28 Juli 2015

Morde von Rechts

Wenn man sich manchmal die Nachrichten so anhört und anguckt, kommt man aus dem Staunen nicht raus. Da haben also irgendwelche Polizisten und Ermittler die vielen ungeklärten Morde der letzten 25 Jahre angeguckt und festgestellt, dass bei dem einen oder anderen Mord ein rechtsradikaler Hintergrund nicht auszuschließen ist.

Ooops. Nazis bringen Leute um? Ganz was neues.

Und das tun sie auch außerhalb des NSU? Das ist ja noch verblüffender.

Dabei hatte man uns zuletzt doch schön eingeredet, dass nur der NSU mordete, während die anderen Nazis brav ihren Nazidreck in Form von Demonstrationen, Hassbotschaften im Internet und Propagandaaufklebern verbreiten.

Die töten auch, die tun nicht nur so? Da sind die braven Polizisten, Journalisten und Politiker völlig baff.

Seit der Wiedervereinigung wurden zahlreiche Menschen von anderen Menschen umgebracht, weil sie nicht in deren Weltbild passten. Punks wurden von Boneheads totgetreten – die Polizei stellte fest, dass es sich um unpolitische Bandenkriege handelte. Ausländer wurden durch die Straßen gehetzt und starben – die Polizei stellte fest, dass es sich um eine unpolitische Schlägerei handelte.

Schwule, Behinderte, Obdachlose, Ausländer, Punks, Hiphopper, Skater – die Liste der Opfer ist lang. Es gibt seit den 90er-Jahren entsprechende Auflistungen. Das Thema ist bekannt. Nur wollte in der Politik niemand etwas davon wissen. Weil: Was nicht sein darf, kann nicht sein.

Jetzt aber hat man festgestellt, dass der eine oder andere Mord doch ein rechtsradikales Motiv hatte. Wahrscheinlich schrie der Täter dabei lauthals »Sieg Heil!« oder posierte anschließend mit dem Deutschen Gruß. Sonst würde die Polizei doch nie darauf kommen, dass eine rassistische Mordtat einen rechtsradikalen Hintergrund hat ...

Ganz ehrlich: Manchmal möchte ich nur noch kotzen, wenn ich die Nachrichten angucke.

27 Juli 2015

Kritisch-wissenschaftlicher Blick auf die Schuldenkrise

Staatsschulden sind seit einigen Jahren ein Thema, das alle beschäftigt – davor hatte es so gut wie niemanden interessiert, dass die Schuldenberge überall immer weiter wuchsen. In seinem Sachbuch »Die Billionen-Schuldenbombe« erklärt Daniel Stelter die Hintergründe, unterstützt unter anderem durch den Thriller-Autor Veit Etzold sowie Ralf Berger und Dirk Schilder.

Der Untertitel des Buches sagt schon viel über den eigentlichen Inhalt aus: »Wie die Krise begann und warum sie noch lange nicht zu Ende ist«. Stelter, der von seinem Verlag als »Finanzkrisenexperte« vorgestellt wird, verdient sein Geld als Journalist und Sachbuchautor; er schreibt seit Jahren über Wirtschaftsthemen und ist in der Lage, komplexe Sachverhalte so darzustellen, dass zumindest der interessierte Laie sie versteht.

Ohne Vorkenntnisse hat man allerdings wenig Chancen, das Buch mit Genuss zu lesen – soviel sei vorgewarnt ... Stelter erzählt, wie die Schulden in den westlichen Industrieländern entstanden sind, wie sie sich gesteigert haben und wie es ab 2008 zur aktuellen Schuldenkrise kam. Diese ist noch lange nicht vorüber, und das liegt beileibe nicht nur an Griechenland allein.

In seiner Analyse ist Stelter sehr klar und direkt. Mit vielen Statistiken untermauert er die Fakten, es gibt zudem einen umfangreichen Anmerkungen-Teil. Wer will, kann das also alles im Detail nachlesen.

Aus aller Analyse resultieren für Stelter und seine Koautoren eine Reihe von Entscheidungen, die getroffen werden sollten. Das ist dann sehr spannend, weil er Entscheidungen fordert, die nicht jeder mag – ein späteres Renteneintrittsalter beispielsweise.

Stelter ist ein Autor, der nicht in allgemeine Schuldzuweisungen verfällt. Das finde ich gut. Gut finde ich darüber hinaus, dass er nicht in ein Links-Rechts-Schema einzuteilen ist. Manche seiner Vorschläge würden eher als »links« betrachtet werden, manche wären für die Gewerkschaften und die »linken« Parteien nur schwer zu schlucken.

Aber vielleicht muss man so an die Krise rangehen: nicht ideologisch, sondern pragmatisch. Und das heißt, dass man sich anguckt, woher die Schulden kommen und wie man ihnen sinnvoll begegnen kann. Leider ist nicht damit zu rechnen, dass bei den Politikern und Wirtschaftsfachleuten diese Weisheit in absehbarer Zeit ankommen wird ...

Das macht das Buch aber umso lohnender: für die eigene politische Meinung ebenso wie für den Hintergrund. Es ist sogar als Nachschlagewerk brauchbar, finde ich – und bei der nächsten »großen Krise« kann ich's wahrscheinlich gleich noch mal lesen.

Erschienen ist das Buch bereits im Frühjahr 2013. Dass es immer noch so aktuell ist, finde ich geradezu erschütternd. Ich habe mir die Hardcover-Version besorgt, es gibt aber auch ein E-Book. Und verlegt wurde es von Wiley-VCH in Weinheim, auf deren Internet-Seite sich einige weitere Informationen zum Buch finden.

24 Juli 2015

Peter im OX 120

Ich weiß selbst, dass man in diesen Tagen in den Räumlichkeiten der OX-Redaktion eifrig an der Ausgabe 121 werkelt. Die Nummer 120 liegt seit Wochen vor, aber ich habe es bislang versäumt, ein wenig über meinen »Peter Pank«-Beitrag zu schreiben. Das hole ich heute endlich nach ... nachdem ich diese Woche die aktuelle Fortsetzungsgeschichte geliefert habe.

Veröffentlicht wurde die Folge 56, erneut geht es um den Dauerkonflikt des Helden mit den Wirren des Alltags. Immerhin hat Peter Meißner alias Peter Pank endlich einen Plan – und mit diesem beginnt er in der aktuellen Folge. Wie dieser Plan aufgelöst wird und ob überhaupt alles klappt, das ist dann sicher Thema für weitere Fortsetzungen.

Direkt-Link zur OX-Ausgabe: http://www.ox-fanzine.de/web/aktuelles_ox.217.html

23 Juli 2015

Nach vierzig Jahren Pause

Wie ich der Jubiläumsausgabe 250 des Fanzines »Andromeda Nachrichten« entnehmen kann, hört Hermann Urbanek auf. Der Hinweis findet sich ein wenig versteckt im Innenteil, mir stach er dennoch geradezu ins Auge: 1975 hatte der Science-Fiction- und Fantasy-Experte die Rubrik »Literatur« in diesem Fanzine übernommen, im Jahr 2015 streicht er die Segel.

Ich ziehe meinen Hut vor dieser respektablen Leistung. Als ich Ende der 70er-Jahre meine ersten Kontakte zur Science-Fiction-Suchte suchte – und dann auch fand –, war Hermann Urbanek schon ein »alter Hase«. Seine Sachkenntnis beeindruckte mich, viele seiner Artikel und Buchbesprechungen waren für mich damals wichtig und wegweisend. Er schrieb für Bücher und Magazine, er kannte sich richtig gut aus.

Das gilt heute ebenfalls; nach wie vor schreibt er, liest er, sammelt er, ist im persönlichen Gespräch stets ruhig, verbindlich und höflich, strahlt einen guten Humor und viel Sachkenntnis aus und wirkt bei alledem nie abgehoben. Wer mehr als vier Jahrzehnte seiner Begeisterung für die phantastische Literatur in derart positiver Weise ausdrückt, ist in gewisser Weise besessen – wobei die Besessenheit eine positive ist.

Wobei ich ja sicher bin: Man wird von Hermann Urbanek nicht zum letzten Mal gelesen haben. Vielleicht hat er jetzt Zeit, mal ein Buch über eines der »großen« Themen der SF und Fantasy zu schreiben; eine vernünftige Geschichte der deutschsprachigen Fantasy-Szene fehlt beispielsweise ...

22 Juli 2015

Einige Sätze zu Griechenland

Ich bin ja nur der Sohn eines einfachen Arbeiters, komme vom Land und habe nie studiert. Also sind mir komplizierte politische Vorgänge meist zu komplex. Aber wenn ich mir die Rettungspolitik und das Brimborium rings um Griechenland so anschaue, stelle ich mir halt meine Fragen.

Da ist also ein Land, das schlecht gewirtschaftet hat und voller Schulden steckt. Um dem Land zu helfen, hat man seinen Bewohnern ein Programm verordnet, das seit fünf Jahren andauert. Im Verlauf des Programms stiegen die Armut und die Arbeitslosigkeit, die Wirtschaft brach ein, und Steuern zahlte praktisch keiner mehr.

Damit das Land wieder auf die Beine kommt, werden die sogenannten Maßnahmen noch weiter verschärft. Das soll also helfen, sagt man uns, damit die »Pleitegriechen« nicht unser hart erarbeitetes Geld verschwenden.

Wenn also ein Rentner nur noch halb so viel Rente erhält, floriert nach dieser Logik die Wirtschaft. Wenn ein Student weiß, dass er hinterher keine Arbeitsstelle bekommt, wird er sich nach dieser Logik noch mehr anstrengen. Und ein Unternehmer, dessen Kunden kein Geld mehr haben, wird zu horrenden Bedingungen neue Kredite aufnehmen, um zusätzlich zu investieren.

So »alternativlos« stellen sich das unsere Politiker vor. Ich habe ja nicht so viel Ahnung wie die, ich hab' ja nicht studiert, weder Jura noch Politikwissenschaften oder was immer die Politiker so auf der Uni zusammenstudiert haben. Aber dass die eben geschilderte Rechnung nicht aufgeht – dafür brauche ich kein Studium.

HWS aus Coburg auf Vinyl

Irgendwann in den Nullerjahren taten sich vier junge Männer aus Coburg zusammen; seither machen sie unter dem Namen HWS ihren Punkrock. Ich habe ihre EP »Lost In Shanghai« angehört und finde sie ziemlich gut; eine echte Empfehlung – drei Stücke, die einfach gut ins Ohr gehen.

Vom Tempo bleibt die Band im Mittelfeld, man prügelt nicht wild drauflos. Die Musik ist melodisch und mitreißend zugleich; die rauhe Stimme des Sängers trägt die Stücke vor allem. Das ist alles in allem sehr emotional, ohne dass es Emoore oder Emopunk wäre. Vor allem das Titelstück der Platte geht gut ins Ohr.

Auch die Stücke auf der B-Seite gefallen mir, sie sind schneller und knackiger, wenngleich es immer noch kein Hochgeschwindigkeits-Punk wird. Die Gitarre singt geradezu, ohne dass es irgendwie hardrockig wird.

Ein gelungener Vinyl-Start der Band, von der es davor nur eine »Digital-Platte« im Internet zum Anhören gab!

21 Juli 2015

Deutsche Männer, halbnackt

Wenn ich an mir hinuntersehe, stelle ich fest, dass sich zwischen Brustbein und Kniescheibe etwas wölbt, das für meinen Geschmack zu viel an Wölbung ist. Anders gesagt: Ich habe einen Bauch. Der ist nicht sonderlich schlimm, weil ich in meiner Altersgruppe zum »guten Durchschnitt« zählen dürfte. Aber ich finde, dass es zu viel des Guten ist.

Deshalb weiß ich auch, dass es sinnvoll ist, mit bekleidetem Oberkörper auf die Straße zu gehen. Ich möchte den Menschen den Anblick meines weißen Bauches ersparen; es genügt, dass man ihn durchs T-Shirt hindurch wahrnehmen kann.

Das sehen allerdings andere Männer ganz anders. Und so sehe ich immer wieder, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, echte Prachtexemplare, die ihre nackten Oberkörper der Öffentlichkeit präsentieren.

Ganz ehrlich: Schön ist meistens anders.

Ich verliere gelegentlich die Fassung, wenn ich besonders sportliche Männer sehe. Deren Bäuche sind so groß und ihre Rücken sind so gebeugt, dass der Bauch gewissermaßen auf der Fahrradstange abgelegt werden kann. Ein solcher Anblick müsste eigentlich durch irgendwelche Konventionen und militärische Absprachen verboten werden ...

20 Juli 2015

Spannung in der Triton-Passage

Als Jugendlicher liebte ich die »Mark Brandis«-Romane, als Erwachsener finde ich die »Mark Brandis«-Hörspiele richtig klasse. Sie setzen den Charakter der spannenden Science-Fiction-Romane in beeindruckende Akustik-Erlebnisse um. Das gilt auch für die Folge 23, die ich dieser Tage hörte und die den Titel »Triton-Passage« trägt.

Der Titel ist ein wenig irreführend, weil Triton – also der Mond des Planeten Neptun – keine sehr große Rolle spielt. Okay, der Raumfahrer Mark Brandis und seine Leute müssen auf dem Triton notlanden; ansonsten handelt es sich aber vor allem um eine Rettungsmission im All. Die wird mit viel Elan und extrem spannend erzählt.

Was ich bei diesem Hörspiel besonders toll finde: Eigentlich geht es ständig um technische Probleme. Steuerdüsen funktionieren nicht, die Sauerstoff-Versorgung stottert, das Raumschiff steckt in Schwierigkeiten.

Das alles wird aber so unterhaltsam erzählt, weil immer Menschen handeln, weil es immer um emotionale Konflikte geht, durch die jede Szene vorangetrieben wird. Die Angst und Verzweiflung der Raumfahrer, ihre Streitereien, das Gerangel um Kompetenzen und Ziele – das alles wird in diesem Hörspiel durch packende Dialoge, hervorragende Sprecher und unterstützende Geräusche so präsentiert, dass ich extrem gefesselt war.

Ein tolles Hörspiel, das ich allen Science-Fiction-Fans nur empfehlen kann. Meiner Ansicht nach ist es auch ohne jegliche Vorkenntnisse gut verständlich – und auf der Internet-Seite des Verlages gibt es eine schöne Hörprobe. Checkt das mal an!

17 Juli 2015

Lob aus dem Multiversum

Als »ausdrucksstarke Antikriegsnovelle« lobt Christina Hacker in ihrem Blog »Christinas Multiversum« meinen Fantasy-Kurzroman »Der Schatten des Friedens«. Dieser ist in diesem Sommer als E-Book sowie als Hörbuch im Verlag in Farbe und Bunt neu erschienen, und selbstverständlich freut mich so ein Lob sehr.

Wobei die Rezensentin durchaus ihre Probleme mit dem Text hat: »Hier wird nichts verklärt, im Gegenteil es fühlt sich alles erschreckend echt an.« Die »nicht enden wollenden Gewaltexzesse im Laufe der Handlung« führten dazu, dass sie sich als Leserin zunehmend distanzierte, »um die Lektüre erträglich zu machen«.

Sie sieht die Geschichte als »unbequem« an, und das ist sie sicher auch. Mal schauen, ob ich es mal hinbekomme, eine Fantasy-Geschichte zu schreiben, die ein wenig »netter« daherkommt ...

16 Juli 2015

Swing-Punk in den 90er-Jahren

Ich weiß noch, wie cool und gleichzeitig überraschend ich es in den 90er-Jahren fand, als auf einmal altgediente Punkrocker ihr Herz für den ollen Swing entdeckten. Die Royal Crown Revue aus Kalifornien war die erste Band, die diesen Stil ins Hier und Jetzt brachten und eine Art Swing-Punk entwickelten.

1999 brachte das Label Frankie Boy Records den wunderbaren Sampler »Swing On The Wild Side« heraus, der mich begeisterte. Als ich ihn dieser Tage mal wieder anhörte, lief er tagelang im CD-Player des Autoradios. Grund genug, diesen absolut gelungenen Sampler endlich auch einmal an dieser Stelle vorzustellen.

Viele von den Bands sind heutzutage schon gar nicht mehr bekannt. Die Mixtur aus Punk und Swing blieb irgendwie eine kurze Epoche; derzeit stehen viele Leute auf die Swing-Mixturen mit HipHop oder Elektro, die offenbar tanzbarer und deshalb beliebter sind. Von einigen der damaligen Bands wie etwa den Dino Martinis oder Hipster Daddy-O gab's auf jeden Fall auch Schallplattenproduktionen, die hierzulande ebenfalls von Frankie Boy Records lizenziert wurden.

Die Musik ist auf jeden Fall klasse. Schwungvolle Rhythmen, mit viel Spaß zelebriert, schnell und schlagzeuglastig, nicht so sauber gespielt wie in der klassischen Swing-Zeit, sondern immer mit einer tüchtigen Punkrock-Note.

Da kratzt die Stimme des Sängers zwischendurch einmal, da wird nicht nur »schön« gesungen, sondern auch mal gebrüllt; da knallen die Gitarren, da poltert das Schlagzeug. Der Rhythmus bleibt derselbe, die Linie ist Swing – aber er klingt definitiv mehr nach Punk als manche MelodyCore-Band, die mich in den späten 90er-Jahren langweilte.

Die Platte ist super, sie begleitet mich schon seit vielen Jahren und hat manche Autofahrt trotz Stau positiv gestaltet. Das wird sie wohl auch in den folgenden Jahren tun: Mit »Swing On The Wild Side« bleibt die schlechte Laune weg.

15 Juli 2015

Nazis gegen Nazis

Auf die regelmäßigen Aufmärsche der Nazis in der Innenstadt von Karlsruhe reagiere ich mittlerweile immer hilfloser. Sie nennen sich jetzt »Widerstand« und nicht mehr »Pegida«, was an ihren hasserfüllten Parolen nichts ändert.

Es war auch am Dienstag, 14. Juli, wieder ein eher kleiner und vor allem sehr erbärmlicher Haufen, der zwischen Polizeisperren hindurchgeschleust wurde. Die Geschäftsleute lehnen sie ab, die Demonstranten brüllen ihnen von überall ihren Abscheu entgegen, und sie glauben nach wie vor, für die »Mehrheit« zu sprechen.

Weil ich arbeitete, nahm ich an der Gegendkundgebung nicht teil; ich ließ mir aber berichten, was passiert war. Diesmal war's wohl besonders lustig: Die Nazis brüllten »Nazis raus!« Ich hätte mich weggeworfen vor Lachen, wäre ich dabei gewesen.

Nach der Pegida-Logik sind ihre Anhänger die »bürgerliche Mitte«, während die Gegner ihrer Hass-Aufmärsche ja »Antifanten«, die »rote SA« oder »vom Staat bezahlte Jugendbanden« sind. Wer sich die von Angst und Hass zerfressenen Aussagen anschaut, die Pegidioten auf ihren jeweiligen Facebook-Seiten hinterlassen, kann sie irgendwie verstehen.

Für mich sind diese Leute ein Fall für den Psychiater. Eigentlich tun sie mir leid. Aber ihre Aufmärsche und der Aufwand, der ihretwegen betrieben werden muss, machen mich echt hilflos.

14 Juli 2015

Kulturell in Karlsruhe

Dass ich in einer Stadt wohne, in der sich in punkto Kultur alles mögliche tut, weiß ich schon lange. Am Samstag, 11. Juli 2015, fiel mir das besonders auf – ich nahm auch einiges davon mit. Bei strahlend schönem Wetter war ich mit dem Fahrrad unterwegs, um mir am frühen Abend einiges anzuschauen.

Auf der Hirschbrücke, in deren Nachbarschaft ich vor über 15 Jahren noch gewohnt hatte, wurde an diesem Abend eine Reihe von Lesungen veranstaltet. Die Brücke war für den Autoverkehr gesperrt, es standen Bänke und Lesebühnen herum, dazwischen gab es einen Buchladen im Zelt.

Ich bekam die Lesung von Wolfgang Fleischhauer als einzige mit; mehr war zeitlich nicht möglich. Der in Karlsruhe lebende Autor ist recht bekannt, er las aus seinem aktuellen Roman »Drei Minuten mit der Wirklichkeit«.

Da es darin um den Tango geht und auch eine Reise nach Argentinien thematisiert wird, ließ er sich in den Pausen von einem Paar unterstützen, das auf der Bühne einen Tango präsentierte. Eine schöne Idee, die vom rund 80 Köpfe umfassenden Publikum mit viel Applaus bedacht wurde.

Von der Literatur zum Punk: In der Südstadt war an diesem Abend das Werderstraßenfest. Durch die Auswahl der Bands war es in diesem Jahr sehr punkrocklastig, was sich auch im Publikum zeigte. Ich kannte viele Leute, unterhielt mich mit vielen, trank zwei Bier – davon war eines schön lauwarm ... – und futterte einen veganen Burger.

Die Band Scheiße Die Bullen lärmte auf der Bühne herum. Die Hamburger knallten ihren bollernden Deutschpunk in die Menge, die sich bei der Hitze eher sparsam bewegte. Musikalisch war's mir unterm Strich zu schlicht, das bollerte halt vor allem wie blöd; textlich war die Band mit ihrem Polit-Punk ganz in Ordnung.

Auf die Kaput Krauts hatte ich mich die ganze Woche über gefreut, leider hatte ich dann doch ein Zeitproblem. Ich bekam den Anfang des Auftrittes hin, den die Jungs aus Berlin hinlegten: knalliger Deutschpunk mit schlauen und ironischen Texten, das war schon alles sehr cool. Aber leider musste ich weiter.

Am Café Bleu traf ich mich mit Freunden aus Stuttgart, die dann in den Stunden zwischen 23 und ein Uhr eine Karlsruhe-Führung mit nochmal anderer Kultur bekamen: Heaven's Carousel, Schlosslichtspiele und Marktplatz-Baustelle mit künstlerischem Haus. Ich fand: Das war ein gelungener Ausklang ...

13 Juli 2015

Das Klang-UFO von Karlsruhe

Wenn ich derzeit Besuch habe, mache ich mit den Besuchern stets einen kleinen Rundgang durch Karlsruhe. Ich beginne beim »Heaven’s Carousel«, ich spaziere weiter zum Schloss und erfreue mich der Schlosslichtspiele, bevor es dann zum Marktplatz geht: Die Baustelle ist einschüchternd, das Haus am Kran sieht auch abends oder in der Nacht witzig aus.

Für Science-Fiction-Fans oder Menschen mit Fantasie ist allerdings das Himmelskarussell beeindruckend: Es steht vor dem Naturkundemuseum, und es ist eine irrwitzige Konstruktion. 36 leuchtende Lautsprecher drehen sich im Kreis, mal schneller, mal langsamer, und jeder Lautsprecher gibt Geräusche von sich.

Wenn man davor steht, ist es faszinierend, und stellt man sich in die Mitte, wird die Mixtur aus Geräusch und Optik erst recht abgedreht. Echte Fans legen sich auf den Rücken und starren nach oben; die Profis kommen mittlerweile mit Decken und Picknickkörben.

Das Beste daran ist ja, dass es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, die im Auftrag der ESA entstanden ist. Letztlich wird mit dem Kunstwerk dser Doppler-Effekt dargestellt und auch für Laien verständlich gemacht.

Bisher wurde die Installation in Baltimore und Rom gezeigt; da ist Karlsruhe eine vernünftige weitere Station ... Wer mehr darüber wissen will, schaue auf der entsprechenden Informationsseite im Netz nach.

Wenn Zustände aus Mannheim knallen

Manchmal denke ich im Sommer 2015, dass es nur noch neue Hardcore-Bands gibt. Doch Pustekuchen!, die Band Zustände aus Mannheim beweist, dass junge Bands auch rotzigen Deutschpunk spielen können.

Auf ihrer ersten EP, die im Frühjahr 2015 erschienen ist, hauen die Burschen fünf Knaller aus dem Rohren, die schnell und dynamisch klingen und überhaupt nicht nach ollem Deutschpunk riechen. »Irgendwas läuft falsch« und andere Stücke machen textlich alles richtig, und bei der Musik verzichtet man auf auf Metal-Soli und andere Peinlichkeiten.

Ein starker Start für die Band – so ein Vinyl-Debüt mag ich natürlich. Wer sich einhören mag, findet alles auf der entsprechenden Bandcamp-Seite; ich habe mir natürlich das Vinyl mit schöner Gestaltung gesichert ...

10 Juli 2015

Wie ein Projekt erneut veröffentlicht wurde ... Teil drei

Wie ich schon gelegentlich geschrieben habe, ist im Verlag In Farbe Und Bunt mein kurzer Fantasy-Roman »Sardev – Der Schatten des Friedens« erschienen: als E-Book sowie als Hörbuch. In zwei Teilen habe ich an dieser Stelle darüber geschrieben, wie die Geschichte sich entwickelt hat – zuerst in den 80er-Jahren, dann in den 90er- und Nuller-Jahren. Heute schließe ich das Rückblickthema dann auch schon ab.

Die dritte und vorerst letzte Phase für meinen Kurzroman wurde erst vor wenigen Monaten eingeleitet. Zu Beginn des Jahres 2015 telefonierte ich wieder einmal mit Mike Hillenbrand vom Ifub-Verlag. Wir sprachen über Projekte und Ideen, und dabei kamen wir auf den Gedanken, diesen Kurzroman erneut zu veröffentlichen – diesmal als E-Book.

Was 2009 noch ein absolutes Randgruppenthema gewesen war, hatte sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt: E-Books waren das Medium für kürzere Romane schlechthin geworden. Der Verleger wollte gleich eine erweiterte Idee umsetzen: nicht nur ein E-Book, sondern auch gleich ein Hörbuch, das Ganze mit einem neuen Titelbild.

Das alles hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich vor bald dreißig Jahren an den ersten Seiten für den Kurzroman schrieb. So verändern sich nicht nur die Zeiten, sondern auch die Produktionsbedingungen. Und ich weiß natürlich nicht, wie sich das künftig weiter verändern wird ...

09 Juli 2015

Heilbronn und der NSU

Wir leben in einem seltsamen Land. Wir leben in einem Land, in dem eine Polizistin mitten in einer Stadt erschossen wird und danach lauter seltsame Dinge passieren. Kämen die in einem »Tatort«, wäre das Geläster über unglaubwürdige Geschichten groß.

Nur einige Beispiele ... Ein Zeuge, der zu dem Sachverhalt aussagen wollte, verbrennt in seinem Auto – die Polizei erkennt einen Selbstmord. Eine andere Zeugin stirbt plötzlich an einem Blutgerinnsel. Ein Zufall.

Kollegen der Polizisten gehörten teilweise dem Ku-Klux-Klan an und bemerkten trotz judenfeindlicher Schwüre und eindeutiger Reden nicht, dass sie es mit Rassisten zu tun hatten. Zu allem Überfluss gibt es eindeutige Verbindungen zwischen der Ermordeten, ihren mutmaßlichen Mördern und ihrer eigentlichen Heimatregion.

Unglaubwürdig? Glaubhaft? Ich weiß es nicht.

Eben weil es so viele Fragen gibt, will sich der Filmemacher Peter Ohlendorf der Sache annehmen. Mit seinem Film »Blut muss fließen. Undercover unter Nazis« hat er gezeigt, dass er auch heikle Themen angeht – jetzt recherchiert er im Mordfall Kiesewetter.

Ich denke, das ist dringend nötig – denn dass die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt wird, scheint mir eindeutig zu sein. Deshalb finde ich das Interview sehr lesenswert, das die Fachzeitschrift »M« mit ihm geführt hat. Es trägt den klaren Titel »Der NSU-Schlüssel liegt in Heilbronn«.

08 Juli 2015

Ein Artikel ausm Jahr 2000

Manchmal muss man sich schon wundern, wie sehr sich manche Szenerien und Gedanken gleichen. Aus diesem Grund habe ich hier und jezt einen Artikel herausgegriffen, der im Frühjahr 2001 in meinem Fanzine ENPUNKT erschienen ist. Verfasst hatte ich ihn Ende 2000, und er trug den klaren Titel »Nazis? War da was?«

Er ist wortwörtlich identisch; ich habe mir nur erlaubt, die Rechtschreibung anzupassen und die schlimmsten Vertipper auszubügeln. Und ja – man merkt, dass er vor dem »Nine-Eleven« gekommen ist. Hier ist er ...

Es ist noch nicht mal so lange her, ich kann mich sogar gut daran erinnern. Ich wohnte in einem Kaff namens Bischweier, und in meiner Küche hatte ich ein Poster aufgehängt, das sich damals in Antifa-Kreisen einiger Verbreitung »erfreute«. Es listete in Form eines Gräberfelds die Toten auf, die der Straßenterror der Nazis seit der sogenannten Wiedereinigung gekostet hatte. So holte ich mir jeden Morgen meine Prise Hass und wusste, auf welcher Seite ich zu stehen hatte, falls es krachte.

Damals krachte es reichlich oft. Nachdem der Nazi-Mob in Hoyerswerda und Rostock zu Pogromen geblasen hatte, nachdem es in Stuttgart und Solingen sowie in vielen anderen Städten zu ermordeten Ausländern »gekommen« war (wobei in Stuttgart »unpolitische« Skins den Albaner tot trampelten), versuchten antifaschistische Gruppen, Punks und die politisierten Teile der Hardcore-Bewegung, Front gegen den Terror der Nazis zu machen.

Das war so etwa 1993. Lang ist’s her. Wer die alten ENPUNKT-Ausgaben kennt, kann sich vielleicht noch an Berichte erinnern. Auch im ZAP standen damals ständig Berichte »von der Front«, zeitweise war das ZAP eher ein Antifa-Kampfblatt denn eine Hardcore-Illustrierte. Der Feind stand rechts, und wir waren die anderen – und zum Feind gehörten zu jener Zeit ganz eindeutig die Polizei und die regierenden Parteien in Bund und Ländern.

Ob ich Anfang 1992 im CSU-regierten Passau von der USK-Truppe zusammengeschlagen wurde oder ob im SPD-regierten Solingen die Polizei eine friedliche Kundgebung angriff, damit hinter der SPD-Innenminister vom »Terror von links und rechts« faseln konnte, war gleichgültig. Ob wir, um in Rastatt Front gegen den Republikaner-Parteitag machen zu können, einen Kleinkrieg nicht nur gegen 1700 Polizisten, sondern eben auch gegen die »guten Bürger« der Stadt führen mussten, deren Sympathien mehr auf Seiten der Nazis waren, oder ob der Polizeipräsident von Bonn mit dem SPD-Parteibuch am »Tag X« seine Polizei-Kohorten auf die Demonstranten gegen den widerlichen Asylkompromiss ins Gefecht führte – es war gleichgültig.

Im Zweifelsfall schützten die »guten Bürger« in CDU und SPD, bei Grünen, PDS und FDP, in den Gewerkschaften und vor allem bei der Polizei die Nazis und ließen mit wahrer Begeisterung die Antifa-Demonstrationen auseinandertreiben, antifaschistische Gruppen wie in Göttingen kriminalisieren und immer wieder von der »Brutalität der Linken und Rechten« faseln. Als ob Straftaten wie Graffiti sprühen oder »Eingriffe in den Straßenverkehr« – typische »Vergehen« der Antifa – in irgendeiner Art und Weise vergleichbar wären mit den mörderischen und häufig tödlichen Angriffen der Nazis auf Ausländer und Behinderte, auf Schwule und Obdachlose.

Klar. Es ist ja auch ein Unterschied, ob »gute Deutsche«, die leider die falsche Gesinnung haben, von unsereins auf die Fresse kriegen, oder ob »unnütze Ausländer«, die eine »durchrasste Gesellschaft« erzeugen könnten, von deutschen Bürgern mit wenig Haaren auf dem Kopf durch die Straßen gejagt werden. Das war Anfang der 90er Jahre.

Und jetzt? Wir schreiben das Jahr 2000, wenn ich diese Zeilen schreibe, wir schreiben das Jahr 2001, wenn dieses Heft hier erscheint. Und es gibt eine unglaubliche Koalition der guten Bürger gegen die bösen Nazis. Ob SPD oder CDU, ob FDP oder Grüne, ob PDS oder Republikaner – alle in irgendeiner Art und Weise »staatstragenden« Parteien haben sich gegen den Terror der Rechten ausgesprochen, sie fordern zu allem Überfluss auch noch schärfere Gesetze und Einschränkungen des Demonstationsrechtes.

Als ob man so etwas brauchte. Auch bisher war es einfach Mord, wenn man jemand aus einer fahrenden S-Bahn schmiss und er sich dabei alle Knochen brach. Auch bisher war es Mord, wenn jemand ein Haus abfackelte, in dem Menschen schlafen. Nur in Deutschland musste man da irgendwelche Unterschiede machen und ausgerechnet in den brutalen Tätern irgendwelche armen Opfer sehen, die ja – oh, jetzt bitte heulen! – zum Opfer der brutalen Gesellschaft geworden sind.

Schärfere Gesetze nützen nicht den Opfern, sie nutzen nur dem Staat und seinen Schergen. Und der Staat und seine Schergen waren in den letzten zehn Jahren zu oft die Täter. Ganz ehrlich: Ich konnte in den letzten zwölf Monaten nicht so viel kotzen, wie ich es am liebsten getan hätte ...

07 Juli 2015

Teuflische Schädel im Einsatz

Manchmal muss man sich schon über die sinistren Pläne von irgendwelchen Hexern und Dämonen wundern. Da gibt es also einen, der harmlosen Menschen die Köpfe abschlägt. Das kann man nachvollziehen, das kommt auch jeden Tag im Fernsehen und in den Zeitungen.

Dann aber verwandeln sich diese Köpfe. Sie schrumpfen ein, gleichzeitig erwachen sie zu einem unheimlichen Leben. Sie können fliegen, mit welchem Antrieb auch immer, flitzen durch die Gegend und greifen dann andere Leute an. Vorzugsweise verbeißen sie sich dann in deren Körper, um sie so umzubringen.

Aha.

Man muss nicht alles verstehen, was in der Gruselserie »John Sinclair« präsentiert wird. Das merkte ich, als ich das Hörspiel »Die teuflischen Schädel« anhörte. Erschienen ist es als Nummer 17 in der Reihe »Sinclair Classics«; der ursprüngliche Roman kam schon 1974 heraus.

Wie immer gibt es tolle Effekte. Dank der Sprecher und der Regie des Produzenten-Teams ist die Geschichte sehr unterhaltsam und wird rasant erzählt. Der haarsträubende Blödsinn, der als Hintergrund der Story dient, regt zum Kopfschütteln und Lachen an, bringt einen Erwachsenen aber kaum dazu, sich auch nur ansatzweise zu »gruseln«.

Aber kein Gejammer hier: Das ist der trashige Geist der goldenen 70er-Jahre. In jener Zeit feierte der Gruselroman im deutschsprachigen Raum fröhliche Erfolge; von Stephen King und anderen modernen Horror-Autoren war noch lange nichts zu spüren. Mir macht der alte Kram in gedruckter Form ja keinen Spaß, als Hörspiel finde ich es aber echt witzig.

06 Juli 2015

Alter Punk aus der Neuen Welt

Ich weiß, ich weiß: Wenn der Querfunk schon zwanzig Jahre feiert, wäre es angebracht gewesen, in meiner Radiosendung auf dieses Jubiläum hinzuweisen. Und richtig gut wäre es gewesen, hätte ich eine Sendung gemacht, die sich nur auf dieses Jubiläum bezieht.

Aber leider kam ich nicht selbst auf den Gedanken – und deshalb gab es eine vergleichsweise konventionelle Sendung mit alten Punkrock- und Hardcore-Scheiben aus den USA. Aufgrund der Mischung fand ich das dann aber auch schön.

Dass im Studio die Temperatur so hoch und die Luftfeuchtigkeit so treibend war, dass mir das Wasser von der Stirn auf die Platten tropfte, wenn ich mich drüberbeugte, darf hier nicht verschwiegen werden. Ich war nach der Sendung echt triefend nass ...

Mit den Weirdos, mit den Ramones und den Reactors brachte ich Bands, denen man anhörte, dass sie noch den normalen Punkrock spielten. Aber schon die Germs aus Los Angeles spielten eine Vorstufe zu Hardcore, was dann mit Black Flag – ich spielte Stücke ausm Jahr 1980 – einen rabiaten Höhepunkt erreichte.

Channel 3, The Vectors, Rikk Agnew und die Adolescents standen für den Sound aus dem Orange County, der sich in den späten 70er- und ganz frühen 80er-Jahren entwickelte und den ich heute immer noch mag. Und Live-Aufnahmen der Adolescents machen sich am Schluss einer Radiosendung sowieso gut ...

05 Juli 2015

Querfunk feiert, Karlsruhe brodelt

Karlsruhe brodelte an diesem Samstag abend, 4. Juli 2015. Vor Hitze und vor Menschen. Als ich gegen halb elf Uhr abends über den Zirkel radelte, hatten wir noch 32 Grad. Überall waren Trauben von Menschen unterwegs. Sie spazierten zum Schloss, wo die Musik dröhnte, oder zurück in die Innenstadt; überall herrschte eine angenehme Stimmung.

Das traf auch auf das Gelände des AKK zu, das ich ansteuerte. Der Club auf dem Gelände der Universität war früher immer wieder Schauplatz von Punk-Konzerten gewesen; an diesem Abend feierte der Querfunk dort sein Jubiläum.

Der Querfunk ist das freie Radio in der Stadt, es gibt ihn seit zwanzig Jahren, und das musste gefeiert werden. Da ich seit zwanzig Jahren meine Radiosendung betreibe, war es also eine Pflichtveranstaltung, der ich mit viel Unsinnreden und Biertrinken nachkam.

Es spielten sogar zwei Bands. Die erste hatte ich verpasst, die zweite bekam ich mit, ohne den Namen zu kennen. Sie spielte Stoner-Rock: langhaarige Männer auf der Bühne, die einen Bastard aus frühen Led Zeppelin und ebenso frühen Black Sabbath spielen.

Das ist nicht meine Tasse Bier, aber es hatte durchaus was – die meiste Zeit hörte ich mir das Konzert aber von außen an. Im Innern des Konzertraums herrschten saunaartige Bedingungen, das wollte ich mir nicht geben.

Danach kam ein sogenanntes DJ-Battle, das ich allerdings kaum mitbekam. Ich genoss kühles Bier und laberte viel Zeugs, und als ich gegen drei Uhr mein Fahrrad sattelte, war ich nicht mehr ganz so hundertprozentig klar im Kopf. Da immer noch Temperaturen herrschten, die sich wie knapp um die 27 Grad anfühlten, machte das nichts.

Und die Stadt brodelte nach wie vor: Gegen drei Uhr waren noch haufenweise Leute unterwegs, das Laufbier in der Hand und einen verstrahlten Ausdruck im Gesicht ... großartiger Sommerabend!

04 Juli 2015

Als Daily Terror doof waren

Es gab eine Phase, da zählte die Deutschpunk-Band Daily Terror zu den Bands, die man kennen musste. Das war anfangs der 80er-Jahre, da war der Deutschpunk noch neu, und die Band spielte mit ihrem Sound auf der Höhe der Zeit: mal rockig, mal mit einem Offbeat-Rhythmus, mit klaren Texten und schlichten Mitgröl-Rhythmen.

Zehn Jahre später war aus der Rebellion irgendwie eine Attitüde geworden. Die Langspielplatte »Apocalypse« kam 1992 heraus und ist ein schönes Beispiel dafür: angefangen vom Poser-Foto der Band auf der Rückseite über das gelegentliche Gitarrenspiel à la Dire Straits wie in »Andere Zeiten« bis hin zu schlichten Texten.

»Diese Welt ist ein Irrenhaus / und hier ist die Zentrale / doch der Mehrheit ist das schnuppe / sie gafft nur auf Randale.« So rumpelreimt es im Titelstück, in dem ansonsten Bildungspolitik, Aids, Mord und Todschlag in eine völlig undefinierbare Masse gerührt werden.

Der einzige Inhalt, den die Band auf dieser Platte zu bieten hat, ist ein wirres »ich bin halt dagegen«, gepaart mit »ich will saufen«. DBöhse-Onkelz-Songs, die zu der Zeit gerade dazu beitrugen, eine andere Band aus der Vergangenheit in die 90er-Jahre zu bringen.
as war im Zeitalter brennender Asylbewerberheime genauso unpolitisch-politisch wie der schlichte Inhalt der

Daily Terror waren 1992 noch nicht ganz auf ihrem Tiefpunkt angelangt. Die Platte »Apocalypse« belegt aber, warum man anfangs der 90er-Jahre mancherorts dem Deutschpunk eher skeptisch bis ablehnend begegnete ... Ich behalte sie in der Sammlung, als abschreckendes Beispiel quasi, werde mir dann doch aber lieber klassische Stücke der Band wie »Countdown« anhören.

03 Juli 2015

Verlagsrezepte

Aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, wurde ich dieser Tage mal wieder an eine wunderbare Veranstaltung erinnert, die sich vor vielen, vielen Jahren in einem Verlag zutrug. Der Geschäftsführer stand am Tischende, seine Mannschaft saß erwartungsfroh auf den Stühlen; alle warteten, was er zu sagen hatte.

Der Mann beugte sich vor und sagte, er habe herausgefunden, woran der mangelnde Erfolg liege, und er habe vor allem das Rezept für mehr Erfolg. Alle waren gespannt auf das, was nun wohl kommen würde. Auch ich, der ich nur als Gast zugegen war.

Er hob die rechte Hand, den Zeigerfinger ausgestreckt, als dozierte er an der Uni: »Wir müssen einfach mehr Bestseller machen.«

Das war keine Satire. Das war blutiger Ernst. Und ich erkannte, warum ich nie Geschäftsführer werden und immer Redakteur bleiben würde ...

02 Juli 2015

1000 Jahre Cotzraiz

Gesehen habe ich die Band mit dem klassischen Deutschpunknamen Cotzraiz meiner Erinnerung nach nie; dafür habe ich ihre Platten mehrfach gehört. Ich stehe durchaus auf den schrabbeligen und bewusst un-intellektuellen Sound vieler Deutschpunk-Kapellen, weshalb ich die Band aus Nordrhein-Westfalen nicht unsympathisch finde.

Ihre Platte »1000 Jahre« ist zudem sehr gut aufgemacht: Klappcover, Fotos, Texte – das ist alles ordentlich gemacht. Dass die Musik dann eher schlichtes Geschrammel ist, passt zum Konzept. Die Band, die ihren Sound selbst gern als »Cotzrock« bezeichnet, hat nun wirklich nicht vor, auch nur ansatzweise intellektuell zu wirken.

Bei den Texten ist man manchmal pathetisch (»so sollen sie schlagen, unsere Herzen«), manchmal auch platt (»Cotzrocker, Punks und Skinheads«), unterm Strich aber immer klar. Die Band äußert sich selten klar politisch; man weiß aber auch so, wo sie steht.

Seien wir ehrlich: Weder die Band noch die Platte sind so richtig relevant; man verpasst nichts, wenn man sie nicht kennt. Wer aber Deutschpunk mag, wird daran seine Freude haben. Und wer sie live gesehen hat, dürfte sowieso eine andere Ansicht zu der Band haben ...

01 Juli 2015

Reise ins Mutschelland

Dieser Tage beendete ich die Arbeit an der Erzählung »Reise ins Mutschelland«. Diese war ursprünglich in einer Ausgabe meines Fanzines ENPUNKT erschienen, irgendwann in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre. Für mein geplantes Buch mit Punkrock-Erzählungen passte sie ganz hervorragend.

Es geht in der Geschichte darum, dass der Ich-Erzähler mit seinem Kumpel einen Auftrag zu erledigen hat. Sie müssen für ein »Oldie-Rock-Konzert« in einem Möbelhaus die Anlage liefern und aufbauen. Dabei kommt es zu einen seltsamen Begegnungen und vor allem realistischen Beobachtungen – aus Punkrock-Sicht werden Konzertbesucher und Angestellte betrachtet.

Beim Bearbeiten des Textes strich ich große Teile der Einleitung sowie die letzte halbe Seite. In der Mitte führte ich viele Dialoge ein, änderte die Original-Namen der beteiligten Personen und machte den Text tatsächlich einer Erzählung ähnlicher.

Am Ende hatte ich einen Roh-Text von rund 42.000 Anschlägen inklusive der Leerzeichen. Das war ordentlich. Schauen wir mal, was nach der Bearbeitung übrig bleibt, schauen wir vor allem auch mal, ob es der Text überhaupt in das geplante Buch schafft.

30 Juni 2015

Über schwäbische Hausfrauen

Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, bemüht gern das Bild der »schwäbischen Hausfrau«, wenn es um das Sparen geht. Mir ist nicht ganz klar, warum einer Frau, die in der Uckermark sozialisiert wurde, die schwäbische Hausfrau in den Sinn kommt – aber ich habe Politiker sowieso nie so richtig verstanden.

Ich wurde im Haushalt einer schwäbischen Hausfrau sozialisiert, bei meiner Mutter, und diese war sehr sparsam. Wenn's irgendwie ging, wurde preiswert und auf Vorrat gekauft. Und wenn es machbar war, wurden Dinge zweimal benutzt. Wasser, mit dem man den Salat gewaschen hatte, floss nicht einfach ab; es wurde umgefüllt, weil man es später dazu benutzen konnte, die Pflanzen im Garten oder im Wohnzimmer zu gießen.

Gelernt habe ich daheim, was Sparsamkeit heißt. Die schwäbische Knauserigkeit wurde mir in die Wiege gelegt, und Geld wurde nur ausgegeben, wenn es nötig war.

Wenn es aber nötig war, etwas grundsätzliches anzuschaffen oder zu bauen, wurde ein Kredit aufgenommen. Da war sich die schwäbische Hausfrau mit ihrem Fabrikarbeiter-Ehemann einig: Wer ein altes kleines Haus renovieren musste, musste Schulden machen und an diesen dann viele Jahre lang abzahlen. (Mein Vater war Rentner, als die Schulden endlich weg waren ...)

Schulden sind also nicht grundsätzlich falsch oder unnötig. Man muss sie manchmal machen, um Investitionen für die Zukunft zu tätigen. Das hat die schwäbische Hausfrau kapiert – und das bereits in den 70er-Jahren.

Es ist bezeichnend, dass dieses Land derzeit von einer Bande von Politikern regiert wird, die Sprachbilder benutzen, die sie nicht verstehen. Und es ist bezeichnend, dass die Bevölkerung – übrigens auch die in Schwaben lebende – diese Sprachbilder auch noch gut findet und die Bande wählt ...

29 Juni 2015

Curare im Blut

Als »ein kleines und bescheidenes Egozine« bezeichnete der Herausgeber im Juli 1990 sein »Curare im Blut«; Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre erlebten Egozines innerhalb der Science-Fiction-Szene noch einmal ein echtes »Comeback«. Bernhard Kübler, ein Fan aus Augsburg, war sehr fleißig, und er veröffentlichte sehr viele Egozines, während er nebenbei in allerlei Informations-Fanzines mitwirkte.

»Curare im Blut« nutzte die damals neuen technischen Möglichkeiten: Es wurde komplett am Computer erstellt und mit einem Nadeldrucker ausgedruckt. Damit war jedes Heft ein Unikat: sechs Seiten im A4-Format und in einem sehr zurückhaltenden Layout.

Wobei der Macher schon eher kritisch klingt. Der »Elan früherer Jahre« sei vergangen, man interessiere sich »auch noch für andere Sachen außer dem Fandom«. Man merkt manchen seiner Texte an, wie wenig den zeitweiligen Aktiv-Fan noch mit der Szene verbindet.

Als weiteren Text gibt es ein Gedicht – nichts anderes als eine Umwidmung des Splitt-Stückes »Déjà vu« –, einen Conbericht, noch ein Gedicht und diverse ironische Neuigkeiten über Personen, die im Sommer 1990 in der Fan-Szene einen gewissen Namen hatten.

Das war's: ein schlichtes, ein übersichtliches, ein klar formuliertes Fanzine. Ich mochte solche Mini-Fanzines immer gern. Die Blogs haben sie abgelöst, und heute schreiben die Fans ihre Meinungsäußerungen direkt bei Facebook ...

28 Juni 2015

Wie mich Angry Red Planet verwirrten ...

Angry Red Planet war eine typische Punk-Band in den 80er-Jahren: Sie gründete sich 1982 in Detroit, die ersten Platten kamen kurz darauf heraus. In den späten 80er-Jahren tourte die Band mindestens einmal durch Deutschland; ich sah sie auf jeden Fall in Ludwigshafen und fand sie live hervorragend, bilde mir aber ein, sie in einer anderen Stadt noch einmal gesehen zu haben.

Interessant ist es auf jeden Fall, wenn man sich die Platte »Give 'em Enough Rope« aus dem Jahr 1989 anhört. Die wurde von Double A Records veröffentlicht, einem Label, das Ende der 80er-Jahre eigentlich nur gute bis hervorragende Platten herausbrachte.

Es gibt eine Studio- und eine Live-Seite. Die Studio-Seite enthält acht Stücke, die für meinen Geschmack überhaupt nicht gut sind: Viel zu viel Experimente und Breaks, Reggae-Elemente und ein »funky« Gitarrenspiel zeigen, dass die Band – wie so viele in diesen Tagen – keine Lust mehr auf den klassischen Hardcore-Punk mehr hatte und zu anderen Wegen aufbrach.

Viel besser und immer noch absolut anhörbar ist die Live-Seite, deren Aufnahmen im Herbst 1988 in Berlin und dem holländischen Hoorn entstanden. Es gibt schnellen Punkrock, meinetwegen auch Hardcore, immer auf den Punkt gebracht und mit einer starken Energie ins Publikum gepfeffert.

Ich erinnerte mich selbst noch an den euphorisierenden Auftritt der Band. Obwohl der Sänger wegen eines Gipsbeines sitzen musste, versetzte die Band den Saal komplett in Aufregung, Chaos und Feierstimmung. Das kommt auf der Platte rüber, die Live-Seite ist dynamisch und packend. Großartige Band!

27 Juni 2015

Terror am Strand

Der Terror-Anschlag auf Urlauber in Tunesien beschäftigt die Leute; viele stornieren ihre Urlaube in dem nordafrikanischen Land. Auch ich bin davon berührt, wenngleich ich nur ein einziges Mal in Tunesien war – und das war damals eine einwöchige Pauschalreise. Im Moment wird mir unwohl, wenn ich mir einen Urlaub dort vorstelle.

Sicher hat schon jemand ausgerechnet, wie wenig wahrscheinlich es ist, einem Terroranschlag im Urlaub zum Opfer zu fallen. Es ist sicher gefährlicher, jeden Tag mit dem Auto auf die Autobahn zu gehen. Aber das ist ein Risiko, das jeder oder jede bewusst eingeht; da hat man einfach das Gefühl, man könnte die Gefahr beherrschen.

Mir wäre unwohl, wenn ich derzeit im Urlaub in Tunesien wäre. Ich kann jeden verstehen, der jetzt sagt, er wolle den Urlaub abbrechen. Mag sein, dass ein solcher Gedanke etwas von »Feigheit« hat – auch wenn so eine Angst unberechtigt sein mag, kann ich sie doch bestens nachvollziehen.

26 Juni 2015

Vire-Clessé und ich werden Freunde

Ich wusste, dass es in Frankreich viele Weine gibt, die sehr lecker schmecken; da lernt man schon in jungen Jahren. Von einer »Appellation« – allein schon diese Bezeichnungen ... – namens Vire-Clessé hörte ich tatsächlich erst während unseres Aufenthaltes in Burgunds.

Dabei handelt es sich um eine Weinregion, die im Prinzip um zwei Dörfer herum liegt. Da wir in einem dieser zwei Dörfer abgestiegen waren, blieb uns quasi nichts anderes übrig, als jeden Abend Vire-Clessé zu trinken.

Ich war immer begeistert, wenn ich das genießen durfte. Das ist ein Chardonnay, also ein Weißwein, und er ist selbstverständlich nicht mit der süßen Plörre zu vergleichen, die man zeitweise in Württemberg auf den Tisch kommt. (Ich bin von Württemberger Winzern mit-sozialisiert worden. Meine Mutter mochte Wein nur, wenn er ordentlich süß war ...)

Jeder Schluck eines dieser Weine löste in meinem Mund eine Geschmacks-Explosion aus. Normalerweise finde ich dieses Weinkenner-Gerede ja oft doof. Wenn irgendwelche Düfte und »Noten« herausgeschmeckt werden, die ich als Amateur nie wahrnehme, ist das eher frustrierend.

Ganz anders bei diesem Getränk. Jeder dieser Weine hatte eine ganz eigene Note, jeder war trocken und fruchtig zugleich – auch wenn das ein Gegensatz sein mag. Die Weine leuchten richtig im Glas, sie riechen nach Blumen und leicht nach irgendwelchen Zitrusfrüchten, und wenn man sie trinkt, entwickeln sie im Mund neue Varianten; alles sehr obstig und vor allem extrem lecker.

Auffallend: Ohne Essen schmeckt der Wein nicht so gut. Das ist keiner von den Weinen, die man im Sommer mal locker aus dem Wasserglas trinken kann – der muss stilvoll zu einem leckeren Essen genossen werden. Preislich ist er ein wenig über dem Niveau von durchschnittlichen Supermarkt-Weinen, aber man wird nicht ohnmächtig, wenn man die Preise hört.

(Ach ja: Für die, dies genau haben wollen. Vire-Clessé zählt zum »Maconnais«, und Weinkenner wissen angeblich gleich, was damit gemeint ist ...)

25 Juni 2015

Im Buch des Bergbauern ...

Am 15. Januar 1988 erschien in der überregionalen Ausgabe der »Südwest Presse«, für die ich seit dem Frühling 1983 immer wieder geschrieben hatte, ein dreispaltiger Artikel von mir, der eine ellenlange und über zwei Zeilen laufende Überschrift hatte: »Im Buch des Bergbauern Lapp hat Schwarzwald-Idylle keinen Platz« hieß er.

Der Artikel wäre es wert, ausführlicher ausgebaut oder gar zu einer Geschichte verlängert zu werden; zu klar und eindeutig sind die Bilder in meiner Erinnerung. Aber an dieser Stelle sollte es genügen, ihn eins zu eins wiederzugeben.

***

Horst Lapp wohnt bei Wolfach im Langenbachtal, mitten im Schwarzwald. Von der Bundesstraße zweigt eine kleine Straße ins Tal ab: kurvenreich, eng, immer weiter den Berg hinauf, in beängstigenden Schleifen, die im Winter die Fahrt zu einem mittleren Abenteuer werden lasen. Das letzte Haus ist der Staighof: ein schönes großes Anwesen, herrlich gelegen, zwischen Wald und steilen Wiesen ringsum, fast am Ende der Welt.

Hier wohnt Horst Lapp, mittelbadischer Bergbauer und Buchautor, eine für manchen Besucher wohl schwer verdauliche Mischung aus Schlitzohr und zurückhaltendem Landmann. Die Fassade kann täuschen – wie sie auch bei seinem Buch täuscht. Der Titel »Heimat – deine Sünder« regt im ersten Moment vielleicht gerade die Freunde der »Schwarzwaldklinik« zur Lektüre an – und Horst Lapp, der sich auf dem Cover mit einer Ziege ablichten lässt, wirkt auch eher wie ein Werbemann für die unberührte Schwarzwald-Landschaft.

Im Buch selbst wird jedoch mit einigen Klischees von der »guten alten Zeit« aufgeräumt. Als Hirtenbub gehörte Lapp zur untersten Klasse der bäuerlichen Gesellschaft und bekam nach dem Krieg als kleiner Junge für knochenharte Arbeit nicht mehr als ein miefiges Bettlager, eine Mahlzeit und regelmäßig eine hinter die Ohren. In der Schule zum Depp gestempelt, vom Bauern zur Arbeit angetrieben – so wuchs Lapp auf.

Schlechte Kameraden schafften es, dass er auch prompt zwei Mal ins Gefängnis kam. Als Analphabet unterschrieb er Geständnisse, deren Inhalt er nicht erfasste. Erst als fast 18-jähriger lernte er lesen und schreiben – in Stuttgart, wo er nach der zweiten Haft eine Metzgerlehre begonnen hatte.

Horst Lapp, Jahrgang 1937, hat mit diesem Buch seine Jugendgeschichte geschrieben, direkt und kompromisslos, in einem Stil ohne geschliffene Sequenzen, statt dessen urwüchsig und natürlich. Da bleibt kein Rau für tiefsinniges Philosophieren, kein Platz für ausgefeilte Dialoge und Landschaftsbeschreibungen und schon gar keine für die Schilderung der heilen Bergwelt. Lapp erzählt im Buch so ehrlich, dass der Leser manches Mal den Kopf schütteln muss ob der abgrundtiefen Naivität.

Raum für die Schwarzwaldklinik und ähnlich unsägliche Epen bleibt hier natürlich auch nicht. Das war das Anliegen des Autors: Aufgrund »von dem dumme Zeugs, was man immer im Fernseh sieht« hatte Lapp sich vor allem vorgenommen, endlich einmal seine Ansicht zu schildern. »Wenn ma des über Jahrzehnte sieht, brennt es eim unterm Nagel, de Leut e wahre Gschichte zu erzähle«.

Er wolle den »richtigen Schwarzwald zeigen« und nicht »die unreale Klinik«. »Verlogene Geschichten mit Schwarzwaldliedern unter dem gemeinsamen Dach« gebe es genug, da sei nichts Wahres dran. »Abends wurden keine Lieder gesungen, da hat der Bauer die Arbeit für den nächsten Tag verteilt und gesagt, wehe, du schaffst das nicht, und dann ging's ins Bett.«

Der Autor ließ sein Buch im Eigenverlag erscheinen. Er träumt nämlich davon, den Stoff einmal zu verfilmen. Dann hätte er das gewünschte Gegengewicht zu der Serie »Schwarzwaldklinik«. Der Autor Frederic W. Nielsen aus Freiburg hatte das Manuskript vor Druck gelesen und gemeint, Lapp solle zur Buchmesse gehen. Lapp fuhr nach Frankfurt und sorgte dort für Aufsehen.

Jetzt bekommt er jeden Tag Anrufe, Zeitungen schreiben über ihn, der Bischof von Freiburg wollte ein signiertes Exemplar, Büchereien und Buchhandlungen bestellten es. Der plötzliche Ruhm hat ihn ganz schockiert: »Ich sag zu de Leut, die solle mich net verkenne, ich bin doch kei Schriftsteller, nur e armer Bergbauer«, beteuert der Autor.

Bisher wird er allerdings mit dem Ruhm »ganz gut fertig«, meint er. Wenn's gar zu schlimm wird, weiß er einen Ausweg. Ich bin froh, wenn ich pro Tag e Stund bei meine Schaf in de Berge bin.« Zur Leipziger Messe fährt er trotzdem, und eine Fortsetzung will er ebenfalls schreiben. »Nebenbei« bewirtschaftet der Bauer seinen Hof »mit Viechern und Fremden«, das heißt Feriengästen. (Das Buch gibt es für 28 Mark beim Buchhändler.)

24 Juni 2015

Drei Nächte im Schloss

Wir nächtigten während unseres Aufenthalts in Burgund in einem Schloss. Kein Witz!, das war echt ein Schlosshotel – und es war nicht einmal so teuer. Okay, wir konnten uns im Chateau de Besseuil nicht eine der Suiten leisten, und wir hatten auch nur ein Zimmer in einem Seitenflügel, aber schick war es trotzdem.

Das Schloss lag inmitten seiner eigenen Weinberge, die Weine schmeckten übrigens auch sehr gut. Das Dorf Clessé, von dem ich bis zu meinem Aufenthalt dort nicht einmal den Namen gekannt hatte, erwies sich als übersichtlich kleines Kaff in den Bergen hinter Macon: viel Wein, schöne alte Häuser, einige Straßen und zwei, drei verschlafen wirkende Kneipen im Dorf.

Als Highlight erwies sich da in jeglicher Hinsicht das Schloss. Wir vergammelten einen kompletten Tag am Swimming-Pool. Planschte ich im Wasser, sah ich die Fassade des Schlosses oder den Weinberg – das hatte schon etwas.

Ich genoss die Ruhe an dieser Ecke von Frankreich; nur selten hörte ich ein Auto, das in der Ferne vorbeifuhr. So konnte ich endlich mal wieder ein dickleibiges Buch in aller Gemütsruhe durchschmökern.

Das Frühstück war für französische Verhältnisse echt gut, trotzdem waren wir nur einmal dort. Dafür ließen wir uns das umwerfende Abendessen zweimal schmecken, das sogar für Vegetarier eine Sonderportion bereithielt.

Dazu kamen herrliches Wetter, freundliches Personal und generell eine sehr gelassene Stimmung. Der blöde Spruch mit »Leben wie Gott in Frankreich« bekam an diesem Wochenende tatsächlich einen Sinn ...

23 Juni 2015

Das Kap von Blut und Sperma

Matthias Brandt ist einer jener deutschen Schauspieler, die ich als ruhig und gut zugleich betrachte. Er spielt den Kommissar im »Polizeiruf« ebenso klar und auf hohem Niveau wie einen schmierigen Politiker oder einen im Stress stehenden Familienvater. Dass der Mann auch als Sprecher für Hörbücher überzeugt, liegt eigentlich nahe. Seine Arbeit an »Blutiges Erwachen« hat mich prompt gepackt.

Bei dem Roman handelt es sich um einen Thriller, der in Kapstadt spielt, der Metropole im Süden von Südafrika. Es ist der zweite Roman, den Roger Smith veröffentlichte, und er stellt in einem rasanten, brutal erzählten Panorama dar, wie gesellschaftliche Probleme im ehemaligen Apartheid-System ausgetragen werden.

Die auf mehreren Erzählebenen ablaufende Handlung lässt sich nicht so einfach zusammenfassen; es gibt eine »weiße« und eine »schwarze« Handlungsebene, und so richtig nette Figuren gibt es praktisch keine. Der einzige Charakter, der mir sympathisch wurde, war Billy Afrika. Dabei handelt es sich um einen ehemaligen Polizisten und Irak-Söldner, der im Kapst
adt der Nullerjahre versucht, sein bisschen Korrektheit und Ehrlichkeit zu bewahren.

Ein weißer Waffenhändler schuldet ihm Geld – doch er wird offenbar bei einem Raubüberfall erschossen. Dass hinter dem Mord nicht die Diebe stecken, sondern die attraktive, blonde Ehefrau des Ermordeten, weiß zwar der Leser, das wissen aber nicht die anderen Personen, die in dem Roman und Hörbuch auftauchen.

Dann mischen sich örtliche Gangstergrößen, ein korrupter Polizist und einige andere eher fiese Gestalten ein. Was mit einem vergleichsweise harmlosen Überfall begonnen hat, entwickelt sich zu einem Alptraum für viele Beteiligten. Es kommt zu fiesen Morden, die Polizei ermittelt planlos, und nur Billy Afrika will weiterhin seinen korrekten Weg gehen.

Ich vermute, dass »Blutiges Erwachen« keine Lektüre ist, die man als »locker und einfach« bezeichnen würde. Die Geschichte ist blutig, sie wird rasant und mit schnellen Wendungen erzählt, sie steigert sich buchstäblich von Kapitel zu Kapitel.

Die Art und Weise, wie Matthias Brandt das alles vorliest, macht die Story allerdings noch knalliger. Sein Tonfall bleibt ruhig – wie man ihn als Schauspieler aus den bereits erwähnten Filmen kennt –, und in diesem gelassenen Ton erzählt er von grausigen Mordtaten, von Drogen, Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Das hat mich echt gepackt! Bei diesem Hörbuch bin ich mir echt sicher, dass ich es noch mal hören werde.

»Blutiges Erwachen« überzeugt garantiert auch als gedruckter Roman. Das Hörbuch hat mich umgehauen.

Seltsamer 80er-Jahre-Rock aus Schweden

In den 80er-Jahren guckte ich mir die eine oder andere Band an, die seitdem weitestgehend aus meinem Gedächtnis verschwunden ist. Unter anderem war ich gelegentlich im Jugendzentrum der Kleinstadt Rottenburg am Neckar – und dort sah ich die Band Living In Texas.

Die Band stammte aus Schweden, die Jungs machten eine nette Art von Rock-Musik, und ich kaufte mir ihre Langspielplatte »The Devil's Tune«. Nach vielen Jahren lag sie jetzt erstmals wieder auf dem Plattenteller.

Erschienen ist das Ding im Jahr 1987. Leider gibt es im Internet praktisch keine Informationen über diese Band, nur ein grausiges Video aus dem Jahr 1989 – das kann man aber nur mit viel Mühe komplett anschauen, und ich habe die Band völlig anders in Erinnerung.

Die Platte selbst präsentiert ganz normale Rock-Musik, ohne Metal-Anleihen und dergleichen, dafür mit vielen Melodien und ohne gar zu peinliche Rock-Klischees. Manche Stücke wie das gelungene »Civilised World« schleppen und schunkeln gewissermaßen, mit einem grundlegenden Sound, der ein wenig an Offbeat erinnert.

Dieser Sound macht die Band eingängig und originell zugleich; das plunkert und schaukelt sich so ein. Das zeigt sich dann auch bei einer netten Coverversion von »Lust For Life«. Die Band greift den Grundrhythmus des Iggy-Pop-Klassikers auf, setzt massiv auf Schlagzeug und Gesang, packt dazu Bläsersätze – und fertig ist eine Version, die an das Original erinnert, dieses aber schön variiert.

Seien wir ehrlich: Die Band muss man nicht kennen. Aber die Platte bleibt im Schrank und kommt noch nicht auf den Flohmarkt.