18 September 2018

Gegensätze, morgens um elf Uhr

Als ich das Gebäude der Post verließ, war es kurz nach elf Uhr. Die Sonne stand am Himmel, ein schöner Spätsommertag. Während ich zu meinem Fahrrad ging, rollte gerade ein recht protzig aussehendes Auto in den Hof. Der Lack in schwarz und in weiß glänzte im Licht, das Chrom hätte man als Spiegel benutzen können.

Ich schaute zu, wie das Auto einen Parkplatz ansteuerte und einparkte. Der Fahrer stieg aus, ein Mann mittleren Alters mit angegrauten Haaren, der eine Jacke im Militär-Stil und eine kunstvoll zerrissene Jeans anhatte. Irgendwie passte er nicht so recht zu dem Auto. Andererseits war eine »destroyed« Jeans ja teurer als eine normale Hose.

Als ich an der Karosse vorbeiradelte, schaute ich mir das Fahrzeug genaue ran. Es war ein Rolls-Royce. Ich überlegte kurz, ob ich so ein Auto eigentlich jemals bewusst und in »freier Wildbahn« gesehen hatte, dann fuhr ich weiter.

Außerhalb des Posthofes musste ich kurz anhalten. Ein junger Mann in T-Shirt und kurzer Hose, der ein wenig schmuddelig aussah, bückte sich gerade und hob etwas auf. In der Hand hielt er eine durchsichtige Plastiktüte. Ich sah, dass schon Dutzende von Zigarettenkippen darin lagen. Und das, was er eben dazu warf, war eine weitere Kippe.

Ich verkniff mir jeden Kommentar und steuerte die Straße in die Innenstadt an. In der Sonne von Karlsruhe war meine Laune an diesem Vormittag einfach zu gut.

17 September 2018

Der Fluch aus dem Dschungel

Wie passen ein Überfall mit Geiselnahme im London unserer Zeit zusammen mit einer Holzmaske, die aus Westafrika stammt und mit der Vergangenheit in Verbindung steckt? Das ist – ganz grob gefasst – die Frage, die sich bei dem Hörspiel »Der Fluch aus dem Dschungel« stellt.

Dabei handelt es sich um die Folge 26 der Serie »Sinclair Classics«, die auf dem gleichnamigen Gruselroman aus dem Jahr 1976 basiert. In einer – wie immer! – gut gemachten Bearbeitung durch Dennis Ehrhardt wird das Hörspiel zu einem erstaunlich spannenden Abenteuer.

Klar: Tiefschürfend ist die Geschichte nicht, das erwartet niemand. Es geht um eine Holzmaske, die in grauer Vergangenheit einem westafrikanischen Schamanen gehörte. In Amsterdam und London sorgt sie dafür, dass es Tote gibt; der Geisterjäger John Sinclair braucht alle Mittel und Wege, um die Gefahren durch die Maske in einem finalen Kampf auszuschalten.

Das ist spannend gemacht, vor allem sehr gut mit Geräuschen verarbeitet. Der Regen in London, der Überfall und die Geiselnahme mit aller Gewalt, sogar der Sprung in die Vergangenheit Westafrikas – wenn man sich auf die Story einlässt und die Logikbrüche einer Horror-Geschichte ignoriert, macht das Ganze richtig Spaß.

Faszinierend finde ich übrigens, wie es die »Sinclair Classics« schaffen, aus den einzelnen Heftromanen der 70er-Jahre einen Handlungsbogen zu schaffen, der sich über zahlreiche Hörspiele zieht. Jedes Hörspiel für sich bleibt dabei für sich verständlich; wer aber eine längere Geschichte mag, kommt hier doppelt auf seine Kosten.

Ich vermute, dass das ein Teil des Erfolges für diese Serie ist. Sie wird nicht nur wegen des klassischen Grusel-Charmes gekauft, nicht nur wegen der modern gemachten Geräuschkulisse, sondern eben auch wegen der zusätzlichen Handlungselemente, die in den 70er-Jahren so nie geplant worden sind.

Stuck In Traffic machen Uralt-Rock

Die Band nennt sich Stuck In Traffic, kommt aus Zug in der Schweiz, gründete sich 2012 und spielte mittlerweile in halb Europa. Mit einer klassischen Rock-Besetzung – vier Mann eben – ging man 2015 ins Studio und nahm eine Platte auf, die im Sommer 2016 erschien. Da ich einige Zeit brauchte, um in die CD reinzukommen, gibt es eben heute erst eine Besprechung.

Ich hatte meine Probleme mit der »Midnight Show«, so der Name der Platte. Für mich ist das altmodische Rock-Musik, die aus den 70er-Jahren stammen könnte, die irgendwie so knapp vor der Punkrock-Explosion modern war. Im Jahr 2016 fand ich das anfangs wenig vermittelbar für meine Ohren – dass so ein Sound heutzutage überhaupt noch gemacht wird, verwunderte mich. 2017 geht’s mir noch immer so.

Jeder Riff kommt mir bekannt vor, jede Liedzeile klingt wie ein Zitat. In insgesamt zehn Stücken wird im Prinzip die klassische Rockmusik nachgearbeitet. Zwischendurch gibt es mit »Mother« einen echten Blues-Heuler, mit »Perfect Circle« wird ein Neun-Minuten-Stück geliefert, während so etwas wie »Lost Summer« direkt aus der großen Zeit von Uriah Heep stammen könnte.

Ich habe keinerlei Probleme mit Musik, die sich bewusst an einem »früher« orientiert; schließlich mag ich auch alten Punkrock oder neue Bands, die bewusst nach 1977 klingen wollen. Bei Stuck In Traffic war's mir aber nach dem dritten und vierten Mal, als ich die CD durchhörte, zu lahm und zu berechenbar. Fans der Bands gibt's sicher reichlich, ich werde wohl nicht dazu gehören.

15 September 2018

Kurze Gedanken zur Rente

Ich muss der Tatsache ins Auge blicken: Ich bin über fünfzig Jahre alt. Glaube ich den Gesprächen in der Kantine und im Bekanntenkreis, muss ich mir also Gedanken darüber machen, was ich in zehn, zwölf Jahren mache. Dann werde ich nämlich Rentner sein. Reicht die Kohle dann zu einem vernünftigen Leben? Diese Fragen stellen sich viele Leute in meinem Alter.

Als ich Schüler war und auch in den gesamten 80er-Jahren hätte mich ein Gespräch über die Rente nur zum Lachen gereizt. Ich glaubte nicht, älter als dreißig zu werden, und war selbst verblüfft, als ich es dann war. Auch später glaubte ich nicht, dass das Rentensystem noch funktionieren würde, wenn ich in das entsprechende Alter kommen würde.

Eigentlich glaube ich es auch heute nicht so richtig. Das liegt nicht daran, dass ich den Lügen der Regierungen geglaubt hätte, die einem allen Ernstes weismachen wollen, man zahle in eine Kasse ein, die das Geld dann irgendwie anspare, um es mir nach Jahrzehnten auszuzahlen. Mir war immer klar, dass das Geld, das ich »einzahlte«, direkt wieder ausgegeben wurde und ich mir nur ein theoretisches Anrecht erwarb.

Ob ich in zehn, zwölf Jahren also Geld aus der Rentenkasse erhalten werde, weiß ich heute nicht. Ich fühle mich dadurch allerdings auch nicht gestresst. Wenn die Wirtschaft entsprechend läuft, wird es irgendwie Geld geben. Wenn nicht, werde ich irgendwie wohl weiter arbeiten müssen. Das sieht man dann schon irgendwie ...

An das »No Future«, der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, das ich in gewisser Weise durchaus ernst genommen habe, glaube ich nicht mehr. Aber ich glaube auch keinen Versprechungen, die vom Staat oder aus der Rentenversicherung kommen.

Weil einfach niemand weiß, was in zehn oder zwölf Jahren los sein wird und wie sich die Lage dann darstellt, kann einfach auch niemand klare Versprechungen abgeben. Von längeren Zeiträumen ganz zu schweigen.

(Dass sich derzeit die Parteien mit dem Thema Rente beschäftigen, hat übrigens einen einfachen Grund. Irgend jemand ist offenbar aufgefallen, dass die »geburtenstarken Jahrgänge« – zu denen ich gehöre – in den nächsten Jahren einen Anspruch auf Rente haben und gleichzeitig einen großen Teil der Wähler stellen werden. Da muss man sich entsprechend darauf einstellen.)

14 September 2018

Der Elefant von Nantes

Wir erreichten Nantes am frühen Nachmittag. Die Wolkendecke über der französischen Hafenstadt war dicht, die Temperaturen waren trotzdem sehr hoch. In der Nähe der »Les Machines de l'Ile« fanden wir sogar einen Parkplatz, von dort eilten wir zu jenem Zentrum der Stadt, das sich den Maschinen und mechanischen Tieren widmete.

Wie sich rasch herausstellte, standen die Menschen in langen Schlangen an, um in die Ausstellung zu kommen. Sollten wir uns auch in die Reihe stellen oder lieber die Stadt erkunden? Lieber stromerten wir ein wenig durch das Gelände.

Dann hörten wir das Kreischen der Kinder und das Geräusch eines Motors. Wir folgten dem Strom der Menschen, die auf die freie Fläche eilten. Und dort sahen wir ihn: den riesenhaften Elefanten, der wie eine monströse Maschine über den Platz ging, langsam und würdevoll, angetrieben von einem Motor und trotzdem in einer seltsamen Vermengung von Leben und Technik.

Heerscharen von Menschen umgaben ihn. Kameras surrten ununterbrochen, Smartphones klickten. Ich war fasziniert und begeistert wie ein kleines Kind, ging zuerst vor dem Elefanten her, dann spazierte ich an seiner Seite entlang. Ab und zu hob er seinen Rüssel und spritzte eine dünne Fontäne aus Wasser über herumstehende Kinder, die kreischend davonrannten, um sofort wieder zu dem Elefanten zu eilen.

Es war ein großartiges Schauspiel, lustig und spannend zugleich. Das einzige, was ich bedauerte, war in diesem Moment, nicht mehr Zeit zu haben. Ich möchte auf jeden Fall wieder einmal nach Nantes, und dann werde ich mir die Maschineninsel genauer vornehmen. (Für einen Science-Fiction-Fan ist das echt ein Muss!)

13 September 2018

Projekt zum Tag der Menschenrechte

Es ist ein ungewöhnliches Buchprojekt, und ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, deutlich vor Erscheinen in diesem Fall: Der Verlag Hirnkost möchte zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2018 eine Liste der Menschen herausgeben – nur belegte Fälle –, die im vergangenen Vierteljahrhundert bei dem Versuch gestorben sind, nach Europa zu fliehen. Es soll ein Buch entstehen, das man auch über den Buchhandel kaufen kann.

Ziel ist dabei: »Wir wollen die Menschen, die sie waren, dem Vergessen entreißen, um das Ausmaß dieser Tragödie besser zu fassen zu bekommen – und der Debatte um Flucht und Tod wieder ein menschliches Antlitz zu geben.« Ich finde, das ist ein spannendes Projekt.

Das Buch wird wohl 300 Seiten umfassen; teilweise enthält es kurze Porträts der Menschen, die ihr Leben lassen mussten, weil sie ein besseres Leben anstrebten. Es gibt also nicht nur Listen. Dazu kommen Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Derzeit werden noch Unterstützer für das Projekt gesucht. Das Buch soll schließlich kostenfrei oder eben so preiswert wie möglich unter die Leute gebracht werden. Weitere Informationen gibt es auf der dafür eingerichteten Internet-Seite.

12 September 2018

Zum Totem nach Zürich

Ich gehöre zu den Leuten, die von den beeindruckenden Produktionen des Cirque du Soleil fasziniert sind. In ihnen vereinen sich meist Akrobatik mit Clowns, wuchtige Musik mit viel Show, dazu eine Prise Phantastik mit einer tüchtigen Dosis Moral. Und weil derzeit die Show »Totem« in Zürich gastierte, besorgten wir uns relativ spontan recht gute Karten und fuhren in die Metropole im Zentrum der Schweiz.

Es fällt mir schwer, die Veranstaltung in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Es beginnt mit einem riesigen Schildkrötenpanzer, der auf der Bühne liegt – dieser verwandelt sich in ein Stangengerüst, auf dem Menschen ihre akrobatischen Übungen zeigen. Dann wird der Panzer mitsamt des Gestänges nach oben gezogen, die Bühne wird frei, und eine ununterbrochen Abfolge von Akrobatik kommt, immer wieder unterbrochen von Clowns, die allerlei Auftritte hinlegen.

Bei dem, was die Akrobaten auf der Bühne zeigten, stockte mir nicht nur einmal der Atem. Was die Leute an den Ringen oder am Trapez boten, war unfassbar; wenn sie mit einem Diabolo jonglierten oder eine Nummer mit Rollschuhen zeigten, verblüffte mich das. Zum Einsatz kamen zudem meterhohe Einräder und elastische »Balken«, auf denen gesprungen wurde.

Die Musik und die Lichteinblendungen waren exakt darauf eingestellt; die gesamte Aufführung stand unter einer Choreografie, bei der ich mir nicht einmal vorstellen kann, wieviel Arbeit sie gekostet hat. Dass das Ganze im Prinzip auch noch eine Geschichte ist, die mit den Amphibien beginnt und den Astronauten endet, die ein wenig mit der Evolution spielt – das alles passt dann gut zusammen.

Ich staunte, ich jubelte, ich starrte gespannt auf die Darbietungen, und ich lachte schallend: Der Cirque du Soleil schaffte es mit »Totem«, mich über die komplette Dauer zu fesseln und zu faszinieren. Preiswert war der Abend nicht (auch deshalb, weil ein Becher Bier unglaubliche acht Franken kostete), aber ich bereute keinen Cent, den ich hierfür ausgegeben hatte.

11 September 2018

Die Apachen-Saga als Comic

Man sagt ja oft, das Gegenteil von gut sei gut gemeint. Das trifft auch auf Comics zu. Ich freute mich sehr auf den Comic »Geronimo« und war hinterher streckenweise enttäuscht. Dabei ist der Ausgangspunkt alles andere als schlecht: Die Geschichte des großen Anführers der Apachen, der die Indianer des amerikanischen Südwestens in ihre letzten Kämpfe gegen die Weißen führte, sollte aus seiner Sicht erzählt werden.

Das gelingt streckenweise ganz gut. Geronimo wird als junger Mann gezeigt, dessen Familie um 1850 von den Mexikanern ausgelöscht wird. In der Folge schwört er Rache und beginnt einen unbarmherzigen Krieg gegen Mexikaner und später auch gegen Amerikaner. Erst 1886 kapitulieren die letzten Kämpfer unter seiner Führung; schnell brechen die Amerikaner alle Versprechungen und verbannen die Überlebenden nach Florida.

Wer die Geschichte nicht kennt, dürfte mit dem Szenario von Matz seine Probleme haben. Zwar merkt man dem Autor sein Bemühen an, die Geschichte aus Sicht der Apachen zu erzählen, gleichzeitig aber schreitet die Handlung in großen Sprüngen voran.

Wer sich auskennt und die entsprechenden Namen einzuordnen weiß – wie ich –, sollte damit gut klarkommen und wird die Geschichte auch spannend finden. Wer aber nicht weiß, wer Mangas Colorado, Cochise oder die jeweiligen Generäle waren, wird womöglich seine Schwierigkeiten haben.

Ähnliches gilt für die künstlerische Umsetzung. Zeichnet Jef Landschaften oder große Panorama-Szenen, fängt er damit die faszinierende Gegend des amerikanischen Südwestens ein. Sobald er Gesichter nimmt oder detaillierte Action zeichnet, wird er skizzenhaft, sogar grob; die Gesichter verwandeln sich in Fratzen. Mag sein, dass dies mit Absicht geschieht, mich hat es auf jeden Fall nicht angesprochen.

Was bleibt, ist ein spannender Comic, der auf 120 großformatigen Seiten die Geschichte eines unbarmherzigen Krieges erzählt. Ob man ihn sich kauft, mag jeder selbst entscheiden. Ich finde, die Leseprobe auf der Internet-Seite des Splitter-Verlages ist hierfür ein sehr gutes Hilfsmittel.

IndiePop geht doch irgendwie immer ...

Irgendwie ging die Band The Electric Club unter; zumindest habe ich von ihr schon lange nichts mehr gehört. In den Nuller-Jahren machten die vier jungen Männer aus Würzburg ihre Art von Gitarrenpop, die eigentlich auch verdient hätte, ein größeres Publikum über längere Zeit zu erfreuen. Ich hörte dieser Tage die CD »Olmpic Ideas« mal wieder an; irgendwo habe ich noch eine Single der Band.

Die CD kam im September 2004 heraus, und sie ist zeitlos. Das heißt: Sie hätte wohl ebenso gut in den 80er-Jahren oder heute veröffentlicht werden können, und wer möchte, kann bei dieser Platte jederzeit seine Parallelen zu Klassikern wie den Beatles ziehen. Okay, ein wenig moderner sind The Electric Club dann doch.

Angenehm instrumentierte Lieder, durchaus klassisch mit zwei Gitarren, einem Bass und einem Schlagzeug arrangiert, das alles mit schönen Melodien garniert und gelegentlich mit einer – für meinen Geschmack fast zu hohen – guten Singstimme überbetont: Die Band weiß, was sie tut, und die vier Musiker wissen, wie man Stücke so anlegt, dass sie gut ins Ohr gehen, nicht nerven und auch nach zehn Jahren noch gut klingen.

Die CD lag mehrere Jahre im Schrank, bis ich sie dieser Tage wieder herausfischte und anhörte. Es ist eine Musik, die einen vielleicht einlullt, die nicht hektisch ist, sondern mit ihren gelungenen Melodien ein wenig beruhigt und in positive Laune versetzt. Aber in Tagen wie diesen, in denen einem der Hass und die Wut aus dem Internet entgegenspringen, ist das vielleicht nicht die schlechteste Medizin.

IndiePop oder GitarrenPop gehen für mich immer, zumindest dann, wenn sie gut gespielt sind und flott ins Ohr gehen. The Electric Club sind hierfür ein gelungenes Beispiel, auch nach all den Jahren ...

10 September 2018

Turbulent im Gottesdienst

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Ich war ein sehr kleiner Junge. Meine Schwester war ein Säugling, und ich hatte noch nicht das Alter erreicht, an dem man mich in den Kindergottesdienst stecken würde. Also ging ich dreimal in der Woche mit meinen Eltern in den Gottesdienst: sonntagmorgens, sonntagabends und mittwochabends. Man kämmte meine Haare, man zog mich »anständig« an, manchmal band man mir sogar eine Fliege um.

Für einen Jungen in meinem Alter war das nicht einfach auszuhalten. Ich tat, was meinem Bewegungsdrang entsprach, und tauchte ab: Bevor meine Eltern mich aufhalten konnten, war ich von der hölzernen Sitzbank geglitten und krabbelte zwischen den Beinen der Erwachsenen herum.

Mein Vater schnappte nach mir und zog mich zurück, setzte mich mit einer energischen Geste zwischen sich und meine Mutter. Da sollte ich bitteschön bleiben, hieß das.

Ich konnte das offenbar nicht verstehen und ergriff bei der nächsten Gelegenheit wieder die Flucht. Diesmal krabbelte ich unter eine Bank. Was ich dort suchte, weiß ich nicht mehr. Vielleicht gab es ein anderes Kind, vielleicht wollte ich einfach nur schauen, was sich auf der anderen Seite der Bank tat.

Mein Vater verlor offenbar die Geduld. Er schnappte mich ein weiteres Mal, hob mich hoch und trug mich aus dem Kirchenraum. Er zog die Tür hinter sich zu und ging mit mir in die Herren-Toilette. Damit waren zwei geschlossene Türen zwischen uns und dem Gottesdienst.

Dort gab's »den Hintern voll«: mehrere kräftige Schläge mit der flachen Hand auf den Hintern. Es tat weh, ich weinte.

Er wartete, bis ich mit dem Weinen aufgehört hatte, und ging mit mir in den Kirchenraum zurück. Der Chor sang gerade ein Lied, das Heilige Abendmahl stand bevor. Wir setzten uns in die Reihe, als sei nichts geschehen.

Jeder wusste, was geschehen war. So etwas war in den 60er-Jahren völlig normal. Und ich blieb den Rest des Gottesdienstes auf meinem Hintern sitzen, auch wenn das weh tat.

05 September 2018

Finnen mit Kratzgesang

Wann ich zum ersten Mal auf Manifesto Jukebox aufmerksam wurde, weiß ich schon gar nicht mehr. Zu Beginn der Nuller-Jahre veröffentlichte die Band aus Finnland einige Platten, die mir sehr gut gefielen. Dieser Tage hörte ich die »Remedy« wieder einmal an, erstmals veröffentlicht im Jahr 2002, und stellte fest, dass diese Platte nichts von ihrer Kraft verloren hatte.

Wer die Band nicht kennt, möge sich so etwas wie Leatherface vorstellen: ein wuchtiger Sound, eher im durchschnittlichen Tempo, durchaus melodiös und auch mal schleppend, vor allem gekennzeichnet durch einen starken Sänger, dessen raue, kratzige Stimme letztlich die einzelnen Stücke massiv prägt. Da Manifesto Jukebox englische Texte hatte, fällt die Ähnlichkeit noch stärker auf.

Das kann man kritisch finden oder als Fan begrüßen. Ich mag es. Der Sound geht gut ins Ohr, die Melodien sind dafür nicht so eingängig. Ich höre mir die Platte zwei- oder auch dreimal an, und ich kann danach nichts davon wiedergeben – einen echten Hit-Charakter hat »Remedy« für meine Ohren also ganz offensichtlich nicht.

Auffallend ist, dass die Platte sich sehr zeitlos anhört. Mittlerweile würde man die Band und dieses Werk in die Emo-Ecke packen, und vielleicht gäbe es dann ein ganz anderes Publikum dafür. In den frühen Nuller-Jahren war es zumindest eindeutig: Diese Band war Punkrock – und fertig. Das würde ich auch heute noch so sehen ...

Stuttgart, Rostock und die Vergangenheit

In meiner Kurzgeschichtensammlung »Für immer Punk?« ist eine Story enthalten, die in Stuttgart spielt und bei der sehr viel »Wahres« enthalten ist: Die Story heißt »Chaos am Schlossplatz« und erzählt von einem Punk-Treffen im Zentrum der Landeshauptstadt. Parallel dazu findet in Rostock eine Großdemonstration von Punks, Autonomen und anderen Antifaschisten statt, mit der auf die rechtsradikalen Pogrome in Rostock reagiert wird.

Das Punk-Treffen in Stuttgart wird von der Polizei abgeriegelt und massiv von Hooligans angegriffen. Es kommt zu heftigen körperlichen Auseinandersetzungen, die ich in der Geschichte mehr oder weniger ausführlich beschreibe. Und am Ende reist der Ich-Erzähler – er heißt zufälligerweise so wie ich – wieder ab, unverletzt und ohne echte Probleme.

Bei der Geschichte musste ich mir nicht viel ausdenken; die meisten Beschreibungen konnte ich meinem Gedächtnis entnehmen. Die Namen der Figuren sowie alle Dialoge sind erfunden, der Ablauf der Szenen ist deutlich gerafft.

Aber ich habe versucht, in dieser Geschichte so viel Zeitkolorit wie möglich zu verarbeiten: Es war schon vor einem Vierteljahrhundert – und davor ... – geradezu normal, auch in Westdeutschland in eine körperliche Konfrontation mit Rechtsradikalen gezogen zu werden, wenn man nicht ins optisch gefällige Raster dieser Menschen passte.

04 September 2018

Ich stöbere in der Hall Of Fame

Es hat eine Weile gedauert – aber am Wochenende kam ich endlich wieder dazu, einige der Texte im zweiten Band der wunderbaren »Hall Of Fame«-Ausgabe zu lesen, die der Golkonda-Verlag veröffentlicht hat. Bekanntlich sind in diesem Band Science-Fiction-Geschichten aus den Jahren 1948 bis 1963 veröffentlicht worden, und ich empfinde das Buch als eine echte Pflichtlektüre.

»Schöner Leben« von Jerome Bixby kannte ich tatsächlich schon. Kein Wunder: Die Geschichte erschien in den 70er-Jahren in einer der »Titan«-Anthologien des Heyne-Verlages, die ich irgendwann um 1980 herum kaufte und die mein Bild von der Science Fiction veränderten. (Vorher las ich vor allem Heftromane aus Rastatt und die dazu gehörenden Taschenbücher.)

In der Erzählung geht es um eine winzige Gemeinde namens Peaksville, deren Bewohner sich immer wieder davon überzeugen müssen, dass sie ein schönes Leben haben ... Im Prinzip handelt es sich um eine Mutantengeschichte, und ich hatte die Bilder der Geschichte über Jahrzehnte hinweg im Kopf behalten. Ein Beleg dafür, wie eindrücklich sie geschrieben worden ist – 1953 muss sie als ein absoluter Kracher empfunden worden sein. Auch 2018 ist der Text noch absolut lesbar.

Gleiches gilt für »Eiskalte Gleichungen« von Tom Godwin, die ich bislang nicht kannte. Die entsprechende Anthologie, in der diese Geschichte erstmals hierzulande veröffentlicht wurde, kam in den 90er-Jahren heraus – bei Heyne, wo sonst? –, und ich verpasste sie damals. (Das war wohl eine Phase, in der mich eine gewisse Heftromanserie als Redakteur sehr beschäftigte.) Dabei ist es eine richtig klassische Raumschiff-SF-Geschichte.

Zwei Personen spielen eigentlich mit, dazu ein bisschen Drumherum-Personal: ein Pilot und sein Blinder Passagier. Der Pilot kann seine Mission nur zu Ende bringen und selbst überleben, wenn der Blinde Passagier »aussteigt«, sprich, stirbt. Dummerweise ist der Passagier ein 18 Jahre altes Mädchen ... Die moralischen Konsequenzen der Geschichte sind klar formuliert, und sie führt auch zu einem logischen Ende. So spannend und emotional kann also Raumschiff-Science-Fiction sein ... stark!

Ich freue mich schon darauf, die nächsten Geschichten in diesem Buch zu lesen ...

03 September 2018

Ich war auf einer Latsch-Demo

Als ich in den frühen 80er-Jahren politisiert wurde, ging ich immer wieder auf Demonstrationen: für den Umweltschutz und gegen das Waldsterben, für den Frieden und gegen die Nachrüstung, für die 35-Stunden-Woche und gegen Nazis. Die Demonstrationen waren teilweise sehr groß, es gab teilweise peinliche Reden, aber man lief halt mit.

Im Verlauf der 80er-Jahre und vor allem in den 90er-Jahren wurden die Demos, auf die ich ging, deutlich »konfrontativer«. Es gab häufig Ärger mit der Polizei oder mit den Kameraden in Bomberjacken, es prasselten Steine und Knüppelschläge. »Latsch-Demos« verachtete ich.

Mittlerweile bin ich über fünfzig Jahre alt und gehe immer noch auf Demonstrationen. Ich halte es für wichtig, für meine Meinung auf der Straße einzustehen. Das mögen manche Leute verspotten, von wegen, das ändere ja doch nichts – aber ich stehe zu meinen Ansichten und äußere sie öffentlich.

Deshalb war ich am Samstag auch bei der »Seebrücke«-Demonstration in Karlsruhe dabei. Ich hatte nicht einmal mitbekommen, dass sie stattfindet, reihte mich dann spontan in den Demonstrationszug ein. Es war eine eher ruhige Demonstration: einige hundert Leute halt, meist ohne Parolen, durchaus fröhlich und in der Sonne auch positiv.

Die Reden bei der Zwischen- und bei der Abschlusskundgebung fand ich gut – nicht das Gelaber, das mir früher manche Demo verdorben hat. In einer Rede wurde gefordert, keine neue Bundeswehr-Fregatte nach Karlsruhe zu benennen, sondern eines der Rettungsschiffe. Gefordert wurde auch, dass sich Karlsruhe zu einem sicheren Hafen erklären möge. Bei diesen Forderungen gab es stets großen Applaus.

Man kann solche Demonstrationen jetzt als reine Symbolpolitik schmähen. Man kann sagen, dass sie nichts ändern. In Zeiten, wo die Thesen der Rechtsradikalen in bürgerlichen Medien ernsthaft diskutiert werden und der Diskurs auch im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen vor allem durch die Themen der Rechtsradikalen bestimmt werden, ist es aber wichtig, klar Flagge zu zeigen: für Menschlichkeit nämlich.