25 Juni 2017

Politisches auf dem Literatur-Camp

Wenn ich meinem Bauchgefühl glauben kann, sind auf dem Literatur-Camp in Heidelberg von rund 200 Anwesenden gut die Hälfte als Autorin oder Autor tätig – ob professionell oder nicht –, dazu kommen viele Blogerinnen. Entsprechend sind viele Sessions ausgelegt: Es wird über die Arbeit von Autoren gesprochen, über Blogs und ihre Ausrichtung diskutiert sowie darüber gejammert, dass die Verlage so viel Unsinn publizieren.

Für mich sind die politischen Themen auf so einer Veranstaltung auch interessant – sie zeigen, dass Literatur im weitesten Sinne nicht in einem luftleeren Raum existiert. Spannend fand ich beispielsweise die Session einer Sportjournalistin, die über ihren Großvater – er war Widerstandskämpfer gegen das Dritte Reich und wurde hingerichtet – einen Blog und einen Podcast betreibt.

Viele bekannte Fakten repetierte eine Session über die »smarte Diktatur«; ich fand das Thema trotzdem gut, wenngleich nicht komplett ausgereizt: Wie kann man sich denn als Autor oder Verlagsmensch einigermaßen »korrekt« verhalten, wenn man weiß, welcher Dreck mit Smartphones und Computern verbunden ist?

Ebenfalls interessant: Wie verändert sich die Situation in der Türkei, wie stehen Wissenschaftler und Autoren unter Druck? Die Vortragende ist Literaturwissenschaftlerin, die jetzt im Exil in Tübingen lebt. Solche Themen bereichern für mich eine solche Veranstaltung.

24 Juni 2017

Auf dem Literatur-Camp in Heidelberg

Obwohl das Wochenende mit ordentlichen Sommer-Temperaturen glänzt, konnte ich es mir nicht verkneifen, nach Heidelberg zu fahren. Dort findet das Literatur-Camp 2017 statt, abgekürzt – und nur echt mit Hashtag – schreibt man das dann #litcamp17. Nachdem ich im vergangenen Jahr so begeistert war, konnte ich in diesem Sommer wirklich nicht fehlen.

Man soll sich vorstellen und drei kurze Begriffe nennen, die für einen stehen. Ich verkniff mir ein »Saufen – Hüpfen – Peinlichsein«, weil das die meisten dann doch nicht verstehen würden, und benannte ganz seriös dann »Science Fiction, Fantasy, Punkrock«. Soll sich bitteschön jeder und jede etwas anderes unter dieser Kombination vor Augen führen ...

Das Publikum ist bunt gemischt. Ich würde tippen, dass Frauen einen Anteil von 70 Prozent einnehmen, was im Literaturgeschäft nicht ungewöhnlich ist. Und ich dürfte zu den älteren Besuchern zählen; sehr viele sind um die dreißig Jahre alt oder knapp drüber.

Erfreulicherweise habe ich am ersten Tag keine eigene »Session« zu halten – so heißen hier die Programmpunkte –, weil der Plan sehr schnell voll war. Also kann ich mich in aller Ruhe zu anderen Leuten in die Räume setzen und mir anhören, was die zu erzählen haben. Danach lässt sich auch gut klugscheißern und in einer Diskussion allerlei Standpunkte ausplaudern.

23 Juni 2017

Zu viel Hitze in der Apotheke

Weil ich allerlei Allergien habe, die sich hartnäckig halten, bin ich seit einigen Jahren in einer Art Programm des Städtischen Klinikums Karlsruhe. Ich bekomme regelmäßig Medikamente, die für mich quasi direkt produziert werden; die Rezepte reiche ich bei einer Apotheke ein, und die muss sie bei einem Labor direkt bestellen. Das klappt seit Jahren erfolgreich.

Bis ... bis ich eine Apotheke in der Innenstadt betrat, in der ich ansonsten immer wieder allerlei Mittelchen gegen Erkältungen und dergleichen gekauft hatte. Komplizierte Sachen hatte ich dort allerdings nie bestellt.

Nach der brüllenden Hitze, die vor der Tür herrschte, empfand ich den gekühlten Raum als sehr angenehm. Ich erklärte der Dame, was es mit dem Medikament auf sich habe, und reichte ihr das Rezept sowie den Medikamenten-Spezialbestellzettel.

Sie studierte beides sehr gründlich, murmelte vor sich hin und tippte auf ihrem Computer herum. »Das ist aber kein reguläres Medikament«, sagte sie dann.

»Ja.« Ich verkniff mir die gehässige Bemerkung, dass ich ihr das vor gut eineinhalb Minuten genau so gesagt hatte. »Aber man kann das ganz regulär bestellen.«

Sie tippte wieder eine Weile. »Ich kann das so nicht so einfach bestellen«, sagte sie dann. »Sind Sie sicher, dass das richtig ist?«

»Ja. Ich bekomme dieses Medikament seit einigen Jahren, und es klappt immer, es zu bestellen.«

Wieder tippte sie. Dann schaute sie mich an. »Ich kann es Ihnen nur direkt bei der Firma bestellen.« Nachdem ich genickt hatte, sprach sie weiter. »Sie müssten aber Vorkasse leisten.«

»Bitte?« Ich starrte sie an. Das Medikament kostete 400 Euro pro Bestellung. »Normalerweise erhalte ich das Medikament, und dann bezahle ich.«

»Bei solchen Summen machen wir das nicht. Nur Vorkasse. Das ist ja eine Speziallieferung.«

»Ja klar. Die ist für mich, nur für mich, und ich brauche sie.«

»Es geht leider nur gegen Vorkasse. Oder Sie zahlen 300 Euro an.«

Ich blieb ruhig, packte meinen Kram und ging. Dann würde ich halt doch in die Apotheke gehen, bei der ich sonst immer bestellte. Dumm war nur, dass ich dafür die halbe Stadt durchqueren musste – aber was macht man bei 36 Grad nicht alles?

Sláine vom Gratis-Comic-Tag

Wenn ich in den 80er- und frühen 90er-Jahren eine Ausgabe der britischen Comic-Zeitschrift »2000 AD« in die Finger bekam, freute ich mich darüber. Das Heft war schräg, die Mixtur aus phantastischen und witzigen Comics überraschte mich oft. Manchmal war alles sehr »undergroundig«, andere Comics waren klassisch erzählt.

Dass »Sláine«, einer der 80er-Jahre-Comics aus diesem Magazin, jetzt in einem deutschen Verlag neu veörffentlicht wird, finde ich mutig. Mit großem Interesse habe ich das Heft gelesen, das es zum Gratis-Comic-Tag 2017 gegeben hat. Fantasy finde ich ja schließlich gut.

Sagen wir so: Die Story von Pat Mills wechselt zwischen beinharten und brutalen Stories und witzigen Sequenzen; der Comic nimmt sich selbst nicht ernst, was mich übrigens gelegentlich nervt. Da ist der 80er-Jahre-Humor offensichtlich in heutiger Zeit für mich nicht mehr so gut zu vermitteln.

Zeichnerisch weiß Massimo Belardinelli durchaus zu überzeugen. Die schwarzweißen Zeichnungen stecken voller Action und Dynamik, manchmal wirken sie skizzenhaft. Von der Eleganz heutiger Superhelden-Stories sind sie weit entfernt; in den 80er-Jahren fand ich so etwas toll.

»Sláine« wirkt oft, als sei dieser Comic aus seiner Zeit gefallen. Nicht schlecht, aber auch nicht so gut, dass man sich damit 2017 unbedingt beschäftigen müsste. Auch als Fantasy-Fan nicht.

22 Juni 2017

Peter Pank und die Wirrungen des Büros

Sechs ernsthaft guckende, eher seriös wirkende Herren und eine streng wirkende Dame präsentieren sich auf dem Titelbild der aktuellen OX-Ausgabe. Rein optisch hat das also nicht so viel mit Punkrock zu tun, folgt man den Klischeevorstellungen früherer Jahre – aber das sollte nicht stören.

In dieser Ausgabe, die die Nummer 132 trägt, ist auch die siebte Fortsetzung meines Romans »Der gute Geist des Rock'n'Roll« enthalten. Meine Hauptfigur, die immer noch Peter Meißner heißt, aber nicht mehr Peter Pank genannt werden möchte, arbeitet in einer Zeitung; der gute Mann ist vor allem für das Basteln der Kleinanzeigen und andere sinnlose Dinge zuständig.

Der Text gibt einen kleinen Einblick in das Büroangestelltendasein der mittleren 90er-Jahre, bringt aber auch einen Weiterführung zum Geheimnis des »guten Geistes« und endet am Ende mit einer Konfrontation zwischen Punks und Polizei – das gab es auch in den 90er-Jahren reichlich. In der Richtung wird es in der folgenden Ausgabe sicher weitergehen.

Mit diesem Roman will ich weniger den »Punk-Spirit« früherer Jahre konservieren oder auffrischen; das habe ich mit früheren »Peter Pank«-Folgen zu genüge getan. Aber zeigen, wie sich Punk in den 90er-Jahren immer weiter auffächerte, das will ich dennoch.

21 Juni 2017

Essaouira in Versailles

Irgendwann reichte es. Die Stadt war faszinierend, das Schloss zeigte sich auch von außen von seiner Gold- und Glitzer-Seite, und in den Parks von Versailles konnte man stundenlang spazieren, mit einem Boot oder einem Rad fahren oder sich einfach nur von den vielen Eindrücken treiben lassen – alles in allem war Versailles ein tolles Stück Frankreich, in etwa so, wie man sich Paris eigentlich vorstellt, aber schon lange nur noch an manchen Stellen findet.

Weil wir essen wollten, ließen wir uns durch die Straßen der Innenstadt treiben, landeten – wieder einmal – am Marktplatz, wo am frühen Abend alle Stände geschlossen hatten, dafür viele Restaurants zum Essen und Trinken einluden. Die meisten Menschen saßen im Freien und genossen den Frühsommer, es roch nach Essen und guter Laune.

Wir steuerten das »Essaouira« an, ein marokkanisches Restaurant, das einen sympathischen Eindruck machte und mich vor allem an meine erste Afrika-Reise erinnerte. 1983 war ich sogar für drei Tage oder so in Essaouira gelandet; da bot sich ein Auffrischen von Erinnerungen an.

Das Restaurant erwies sich als gut; einer der Kellner sprach einige Worte deutsch und kümmerte sich besonders gern um uns. Der Weißwein war kühl und schmeckte lecker, die marokkanischen Gerichte waren handfest im positiven Sinn und lösten eine Geschmacksexplosion nach der anderem auf Gaumen und Zunge aus. Nach Vor- und Hauptspeise war ich allerdings pappsatt und konnte keines der verführerisch wirkenden Desserts probieren.

Nicht nur das Essen und Trinken überzeugten, auch die freundliche Art sprach mich an. Sie erinnerte mich an die Gastfreundschaft, die ich in Marokko erlebt hatte. Falls es mich jemals wieder nach Versailles verschlagen sollte, dürfte ich das »Essaouira« wieder ansteuern – ab und zu braucht man zwischen all diesen französischen Mehrgangessen tatsächlich etwas »Normales« ...

20 Juni 2017

Helmut Kohl war groß

Denke ich an Helmut Kohl zurück, fällt mir ein, wie groß der Mann wirklich war. Größe nicht nur in Sachen körperlicher Statur oder politischer Bedeutung – sondern auch in seinem Einfluss auf das Leben vieler Menschen. Die 80er-Jahren sind für mich ohne Helmut Kohl kaum noch vorstellbar.

Ich habe ihn nicht gemocht. Das taten in den 80er-Jahren nur die beinharten Jungunionisten in meinem Umfeld. Alle anderen jungen Leute hassten ihn entweder aus tiefster Seele oder fanden ihn zumindest albern.

Helmut Kohl stand für alles, was junge Leute »damals« beschissen fanden: Er war dröge und spießig, seine Politik half den Reichen und bewegte zu wenig, sein gesamter Stil war grausig. Dass er in den Jahren 1989 und 1990 so schlau war, die sogenannte Wiedervereinigung einzufädeln oder sich zumindest an den aktuellen Entwicklungen zu bedienen, hätte niemand erwartet.

Seine historischen Verdienste sind unteilbar. Als in den späten 90er-Jahren eine instinktlose SPD-Grünen-Regierung dem sogenannten Kosovo-Einsatz zustimmte, wünschte ich mir fast Kohl zurück. Der Mann hätte aus historischen Gründen nicht zugelassen, dass nach Reichswehr im Ersten Weltkrieg und Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg jetzt auch noch die Bundeswehr eine Krieg gegen Jugoslawien oder eben Serbien führen würde.

In den vergangenen Jahren war mir Helmut Kohl gleichgültig. Sein Tod in diesen Tagen ließ mich seltsam kalt, der ehemals so bedeutende Politiker war nicht mehr wichtig – weder für mich noch für dieses Land. Dass man ihn jetzt allenthalben betrauert und ehren will, ist das übliche Spiel. Auch das lässt mich irgendwie kalt.

Über Tote soll man nichts Böses sagen. Helmut Kohl war groß. Er war so groß, dass ihn Millionen von jungen Leuten hassten und ablehnten und dass diese Ablehnung einen Teil ihres Lebens prägte. Das muss erst einmal jemand nachmachen.

19 Juni 2017

Mediale Abstinenz

Wenn ich sage, ich sei zwei Wochen lang unterwegs gewesen, hört sich das nicht einmal so lange an. Richtig wäre wohl zu sagen, es habe sich um drei Wochenenden und die Tage dazwischen gehandelt. In dieser Zeit sammelte ich spannende und schöne Eindrücke, über die ich teilweise in diesem Blog schreiben werde; ich war aber vor allem medial abstinent.

Dass man sich für einige Tage aus dem digitalen Getümmel verabschiedet, ist bekanntlich der aktuelle »heiße Scheiß«, auf den sich vor allem irgendwelche Medienleute schmeißen. »Schaut her!, ich komme 24 Stunden ohne mein Smartphone aus!«, brüllen sie dann in die multimediale Welt. Da ich kein Smartphone besitze – immer noch nicht, hey! –, kann ich solche Sprüche leider nicht bringen.

Ich hielt mich einfach in der ganzen Zeit von allen Medien fern. Der Computer blieb aus, ich ging auch in kein Internet-Café. Ich sah nicht fern, weder daheim noch auf Reisen. Ich hörte kein Radio – na ja, sieht man einer schrägen Musiksendung in Frankreich ab, aber das zählt wohl kaum. Ich las keine Zeitung und keine aktuellen Magazine.

Das war ausgesprochen angenehm.

Ich bekam nichts von irgendwelchem Terror mit, nichts von irgendwelchem Wahnsinn. Ob die Nazis in Karlsruhe marschierten oder das Trampel im Weißen Haus irgendwelchen Unfug von sich gab – ich las und hörte nichts davon. Das Wetter in Deutschland war mir ebenso gleichgültig wie der legendäre Reissack in China. Deutsche Politiker gingen mir am Hintern vorbei.

Das schadete gar nichts. Das Hirn wurde nicht mit Hass konfrontiert, der einen unweigerlich anspringt, wenn man sich auf Medien einlässt. (Auch der eigene Hass – ich gehe regelmäßig an die Decke, wenn ich die Nachrichten anschaue, bin also nicht gerade besser als so ein dämlicher Wutbürger-Proll.) Ich schaute auf schöne Häuser, schöne Strände, schöne Landschaften, ich aß gut, ich trank gut, ich genoss mein Leben.

Vielleicht schaffe ich es, etwas von diesem »Spirit« in die Tage nach dem Urlaub hinüberzuretten. Die Glotze bleibt erst einmal aus.

02 Juni 2017

Phantastik, die auf Mädchen zielt

Immer wieder machen deutsche Verlage irgendwelche Dinge, die ich nicht so richtig verstehe. Manchmal sträubt sich in mir einiges dagegen – aber ich sehe es ein. So geht es mir, wenn ich mir anschaue, dass die Kolleginnen und Kollegen bei Piper ihr Jugendprogramm Ivi noch einmal aufsplitten: Ab Herbst 2017 gibt es »you & Ivi«, das Programm wird mit einem schön gestalteten Prospekt vorgestellt.

Man möchte »allen Mädchen ab 10 Jahren« eine große Freude machen; es gibt zielgruppenorientierte Texte für die Altersklasse. So gibt’s ein Buch mit dem coolen Titel »Gangster School«, das eben kein Harry-Potter-Internat für angehende Zauberer, sondern ein Internat für angehende Verbrecher ist. Oder ein Titel namens »Agentin Abby«, das eine Schülerin mit merkwürdigen Interessen ins Zentrum stellt.

Ich finde den Ansatz interessant – auch wenn hier schon wieder »gegendert« wird. Die Mädchen bekommen offenbar phantastische und gleichzeitig spannende Bücher angeboten, die zwar gängige Rollenklischees von Mädchen wiedergibt, sie aber immerhin frech und selbstbewusst gestaltet.

Ähnliches gilt für die Optik; ich merke auf den ersten Blick, dass ich weder vom Geschlecht noch vom Alter her die richtige Zielgruppe bin. Aber das macht in diesem Fall echt nichts aus. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie sich dieser neue Versuch entwickelt, das Genre der Phantastik weiter zu erweitern und zu entwickeln.

»Exodus« und die Phantastische Bibliothek

Wie immer ist eine aktuelle Ausgabe des Magazins »Exodus« ein richtig schöner Anblick: Das Magazin liegt gut in der Hand, es sieht gut aus, und es verspricht, eine interessante Science-Fiction-Lektüre zu liefern. Die Ausgabe 36, die dieser Tage erschienen ist, macht hier keine Ausnahme.

Gelesen habe ich das Heft noch nicht, das muss ich irgendwann in diesem Sommer nachholen. Aber ich freute mich darüber, dass ich mit einem kleinen Text im Sonderteil zur Phantastischen Bibliothek in Wetzlar vertreten bin. Der Einfachheit halber zitiere ich mich hier selbst ...

Klaus N. Frick:
Dreißig Jahre Phantastische Bibliothek


Wieso Thomas Le Blanc in den späten 80er-Jahren auf die Idee gekommen ist, in seinem Heimatort eine Bibliothek aufzubauen, die sich der phantastischen Literatur mit all ihren Ausprägungen annehmen würde, weiß ich gar nicht. Der Autor und Publizist löste damit etwas aus, das wegweisend ist.

In der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar finden Science Fiction, Fantasy, Horror und artverwandte Literaturrichtungen ihre Heimat. Hier werden sie gebündelt und ausgestellt, hier kann man sich informieren, hier gibt es eine unglaubliche Übersicht.

Dabei werden die Unterscheidungen zwischen der sogenannten U- und der E-Literatur nicht gemacht. Für die Phantastische Bibliothek entscheiden nicht der literarische Wert oder Unwert eines Titels, sondern schlichtweg die Tatsache, ob er phantastisch ist. Eine solche »egalitäre« Kultursicht empfinde ich als sehr sympathisch – auch der schlechteste Roman kann seine Freunde finden oder zumindest für die Forschung genutzt werden.

Das einzige, was mich an der Phantastischen Bibliothek wirklich stört, liegt an mir selbst: Ich habe sie in all den dreißig Jahren kein einziges Mal besucht. Vielleicht schaffe ich, das zu ändern, bevor die Bibliothek ihren vierzigsten Geburtstag feiert.

01 Juni 2017

Kein Tag für die deutsche Zukunft

Zu den Dingen, die ich in diesem Jahr noch weniger als sonst verstehe, zählt die Art und Weise, die die Stadt Karlsruhe sich gegenüber Nazis verhält. Die Aufmärsche der diversen Gruppierungen, ob sie sich nun »Widerstand Karlsruhe« oder sonst wie nennen, werden von den Bürgern ignoriert, von der Polizei massiv geschützt und von der Antifa – immerhin – mit Kritik und Schmährufen begleitet.

Für diesen Samstag abend könnte die Stadt zum Tummelplatz von gut tausend beinharten Supersiegheilnazis werden. Im Netz rufen rechtsradikale Gewalttäter massiv zum »Tag der deutschen Zukunft« auf; die Ankündigungen sind militant und in ihrer Sprechweise eindeutig. Man spricht von »Volksgenossen« oder von »Kameraden«; man will massiv gegen den Staat und seine angeblich so ausländerfreundliche Politik antreten.

Nachdem sich monatelang in der Stadt Karlsruhe sowie im Landkreis außer den üblichen Verdächtigen – in der Antifa etwa – so gut wie niemand für das Thema interessiert hat, wird man langsam wach. So hat beispielsweise die Versammlungsbehörde endlich mal geschaut, welche Redner am 3. Juni auf der Bühne in Durlach stehen wollen. Völlig verwundert stellte man fest, dass neun der zehn geplanten Redner schon einschlägig bekannt sind: Sie haben verfassungswidrige Zeichen benutzt, sind entsprechend vorbestraft oder sonstwie wegen Volksverhetzung aktenkundig.

In Durlach hängen Plakate, die »Kein Bier für Nazis« versprechen. Immerhin werden die Bürger jetzt langsam wach. In den Gassen der hübschen Altstadt von Durlach werden tausend Stiefelnazis sicher nicht dafür sorgen, dass der Tourismus künftig stärker blüht ...

Meine Meinung: Hätten die Verwaltung und die Entscheidungsträger in Karlsruhe sich sofort und klar gegen Nazis positioniert, hätten sie klar gesagt, dass sie keinen Aufmarsch von Rassenhassern und Menschenfeinden dulden wollen, wäre die Situation eine andere. Jetzt aber kann sich die Stadt auf ein spannendes Wochenende einstellen ...