17 Juli 2019

Einige Sätze zu Camilleri

Die Nachricht hörte ich heute morgen im Radio: Der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri ist gestorben, er wurde 93 Jahre alt. Ich habe viele Bücher von ihm gelesen, auch einige Kurzgeschichten, und ich mochte sein Werk sehr. Deshalb war ich traurig über seinen Tod.

Camilleri wurde vor allem durch die Krimis bekannt, in denen sein Commissario Montalbano in einer Kleinstadt auf Sizilien ermittelt. Aus der Montalbano-Reihe, die bei Lübbe erscheint, habe ich gut ein Dutzend Bücher gelesen. Auch wenn sich viel wiederholt – man kennt irgendwann die Macken der einzelnen Charaktere in- und auswendig –, ist es eine gelungene Reihe: mal durchaus witzig, dann wieder politisch extrem ernsthaft.

Lieber las ich die historischen und politischen Romane, die beispielsweise bei Wagenbach veröffentlicht werden, aber auch in anderen Verlagen. In ihnen spießte Camilleri das Leben auf Sizilien in satirischer Weise auf, zeigte historische Verwicklungen und aktuelle politisch-gesellschaftliche Verwerfungen. Immer wieder kritisierte der Autor in seinen Büchern die aktuelle Politik seiner Heimat.

Ich bin sicher, er wird Italien vor allem wegen seiner politischen Aussagen fehlen. Ich werde mal sehen, welche Romane ich noch nicht von im kenne, und bei Gelegenheit wieder einen durchschmökern. In Erinnerung an einen lesenswerten Schriftsteller!

Für »Voltron« bin ich zu alt

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Es hilft ja alles nichts, ich muss es mir eingestehen: Für manche Dinge bin ich einfach zu alt, oder ich bin zur falschen Zeit geboren. Wäre ich heute acht oder zehn Jahre alt, wäre es ja durchaus möglich, dass ich so etwas wie »Voltron« irgendwie cool fände. Schaue ich mir das heute an, bin ich eher verwirrt.

Bei »Voltron« handelt es sich um eine erfolgreiche Fernsehserie, die mit schnellen Animationen und Science-Fiction-Effekten arbeitet. Fünf Teenager erleben allerlei Abenteuer in den Tiefen des Allts – 'tschuldigung, es geht ja immer gleich um das ganze Universum –, bei denen mächtige Roboter eine wichtige Rolle spielen. Die dazu gehörenden Comics werden hierzulande von Cross Cult veröffentlicht. Beim »Gratis Comic Tag 2019« gab's hierzu ein »Voltron«-Sonderheft.

Klar, es ist ein Heft aus der Reihe »Comics für Kids«, da darf ich mich nicht wundern. Ich kann leider weder mit dem platten Zeichenstil noch der arg einfachen Handlung etwas anfangen. Für Kinder ist es womöglich ein idealer Einstieg in die Science Fiction, weshalb ich froh bin, dass es solche Fernsehserien und Comics gibt. Es muss einem nicht alles gefallen ...

16 Juli 2019

Der Hexenwürger von Blackmoore

Dass ich ein klammheimlicher Fan der »John Sinclair«-Hörspiele bin, habe ich schon oft genug ausgeplaudert und gebeichtet. Bei der Hörspielfolge 101 war's mir zeitweise doch zu derb; ich hörte »Der Hexenwürger von Blackmoore« zwar bis zum Ende an, fand das Ganze aber zu brutal und gewaltpornografisch.

Klar, wenn es um die Hexenprozesse geht und die Auswirkungen auf die heutige Zeit – bei »John Sinclair« tauchen natürlich heutzutage allerlei »echte« Hexen auf –, kann man schon mal derb erzählen. Folter und Pein waren durchaus üblich, wenn es darum ging, angebliche Hexen zu verfolgen.

Dieses Hörspiel scheint sich an der Qual aber geradezu zu weiden. Es geht mit Folter, Tod und Geschrei los und setzt sich dann auch so fort. Frauen werden entführt und gequält, sie leiden fürchterlich.

Da stellt sich dann schon die Frage, ob man Grausamkeiten so ausführlich präsentieren muss. Klar, es ist »Horror«, von daher passt es zu einem Gruselhörspiel; aber mir war's schlicht zu viel des realistischen Schreckens.

Seien wir mal positiv: Immerhin kommt das Hörspiel mit der Nummer 101 – der erste Teil eines Zweiteilers – mal ohne monströse Höllenfürsten, Vampirkaiser und andere Überwesen aus. Es überführt einen Heftroman aus dem Jahr 1983 in ein modernes Hörspiel; da müssen natürlich die Handlungselemente von damals vorkommen. Und wahrscheinlich war's damals eben so brutal.

Aber ich bin da offenbar ein Weichei. So gut das Hörspiel gemacht ist, zu derb kam es mir vor. Wer allerdings auf Splatterfilme und Deathmetal steht, könnte genau deshalb dieses Hörspiel mögen ... Die Zusammenhänge mit dem restlichen »John Sinclair«-Universum sind so gehalten, dass man sie gut verstehen kann.

Ein wichtiges Buch zu einem wichtigen Thema

Um es vorwegzunehmen: Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um das Thema zu verstehen, um das es hier geht – ich bin ja auch keiner. Man sollte aber ein grundsätzliches Interesse an den Themen mitbringen, die unsere Welt umtreiben. In diesem Fall geht es um die Wirtschaft, um die Art und Weise also, wie Geld und Waren alle Menschen dieser Erde verbinden.

Aaron Sahr ist übrigens auch kein Wirtschaftswissenschaftler. Der Mann ist Soziologe. Und er kommt aus dieser Richtung auf sein Thema – er schreibt über den »Keystroke-Kapitalismus«, so auch der Titel seines extrem lesenswerten Sachbuches. Es geht darum, dass Banken gewissermaßen »aus dem Nichts« neues Geld erschaffen können, das letztlich nur den Reihen zugute kommt.

Was ich in den 80er-Jahren in der Schule gelernt habe, ist auch das, was die Mitglieder unserer Regierung im Kopf haben, wenn sie von der Wirtschaft und den Banken reden. Das ist aber falsch. Ich habe noch geglaubt, dass eine Bank nur dann Kredite vergeben kann, wenn sie genügend Einlagen hat. Spätestens bei der großen Krise im Jahr 2008 war mir klar, dass das nicht stimmt …

In seinem Buch zeigt Aaron Sahr, wie private Vermögen und Schulden zusammenhängen, vor allem aber, wie Banken praktisch ununterbrochen neues Geld schaffen können, ohne auf die wirkliche Ökonomie Rücksicht nehmen zu müssen. Geld wird per Tastendruck erzeugt, also mit einem »Keystroke«.

Wenn man das mal kapiert hat, macht die Lektüre des Buches allerdings noch weniger Spaß als am Anfang … Sahr legt dar, wie bei den Banken das Geld aus dem Nichts erschaffen wird, wie die Banken damit jonglieren, wie sie dafür sorgen, dass es immer mehr Geld gibt.

Er zeigt, wie sich der Kapitalismus in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat: Immer mehr Geld wird von der Finanzwirtschaft geschaffen, nicht von der eigentlichen Arbeitswelt. Dieses neue Geld konzentriert sich natürlich nicht bei den arbeitenden Menschen, sondern bei den Wohlhabenden.

Insgesamt ist das Buch »Keystroke-Kapitalismus« vor allem als Diskussionsband zu verstehen, nicht unbedingt als grundlegendes Sachbuch zu Finanzfragen. Der Autor kennt sich aus, und er liefert Gedankenanstöße. Das ist bei so einem Thema wichtig und richtig – danach kann ich als Lesender ja eh entscheiden, wie ich mich weiter verhalten möchte.

Spannend!

15 Juli 2019

Excessive Visage sind originell

Gelegentlich klagen Menschen in meinem sozialen Umfeld darüber, dass die »Musik von heute« so langweilig und berechenbar sei. Seit Jahren habe es keine Innovation mehr gegeben, alles stehe still, und nichts sei mehr neu und frisch. Dass das eine sehr eigene Sicht der Dinge ist, brauchen wir nicht zu diskutieren …

Aber spätestens, wenn ich mir die Platte »You Are Lost Anyway« von Excessive Visage anhöre, weiß ich, dass es originelle Musik gibt. Die klingt zwar manchmal wie in den 70er-Jahren, als man schon mal originelle Musik machte, und häufig kann ich mir das gar nicht anhören – aber insgesamt ist die schräge Mischung aus Jazz und Pop und irgendwelchen Experimenten ansprechend.

Schaue ich mir an, wie die Stücke entstehen, leuchtet mir einiges ein: Zuerst nahm die Band das Schlagzeug auf, ohne vorher komponiert zu haben, und darauf schichtete man den Bass, die Gitarre und das Keyboard, wodurch sich erst eine Komposition formte. Zuletzt schrieb man gemeinsam die Texte, die dann darüber gesungen wurde – erst am Ende wurden die Texte und die Komposition finalisiert.

Das klingt nicht nur in der Beschreibung spannend, das ist auch in der Musik spannend. Ein fiebriges Schlagzeug, eine hektische Gitarre, die manchmal sehr ätherische Stimme der Sängerin. Man kann die Musik im Auto hören, man muss sich darauf einlassen.

Wenn es poppig wird wie in »Buried in Gold«, schwingt sich die Stimme der Sängerin gewissermaßen auf das hektische Schlagzeug. Bei »Polished Eyes« zeigt die Band auch ein Gespür für Melodien. Aber Hitqualitäten im poppigen Sinn entwickelt sie nie – das ist auch sichtlich nicht das Ziel.

In tiefen Wäldern Träumen lauschen

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Dieser Comic ist ein Beispiel dafür, was so ein »Gratis Comic Tag« leisten kann: Ich hätte mir nie einen Comic aus China zugelegt, der einen so – für mich seltsamen – Titel trägt. »In tiefen Wäldern Träumen lauschen« stammt von der Autorin und Zeichnerin Zhang Jing, Jahrgang 1983, und ihre Geschichte spielt in einem fiktiven China, in einem der alten Königreiche, ohne dass klar ist, in welcher Zeit sie genau spielt. Eine Prinzessin erzählt einem Affen von dem schönen Mann, den sie kennengelernt hat und heiraten möchte ...

Das ist tatsächlich die gesamte Geschichte, die in großen, eher ruhigen Bildern erzählt wird. Der Stil ist »realistisch« insofern, dass keinerlei spaßigen und verzerrenden Elemente auftauchen, doch die Gescichter sind zu ebenmäßig und gleichzeitig zu starr; das ist ein spezieller Stil der Künstlerin, mit dem ich mich nicht anfreunden konnte. Aber er ist eigenständig, ebenso die ruhige Geschichte. Immer wieder zeigt Zhang Jing das Gesicht der Prinzessin, ihre großen Augen, das strahlende Lächeln, die Freude und den Übermut.

Erschienen ist dieser Comic bei Chinabooks, und das erste Heft macht auf jeden Fall neugierig auf andere Comics aus China, Hongkong und Taiwan. Eine schöne Entdeckung für mich, wenngleich sie meinen Geschmack nicht getroffen hat!

14 Juli 2019

Rechtschreibkorrektur an der Wand

Dass man bitteschön das Cannabis legalisieren solle, das ist eine Forderung, die ich seit meiner Schulzeit kenne. »Gebt das Hanf frei!« und dergleichen kamen erst später. Aber während meiner Schulzeit bekam ich zum ersten Mal mit, wie die Diskussion um Cannabis-Produkte geführt wurde.

Polizisten hielten Schüler an, durchsuchten sie auf offener Straße, kratzten ihre Pfeifen auf, wenn sie etwas Derartiges in der Tasche hatte. Eine örtliche Hardrock-Band, die man heute wohl eher unter die Rubrik »Spaß-Rocker« einordnen würde, schrieb das Lied »Legalize Erdbeereis«, was unsereins damals unglaublich lustig fand. Wir schrieben 1979 und 1980, und wenn das in der Schulsporthalle gespielt wurde, fand man sich auch als Zuhörer ganz schön rebellisch.

2019 haben die Cannabis-Befürworter die Sprühdose entdeckt. Das Bild zeigt ein Graffito in einer Straße der Weststadt von Karlsruhe. Schön finde ich nicht unbedingt den Schreibfehler, sondern den Versuch, ihn zu korrigieren: Sogar der brave Cannabis-Freikämpfer ist offenbar ein pragmatischer Verfecher der korrekten Rechtschreibung. Wunderbar!

13 Juli 2019

Was heißt denn Gelegenheitsautor?

Es gibt eine Frage, die mir einmal im Halbjahr gestellt wird. Zuerst nahm ich sie nicht so ernst und machte blöde Witze, wenn ich sie hörte – aber jetzt muss ich sie doch einmal kurz anreißen: Warum bezeichne ich mich eigentlich als Gelegenheitsautor?

Ganz einfach: Ich bin kein Schriftsteller, ich bin Redakteur. Das steht so in meinem Arbeitsvertrag. Als Redakteur verdiene ich mein Geld, damit verbringe ich den größten Teil meiner Arbeitszeit. Wenn ich noch Lust und Nerven und Zeit habe, schreibe ich eigene Texte; mal werden das Kurzgeschichten, selten ergeben sich sogar Gedichte, alle paar Jahre entsteht sogar ein Roman.

Man könnte sagen, ich schreibe gelegentlich. Ich bin kein reiner Amateur mehr, das ist sicher, weil ich doch mit einem gewissen professionellen Verständnis an meine Schreiberei herangehe. Vom Profi bin ich aber meilenweit entfernt – nicht zuletzt deshalb, weil dazu ja auch das Einkommen zu zählen hätte. Also stehe ich dazwischen.

Ich bin übrigens aus guten Gründen kein Selfpublisher – ich finde es toll, wenn Leute ihre Texte selbst veröffentlichen, scheue aber die zusätzliche Arbeit. Also kann ich von mir nur sagen, dass ich ein »Gelegenheitsautor« sei. Meiner Ansicht nach reicht das.

12 Juli 2019

Zweimal Cumbia am Abend

Als ich am Donnerstagabend, 11. Juli 2019, das »Zeltival«-Gelände in Karlsruhe erreichte, sah das Wetter ein wenig regnerisch aus. In der Tat sollte es im Verlauf des Abends ab und zu nieseln. Das tat der guten Laune der Besucher aber keinen Abbruch: Es waren Leute anwesend, die ich aus der »Alten Hackerei« und von Punk-Konzerten her kannte, dazu viele spanisch sprechende Menschen, insgesamt eine bunte Mischung aus Jung und Alt, »szenig« und »normal«.

Als erste Band traten die Kumbia Queers aus Argentinien auf die Bühne: fünf junge Frauen und ein junger Mann, der sich stark im Hintergrund aufhielt. Die Band hatte vor vielen Jahren mit Punkrock angefangen, spielte jetzt aber ihre spezielle Art des südamerikanischen Cumbia-Sounds: durchaus knallig, manchmal schepperig, vor allem dann schräg, wenn die Orgel ihre quäkenden Töne ins Publikum abfeuerte.

Es wurde viel getanzt, die schnelle Show auf der Bühne sprang auf das Publikum über. Bei der schnellen Cumbia-Version des Dead-Kennedys-Knallers »California Ueber Alles« wirkten aber vor allem die älteren Konzertbesucher ein wenig überfordert. Zum Ausgleich lieferte die Band noch eine skurrile Cumbia-Version von »La Isla Bonita« von Madonna. Die Mischung war schräg, die Stimmung großartig; mir machte das sehr viel Spaß.

Weniger punkig, dafür mit wesentlich mehr modischem Stilbewusstsein traten dann La Yegros auf die Bühne. Eine Sängerin und drei Begleitmusiker lieferten eine etwas ernsthafter wirkende Cumbia-Version. Die Stücke gefielen mir auch, aber die knallige Energie der vorherigen Band brachten La Yegros nicht herüber.

Der Einsatz eines Akkordeons oder eine Percussion-Einlage mit allen Musikern sorgte für gute Laune; die Stimmung im Saal war hier auch sehr hoch. Es wurde weniger gehüpft und mehr getanzt, die Band lieferte schon einen Kontrast. Trotzdem: zwei interessante Bands aus Argentinien, die gute Laune verbreiteten!

Eine Single von Simon Spector

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Der Comic-Autor Warren Ellis ist mir seit den 90er-Jahren ein Begriff, mit »Transmetropolitan« schuf er damals das, was man heute einen »modernen Klassiker« nennen würde. Seither folgten zahlreiche weitere Comics. Zuletzt erfand er eine Reihe von abgeschlossenen Comic-Kurzgeschichten, die er jeweils in einem anderen Umfeld ansiedelte und mit anderen Künstlern umsetzte. Veröffentlicht werden diese hierzulande vom Dantes-Verlag.

Das sollte man tatsächlich wissen, bevor man sich auf die Lektüre von »Simon Spector« einlässt. Dabei handelt es sich um eines der Hefte, die es beim »Gratis Comic Tag 2019« gab; ich habe es endlich gelesen. Warren Ellis erzählt darin die Geschichte eines speziellen Helden in einer vergleichsweise nahen Zukunft. Um einen Fall zu lösen, muss er spezielle Medizin zu sich nehmen – wofür er einen hohen Preis zu bezahlen hat.

Gezeichnet wurde die spannende Geschichte von Jacen Burrows in knalligen Schwarzweiß-Bildern, die mich sehr oft an »Sin City« erinnern. Auf graue Zwischentöne verzichtet der Künstler fast völlig, klare Schwarzweiß-Kanten herrschen vor. Die wirken insbesondere bei der Action sehr »stylish« und geben der gesamten Geschichte einen besonderen Schwung.

Mich machte »Simon Spector« erst einmal sehr neugierig. Die anderen Kurzgeschichten, die Ellis mit verschiedenen Zeichnern erarbeitet hat, werden ebenfalls vom Dantes-Verlag veröffentlicht; ich denke, die wären allesamt etwas für mich ... schauen wir mal.

11 Juli 2019

Die neunte Enpunkt-Ausgabe

Im März 1988 war ich arbeitslos, ich hatte Zeit. Von meiner Afrikareise war ich zurück, ein wenig Geld hatte ich noch übrig, vor allem hatte ich viel Zeit. Also schrieb ich in einem einzigen Gewaltakt von mehreren Tagen, an denen ich abends in Freudenstädter Kneipen versumpfte, die Ausgabe neun meines Fanzines ENPUNKT zu Ende, das ich am Monatsende zum Kopieren nach Passau schickte. Mit vierzig Seiten hatte das Egozine auch einen ordentlichen Umfang, ich ließ 150 Exemplare herstellen.

Das ironische Titelbild von Matthias Langer machte schon klar, was der Schwerpunkt des Heftes sein würde: Ich war über zwei Monate in Westafrika gewesen, hatte dabei viel gelernt und gesehen, und in meinem Egozine berichtete ich darüber. Weitere Themen waren Punkrock und Science Fiction – im Prinzip schrieb ich in all den Jahren meines Egozines über diese Dinge, daran änderte sich nur wenig.

Im Impressum berichtete ich übrigens das Cover. Der Untertitel meines Heftes sei nämlich in Wirklichkeit dieser hier: »Unabhängiges intellektuelles Magazin für Science Fiction, Chaos, Punk und Dosenbier«. Wer das seltsam findet, dem sei gesagt, dass der Humor der 80er-Jahre auch mir heute oft unverständlich ist.

10 Juli 2019

Der gute Geist zum neunzehnten

Das verwirrt mich ein wenig: Ich habe offenbar vergessen, meinem Drang sofort nachzugeben, eine aktuelle Veröffentlichung bekanntzugeben. Deshalb muss ich das schleunigst nachholen: In der Ausgabe 144 des OX-Fanzines ist Folge 19 meines Fortsetzungsromans »Der gute Geist des Rock'n'Roll« erschienen, vom OX immer noch schlichtweg als »Peter Pank« bezeichnet.

Worum geht's denn diesmal? Um eine junge Frau, die der nicht mehr ganz so junge Held meines Romans im Keller eines besetzten Hauses kennengelernt hat. Dort hat er eine sogenannte Jungle Party besucht, weil er noch einige Biere trinken wollte – wobei er feststellen muss, dass er mit dieser »modernen Musik« einfach nicht viel anfangen kann.

Und so stolpert er über Laura, die offenbar Studentin ist, und bewegt sich mit ihr durch die nächtliche Stadt. Spannung beim Leser soll – so mein Kalkül – unter anderem dadurch aufkommen, weil sie offenbar von jemandem beobachtet werden ...

Folge den Wolken nach Nord-Nordwest

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Das ist mal ein origineller Ansatz für einen Manga – von dieser Comic-Richtung verstehe ich allerdings zu wenig, um das seriös beurteilen zu können. Die Geschichte von »Folge den Wolken nach Nord-Nordwest« siedelt Aki Irie nämlich in Island an, sie wirkt recht erwachsen.

Dort lebt der Held dieses ungewöhnlichen Mangas, ein junger Mann, der offenbar mit Autos sprechen kann. In dem Heft, das es zum »Gratis Comic Tag 2019« gab, sitzt er allerdings recht lange auf einer Straße herum, wartet darauf, dass ihm jemand hilft, und führt Selbstgespräche.

Das klingt nicht sonderlich spannend, ist aber toll gezeichnet. Die Hauptfigur erweist sich als nachdenklicher junger Mann, eher schlacksig als muskulös, der einer geheimnisvollen Mission folgt. Die Zeichnungen sind recht realistisch, die phantastischen Elemente – die ich bislang vor allem vermuten kann – werden dezent eingesetzt, verbunden mit der beeindruckenden Natur in Island.

Tatsächlich ist »Folge den Wolken« sowohl erzählerisch als auch zeichnisch nicht mit den bisherigen Mangas zu vergleichen, die ich bislang kenne. Das Heft zeigt eine eher ruhig erzählte Geschichte, in der es zwar auch die typisch-dynamischen Bewegungsabläufe gibt, die aber bislang ohne überzogene Action auskommt. Ein interessantes Heft!

09 Juli 2019

Conan als Gratis-Comic

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Ich finde die aktuelle »Conan«-Renaissance höchst interessant. Klar: Robert E. Howard, der Autor, ist seit mehr als 70 Jahren tot, die Texte sind also rechtefrei zu haben. Dass es jetzt aber gleich mehrere Comic- und Buchveröffentlichungen gibt, finde ich trotzdem interessant. Eine davon erscheint im Splitter-Verlag, und im Rahmen des »Gratis Comic Tages 2019« gab es auch ein entsprechendes Heft.

Die Geschichte »Jenseits des schwarzen Flusses« ist eine klassische Geschichte von Robert E. Howard, die von Mathieu Gabella für den Comic adaptiert worden ist. Die Story ist hart, es fließt viel Blut, und sie zeichnet Conan als schlauen Barbaren, der sich im Zweifelsfall auch für bedrohte Zivilisten einsetzt; sie lässt aber auch Raum für Verständnis für die Gegner. (Was angesichts dieser 30er-Jahre-Fantasy nicht selbstverständlich ist.)

Anthony Jean setzte das Ganze in Zeichnungen und Farben um; das wiederum ist extrem gut gelungen. Die Bilder sind realistisch, wobei die Szenen ja zumeist in der Nacht spielen und der Künstler dabei besonderen Wert auf ausdrucksstarte Gesichter legt. Damit entsteht ein sehr spannender Fantasy-Comic, der auf die neue »Conan«-Reihe im Splitter-Verlag aufmerksam macht. (Mir gefielen auch die Skizzen und auch das Nachwort im Anhang zu dem Gratis-Heft.)

Eine Qualle als Graffito-Motiv?

Fahre ich mit dem Rad durch Karlsruhe und die nähere Umgebung, sehe ich immer wieder schöne Graffiti. Dieser Tage fielen mir einige ausgesprochen gelungene Motive in der Oststadt auf, ganz in der Nähe des »Kulturparks« oder wie auch immer das Areal nun benannt wird. Keine Ahnung, wie »temporär« sie sind und wie lange sie wirklich erhalten bleiben.

Ein Graffito im Querformat gefiel mir besonders gut: Es zeigt eine Reihe von Details, die miteinander durch eine braune Grundfarbe verbunden sind. Ein Teil dabei wirkt, als habe man einen Außerirdischen porträtieren wollen. Schon klar, es ist eher eine Qualle, diese aber mutet wie ein Alien an. Das gefiel mir natürlich besonders gut – deshalb zeige ich dieses Bild an dieser Stelle hier ...

08 Juli 2019

Feiern am Rastplatz

»Das sieht noch nicht aus wie Afrika«, sagte der Typ mit dem dunkelblonden Vollbart und setzte sich zu mir. Er hatte zwei Dosen Bier in der Hand, frisch gekauft offenbar, und schob mir eine über den Tisch.

Ich nickte. »Und die Temperatur stimmt auch nicht.«

Er nickte ebenfalls und öffnete seine Bierdose. »Die andere ist für dich.«

Nachdem ich meine Dose geöffnet hatte, stießen wir an, dann tranken wir. Das kühle Bier schmeckte mir, auch wenn mich das Wetter eher nach einem heißen Getränk gieren ließ.

Ich schaute in die Nacht hinaus. Ein kalter Wind trieb feinen Regen über den Rastplatz, der so aussah, als würde er bald in Schnee übergehen. Die Temperaturen lagen knapp über dem Gefrierpunkt.

In dem Bus, den wir bis nach Westafrika transportieren wollten, war es warm. Wir hatten die Türen verschlossen, und nachdem wir gekocht hatten, hing in der Luft noch der Geruch nach mexikanischem Feuertopf – irgendeine Konserve – und Gas. Auf den gebastelten Betten, die wir auf den umgebauten Sitzreihen errichtet hatten, würden wir in der Nacht nicht zu sehr frieren.

»Wir sind heute nicht weit gekommen«, sagte der andere. »Bis Westafrika sind's noch einige tausend Kilometer.«

Ich lachte trocken. »Gestern morgen bin ich von dort aufgebrochen.« Ich wies in die Dunkelheit, wo irgendwo der Schwarzwald anfing. »Nach Bayern, wo wir den Bus hergerichtet haben.« Am Morgen hatte sich eine Panne an die andere gereiht, und wir waren mit einer riesigen Verspätung aufgebrochen.

Die Nacht würden wir auf der Raststätte Pforzheim verbringen, wir lagen hinter jeglichem Plan zurück. Noch war ich optimistisch. Es würde alles klappen: die Reise nach Afrika, die Abenteuer, die auf mich warteten, die Fahrt durch die Sahara. Aber es war dennoch ernüchternd gewesen, sich in der Toilette der Rastanlage zu waschen und die Zähne zu putzen.

»Du hast heute Geburtstag, haben mir die anderen gesagt.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Der andere hob seine Dose an.

»Ja«, sagte ich. »Ich werde heute 24.«

»Kein optimaler Start ins neue Jahr.«

Wir stießen an und tranken. »Das kannst du laut sagen«, meinte ich und wischte mir Schaum vom Mund. »Aber es kann eigentlich nur besser werden.«

Er grinste. »Na dann: alles Gute!«

So begann mein fünfundzwanzigstes Lebensjahr. Am 9. Dezember 1987. Auf einem Rastplatz bei Pforzheim.

07 Juli 2019

»Werner« als Gratis-Comic und ...

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

In der ersten Hälfte der 80er-Jahre mochte ich die »Werner«-Comics sehr: Ihr Stil war »undergroundig«, die Geschichten fand ich lustig. Es ging um lustige Fahrten mit dem Motorrad, viel Bier und den Ärger mit der Polizei. Ideal für spätpubertierende junge Leute aus der süddeutschen Provinz. Später verlor ich die »Werner«-Comics aus den Augen, wie so vieles; meine Bücher habe ich verliehen und nie wiederbekommen – wie das halt so war.

Der gute alte »Werner« ist aber wieder da; die alten Bände werden neu aufgelegt, es gibt auch neue Geschichten. Und zum »Gratis Comic Tag« gab's ein kostenloses Thema mit dieser Figur. Veröffentlicht wurde die klassische Geschichte »Sportstudio am Mittwoch«, dazu kamen einige Cartoons.

Die Story an sich fand ich früher unfassbar lustig; heute ist der Witz ein wenig antiquiert, und zeichnerisch ist das halt doch »gaaaanz frühe 80er-Jahre«. Aber wenn man sich auf den chaotischen Humor einlässt, entlockt einem die Geschichte doch so manchen Grinser.

Die Rückseite machte mir dann doch klar, dass das nicht mehr meine Welt ist. Zum »Werner Renne 2019« gibt's ein großes Festival, und als wichtigste Band werden die Böhsen Onkelz angekündigt. Was Kim Wilde bei dem Festival verloren hat, weiß ich nicht; bei Bands wie Eisbrecher oder Kärbholz denke ich auf jeden Fall, dass man da eine andere Zielgruppe ansprechen will als Leute wie mich. Die 80er-Jahre sind halt vorüber ...

06 Juli 2019

Wie ich Jungle By Night besuchte

Der Freitagabend, 5. Juli 2019, war ein wunderbarer Sommertag. Die Luft war warm, es ging eine leichte Brise, wir hatten eine gute Stimmung. Mit den Rädern fuhren wir quer durch die Stadt, um zum »Tollhaus« zu radeln, einem Kulturzentrum in der Oststadt.

Dort findet jedes Jahr das Zeltival statt, ein Musik-Festival, das teilweise im Zelt abläuft. Wir wollten uns Jungle By Night anschauen, eine Band aus den Niederlanden, die es zwar auch schon einige Jahre gibt, von der ich aber noch nie zuvor gehört hatte. Musikalisch schien es nicht meine Tasse Bier zu sein, aber ich hatte Lust auf Musik und Bier bei schönem Wetter.

Der Garten des »Tollhauses« war voller Buden und Sitzgelegenheiten. Wir holten uns etwas zu essen, trafen uns mit Freunden, ich trank mein erstes Bier – ein »Alpirsbacher«, hurra! –, und nachdem ich das getrunken hatte, holte ich mir ein zweites, und wir schauten uns die Band an. Jungle By Night machten eine Mischung aus flotten Bläsersätzen, poppigen Melodien und nach Karibik klingendem Sound. Im weitesten Sinne also eine Art von IndiePop, die viele Leute gut tanzbar waren.

Wieviel Leute im Publikum waren, versuchte ich erst gar nicht herauszufinden, mehrere hundert auf jeden Fall, altersmäßig bunt gemischt von Teenagern bis Grauhaarigen. Viele tanzten, andere standen nur herum, weitere saßen im Garten. Nachdem wir einige Zeit zugesehen hatten, gingen wir auch in den Garten.

Wir tranken Bier und Wein, wir unterhielten uns, im Hintergrund spielte die Band – es war wie eine angenehme Pop-CD, die im Hintergrund lief, sicher nicht der Effekt, den die Band sich wünschte, aber dennoch sehr nett. Und so verstrich der Abend, irgendwann war das Konzert vorüber, das Publikum strömte aus dem Zelt, und wir tranken und redeten weiter.

Man kann nicht sagen, dass mich Jungle By Night begeisterten; ich bekam von der Band zu wenig mit. Aber sie gab einen schönen Anlass, sich mal wieder auf die Straße und auf ein Konzert zu bewegen, und unterhielt ausgesprochen gut.

05 Juli 2019

Spannendes Crowdfunding-Projekt

Zu den vielen Themen, die ich mir während des LiteraturCamps in Heidelberg notierte, zählte auch eine Aktion, für die zwei Frauen verantwortlich zeichnen, die ich seit Jahren kenne: Sonja Rüther ist Autorin und Herausgeberin, während Hanka Leo als freiberufliche Lektorin arbeitet. Gemeinsam haben sie das Projekt »Unknown« ins Leben gerufen.

Der Untertitel macht vielleicht klarer, worum es geht: »Unknown – Erzählungen unbekannter Herkunft«. Noch konkreter ist das Anliegen der beiden: »Brauchen gute Geschichten den Namen ihrer Autorin oder ihres Autors?« Letztlich geht es um die alte Diskussion, ob man an der Schreibe wirklich erkennen könnte, ob ein Mann oder eine Frau den jeweiligen Text verfasst haben.

Mit dem Projekt wollen die beiden herausfinden, ob man Texte so lesen kann, dass man nicht in Kategorien von Geschlechtern denkt. Ist es möglich, eine Geschichte »einfach so« zu lesen, ohne zu wissen, welche Autorin oder welcher Autor wirklich dahinter steht? Deshalb sollen Geschichten von bekannten Schriftstellern und Schriftstellerinnen veröffentlicht werden – ohne die Namen der Betreffenden: zuerst in Form von Heften, dann als Buch, natürlich auch als E-Book.

Um dem Projekt eine eigene Dynamik zu verleihen, wurde eine Crowdfunding-Aktion gestartet, die schon guten Zulauf erreicht hat. Aber natürlich läuft die Aktion noch einige Tage – also kann sich jede'r beteiligen, der oder die Lust auf diese Herausforderung hat.

Auf der Internet-Seite bei Kickstarter wird das Ganze ein wenig klarer und gleichzeitig ausführlicher erklärt als hier von mir. Also bitte direkt bei Kickstarter nachlesen, was sich hinter »Unknown« verbirgt!

»Ex-Arm« mit knalligem Sonderheft

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Es gibt Dinge am Manga-Stil, mit denen werde ich mich wohl nie anfreunden. Dazu zählen, dass man bei weiblichen Figuren praktisch immer den Slip unter dem Kleid sehen kann – was ja ein Stilmittel ist, schon klar, aber ... – und dass die Figuren in den unmöglichsten Situationen den Mund so weit aufgerissen haben, als ob sie einen BigMac komplett futtern würden. »Ex-Arm«, von dem es beim »Gratis Comic Tag« ein Sonderheft gab, ist da leider keine Ausnahme.

Ignoriere ich solche Dinge, habe ich einen packend gemachten Science-Fiction-Comic vor mir, in dem es unter anderem um eine Künstliche Intelligenz – mal wieder ein Mensch im Körper eines Roboters – und um einen Polizistin geht, die in einen gefährlichen Einsatz zu gehen hat. Es wird viel geballert, die Action ist rasant, die Speedlines und die großen Bilder vermitteln eine starke Dynamik. Das ist alles ziemlich gut gemacht, lässt mich dann doch ein wenig kalt. Vor allem vergesse ich die schnell erzählte Geschichte schon, nachdem ich das Heft zugeklappt habe.

Ich fürchte, dass ich nie ein Manga-Fan werden kann. Wer aber schon einer ist und Science Fiction mag, sollte bei »Ex-Arm« einen Blick riskieren.

04 Juli 2019

Unterhaltsamer Blick auf die 50er-Jahre

Den Science-Fiction-Kennern ist Dr. Rainer Eisfeld seit vielen Jahren und Jahrzehnten bekannt: Er übersetzte schon in der »Urzeit« der deutschsprachigen Science Fiction eine Reihe von englischsprachigen Romanen, und er sorgte zuletzt durch eine Reihe von Sachbüchern dafür, die Anfänge der SF-Szene hierzulande wieder lebendig zu machen.

Ich las jetzt endlich das Buch, mit dem der damalige Professor für Politikwissenschaften an der Universität Osnabrück im Jahr 1999 erstmals »popkulturell« tätig wurde. In seinem Sachbuch »Als Teenager träumten« schrieb er über »Die magischen 50er-Jahre«, wie sein Buch im Untertitel heißt. Da dieses Jahrzehnt »vor meiner Zeit« liegt, fand ich die Lektüre besonders interessant und faszinierend.

In meiner Wahrnehmung ist diese Zeit eher bleiern: Man war am Wiederaufbau orientiert, die Republik rüstete auf, und Flüchtlinge wurden gegen den Willen der Eingesessenen langsam integriert. Frauen hatten nichts zu melden, die ersten Gastarbeiter hausten in miesen Baracken. So weit so bekannt.

Doch Eisfeld zeigt auch die andere Seite der fünfziger Jahre. Er verweist auf politische Ereignisse wie die Ostermärsche, erzählt von den Anfängen des Rock'n'Roll und zeigt – wieder einmal –, wie die Science Fiction die westdeutschen Jugendzimmer eroberte. Die Bedeutung englischsprachiger Radiosender wird klar, die Mode wird erwähnt, und wie der Film »Casablance« entpolitisiert wurde, war für mich eine völlig neue Information.

»Als Teenager träumten – Die magischen 50er-Jahre« ist ein Lesebuch, keine bierernste Chronik. Man kann die einzelnen Kapitel lesen, wie und wann man Lust darauf hat. Veröffentlicht wurde das Buch in Nomos-Verlag; so weit ich weiß, ist es nur noch antiquarisch zu erhalten. Mir hat die Lektüre viel Spaß gemacht und einige neue Einblicke beschert. Sehr schön!

03 Juli 2019

Jetzt schon aus der Elfenbeinküste

Bei meinen Afrikareisen habe ich die Elfenbeinküste nie besucht. Ich war in Nachbarländern wie Burkina Faso und Ghana, aber die Elfenbeinküste habe ich irgendwie »übersehen«. Umso verwirrender – na ja, eigentlich nicht – fand ich dann die Mail, die dieser Tage bei mir eingetroffen ist. Normalerweise werden solche Mails aus Nigeria verschickt.

Eine Frau, die sich selbst als »22 Jahre altes Waisenmädchen« bezeichnete, schrieb mich an. Sie habe zehneinhalb Millionen Dollar, die ihr Vater auf »einer der besten Banken hier in Abidjan auf ein Festgeldkonto eingezahlt« habe. Wenn ich bereit wäre, »uneingeschränkt« mit ihr zusammenzuarbeiten, könnte ich zwanzig Prozent der Kohle für mich kassieren.

Das klingt nach einem guten Geschäft. Die Mail war auch ziemlich fehlerfrei formuliert. Das fand ich dann schon extrem (!!!) ansprechend. Und fast wäre ich auf das unfassbar tolle Angebot eingegangen. Aber als sie davon schrieb, »den Fonds in Ihre Grafschaft zu investieren«, wurde ich doch ein wenig misstrauisch. Womöglich ist die junge Frau dann doch kein »Waisenmädchen«?

Ernsthaft: Ich bin immer wieder verblüfft, dass solche Tricks nach wie vor versucht werden. Die 90er- und die Nuller-Jahre sollten langsam durch sein, dachte ich bislang …

Kamo und die Geister

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Kamo ist ein ungewöhnlicher »Held«: Der Junge ist herzkrank, und sein Leben neigt sich dem Ende zu. Kurz vor seinem Tod lässt sich aber der geheimnisvolle Grimson bei ihm blicken, der sich als Geist entpuppt. Dieser Geist wiederum gibt ihm einen Auftrag: Wenn Kamo es schafft, andere Geister zu besiegen und ihre Seelen für Grimson zu fangen, kann er ein neues und vor allem gesundes Herz bekommen.

»Kamo – Pakt mit der Geisterwelt« ist ein Manga, von dem hierzulande drei Bände erschienen sind. Im Rahmen des »Gratis Comic Tages 2019« wurde ein »Kamo«-Heft veröffentlicht; sowohl für die Zeichnungen als auch für die Texte ist Ban Zarbo verantwortlich.

Ganz klar: Der Comic richtet sich an Jugendliche, vielleicht sogar Kinder. Die Geschichte ist alles andere als komplex, sie ist aber flott erzählt und weist die üblichen Manga-Elemente auf: große Schwarzweiß-Gesichter, überzogene Action, nach vorne gepeitschte Dialoge. Das muss man mögen, mein Geschmack war es nicht. Aber als Phantastik-Serie für Kids ist »Kamo« womöglich sehr interessant.

02 Juli 2019

Erstaunlich sanfte Chansons

Der französische Schauspieler Gérard Depardieu ist mir aus zahlreichen Filmen bekannt; dass er auch singt, war mir bis vor zwei Jahren noch völlig neu. Mit dem Pianisten Gérard Daguerre zusammen hat er die Platte »Depardieu chante Barbara« aufgenommen, die wirklich sehr angenehm ist und die ich immer wieder mal anhöre – auch gern bei längeren Autofahrten und nicht nur in Frankreich.

Die Sängerin Barbara, deren Stücke er interpretiert, war mir vorher auch unbekannt. Sie war insofern eine typische Chanson-Sängerin, dass ihre Stücke oftmals traurig waren, dass sie mit einer gewissen Melancholie ausgestattet waren und heute entsprechend interpretiert werden müssen.

Sie sang über persönliche Dinge, lieferte aber auch lyrische Bestandaufnahmen. Da wird eben ein Aufenthalt in Göttingen in ein Lied verwandelt, da wird der Dauerregen in einer französischen Küstenstadt zu einem Thema. Und bei Depardieu klappt das auch.

Der manchmal ein wenig unbeholfen wirkende Schauspieler, der in den vergangenen Jahren durch Eskapaden in Sachen Politik und Alkohol auffiel, überzeugt hier durch einen sensiblen Umgang mit den Liedern. Oftmals singt er nicht, er spricht nur, das aber in einem ruhigen Ton, fast leise, sehr gefühlvoll.

Das ist sehr angenehm und reißt einen trotzdem mit. Und klar ist das meilenweit von all dem entfernt, was ich sonst an Musik höre und propagiere. Wenn Depardieu aber die Sängerin Barbara in seiner Weise interpretiert, berührt mich das ...

Bouncer als kostenloses Heft

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Der Western-Comic »Bouncer« wurde hierzulande zu Beginn der Nuller-Jahre von Ehapa veröffentlicht, ich holte mir damals die ersten der spannenden Hardcover-Bände. Da die Serie seit einiger Zeit vom Verlag Schreiber & Leser präsentiert wird, bot es sich an, zum »Gratis Comic Tag 2019« ein kostenloses Heft zu der Serie aufzulegen. Obwohl ich die Geschichte eigentlich kannte, las ich sie im verkleinerten Heft-Format mit großer Faszination erneut.

»Bouncer« stammt von Alejandro Jodorowsky, der hier eine Geschichte mit viel Brutalität und voller Zynismus erzählt. Der Wilde Westen, den der Autor schildert, ist brutal und gnadenlos; es gibt keine braven Helden und noch weniger gibt es positive Charaktere. Unterstrichen wird das durch die Grafik, die Francois Boucq beisteuert; sie ist sehr realitätsnah, spart nicht an Blut, zeigt aber auch die Weite des amerikanischen Westens.

Die Geschichte beginnt am Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, hat dann aber schnell auch eine Handlungsebene in der Vergangenheit (spätestens da kümmern sich meiner Ansicht nach weder der Autor noch der Zeichner um historische Exaktheit, aber das stört kaum). Im Mittelpunkt steht ein großer Diamant, den eine Mutter und ihre Söhne bei einem brutalen Überfall vor Jahren erbeutet haben. Nach Ende des Krieges beginnt der erbarmungslose Kampf um das wertvolle Stück ...

»Bouncer« ist ein moderner Comic-Klassiker, sehr hart, sehr dynamisch. Das Heft macht auf die Gesamtausgabe sowie die neuen Alben bei Schreiber & Leser aufmerksam, was ich gut finde.

01 Juli 2019

Blog-Reaktionen zum »Totengräber«-Buch

Das Buch »Totengräbers Tagebuch« ist erst seit einigen Wochen im Handel; es gab aber schon viele Reaktionen in Blogs und auf anderen Seiten im Internet darauf. Heute möchte ich auf drei Blogs und ihre Kommentare eingehen.

»Es hat mir das Leben und den Tod von einer ganz neuen Seite gezeigt«, schreibt Beate Fischer in ihrer Rezension. Sie wurde im Blog »Schreiblust Leselust« veröffentlicht, geht sehr ins Detail und zeigt das Buch von einer sehr positiven Seite. Darüber freute ich mich natürlich sehr.

Eigentlich mag auch Nika vom Blog »Travlin' Bone« das Buch: »Denn das, was er zu erzählen hat, bleibt definitiv Lohnenswert gehört zu werden.« Die Kritik richtet sich da stärker an mich und meine Bearbeitung; vielleicht hätte ich noch ein wenig mehr Energie hineinsetzen sollen: »Gleichzeitig hatte er wohl schlicht Pech mit seinem Co-Autor, dem es nicht vermochte die Einzelteile tatsächlich in ein stringentes Ganze zu puzzeln.«

Durchaus kritisch, aber unterm Strich positiv schreibt Christina Hacker in ihrem Blog »Christinas Multiversum« über das Buch: »Es ist informativ und erweitert den Blickwinkel auf jene Menschen, die uns irgendwann einmal zu Grabe tragen«, formuliert sie. »Es fördert die Wertschätzung für einen Beruf, der sowohl körperlich als auch psychisch unglaublich belastend ist und zudem schlecht bezahlt wird.«

30 Juni 2019

Literatur in lockerer Stimmung

»Was hast du denn auf dem LiteraturCamp gemacht?«, war eine häufig gehörte Frage am Samstagabend (von diesem Tag stammt auch das Foto zu diesem Text). Und ich tat mich schwer damit, das klar zu beantworten.

Ich fuhr nach Heidelberg, weil ich dazu lernen wollte, weil ich neue Eindrücke bekommen wollte, weil ich Menschen treffen und mit ihnen reden wollte, die sich auch für Literatur im weitesten Sinne interessieren. Das alles habe ich erreicht, bei wüstenhaften Temperaturen um 38,5 Grad und einer ausgesprochen netten Stimmung.

Am zweiten Tag des LiteraturCamps saß ich zeitweise gar nicht im Programm. Mit einigen Leuten aus der Science-Fiction- und Fantasy-Szene saß ich im Freien – als Gesichtsältester bekam ich den einzigen Stuhl –; wir redeten in kunterbuntem Durcheinander über Cyberpunk, unsere Leseerfahrung, die Polizei und andere Themen.

In einem Programmpunkt zur »Künstliche Intelligenzen in der SF« ließ ich mich über aktuelle Bücher informieren und zur interessanten Erkenntnis, welche Computer mit weiblichem Namen eher »dienend« und welche mit männlichem Namen eher selbständig sind. In einer weiteren Runde ließ ich mir ein wenig über SEO-Taktiken erzählen – also Suchmaschinen-Optimierung. Und am Rand bekam ich noch mit, welche Kreativtechniken man fürs Schreiben einsetzen kann.

Zwischendurch trank ich drei Flaschen Wasser, futterte einen veganen Burger und einen Muffin. Und trotz der Hitze, die mein Hirn in Brei verwandelte, lief der Tag an mir mit hohem Tempo vorüber.

29 Juni 2019

Schwitzen in Heidelberg

Der Samstag, 29. Juni 2019, steht für mich im Zeichen des LiteraturCamps in Heidelberg. Das ist – ich bin zum vierten Mal vor Ort – eine Veranstaltung für Menschen, die sich für Literatur interessieren, die Bücher schreiben oder sich beruflich mit literarischen Themen beschäftigen.

Organisiert wird das Ganze nach dem BarCamp-System, das ich von Jahr zu Jahr mit großem Staunen beobachte: Es funktioniert tatsächlich, ein Programm im Lauf einer Veranstaltung zu erstellen und bewusst so zu variieren, wie es sich anbietet.

Dazu gehören Vorstellungsrunden – man nennt seinen Namen, seinen Twitter-Account und seine Hahstags – sowie eine Sessionplanung, die mit Abstimmungen und spontanen Zuordnungen funktioniert. Das Ganze funktioniert natürlich nur, weil diverse Sponsoren mitmachen. (Mein Bild zeigt, wie kleinere Sponsoren präsentiert werden.)

Ich kenne Menschen, die sagen, das LitCamp sei ein wenig »hippiemäßig«. Das ist nicht falsch. Im Prinzip wird hier eine Utopie gelebt: eine herrschaftsfreie Struktur, in die sich theoretisch jede Person einbringen kann. Allein das mag ich schon.

28 Juni 2019

Unschlagbar – unfassbar cool!

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

Warum die Carlsen-Kollegen den absolut coolen Comic-Helden »Unschlagbar« unter der Rubrik »Comics für Kids« einsortiert haben, werde ich wohl nie verstehen. Im Rahmen des »Gratis Comic Tages 2019« gab's von »Unschlagbar« ein Sonderheft, dessen Lektüre ich – ich gestehe es – wegen des vorgeblichen kindlichen Charakters nach hinten geschoben habe.

Was für ein Fehler! In den Geschichten die zwischen einer Seite und wenigen Seiten lang sind, zaubert der Autor und Zeichner Pascal Jousselin eine Fülle von Ideen, die spielerisch mit dem Medium Comics spielen. Die Hauptfigur wechselt zwischen den einzelnen Bildern, durchbricht buchstäblich die Grenzen, interagiert damit gewissermaßen mit sich selbst. Das klingt jetzt vielleicht verwirrend, man muss das echt gesehen haben.

»Unschlagbar« ist ein Funny-Comic, klar; die Bilder sind so, dass sie auch von Kindern gut gefunden werden. Aber es dürften vor allem die erwachsenen Comic-Leser sein, die eine riesige Freude daran haben, wie Jousselin mit den Grenzen des Genres arbeiten.

Das ist ziemlich genial, sehr außergewöhnlich und zu allem Überfluss auch noch witzig – manche Seite schaute ich mir staunend ein zweites und drittes Mal an. Eine gelungene Comic-Überraschung in diesem Sommer!

Titel und Mittel

»Sie mögen wohl meinen Titel nicht«, sagte die Verlagsleiterin unvermittelt zu mir.

Sie war neu im Verlag, nicht meine Vorgesetzte, aber doch in gewisser Weise wichtig für Dinge, die ich zu verantworten hatte. Und sie versuchte, stärkeren Einfluss auf meine Arbeit zu gewinnen, natürlich ohne sich auch nur andeutungsweise für die Inhalte zu interessieren.

Nichts ungewöhnliches für mich; solche Dinge kannte ich zu Genüge. Deshalb saß ich ständig in »Meetings« mit ihr, so auch bei diesem Gespräch.

»Wieso?«, fragte ich, durchaus verwundert.

»Sie sprechen mich immer nur mit meinem Nachnamen an«, belehrte sie mich, »und Sie lassen stets den Titel weg. Aber Sie wissen doch, dass mein Doktortitel ein offizieller Bestandteil meines Namens ist.«

Ich starrte sie an. Das meinte sie doch nicht ernst. Das musste ein Scherz sein. Ich wusste, dass sie einen »Dr.« vor dem Nachnamen hatte, aber ich hatte keine Ahnung, welche Art von Abschluss sie hatte. Es hatte schließlich weder etwas mit mir noch mit meiner Arbeit an der Science-Fiction-Serie zu tun, für die ich eingestellt worden war.

Sie blinzelte nicht, sondern erwiderte meinen Blick ganz ruhig. Ich war ratlos. Sie meinte es tatsächlich ernst, das verstand ich nun.

Sollte das eine Büro-Intrige sein? Ich wusste, dass es solche Dinge gab, aber ich hatte mich in all den Jahren erfolgreich aus irgendwelchen Kleinkriegen herausgehalten. Sie hatten weder mit mir noch mit meiner Arbeit etwas zu tun.

»Einverstanden.« Ich nickte ihr zu. »Ab sofort mit Titel.« Damit war das Thema für mich erledigt.

Leider für sie nicht komplett. In jeden Satz baute ich ab sofort ein »Frau Dr. Nachname« ein, penetrant und auch im Beisein von anderen. Sie wollte ihren Titel hören, also bekam sie ihn zu hören, gern auch hundertmal im Verlauf eines Gespräches.

Ob es damit zusammenhing oder nicht, erfuhr ich nicht – aber die Zahl der »Meetings« und »Jour Fixes«, die sie mit mir vereinbarte, ging drastisch zurück. Im Prinzip ließ sie mich in Ruhe, was mir sehr recht war.

Als sie wenige Monate kündigte, war ich nicht traurig. Zu ihrer Abschiedsfeier wurde ich als einziger der Abteilungsleiter nicht eingeladen. Auch darüber war ich nicht traurig.

27 Juni 2019

Fast zwei Wochen auf Rhodos

Im Juni diesen Jahres war ich doch mal wieder im Urlaub; diesmal ging es nach Rhodos. Ich war noch nie in Griechenland, noch nie auf einer der griechischen Insel, und deshalb war ich sehr gespannt, was auf mich zukommen würde. Letztlich bekam ich als Pauschalurlauber eben das mit, was die meisten Pauschalurlauber so zu Gesicht bekommen ...

Ernsthaft: Wir stiegen in einem schönen Hotel ab, hatten es von dort aus nicht weit zum Strand. Wir schnorchelten, wir baden im klaren Wasser, und abends aß und trank ich viel zu viel. Ich stellte fest, dass der griechische Wein ziemlich gut schmecken kann, und werde bei Gelegenheit herauszubringen versuchen, ob das auch noch nach dem Urlaub so ist.

Da die Bushhaltestelle direkt vor dem Hotel zu finden war, nahmen wir öfter den öffentlichen Bus. Wir fuhren nach Rhodos in die Stadt hinein – das Foto zeigt die Innenstadt –, wo ich feststellte, wie touristisch das ganze Geschehen tagsüber aussah und anmutete. Rhodos dürfte sich abends verändern; womöglich wäre es interessant, die Stadt mal anders zu besuchen. (Vor Jahren hatte ich in Venedig ähnliches festgestellt.)

Wir fuhren auch nach Lindos, einer kleinen Gemeinde, die extrem hübsch ist – ein einziges Postkarten-Motiv –, und nahmen an einer organisierten Inselrundfahrt teil, die aber sehr gut war. Die meiste Zeit gammelte ich am Strand oder am Pool herum, las viele Bücher, aß und trank zu viel. Meinem »individuellen« Tourismus konnte ich nur bei wenigen Spaziergängen über irgendwelche Berge nachgehen.

Aber ich fühlte mich anschließend sehr gut erholt. Und das war letztlich das wichtigste Ergebnis dieses Urlaubs. Rhodos ist durchaus eine Reise wert – aber man muss sich halt klar machen, dass die Insel vom Pauschaltourismus dominiert wird ...

26 Juni 2019

Positiv im Rebstock

Waldulm ist eine Gemeinde in der Ortenau, die ich aus meiner Kindheit noch kenne. Es gehörte zu den guten Traditionen in unserer Familie, im Frühjahr »über den Berg« zu fahren, sprich, wir fuhren aus dem immer noch verschneiten und kalten Freudenstadt hinüber »ins Badische«, wo es schon hell und sonnig war, wo die ersten Blüten zu sehen waren.

Dort gingen wir spazieren und machten all die Dinge, die man als Kind mag und als Teenager hasst: Kaffee trinken mit Verwandten, auf irgendwelchen Bänken herumsitzen und tratschen, Blumen pflücken und dergleichen. Unter anderem waren wir gelegentlich in einer kleinen Gemeinde namens Waldulm, die sehr schön zwischen Weinbergen, Obstbaumwiesen und Schwarzwaldbergen liegt; das fand ich als Kind schon ziemlich toll.

Dieser Tage verschlug es mich – mehr aus Zufall – mal wieder nach Waldulm. Ich hoffte, einige Dinge wiederzuerkennen, vielleicht sogar das Lokal, in dem ich mit meinen Eltern und meiner Schwester einige Male gegessen hatte.

Aber mein Hirn hatte andere Bilder abgespeichert, die ich nicht mehr mit der Realität abgleichen konnte. Es waren nun mal doch einige Jahrzehnte vergangen. Ich erkannte nichts wieder, alles war so anders, dass ich kein einziges Gebäude mit meiner Erinnerung vergleichen konnte.

Bevor ich frustriert sein konnte, kehrten wir spontan ein. Eine schöne Terrasse machte neugierig, und als wir dort saßen, fand ich sie noch schöner. Bei einem Glas Weißwein aus Kappelrodeck hatten wir einen herrlichen Blick auf die Weinberg, die sich rings um uns erhoben. Wir waren im »Rebstock« gelandet, wo wir im Verlauf der nächsten Stunden sehr lecker aßen und ebenfalls sehr gut tranken – als Autofahrer musste ich mich leider sehr einbremsen.

Das Restaurant verfügt über einen beeindruckenden Weinkeller, die Liste der angebotenen Weine ist sehr lang. Und das Essen ist auf einem Niveau, das ich in einem Dorf wie Waldulm nicht erwartet hätte. Bis hin zu den Desserts war ich von dem Angebot sehr begeistert. Da werde ich sicher bald wieder tafeln!

25 Juni 2019

Weg mit den Rätseln

Manche Meldungen aus Verlagen bekomme ich mit, und sie interessieren mich mit. Die aktuelle Meldung aus Köln hat mich aber doch überrascht: Der Verlag Bastei-Lübbe, dessen Produkte ich seit Jahrzehnten kaufe, hat sich mit Stand 31. Mai 2019 von seiner gesamten Sparte an Rätselheften getrennt.

Bisher hatten diese Hefte im Programmbereich »Romanhefte und Rätsel« einen Anteil von einem Viertel. Daraus kann man schließen, dass die Romanhefte – darunter so Sachen wie die Krimi-Serie »Jerry Cotton«, die Gruselserie »John Sinclair« oder die Science-Fiction-Serie »Maddrax« – wirtschaftlich gesund genug sind.

Laut Informationen diverser Medien hat das niederländische Unternehmen die 33 Rätselhefte gekauft. Wieviel die Niederländer dafür bezahlt haben, ist unbekannt. Die bisherigen Mitarbeiter werden nicht übernommen; was mit ihnen passiert, ist nicht öffentlich bekannt.

24 Juni 2019

Monsieur Claude zum zweiten

Man kann über französische Spielfilme sagen, was man möchte: Sie erfreuen sich bei deutschen Zuschauern immer noch großer Beliebtheit. Ein schönes Beispiel hierfür ist »Monsieur Claude und seine Töchter«, der 2014 in die Kinos kam und zu einem großen Erfolg nicht nur in Frankreich wurde, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Es lag nahe, dass man eine Fortsetzung produzieren würde.

Diese trägt den schlichten Titel »Monsieur Claude 2«, und ich habe sie endlich gesehen. Es ist tatsächlich eine direkte Fortsetzung, und wer den ersten Teil nicht gesehen hat, wird den Anfang nicht verstehen. Deshalb versuche ich hier eine Zusammenfassung.

Monsieur Claude ist ein konservativer Franzose. Seine vier Töchter haben nacheinander sehr unterschiedliche Männer geheiratet: David ist Jude, Rachid ist Muslim, Chao stammt aus einer chinesischen Familie, und Charles ist schwarz. Und weil die vier Männer allesamt ihre Erfahrungen mit Rassismus und Ausgrenzung, Kriminalität und Klischees haben, beschließt jeder für sich in »Monsieur Claude 2«, Frankreich zu verlassen – natürlich zusammen mit den Frauen und den Kindern. In der Folge versucht Claude alles, um seinen vier Töchter und die vier unterschiedlichen Schwiegersöhne für Frankreich zu begeistern.

Schon klar: So einen Film kann man nur in Frankreich bringen. Die teilweise knalligen Witze mit rassistischem Unterton, die der erste Teil lieferte, bleiben im zweiten Teil aus; dafür geht es streckenweise um Ausgrenzung. Das ist durchaus auch mal politisch, bleibt aber meist recht harmlos. Und unterm Strich gewinnt dann doch das herrliche Frankreich.

Der Film ist unterhaltsam, ich musste schon einige Mal laut lachen. Aber den Knalleffekt von »Monsieur Claude und seine Töchter« kann er nicht wiederholen. Man muss »Monsieur Claude« also wirklich nicht im Kino gesehen haben; das ist ein Film, den man in aller Ruhe im Fernsehen angucken kann … eine harmlose Familienkomödie letztlich.

11 Juni 2019

Der Professor und das Gasthaus

Eine schöne Idee der Kollegen bei »Professor Zamorra«: Mit dem Band 1175 hat man ein kleines Jubiläum zu feiern, und das nutzt die »langlebigste Horrorserie der Welt« – schöner Untertitel übrigens! – auf ihre Weise aus.

Die Serie ist ja ein Mix aus Grusel, klassischer Phantastik, moderner Fantasy, Science Fiction und allerlei Krimi-Elementen. Sie wird von einem Team sehr unterschiedlicher Autoren geschrieben, und die haben natürlich allesamt ihre eigenen Ideen. Schön, dass die Redaktion das dann auch umsetzt.

Der genannte Band trägt den schönen Titel »Geh zum Teufel, Zamorra!« und stammt von vier Autoren. Sie schrieben vier unterschiedliche Geschichten, die allesamt in der Gaststätte »Zum Teufel« spielen. Das finde ich witzig.

Der Heftroman liegt im Verlag auf meinen Schreibtisch; den nehme ich mir mal für ein Wochenende vor. Mal schauen, wie sich die »Zamorra«-Welt denn heute so anfühlt ...

10 Juni 2019

»Der Krieg der Knirpse« als Sonderheft

Aus der Serie »Gratis Comic Tag 2019«

In Frankreich ist der Erste Weltkrieg – so sagen zumindest die Experten – bis heute wesentlich traumatischer als der Zweite Weltkrieg. Immer wieder erscheinen zu diesem Thema auch neue Comics. Einer der besten in den vergangenen Jahren war und ist »Der Krieg der Knirpse«, der hierzulande seit einigen Jahren von Panini veröffentlicht wird. Zum »Gratis Comic Tag« gab's das erste Album der Serie als schickes Sonderheft – ein Grund für mich, es noch einmal zu lesen.

Die Geschichte beginnt vergleichsweise harmlos. Vier Jungs, die wegen der gleichlautenden Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen nur als »die Lulus« bezeichnet werden, leben in einem Waisenhaus in der Picardie. Der Erste Weltkrieg beginnt, die Front rollt über die Abtei hinweg, in der die Jungs aufgezogen werden. Weil sie aber in ihrem Baumhaus im Wald herumlungern, bekommen sie nicht mit, wie alles evakuiert mit.

Aus der Sicht von Kindern wird der Einmarsch der Reichswehr erzählt. Und was anfangs nach einem Abenteuer aussieht – endlich nicht mehr unter der Fuchtel der Erwachsenen leben! –, wird rasch zu einer prekären Situation: Wie sollen die Jungs in einer Region überleben, die von den Deutschen geplündert worden ist und die vorher von allen Erwachsenen entblößt wurde?

Der Autor Régis Hautière erzählt seine Geschichte stur aus der Sicht der ahnungslosen und unpolitischen Kinder, was hm sehr gut gelingt; auf Nationalismen verzichtet er, die Greuelpropaganda des Ersten Weltkriegs wird aber aufgegriffen. Mit seinen zwischen realistisch und leicht »funny«-mäßig schwankenden Bildern sorgt der Zeichner Hardoc für eine gelungene Illustration, die im ersten Band noch die Schrecken des Krieges weitestgehend ausspart. Ein starker Start in eine sehr gute Serie, die ich an dieser Stelle sehr gern empfehlen möchte.