut, und der Zug hatte nur 28 Minuten Verspätung. Den Fußweg vom Bahnhof zur Messehalle genoss ich, die Taschenkontrollen waren absurd kurz – ich hätte wahrscheinlich eine Maschinenpistole einschmuggeln können, und es wäre niemandem aufgefallen.

Und dann ging es gleich ins Getümmel. Ich traf Bekannte, die ich mochte, und ich wich Leuten aus, die ich kannte, die ich aber nicht treffen wollte. Und ich hatte auch gleich den ersten Termin, wenngleich der zur Hälfte aus »privatem Gelaber« bestand und eher mit Musik und tiefhängenden Gitarren zu tun hatte. So muss es sein!

10 Oktober 2018

Ein paar Gedanken zur Werbewirkung

Zu den Dingen, die ich im Verlauf der Jahre gelernt habe, zählt eines: Glaube keiner Aussage in Sachen Werbewirksamkeit – man kann das alles nicht vernünftig messen. Dazu zählt auch der Wert von Kampagnen im Umfeld von Social Media, über die ja immer wieder diskutiert wird.

Als ich in den frühen 80er-Jahren in einem Supermarkt jobbte, waren manche Aktionen klar messbar: Räumte man Ware an spezielle Positionen – etwa am Rand des Ganges –, verkaufte sie sich besser. Änderte man das Licht im Obst-und-Gemüse-Bereich, verkaufte man dort mehr. Machte man die Butter so billig, dass man sie zum Einkaufspreis anbot, kamen die Leute in Scharen und machten den Einkaufswagen nicht nur mit Butter, sondern vor allem mit den normalpreisigen Produkten voll.

Das war und ist sofort messbar. Am Abend sieht man anhand der Kassen, was man mehr verkauft hat. So einfach und so klar.

Der Wert von Bauzaun-Plakataktionen – in den 80er-Jahren der absolute Hit – oder von umfangreichen Facebook-Kampagnen, was einem heute stets empfohlen wird, ist allerdings nicht zu messen. Ich finde Kampagnen in Sozialen Netzwerken dennoch gut, weil ich da immerhin sehen kann, wie viele Besucher ich hatte. Bei einer Anzeige, die ich in einer Zeitschrift schalte, kann ich das nicht seriös feststellen.

Ich habe auf der Internet-Seite der Zeitschrift »Horizont« ein spannedes Interview gelesen, das mit Julia Scheel geführt worden ist. Sie ist Geschäftsführerin der Gesellschaft für integrierte Kommunikationsforschung (GiK), arbeitet für den Burda-Konzern und steht natürlich auf Kampagnen, die in gedruckten Medien ablaufen.

Sie sagt, Werbung in einem gedruckten Medium – etwa einer Zeitschrift – gelte als viermal glaubwürdiger und dreimal so kaufanregend wie in Social Media. Sie misstraut den grundsätzlichen Aussagen von Facebook und Google, weil sie diese als Aussagen aus einer Black Box betrachtet. Ein Verlag könne schließlich eine gedruckte Ausgabe präsentieren, das könne man belegen.

Das Interview halte ich für spannend und lesenswert, auch wenn ich denke, dass »Anzeigen« in Sozialen Medien sehr wohl etwas bringen. Ich kann Menschen erreichen, die ich sonst nicht mehr erwische, und ich kann mein Anliegen so verbreiten, wie ich es für richig halte. Das kann ich mit einer statischen Anzeige kaum.

Warum ich mir darüber Gedanken mache? Natürlich aus »fachlichen« Gründen; ich muss ja rein beruflich immer mal wieder über einen Werbe- und Marketing-Etat diskutieren. Aber auch aus privaten Gründen: Mich interessiert einfach, ob und wie jemand wie ich beispielsweise mehr von seinen eigenen Büchern verkaufen könnte ...

09 Oktober 2018

Monsteralarm in Paris und in den Alpen

Wollte man die Geschichten von »John Sinclair« verfilmen, müsste man echt sehr viel Geld ausgeben – allein schon für die Kulissen. Das merkte ich, als ich nacheinander die Folgen 90 und 91 der Hörspielserie anhörte; die beiden bilden eine Doppelfolge, inklusive eines Cliffhangers, und man muss sie als dramaturgische Einheit behandeln.

Der erste Teil hat den dramatischen Titel »Belphégors Rückkehr« und beginnt in Paris. Vor der beeindruckenden Kulisse des Montmatre kommt es zu dramatischen Ereignissen: Ein Mann verbrennt von innen, die Kirchenkuppel wird gespalten. Mit dabei ist eine Wahrsagerin, die mit irgendwelchen magischen Dingen zu tun hat.

Es wird klar, dass ausgerechnet in Paris irgendwelche Höllenmächte ihr schreckliches Regime errichten wollen – ein knalliger Endkampf beginnt dann auf dem Eiffelturm. Wo auch sonst? Allerlei Bösewichte geben sich ein Stelldichein, die Polizei fliegt mit einem Hubschrauber hektische Einsätze ...

Der zweite Teil spielt vor allem in den Alpen, unweit des Mont-Blanc-Massivs. Im Hörspiel mit dem schönen Titel »Der Höllenwurm« werden dann alle möglichen Mythen verwurstet. Die Großen Alten von Atlantis werden erwähnt, die geheimnisvolle Lady X spielt ebenso eine Rolle wie der Herr der Zombies und der Kaiser der Vampira, Erdgeister und der titelgebende Höllenwurm.

Auf der Seite der Guten tauchen dann die Geisterjäger John Sinclair und Suko auf, dazu kommen die eingangs erwähnte Wahrsagerin sowie ein Eiserner Engel. Für viel Krachbumm ist also ebenso gesorgt wie für viele mythische Berichte. Das Problem dabei: Wenn so viele Gegner auftauchen, wird das nicht spannend oder gar gruselig, sondern zu einer Nummern-Show mit viel Gebrüll und noch mehr Zufällen.

Ich könnte jetzt und an dieser Stelle einen längeren Text darüber schreiben, ab wann ich etwas gruselig finde. Aber ich hatte nur als ganz junger Jugendlicher bei der Lektüre von »John Sinclair«-Heften und anderen Romanheften irgendwie Angst; später fand ich ihren Inhalt eher albern.

Bei den Hörspielen mag ich die Abfolge von schnellen Dialogen, erklärenden Sequenzen, den übergreifenden Zusammenhängen und den toll gemachten Geräuschen. Das ist nicht hochgeistig, macht aber Spaß.

Wobei ich die in diesen zwei Hörspielen aufgebotene Anzahl von Monsterwesen keine Sekunde lang ernstnehmen konnte– der Denglisch-Begriff von »too much« war hier absolut zutreffend. Das können die Hörspielmacher allerdings nicht ändern; so ist die Serie eben. Und sie findet seit vielen Jahren ihre Fans.

Comet Gain machen herzzerreißenden Pop

Dass es immer noch richtig schönen IndiePop gibt – fast ein wenig zu schön, fast ein wenig zu poppig –, der von der Insel kommt, erfreut mich oft. In diesem Fall ist es eine Band namens Comet Gain, die schon seit 1992 in wechselnder Besetzung existiert, von der ich aber bislang trotz mehrerer Tonträger nichts mitbekommen habe. (Eigentlich ist es immer nur David Feck, der sich wechselnde Musiker sucht.)

Ganz neu ist eine Single der Band, die es nicht nur digital gibt (was für mich nach wie vor nicht so viel wert ist), sondern auch als Vinyl-Single. Sowohl das Titelstück »If Not Tomorrow« als auch die B-Seite mit »I Was More Of A Mess Then« gefallen mir sehr gut: Sie sind sehr melodisch, die Gitarren schrammeln trotzdem ordentlich, und die Sängerin hat eine hohe, aber sehr treffende Stimme.

Manchmal erinnert mich das, was die Band so macht, an die Musik, die zu Beginn der 90er-Jahre auf Sarah Records veröffentlicht worden ist. Das kann ich mir nicht jeden Tag anhören – bei Comet Gain aus London funktioniert es auf jeden Fall. (Laut Plattenfirma soll eine »große« Platte im Jahr 2019 kommen. Danach sollte ich wohl mal Ausschau halten.)

08 Oktober 2018

Der gute Geist zum fünfzehnten Mal

Wie kritisch kann ich zu der Szene sein, der ich mich jahre- und jahrzehntelang verbunden fühlte? Das frage ich mich immer wieder, wenn ich meine Fortsetzungsgeschichte für das OX-Fanzine schreibe. In der aktuellen Ausgabe 140 bin ich mit der fünfzehnten Fortsetzung meines Romans »Der gute Geist des Rock'n'Roll« vertreten.

Wieder einmal verarbeite ich biografische Elemente, wie ich das seit Anfang meiner »Peter Pank«-Romane mache. In diesem Fall geht's um Konfrontationen mit der eigenen Szene, die mir in den 90er-Jahren häufig unterliefen: Wenn die politischen Punks zu politisch waren, konnte ich damit nicht viel anfangen. Und mit den »verasselten« Straßenpunks hatte ich meiner Ansicht auch nichts gemein.

(Die Folge war ja, dass wir uns als »Disco Punx Karlsruhe« verstanden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die mit meinem Roman nichts zu tun hat.)

In diesem Roman kommt das zum Tragen. Die aktuelle Folge spielt im Sommer 1996 – wie der gesamte Roman – und vor dem Eingang eines besetzten Hauses. Der häufig betrunkene Held möchte das tun, was er gern tut: ein Bier trinken, vielleicht auch mehr. Dass aus dem Keller irgendwelcher Elektro-Krach dröhnt, interessiert da viel weniger. Aber vielleicht interessiert die Leser heute, wie unsereins solche Konfrontationen vor über zwanzig Jahren empfunden hat …

07 Oktober 2018

Für immer in Pop zur Hälfte

Man kann nicht behaupten, dass Martin Büsser und ich beim ZAP zusammengearbeitet haben. Wir schrieben für das gleiche Blatt: er die eher anspruchsvollen Artikel über Musik, ich eher erlebnisorientierte Berichte über Musik und Demonstrationen. Lese ich aber die Texte, die er für das ZAP und andere Zeitschriften verfasst hat, nach all den Jahren wieder, merke ich erst so richtig, was für ein schlauer Kopf er war.

Im Ventil-Verlag erschien zum Jahresanfang das Sachbuch »Für immer in Pop«, das zahlreiche Texte des Autors, Journalisten und Herausgebers enthält. Ich lese es stückchenweise, immer mal wieder einen Artikel oder einen kürzeren Text. Deshalb wird es zu einer kompletten Rezension noch eine Weile dauern – sicher ist, dass es sich um ein Sachbuch handelt, bei dem ich die potenzielle Zielgruppe bin und das sicher für alle Menschen lesenswert ist, die sich für Pop und Punk im weitesten Sinne interessieren.

Wenn sich Martin Büsser über Nirvana oder Exploited ausließ, kann ich das immer nachvollziehen. Oft schrieb er über Bands und Musiker, von denen ich noch nie gehört habe – das zeichnete seine Schreibe schon in den späten 80er-Jahren aus. Manchmal macht mich das neugierig, manchmal denke ich eher »Och nö«, und insgesamt fühle ich mich durch solche Texte bereichert.

Zu großer Form lief er immer auf, wenn er einen längeren Text liefern konnte. Oft bezog er sich auf Punk, auch wenn er – wenn ich mich recht erinnere – nie punkrockig im engeren Sinne aussah. Seine Texte waren vom Punk beeinflusst, und wenn er über neue Musik schrieb, bezog er sich immer wieder auf Punk.

So ist das Buch, von dem ich bislang die Hälfte gelesen habe, eine Fundgrube für interessante Texte. Man muss sich für Popmusik im weiteren Sinne begeistern können, man muss ein Vergnügen daran haben, über Musik und Texte nachzudenken. Dann ist »Für immer in Pop« super, und ich freue mich auf die zweite Hälfte der Textsammlung.

06 Oktober 2018

Das Jahresprogramm der Akademie

Dass ich die Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel schätze, habe ich schon oft genug geschrieben. Als Dozent war ich an dieser Akademie einige Male tätig, als Besucher war ich immerhin bei einer Tagung dabei. Ich würde öfter nach Wolfenbüttel fahren, wenn es zeitlich ginge – es gibt viele Seminare und Angebote, die ich spannend finde.

Dieser Tage wurde ich darüber informiert, dass das Jahresprogramm 2019 online zu finden ist. In allen sechs Programmbereichen gibt es Tagungen und Seminare sowie viele andere Angebote. Leider gibt es kein gedrucktes Programm mehr, was ich sehr bedauere – ich habe immer gern darin geblättert und gestöbert –, aber nachvollziehen kann.

Ich kann Leuten, die sich weiterbilden wollen, die Akademie nur empfehlen. Das gilt für Literatur und Bildende Kunst ebenso wie für Musik und andere Bereiche. Aber das kann jeder Mensch auch selbst herausfinden. Das Stöbern im Programm lohnt sich auf jeden Fall!

05 Oktober 2018

Das Beziehungsgeflecht um einen Cop

Der Polizist Jesse Stone ist ein ungewöhnlicher Cop: Er hat einen moralischen Kompass, der ihn leitet, auch wenn er selbst voller Fehler und Komplexe steckt. Wenn er also mitbekommt, dass sich eine Lehrerin aus der gehobenen Schicht gegenüber ihren Schülerinnen nicht korrekt verhalten hat, ist das für ihn ein »Fall«. Dann stört es ihn nicht, dass ihn ein wichtiger Rechtsanwalt oder sogar einflussreiche Leute aus dem Stadtrat dazu bewegen wollen, das Thema fallen zu lassen.

Selbst ist Jesse Stone recht locker, was den Sex mit wechselnden Partnern angeht. Als er aber erfährt, dass Kinder zu unfreiwilligen Zeugen von Swinger-Partys werden, interessiert ihn das ebenfalls. Als zu allem Überfluss auch noch ein »Spanner« nachts durch die kleine Stadt Paradise zieht, der Frauen beobachtet oder bedrängt, hat Stone damit immerhin einen echten Fall.

Ich liebe die Romane von Robert B. Parker. Bei »Verfolgt in Paradise« bricht der Autor mit mehreren Regeln, die ansonsten für Krimis gelten. So gibt es keinen Mord, und die Fälle haben vor allem mit sexueller Belästigung zu tun und würden für viele Leute nur als Bagatelle gelten. (Die betroffenen Kinder und Frauen dürften das anders sehen.) Der Autor zeigt aber, wie sein Held ermittelt und wie er versucht, die Verbindungen zwischen den einzelnen Fällen herzustellen.

Es gibt die üblichen lakonischen Dialoge, die alle Romane von Robert B. Parker auszeichnen, diesmal bekommen die Beziehungen und Gefühle aber einen weiteren Raum als üblich. Der Held ist ein Trinker, und er muss versuchen, mit dem Alkohol umzugehen oder ihn sich ganz abzugewöhnen. Er will sich keine Schwächen eingestehen, und seine größte Schwäche ist seine Ex-Frau, zu der er sich immer noch hingezogen fühlt.

Damit entsteht eine ganz andere Art von Spannung, als man sie sonst in Krimis kennt. Klar gibt es auch ein wenig Action, und der Autor schildert die übliche Ermittlungsarbeit – aber ich fand die Beziehungen diesmal am interessantesten.

»Verfolgt in Paradise« ist ein typischer Parker-Roman, der alle Elemente enthält, die ich an den anderen Werken dieses Autors schätze. Doch sein gewisses Etwas zeichnet ihn ganz besonders aus. Spannend!

04 Oktober 2018

Ecrasez l'Infame

Franz Rottensteiner war vor allem in den 70er- und 80er-Jahren einer der Herausgeber und Lektoren, die dafür sorgten, dass die phantastische Literatur im deutschsprachigen Raum an Bedeutung gewann. Er präsentierte im seriösen Suhrkamp-Verlag Autoren aus einem breiten Spektrum der Phantastik, die er in schönen Taschenbüchern sowohl den Literatur-Snobs als auch den Science-Fiction- und Fantasy-Fans nahebrachte. Zusammen mit Walter Ernsting und Wolfgang Jeschke dürfte er zu den Leuten gehören, die meinen Literaturgeschmack prägten.

Aber er fing – wie viele andere seiner Generation – damit an, dass er Fanzines veröffentlichte. Das war in den späten 50er- und frühen 60er-Jahren kaum anders möglichen. Heutigen Zeitgenossen kann man das ja kaum erklären.

Dieser Tage hielt ich die fünfte Ausgabe seines »Ecrasez l'Infame« in den Händen, das im Rahmen einer sogenannten APA erschienen war. Im Dezember 1964 kam es heraus, und es war für die damalige Zeit sehr typisch aufgemacht: Der spätere Herausgeber und Lektor ging auf die Aussagen von anderen Fans ein, stellte seine Meinung zu aktuellen Themen dar und plauderte über seine »Entwicklung im Fandom«. Jahrelang hatte er sich – bis zu dieser Zeit – auf Distanz zur Szene gehalten und keinerlei Freundschaften gepflegt.

Manches von dem, was er in seiner Biografie schreibt, veränderte sich nicht; das hätte ich auch über mich schreiben können: »Meine Eltern wußten beispielsweise auch nie, was ich las, und es kümmerte sie auch nicht; genauso habe ich auch nie über schulische Dinge gesprochen.« Viele Dinge in diesem sieben Seiten umfassenden, per Umdruck hergestellten Fanzines kann ich also nachvollziehen, obwohl ich zu der Zeit, als es verfasst wurde, gerade einmal ein Jahr alt war. Schon interessant …

02 Oktober 2018

Fernsehen bei der Tante

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Ob sie Christiane oder Christine hieß, weiß ich gar nicht mehr. Bei uns Kindern hieß sie im breiten Dialekt unseres Dorfes einfach »Dande Krischdee«, sie war eine entfernte Verwandte, die nur drei Häuser von dem unseren entfernt wohnte. Sie hatte einen Fernseher, im Gegensatz zu uns, und ab und zu saßen meine Schwester und ich bei der Tante, um zu schauen, was sich in der schwarzweiß flimmernden Welt des Fernsehprogramms tat.

Das behielten wir auch bei, als wir langsam älter wurden. Ich fing schon früh an, mich als Jugendlicher für die Nachrichten zu interessieren. Und so kam es durchaus vor, dass meine Schwester und ich bei der Dande Krischdee saßen, um die »tagesschau« anzugucken.

An dem einen Abend im Jahr 1980 war eine andere alte Frau anwesend, eine Nachbarin von der anderen Straßenseite. Wir fanden sie ein wenig unheimlich, weil sie einen leichten Kropf hatte und sich deshalb eine seltsame Sprechweise angewöhnt hatte. Jedes Wort kam gequetscht aus dem Mund, und wenn sie sprach, schwabbelte der geschwollene Hals hin und her. Sie hatte sich in einem Sessel niedergelassen, trank ein Glas Likör und starrte auf den Fernseher.

Meine Schwester und ich saßen auf Stühlen, während Dande Krischdee ebenfalls einen Sessel eingenommen hatte. Durch die Fenster sahen wir hinaus ins Freie, ab und zu fuhr ein Auto auf der Dorfstraße vorbei.

Die Nachrichten flimmerten in Schwarzweiß vorbei. Es ging um die aktuelle Politik, um Politiker wie Schmidt und Brandt. Und dann kam Franz-Josef Strauß ins Bild, polternd und maulend wie so oft, mit einem Deutsch, das stark Bayerisch eingefärbt war.

Und die Nachbarin beugte sich nach vorne, das Gesicht auf einmal verzückt. Mit einem strahlenden Lächeln und einer Stimme voller Andacht sagte sie: »Unser Führer.«

Wie es dann weiterging, weiß ich nicht mehr. Aber diesen Gesichtsausdruck und diese Wörter – die sollte ich in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr vergessen.

01 Oktober 2018

Ein Abend im Culinarium

Das Restaurant »Culinarium« kannte ich bereits, ich hatte dort einmal gegessen, als es sich noch in Ettlingen befunden hatte. Mittlerweile ist das Restaurant nach Grötzingen umgezogen, einen Teilort meiner Heimatstadt. Im ältesten Haus des gesamten Landkreises bietet das Restaurant heute seine französische Küche an.

Das Gebäude, das Kopfsteinpflaster, die schmale Treppe nach oben, das Fachwerk, die Möbel aus altem Holz – wer es mag, in einem klassisch wirkenden Haus zu speisen, ist beim »Culinarium« auf jeden Fall an der richtigen Stelle. Die Speisekarte war auf einer Tafel angeschrieben, in schöner Handschrift, und zu meiner großen Erleichterung gab es auch etwas ohne tote Tiere.

Wir bestellten Weine – sie sind meist aus der Region, also aus Baden oder dem Elsass – und das Essen. Preislich war das alles in Ordnung, für ein Drei-Gang-Menü wurden 39 Euro veranschlagt, was ich bei der gebotenen Qualität für völlig in Ordnung halte. Wenn man schon mal ein wenig »feiner futtern« geht, sind das alles keine überzogenen Preise.

Die Weine waren gut, die Beratung empfand ich als brauchbar. Weil ich der Fahrer war, blieb es bei einem leichten Pinot Gris. Bei den eigentlichen Gerichten kamen sowohl der Vegetarier als auch die Fleisch- und Fisch-Fraktionen auf ihre Kosten. Wir waren hinterher pappsatt – die Desserts hatten einiges »Volumen« und ich hatte mich dummerweise für ein Schokotörtchen entschieden – und in positiver Stimmung.

Sehr schön! Schon jetzt kann ich sagen: Wir kommen wieder!

29 September 2018

Neurotic Arseholes in Waiblingen

Aus der Serie »Ein Bild und eine Geschichte«

Ab der Mitte der 80er-Jahre fotografierte ich oft. Nicht unbedingt gut, aber häufig. Ich hatte meine Kamera bei meiner Radtour in Westafrika dabei, und ich schleppte sie auf Punk-Konzerte mit. Viele Fotos sind verschollen, andere haben sich verändert.

Im Herbst 1989 brachen die Neurotic Arseholes noch einmal zu einer Tour durch Deutschland auf. Ich verehrte die Band geradezu für ihre Musik und ihre Texte, und natürlich war ich in Waiblingen dabei, als sie ihr allerletztes Konzert spielte. (Später gab es noch mal einzelne Auftritte in Hannover. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Einige hundert Leute drängten sich in dem kleinen Jugendzentrum. Vor der Bühne war der Teufel los, man konnte nicht umfallen, und trotzdem wurde heftig gepogt. Im Vorraum, auf der Treppe zum Obergeschoss, im Café – überall waren Leute, die mitsangen und hüpften. Eigentlich muss man sich im Nachhinein wundern, dass das Gebäude nicht in sich zusammenbrach.

Und natürlich herrschte ein unglaublicher Nebel in dem Raum. Kein Wunder, wenn sich so viele Leute heftig bewegen. Es tropfte von der Decke, und die Mischung aus Bier und Schweiß erfüllte die Räumlichkeiten. Das Bild, das ich von der Band gemacht habe, gibt diesen Eindruck nur ansatzweise wieder ...

28 September 2018

Abwechslungsreiches Science-Fiction-Fanzine

Seit den späten 70er-Jahren ist der schwedische Science-Fiction-Fan Wolf von Witting aktiv: Er schreibt und reist, er veröffentlicht Fanzines und besucht Cons. Mit seinem Fanzine »Counter Clock« hat er es geschafft, einen Egozine-Charakter beizubehalten, obwohl er das Heft längst nicht mehr allein gestaltet. Die aktuelle Ausgabe 33 belegt das sehr schön!

Auf den 44 Seiten im A4-Format schreibt der Herausgeber selbst über Helden und ihre Rollenmodelle in der Literatur und im Comic. Einen großen Teil nehmen Berichte über Cons ein: So wird beispielsweise der EuroCon sehr ausführlich beleuchtet, der in diesem Jahr im französischen Amiens stattfand; Fotos und Texte zeugen von einer interessanten Veranstaltung.

Den Ausblick auf den EuroCon 2020 mochte ich ebenfalls: Er wird in der kroatischen Stadt Rijeka stattfinden. (Als der EuroCon 1992 in der kroatischen Stadt Zagreb veranstaltet werden sollte, sagten die Organisatoren damals mit der Bemerkung ab, sie würden den entsprechenden Brief aus einem Bombenkeller schreiben. Eine Gruppe engagierter Fans, darunter ich, veranstalteten dann den EuroCon in Freudenstadt.)

Darüber hinaus liefert Wolf von Witting eine Reihe von kürzeren Texten und Anmerkungen, die insgesamt einen bunten Reigen an Bildern und Geschichten ergeben. Gefreut habe ich mich darüber, dass ich ebenfalls erwähnt wurde – positiv immerhin!

Insgesamt ist das englischsprachige Fanzine ein wunderbares Beispiel dafür, wie die internationale Science-Fiction-Szene funktioniert. Es ist unterhaltsam und informativ, es hat einen schönen Humor und unterhält jederzeit gut. »Counter Clock« macht auch mit der Ausgabe 33 viel Spaß!

Wichtig: Das Fanzine ist kostenlos; man bekommt es über die Internet-Seite der efanzines, dort kann man es herunterladen oder digital lesen. Sehr praktisch!

27 September 2018

Der Besuch aus Istanbul

Ich bin alles andere als ein Experte für die Türkei. In dem Land machte ich zweimal Urlaub, beides Mal war es nur eine Pauschalreise. Da bekommt man nicht viel mit, auch wenn man mit dem Rad den einen oder anderen Tagesausflug in nahe gelegene Dörfer übernimmt.

Wegen der politischen Veränderungen in der Türkei, die sich in den vergangenen Jahren vollzogen haben, möchte ich keinen Urlaub mehr in diesem Land machen. Dabei wollte ich unbedingt mal eine Woche in Istanbul verbringen, wollte ich auch gerne mal quer durchs Land reisen – die Menschen dort fand ich offen und freundlich. Aber derzeit möchte ich in diesem Land ebensowenig urlauben wie beispielsweise in Russland.

Seit heute besucht nun Recep Tayyip Erdogan das Land, in dem ich lebe. Es gibt Menschen, die protestieren gegen ihn – und mit ihren Argumenten haben sie zumeist recht. Ich finde es trotzdem richtig, dass ihn die Bundesregierung mit allem Brimborium empfängt: Er ist gewählter Präsident eines Landes, mit dem unser Staat sehr eng verbunden ist.

(Wir brauchen jetzt nicht über die Umstände seiner Wahl zu diskutieren, auch nicht über die Pressefreiheit in der Türkei und dergleichen. Das weiß ich alles. Und mir ist bewusst, dass die Bundesregierung vor allem aus zynischen Gründen mit Erdogan spricht. Wegen der Flüchtlinge.)

Als Privatperson kann ich mich zurücklehnen und kann einfach »nö« sagen. »Nö« zur Türkei und ihrer Politik, »nö« ist meine Entscheidung, das Land zu besuchen. Ich habe es einfach, ich kann auch gegen die Politik protestieren, die von der Türkei betrieben wird.

Als Regierung habe ich diese Wahl nicht. Die Bundesregierung muss sich mit Erdogan und seiner Politik auseinandersetzen, sie muss mit ihm reden. Was wäre denn die ernsthafte Alternative? Alle Brücken zur Türkei abbrechen, dem türkischen Pseudo-Sultan die Einreise verweigern, gar den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes anstreben? Deshalb finde ich den Ansatz richtig, mit Erdogan zu sprechen und im direkten Gespräch zu versuchen, etwas ins Positive zu ändern.

26 September 2018

Skurrile Phantastik-Mixtur

Was für eine schöne Idee: Der amerikanische Schriftsteller Philip José Farmer, dessen Romane ich in den 80er-Jahren sehr gern las, verbindet in einem Roman den Mythos um Sherlock Holmes mit den Geschichten um Tarzan. Ich mag so etwas ja, nicht jeden Tag, aber immer mal wieder.

Deshalb dauerte es auch seine Zeit, bis ich den Roman »Sherlock Holmes und die Legende von Greystoke« endlich lesen konnte. Erschienen ist er bereits vor einigen Jahren im kleinen Atlantis-Verlag. Ich habe mich bei der Lektüre des schon in den 60er-Jahren verfassten Kurzromans sehr amüsiert.

Zum Inhalt nur so viel: Sherlock Holmes und Dr. Watson sind zur Handlungszeit bereits Pensionäre und haben kein Interesse mehr daran, sich mit Mord und Todschlag zu beschäftigen. Doch weil der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist, braucht das Empire dringend ihre Dienste. Die beiden alten Recken müssen nach Afrika aufbrechen – wo sie über dem Dschungel abstürzen. Dort treffen sie dann Tarzan ... wen sonst?

Seien wir realistisch: Viele Details dieses Romans werden einem Leser nur klar, wenn er schon einmal vom Mythos des Wold-Newton-Kometen gehört hat. Nicht bekannt? Dann wird's jetzt knifflig.

Dieser Komet ging 1795 in einem bestimmten englischen Dorf nieder und veränderte die Anwohner. Die Nachkommen der Dorfbewohner verstreuten sich in alle Welt. Von ihnen leiten sich praktisch alle Helden der Unterhaltungsindustrie her, vor allem aus der frühen Ära der Pulp-Geschichten.

Die Weltenforscher Allan Quatermain und Professor Challenger gehören ebenso dazu wie der Detektiv Philip Marlowe und der Geheimagent James Bond, der französische Kriminalist Arsène Lupin oder der Ermittler Nero Wolfe. Wer das jetzt nicht versteht, möge den entsprechenen Wikipedia-Artikel lesen, wird aber dann auch Probleme mit dem hier vorgestellten Roman haben.

Denn leider helfen das Nachwort von Win Scott Eckert und das Vorwort von Christian Endres nur bedingt weiter. Dem »normalen« Leser bleibt so eine eher abstruse Geschichte mit Sherlock Holmes und Tarzan, die sich nur mühsam in bisherige Serienkonzepte einbinden lässt. Für Fans von Genregeschichten, die »über« den eigentlichen Genres stehen, ist das ziemlich klasse; die meisten Leser dürfte das ratlos zurücklassen.

Also ... von mir nur eine eingeschränkte Empfehlung: Wer den Roman lesen mag, muss unbedingt auch das Vor- und Nachwort lesen. Sonst ist er oder sie verloren ...
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Broilers machen guten Stadion-Rock

Die Geschichte der Broilers verfolge ich schon lang, seit ich Mitte der 90er-Jahre die erste EP der Band aus Düsseldorf gekauft habe. Damals war das, was die Jungs machen, vor allem schrammeliger Oi!-Punk, allerdings ohne jeglichen Ausrutscher in politische Peinlichkeiten.

Das ist natürlich heute alles ganz anders – und die Platte »sic!« belegt das hervorragend. Ich habe die Vinylscheibe gekauft, da liegt erfreulicherweise eh eine CD fürs Auto dabei.

Klar ist das, was die Band heute macht, immer noch irgendwie Punkrock – aber halt wuchtig und kommerziell produziert und immer auf den Punkt gebracht. Die Stücke knallen, sie haben starke Refrains in deutscher Sprache, bei denen man schnell mitsingen kann, die vor allem dazu einladen, bei einem großen Konzert mit anderen Leuten zu hüpfen und zu singen. Im Prinzip macht die Band schon Stadion-Rock, und wer da mäkelt, das sei »doch alles kein richtiger Punk«, hat natürlich irgendwie recht.

Die Attitüde der Band ist immer noch recht punkig. Das sieht man an den Texten. In »Nur ein Land« oder »Keine Hymnen mehr« geht es durchaus um ernsthafte Themen, werden politisch-gesellschaftliche Themen in clevere Zeilen verpackt. Bei »Ihr da oben« wird das Thema Tod verhandelt, bei »Als alles begann« schaut man in die Vergangenheit.

Gelegentlich wird musikalisch mit dem Ska geliebäugelt, dann wieder plunkert die Gitarre fast liedermachermäßig – aber mehrheitlich herrschen Ohooo-Chöre, rhythmischer Sound und eine Mitmachmusik ersten Ranges vor. Die Platte ist irrsinnig gut produziert, mit mehrspurigen Gitarren und dergleichen; das hört sich wuchtig an und hat dadurch natürlich wenig »original Punk«.

Aber hey, was soll's? Die Broilers sind eine große Band geworden, und das haben sie sich verdient. Wer so auftritt und mit solchen Texten sowie solcher Musik die großen Hallen verdient, der muss anders spielen und texten. Das macht die Band gut, und somit ist die »sic!« eine richtig gute Rock-Punk-Scheibe mit viel Melodie und Wumms.

25 September 2018

Mitten im aktuellen Projekt

»Bis zum zehnten Oktober hast du Zeit«, sagte der strenge Verlagsmann zu mir, als wir telefonierten. Der strenge Verlagsmensch ist Klaus Farin, wir kennen uns seit einer halben Ewigkeit, und in seinem Verlag der Jugendkulturen wurden meine Bücher »Vielen Dank Peter Pank«, »Zwei Whisky mit Neumann« und »Chaos en France« veröffentlicht.

Seit einiger Zeit hat er den Hirnkost-Verlag unter seiner Ägide, die direkte Fortsetzung des vorherigen Verlages. Mit meiner Kurzgeschichtensammlung »Für immer Punk?« hat er allerdings einen Titel »eingekauft«, der nicht gerade Bestsellerchancen hat. Es gibt erfreulicherweise in dem Programm einige Bücher, die richtig gut laufen. (Und klar: Nicht alle davon gefallen mir.)

Derzeit arbeite ich an einem Buch, das im März 2019 erscheinen soll. Ich will noch nicht so viel über den Inhalt ausplaudern. Es ist kein Roman, und ich bin nicht der Autor. Geschrieben hat es ein Kumpel von mir, mit dem ich schon manches Bier an der Theke getrunken habe – er hat ein ereignisreiches Leben hinter sich, und seine Texte über seine Arbeit und dergleichen fand ich sehr spannend.

Aus den vielen Notizen und Texten entstand in Zusammenarbeit mit mir irgendwann ein Manuskript – ich kam leider nicht so rasch voran, wie er es sich vorgestellt hatte. Das schickte ich an den Hirnkost-Verlag, und dort wird es dann auch hoffentlich bald erscheinen.

Ich kämpfe in diesen Tagen mit der redigierten Version. Das Lektorat hat einiges gestrichen und geändert. Mit vielem kann ich leben – vor allem mit den Streichungen –, mit anderem nicht. Darüber muss man dann halt diskutieren, vielleicht sogar streiten.

Die aktuellen Fragen gehen sowieso in eine andere Richtung: Machen wir Illustrationen in das Buch rein? Wie vermarkten wir es? Und kann ich den Termin halten? Es bleibt spannend ...

24 September 2018

Auf Platz fünf der Liste

Kris lachte auf, als er mich sah. »Du bist auf der Liste!«, rief er mir entgegen, während ich die Räume des Autonomen Jugendzentrums in Mannheim betrat.

»Welche Liste?«, fragte ich verwirrt. Wahrscheinlich brauchte ich erst einmal ein Bier, um mich auf das Jugendzentrum einzulassen. Eigentlich wollte ich ein Punk-Konzert besuchen und vielleicht noch ein wenig Papierkram im Infoladen kaufen.

»Es gibt eine Liste, die von der Anti-Antifa zusammengestellt worden ist«, erzählte er mir. Man habe sie in dem seltsamen Humor der örtlichen Nazigruppierungen als »Werwolf-Liste« bezeichnet. Die Namen und Adressen der politischen Gegner waren darauf verzeichnet.

»Und du bist unter den ersten fünf Namen«, fügte er grinsend hin. »Der einzige aus Karlsruhe. Alle anderen sind aus Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen.« Er stieß mir den Ellbogen in die Seite. »Wenn sie ihre Terrorliste abarbeiten, bist du weit vorne.«

Ich sah diese Liste nie mit eigenen Augen, und ich erfuhr nie, warum ausgerechnet ich auf dieser Liste an so prominenter Liste auftauchte. Der »Kamerad«, der die Liste erstellt hatte, gehörte zu den aktiven Leuten der örtlichen Naziskin-Szene. Ich kannte seinen Namen, hatte ihn aber nie getroffen. Weder körperlich und auf der Straße noch bei sonst einer Gelegenheit.

Womöglich war mein Name nur auf der Liste aufgeführt, weil ich ein Fanzine herausbrachte, in dem es vor allem um Punkrock und auch ein wenig um Politik ging. In der ersten Hälfte der 90er-Jahre war es schließlich nicht so einfach, an die Daten von Menschen zu kommen wie in späteren Jahrzehnten …

Irgendwie war ich stolz darauf, dass die Nazis mich wichtig genug nahmen, um mich auf eine »Werwolf-Liste« zu setzen. Aber klammheimlich war ich froh darum, dass sie nicht meine aktuelle Adresse gelistet hatten, sondern eine, die bereits veraltet war. Lust auf glatzköpfigen Hausbesuch hatte ich nämlich keine.

22 September 2018

Weltmännischer Sound aus Bayern

Sie machen alles andere als Punk, sind eigentlich ideal für eine kommerzielle Laufbahn, kommen auf einer bayerischen Kleinstadt und gefallen mir echt gut: Das Sensational Skydrunk Heartbeat Orchestra gibt's seit 2005, die mittlerweile neun Musiker haben einen eigenen Stil zwischen Rock und Pop und Ska und Polka entwickelt, der nur gelegentlich ein wenig punkig klingt.

Seit den Nullerjahren wurden diverse Platten veröffentlicht, es gab haufenweise große Auftritte. Sehr schön ist die Ten-Inch-Platte aus dem Jahr 2012: »Tainted Love« war ein großer Hit von Soft Cell und wird hier zu einer furiosen Tanznummer; dazu kommen weitere drei Stücke, die ebenfalls gut sind, wenngleich sie nicht den Hit-Charakter aufweisen.

Das macht nichts: Ich fand die Ten-Inch sehr ansprechend, ließ mich von der Band verzaubern, mag sie auch in ihren poppigen und ruhigen Stücken sehr und bin sicher, dass sie live echt kracht.

21 September 2018

Ganz Zürich ist eine Party

An diesem Abend wollten wir uns Zürich von verschiedenen Seiten anschauen. Wir nahmen die Straßenbahn nach Zürich-West, stromerten durch das Schiffbaugelände, tranken dort ein Glas Wein, ließen uns von verschiedener Musik berieseln, sahen dann aber kein Restaurant, das uns zum Essen einlud. Also nahmen wir uns erneut die Bahn und fuhren mit der Linie 8 weiter.

An der Bäckeranlage hatten sich schon am späten Nachmittag die Leute getroffen; Bier und andere Getränke waren im Brunnen gekühlt worden. Dort sahen wir trotz der Dunkelheit schon viel Bewegung, hier ging offensichtlich bereits eine Party ab.

Wir stiegen am Paradeplatz aus und spazierten die Bahnhofstraße hinauf; überall waren gutgelaunte Leute unterwegs, war in der Fußgängerzone Musik zu hören. Wir steuerten das Haus Hiltl an, wo wir ein leckeres vegetarisches Abendessen zu uns nahmen. Als wir fertig waren, fingen die Kellner bereits an, das Restaurant in einen Club zu verwandeln.

Wir kamen hinaus auf die Füsslistraße, wo schon Dutzende junger Leute saßen. Laute Musik erklang, und die Leute sahen so aus, als wollten sie gleich zum Tanzen in den Club einfallen. Wir nahmen eine Bahn in Richtung See, die voller Jugendlicher war. Auch hier wummerte die Musik, wurde getrunken und gefeiert; es war sehr witzig.

Am Bürkliplatz stiegen wir aus und bummelten am See entlang. In der warmen Spätsommernacht waren überall Leute unterwegs. An einer Ecke Sees saßen Menschen mit Gitarre und sangen italienisch und laut dazu.

Wir spazierten weiter, erreichten den Opernplatz, der aussah wie eine Festwiese. Überall saßen junge Leute auf dem Boden oder auf vereinzelten Stühlen.

An der Haltestelle Bellevue spielte eine Jazz-Combo mitten auf dem Gehweg, Leute tanzten hinzu. In bester Laune ließen wir uns treiben, bis wir spät nachts irgendwann im Hotel ankamen.

»Ganz Zürich ist eine Party«, stellte ich abschließend fest und nahm mir vor, künftig allen Vorurteilen gegen ruhige und gelassene Schweizer massiv entgegenzutreten …

20 September 2018

Ein blondes Bier aus der schönen Weingegend

Es klingt verwirrend, aber wahr: Tours liegt an der Loire, mitten im Weinanbaugebiet der Touraine, wo ich teilweise richtig tolle Weine trinken konnte – und doch kommt von dort ein gutes Bier, das ich probierte und einkaufte und von dem ich bei Gelegenheit noch mehr kaufen werde. Es ist das Biere Loirette; ich habe unter anderem das Blonde probiert. Die Brasserie Pigeonelle scheint ein kleiner Laden zu sein, die Internet-Seite macht einen guten Eindruck.

Wer nur Pils oder Weizenbier mag und nicht nach links und rechts gucken möchte, wird vielleicht das Gesicht verziehen. Das »Loirette« schmeckt wie die Blondbiere, die ich in Belgien so gern trinke: ein wenig süß, sehr süffig, fast cremig, gut gekühlt sehr erfrischend. Wer sich nichts darunter vorstellen kann: Man nehme den süffigen Charakter von einem Guiness und vermenge ihn mit der Leichtigkeit des bayerischen Weißbiers.

So in etwa. Ich mag das »Loirette«; es war eine gute Idee, davon etwas nach Deutschland mitzubringen. Es war eine schlechte Idee, nicht mehr davon zu einem vernünftigen Preis in Tours zu kaufen, wo es herkommt.

19 September 2018

Absurde Zeiten im September

Wir leben in absurden Zeiten. Okay, das galt schon vor Jahrzehnten – die Zeiten waren schon immer bescheuert. Aber derzeit glaube ich manchmal, wenn ich das Radio anmache, ins Internet gehe oder eine Zeitung aufschlage, dass die politische Kaste in diesem Land komplett am Rad dreht.

Die Mieten steigen explosionsartig, die realen Löhne der Menschen gehen zurück, die Umweltbedingungen verschlechtern sich – und viele Menschen halten »Ausländer« im weitesten Sinne für die Verantwortlichen daran. Politiker äußern sich nicht mäßigend, sondern hetzen die Situation weiter auf. Und alle wundern sich, dass in dieser Situation ausgerechnet eine rechtsradikale Partei entsteht und immer mehr Stimmen kassiert.

Den Gipfel bildet in diesen Tagen die Diskussion um den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. Viele Experten finden, dass er seinem Amt nicht gewachsen ist, und viele fordern seinen Rücktritt. Stattdessen steigt er innerhalb der Regierung auf und wird künftig noch mehr Geld als vorher verdienen.

Wie will die Regierung ernsthaft den Bürgern klarmachen, dass das sinnvoll ist? Eigentlich müsste ein Sturm der Entrüstung durchs Land gehen. Aber wahrscheinlich ärgert man sich dann doch lieber über herumlungernde Jugendliche, die eine leere Bierdose über einen Platz kicken. Und die entsprechenden Medien schreiben lieber über »Sozialschmarotzer« und dergleichen ...

Ich will mich nicht aufregen, ich tu's trotzdem. Das Spiel ist so durchschaubar. Aber leider wird ja nichts besser davon, wenn ich mich aufrege. Wir leben halt in absurden Zeiten.

18 September 2018

Gegensätze, morgens um elf Uhr

Als ich das Gebäude der Post verließ, war es kurz nach elf Uhr. Die Sonne stand am Himmel, ein schöner Spätsommertag. Während ich zu meinem Fahrrad ging, rollte gerade ein recht protzig aussehendes Auto in den Hof. Der Lack in schwarz und in weiß glänzte im Licht, das Chrom hätte man als Spiegel benutzen können.

Ich schaute zu, wie das Auto einen Parkplatz ansteuerte und einparkte. Der Fahrer stieg aus, ein Mann mittleren Alters mit angegrauten Haaren, der eine Jacke im Militär-Stil und eine kunstvoll zerrissene Jeans anhatte. Irgendwie passte er nicht so recht zu dem Auto. Andererseits war eine »destroyed« Jeans ja teurer als eine normale Hose.

Als ich an der Karosse vorbeiradelte, schaute ich mir das Fahrzeug genaue ran. Es war ein Rolls-Royce. Ich überlegte kurz, ob ich so ein Auto eigentlich jemals bewusst und in »freier Wildbahn« gesehen hatte, dann fuhr ich weiter.

Außerhalb des Posthofes musste ich kurz anhalten. Ein junger Mann in T-Shirt und kurzer Hose, der ein wenig schmuddelig aussah, bückte sich gerade und hob etwas auf. In der Hand hielt er eine durchsichtige Plastiktüte. Ich sah, dass schon Dutzende von Zigarettenkippen darin lagen. Und das, was er eben dazu warf, war eine weitere Kippe.

Ich verkniff mir jeden Kommentar und steuerte die Straße in die Innenstadt an. In der Sonne von Karlsruhe war meine Laune an diesem Vormittag einfach zu gut.

17 September 2018

Der Fluch aus dem Dschungel

Wie passen ein Überfall mit Geiselnahme im London unserer Zeit zusammen mit einer Holzmaske, die aus Westafrika stammt und mit der Vergangenheit in Verbindung steckt? Das ist – ganz grob gefasst – die Frage, die sich bei dem Hörspiel »Der Fluch aus dem Dschungel« stellt.

Dabei handelt es sich um die Folge 26 der Serie »Sinclair Classics«, die auf dem gleichnamigen Gruselroman aus dem Jahr 1976 basiert. In einer – wie immer! – gut gemachten Bearbeitung durch Dennis Ehrhardt wird das Hörspiel zu einem erstaunlich spannenden Abenteuer.

Klar: Tiefschürfend ist die Geschichte nicht, das erwartet niemand. Es geht um eine Holzmaske, die in grauer Vergangenheit einem westafrikanischen Schamanen gehörte. In Amsterdam und London sorgt sie dafür, dass es Tote gibt; der Geisterjäger John Sinclair braucht alle Mittel und Wege, um die Gefahren durch die Maske in einem finalen Kampf auszuschalten.

Das ist spannend gemacht, vor allem sehr gut mit Geräuschen verarbeitet. Der Regen in London, der Überfall und die Geiselnahme mit aller Gewalt, sogar der Sprung in die Vergangenheit Westafrikas – wenn man sich auf die Story einlässt und die Logikbrüche einer Horror-Geschichte ignoriert, macht das Ganze richtig Spaß.

Faszinierend finde ich übrigens, wie es die »Sinclair Classics« schaffen, aus den einzelnen Heftromanen der 70er-Jahre einen Handlungsbogen zu schaffen, der sich über zahlreiche Hörspiele zieht. Jedes Hörspiel für sich bleibt dabei für sich verständlich; wer aber eine längere Geschichte mag, kommt hier doppelt auf seine Kosten.

Ich vermute, dass das ein Teil des Erfolges für diese Serie ist. Sie wird nicht nur wegen des klassischen Grusel-Charmes gekauft, nicht nur wegen der modern gemachten Geräuschkulisse, sondern eben auch wegen der zusätzlichen Handlungselemente, die in den 70er-Jahren so nie geplant worden sind.

Stuck In Traffic machen Uralt-Rock

Die Band nennt sich Stuck In Traffic, kommt aus Zug in der Schweiz, gründete sich 2012 und spielte mittlerweile in halb Europa. Mit einer klassischen Rock-Besetzung – vier Mann eben – ging man 2015 ins Studio und nahm eine Platte auf, die im Sommer 2016 erschien. Da ich einige Zeit brauchte, um in die CD reinzukommen, gibt es eben heute erst eine Besprechung.

Ich hatte meine Probleme mit der »Midnight Show«, so der Name der Platte. Für mich ist das altmodische Rock-Musik, die aus den 70er-Jahren stammen könnte, die irgendwie so knapp vor der Punkrock-Explosion modern war. Im Jahr 2016 fand ich das anfangs wenig vermittelbar für meine Ohren – dass so ein Sound heutzutage überhaupt noch gemacht wird, verwunderte mich. 2017 geht’s mir noch immer so.

Jeder Riff kommt mir bekannt vor, jede Liedzeile klingt wie ein Zitat. In insgesamt zehn Stücken wird im Prinzip die klassische Rockmusik nachgearbeitet. Zwischendurch gibt es mit »Mother« einen echten Blues-Heuler, mit »Perfect Circle« wird ein Neun-Minuten-Stück geliefert, während so etwas wie »Lost Summer« direkt aus der großen Zeit von Uriah Heep stammen könnte.

Ich habe keinerlei Probleme mit Musik, die sich bewusst an einem »früher« orientiert; schließlich mag ich auch alten Punkrock oder neue Bands, die bewusst nach 1977 klingen wollen. Bei Stuck In Traffic war's mir aber nach dem dritten und vierten Mal, als ich die CD durchhörte, zu lahm und zu berechenbar. Fans der Bands gibt's sicher reichlich, ich werde wohl nicht dazu gehören.

15 September 2018

Kurze Gedanken zur Rente

Ich muss der Tatsache ins Auge blicken: Ich bin über fünfzig Jahre alt. Glaube ich den Gesprächen in der Kantine und im Bekanntenkreis, muss ich mir also Gedanken darüber machen, was ich in zehn, zwölf Jahren mache. Dann werde ich nämlich Rentner sein. Reicht die Kohle dann zu einem vernünftigen Leben? Diese Fragen stellen sich viele Leute in meinem Alter.

Als ich Schüler war und auch in den gesamten 80er-Jahren hätte mich ein Gespräch über die Rente nur zum Lachen gereizt. Ich glaubte nicht, älter als dreißig zu werden, und war selbst verblüfft, als ich es dann war. Auch später glaubte ich nicht, dass das Rentensystem noch funktionieren würde, wenn ich in das entsprechende Alter kommen würde.

Eigentlich glaube ich es auch heute nicht so richtig. Das liegt nicht daran, dass ich den Lügen der Regierungen geglaubt hätte, die einem allen Ernstes weismachen wollen, man zahle in eine Kasse ein, die das Geld dann irgendwie anspare, um es mir nach Jahrzehnten auszuzahlen. Mir war immer klar, dass das Geld, das ich »einzahlte«, direkt wieder ausgegeben wurde und ich mir nur ein theoretisches Anrecht erwarb.

Ob ich in zehn, zwölf Jahren also Geld aus der Rentenkasse erhalten werde, weiß ich heute nicht. Ich fühle mich dadurch allerdings auch nicht gestresst. Wenn die Wirtschaft entsprechend läuft, wird es irgendwie Geld geben. Wenn nicht, werde ich irgendwie wohl weiter arbeiten müssen. Das sieht man dann schon irgendwie ...

An das »No Future«, der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, das ich in gewisser Weise durchaus ernst genommen habe, glaube ich nicht mehr. Aber ich glaube auch keinen Versprechungen, die vom Staat oder aus der Rentenversicherung kommen.

Weil einfach niemand weiß, was in zehn oder zwölf Jahren los sein wird und wie sich die Lage dann darstellt, kann einfach auch niemand klare Versprechungen abgeben. Von längeren Zeiträumen ganz zu schweigen.

(Dass sich derzeit die Parteien mit dem Thema Rente beschäftigen, hat übrigens einen einfachen Grund. Irgend jemand ist offenbar aufgefallen, dass die »geburtenstarken Jahrgänge« – zu denen ich gehöre – in den nächsten Jahren einen Anspruch auf Rente haben und gleichzeitig einen großen Teil der Wähler stellen werden. Da muss man sich entsprechend darauf einstellen.)

14 September 2018

Der Elefant von Nantes

Wir erreichten Nantes am frühen Nachmittag. Die Wolkendecke über der französischen Hafenstadt war dicht, die Temperaturen waren trotzdem sehr hoch. In der Nähe der »Les Machines de l'Ile« fanden wir sogar einen Parkplatz, von dort eilten wir zu jenem Zentrum der Stadt, das sich den Maschinen und mechanischen Tieren widmete.

Wie sich rasch herausstellte, standen die Menschen in langen Schlangen an, um in die Ausstellung zu kommen. Sollten wir uns auch in die Reihe stellen oder lieber die Stadt erkunden? Lieber stromerten wir ein wenig durch das Gelände.

Dann hörten wir das Kreischen der Kinder und das Geräusch eines Motors. Wir folgten dem Strom der Menschen, die auf die freie Fläche eilten. Und dort sahen wir ihn: den riesenhaften Elefanten, der wie eine monströse Maschine über den Platz ging, langsam und würdevoll, angetrieben von einem Motor und trotzdem in einer seltsamen Vermengung von Leben und Technik.

Heerscharen von Menschen umgaben ihn. Kameras surrten ununterbrochen, Smartphones klickten. Ich war fasziniert und begeistert wie ein kleines Kind, ging zuerst vor dem Elefanten her, dann spazierte ich an seiner Seite entlang. Ab und zu hob er seinen Rüssel und spritzte eine dünne Fontäne aus Wasser über herumstehende Kinder, die kreischend davonrannten, um sofort wieder zu dem Elefanten zu eilen.

Es war ein großartiges Schauspiel, lustig und spannend zugleich. Das einzige, was ich bedauerte, war in diesem Moment, nicht mehr Zeit zu haben. Ich möchte auf jeden Fall wieder einmal nach Nantes, und dann werde ich mir die Maschineninsel genauer vornehmen. (Für einen Science-Fiction-Fan ist das echt ein Muss!)

13 September 2018

Projekt zum Tag der Menschenrechte

Es ist ein ungewöhnliches Buchprojekt, und ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, deutlich vor Erscheinen in diesem Fall: Der Verlag Hirnkost möchte zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2018 eine Liste der Menschen herausgeben – nur belegte Fälle –, die im vergangenen Vierteljahrhundert bei dem Versuch gestorben sind, nach Europa zu fliehen. Es soll ein Buch entstehen, das man auch über den Buchhandel kaufen kann.

Ziel ist dabei: »Wir wollen die Menschen, die sie waren, dem Vergessen entreißen, um das Ausmaß dieser Tragödie besser zu fassen zu bekommen – und der Debatte um Flucht und Tod wieder ein menschliches Antlitz zu geben.« Ich finde, das ist ein spannendes Projekt.

Das Buch wird wohl 300 Seiten umfassen; teilweise enthält es kurze Porträts der Menschen, die ihr Leben lassen mussten, weil sie ein besseres Leben anstrebten. Es gibt also nicht nur Listen. Dazu kommen Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Derzeit werden noch Unterstützer für das Projekt gesucht. Das Buch soll schließlich kostenfrei oder eben so preiswert wie möglich unter die Leute gebracht werden. Weitere Informationen gibt es auf der dafür eingerichteten Internet-Seite.

12 September 2018

Zum Totem nach Zürich

Ich gehöre zu den Leuten, die von den beeindruckenden Produktionen des Cirque du Soleil fasziniert sind. In ihnen vereinen sich meist Akrobatik mit Clowns, wuchtige Musik mit viel Show, dazu eine Prise Phantastik mit einer tüchtigen Dosis Moral. Und weil derzeit die Show »Totem« in Zürich gastierte, besorgten wir uns relativ spontan recht gute Karten und fuhren in die Metropole im Zentrum der Schweiz.

Es fällt mir schwer, die Veranstaltung in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Es beginnt mit einem riesigen Schildkrötenpanzer, der auf der Bühne liegt – dieser verwandelt sich in ein Stangengerüst, auf dem Menschen ihre akrobatischen Übungen zeigen. Dann wird der Panzer mitsamt des Gestänges nach oben gezogen, die Bühne wird frei, und eine ununterbrochen Abfolge von Akrobatik kommt, immer wieder unterbrochen von Clowns, die allerlei Auftritte hinlegen.

Bei dem, was die Akrobaten auf der Bühne zeigten, stockte mir nicht nur einmal der Atem. Was die Leute an den Ringen oder am Trapez boten, war unfassbar; wenn sie mit einem Diabolo jonglierten oder eine Nummer mit Rollschuhen zeigten, verblüffte mich das. Zum Einsatz kamen zudem meterhohe Einräder und elastische »Balken«, auf denen gesprungen wurde.

Die Musik und die Lichteinblendungen waren exakt darauf eingestellt; die gesamte Aufführung stand unter einer Choreografie, bei der ich mir nicht einmal vorstellen kann, wieviel Arbeit sie gekostet hat. Dass das Ganze im Prinzip auch noch eine Geschichte ist, die mit den Amphibien beginnt und den Astronauten endet, die ein wenig mit der Evolution spielt – das alles passt dann gut zusammen.

Ich staunte, ich jubelte, ich starrte gespannt auf die Darbietungen, und ich lachte schallend: Der Cirque du Soleil schaffte es mit »Totem«, mich über die komplette Dauer zu fesseln und zu faszinieren. Preiswert war der Abend nicht (auch deshalb, weil ein Becher Bier unglaubliche acht Franken kostete), aber ich bereute keinen Cent, den ich hierfür ausgegeben hatte.