11 November 2019

Der Nikolaus und seine Wünsche

Markus Heitz hat mich nachhaltig verstört. Ich hab am Wochenende endlich seine Kurzgeschichte »Der Nikolaus macht Wünsche wahr« gelesen, die im Leseproben-Taschenbuch des Knaur-Verlags veröffentlicht worden ist. Es handelt sich um einen Auszug aus dem Kurzgeschichtenband »Der Tannenbaum des Todes«, der bereits erschienen ist.

»Es gibt den Nikolaus. Wirklich.« So geht diese Geschichte los. Als hätten wir daran jemals gezweifelt!

Was danach geschieht, ist echt »schwarzhumorig« und sehr schön geschrieben. Der Meister der dickleibigen und vor allem erfolgreichen Fantasy-Romane beherrscht offenbar auch die Kurzform. Ich denke, dieses Lesebuch für die Wintertage muss auf meinen Lesestapel ...

Toll erzählter, recht brutaler Superhelden-Comic

Wenn ein Autor, den ich schätze, und ein Comic-Künstler, dessen Arbeit ich ebenfalls mag, an einem Comic-Thema zusammenarbeiten, das ich faszinierend finde, sollte das Ergebnis doch überzeugen. Mir fällt es allerdings nicht leicht, für den »Moon Knight«-Klopper mit dem Titel »Wächter der Nacht«, den es in deutscher Sprache seit 2017 gibt, eine eindeutige Empfehlung abzugeben.

Ich mag den Autor Charlie Huston sehr. Seine Trilogie um den »Prügelnkaben« Hank Thompson hat mich vor vielen Jahren begeistert – selten wurde eine packende Krimi-Geschichte mit einem derart harten und bösen Humor so perfekt präsentiert. Auch die Romane um den Vampir Joe Pitt, der sich durch ein absolut dreckiges New York zu kämpfen hat, fand ich großartig. (Wobei mir eben einfällt, dass ich nicht alle davon gelesen habe. Mist, die liegen in einem Lesestapel!)

Der Mann nahm sich den Comic-Helden »Moon Knight« vor, um dieser Figur neues Leben einzuhauchen. Die Geschichten, die in »Wächter der Nacht« veröffentlicht werden, bildeten 2006 den Start zu einer neuen »Moon Knight«-Saga. Er tat sich mit dem Comic-Künstler David Finch zusammen, den ich aus diversen »Batman«-Geschichten bereits kannte.

Die Geschichte wiederum ist nicht einfach. Marc Spector, der eigentliche Held des Comics, ist ein gebrochener Mann. Er zerfließt in Selbstmitleid, kämpft mit seiner Psyche und den Drogen, hängt lethargisch in seinem Sessel und starrt ins Leere. Nichts ist mehr übrig von einem Mann, der als »Moon Knight« das Vebrechen bekämpft und damit im Auftrag eines ägyptischen Gottes gehandelt hat.

Sagen wir es so: Man muss bei dem Comic aufpassen, dass man nicht den Faden verliert. Es gibt die unvermeidlichen Kämpfe mit bösen Schurken und einer merkwürdigen Organisation, über die man nicht viel erfährt, es tauchen Gefahren aus der Vergangenheit auf – und am Ende ist Marc Spector als Moon Knight wieder auf einer Mission. Huston erzählt mit Vor- und Rückblenden, springt in der Handlung und in den Zeiten; das ist nicht unbedingt einfach erzählt.

Die Grafik macht das allerdings jederzeit wett. Die Bilder sind großartig; die Dynamik der einzelnen Szenen verblüfft. David Finch setzt seine Figuren und die Hintergründe mit seinen Zeichnungen stark in Szene, unterstützt von unterschiedlichen Tuschern; auch die Farbgebung ist hervorragend. Gesichter wirken plastisch, Action ist knallig – toll gemacht!

Allerdings ist das Ganze auch ganz schön brutal. Blut spritzt, die Szenen sind manchmal sehr hart. Das passt zwar zur Handlung, die Gewalt ist also kein Selbstzweck, trotzdem ist das alles nichts für sanfte Gemüter. Man muss allerdings klar sagen, dass Moon Knight kein netter Superheld ist – ihm macht die Brutalität geradezu Freude.

Mein Fazit zu »Wächter der Nacht« ist also durchaus gespalten: spannend erzählt, beeindruckend illustriert, unterm Strich sehr brutal. Das muss man mögen.

(Erschienen ist der Comic bei Panini. Ich habe mir die Hardcover-Version gegönnt, weil die im Regal einfach schöner aussieht.)

10 November 2019

In Raffles Café

Aus der Serie »Ein Bild und eine Geschichte«

Als ich anfing, im Vorfeld meiner Singapur-Reise ein wenig zu recherchieren, wurde mir schnell klar, dass ich im Raffles Hotel einige Szenen spielen lassen würde. Das Szenario war für den Roman, den ich plante, wie geschaffen. Ich hatte das Hotel bei meinen ersten Besuchen in den späten 90er-Jahren schon bewundert, jetzt wollte ich es mir genauer ansehen.

Wie es sich für einen Touristen gehört, setzte ich mich auch in das Raffles Café – allerdings in den Außenbereich. Ich trank Wasser und Café, ich sah den Leuten zu, und ich machte mir viele Notizen. (Das gesamte Café bildete übrigens nur den Hintergrund für eine einzige Mikro-Szene in meinem Romanprojekt.)

Im Innern des Cafés saß ich nicht, der Außenbereich genügte meinen Ansprüchen. Es ging eine frische Brise, es roch nach Kaffee, das Stimmengewirr um mich herum ertönte in den unterschiedlichsten Sprachen, und ich kam mir vor wie in einem Film, der im Kolonialzeitalter spielte.

Auf Firlefanz wie ausgefallene Cocktails verzichtete ich; das brauchte ich nicht. Ich sammelte meine Eindrücke, die brauchte ich – und so blieb es bei einem einzigen Besuch im »Raffles Café«.

09 November 2019

Einige Worte zur Klarstellung

Als ich 1986 die erste Ausgabe meines Egozines ENPUNKT veröffentlichte, hätte ich mir nicht träumen lassen, welche Folgen das haben würde. Das Egozine beschäftigte sich – das ist der Sinn eines Egozines – mit mir und meiner Weltsicht. Ich schrieb über Science Fiction und Fantasy, über Punkrock und Hardcore, über Comics und Bier, über Politik und Abseitiges.

Das machte ich zwanzig Jahre lang. Zeitweise hatte mein Heft eine Auflage von 700 Exemplaren, zeitweise hatte ich das Gefühl, niemand wolle es mehr lesen. Ich stellte es ein, weil ich keine Lust auf die Verkauferei mehr hatte.

Die zweite Inkarnation begann ab 1995: Ich machte das ENPUNKT-Radio im örtlichen Radiosender Querfunk. Jede Woche saß ich sonntags von 22 bis 23 Uhr im Studio und versuchte, journalistisch einigermaßen korrekt über Punkrock und Hardcore, Oi! und Ska zu berichten. Ab 2005 halfen mir einige Leute, ich machte die Sendung nur noch monatlich. 2017 war damit Schluss; die Freude hatte einfach nachgelassen.

Die dritte Inkarnation war mein Blog. Den ENPUNKT-Blog gibt es seit 2005, anfangs aus einer Laune heraus entstanden. Er ist kein Versuch, journalistisch zu sein, sondern die Fortsetzung meines Egozines.

Die vierte Inkarnation ist dann ENPUNKT bei Twitter. Dieses Medium macht mir immer mehr Spaß, auch wenn es viele Gründe gibt, Twitter abzulehnen. (Die Facebook-Präsenz von ENPUNKT ist nichts anderes als ein Ableger des Blogs. Bei Twitter stehen eigenständige Texte.)

Man muss klar sagen: Es ist immer noch das gleiche. Ich schreibe über Dinge, die mich interessieren, die mich bewegen oder aufregen. Ich freue mich darüber, wenn Leute darauf reagieren. Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Ich muss damit schließlich nicht mein Geld verdienen ...

08 November 2019

Dreißig Jahre ist es her …

In den 80er-Jahren war ich einige Male in der DDR. Ich besuchte nicht nur Ost-Berlin, sondern war auch in »Kalle-Malle«, also Karl-Marx-Stadt oder Chemnitz, und in Leipzig. Diese Reisen haben mir immer klargemacht – ebenso wie die Transitfahrten durch die DDR nach West-Berlin –, dass die DDR kein Land war, dass ich mochte. Ich fand die Zöllner und Polizisten grausig, und die Leute, mit denen ich sprach, lehnten ihren Staat ab, hatten wenig für den sogenannten Sozialismus übrig.

Als sich im Verlauf des Jahres 1989 die politische Situation änderte, verbrachte ich viel Zeit vor dem Fernseher. Mit Freunden und Bekannten verfolgte ich die Nachrichten; ich hatte ja keinen eigenen Fernseher. Ich las Zeitungen und Zeitschriften, ich diskutierte viel. Und ich freute mich sehr darüber, wie sich die Menschen in der DDR ihre Freiheit erkämpften.

Wir sahen, wie die Chinesen auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Demokratiebewegung zusammenschossen, und wir befürchteten ähnliche Verhältnisse in der DDR. Dann wieder sahen wir die mutigen Menschen, die friedlich demonstrierten und sich für die Demokratie einsetzten, und wir hofften für sie, dass alles friedlich bleiben würde.

Der plötzliche Mauerfall überraschte mich dennoch. Ich sah die jubelnden Menschen im Fernsehen, und ich sah die Hunderte von DDR-Bürgern, die auf einmal als Neubürger bei uns in der Stadt auftauchten und notdürftig in der Turn- und Festhalle untergebracht wurden. Ich empfand kein besonderes Gefühl von Patriotismus, sondern freute mich darüber, dass die Mauer bald endgültig fallen würde.

Im Dezember kletterte ich selbst über die Mauer, ich klopfte auch den einen oder anderen Stein aus dem Beton; davon ist nichts übrig geblieben. Das aber ist eine andere Geschichte.

Dass sich manche Dinge später anders entwickelten, dass sich in der DDR viele Westler schamlos bereichern konnten und die Wirtschaft der ostdeutschen Länder gnadenlos abgewickelt wurde – das konnte man vor genau dreißig Jahren weder sehen noch ahnen. Der neunte November war ein erster Höhepunkt einer Entwicklung, die sich über Monate zuvor angebahnt hatte und deren weitere Fortsetzung damals kaum jemand ahnen konnte.

07 November 2019

Maroua im November

Im November und Dezember 1999 unternahm ich eine Reise durch Kamerun; die mir unglaublich viele neue Eindrücke verschaffte, von denen ich noch heute zehren kann. In der Folge entstanden mehrere Kurzgeschichten, die teilweise in meinem Buch »Das Tier von Garoua« veröffentlicht wurden; die meisten Texte wurden aber nie aufbereitet.

Ich schrieb auch einen Text, der den schönen Titel »Maroua im November« trug und den ich vor Ort in mein Notizbuch kritzelte. Am 2. Juni 2000 tippte ich ihn ab, später wurde er in einer Ausgabe meines Egozines ENPUNKT veröffentlicht.

Ob man das dann als »Gedicht« bezeichnen kann, weiß ich nicht. Aber ich finde ihn tatsächlich immer noch gut. Und deshalb kommt er in diesem Blog erneut zur Geltung.

Maroua im November

Der Ventilator röchelt sein eintöniges Lied
unter dem Boukaroo-Dach aus Ästen und Strohmatten,
dazwischen höre ich das Zirpen der Grillen,
den Lärm der Vögel, das Rascheln der Geckos,
während ab und zu ein Moped vorbeifährt,
draußen auf der staubtrockenen Straße
zwischen Steinwänden, grob und roh,
wo tagsüber jede Bewegung nur langsam abläuft
und abends fast vollends erstirbt – bis auf den Wind.

Männer zünden sich die letzte Zigarette des Abends an,
rote Lichtpunkte in einer Straße ohne Beleuchtung;
nur die Sterne und die wannenförmige Sichel des Mondes
sind manchmal zu sehen, wenn die Bäume raschelnd
Platz schaffen und den Blick nach oben freigeben.

Mag sein, das ist eine Nacht wie jede andere,
aber irgendwie ist sie besonders – für mich.
Ich starre zur Decke, auf den Ventilator,
dessen Flügel vor meinen Augen zum Kreis verschmelzen,
und als ich sie wieder aufschlage,
graut bereits der nächste Morgen.

06 November 2019

Straßensperre in Tam

Weil ich mich auf dem Campingplatz langweilte und es noch einige Zeit dauern würde, bis wir kochen würden, schnappte ich mir mein Rad. Ich wollte Tamanrasset ein wenig erkunden, nachdem wir einmal mit dem Bus durchgefahren waren und einen kurzen Spaziergang unternommen hatten.

Es war ein heißer Tag im Dezember 1987, und ich wollte die hohen Temperaturen ausnutzen. Kalt wurde es in der Sahara früh genug um diese Jahreszeit.

Vom Campingplatz aus nahm ich die geteerte Straße in die Innenstadt. Tam, wie alle die Stadt nannten, war nicht mehr als ein Nest aus schmutzig-weißen Häusern, die sich an einigen Straßen entlang reihten: In der Mitte gab es entlang des ausgetrockneten Flussbettes eine Art Geschäftszentrum mit einer kleinen Bank, einer Moschee, einem Café und einer Bäckerei; viel mehr bot die kleine Stadt nach einem ersten Augenschein nicht.

Laut Reiseführer hatte ganz Tamanrasset um die 5000 Einwohner. Damit waren aber nicht nur die Leute gemeint, die in der eigentlichen Stadt wohnten, sondern auch die Bewohner verstreuter Siedlungen in der umliegenden Region. Kein Wunder, dass die Stadt auf mich den Eindruck eines großen Dorfes machte, über dem allgegenwärtiger Staub hing.

Während ich mit dem Rad fuhr, überholten mich mehrere Militärfahrzeuge. Auf den Pritschen saßen Soldaten mit Gewehren in den Händen, insgesamt mehrere Dutzend Mann. Ich blickte starr geradeaus, versuchte so flach wie möglich durch die Nase zu atmen, hatte währenddessen das Gefühl, eine Schicht aus Staub und Dreck lege sich auf mein Gesicht und meine bloßen Arme. Immerhin hatte ich eine lange Hose und meine Stiefel an.

Ich passierte einige Männer, die neben ihren Kamelen standen, und bog in eine Seitenstraße ein. Der Asphalt wich einer Piste: fester Boden, über den sich eine feine Schicht aus Flugsand gelegt hatte. Die Häuser zu meiner Rechten und Linken waren zweistöckig, die Straße wurde rasch enger.

Ziegen waren auf der Straße unterwegs, einige Frauen huschten an mir vorüber. Als ich vor mir eine Gruppe von Jugendlichen sah, die mitten auf der Straße gingen, brauchte ich einige Zeit, um langsamer zu werden. Meine Bremse quietschte, mein Hinterrad schlug ein wenig aus. Direkt vor den Jugendlichen blieb ich stehen.

Sie mochten zwischen zwölf und fünfzehn Jahre alt sein, allesamt Jungs. Sie trugen zerschlissene weite Kleidung aus Stoffen, die einstmals weiß oder schwarz gewesen sein mussten, nur aber sehr dreckig wirkten. Ihren Gesichtern nach waren sie keine Araber, sondern zählten eher zu den Berbern, die in dieser Gegend siedelten. Die Haare waren voller Staub und Dreck, sie standen in alle Richtungen ab. Hätte man die Jugendlichen in eine deutsche Großstadt verfrachtet, hätte man sie vielleicht für Punks gehalten.

Sie drehten sich zu mir um, wirkten verblüfft, schienen auf einmal eine breite Front zu bilden, die mir die Straße versperrte. Auf einmal fühlte es sich für mich an, als stünde ich an einer Straßensperre. Es wäre nicht die erste in Algerien gewesen; wir waren von Polizei und Militär nicht nur einmal angehalten worden.

In einem Anflug von Panik stellte ich fest, dass die Jungs teilweise bewaffnet waren; einige von ihnen trugen Messer an der Seite. Ein Überfall? Sollte ich ausgeraubt werden?

Sie starrten mich an, ich starrte zurück; keine Ahnung, wie lange das dauerte. Dann lachte einer, wies auf meinen Kopf, und die anderen fielen in das Lachen ein. Zuerst verstand ich nicht, sah sie wohl verwirrt an, dann zeigte der Junge auf meinen Kopf und zog an seinen abstehenden Haaren.

Da verstand ich. Meine struppigen Haare, die ich nicht mit einer Mütze bedeckt hatte, waren ebenfalls voller Sand und Staub; sie standen ebenfalls in alle Richtungen. Und unter der Staubschicht konnte man zwar erkennen, dass ich ein weißhäutiger Europäer war, der aber einen deutlich schmutzigeren Eindruck machte als andere Europäer, die ich bislang in der Stadt gesehen hatte.

Ich griff mit der Rechten an meine Haare und zog daran, spürte, wie sie stehen blieben. Ohne mein Zutun hatte ich eine Sammlung astreiner Spikes, die sich kreuz und quer über meinen Schädel zogen.

Dann lachte ich auch. Vor Erleichterung und weil ich es wirklich witzig fand.

05 November 2019

Violent Instinct aus Hamburg

Dass man in Sachen Deutschpunk keine große Innovation erwarten kann, weiß ich. Deshalb erwarte ich von einer neuen Band, die sich auch noch Violent Instinct nennt, eher grobmotorischen Punk. Die Band aus Hamburg enttäuscht in dieser Hinsicht nicht ...

Der Deutschpunk, den die vier Männer und die Frau liefern ist ruppig und schlicht; für meine Begriffe klingt mir zu oft eine Prise Hardrock durch. Aber das ist heutzutage modern, das muss ich wohl ertragen. Ob allerdings allen Ernstes so eine schunkelige Ballade nötig war, möchte ich doch anzweifeln.

Textlich gibt man sich Mühe, ein Lebensgefühl rüberzubringen. Man besingt den »way of life« nicht nur einmal, möchte gegenüber den Nazis auf der Straße »keinen Schritt« zurückweichen, erinnert an alte Freunde und schimpft auf die »normalen« Bürger mit ihren Lügen. Das ist nicht gerade neu, klingt aber authentisch und nachvollziehbar.

Richtig gut ist das Stück »Hamburg«, eine echte Ode an die Heimatstadt der Band, bei der auf überzogenen Lokalpatriotismus verzichtet wird. Und natürlich dürfen Lieder nicht fehlen, in denen dem Alkohol gehuldigt wird und man stolz darauf ist, viel Bier zu trinken. Aber warum sollte das 2017 anders sein als 1987?

Wer Deutschpunk mag, sollte zumindest mal reinhören. Mein Gemäkel, dass die Band wenig originell ist, sollte sich niemand zu Herzen nehmen – schiebt’s auf die Tatsache, dass ich alt bin!

Comic-Biografie eines großen Schriftstellers

In Frankreich hat er fast den Rang eines Nationalheiligen, aber auch im deutschsprachigen Raum ist Victor Hugo durch viele große Romane bekannt geworden. Nicht zum Allgemeinwissen gehört allerdings, dass er zur Opposition gegen Napoleon III zählte und deshalb ins Exil gehen musste. Auf der englischen Kanalinsel Guernsey, die vor der Küste der Normandie liegt, fand er in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine neue Heimat. Das ist der Hintergrund eines Comics, der den schönen Titel »Victor Hugo – Im Exil« trägt und den ich dieser Tage gelesen habe.

Weil seine Tochter mit ihrem Mann gut zehn Jahre zuvor ertrunken ist, kommt der große Autor mit diesem Verlust nicht so richtig klar. Victor Hugo flüchtet sich zeitweise in den Spiritismus, nimmt an sogenannten Séancen teil und versucht so, mit dem Geist der toten Tochter in Kontakt zu treten. Als er irgendwelche Hinweise erhält, die er als die eines Geistes wahrnimmt, beschließt er, eine Reise auf den Kontinent zu unternehmen. In Verkleidung reist er nach Paris …

Für das Szenario zeichnet Esther Gil verantwortlich. Sie erzählt die Geschichte eher ruhig, sie kommt ohne echte Action aus und plätschert ein wenig vor sich hin. Wer sich mit der französischen Geschichte oder mit Victor Hugo überhaupt nicht auskennt, dürfte auch das eine oder andere Detail nicht verstehen. (Hier wäre vielleicht ein Nachwort von einem kundigen Menschen hilfreich gewesen. Allerdings gibt es einige sehr gelungene redaktionelle Anmerkungen.)

Insgesamt erzählt der Comic viel über Victor Hugo und sein Liebesleben. Er gibt Einblicke in die sozialen Gegebenheiten in der Mitte des 19. Jahrhunderts und zeigt, wie Napoleon III. regierte. Wer sich für Geschichte und Literatur interessiert, erhält auf jeden Fall eine lesenswerte Geschichte. Dass sie nicht übermäßig spannend ist, lässt sich verschmerzen.

Auch die Zeichnungen reißen einen nicht unbedingt mit; das war sicher auch nicht das Ziel von Laurent Paturaud. Wenn ich die klaren und sehr sauber gezeichneten Bilder betrachte, habe ich das Gefühl, eine kleine Zeitreise zu unternehmen. Sowohl die Kanalinseln als auch das ländliche Frankreich oder die Metropole Paris werden von dem Künstler klar und schön präsentiert. Paturaud erzählt in seinen Bildern geradezu filmisch, aber auf eine ruhige, stimmungsvolle Art und Weise.

Wer Victor Hugo als Autor schätzt, sollte zumindest einen Blick in diesen Comic werfen. Das gleiche gilt für Menschen, die gern historische Geschichten mögen. Wer eher auf Action steht, wird bei diesem Comic gelangweilt sein, fürchte ich.

04 November 2019

Loving Vincent

Ich bin alles andere als ein Experte für Vincent Van Gogh und das Werk des Künstlers. Mir geht es wahrscheinlich so wie den meisten: Man kennt einige Bilder, man weiß einige Details, vor allem kennt man die gruseligen Dinge. Abgeschnittene Ohren, der Aufenthalt in einer Anstalt, der seltsame Selbstmord und dergleichen … aber als Normalsterblicher weiß ich einfach nicht Bescheid.

Ein wenig skeptisch trat ich also an den Film »Loving Vincent« heran. Dieser kam 2017 heraus und wird hierzulande nur von Sendern wie Arte gezeigt. Wir haben uns die DVD gekauft, und ich bin sicher, dass wir sie noch öfter ansehen werden.

Der Grund: Der Film ist künstlerisch und trotzdem sehr unterhaltsam. Man muss sich darauf einlassen, dass die Machart dieses Films sehr ungewöhnlich ist – dann fasziniert der Streifen aber sehr.

Es ist eine polnische Produktion, an der mehrere Dutzend Künstler beteiligt waren. Der Grund: Man nahm Originalgemälde von Vincent van Gogh, und daraus entstanden bewegte Bilder. Die Schauspieler wurden ebenfalls animiert – aber eben nicht im Zeichentrick-Stil, sondern im Stil eines van-Gogh-Gemäldes. Das klingt seltsam, erklärt sich aber von selbst, wenn man sich den Trailer ansieht. Zahllose Bilder mussten für den Film gemalt werden.

Tatsächlich wird eine spannende Geschichte erzählt. Ein junger Mann stellt Nachforschungen zum Tod des Künstlers an, befragt Bekannte und Freunde des Toten. Dabei kommt er auf eine Reihe von Fragen, die bisher keiner zu stellen wagte: Hat sich van Gogh wirklich umgebracht? War jemand anders für seinen Tod verantwortlich? Und so entsteht aus einem harmlosen Brief eine packende Krimi-Handlung.

»Loving Vincent« ist ein ungewöhnlicher Streifen, der mit vielen Sehgewohnheiten bricht, letztlich aber doch recht konventionell erzählt. Damit kommen auch Durchschnittsfilmegucker wie ich auf ihre Kosten. Lohnt sich!

03 November 2019

Zum Abschied viel Sonne

Der letzte Seminartag in Wolfenbüttel ging im Schnelldurchlauf vorüber: Noch einmal gab es zu Beginn des Tages einen kleinen Vortrag von Kathrin Lange, danach stellten wir eine Schreibaufgabe.

Anhand eines Bildes sollten die Autorinnen und Autoren eine eigene Geschichte schreiben, die idealerweise auch die Welt abbildet. Das klingt jetzt vielleicht abstrakt, erwies sich aber in der eigentlichen Arbeit als spannend.

Wir erhielten auf Basis eines Bildes insgesamt sechzehn Geschichten – oder Anfänge von Geschichten –, über die wir noch einmal diskutierten. Danach gab es eine Schlussrunde, in der Lob und Kritik zum abgelaufenen Seminar geäußert wurde. Und nachdem wir das auch hinter uns gebracht hatten, ging es in aller Ruhe zum Mittagessen.

Das Seminar war vorüber, meine Laune sehr gut. Wolfenbüttel überraschte mit strahlendem Sonnenschein, der das Schloss viel schöner zeigte als an den regnerischen Tagen zuvor. Es stellte sich für mich nur noch die Frage, ab wann der Nach-dem-Seminar-Blues einsetzen würde ...

02 November 2019

Wolfenbüttel im Nieselwetter

Der zweite Tag in Wolfenbüttel ist erfahrungsgemäß derjenige, der am meisten anstrengt. Das liegt schichtweg daran, dass er durchgehend mit Seminargesprächen und -aufgaben vollgestopft ist. Im aktuellen Fall heißt das: Man fängt morgens um neun Uhr an, hat zwischendurch zwar Pausen und macht trotzdem erst gegen halb zehn Uhr abends Feierabend.

Wobei Kathrin Lange und ich am zweiten Tag des diesjährigen Roman-Seminars vor allem auf Textbesprechungen setzten ... Wir diskutierten die Texte, die von den Autorinnen und Autoren eingereicht worden waren. Vor allem legten wir ein großes Augenmerk auf den sogenannten Weltenbau: Waren die phantastischen Szenarien, die uns präsentiert wurden, glaubhaft oder wirkten sie zumindest so glaubhaft, wie man es von einer fremdartigen Welt verlangen konnte?

Es blieb – wie in jedem Jahr und bei jedem Seminar – nicht aus, dass wir inhaltlich abschweiften und von einem Thema aufs andere sprangen. Weil wir diesmal aber eine strenge Zeit-Disziplin einhielten, blieben die Abschweifungen im Rahmen, und wir kamen mit allen Texten an diesem Samstag durch.

Aber was soll man an einem feuchten und kühlen Tag in Wolfenbüttel auch anderes machen? Angesichts des Wetters – das Bild zeigt den Ausblick aus meinem Zimmer – waren Textarbeiten mehr als nur eine Alternative.

01 November 2019

Wolfenbüttel-Start mit Theorie

Bei der Planung meiner diesjährigen Termine hatte ich die Feiertage nicht so richtig im Sinn. Deshalb bekam ich nicht gleich mit, dass ich am Allerheiligen-Freitag auf eine Fahrt in den Norden gehen würde – wieder einmal nach Wolfenbüttel. Dort findet an der Bundesakademie für kulturelle Bildung vom 1. bis 3. November 2019 eine Schreibwerkstatt für Autorinnen und Autoren statt, die sich der phantastischen Literatur verschrieben haben.

Dozenten sind die Autorin Kathrin Lange und ich, mit dabei ist auch Olaf Kutzmutz, der literarische Leiter der Bundesakademie. Ich fuhr mit der Bahn, las unterwegs alle Texte, die von den Teilnehmern im Voraus eingereicht worden waren, und kam deshalb gut vorbereitet nach Braunschweig.

Dort holte mich Kathrin Lange mit ihrem Auto am Bahnhof ab. Während wir nach Wolfenbüttel fuhren, besprachen wir bereits erste Details des Seminars. Und nach dem kurzen Einchecken und einem kurzen Imbiss mit weiterer Besprechung ging es auch schon mit dem eigentlichen Seminar los.

Diesmal machten wir den Einstieg recht theoretisch. In einem Werkstattgespräch erzählten die Autorin und ich von unserer Arbeit; später stellte sie einzelne Texte von bekannten Autorinnen und Autoren vor, die wir im Plenum diskutierten. Wie phantastisch mutet beispielsweise ein Text von Michael Ende an, welchen Weltenbau kann man aus einer Seite der »Tribute von Panem« entnehmen?

Ich finde solche Diskussionen immer sehr spannend, weil ich selbst für das eigene Schreiben und Lesen viel daraus lernen kann. Wobei das Feierabendbier ein wichtiger Bestandteil eines solchen Seminars ist ...