12 April 2019

Was war eigentlich Maerchenbraut?

Bei manchen Platten wundere ich mich echt, wie sie in meinen Schrank kommen – ein schönes Beispiel ist die Single »Bräuche der Vergangenheit«, die 1980 von der Band Maerchenbraut aufgenommen worden ist. Damals war das allerdings ein angesagter Sound, wenn ich mich düster erinnere ...

Die zwei Stücke sind beide sehr synthesizer-lastig. Die Töne wabern ein wenig, der Gesang hat einen leichten Hall, die Texte sind ganz schön pathetisch. Es geht um Untergang und Trauer, alles ist düster – im Prinzip nimmt die Band den Wave-Sound, der in England zu der Zeit noch recht neu war, und bringt ihn nach Deutschland, wo 1980 Musikrichtungen wie Punk, Neue Deutsche Welle, New Wave, Ska oder Reggae gleichermaßen als neu und verwirrend galten.

Sowohl »Träume der Vergangenheit« als auch »Weite Felder« weisen eine pathetische Grundstimmung auf, die zur Zeit passte. Die Verbindung zu allerlei Fantasy-Mythen, auf die das Cover verweist, war um 1980 ebenfalls angesagt; immerhin kamen die ersten Fantasy-Filme ins Kino, und die Fantasy-Literatur erlebte einen ersten Höhenflug.

Über die Band weiß ich nichts, die Single entspricht nicht meinem Geschmack. Als Zeitdokument – so was galt vor vierzig Jahren als modern – finde ich sie trotzdem spannend. Interessant, was man so alles findet ...

Ich habe Dumbo gesichtet

Auch nach langem Nachdenken kann ich mich nicht daran erinnern, jemals so früh im Kino gewesen zu sein: Wir sahen uns »Dumbo« an, und weil der Film nur zu völlig bescheuerten Zeiten kommt, saßen wir an einem frühen Nachmittag im Filmpalast in Karlsruhe und ließen uns von einem fliegenden Elefanten bezaubern. Der Saal war fast leer: Vielleicht drei Dutzend Menschen waren anwesend, die Hälfte Kinder. Aber wir waren nicht die einzigen Erwachsenen, die ohne Kind angerückt waren …

Man muss klar sagen: Es war ein Film von Tim Burton, und die Filme dieses Regisseurs mag ich zumeist. Das gilt auch für »Dumbo« – der Streifen ist sehr liebevoll gemacht, steckt voller Details, ist ein Fest für die Freunde der Phantastik und unterhält sehr gut. Klar, es ist ein Disney-Film, und er richtet sich an Kinder. Als Erwachsener kann man dennoch sehr viel Freude an der Geschichten, den Effekten und dem schön animierten Elefanten haben. So ging es mir zumindest.

Die Geschichte dürfte bekannt sein; ich erzähle sie hier sehr kurz: Dumbo ist ein kleiner Elefant, der mit seinen großen Ohren ein wenig doof aussieht. Er kann aber fliegen, und das finden zwei Kinder heraus. In der Folge wird der kleine Provinz-Zirkus, in dem Dumbo bisher aufgetreten ist, von einem Unternehmer übernommen – die große Karriere wartet auf alle Beteiligten. Dann aber geht viel schief, und am Ende gelingt es den Helden, dem kleinen Elefanten eine positive Zukunft zu sichern.

Zum gelungenen Film trägt sicher die Besetzung teil. Colin Farrell als einarmiger Kriegsveteran, der seine Frau verloren hat und seine Kinder allein zu erziehen versucht, Danny DeVito als quirliger Zirkusdirektor, Michael Keaton als aalglatter Unternehmer und Eva Green als coole französische Artistin – das ist schon alles sehr gut gemacht. Klar, bei manchen Details fragt man sich, ob die wirklich so sein müssen, das Gesamtbild fand ich aber stimmig.

Im Kino wurde viel gelacht, dann aber auch wieder geschluchzt, wenn es traurig wurde. Wenn dann aber der kleine Elefant versucht, zu seiner Mutter zu kommen, die in einem Zirkuswagen eingesperrt ist, und die beiden Tiere sich mit den Rüsseln berühren, ist das schon sehr gefühlsnah produziert. Das kann man zu Recht kritisieren oder mit demselben Recht gut finden.

Alles in allem ist »Dumbo« ein Streifen, der mir gut gefallen hat. Ich würde ihn gnadenlos in die Fantasy-Ecke stecken und ihn weiter empfehlen. Ich bin sicher, dass er auf DVD oder im Fernsehprogramm auch funktioniert – die Drei-D-Effekte im Kino mochte ich allerdings sehr.

11 April 2019

Tierfreundlicher Arbeitsplatz am Ort

Seit an den Arbeitsplätzen des Verlages, in dem ich tätig bin, ein eindeutiges Rauchverbot herrscht, sind die Raucherinnen und Raucher gezwungen, ihrer Sucht an der frischen Luft nachzugehen. Das Privileg, immer mal wieder fünf bis zehn Minuten eine kommunikative Pause einzulegen, wird rege genutzt. Der Verlag stellte irgendwann sogar Behälter für die Asche und die Glut im Hof auf.

Doch das bringt Probleme mit sich. Offenbar hat die Tierwelt in Rastatt ihre eigenen Pläne mit Aschenbechern. Das wiederum führt zu Einschränkungen für die Raucher: Manche Aschenbecher sind auf einmal nicht mehr zugänglich.

Ich bin gespannt, wann sich die ersten beschweren. »Vögel hindern uns am Rauchen«, oder so. Ich find's witzig.

Ichsucht aus Hamburg

Es gab mal eine Zeit, da kannte ich buchstäblich jede Deutschpunk-Band; das ist ja leider lange her. Umso begeisterter bin ich, wenn ich dann eine Platte wie die »Tristesse« von Ichsucht höre und merke, dass es immer noch kämpferischen und zugleich melodischen Deutschpunk gibt. Die Platte kam bereits 2014 heraus, verantwortlich dafür ist das Label Riot Bike Records aus Hamburg, das eine Reihe von neuen und interessanten Bands präsentiert.

Was Ichsucht machen, ist schneller Punkrock mit einer knalligen Grundnote. Die Sängerin hat eine klare Stimme, im Hintergrund hört man ab und zu die Männer der Band als Chor; die Stücke sind schnell, wenngleich sie kein rasendes Tempo erreichen, und sie gehen nach einiger Zeit gut ins Ohr. Es ist allerdings kein Ohrwurm-Melodiepunk, den man nach dem ersten Mal gleich mitsingen kann, dafür sind die einzelnen Lieder dann doch zu kratzig und zu widerspenstig.

Textlich fährt man eine klare Linie, konsumkritisch, szenekritisch, politisch und eindetig gegen die kranken Zustände der bundesrepublikanischen Gesellschaft. »Gedankenloser Einkaufswahnsinn wird rücksichtslos beworben«, heißt es in dem Stück »Konsument«, und: »Den Frust an den Schuhsohlen, Shoppingmeilen, Plastikhorden.«

Die zwölf Stücke sind allesamt gelungen und belegen für mich, dass es nach wie vor guten Punk aus deutschen Landen gibt. Ich habe mir die Langspielplatte gekauft, die auch ein schön gestaltetes Textblatt und sogar einen Aufnäher enthält (sie ist auf 500 Exemplare limitiert); man kann sich die Band natürlich ebenso digital anhören.

10 April 2019

Trinken, tanzen, Elektromucke

»Der gute Geist des Rock‘n‘Roll« ist volljährig. Zumindest kann ich das behaupten, wenn ich sehe, dass schon die achtzehnte Folge meines aktuellen Fortsetzungsromans im »OX« erschienen ist. Angesichts der Tatsache, dass das »OX« schon seinen dreißigsten Geburtstag feiern konnte, kommt mir mein Romanheld Peter Meißner – ehemals Peter Pank genannt – geradezu juvenil vor.

In der aktuellen Folge, die 1996 spielt, leidet der arme Mann aber eher unter seinem viel zu hohen Alter. Er treibt sich auf einer sogenannten Jungle-Party herum, die im Keller des besetzten Hauses stattfindet. Wo sonst Punkrock und Hardcore bollern, jault jetzt Elektromusik, mit der er nicht viel anfangen kann. Einige Biere und das fröhliche Grinsen einer jungen Frau bringen aber sogar einen alternden Punkrocker dazu, sein Tanzbein ein wenig zu schwingen.

Soviel zum Inhalt der aktuellen Folge meines Romans. »Der gute Geist«, der dem Roman seinen Titel verleiht, wird auch bald wieder in der Handlung auftauchen. Derzeit hangle ich mich viel zu sehr von Folge zu Folge und plane viel zu wenig. Das ärgert mich selbst, wobei ich das Gefühl habe, dass es in der Handlung noch keinen negativen Niederschlag gefunden hat.

09 April 2019

Wenn's das Navi sagt …

Zum dritten oder vierten Mal ignorierte ich die Anweisungen meines Navigationssystems. Zumindest hatte ich es vor. Es wollte, dass ich eine Straße nach links nahm, um vielleicht 200 Meter zu sparen. »Das kommt davon, wenn man ›schnellste Strecke‹ eingegeben hat«, murrte ich, »da rechnet das Navi offenbar allerlei Unfug.«

Wir waren in Quimper, der kleinen Stadt in der Bretagne, und wir hatten eben den Parc de la Providence verlassen, auf dem wir in den vergangenen Tagen einige Male unser Auto abgestellt hatten. Es wurde Zeit, dass wir ins Hotel zurückfuhren.

Ich war gut darin, das Navi zu ignorieren. Manchmal hielt ich es für sinnvoll, den Anweisungen der Frauenstimme zu folgen, die aus den Lautsprechern meines Autos drang. Sie hatte mich erfolgreich in kleine Gemeinden in der Bretagne geführt, und ich war auch in Deutschland meist sehr gut damit gefahren.

Aber manche Vorschläge empfand ich als Unfug: Was sollte es bringen, vor einem Kreisverkehr in eine Seitenstraße einzubiegen, einen Berg hochzufahren und dann oben an einer größeren Straße zu landen, keine hundert Meter von der Stelle entfernt, wo ich normalerweise ohnehin herausgekommen wäre?

Ich mochte Quimper sehr, ich liebte vor allem die schöne Altstadt mit den kleinen Geschäften, der Markthalle, der entspannten Stimmung entlang des Flusses Odet. Was ich ebenso mochte, war die gute Anbindung des öffentlichen Parkplatzes an die Innenstadt.

Spontan entschloss ich mich, doch links abzubiegen. Die Straße – sie hieß Venelle du Cosquer – war nicht eng, sie war sehr eng. Sie schlängelte sich den Berg hoch. Rechts und links standen immer wieder Autos am Straßenrand, was dazu führte, dass ich mich zwischen den Autos hindurchquälen musste. Es war eine echte Anstrengung, und ich musste aufpassen, dass ich nicht ein parkendes Fahrzeug rammte.

Als ich oben ankam, blickte ich auf die Straße, die vor mir lag. Am liebsten hätte ich mein Navigationsgerät geschlagen. Ich hatte zwar einen kürzeren Weg zurückgelegt, aber dafür gut doppelt so lange gebraucht. »Beim nächsten Mal lieber der Kreisverkehr«, schwor ich mir.

08 April 2019

Zehn originelle Science-Fiction-Geschichten

Das Universum wird im Prinzip von Mäusen kontrolliert. Diese nennen sich Quirls und sind dafür verantwortlich, dass alles seinen geordneten Gang geht. Nur wenn die Quirls ihre Arbeit richtig machen, verläuft die Zeit in die richtige Richtung und drehen sich Elektronen um die Atome, zu denen sie auch gehören. Klingt eigentlich alles logisch ...

Das zumindest ist der Ausgangspunkt für die höchst skurrile Geschichte »Das Amt für versäumte Aufgaben«, die der Autor Uwe Hermann verfasst hat. Und diese Geschichte liefert den Titel für einen gelungenen Kurzgeschichtenband, der Ende 2015 erschienen ist.

Ich weiß, dass Kurzgeschichten nicht »massentauglich« sind, weil sie kaum jemand kauft, lese sie aber immer wieder gern. Dass meine Besprechung so spät kommt, möge vor allem der Autor entschuldigen; sie ging schlichtweg unter. Das Buch ist aber noch im Handel, sowohl gedruckt als auch digital – also kann ich es immer noch empfehlen.

Das Buch ist sehr abwechslungsreich. Der Autor kümmert sich nicht um Grenzen des Genres, schreibt mal waschechte Fantasy, dann auch wieder Science Fiction, liefert eine Zeitreisegeschichte oder einen Zukunftskrimi. Diese Mischung hat mir gut gefallen, lässt sie einen doch auch eine Geschichte leichter überwinden, die vielleicht nicht ganz so gut gelungen ist. An phantastischen Einfällen herrscht bei Uwe Hermann offensichtlich kein Mangel.

Wobei der Autor schreiben kann! Handwerklich sind die zehn Geschichten durch die Bank sauber erzählt; da stimmt jede Formulierung, da passt jeder Satz. Nicht nur im Vergleich zu anderen Autoren, die ihre Werke selbst veröffentlichen, kann sich Uwe Herrmann sehen lassen – auch manch große Verlage liefern weitaus schlechter gestaltete und lektorierte Bücher.

Wer sich für originelle Science Fiction aus deutschen Landen interessiert, ist bei diesem Autor und seinem »Amt für versäumte Aufgaben« gut beraten. Das Buch macht Spaß!

Das 240 Seiten starke Taschenbuch kostet 9,99 Euro; es wurde über CreateSpace geschaffen und ist über Amazon zu beziehen. Das E-Book gibt's ebenfalls via Amazon, es kostet 3,99 Euro. Auf seiner eigenen Internet-Seite informiert der Autor über seine Geschichten und liefert weitere Hintergründe zu ihnen.

Sons Of Norway – lohnt sich

Der Film »Sons Of Norway« ist hierzulande nicht sooo bekannt, was ich schade finde. Aus diesem Grund möchte ich ihn kurz vorstellen: Es geht um Punk in der Provinz – also etwas, das ich aus meiner eigenen Jugend selbst sehr gut kenne. Nur spielt der Film nicht im Schwarzwald, sondern in einem Vorort von Oslo, der norwegischen Hauptstadt.

Hauptfigur des Films ist ein Junge, der Ende der 70er-Jahre mit familiären Problemen konfrontiert wird. Er wächst bei liebevollen Hippie-Eltern auf, doch als seine Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt und sein Vater in eine Depression rutscht, entdeckt der Junge die Sex Pistols für sich. Zusammen mit einigen Freunden beginnt er damit, »punkig« zu werden.

Er raucht, er trinkt, er benimmt sich in der Öffentlichkeit bewusst schlecht und schockiert die anderen Leute, und natürlich steigt er in die örtliche Punkrock-Band ein. Sein Vater, der krampfhaft versucht, an diesem Leben teilzuhaben, nimmt den Jungen zwischendurch in ein FKK-Freizeitlager mit oder hilft ihm sogar bei seiner Punk-Band.

Die Geschichte, so einfach sie hier auch erzählt wird, ist zeitweise unfassbar komisch. Die Punkrock-Allüren eines 13 oder 14 Jahre alten Jungen werden nicht als Heldentaten erzählt, sondern durchaus mit Sinn für Peinlichkeiten. Trotzdem freut man sich als Zuschauer über die freche Attitüde.

Gleichzeitig ist der Film aber auch traurig, zumindest streckenweise: ein Junge, dem seine Mutter stirbt, ein Junge, dem sein Vater unglaublich peinlich ist, ein Junge, der sich an der Enge einer Gesellschaft erdrückt fühlt – das sind keine leichten Szenen, die aber dazu führen, dass »Sons Of Norway« eben nicht nur ein lustiger Punkrock-Film ist.

Der Film wurde 2011 gedreht und veröffentlicht. Johnny Rotten, der Sänger der Sex Pistols, hat einen kleinen Auftritt, was ich sehr lustig fand – er taucht nicht als »der damalige« Sänger auf, sondern so, wie er eben 2011 aussah, ein wenig alt und aufgedunsen, aber trotzdem unverkennbar. Es ist kein reiner Punk-Film, sondern ein extrem unterhaltsamer Film über eine Jugend in den späten 70er-Jahren.

Absolut empfehlenswert! (Und an dieser Stelle ein Dankeschön an Christina, die ihn mir geschenkt hat.)

07 April 2019

Ein Lob auf ein Eis

Es gibt Jubiläen, die werden schmählich unterschätzt. Und es gibt Jubiläen, die bekomme ich nur durch Zufall mit. Laut »taz« feierte am 6. April das Spaghetti-Eis – ich schreibe das jetzt so, wie man es früher schrieb – seinen fünfzigsten Geburtstag.

Oder, um es korrekt zu sagen: Es wurde nicht gefeiert, zumindest nicht groß, aber die Erfindung dieser Eiszubereitung wurde fünfzig Jahre alt.

Als ich ein Jungpubertierender war, galt es als das Größte, ein Mädchen zum »Spaghetti-Eis« einzuladen. Wenn man das geschafft hatte, ging man ins »Eis-Cortina« in der Reichsstraße, setzte sich so hin, dass einen auch wirklich sahen, und löffelte gemeinsam sein Eis. Das war wichtig, und es zählte zu den entscheidenden Momenten, wenn man ein Mädchen kennenlernen wollte – lange vor dem ersten Kuss.

Ich habe wohl seit 1980 kein Spaghetti-Eis mehr gegessen. Wenn es Eis gibt und gab, nehme ich gern eine Waffel mit zwei Kugeln – das ist dem Eis eher angemessen. Oder ich esse es auf dem heimischen Balkon und schütte ein wenig Gin oder sonst was drüber. Aber Spaghetti-Eis?

Schon seltsam, wie sich Gewohnheiten verändern. Und noch seltsamer, wie schnell einem die Erinnerungen ins Hirn schießen, wenn man sich klarmacht, dass Spaghetti-Eis früher zu den Höhepunkten des Sommers gehörte ...

05 April 2019

Einige Anmerkungen zu Ruanda

Es ist ziemlich genau ein Vierteljahrhundert her: Der Völkermord in Ruanda begann, die Eskalation der Gewalt steigerte sich – und das Ganze war über Wochen hinweg in der deutschen Presse kein Thema. Es gab einige Berichte in überregionalen Zeitungen, ich las im Frühjahr 1994 immer wieder Texte darüber in der »taz«, und das war's. Im Fernsehen wurde das Gemetzel nicht thematisiert, der Bundestag schwieg dazu, von Friedensdemonstrationen konnte keine Rede sein.

Die Ermordung von bis zu einer Million Menschen wurde einfach kein großes Thema in Deutschland. Das finde ich verblüffend. Ich weiß noch, wie mich diese »Leerstelle« in der öffentlichen Wahrnehmung schon in den 90er-Jahren verwunderte. Wenn ich Leute auf Ruanda ansprach, wussten die meisten nicht einmal, dass es dieses Land gibt, geschweige denn, wo es liegt.

Ich hatte damals vor, eine Radiosendung zum Thema zu machen. Das war, als ich noch plante, »seriös-politische Berichterstattung« zu machen. Ich merkte dann schnell, wie aufwendig eine solche Sendung wäre, und entschloss mich – nach einer Testsendung über die Scientology Church – künftig nur noch über Musik zu berichten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute ist es ein bisschen anders. Ein Vierteljahrhundert, nachdem der Massenmord begonnen hat, schreiben viele Zeitungen über das Thema; auch in anderen Medien ist Ruanda stärker präsent. Vielleicht liegt es auch – zynischer Gedanke? – ein wenig daran, dass sogar die verschnarchten Industriebosse gemerkt haben, dass südlich des Mittelmeeres viele Leute leben, die gern die Produkte »made in Germany« kaufen würden, was 1994 noch nicht der Fall war. Ruanda gilt heute als Vorzeigeland, nicht unbedingt für demokratische Errungenschaften, aber für wirtschaftliche Entwicklung.

Welche Lehren aus dem seltsamen Stillhalten der Industrieländer zu ziehen sind, weiß ich nicht. Man würde heute dank des Internets schneller mitbekommen, was in einer »abgelegenen« Weltgegend passiert; ob sich jemand verantwortlich fühlen würde, den Massenmord zu stoppen, weiß ich noch weniger. (Frankreich griff damals bekanntlich ein, um die Massenmörder zu schützen. Aber das ist ein ganz anderes Thema, das bitteschön die Franzosen selbst klären wollen.)

Ich finde die Erinnerung an Ruanda im Jahr 1994 sehr unangenehm. Und ich werde an diesem Wochenende sicher nicht nur einmal an die grausigen Ereignisse in Ostafrika denken, die 25 Jahre her sind und für die meisten Leute hierzulande ganz weit weg.

Wenn Batman auf Dämonen trifft ...

Ich mag die »Batman«-Geschichten dann, wenn sie nur wenig Superhelden-Action enthalten. Das mag sich wie ein Widerspruch anhören – schließlich ist »Batman« ein Superhelden-Comic –, aber ich meine damit, dass ich das Auftauchen von zu vielen Superhelden im Universum des »Dunklen Ritters« immer als spannungsmildernd wahrgenommen haben. Berührt die Serie gelegentlich mal den Horror oder eben die Dunkle Phantastik, komme ich damit erstaunlicherweise klar – wenn es dezent abläuft.

Deshalb kam ich trotz einiger Schwächen gut mit der Miniserie »Golden Dawn« zurecht, die 2011 in fünf Bänden als Start der neuen Serie »Batman – The Dark Knight« in den USA erschienen ist. Sie liegt seit einigen Jahren unter dem Titel »Dunkle Dämmerung« und als Band 79 der Reihe DC Premium bei Panini Deutschland vor. (Die ganzen Hintergründe zu dem Titel »The Dark Knight« lasse ich an dieser Stelle weg, das ist etwas für Spezialisten.)

Die Miniserie ist nach der weiblichen Hauptfigur benannt: Golden Dawn ist eine attraktive Frau, die mit Bruce Wayne in dessen Kindheit befreundet war; später war sie auch seine erste Liebe. Doch dann verschwindet sie spurlos, und Wayne muss in seiner Funktion als Batman versuchen, sie zu finden und – buchstäblich – aus den Klauen der Hölle zu befreien.

Spätestens wenn der reimende Dämon Etrigan auftaucht, wird die Handlung durchaus absurd. Mit einigen anderen Bösewichten wie dem Pinguin oder dem allgegenwärtigen Joker kommt genügend »Bekanntheit« aus Gotham City ins Spiel. Wie bei mancher Miniserie aus dem »Batman«-Universum habe ich in solchen Fällen oft das Gefühl, der Autor habe versucht, möglichst viel an szenisch wichtigen Inhalten unterzubringen.

Fairerweise muss ich dazu sagen, dass der Autor – es ist der Brite Paul Jenkins – eine ordentliche Geschichte erzählt. Sie enthält die üblichen Sprünge, die bei einer Veröffentlichung in Heften offenbar immer auftreten, bietet aber genügend an Spannung. Man langweilt sich nicht, ich brach aber auch nicht in Begeisterung aus.

Der Comic-Band überzeugt vor allem durch seine Optik. David Finch und sein Kompagnon Jason Fabok liefern knallige Action ebenso wie starke Ansichten von Gotham City. Unterstützt werden die beiden von mehreren Tuschern – alles in allem ergibt sich ein sehr dynamisches Bild, das durch die gelungene Farbgebung unterstützt wird.

Okay, ich versuch's in kurz: »Dunkle Dämmerung« ist eine ordentliche »Batman«-Geschichte, die mir besser gefällt als die aktuellen Geschichten. Die 128 Seiten gibt's für 14,95 Euro; das Paperback sieht auch echt gut aus. Eine echte »kann man«-Geschichte, definitiv aber kein Muss.

04 April 2019

Seltsame Kriminalfälle mit leicht phantastischem Einschlag

Sherlock Holmes ist eine Figur, die auch im 21. Jahrhundert sehr beliebt ist. Das belegen nicht nur zahlreiche Verfilmungen und Comics, sondern ebenso die Romane und Kurzgeschichtensammlungen, die in den unterschiedlichsten Verlagen erscheinen.

Mit »Sherlock Holmes und die seltsamen Särge« hat die österreichische Autorin Barbara Büchner bereits im Herbst 2014 eine gelungene Interpretation des Holmes-Mythos veröffentlicht, der zudem über einige phantastische Elemente verfügt. Meine Lektüre und meine Besprechung kommen leider mit gehöriger Verspätung ...

Die Autorin ist mir seit langem bekannt, nicht persönlich, aber durch ihre stimmungsvollen und gut geschriebenen Romane, die in den unterschiedlichsten Verlagen veröffentlicht worden sind – dieser Sherlock-Holmes-Roman bildet keine Ausnahme. Barbara Büchner orientiert sich an den popuären Darstellungen des Detektivs und seines Begleiters Dr Watson; sie erzählt im Prinzip sieben in sich abgeschlossene Fälle, die aber streng genommen einen Roman ergeben.

Eine Wette hält die Fälle ebenso zusammen wie ein Arzt, der ständig davon redet, dass es »kleine Menschen« gibt, oder der glaubt, dass mysteriöse Mächte auf der Erde wirken. Diese »kleinen Menschen« wiederum spielen in den einzelnen Fällen eine Rolle, wodurch das Buch den Charakter eines Krimis verliert und mehr zur phantastischen Literatur gezählt werden kann.

Dass die Autorin schreiben kann, wusste ich. Ihre Sherlock-Holmes-Adaption beweist das vorzüglich. Die Geschichten sind »seltsam«, sie wissen zu faszinieren, sie wirken gleichzeitig authentisch insofern, dass man ihnen »glaubt«, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu spielen. Die Schauerstimmung, die von den Originalen verbreitet wird, kann die Autorin hervorragend einfangen.

 Wer in früheren Jahren gern die Geschichten von Arthur Conan Doyle gelesen hat und Lust auf »neues Futter« in Form aktueller Geschichten hat, sollte sich »Sherlock Holmes und die seltsamen Särge«. Der phantastische Einschlag sollte übrigens die Freundinnen und Freunde des »reinen« Krimis nicht zu sehr stören ...

Mehr Rhythmus, weniger Melodie

Mit ihrem rasanten Sound, dem originell klingenden Sänger und dem treibenden Rhythmus hat sich mir die Band Kontrolle in schnellem Tempo ins Ohr gefräst. Die Platte »Egal« drehte sich bei mir zeitweise ständig im CD-Player – und das ist ein wichtiger Grund für mich, mir endlich die dazu gehörende Langspielplatte zu kaufen.

Was die Band aus Düsseldorf und Solingen bietet, ist interessant: Anklänge zu den späten 70er-Jahren sind ebenso zu vernehmen wie »noisige« Anleihen. Das ist dann kein Deutschpunk, wie man ihn bisher kennt; die Band in den neuerdings wieder beliebten Wave-Topf zu stecken, wird ihr aber auch nicht gerecht.

Der Reihe nach: Bei Kontrolle fällt vor allem der wummernde Sound auf, der alle Stücke prägt, die schnellen wie die langsamen. Das Schlagzeug wird dabei gelegentlich durch Synthesizer-Elemente aufgepäppelt, die manche Stücke an Nichts und andere alte Bands erinnern lassen. Die Gitarre und der Bass knallen mehr in die Richtung einer modernen Noise-Rock-Band.

Dazu kommt die Stimme des Sängers, die manchmal an EA 80 erinnert, dann wieder einen stressigen Unterton annimmt. In Verbindung mit den Texten, die oft kurz und abgehackt wirken, aber stets ziemlich schlau sind, ist die Stimme sehr eigenständig. Die Textzeilen erinnern ebenfalls an die frühen 80er- oder späten 70er-Jahre, sind knallig und direkt, erzählen oft vom Arbeitsleben und privaten Dingen, werfen einen sarkastischen Blick auf die Gesellschaft von heute.

Ich kann es nicht anders sagen: Die Band ist ziemlich klasse, und ich bin begierig darauf, sie live zu sehen. Mit ihrer Platten haben mich Kontrolle auf jeden Fall überzeugt!

03 April 2019

Kurz an Google-plus gedacht

Auch wenn ich es früh genug wusste, fand ich es dennoch irgendwie traurig: Als ich heute morgen – wie immer – meinen Account bei Google+ aufmachen wollte, sah ich nicht auf mein eigenes Bild oder auf die aktuellen Dinge, die andere Nutzer eingestellt hatten. Stattdessen sah ich eine sehr nüchterne Aussage: »Google+ ist für Privatnutzer- und Brand-Konten nicht mehr verfügbar«, verkündeten die Seitenbetreiter.

Immerhin gab es so etwas wie ein nettes Zeichen: »Wir, das Google+ Team, möchten uns herzlich bei dir bedanken«, stand auf der Seite. »Vielen Dank, dass du Teil von Google+ warst!« Tatsächlich empfand ich Google+ über mehrere Jahre hinweg als ein durchaus sympathisches Netzwerk. Mir machte es gelegentlich Spaß, mich auf dieser Seite auszutauschen.

Machen wir uns nichts vor: Die Macher von Google+ betrieben ihre Seite nicht, um mir einen Gefallen zu tun. Natürlich sammelten sie meine Daten, genauso wie es die anderen Sozialen Netzwerke mehr oder weniger stark tun. Aber das war mir ja immer bewusst, weshalb es mich kaum störte.

Bei Google+ fand ich zumindest zeitweise gute Diskussionen, in einem stärkeren Ausmaß, als ich das jemals bei Facebook erlebt hatte. Gemeint sind Diskussionen zu politischen oder gesellschaftlichen Themen, die von einem recht seriösen Niveau waren. Diese »Gespräche« waren natürlich auch nicht mit »richtigen« Diskussionen vergleichbar, ich mochte sie aber.

In den vergangenen Jahren hatte Google+ ohnehin nachgelassen. Viele Leute hatten der Plattform den Rücken gekehrt, hatten sich auf Facebook konzentriert oder gar das Social-Media-Zeugs ganz gelassen. Diskussionen fanden nur noch selten statt. Der Versuch, Facebook in punkto Optik nachzueifern, wurde auch von mir mit Kopfschütteln bedacht.

Und so bleibt nach einigen Jahren – ich kann es nicht einmal genau sagen – ein Abschied mit leichtem Bedauern. Schade, Google+, es war echt schön mit Dir. Danke, dass ich mich bei Dir auslassen konnte.

02 April 2019

Die Dauerlacherin

Als die junge Frau den Großraumwagen betrat, fiel sie mir nicht auf. Sie steuerte die Reihe vor mir an, wo sie sich niederließ. Mit einem »Hallo« und einem lauten Lachen begrüßte sie die Person, die dort saß und die ich nicht sehen konnte.

Ich steckte die Nase wieder in mein Manuskript, versuchte standhaft, meine Umgebung auszublenden, und eifrig zu lesen. Doch vor mir hatte sich die ruhige Stimmung verwandelt, und schuld daran war das Lachen, das mich immer wieder aus allem herausriss.

Die junge Frau lachte ständig, gefühlt alle fünf Sekunden schallte ihr abgehacktes »Hahahaha« zu mir herüber. Es war kein fröhliches Lachen, das ich bei einem Witz oder einer witzigen Bemerkung angebracht gefunden hätte. Ich empfand es als künstlich. Und sie lachte einfach immer, egal zu welchem Thema.

»Schau mal, da draußen sieht man, wie schön das Wetter ist.« Hahahaha. »Oh, der Schaffner kommt.« Hahahahha. »Hier ist meine Fahrkarte.« Hahahahaha. »Vielen Dank für die Auskunft.« Hahahaha.

Ich wollte das dauernde Lachen ausblenden, es ging nicht. Jeder Satz von ihrer Nebensitzerin oder vom Schaffner wurde mit einem kurzen Gelächter kommentiert. Wenn sie selbst etwas sagte oder erzählte, unterbrach sie ihre eigenen Sätze mit Gelächter.

»Ich ging also die Straße entlang ...« Hahahaha. »... und da kam mir dieser Mann entgegen ...« Hahahahaha. »Er hatte einen Anzug an ...« Hahahaha. »... und trug einen Hut, so einen ganz breiten ...« Hahahaha. »... und er kam auf mich zu, und ...« Hahahahaha.

Es war unfassbar. Ich hasste sie irgendwann für ihre aufgesetzte Fröhlichkeit. Ich wollte sie aus meinem Bewusstsein ausblenden, aber es ging nicht. Sie lachte jegliche Schutzbarriere um mein Hirn weg, sie fräste sich in meinen Kopf und verschwand nicht mehr.

Es war alles unmöglich, ich konnte nicht mehr lesen. Ich merkte selbst, wie ich mich in etwa hineinsteigerte. Die junge Frau hatte schließlich ein Recht darauf, so zu lachen. Dass ich mich über sie ärgerte, sagte ja eher etwas über mich aus als über sie.

Aber auch die Selbstkritik half nichts: Sie ging mir auf die Nerven, ununterbrochen und ohne jegliche Pause. Als sie in Kassel endlich ausstieg, schloss ich vor Erleichterung die Augen. Mein Schlaf ging immerhin bis Frankfurt.

01 April 2019

Café der Erinnerung

Ich kam mit meinem Rad aus dem Wald, in dem ich mich schwer verausgabt hatte. Ich war verschwitzt und wusste, dass ich dringend unter eine Dusche wollte. Aber am Straßenrand ließ mich ein Schild langsamer werden. Es wies auf ein neues Café hin, das jemand errichtet hatte. Es sollte nach zwanzig Metern kommen.

Ich war verblüfft. »Ein Café, her?«, murmelte ich. In der Gegend hatte ich in den vergangenen Jahrzehnten nur Schlamm und Dreck, wucherndes Gras und wild in die Höhe strebende Büsche gesehen, Dornenranken und Beeren aller Art wuchsen hier. Oder war das Schild ein verspäteter April-Scherz?

Langsam fuhr ich weiter. Ich wollte es wissen und erst einmal den Platz genauer ansehen, bevor ich den Weg ansteuerte, der zum Haus meiner Eltern führte. Vorsichtig schob ich meine Kappe weit nach hinten, damit ich eine bessere Sicht hatte.

Wie es sich herausstellte, war an der Stelle, wo früher die kleine Feldbahn mit den Loren die Straße überquerte, tatsächlich ein kleines Café errichtet worden. Tische und Stühle gruppierten sich unter einem Zeltdach, die Wände der Anlage bestanden aus Stroh. Allerdings saßen keine Besucher in dem Café, an dem ein großes »Herzlich willkommen!« immerhin ein wenig Werbung machte.

Kopfschüttelnd fuhr ich näher, stellte spontan mein Rad ab und trat näher. Mein Schweiß interessierte mich auf einmal nicht mehr. Hinter der Bar, auf der mir vor allem eine überdimensionale Kaffeemaschine auffiel, stand eine junge Frau, die mir bekannt vorkam. Vielleicht war ich mit ihrer Mutter oder ihrem Vater in die Schule gegangen.

»Nicht viel los hier«, meinte ich, nachdem ich einen Kaffee bestellt hatte.

Sie lächelte, stellte mir das Getränk hin und kassierte mein Geld. »Abends wird das hier voll«, behauptete sie. »Dann sitzen die Leute hier und hören den Gesängen der Kröten zu.«

»Wie früher«, sagte ich und setzte mich hin. Ich blickte über das Gelände, das früher mein Abenteuerspielplatz gewesen war, und erinnerte mich an den infernalischen Lärm, den Tausende von Fröschen und Kröten in mancher Sommernacht veranstaltet hatten.

Ich wollte gerade aus der Tasse trinken, als ich aufwachte.

29 März 2019

Spätwestern vor mexikanischer Kulisse

Dass ich ein Fan der Serie »Durango« bin, habe ich gelegentlich schon geschrieben. Seit die Western-Comics von Yves Swolfs in den frühen 80er-Jahren hierzulande erstmals veröffentlicht worden sind, finde ich sie ziemlich klasse. Mittlerweile wird die Gesamtausgabe im Splitter-Verlag veröffentlicht, und ich las dieser Tage endlich den zweiten Band.

Dieser Band enthält drei Bände, die allesamt im Grenzbereich zwischen den amerikanischen Südstaaten und dem Norden von Mexiko spielen. Erzählt wird in den Alben »Amos«, »Wilde Sierra« und »Das Schicksal des Desperados«, wie Durango – ein schweigsamer Mann, der extrem schnell schießen kann – in den späten 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts die Grenze nach Mexiko übertreten will und dort auf den Banditen Amos trifft.

Die Handlung ist stets knallig. Man reitet durch die Gegend, man schießt sich gegenseitig tot; alle Männer sind Banditen, alle Frauen zumindest in Gefahr. Immerhin hat Durango so etwas wie eine Moral und ist im Zweifelsfall dazu bereit, die Schwachen gegen die Mörder zu beschützen.

Der »Bodycount« in den Geschichten ist hoch. Eigentlich sind es schon keine Western mehr, sondern Episoden aus einem fürchterlichen Bürgerkrieg. Hinterhalte werden gelegt, Siedlungen und Festungen überfallen, es kommt zu offenen Gefechten in der Wüste und im Bergland, bei denen Dutzende von Männern fallen.

Swolfs ist ein hervorragender Erzähler; man merkt den Geschichten an, wie sehr er den klassischen Italo-Western der späten 60er-Jahre liebt. Trotz aller Gewalt sind die Geschichten durchaus komplex, sie haben starke Charaktere, die der Comic-Künstler durch Dialoge und Bilder klar unterscheidbar macht.

Dazu kommen die beeindruckenden Zeichnungen, in denen die Wüste ebenso lebendig wird wie die Gesichter der Menschen. Schroffe Felsen, verzerrte Gesichter, knallharte Action, die gnadenlose Sonne – in den frühen 80er-Jahren führte Swolfs den Western-Comic zu einem neuen Höhepunkt. Der zweite Band der »Durango«-Gesamtausgabe belegt das erneut aufs Beste.

28 März 2019

Mit dem Rücken zur Nacht

Wer sich – wie ich – immer mal wieder über die fürchterliche Musik im Radio ärgert und sich fragt, warum es denn keine deutschsprachige Popmusik gibt, bei deren Texte man nicht brechen muss, der sollte sich einfach das Stück »Mit dem Rücken zur Nacht« anhören oder auch bei YouTube anschauen. Es stammt von der Band Schreng Schreng & La La, und es ist wirklich deutschsprachiger Pop – man darf wohl auch »Liedermacher« dazu sagen.

Schon klar: Die beiden Musiker stammen aus der Punk-Szene, und der Sänger wurde vor allem durch seine Band Love A bekannt. Aber das mindert nicht meine Freude an dem Stück, das man sich auch mehrfach anhören kann.

Das Gitarrenspiel ist sehr nett, der Sänger hat eine angenehme Stimme. Der Text ist in sich stimmig, das Video ausgesprochen schön. Ach, schaut's euch einfach selbst an!

Leipzig war ein Con

Vor einer Woche fuhr ich nach Leipzig, seither schwelge ich in Erinnerungen. Und je länger die schöne Messe zurück liegt, desto klarer wird mir, woher meine Begeisterung eigentlich kommt: Leipzig war und ist ein Con. Dazu muss ich wohl ein wenig länger ausholen.

Als der Begriff »Con« erstmals im deutschsprachigen Raum auftauchte und man ihn anfangs sogar mit »K« schrieb, war Science Fiction mehrheitlich eine Veranstaltung für junge Männer. Ein »Con« war ein Treffen, ein Kongress, und man traf sich, um zu diskutieren, Club-Interna zu verhandeln, Autoren zu treffen, Fanzines zu machen, an der eigenen Karriere zu feilen und vor allem auch Bier zu trinken.

Als ich 1979 in die Fan-Szene kam, gab es im Wesentlichen zwei Arten von Cons: die seriösen und die fannischen. Die seriösen Cons hatten ein Programm. Bei ihnen lasen Autoren aus ihren Werken, es wurde diskutiert, häufig auch über politische Inhalte. Bei den fannischen Cons – wie ich sie jahrelang veranstaltete – wurde vor allem viel Bier getrunken und viel gealbert. Die Science Fiction bildete die Grundlage für soziale Kontakte.

In den 90er-Jahren mehrten sich die sogenannten MediaCons, die sich vor allem an Filmen und Fernsehserien orientierten. Der Begriff »Con« wurde nun weiblich, und seither gibt es auch so Dinge wie »Tattoo Conventions«, die mit dem eigentlichen »Con« logischerweise nichts zu tun haben, wohl aber mit einer »Star Trek«-Veranstaltung.

Und heute? Allenthalben wird beklagt, auch von mir, dass das klassische Science-Fiction-Fandom so gut wie ausgestorben sei. Es gibt MediaCons und ComicCons, und es gibt allerlei Veranstaltungen, die irgendwie mit Science Fiction zu tun haben, bei denen ich aber schon angesichts des Programms weiß, dass es mich dorthin nicht verschlagen wird. (Der BuchmesseCon ist eine lobenswerte Ausnahme. Er boomt geradezu.)

Doch es gibt längst neue Formen der Veranstaltung: Ich habe das LiteraturCamp in Heidelberg schon dreimal besucht und halte es für eine wunderbare Verlängerung des klassischen Cons in die heutige Zeit, wenngleich die phantastische Literatur eine Randerscheinung ist. Aber viele Leute treffen sich, diskutieren über Literatur, streiten sich auch mal, trinken und essen gemeinsam – alles wie bei einem Con.

Und so war es auch in Leipzig. Der Bereich der Halle 2, in dem ich mich aufhielt, war geprägt von Science Fiction und Fantasy. Heerscharen von interessierten Lesern drängten sich um die Stände der kleinen Verlage – die in gewisser Weise die Nachfolger von Fanzines und Club-Publikationen sind, auch was die Auflagen angeht –, sie hörten sich die Lesungen an, sie diskutierten und holten sich Autogramme. Best gelaunte Autoren und Künstler waren unterwegs, man duzte sich flächendeckend, und von den sonst häufig feststellbaren Streitereien bekam ich nichts mit.

Leipzig war eine Messe, schon klar, und sie war ganz schön teuer. Zugleich aber hatte sie mehr vom »Con-Feeling« früherer Zeiten als mancher Con, den ich in den vergangenen Jahren besucht habe.

27 März 2019

Kommunikation vier punkt null

Mir ist das sogenannte Internet 4.0 oder wie immer das heißt, ziemlich egal. Mir ist völlig gleichgültig, ob Maschinen und andere Dinge miteinander kommunizieren können. Mir reicht es nämlich aus, dass ab und zu die Dinge in meiner Wohnung direkt mit mir kommunizieren.

So mein Fernseher. Der ist alt und echt betagt, aber er spricht zu mir. »Du willst mich also rauswerfen«, sagt er vorwurfsvoll. Dabei verzieht er keine Miene. Kunststück, er ist ja auch ausgeschaltet. Aber die Glasfront spiegelt mein Gesicht, da kann ich viel hinein interpretieren.

»So pauschal kann man das nicht sagen«, weiche ich aus, als sei ich ein Politiker in irgendeiner blöden Talkshow.

»Erinnere dich doch daran, wieviel Zeit wir miteinander verbracht haben«, versucht er es mit schönen Worten. »1998 hast du mich gekauft, ich war dein erster Fernseher überhaupt.«

»Ja.« Ich nicke traurig. Meine Eltern hatten keinen Fernseher, aus religiösen Gründen. Als ich allein wohnte, brauchte ich keinen. Ich sorgte dafür, dass mein Leben spannend blieb, und ich lese ohnehin lieber, als in eine Glotze zu starren.

»Erinnere dich daran, wie du mich gekauft hast. Wie du mich die Treppe hochgeschleppt und mich installiert hast.« Der Fernseher klingt ein wenig weinerlich.

Und wie ich mich erinnere. Verkauft hat ihn mir ein Techniker, der am Wochenende ebenso besoffen wie ich durch die »Kombe« in Karlsruhe stolperte. »Für das Geld kriegst du kein besseres Gerät«, versprach er. Also investierte ich 699 Mark und schleppte abends den superschweren Fernseher in seiner gigantischen Umverpackung allein die Treppe hoch.

»Du hast Umzüge und Baustellen überstanden«, sage ich und seufze. »Und viele Talkshows.«

Nachdem ich 1998 den Fernseher gekauft hatte, ein Stück der altehrwürdigen Firma Schneider, war ich fasziniert von dem, was ich zu sehen bekam. Vor allem, wenn ich nachts von einem Punk-Konzert nach Hause kam, abgerissen und angetrunken, setzte ich mich gern noch mit einem Bier oder zweien oder dreien vor die Glotze und zappte mich durch das Nachtprogramm. So sah ich Wiederholungen von Bärbel-Schäfer- und Hans-Meiser-Sendungen, die mein Weltbild stark erweiterten.

»Und das soll jetzt alles vorüber sein«, klagt der Fernseher. »Wir waren fast Freunde, obwohl du mich so schlecht behandelt hast.«

Er hat recht. Schuldbewusst senke ich den Kopf. Zweimal fiel er herunter, beides Mal auf die Röhre. Die Kunststoffwand riss, die Glasscheibe blieb heil. Es war, als sollten wir ewig zusammen bleiben.

»Ich hab immer zu dir gehalten«, sage ich. »Auch als mich alle verlachten und als altmodischen Mann belächelten.«

»Sie haben dich als geizigen Schwaben belächelt«, korrigiert mir der Fernseher.

»Aber man wirft ja auch nichts weg, wenn es noch gut geht«, protestiere ich. »Warum soll ich mir so einen neumodischen Mist kaufen, so einen Flachbildkram, wenn die olle Röhre noch tut?«

»Aber jetzt willst du es doch tun.«

»Jaaaaa«, sage ich gedehnt. »Weil man mit dir nicht mehr viel machen kann.«

Im Sommer 2017 wurde das Leitungssystem umgestellt, seither kann ein alter Kasten wie der meine keine Signale mehr aus dem Kabelnetz empfangen. Ich brauche einen neuen Fernseher oder einen Adapter, der vielleicht dazu ausreicht, weiterhin mit der alten Kiste zu glotzen. Aber ich weiß selbst, dass ich langsam keine Lust mehr auf das alte Ding habe.

»Es ist doch so«, versuche ich es höflich, »ich will auch mal eine Serie bei Netflix gucken oder einen Film streamen, und ich will die aktuellen Programme in all ihrer Pracht sehen.«

»Alles neumodischer Kram«, behauptet der Fernseher. »Willst du wirklich jeden Pickel im Gesicht eines Talkshow-Politikers sehen, jede Schminkfurche bei einer auffälligen Schauspielerin? Früher hat's doch auch gereicht.«

»Ja, früher.« Ich seufze. »Aber früher ist früher. Und ich will in die neue Zeit gehen. Ich brauche ein Gerät für das neue Jahrzehnt, du bist aus einem anderen Jahrtausend.«

»Du doch auch«, schnappt der Fernseher. »Du bist noch viel älter als ich. Was wirst du sagen, wenn sie dich irgendwann packen und auf die Straße stellen? Wie gehst du damit um, wenn du demnächst aufs Altenteil rollst?«

Darauf kann ich nichts sagen. Das wissen wir beide. Ich stehe auf und schaue nach dem Weinglas auf dem Tisch.

Ein Chardonnay funkelt im Glas, ein Wein aus der Appelation Viré-Clessé. Früher hätte eine Dose Bier dort gestanden, ich hätte nicht einmal gewusst, was eine Appelation ist, und ich hätte denjenigen, der so etwas weiß, aus tiefstem Herzen verachtet.

»Ich kann versuchen, ab und zu mit der Zeit zu gehen«, sage ich, als ich den Raum verlasse. »Du nicht, du bist nur eine Maschine.«

»Aber wenn wir Maschinen die Welt übernehmen, wenn das Internet sieben punkt null oder sonst etwas kommt und wenn ich als Gespenst durch die digitalen Netze spuke – was machst du dann?« Der Fernseher zetert und tobt, und er tut es noch, als ich die Tür hinter mir schließe.

Ich schäme mich ein wenig. Als sich im Bad auf einmal der uralte Föhn mit dem Fernseher solidarisiert, erkenne ich ... Ach, das ist dann doch eine andere Geschichte!

26 März 2019

Ich erinnere mich an Biby

Es verschwimmt viel im Nebel der Erinnerung, und das ist normal. Aber ich erinnere mich noch gut, welchen prägenden Eindruck Josef Wintjes auf mich in den frühen 80er-Jahren machte. Und ich weiß noch, wie verblüfft ich auf die Todesmeldung starrte, die im Jahr 1995 bei mir eintraf.

Josef Wintjes, Jahrgang 1947, war ein Mitwirkender in der Alternativkultur der späten 60er-Jahre. Er förderte kleine Verlage und Literaturzeitschriften, verdiente mit ihnen auch sein Geld. In seinem »Ulcus Molle Info« schrieben er – und viele andere Autoren – über die sogenannte Alternativpresse, die unter seiner Ägide wuchs und gedieh.

Mancher Verlag, den man heute noch kennt, fing in dieser Zeit an, wuchs in den 70er-Jahren und brauchte Wintjes irgendwann nicht mehr. Die kleinen Verlage lernten, mit der Zeit zu gehen, und vertrieben ihre Bücher über das Barsortiment. Und die Hippies und Spontis der späten 60er-Jahre lernten in den 70er-Jahren nicht nur, dass Geldverdienen irgendwie cool war, sondern bestellten Bücher direkt beim Buchladen um die Ecke.

Das Literarische Informationszentrum verlor in den 80er-Jahren an Bedeutung. Ich war jahrelang ein fester Kunde, ich kaufte viele Bücher und Zeitschriften, die ich mit staunenden Augen durchblätterte. Später versuchte sich Wintjes mit der Zeitschrift »Impressum« an einem Dienst für Autoren und Verleger. (Nicht alles, was er veröffentlichte, war wirklich gut. Keine Frage ...)

In den 90er-Jahren mehrten sich seine Aufrufe, bei ihm einzukaufen. Das Geld wurde knapp, viele Kleinverleger zahlten ihre Rechnungen nicht. Der stets gemütlich wirkende »Biby«, dem ich nur einmal gegenüberstand, kam mit der neuen Zeit nicht mehr so gut klar. Was ihn ausgemacht hatte, war für die meisten nicht mehr so wichtig.

Als er 1995 starb, war ich schockiert. Mit seinen Arbeiten war Wintjes jemand, der Zeitschriften wie die »Federwelt« vorwegnahm, der die Selfpublisher-Szene schon in den 60er-Jahren förderte, als man den Begriff nicht kannte, und der stets seine Sympathie für Kleinverlage und unbekannte Autoren hatte.

Man müsste ihm eigentlich ein Denkmal setzen.

25 März 2019

Wenn ein Geheimagent endlich heiratet ...

Wenn man bedenkt, dass die Comic-Seite »Percy Pickwick« schon seit Jahrzehnten erscheint, muss man sich wundern, dass sie hierzulande außerhalb der Fan-Szene so wenig bekannt ist. Dabei zählt die Serie zu den Perlen der frankobelgischen Comic-Unterhaltung, dort allerdings unter anderem Namen veröffentlicht.

Die wunderbare Gesamtausgabe der »Percy Pickwick«-Geschichten im Toonfish-Verlag halte ich für absolut lobenswert, aber um die soll es an dieser Stelle gar nicht gehen: Mit »Just Married« liegt der Einzelband 24 der Serie vor, ein neues Abenteuer also, für das Humor-Spezialisten Turk und Zidrou verantwortlich zeichnen.

Um es kurz zu erläutern: Eine Serie von Attentaten, die ausgerechnet bei Hochzeiten begangen werden, erschüttern das britische Königreich. Percy Pickwick, der eigentlich längst pensionierte Geheimagent, soll tätig werden. Man will eine Falle für die Attentäter aufstellen – und damit diese glaubhaft ist, muss der eigenbrötlerische Geheimagent einfach selbst heiraten.

Im weiteren Verlauf der Handlung spielen zwei durchgeknallte Fotografen, eine gut aussehende Polizistin, der Vater von Percy Pickwick und ein selbst ernannter Erbnachfolger von Napoleon Bonaparte wichtige Rollen in einem turbulenten Comic. Es gibt Rückblicke auf die Vergangenheit, Verfolgungsjagden und Action und – ja! – tatsächlich auch Tote.

Ich amüsierte mich bei der Lektüre. Wenn Autoren und Zeichner vom Kontinent aus der Sicht von Briten erzählen und dann Witze über Franzosen machen, ist das witzig, zumindest für mich. Auch die Witze über alte Schwüre unter Studenten fand ich gelungen.

Schnell erzählt, flott gezeichnet: »Just Married« ist kein Comic für die Ewigkeit, aber einfach gut gemachte Comic-Unterhaltung, wie ich sie mag.

Sagen wir es so: Wer die Welt von »Percy Pickwick« noch nicht kennt und sich überlegt, ob er oder sie die Gesamtausgabe kaufen soll, könnte mit diesem Band zumindest einen Test unternehmen. Die Leseprobe auf der Verlagsseite hilft möglicherweise auch weiter.

Haufenweise Schwabenfakten

Auch wenn ich seit über zwanzig Jahren in Karlsruhe lebe, macht mein Dialekt es jedem klar, dass ich ein gebürtiger Schwabe bin. Die Zeiten, in denen mir das unangenehm war, sind lange vorüber – und das ist gut so. Umso schöner, dass mir dann ein Buch wie »111 Gründe, Schwaben zu lieben« bestätigt, dass es überhaupt keinen Grund gibt, an meinem Schwabendasein zu zweifeln.

Verfasst hat dieses Sachbuch der Journalist und Filmemacher Jo Müller, den ich seit Beginn der 80er-Jahre kenne. Es ist als Taschenbuch im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen und trägt den schönen Untertitel »Eine Liebeserklärung an die schönste Region der Welt«.

Ich nehme an, der Autor meint das ernst – ich würde das so nicht unterschreiben, merkte aber bei der Lektüre des Buches, wie wenig ich über Schwaben und Württemberg wirklich weiß. Jo Müller liefert haufenweise Fakten über Dinge, vom denen ich in über fünfzig Jahren noch nichts gehört habe.

Die einzelnen Beiträge beziehen sich auf die sprachlichen Eigenheiten ebenso wie auf die schönen Urlaubsregionen, die der Großraum Württemberg hat. Es werden schwäbische Persönlichkeiten gewürdigt und die verschiedenen Leckereien abgefeiert, die es im Südwesten gibt. Sogar die gern als langweilig geschmähte Landeshauptstadt kommt gut weg und wird gelobt.

Der Autor weiß, wovon er spricht. Als Journalist kommt er seit vielen Jahren viel herum, und er kennt sich aus. Die Sympathie zu Land und Leuten – er zitiert unglaublich viele Menschen – kommt überall zutage, und das überträgt sich auch auf den Leser. Die Texte sind durchaus ernsthaft, zeigen aber immer wieder einen augenzwinkernden Humor und verweisen darauf, dass man in Schwaben auch gern lacht.

Okay, ein wenig Kritik muss sein: Ich hätte den Texten mehr Luft gewünscht. Manchmal sind die Absätze arg lang, reihen sich die Sätze gar zu dicht aneinander. Da hätten gern mehr Absätze rein können, auch auf die Gefahr hin, dass das Buch dann noch mal ein paar Seiten mehr bekommt. Eine Liebeserklärung braucht schließlich ein wenig Luft ...

»111 Gründe, Schwaben zu lieben« ist ein Buch zwischen Journalismus und Lobpreisung, das mir viel Freude bereitet hat. Es ist 320 Seiten stark, die einzelnen Kapitel lesen sich sehr kurzweilig. Schöne Lektüre!

Wer einen Schwaben oder eine Schwäbin in seinem sozialen Umfeld hat, kann das Buch diesem oder dieser auf jeden Fall schenken – große Freude ist hier gewiss! Und das meine ich sehr ernsthaft.

24 März 2019

Eine Prise Blues

Kaum ist der Trubel der Buchmesse vorüber, tritt auch schon ein wenig der Messe-Blues ein. Zurück geht es über die Autobahn, den Kopf voller neuer Gedanken und Ideen, Eindrücke und Gesprächen. Es waren irrsinnig viele Gespräche, eine ununterbrochene Kommunikation mit Hunderten von Menschen.

Was mich immer beeindruckt: wie schnell man offen miteinander umgeht, wie schnell ein Umgang entsteht, den ich positiv finde. Die Leute an den kleinen Phantastik-Verlagen, die Leser/innen, die Verlagsleute aus den größeren Verlagen – sie alle verströmten gute Laune und positive Energie. In Zeiten, in denen man manchmal glaubt, die Welt würde nur von Idioten bewohnt, ist so eine Lage schon wie eine Utopie.

Ob sich Leipzig unter kommerziellen Gesichtspunkten lohnt, kann ich nicht sagen. Ich kann für mich nur sagen, dass es mir viel Freud bereitet hat. Eine wunderschöne Messe geht für mich an diesem Sonntagabend zu Ende ...

23 März 2019

Tag drei erfolgreich absolviert

Die meisten Leute können sich nicht so richtig vorstellen, was man auf einer Buchmesse den ganzen Tag so macht. Das ist normal. Ich kann mir schließlich auch nicht so richtig vorstellen, was ein Schweinezüchter, ein Steuerprüfer oder ein Hochleistungssportler, eine Grafikerin, eine Kinderärztin oder eine Bundeskanzlerin den ganzen Tag über machen.

Am heutigen Tag machte ich auf der Leipziger Buchmesse eigentlich nur eins: Ich redete. Und ich redete. Und wenn ich eine Pause hatte, redete ich wohl mit mir selbst, der Sonne am Himmel oder der frischen Luft. Ich kam nicht aus dem Redefluss heraus, fühlte mich zwar nicht immer wohl damit, konnte aber nicht aufhören.

In vielen Gesprächen mit Autorinnen und Autoren ging es um die aktuelle Situation im Buchhandel. Viele Leute scheinen sich Sorgen zu machen, bei vielen Leuten sind die Umsätze eingebrochen, gibt es schlichtweg weniger verkaufte Bücher und damit auch ein geringeres Einkommen. Das sind subjektive Eindrücke, klar – aber vor allem die Schreibenden, die von Verkäufen leben und nicht von staatlichen Subventionen, haben offenbar mehr Probleme als vor einigen Jahren.

Wenn ich mir das alles dann so durch den Kopf gehen lasse und mit einem Bier nachspüle, ist es wohl schon besser, wenn ich als angestellter Redakteur tätig bin und nicht andere Dinge versuche. Die Gelegenheitsschriftstellerei kann ich als »Hobby« mehr schlecht als recht betreiben – aber dann ist es nicht so schlimm, wenn riesige Erfolge ausbleiben ...

22 März 2019

28 Stunden in Leipzig

So schnell können Tage an einem vorüberrauschen. Am Vormittag des Donnerstags, 21. März 2019, startete ich in Karlsruhe zu meiner Fahrt nach Leipzig, wo ich die diesjährige Leipziger Buchmesse besuchen wollte. Ich entschloss mich spontan, über Nürnberg zu fahren, weil dort keine Staus gemeldet wurde, rollte dann mit meine Dienstwagen gefühlte 200 Kilometer durch Baustellen und Tempo-80-Zonen und fragte mich hinterher, ob es nicht schneller gewesen wäre, die zwei Staus bei Heidelberg und so zu überwinden.

Aber das sind Luxusprobleme, die man leicht bewältigen kann. Ich hörte die neue Razzia-Platte im Auto – sie klingt wirklich wie früher, und das ist hier positiv gemeint – und die Promo-CD der Band Kontrolle, die ich unglaublich toll fand. Zwischendurch hörte ich immer wieder ein Hörbuch der Romanserie, für die ich tätig bin, und kam so guter Dinge durch.

In Leipzig empfingen mich schönes Wetter und gutgelaunte Menschen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich das Wetter drehen würde – aber das hatte ich im vergangenen Jahr auch gedacht. So absolvierte ich fleißig Termine, sprach mit Lesern und tat das, was man auf einer Messe eben macht: Man redet zu viel, man trinkt zu wenig, man isst falsche Dinge.

So rasten der Donnerstag und der Freitag an mir vorüber. Schauen wir, wie das Wochenende wird; immerhin dürfte die wahre Besucherwelle noch kommen ...

20 März 2019

»Maddrax« wird 500

Ich habe lange überlegt, ob ich in meiner Funktion als Redakteur der Konkurrenz etwas schreiben soll oder als jemand, der die phantastische Literatur mag. Mittlerweile bin ich sicher, dass es sinnvoller ist, wenn ich mich persönlich äußere. Dann wird es nicht versehentlich als offizielle Aussage aufgefasst.

Die Serie »Maddrax« kenne ich seit vielen Jahren – sie wird vom Bastei-Lübbe-Verlag veröffentlicht, erscheint alle zwei Wochen und zählt zur phantastischen Literatur. In munterer Weise vermengen die Autoren allerlei Elemente von Science Fiction, Fantasy und Horror, zeitaktueller Kritik und ein wenig Popliteratur. Es hängt davon ab, wer welchen Roman schreibt; entsprechend vielseitig ist die stilistische wie inhaltliche Ausrichtung der Serie.

Ich lese jeden Roman an, blättere darin herum und bekomme so im Groben mit, um was es eigentlich geht. Als Experten würde ich mich nicht bezeichnen, und komplett gelesen habe ich schon lange keinen Roman der Serie mehr. Das wird sich jetzt ändern – dieser Tage ist nämlich der Band 500 erschienen, und der liegt schon daheim auf meinem »dringend zu lesen«-Stapel.

Sascha Vennemann schrieb »Zeitbeben«. So lautet der Titel von Band 500. Ich bin sehr darauf gespannt.

Den Kollegen möchte ich an dieser Stelle gratulieren. Ich weiß selbst sehr gut, wie kompliziert das Geschäft geworden ist, und wie schwer es ist, eine Serie im Handel zu halten. Dass »Maddrax« die Nummer 500 erreichen würde, hätte ich nie gedacht. Das ist eine starke Leistung, Respekt!

19 März 2019

Reiter im Schneenebel

Ich irrte zu Fuß durch die Nacht. Nebelschwaden trieben über die Straße, es war kalt, und die Straße lag voller Schnee. Rechts und links von mir türmten sich Berge aus Eis und Schnee auf, als hätte es in den vergangenen Wochen einen bitteren Winter gegeben. Aber ich wusste nicht genau, wo ich war. Es sah zwar so aus, als sei ich im Wald zwischen Freudenstadt und Dietersweiler unterwegs, wie in den 80er-Jahren, aber mir war verwirrenderweise bewusst, dass ich in Bayern unterwegs war.

Wegen des Wetters sah ich nicht viel, ich konnte mich im Brausen und Tosen des Windes nicht orientieren. Dann aber näherte ich mich einer Stelle, wo der Wald offenbar aufriss. Eine Woge aus Schnee und Eis raste vor meinem Gesicht vorbei, verschwand auf der linken Seite in der Dunkelheit. Ich hörte den Lärm, der wie die Wilde Jagd toste und brüllte, und dann kam schon wieder eine riesige Woge von der rechten Seite, um an mir vorbeizurasen.

Aus einem Grund, der sich mir nicht erschloss, erkannte ich, was sich vor meinen Augen abspielte: Ich war Zeuge eines Pferderennens, das mitten im Schneesturm ausgetragen wurde. Da sah ich auch schon die Tiere: Groß waren sie, mit riesigen Köpfen und roten Augen. Sie schnaubten vor Energie, die Reiter auf ihren Rücken waren nicht zu erkennen.

Hier würde mir niemand helfen können, das wusste ich. Also ging ich weiter und erreichte eine Straße. Hier war vor Stunden geräumt worden. Ich ging zwischen den Schneebergen dahin, stapfte durch den Neuschnee, fror und zitterte.

Von hinten hörte ich ein Auto, es dröhnte durch die Nacht. Ich stellte mich an den Straßenrand, hob aus altem Reflex heraus den Daumen. Der Fahrer ignorierte mich, das Auto zischte an mir vorbei. Hilflos sah ich ihm nach.

Da sah ich, dass es irgendwohin abbog. So schnell ich konnte, rannte ich in die Richtung, wohin das Auto gerollt war. Ich sah es nicht mehr, stapfte weiter durch die Nacht und den Schnee.

Bis ich auf einmal merkte, dass ich über eine Glasplatte ging, verstärkt durch schwere Stahlstreben. Unter mir war Wasser, das eine Kuppel offenbar bis an den Rand gefüllt hatte. Ich sah Menschen in Badekleidung, die sich durch das Wasser bewegten, mal mehr, mal weniger elegant.

Von unten grinste mich ein Mann an. Er klopfte mit der flachen Hand gegen die Scheibe, fand es vielleicht komisch, dass ich durch die Nacht stapfte, während er durch warmes Wasser schwamm. Wütend starrte ich zurück. Was sollte ich tun?

Da wachte ich auf.

18 März 2019

Drei verzweifelte Menschen

Bereits im Jahr 1933 veröffentlichte der große französische Schriftsteller Georges Simenon den schmalen Roman »Die Selbstmörder«. Bei Diogenes wurde er in der leider mittlerweile vom Markt genommenen Reihe »ausgewählten Romane« als Band fünf veröffentlicht. Ich las ihn in den vergangenen Tagen und ließ mich zum wiederholten Mal in eine Geschichte hineinziehen, die traurig und spannend zugleich war.

Ein junger Mann und ein Mädchen unterhalten in einer französischen Kleinstadt eine verheimlichte Affäre, die aus wenigen Worten und ausgiebigem Knutschen besteht. So richtig gut kennen sich die beiden nicht, und dennoch flüchten sie nach Paris – weil sich der junge Mann vom Vater des Mädchens bedroht fühlt. Dort schlagen sie sich mehr schlecht als recht durch, mit Gaunereien und Gelegenheitsarbeiten.

Der Vater folgt in seiner Verzweiflung. Er versucht, seine Tochter wiederzufinden, wobei er sich auf die Hilfe eines Detektivs verlässt. Seine Suche macht ihn besessen, so sehr, dass er die Briefe seiner Frau aus der Provinz ignoriert oder gar nicht versteht.

So treiben drei Menschen durch Paris, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen. Sie alle sind verzweifelt, und alles, was sie tun, treibt sie noch tiefer in die tragische Situation hinein. Man möchte sie während der Lektüre ständig alle drei am Kragen schnappen und kräftig durchschütteln – es ist ein echtes Elend.

Die Lektüre von »Die Selbstmörder« ist nicht leicht, weil die Geschichte so aussichtslos erscheint und auf ein zerstörendes Ende zusteuert. Trotzdem schafft Simenon es, die Figuren so zu schildern, dass man mit ihnen mitleidet und wissen will, wie alles ausgeht.

Dabei macht der Autor einige Dinge, die ich einem Autor normalerweise nicht verzeihe: Er springt durch die Erzählperspektiven, wechselt sie manchmal sehr hektisch; dann wieder rafft er die Handlung auf ungewohnte Weise, um später eine Szene mit allen Details zu schildern. Damit trägt er zur fiebrigen Atmosphäre dieses Großstadtromans der dreißiger Jahre bei.

Georges Simenon wirkt in diesem Roman nicht wie ein Krimi-Schriftsteller, sondern wie einer, der versucht, einen Gesellschaftsroman im kleinen Format zu schaffen. Dabei blickt er auf die »kleinen Leute«, nicht auf die Reichen und Schönen. Faszinierend.

(Übrigens: Mir war keine der handelnden Personen sympathisch. Als Leser mochte ich weder das Mädchen noch den jungen Mann und schon gar nicht den spießig-verzweifelten Vater. Sie alle haben keinen klaren Plan, sie alle vertrödeln gewissermaßen ihre Zeit und steuern alle miteinander immer tiefer in die jeweilige Krise hinein.)