19 Oktober 2017

Im Sommer 1983 kam das achte SAGITTARIUS

Wieder einmal blicke ich auf die Ausgabe 8 meines Fanzines SAGITTARIUS. Ich war 19 Jahre alt, verdiente mein Geld damit, in einem Supermarkt und an einer Tankstelle zu arbeiten, und ging aufs Gymnasium. Wenn ich Zeit zum Träumen hatte, konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich lieber Science-Fiction-Autor oder lieber Science-Fiction-Redakteur werden wollte.

Mein Fanzine SAGITTARIUS kam im Juni 1983 heraus; es umfasste nur 36 Seiten im A4-Format und war für meine Verhältnisse richtig gut gestaltet. Das Cover hatte ich professionell gestalten lasen; mithilfe eines Bekannten, der in einer Druckerei arbeitete und Zugang zu einer Fotosatzmaschine hatte. Der Innenteil wurde mit meiner klapperigen Schreibmaschine getippt, das Innenseiten-Layout bastelte ich mit Letraset-Buchstaben, einem Lineal und einem dünnen Filzstift, einer Schere und einer Tube mit Alleskleber.

Von den Personen, deren Namen das Cover zieren, habe ich nur noch zu einer Kontakt: Ulrich Bettermann habe ich zwar seit Jahren nicht mehr persönlich gesehen, aber immerhin vermitteln die Sozialen Netzwerke so etwas wie eine »Brieffreundschaft«. Manfred Borchard ist leider schon gestorben, mit ihm hatte ich jahrzehntelang ganz altmodisch Briefe gewechselt.

Das Titelbild stammt von Thomas Franke, der damals in der DDR wohnte und den ich vor einigen Jahren endlich einmal auf einer Buchmesse kennenlernte. Seine Grafiken beeindruckten mich damals sehr, er wollte in Druckwerken aus dem Westen bezahlt werden. (Und ich erinnere mich düster, dass bei meinem Paket etwas schiefging.)

Ansonsten ... blättere ich heute das Fanzine durch, macht es mich tatsächlich stolz. Für damalige Verhältnisse war es etwas besonderes, die Mischung war außergewöhnlich. Heute würde man wohl eher ein E-Book machen oder stellt die entsprechenden Texte einfach auf eine Internet-Seite. SAGITTARIUS mochte ich sehr!

18 Oktober 2017

40 Jahre Deutscher Herbst

»Die sind nicht so allein«, sagte mein Vater. »Bei uns in der Firma gibt's einige, die finden gut, was die machen.« Er sprach von der Roten Armee Fraktion, also den Terroristen von der »Baader-Meinhof-Bande«, wie man das damals bezeichnete. »Die meinen, es ist gut, wenn's auch mal welche von denen da oben abkriegen.«

Der sogenannte Deutsche Herbst ist in diesen Tagen genau vierzig Jahre her, und ich erinnere mich sehr gut daran. Ich habe die Bilder im »Stern« vor Augen, die blutüberströmte Terroristen auf einer Doppelseite zeigen. Das Schleyer-Bild kann ich mir nur in der Schwarzweiß-Version vorstellen, als die ich es in allen Zeitungen vor Augen geführt bekam.

Ich sehe noch den Hausmeister, der mit einem dicken Filzstift vor dem Fahndungsplakat stand, das in der Schule hing, und immer dann einen fetten Strich durch ein Gesicht zog, wenn ein Terrorist erschossen oder verhaftet wurde. »Wieder oiner erwischt«, sagte er befriedigt, als hätte er persönlich geschossen.

Die RAF war mir als Kind und Jugendlicher höchst suspekt. In den 80er-Jahren las ich gern das »Angehörigen-Info«, in dem die Angehörigen und Freunde der Inhaftierten über die Haftbedingungen informierten. Ich fand aber nie gut, dass die Terroristen politische Gegner erschossen und bei ihrem Feldzug gegen die Republik buchstäblich über Leichen gingen.

Aber wenn heute alle möglichen Leute behaupten, die RAF habe nie einen Rückhalt in der Bevölkerung gehabt, so kann das nicht stimmen. Meine Erinnerung sagt etwas anderes: Wenn ganz stinknormale Fabrikarbeiter in einer spießigen kleinen Stadt im Schwarzwald hinter vorgehaltener Hand ihre Sympathien äußerten, waren diese Arbeiter bestimmt keine Avantgarde.

Vierzig Jahre nach alledem bleiben vor allem die Bilder – die Zeitzeugen sind alt, haben viel vergessen und erinnern sich höchst subjektiv. Man wird wohl nie die Wahrheit über den Deutschen Herbst komplett erfahren.

17 Oktober 2017

Schrammelgitarrenpunkrock aus Oldenburg

Ich gestehe, dass ich eine Weile brauchte, bis ich in die neue Platte von Bitume reinkam. Klar, sie ist nicht typisch – die Band hat eine rein Akustik-Scheibe aufgenommen. Und anfangs vermisste ich schon das Wummern eines elektronisch verstärkten Basses. Aber gut!, Akustik ist jetzt auch in Punkrock-Kreisen angesagt, wie die vielen Liedermacher beweisen oder Singer-Songwriter, wie man das neudeutsch nennt.

Im Prinzip besteht »Aku« aus Akustik-Versionen von Stücken, die seit Jahren zum Repertoire der Band zählen. Die Songs werden live gespielt, sie finden sich im Original auf den unterschiedlichsten Platten. In den hier präsentierten Versionen sind sie aber extrem selten.

Tatsächlich klingt das alles ziemlich gut. Lässt man sich darauf ein, sind die Stücke so schmissig, wie man es von der Band gewohnt ist. Die Melodien gehen ins Ohr, die Texte sind eh gut: keine Politparolen, eher persönliche Aussagen, alles ein wenig schlauer formuliert als beim durchschnittlichen Deutschpunk.

Klar, dass es musikalisch dann auch in andere Richtungen geht. Die Stücke plunkern manchmal in Bereiche, die man von der Band eher nicht kennt. Es wird ein wenig geschunkelt, es kommen Elemente rein, die man eher bei irgendwelchen Polka-Kapellen vermutet – eine Mischung, die man echt an sich ranlassen muss.

Aber cool ist das Ganze schon. Ich bekam die CD, nachdem ich mich an sie gewöhnt hatte, tagelang nicht aus dem CD-Player raus.

Fortsetzung der großen Space-Opera

Kämpfe zwischen Robotern und Menschen ... Ein Roboter in Gestalt eines kleinen Jungen ... Ein Mann und eine Frau, die halb Roboter, halb Mensch ist, in inniger Umarmung ... Ein galaktisches Reich in großer Bedrängnis ... In dem aufregenden Science-Fiction-Comic »Descender« wird echt nichts ausgelassen.

Ich habe dieser Tage den vierten Band gelesen, auf den ich schon geradezu hungrig gewartet habe. Er treibt die Geschichte um einige wichtige Aspekte weiter, bringt vor allem die Hauptfiguren in neue Bedrängnis und lässt mich dann gleich sehnsüchtig auf den nächsten Band warten.

Ganz klar: Mit »Descender« hat Jeff Lemire erneut einen starken Comic geschrieben. Ich mochte seinen »Sweet Tooth« sehr, und ich fand seine Superhelden-Geschichten ebenfalls gut – ein echtes Meisterstück ist aber seine große Saga um Menschen und Roboter, um Gefühle und Ängste, in einem Science-Fiction-Universum, das auf seine emotionale Weise ganz andere Wege geht.

Der Charme der Geschichte kommt aber auch aus den Zeichnungen. Dustin Nguyen bleibt sich im vierten Band treu: Seine Bilder wirken oft fahrig, wie Skizzen, über die Wasserfarbe gespritzt worden ist. Gerade damit erzeugen sie eine Stimmung, wie man sie von anderen SF- oder Superheldengeschichten nicht kennt.

Wenn im vierten Hardcover-Band der deutschsprachigen Ausgabe der große Krieg offenbar direkt bevorsteht, ist die Spannung natürlich groß. Ich giere aber viel eher nach den weiteren Entwicklungen auf emotionaler Ebene: Wie werden sich die Figuren in welcher Stimmung entscheiden, wie wird es weitergehen?

(Wer jetzt an dieser Stelle eine ausführliche Inhaltsangabe vermisst, den muss ich vertrösten. Sie ist sowieso nicht verständlich, wenn man die vorherigen Bände der Serie nicht kennt. Wer mag, schaue sich die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages an; das erklärt vielleicht mehr ...)

16 Oktober 2017

Wie ich auf der Messe langsam rot wurde ...

Eines meiner amüsantesten Messegespräche entwickelte sich zufällig. Ich schaute am Freitag noch einmal beim Stand des Dryas-Verlages vorbei, um mich dort zu verabschieden. Sandra Thoms, die Verlagsleiterin, hatte vor bald zehn Jahren meinen Kurzgeschichtenband »Das Tier von Garoua« verlegt, wofür ich ihr immer noch sehr dankbar bin.

Sie saß mit drei anderen Frauen am Tisch, ich wurde in die Runde eingeladen. Die anderen Frauen gehörten zum Verlag Plaisir d'Amour, mit dem sich der Dryas-Verlag den Gemeinschaftsstand teilte: die Verlegerin und zwei Autorinnen, alle drei witzig und schlagfertig.

Und ruckzuck waren wir in einem Gespräch, in dem es um Sex mit Dinosauriern, Sex mit Tentakelmonstern und andere Dinge ging. Ich erfuhr, dass vor allem Frauen die Bücher kaufen würden, in denen es um BDSM ginge, dass dies kein Genre für Männer sei, und andere Dinge. Ich nehme an, dass ich nicht nur einmal rot wurde.

Das Beste war, als ich auf ein Titelbild schaute. Dann sagte ich nachdenklich, die Schrift sei nicht gut. »Die kann man nicht gut lesen«, meinte ich.

Die Frauen lachten mich aus. Niemand würde sich die Schrift anschauen. Wichtiger sei doch der Mann dahinter. Und erst dann erkannte ich den im düsteren Hintergrund stehenden Mann mit nacktem Oberkörper und perfekter Bauchmuskulatur.

In dieser Gesprächsrunde lernte ich viel ... Und ich glaube seitdem fest: Bevor ich versuchen würde, Liebesromane oder andere Romane für Plaisir d'Amour zu schreiben, müsste ich mich in manche Themen noch richtig tief einarbeiten ...

15 Oktober 2017

Das blutende Land in Dreieich

Für mein Selbstwertgefühl hatten die Verantwortlichen des BuchmesseCons in Dreieich vorgesorgt: Meine Lesung fand in einem kleinen Raum statt, der auch mit zehn Besuchern nicht völlig leer gewirkt hätte. Es kamen erfreulicherweise einige Personen mehr, so dass am Ende alle Sitzplätze belegt waren und manche Besucher sogar stehen mussten.

Ich hatte meine Auszüge aus »Das blutende Land« zwar einmal daheim geübt, aber offenbar nicht gut genug. Das merkte ich bei gelegentlichen Stotterern und Verlesern. Zumindest ärgerte sich darüber niemand offensichtlich, die Zuhörer amüsierten sich eher.

Zuerst erzählte ich ein wenig über mich und mein Buchprojekt, dann las ich den Prolog vor. Den finde ich immer noch gut, er stellt die Hauptfigur vor und macht die »Tonality« des Romans klar, zeigt also, in welche Richtung die Handlung gehen könnte.

Ich plauderte ein wenig, deutete einige Dinge zum Inhalt an und las eine Szene aus dem ersten Kapitel, die einen der Bösewichte vorstellt. Dabei stolperte ich ein wenig zu oft und war erleichtert, als ich fertig war – man weiß ja nie so richtig, wie was bei den Zuhörern ankommt.

Danach beantwortete ich Fragen. Auf eine war ich gar nicht vorbereitet: Um was es denn eigentlich ginge? Ich stellte fest, dass es gar nicht so einfach ist, ein 500-Seiten-Buch, an dem man ein Jahr lang gearbeitet hat, in wenigen Sätzen so zusammenzufassen, dass es allgemein verständlich ist. (Ich werde es demnächst im Blog nachholen.)

Auf die anderen Fragen ging ich hoffentlich souveräner ein. Ich merkte dann schon, wie ich ins Schwitzen geriet, und war sehr froh, als der »Room Master« mir das Zeichen gab, ich müsste jetzt aufhören. Aber meine Buchvorstellung von »Das blutende Land« bewertete ich als positiv.

14 Oktober 2017

Wie ich in Halle 3.0 zum Fanboy mutierte ...

Am Freitagmittag wurde ich schlagartig zu einem pickeligen Science-Fiction-Fan – und ich war nicht darauf vorbereitet. Am Stand von Cross Cult signierte nämlich Nnedi Okorafor, deren Roman »Lagune« ich so toll gefunden hatte. Ich bin also gewissermaßen ein Fan dieser Autorin, die eine extrem coolen Eindruck machte und überhaupt nicht wie ein »nerdiger« Science-Fiction-Autor wirkte.

Da saß sie also bei CrossCult, sah cool aus, und mir fielen die einfachsten englischen Vokabeln nicht mehr ein. Der eine oder andere Schubser netter CrossCult-Mitarbeiterinnen half, und so ließ ich mir immerhin den Roman »Wer fürchtet den Tod« signieren.

Die Autorin schrieb dabei nicht nur ihren Namen in das Buch, sondern malte auch die Kanten des Buchblocks an. So habe ich eine künstlerisch gestaltete Ausgabe dieses Buches, was echt cool ist.

Danach versuchte ich mich ein wenig an Konversation, die wahrscheinlich auch eher uncool und peinlich war. Ich stotterte herum, plapperte von meinen Afrikareisen und dass ich Nigeria immer für gefährlich gehalten habe.

Sie lächelte und meinte, in Nigerie sei es manchmal sehr »rough« – aber ich vermute, sie hielt mich einfach für das, was ich war, für einen Fanboy nämlich. Aber irgendwie hatte das dann auch was ...

13 Oktober 2017

Wer zwischen den Städten pendelt

Ich kam am Donnerstag gut aus der Messe heraus, bummelte in aller Gemütsruhe zum Bahnhof, aß dort noch eine Portion Pommes – wenn schon Buchmesse, dann auch richtig tolles Essen – und fuhr danach mit der Bahn nach Hause. Das war alles in allem doch sehr angenehm; ich finde dieses Vorgehen nach wie vor gut.

Am Freitag fuhr ich mit dem Auto zur Messe. Schließlich würde ich abends auf einer Veranstaltung sein, und das könnte ja wieder sehr lang dauern; die Rückfahrt mit der Bahn wird da zu einem Vabanque-Spiel.

Weil ich mich mit den Straßen der Region gut auskannte, mied ich zwischen Karlsruhe und Mannheim praktisch die Autobahn und nahm die gut ausgebaute Landstraße. Womit ich aber nicht rechnen konnte: Ausgerechnet an diesem Freitag wurde an der B 36 stark gebaut.

Meine Laune blieb gut, die Musik und das Hörbuch im Auto trugen dazu bei. Ich kam einigermaßen pünktlich zur Messe, traf gleich die ersten Bekannten, kam zeitig zum ersten Termin und stürzte mich so ins Gewühl. Wenn eine Baustelle das einzige Problem einer solchen Messe ist, kann eigentlich sonst nichts schiefgehen.

12 Oktober 2017

Auf der Rolltreppe

Die Kollegin Philine vom Marketing und ich sind auf dem Messegelände unterwegs, wir nehmen angesichts des schönen Wetters die außen verlaufende Rolltreppe, die Halle 3.0 mit Halle 3.1 verbindet. Von hinten nähert sich uns eine Dame. Ich denke, sie will vorbei, weiche aus, stelle mich hinter Philine und nicke ihr zu.

Die Dame lächelt verlegen. »Ich habe Angst auf Rolltreppen«, sagt sie, »und ich fühle mich sicherer, wenn hinter mir jemand steht. Darf ich mich vor Sie stellen.«

Wir bestätigen. Sie stellt sich vor uns, presst die Hand auf den Handlauf und bedankt sich. Dann beginnt sie zu jammern. »Ohje, ist das hoch, ohje, geht's da tief runter.«

Philine versucht es mit einem Trost: »Dafür haben wir doch eine tolle Aussicht.«

Ich versuche es mit Humor: »Wenn Sie fallen, fange ich Sie auf. Es wird nichts passieren.«

Die Dame jammert und klagt, sie hat wirklich Angst. »Das mach ich sicher nie wieder«, gelobt sie lauthals.

Es ist eine sehr lange Rolltreppe. Bei schönem Wetter benutze ich sie gern – man sieht so viel. Aber an diesem Tag wird mir erstmals bewusst, dass sie für manche Leute auch einfach viel zu lang sein kann ...

Viertelstunde am Kolpingplatz

So eine Fahrt zur Buchmesse kann zu einer nervenzerfetzenden Angelegenheit werden. Vor allem, wenn man – wie ich – am Abend zuvor bemerkt, dass man seinen Terminplaner vergessen hat und man erst mal den Kollegen in der Firma bitten muss, das Ding per Mail nachzuschicken.

Aber so saß ich am Donnerstagmorgen, 12. Oktober 2017, pünktlich in der Straßenbahn, die mich zum Bahnhof bringen sollte. Alles sah gut aus, ich bekam auch den Wechsel der Bahnen am Europaplatz gut hin. Es war klar, dass es knapp werden würde – aber ich bin ja gut zu Fuß und war deshalb sehr optimistisch.

Dann kam der Kolpingplatz, und dort standen wir eine Viertelstunde lang. Es gab keine Durchsage, nichts, nur seltsame Geräusche, die von außen hereindrangen. Irgendwann kam die Durchsage, dass es ein Problem in der Straße vor uns gäbe, aber dann ging es auch schon weiter.

Sechs Minuten nach der offiziellen Abfahrtszeit meines Zuges kam ich am Hauptbahnhof an und machte mich schon auf allerlei gespannt. Doch manchmal ist auf die Bahn ja Verlass: Der ICE aus dem Süden hatte elf Minuten Verspätung. Und so konnte ich meine Reise gen Frankfurt dann doch antreten – in einem recht überfüllten Abteil allerdings (wenngleich ohne Leberwurstbrote).

11 Oktober 2017

Kotzan trifft im OX auf Peter

In einer Fortsetzungsgeschichte muss immer mal wieder eine neue Nebenfigur eingeführt werden. Wer wüsste das nicht besser als ich nach all den Jahren an der Roman-Front? Und das ziehe ich natürlich bei meinem aktuellen Fortsetzungsroman »Der gute Geist des Rock'n'Roll« durch.

In der Ausgabe 134 des OX-Fanzines, die nach einigen Verzögerungen nun endlich bei mir eingetroffen ist, grinsen mich die alten Herren von Slime vom Titelbild an. Das passt ein wenig zu meiner Hauptfigur – die macht den Punkrock-Zirkus schließlich lange genug mit und hat die frühen Zeiten von Slime mitbekommen.

In der Folge neun meines Fortsetzungsromans führe ich Kotzan ein. Der junge Mann ist Skinhead – kein Nazi natürlich – und kommt »aus einem brandenburgischen Kaff«, wohnt aber seit längerem in Süddeutschland. Mit ihm wird mein Ich-Erzähler, der nicht mehr Peter Pank genannt werden möchte, in den nächsten Folgen des Romans sicher einige Abenteuer verbringen.

Weil die Geschichte im Jahr 1996 spielt und nicht mehr in den 80er-Jahren, spielen Bands wie Slime übrigens keine Rolle mehr. Die »Peter Pank«-Trilogie siedelte ich in den 80er-Jahren an, da geht es ständig um Punkrock und Deutschpunk; der letzte Teil ist dann deutlich Hardcore-geprägt. Und jetzt?

Im Jahr 1996 herrschte ein wenig die Orientierungslosigkeit vor. Punkrock war einerseits zu einer Geldmaschinerie verkommen, bei der einige Bands richtig erfolgreich waren, während sich Hardcore in eine seltsame Richtung entwickelt hatte, mit der ich nichts mehr anfangen konnte. Ob und wie ich dieses Zeitgefühl in meinem Roman verarbeiten kann, werde ich noch sehen müssen ...

10 Oktober 2017

Human Mess rotzen

In Bakersfield in Kalifornien hatte ich in den Nullerjahren mal einen Aufenthalt, weil der Bus eine halbe Stunde pausierte. In Erinnerung habe ich nur Tankstellen, Schnellimbisse und Einkaufszentren, wirklich nichts Besonderes.

Aus dieser Stadt kam in den Nullerjahren eine Band namens Human Mess. Sie brachte eine Langspielplatte und zwei EPs heraus, spielte rotzigen Hardcore und verschwand wieder. Ich habe immerhin die EP mit dem Titel »Uncaged Animal« – auch die ist nicht spektakulär.

Der Sound ist schrubbig, die fünf Stücke auf der EP haben insgesamt eine Länge von nicht viel mehr als fünf Minuten. Der Sänger keift, die Musiker rotzen; das macht durchaus Laune, ist unterm Strich aber arg gesichtslos. Zu No Way Records, dem Label der Band, passte das durchaus.

Die Texte sind übrigens nicht schlecht. »I cant's escape from myself«, schreit der Sänger im Titelstück. »This is a living hell.« Das ist konsequent, Hardcore-Punk eben, wie er sein muss. Keine Platte für die Ewigkeit, aber eine, die knallt. Was will ich mehr?

09 Oktober 2017

Zwei neue Bekannte im Zug

Eigentlich hatte ich mich auf eine angenehme Zugfahrt eingestellt. Warum ich ein Abteil gebucht hatte, wusste ich nicht mehr. Aber ich saß am Gang, bekam so immer wieder frische Luft ab und stellte mich darauf ein, eine schöne Mischung aus Manuskripte-Arbeit, Lesen und Schlafen während der Fahrt als Programm zu absolvieren.

Doch ich hatte die Rechnung ohne die zwei Männer gemacht, die unterwegs zustiegen. Sie sprachen Schwäbisch, was ja nicht schlimm ist – vor allem nicht für mich, der ich denselben Dialekt benutze. Aber was sie redeten, war ziemlich anstrengend: Sie tauschten Belanglosigkeiten aus.

Offenbar kamen die beiden aus einem Dorf, in dem sie jeden kannten. Entsprechend verlief das Gespräch: Auf ein »weisch, was der Horschd g'macht hodd?« kam garantiert ein ebenso spannendes »Ha was, des ka jetzt nedd sei« oder ähnliches. Sie deklinierten ihre halbe Verwandtschaft durch und kamen zu keinem Ende.

Es war mir nicht möglich, mich auf ein Manuskript zu konzentrieren. Ich musste ihnen zuhören; wahrscheinlich war ich der einzige Mensch im Zug, der jedes Wort verstand. Mein Hirn schaltete nicht ab, es schaltete vielmehr auf Empfang. Ich litt in Gedanken.

Also versuchte ich zu schlafen, aber das funktionierte ebenfalls nicht. Die beiden redeten und redeten und redeten, und sie fanden kein Ende. Mein Hirn leider auch nicht: Wie ein Schwamm saugte es jede Belanglosigkeit in sich auf.

Ich überlegte mir schon, ob ich aufstehen und in den Speisewagen gehen sollte. Dort hatte ich sicher keine Ruhe für mein Manuskript und mich, aber es konnte nicht sooo schlimm sein. Aber wofür hatte ich eigentlich einen Platz reserviert?

Die beiden taten nichts Falsches – es war ja mein Fehler, dass ich nicht abschalten konnte. Aber dann taten sie etwas, das mich aus dem Abteil prügelte: Sie packten ihr Vesper aus. Der intensive Geruch nach Leberwurst drang in dicken Schwaden in jede Ritze des Abteils.

Ich war seit den frühen 90er-Jahren Vegetarier, als Kind aß ich gern Leberwurst, und mir macht der Geruch eigentlich nichts aus. Diese Wurst roch aber intensiv, ich hätte mich fast erbrochen. Meine Augen tränten, meine Nase juckte, die Ohren bluteten sowieso wegen des Geredes – zumindest im übertragenen Sinn.

Taumelnd stand ich auf, hielt mich an der Tür fest. Ich floh geradezu aus dem Abteil. An diesem Tag hatte ich wieder einmal einen Kampf verloren ...

08 Oktober 2017

Eine Bestenliste für die phantastische Literatur

Der Ansatz ist grundsätzlich richtig: »Das Genre Phantastik in seiner gesamten Vielfalt soll in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten.« Entsprechend neugierig war ich auf das Ergebnis. Immerhin wollten die Online-Seite Literaturschock.de und das Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) gemeinsam »die besten phantastischen Romane« eines jeweiligen Monats präsentieren.

Die erste Liste liegt vor – und ich finde, sie kann sich sehen lassen. Offenbar kennen sich die Juroren mit den Genres aus, sie haben eine schöne Auswahl getroffen. Immerhin solle der Schwerpunkt ja auch »auf textlich und/oder inhaltlich anspruchsvolleren Werken« liegen; dazu gehört dann auch, dass entsprechend begründet wird.

Sicher wird jede Person, die sich diese Liste anschaut, etwas zu kritisieren haben. Manchmal fehlt etwas, bei manchem Titel sind die Kriterien nicht eindeutig, und häufig kann man geschmäcklerisch sowieso anderer Ansicht sein. Aber schauen wir uns doch mal die zehn Titel für den Oktober 2017 an ... 

Mit Nnedi Okorafors Roman »Lagune« leisten sich die Juroren einen starken Platz-Eins-Titel; mich hat das Werk im Jahr 2017 auch sehr angesprochen. Es ist eine Science-Fiction-Geschichte, die von der Grundidee nicht überrascht – wieder mal besuchen die Aliens die Erde. Was die Autorin aber aus der Idee macht, ist großartig; hier vermengen sich afrikanische Mythen und moderne Science Fiction.

Den Fantasy-Roman »Nevernight. Die Prüfung« von Jay Kristoff sagt mir nichts, sprach mich bislang nicht an – er wurde auf Platz zwei gehievt. Auf dem dritten Platz finde ich »Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« von Becky Chambers, den ich angefangen und wieder abgebrochen habe, den ich aber noch einmal versuchen werde: eine optimistische Science Fiction im Jahr 2017 war mir vielleicht »too much«.

-»Vier Farben der Magie« von V. E. Schwab sagt mir nichts; der Fantasy-Roman sprach mich nicht an. Auf dem Stapel der noch zu lesenden Bücher liegt seit einem Jahr – seufz! – Andreas Brandhorsts Science-Fiction-Roman »Omni«. Auch auf Platz sechs ist ein SF-Titel; allerdings hat mich »Die drei Sonnen« von Cixin Liu bislang nicht angesprochen.

Wirklich überrascht hat mich »Exit West« von Mohsin Hamid. Der Roman ist bei DuMont erschienen, ich hatte den nicht im Visier, und deshalb finde ich es höchst interessant, dass so ein Werk auf Platz sieben steht. Gut!

»Sturm aus dem Süden« von T. S. Orgel ist der zweite Teil der »Blausteinkriege«; alle Welt sagt mir ja, dass das gut sei und ich es endlich mal lesen sollte. Konsequenterweise steht es auch auf der »Bestenliste«. Hm. 

Mit »Skargat. Der Stern der Mitternacht« von Daniel Illger ist dann auch mal ein Roman auf der Liste, der mich so richtig gar nicht interessiert – aber das ist okay so. Zum Ausgleich liegt mit »Venus siegt« von Dietmar Dath ein weiterer Titel aus dieser Liste bei mir daheim im »Zum Lesen«-Stapel.

Hin wie her: eine schöne Mischung, eine spannende Liste. Respekt an die Jury – so darf das gern weitergehen! 

07 Oktober 2017

Wie ich die Literaturtage verpasste

Auf einmal standen Leute auf dem Platz, an dem wir wohnen: Sie bauten ein Mikrofon auf, sie platzierten zwei Lautsprecherboxen. Jemand stellte sich hin und hielt eine kleine Ansprache, und einige Leute schauten und hörten zu, sie applaudierten.

Ich benötigte eine Weile, bis ich verstand, was vor meinen Augen ablief: Es war eine Lesung. Ein Autor stellte sein Manuskript vor, das Publikum hatte er offenbar gleich mitgebracht.

Ein Blick in das örtliche Informationsblatt machte mir klar: In Karlsruhe fanden irgendwelche Literaturtage statt, es gab überall in der Stadt Lesungen und andere öffentliche Veranstaltungen.

Und ich wusste nichts davon. Das machte mich einigermaßen sprachlos. Ich interessiere mich für Literatur, ich verdiene mein Geld damit, Science Fiction zu veröffentlichen – was ja schon zur Literatur zählt –, aber ich wusste nichts von dieser Veranstaltungsreihe.

Wahrscheinlich bin ich schrecklich ignorant. Vielleicht sollte ich mich stärker mit der literarischen Szene meiner Heimatstadt vernetzen. Dann wüsste ich so etwas im voraus.

Aber dann machte ich mir eines klar: Man kann nicht alles haben. Nie. Und das beruhigte mich ...

06 Oktober 2017

Das blutende Land und der Con

Am heutigen Tag habe ich gleich zwei Gründe, mich zu freuen: Laut Verlagsauskunft ist heute mein Roman »Das blutende Land« bei Droemer-Knaur eingetroffen. Der Roman landet erst im November im Handel – aber üblicherweise erhalten Verlage von der Druckerei ihre Vorabexemplare.

Die schaut man sich üblicherweise an und freut sich meist auch drüber. Hoffentlich ist es in diesem Fall ebenso. Bei mir dauert es eine Weile, bis ich mich so richtig und öffentlich freuen kann. Aber ein wenig gejubelt wurde heute schon mal.

Der andere Grund, der mich freut, ist der BuchmesseCon. Dass ich bei dieser Veranstaltung mein Buch präsentieren werde, habe ich schon gelegentlich ausgeplaudert. Im Programmplan wird das Ganze mittlerweile schön präsentiert: am Samstag, 14. Oktober, um 18 Uhr in Dreieich also ...

Die Veranstalter haben mir harte Konkurrenz eingebaut: Beispielsweise stellt der Kollege Robert Corvus in einem anderen Roman seinen aktuellen Science-Fiction-Roman vor; dazu gibt es ein Kamingespräch mit Herbert W. Franke, dem Altmeister der deutschsprachigen Science Fiction. Das sind nur zwei der Höhepunkte an diesem Tag.

Ich bin dennoch optimistisch und hoffe, mich ein wenig auf die Lesung vorbereiten zu können. Wobei ich sicher nicht nur lesen werde, sondern auch ein wenig erzählen. Und dann lasse ich eh alles auf mich zukommen ...

05 Oktober 2017

Ein Jung-Fan im Jahr 1966

Hubert Strassl, wohnhaft in Linz, zählte zu den ersten Science-Fiction-Fans in Österreich, die sich den entstehenden fannischen Strukturen beschäftigten. Bereits in den fünfziger Jahren knüpfte er erste Kontakte, im Herbst 1961 wurde er aktives Mitglied in der »Linzer Gruppe« – und fünf Jahre später schrieb er das 18 Seiten umfassende Fanzine »Fan in Fan 1«.

Das Titelbild entsprach dem Humor der damaligen Zeit: Wer 1966 nackte Brüste – wenngleich nur angedeutet – auf das Titelbild einer Science-Fiction-Publikation hievte, bekam durchaus Ärger. Auf der Leinwand sind mit »Pioneer« und »FAN« übrigens die Titelbilder damals aktueller Publikationen zu sehen. Der darunter stehende Spruch ist ironisch zu verstehen: »Schluss mit den Sex-Zeichnungen in Fanzines!«

Hubert Strassl hielt zu diesem Zeitpunkt die ersten fünf Ausgaben der »Futuristischen Amateur-Nachrichten« in den Händen, eine Zusammenstellung von Ego-Fanzines verschiedener Fans. Er arbeitete sie komplett durch, las sie chronologisch und erstellte danach eine kunterbunte Zitatensammlung.

Das Interessante daran: Selbst wenn man sich gut mit der Fan-Szene der 60er-Jahre auskennt, versteht man nur Teile. Mitarbeiter waren Menschen wie der Autor Walter Ernsting – unter seinem Pseudonym Clark Darlton viel bekannter –, der spätere Herausgeber und Anthologist Franz Rottensteiner, der heutige »Jazzland«-Chef Axel Melhardt und viele andere.

»Darlton ist also ein Mann, der aus Lust am Fabulieren schreibt und außerdem gezwungen ist, von dieser Tätigkeit zu leben«, formulierte Walter Ernsting über sch selbst – zu einer Zeit übrigens, als die erfolgreiche Science-Fiction-Serie, für die ich heute arbeite, noch nicht gestartet worden war. Und Franz Rottensteiner schrieb schon damals über Science-Fiction-Vereine: »Die Clubs sind nicht nur überflüssig, nein, sie sind auch noch schädlich.«

Damals wurden heftige Auseinandersetzungen geführt: »Nur so viel möchte ich sagen: Hefte und Leihbücher sind die Publikationsformen der Sub-Literatur, des Kitsches und auch des Schundes.« Das schrieb Franz Rottensteiner, der in der Folge von anderen Fans wie Walter Ernsting stark angegriffen wurde. 

Andere sahen die Fan-Szene eher ironisch: »Ich persönlich glaube, dass der deutsche Fan nur aus Pflichtgefühl für die deutsche Spießbürgerlichkeit zu Sex in Fanzines sein empörtes ›NEIN‹ donnert«, meinte Otto Volkert.

Das Schöne bei diesem Fanzine von Hubert Strassl ist für mich: Es wirft – weil es nur extrem auszugsweise zitiert – grelle Lichter auf eine Szenerie, die sich vor meiner Geburt abspielte. Und es macht mir klar, dass manche Diskussion mit anderen Namen und Begriffen auch heute geführt werden könnte.

04 Oktober 2017

Letzte Radfahrt für 2017?

Ich vermute, dass es einer der letzten Tage in diesem Jahr 2017 war, an denen ich in leichter Kleidung auf dem Rad unterwegs war: ein T-Shirt und eine kurze Hose. Radfahrer, die mir entgegen kamen, trugen trotz Sonnenschein schon dicke Jacken, manche auch wärmende Mützen. In der Sonne hielt ich das für unnötig.

In flottem Tempo – damit ich ordentlich schwitzte – fuhr ich durch die Weststadt und durch Neureut, fegte durch das Naturschutzgebiet entlang des Kleinen Bodensees und stellte fest, dass es dort richtig warm war. Das sumpfige Wasser und der matschige Boden dampften geradezu, und dieser Dampf erzeugte eine gewisse Wärme.

Als ich das Naturschutzgebiet verließ und durch die Nordweststadt zurückfuhr, musste ich an einer Ampel halten. Zwei Jungs rannten auf der anderen Straßenseite auf mich zu, beide in Sportklamotten, beide zwischen zehn und zwölf Jahren alt. Sie beachteten mich nicht, waren vollkommen mit sich selbst beschäftigt.

Der eine der beiden spuckte auf den Boden, sie rannten weiter, dann hielten sie an der Ampel an. »Hey, du bist voll in meine Spucke gelaufen!«, schrie der eine. Der andere stieß ihn an, sie lachten beide und rempelten sich an, junge Leute voller Kraft im Körper und viel Blödsinn im Kopf.

Auf den letzten Kilometern wurde es doch recht frisch. Im Schatten fröstelte ich bereits, und ich fuhr einfach schneller; das erhitzte den Körper, und daheim wusste ich eine wärmende Dusche. Eine Mütze wäre vielleicht doch gut gewesen ...

Wenn es etwas gibt, dass ich beim Radfahren schätze, so sind es die vielen Eindrücke, die ich gewinne. Man sieht in einer Stunde mehrere Welten, lauter kleinen Universen, die sich nur am Rand berühren. Und man ist fern von irgendwelchem Polit-Dreck.

02 Oktober 2017

Spontan-Radio zu Deutschpunk

Auch am Sonntag, 1. Oktober 2017, war ich nicht in der Lage, eine Radiosendung so gründlich vorzubereiten, wie ich das gern in all den Jahren geschafft hatte. Aber das machte nichts: Spontan entschied ich mich, im ENPUNKT-Radio im Querfunk auf Deutschpunk-Klassiker zu setzen; da kannte ich mich einfach aus, denn schließlich hatte ich all diese Bands irgendwann einmal gesehen.

Ich wollte nur nicht das ins Radio bringen, was jeder schon x-fach gehört hatte. Okay, die Neurotic Arseholes aus Minden, mit denen ich startete, hatte ich selbst schon mehrfach gespielt. Aber die Crowds aus München dürften nicht so bekannt sein, und irritierenderweise sind Blut & Eisen aus Hannover bei vielen Leuten nicht mehr präsent.

Dazu gab es ein wenig Canalterror aus Bonn und Emils aus Hamburg, die Killerpralinen aus Frankfurt, die großartigen LWS aus Wilhelmshaven – oder wo immer die damals offiziell herkamen – und zum Abschluss noch Rudolfs Rache aus ostfriesischen Kleinstädten wie Varel. Alles in allem eine großartige Mixtur, wie ich finde.

29 September 2017

Brudte Lofter und ihre erste EP

Wie oft Punkrock und Hardcore in den vergangenen vierzig Jahren totgesagt worden ist, wissen nicht einmal die klügsten Wissenschaftler, die sich mit dieser Szene beschäftigen – die wissen sowieso nicht viel, wenn man mich fragt. Aber wenn ich mir anschaue, dass in Städten wie Kopenhagen auf einmal eine ganz neue Szene brodelt und eine Band nach der anderen entsteht, die den alten Sound wieder entdeckt, ist mir nicht bange vor der Zukunft.

Eine der vielen frischen Bands aus der dänischen Hauptstadt ist Brudte Lofter. Die vier Typen spielen seit den Zehnerjahren zusammen; sie gehören zu der neuen, sehr stark aufstrebenden Szene, die man ja schon als K-Town-Sound bezeichnet. Ich habe mir ihre erste EP gekauft, die im Herbst 2013 aufgenommen worden ist; mittlerweile gibt es weitere Tonträger.

Die vier Stücke sind nicht schreiend originell, sie sind weder besonders schnell, noch besonders melodisch. Es gibt halt rüpeligen HC-Sound, der aber nichts mit dem Metal zu tun hat, der zeitweise in die Szene eingekehrt ist; das alles klingt eher nach dem schroffen Hardcore der 80er-Jahre.

Der Sänger brüllt die Worte richtig raus, die Instrumente sind schroff, und alles klingt sehr knallig. Die Platte hat den schönen Titel »Ung dum & desperat«; da alle Texte auf dänisch sind und kein Textblatt mit einer anderen Sprache beiliegt, kann man nur raten, was das heißt – aber die Übersetzung liegt ja nahe.

Hin wie her: starker Einstieg für diese Band. Ich hole mir auch die anderen EPs von denen. (Veröffentlicht wird das alles bei dem Label Gummopunx Records – das klingt schon mal nett.)

Märchenhaft-wunderschöne Kindergeschichte

Zu den Kinderbüchern, die eine phantastische Geschichte erzählen und die mich in jüngster Zeit echt begeisterten, zählt »Im Garten der Pusteblumen«. Verfasst wurde die Geschichte von Noelia Blanco, einer in Argentinien geborenen Autorin, die in Frankreich lebt und Kinderbücher verfasst. Die beeindruckenden Illustrationen stammen von Valeria Docampo, die ebenfalls aus Buenos Aires kommt und seit vielen Jahren für Kinderbuchverlage arbeitet.

Worum geht's in dem Buch? Um ein Tal, in dem es die Perfekten Maschinen gibt. Diese sind so perfekt, dass die Menschen sich nichts mehr wünschen müssen – alles ist perfekt, und die Maschinen befriedigen auf Knopfdruck alle Bedürfnisse. Alles versackt im drögen Einerlei, doch die Schneiderin Anna hat noch verborgene Wünsche.

Sie kommt in den Pusteblumengarten, sie trifft auf andere Menschen, und am Ende schafft sie es, dass sich die Windmühlen wieder drehen und die Menschen das Wünsche neu erlernen. Die Magie der Wünsche und der Worte wird in wenigen Sätzen erzählt, und sie berührt einen.

Dass wir uns klar verstehen: »Im Garten der Pusteblumen« ist ein Bilderbuch für Kinder, doch die doppelseitigen Illustrationen sind durchaus für Erwachsene spannend und ansprechend. Sie sind manchmal düster, sie vermitteln beeindruckende Stimmungen.

Es ist eine phantastische Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes, sie regt die Phantasie der Kinder an. Toll!

(Wer mir nicht glaubt, schaue sich die Internetseite des Mixtvision-Verlages an; dort steht sogar ein kleines Video zu dem außergewöhnlich schönen Buch zur Verfügung!)

28 September 2017

In La Bonne Auberge

Es ging ein feuchter Wind, als wir im September 2005 an der belgischen Küste entlangfuhren. Wir hatten nichts vorgebucht, wir waren »ganz spontan« unterwegs. Das mag zwar ganz romantisch sein, kann aber nerven, wenn man einen Pennplatz für die Nacht sucht. Ostende fanden wir ein wenig anstrengend und wenig ansprechend, also steuerten wir De Haan an; das Dorf sah ganz nett aus.

Viele Häuser wirkten, als seien sie aus der Zeit gefallen: Entweder hatte man sie in der modernen Zeit noch mal auf alt getrimmt, oder sie waren wirklich aus dem 19. Jahrhundert übrig geblieben. Die Dächer waren teilweise mit Reet gedeckt, die Fassaden der Häuser wirkten klassisch schön.

Wir fragten in zwei Gasthäusern, und in »La Bonne Auberge« bekamen wir das letzte Zimmer. Preiswert fand ich das nicht, aber die Lage war super, und die Zimmer hatten eine schöne Aussicht. Vom Gasthaus waren wir mit wenigen Schritten an den Dünen und damit an der Nordsee, die Restaurants des Ortes lagen ebenfalls in der Nähe.

Am Abend stromerten wir durch das Dorf, wir strandeten in einem Restaurant, wo wir lecker zu Abend futterten. Die Luft roch nach Salz und Fisch; für ein Landei wie mich war das recht exotisch. In der Dunkelheit bummelten wir am Strand entlang, die Dünen wie gestrandete Monstren in der Dämmerung.

Und später schlief ich wunderbar in unserem Zimmer, das Kreischen der Möwen und das Rauschen des Windes im Ohr. Nicht einmal der in der Nacht einsetzende Regen konnte meine prächtige Laune einbremsen.

27 September 2017

Ein zu derber Einstieg?

Gleich mehrere Menschen sprachen mich in Wolfenbüttel an; sie fanden den Einstieg in meinen Roman »Das blutende Land« zu derb. Den Einstieg kann man seit einiger Zeit im Internet lesen, die Leseprobe steht mit über vierzig Seiten zur Verfügung. »Das ist mutig«, sagte eine Person, während eine andere meinte, damit schlösse ich Leser aus.

»Die Gedärme des Schafs glitzerten im Licht der zwei Monde wie silbrige Würste, ineinander verschlungen und von einer Schicht aus getrocknetem Blut bedeckt.« So lautet der erste Satz meines Romans. Ja, das klingt nicht nett, aber es ist doch auch nicht brutal. Es geht nicht um einen ermordeten oder zerstückelten Menschen, wie man das bei vielen Thrillern heutzutage liest.

Es geht zudem damit weiter, dass ich meine Hauptperson vorstelle: »Sardev starrte in die flache Senke hinunter, auf den Haufen aus totem Fleisch, Blut und Knochen, als habe er noch nie ein geschlachtetes Tier gesehen.« Das finde ich jetzt nicht übermäßig brutal und auch nicht mutig.

Und: »Er sog den metallischen Geruch ein, der aus der Senke drang.« Soweit der erste Absatz des Romans.

Wenige Wochen, bevor mein Fantasy-Roman erscheinen wird, bin ich glatt ein wenig verwirrt. Klar wollte ich mit dem ersten Satz eine »Tonality« vorgeben, wollte damit sagen, dass hier keine lustige Zwergengeschichte kommt. Aber als brutal empfand ich das nicht. Vielleicht deshalb, weil ich auf einem Dorf großgeworden bin, wo man als Junge auch mal mitbekam, wie ein Tier geschlachtet wurde ...

26 September 2017

Was tun nach diesem Sonntag?

Viele Menschen haben sich in den vergangenen eineinhalb Tagen zur Bundestagswahl geäußert, viele von ihnen haben sehr kluge Sätze von sich gegeben. Manche waren staatsmännisch und äußerten nachvollziehbare Gedankengänge. Da ich kein Politiker bin, gibt's hier nur einige wenige Gedanken von mir, die mir seit dem Sonntagabend durch den Kopf gehen.

Erstens: Ich hatte mir kurzfristig überlegt, in eine Partei einzutreten, um meinen Unmut über die aktuelle Politik endlich sinnvoll zu kanalisieren. Aber mit diesem Gedankengang wurde ich anfangs 1983 ein Mitglied der SPD, war eifriger Juso und bin heute noch fassungslos darüber, wie lange ich das alles mitmachte.

Zweitens: Ich bin sicher nicht »unpolitisch«, sehe aber nirgends eine sinnvolle Partei oder Organisation, in die ich mich einbringen möchte. Ich mag die Sprüche nicht mehr hören, ich möge mich halt da engagieren, wo ich am meisten Übereinstimmung finde. Es kann keiner ernsthaft der Linkspartei zumuten, mich als Mitglied aufnehmen zu müssen.

Drittens: Wenn mir jetzt alle möglichen Leute sagen, 87 Prozent seien doch gegen die AfD-Nazis, so stimmt das nicht. 87 Prozent haben vielleicht nicht die AfD gewählt. Sie haben aber auch nichts gegen die AfD und andere Nazi-Gruppierungen getan. (Wie oft stand ich in Demonstrationen von 250 Leuten gegen die zweiwöchentlichen Nazi-Aufmärsche in meiner Heimatstadt? Das hat zumeist weder die CDU noch die SPD interessiert.)

Viertens: Wenn es eine Sprache gibt, die Nazis verstehen, so ist es die der Gewalt. (Meist üben sie die Gewalt aus ...) Die Geschichte belegt das eindrucksvoll. Ob die Gewalt verbal oder sportlich ausgetragen wird, ist durchaus diskussionswürdig. Aber der alte Spruch »Nazis aufs Maul« als Reaktion bekommt in meinen Ohren neuerdings viel Sympathie.

Fünftens: Vielleicht schaffen es die 87 Prozent, die angeblich so tapfer gegen Nazis sind, beim nächsten Mal ihre Hintern in Bewegung zu versetzen. Dann könnte man Aufmärsche und Aktionen der Rechtsradikalen blockieren, verhindern, stören oder sonstwie als schwierig gestalten. Wenn nicht 250 Leutchen gegen die Nazis stehen, sondern 2500 ... nur mal so angedacht ...

25 September 2017

Erster Rückblick auf die Eschbach-Tagung

Ich werde sicher noch einen genaueren Bericht schreiben, der die Details stärker würdigt. Hier und jetzt nur so viel: Die Tagung zu Andreas Eschbach an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel war spannend und unterhaltsam, sie enthielt tolle Vorträge und schöne Gespräche, und eigentlich hätte ich gern noch weiter mit den Autorinnen und Autoren geredet.

Ein wenig tat mir die Kollegin Kathrin Lange leid: Ihr Vortrag begann am Sonntagabend gegen 17.30 Uhr; ab 18 Uhr war es ein wenig unruhig im Raum. Manche Besucher starrten auf ihre Smartphones, andere redeten leise und aufgeregt miteinander, wieder andere stöhnten leise und unterdrückt auf. Trotzdem brachte Kathrin Lange ihren Vortrag über die »Enden« der Andreas-Eschbach-Romane mit Bravour zu Ende.

Beim gemeinsamen Abendessen gab es nur ein Thema: Die Bundestagswahl und ihre Folgen verdrängte die Literatur. Ich checkte zwischendurch Twitter und Facebook, telefonierte und trank ein schnelles Bier. Allgemein herrschte dann eine gewisse Betroffenheit – obwohl jeder erwartet hatte, dass das Ergebnis so ausgehen könnte, hatte doch jeder das Gegenteil erhofft.

Der Montag ging ein wenig angenehmer weiter, die Politik ließen wohl alle wie einen Grauschimmer hinter sich. Es gab noch drei Vorträge, darunter einen von mir, und gegen halb ein Uhr ging die Tagung in einer sehr positiven Stimmung zu Ende.

Ob Literatur angesichts solcher Entwicklungen noch wichtig ist, weiß keiner. Aber es freute zumindest mich, diese Zeit mit Kolleginnen und Kollegen zu verbringen, und ich nutzte diese Zeit, um mich nicht die ganze Zeit mit dem Hass mancher Nazis auseinanderzusetzen.

24 September 2017

Ich sah endlich Terrorfett

Die Band Terrorfett aus Karlsruhe hatte ich jetzt schon einige Male verpasst. Am Freitag, 22. September 2017, gelang es mir endlich, mit meinem Rad in die »Alte Hackerei« zu eiern, um mir die neue Punkrock-Hoffnung meiner Heimatstadt live anzuschauen. Präsentiert wurde bei der Gelegenheit im übrigen gleich die erste Langspielplatte der Band.

Als Vorgruppe stellten sich Auf Bewährung – wenn ich den Bandnamen richtig verstanden habe – auf die Bühne: Im Prinzip spielte die Band aus Leipzig einen sehr druckvollen Deutschpunk mit klaren Aussagen und vielen knackigen Melodien, bei dem die Gitarre gelegentlich in Emo-Geschepper abdriftete. Das meine ich nicht abschätzig, sondern positiv; die Band gefiel mir richtig gut, und ich werde mir von denen auch Tonträger besorgen.

Den Tronträger von Terrorfett nahm ich mir an diesem Abend gleich mit; die dreiköpfige Band, bei der der »Hackerei«-Chef persönlich trommelte, überzeugte mich mit ihrem knalligen Hardcore-Punk. Das klang musikalisch schwer nach dem frühen Ami-Hardcore, mit Stop and Go und schroffem Sound.

Textlich war man allerdings eher in Deutschpunkhausen unterwegs, was eine sehr gelungene Mischung ergab. Es wurde auch ein wenig gepogt, ich hüpfte altersgemäß ein wenig auf der Stelle. Die Band überzeugte, das klang alles sehr gut, und ich bekam mein breites Grinsen mal wieder nicht aus dem Gesicht.

Danach trank ich noch ein wenig Bier mit anderen Leuten, laberte viel zu viel, schaffte es aber trotzdem, die frisch gekaufte Schallplatte unfallfrei per Fahrrad nach Hause zu bringen. Ein gelungener Abend!

22 September 2017

Dragonbound zum ersten

Man kann mich mit Hörspielen mittlerweile echt »packen«, vor allem, wenn sie aus dem phantastischen Genre stammen. Entsprechend gespannt war ich auf »Dragonbound«; die Fantasy-Hörspielserie ist seit einigen Jahren recht erfolgreich und hat längst eingeschworene Fans. (Wer mehr über die Serie wissen will, checke die Website der Macher oder den kurzen und übersichtlichen Wikipedia-Eintrag.)

Ich hörte die erste Hörspielfolge, die als »Episode 1« vermarktet wird und den Titel »Drachenfeuer« trägt. Verantwortlich als Autor und Produzent ist Peter Lerf – ungeachtet meiner gleich kommenden Kritik bin ich von seiner Leistung sehr beeindruckt. Schließlich ist es nicht einfach, eine eigene Hörspielserie zu starten und auch einen langen Atem bei der Produktion und beim Vertrieb zu beweisen.

Die Handlung ist schnell erzählt: In einer nicht genau definierten Zukunftswelt arbeiten Wissenschaftler an einem Wurmloch, mit dem es offenbar möglich ist, durch die Zeit zu reisen. Lea, eine junge Frau, ist der erste Mensch, der sich dem Wurmloch anvertraut. Doch sie landet nicht in Paris, sondern in Chelandra, einer sehr typischen Fantasy-Welt. Dort wird sie schnell mit Magiern und Kritikern, mit fremdartigen Bösewichten und Drachen konfrontiert ...

Gut gemacht ist das Hörspiel, da kann ich nicht meckern. Die Sprecher sind professionell, die Geräusche überzeugen mich, die Geschichte läuft rasant ab; wenn man sich auf die Unlogik einer solchen Fantasywelt einlässt, macht das Ganze richtig Spaß. Man darf aber wirklich keine Sekunde lang nachdenken und sich fragen, wie die Welt eigentlich »funktioniert«.

Lea landet in einer fremden Welt – Sprachprobleme hat sie keine. Moderne Redewendungen benutzen die Einheimischen sowieso, recht schnell kann sie sich mit allen Gegebenheiten anfreunden. Sie lernt, mit dem Schwert zu kämpfen und auf einem Pferd zu reiten; sonderlich Verwunderung zeigt sie nicht.

Als Charakter ist sie eh seltsam, geradezu alterslos. Sie verhält sich wie ein Teenager, stolpert ahnungslos durch die Geschichte und schwärmt von einem Krieger; gleichzeitig soll sie aber eine Wissenschaftlerin sein.

Wenn man über solche Dinge hinweghören kann, ist das Hörspiel aber unterhaltsam.

Ich fand den Stil durchaus schwierig; hier hat sehr oft die Hand eines Lektors gefehlt. Man merkt, dass der Autor sich selbst produziert hat. Die Sätze sind voller Adjektive, die Dialoge wirken selten so richtig stimmig. Man hätte straffen müssen und gleichzeitig an einigen Stellen die dringend nötige Logik einarbeiten – dann wäre das ein richtig gutes Hörspiel geworden.

Wer sich aber »einfach nur unterhalten« möchte und auch kein Problem mit gedruckter Fantasy-Einheitsware hat – was ich völlig okay finde –, für den könnte »Dragonbound« ein großer Spaß sein. (Und ich werde bei Gelegenheit das zweite Hörspiel in den CD-Player legen ...)

21 September 2017

Ein Textlein zum Thema Papier

Am 4. November 1980 schrieb ich einen Text mit dem Titel »Papier«. Ich betrachtete das als Gedicht, und wenn man den Text mit dem Abstand vieler Jahre anschaut, fällt auf, wie sehr ich damals experimentierte und nach meiner eigenen Form suchte.

Verfasst wurde der Text in konsequenter Kleinschreibung; das las man damals häufig in kleinauflagigen Literaturzeitschriften und auch politischen Schriften, die sogar an der Schule kursierten. (Wobei ich zu jener Zeit bereits meine Lehre als Bürokaufmann angefangen hatte, die mich unendlich frustrierte.) Trotzdem hielt ich mich an Absätze, versuchte dadurch, den Text sinnvoll zu gliedern.

Manche Formulierungen setzten auf den Effekt; wenn ein 16 Jahre alter Jugendlicher in einem Gedicht die Worte Arsch und Arschloch benutzt, kann man das nicht anders nennen. Manche Formulierungen gingen weiter: » wieviel worte / verschluckt eine weiße fläche / bis sie es nicht / mehr ertragen kann.«

Am Ende erklärte ich den Text sogar gewissermaßen. Ob Papier als Synonym herhalten könne, ob das ein schlechter Vergleich sei. Angehende Lyriker, die ihre Texte erklären – das allerdings war 1980 sicher mehr als modern ...

20 September 2017

Ein Ständchen zum fünfhundertsten!

Es gibt wenige Comics aus dem deutschsprachigen Raum, die über einen längeren Zeitraum hinweg funktionierten und vor allem auch breitere Leserschichten ansprechen konnten. Ausgerechnet ein Heft aus der ehemaligen DDR hält sich im enger werdenden Markt für »Kinder«-Zeitschriften – es ist das »Mosaik«. Der Erfolg kommt sicher daher, dass genügend Altleser wie ich immer noch jeden Monat das Heft kaufen.

Im August feierte das Heft einen runden Geburtstag; die Ausgabe 500 kam in den Handel. Das ist eine respektable Leistung, die meiner Ansicht nach viel zu wenig gewürdigt wurde. Auch von mir – und das muss hiermit nachgeholt werden.

Ich kannte das »Mosaik« schon in den 80er-Jahren, las es aber nicht regelmäßig. Irgendwann in den 90er-Jahren, also nach der sogenannten Wiedervereinigung, schloss ich ein Abonnement ab, das ich bis heute nicht bereut habe. Klar ist »Mosaik« ein Heft, dessen Comics sich an Kinder richten – aber es ist mit meiner Raketenheftchenserie in mancherlei Hinsicht vergleichbar, was die Langlebigkeit und die vielen Wechsel angeht.

In der aktuellen Handlung geht es um Wittenberg und die Situation vor ziemlich genau 500 Jahren, um Martin Luther und andere Figuren, die man aus dem Geschichtsunterricht oder aktuelle Diskussionen kennt. Die Zeichnungen sind stets gefällig, die Geschichte wird flott erzählt, wenngleich ohne allzugroße Überraschungen – die drei Abrafaxe, also die Comic-Helden des Heftes, springen durch die Geschichte und erleben allerlei Abenteuer.

Damit hatten die Zeichner und Autoren schon im Januar 1976 angefangen, zu finsteren DDR-Zeiten also. Die Serie spielte seitdem in unterschiedlichen Zeiten und Weltregionen, enthielt immer historisch korrekte Details und wissenschaftlich fundierte Beilagen, erzählte stets munter und ideologiefrei.

Dass es so ein Heft auch heute noch gibt, vor allem nach all dem Verlags-Hickhack, grenzt wirklich an ein Wunder. Dafür allein ist schon den drei Abrafaxen zu gratulieren. Und dem Team, das heute für das »Mosaik« verantwortlich ist – nachträglich sage ich noch herzlichen Glückwunsch!

19 September 2017

Eine Leseprobe mit mehr als vierzig Seiten

Es sind nur noch wenige Wochen, bis mein Roman »Das blutende Land« bei Droemer Knaur erscheinen wird. Es ist sicher nachvollziehbar, dass ich einigermaßen nervös bin: Wie kommt das Buch an? Wie bringt es der Verlag in die Läden? Wird es überhaupt gekauft, und mögen es die Leser überhaupt?

Dass es eine längere Leseprobe zu meinem Buch geben würde, wusste ich. Dass sie uneinheitlich platziert werden würde, wundert mich. Aber man kann sie unter anderem auf der Seite von »buch.de« finden und sich dort dann durchklicken. Bei anderen Online-Shops habe ich sie bislang nicht gefunden.

Insgesamt stehen vierzig Seiten zur Verfügung – okay, man muss das Impressum und dergleichen abziehen. Aber wer mag, kann jetzt den Prolog meines Romans lesen, in dem die Hauptfigur eingeführt wird, ebenso die Kapitel eins und zwei, in denen weitere Hauptfiguren in die Handlung gebracht werden. Es gibt auch einen direkten Link zu dieser Leseprobe ...

Wer sich einlesen will, möge das tun. Es gibt in diesem Roman keine Orks und keine Elfen, keine Riesen und keine Zwerge, nicht einmal Drachen, wenn ich es mir richtig überlege. Die Leseprobe könnte einen ersten Eindruck vermitteln; ansonsten müssen sich die Leser bis Anfang November 2017 gedulden.

18 September 2017

Auf der FLYING HORSE

Der Fernseher war auf Hochtouren aufgedreht, ein Fernsehprediger in viel zu eng sitzendem Anzug schrie auf uns ein. Ich vermutete zumindest, dass es ein Prediger war, denn mein Kisuaheli war auch nach vier Wochen in Tansania noch nicht wirklich gut geworden.

Er war laut, er fuchtelte mit den Händen, und immer wieder glaubte ich, das Wort »God« zu verstehen. Aber vielleicht war es auch ein Politiker. Ich war zu zermatscht, um mir darüber zu viele Gedanken machen zu wollen.

An diesem Abend war mir alles zu laut und zu heiß. Ich saß in der FLYING HORSE, der Fähre zwischen Sansibar und Dar-es-Salaam; meine Rückreise nach Deutschland war nur noch eine Frage von wenigen Tagen. Und eigentlich hätte ich gern geschlafen, aber es war kaum machbar. Das Schiff war voll, der Lärm zu laut.

Anfangs hielt ich mich auf dem Oberdeck auf, an der frischen Luft. Ich sah zu, wie das Schiff den Hafen von Stone Town verließ, wie die Häuser in der Dämmerung zurückblieben und wir auf den Indischen Ozean hinausfuhren.

Mir fiel nach einiger Zeit auf, dass ich der einzige Europäer auf dem Oberdeck war, aber das störte mich nicht. Ich saß mit meinem Seesack auf einem unbequemen Plastikstuhl und überlegte mir, ob ich auf dem Deck schlafen konnte. Viele Einheimische errichteten bereits ihre Lager; sie hatten wohl nicht die romantischen Empfindungen, die ich als Tourist angesichts der warmen Brise und der salzigen Luft hatte.

Dann kam ein Angestellter, erkennbar an seiner Uniform, und scheuchte mich ins Untergeschoss, in die erste Klasse. »Sie sind Europäer, Sie haben einen hohen Preis für die Überfahrt bezahlt«, belehrte er mich. »Für Sie gibt es bessere Plätze.«

Das Untergeschoss war stickig, aber immerhin gab es Matratzen. Ich reservierte mir eine, konnte aber nicht schlafen, weil der Fernseher so laut plärrte. Also ließ ich meinen Seesack zurück, kaufte mir an der Bar ein Bier und schaute eine Zeitlang das Programm an.

Der Prediger war schlimm, die afrikanische Soap-Opera danach noch schlimmer. Die Kulissen waren schlicht, die Kameraführung wirkte dilettantisch, die Schauspieler agierten steif und wenig engagiert – aber die Zuschauer waren fasziniert und starrten auf den Bildschirm. Das kam offenbar an; vielleicht weil die Serie im Gegensatz zu den üblichen Kinofilmen weder indisches noch westliches Leben wiederspiegelte, sondern aus einem afrikanischen Land stammte.

Aber vielleicht sind deutsche Soap-Operas ebenso schrecklich, überlegte ich. Da ich keinen Fernseher besaß, konnte ich das nicht beurteilen. In vier Wochen Tansania hatte ich mehr ferngesehen als in vier Jahren Deutschland, allerdings nicht gerade freiwillig.

Irgendwann hatte ich meine Bierflasche geleert und legte mich auf die Matratze. Ein Action-Film kam, einer von den Streifen mit viel Geballer und Schlägereien, die ich in fast allen Bussen im Land gesehen hatte. Ob er aus Shanghai oder Hongkong, aus Japan oder Korea stammte – es war mir gleichgültig: Die Schauspieler wirkten asiatisch und rückten sich mit allen nur erdenklichen Schlag- und Schusswaffen zu Leibe.

Das Bier zeigte Wirkung, die warme Luft ebenso wie das sanfte Schaukeln der Fähre, die sich mit langsamer Fahrt durch den Ozean bewegte. Das letzte, was ich an diesem Abend an Bord der FLYING HORSE wahrnahm, war eine Schießerei im Video; dann schlief ich ein und verließ in tiefem Schlummer die Gewässer von Sansibar.

17 September 2017

Ein phantastisches Skizzenbuch

Man muss kein Fan des Historiencomics »Murena« sein, um zu erkennen, wie genial das Skizzenbuch dazu ist. Es erschien im Rahmen der Reihe »10 Jahre Splitter« als wunderschöner Prachtband und überzeugt durch herrliche Bilder in Farbe sowie in Schwarzweiß.

Der Comic spielt im »alten Rom«, soviel kann man wissen, ohne wirklich die Geschichten zu kennen. Die Motive sind entsprechend: Es gibt viel Erotik zu bestaunen, halbnackte oder ganz nackte Frauendarstellungen, durchaus auch halbnackte Männer, die viel Muskeln zeigen. Das ist alles lebensecht gezeichnet, in einem Stil, der weniger voyeuristisch als realistisch ist.

Generell finde ich die Art und Weise, wie in diesem Skizzenbuch die Figuren präsentiert werden, sehr beeindruckend. Gesichter wirken ausdrucksstark, Action sieht glaubwürdig aus, jede Faser an einem Körper hat den Anschein, als entstamme sie der Wirklichkeit. Viele Bilder lassen einen Betrachter erstaunen, man guckt sie an und ist verblüfft.

Das »Murena-Skizzenbuch« präsentiert Comic-Zeichnungen auf einem hohen Niveau. Sogar die »Fingerübungen« wirken – obwohl sie mit leichter Hand »hingemalt« wurden – fast schon perfekt. Tolles Buch!

Wobei es einen traurigen Hintergrund hat. Philippe Delaby, der belgische Schöpfer all dieser Zeichnungen, starb im Januar 2014; er wurde gerade einmal 53 Jahre alt. Zusammen mit Jean Dufaux, der die Texte schrieb, war er für den großen Erfolg von »Murana« verantwortlich. Selbst wer die Geschichten zu hart fand, konnte nur wenig am künstlerischen Anspruch der Zeichnungen auszusetzen haben.

So ist das Skizzenbuch ein schöner, wenngleich trauriger Rückblick auf einen Künstler, der ein faszinierendes Werk hinterließ. (Auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages kann man sich einige der Seiten anschauen.) Das Buch ist übrigens auf 1111 Exemplare limitiert!

16 September 2017

Lesung im Pfälzer Wald

Da ich nicht tätowiert bin und keine Piercings trage, schaue ich eher selten in Tattoo- und Piercing-Studios vorbei. Am Freitag, 15. September 2017, war das allerdings ganz anders: Ich absolvierte eine Lesung in »Piiix-Tattooart« in Münchweiler.

(Wer den Ort nicht kennt, braucht sich nicht zu grämen – obwohl ich daran im Verlauf der Jahrzehnte oft vorbeigefahren war, hatte ich dort nie angehalten. Er gehört zum Einzugsbereich von Pirmasens und liegt im südlichen Rheinland-Pfalz, rund 75 Kilometer von Karlsruhe entfernt.)

Das Studio erwies sich als eine Reihe schöner Räume, neu gestaltet und in einem Wohngebiet von Münchweiler liegend. Ich wurde sehr freundlich empfangen, mit Pizza und Bier versorgt, und weil sich eh schon alle kannten und durcheinander redeten, wurde ich recht schnell in eine Reihe von ständig wechselnder Gespräche verwickelt.

Das hätte man ja eigentlich den ganzen Abend so fortsetzen wollen, aber irgendwann begannen wir doch mit dem Programm. Ein wenig mehr als zwei Dutzend Leute saßen auf Stühlen und Bänken, und die »Vorgruppe« begann: Andreas Cräck las zwei Kurzgeschichten, die er in Fanzines wie dem »Pankerknacker« veröffentlicht hatte.

Danach war ich dran; ich las diverse Texte aus dem Buch »Für immer Punk?«, bekam viel Gelächter an den richtigen Stellen zu hören und erntete Applaus und Gelächter. Die versammelte Runde war sehr lustig, es mangelte weder an Zwischenrufen noch an launigen Bemerkungen. Entsprechend schnell raste die Zeit vorüber.

Als Zugabe las ich noch eine Science-Fiction-Geschichte, weil sich die Veranstalter als SF-Fans herausgestellt hatten; da herrschte dann fast andächtiges Schweigen. Ich verließ Münchweiler in einem absolut positiven Gefühl, geradezu euphorisiert. Nicht einmal der streckenweise fiese Nebel auf den Landstraßen im hügeligen Pfälzer Wald konnte mich da ernüchtern. Ein schöner Abend!