10 August 2018

Zum Einsatz in die Pfalz

Ein amüsantes Titelbild ziert die Ausgabe 139 des OX-Fanzines – ich bin darin mit der aktuellen Folge 14 meines Fortsetzungsromans »Der gute Geist des Rock'n'Roll« vertreten. Peter Meißner, der Held meines Romans, ist in dieser Folge immer noch in der südlichen Pfalz unterwegs. Mit einigen Begleitern will er eigentlich den örtlichen Nazis die eine oder körperliche Abrechnung verpassen – aber das scheint alles nicht so richtig zu klappen.

Die Fortsetzungsgeschichten, die ich seit vielen Jahren für das OX schreibe, sind natürlich autobiografisch geprägt. Aber ebenso natürlich handelt es sich um erfundene Geschichten. Die Personen, die auftauchen, sind vielleicht der Wirklichkeit entlehnt – aber es sind keine Menschen, die es so in Wahrheit gegeben hat. Das muss ich immer wieder dazu sagen, weil das sehr häufig verwechselt wird.

Letztlich geht's mir ja auch darum, einen Blick in die Vergangenheit einer Szene zu werfen. Die erste »Peter Pank«-Trilogie spielt in den Jahren 1986 und 1987. Der aktuelle Roman ist im Jahr 1996 angesiedelt. Zwischen diesen Zeiten hat sich einiges geändert.

Wenn es mir gelänge, das zu darzustellen, dass die Zeitgenossen von damals ein »ja, so war's in etwa« sagen und von den Jüngeren ein »aha, so war das also« kommt, wäre das für mich eine sehr große Freude.

Schlosslichtspiele 2018

Warum ich es lange Zeit nicht geschafft hatte, die diesjährigen Schlosslichtspiele zu besuchen, kann ich nicht sagen. Am Mittwochabend, 8. August 2018, war es endlich soweit: Wir radelten durch das nächtliche Karlsruhe in Richtung Schloss. Überall waren Leute unterwegs, allesamt sommerlich gekleidet, zu Fuß und zu Fahrrad. Vom Schloss her strömten uns viele entgegen, die offenbar schon die Show gesehen hatten; andere strebten mit uns zum Schloss.

Dort hatten sich schon wieder Tausende von Menschen versammelt. Sie saßen auf Treppenstufen und auf der Wiese, manche hatten Decken und Stühle mitgebracht. Zigaretten glommen in der Dunkelheit, Smartphones flimmerten, es roch nach Getränken und Essen, und überall wurde in zahlreichen Dialekten und Sprachen gesprochen.

Schon in den Jahren 2015, 2016 und 2017 liebte ich die friedliche und gelöste Stimmung bei den Schlosslichtspielen, und diesmal würde es wohl ähnlich sein. Wir suchten uns einen Platz in der ersten Reihe, wo wir uns auf den warmen Steinboden vor dem Schloss setzten.

Zuerst sahen wir Teile der brandneuen Show »Memories«, die der ungarische Künstler László Zsolt Bordos entwickelt hat; als wir eintrafen, lief sie schon. Hektische Bilder verwandelten die Front des Schlosses in eine wabernde Masse, gigantische Elemente wanderten über die Fassade, als seien es riesige Tiere. Das war phantastisch, vor allem auch, weil die Musik so stark dazu passte.

Als Wiederholung kam die Show »Reverb«, die Bordos schon 2015 entwickelt hatte; sie hatte mir damals schon gefallen. Strenge Linien verwandeln die Fassade zuerst in ein Gitter, dann aber bewegen sich die Linien, zerknäueln sich, werden in hektische Bewegungen versetzt. Die elektronische Musik, die dazu aus den Bässen wummert, ist wuchtig und unterstützt die abstrakten Bilder.

Der Höhepunkt an diesem Abend war für mich die Show des Künstlerkollektivs »Global Illumination«; woher die Leute sind, weiß ich gar nicht. Im Prinzip zeigte die Show die Entwicklung der Technik von den Anfängen bis heute.

Zuerst rattern Ketten über das Bild, rollen Zahnräder über die Fassade des Schlosses, dann sieht man Lochkarten und später riesenhafte Motherboards, wie man sie seit den 90er-Jahren in den Computern verbaute. Dazu kommen Anleihen bei Computerspielen und dergleichen – eine rasante und auch sehr vielseitige Show, die ich eindrucksvoll fand.

Mir ist klar, dass ich noch einige Male zum Schloss in Karlsruhe pilgern werde. Es gibt verschiedene Shows, die neu sind und die ich unbedingt sehen möchte. Und es gibt Shows, die wiederholt werden und auf die ich mich bereits freue. Die Schlosslichtspiele sind eröffnet, und ich freue mich darauf, sie mehrfach anzuschauen.

08 August 2018

Alle nannten ihn Seggele

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Das Motorrad röhrte durch den Weg, an dem wir wohnten; zwischen den Häusern ließ der Fahrer noch mal seinen Motor aufheulen. Es war Hochsommer, die meisten Menschen waren in ihren Gärten, und jeder bekam es mit. »Des isch der Seggele«, sagte meine Mutter, ohne auch nur einen Blick in Richtung Straße zu lenken.

Ich rannte sofort los, um selbst nachzuschauen. Auf dem Weg rollte ein Motorrad, eine schwere Maschine, eine Honda oder eine Suzuki – damals waren japanische Modelle der neueste Schrei, und die jungen Männer konnten sich das eher leisten als eine BMW oder eine englische Maschine.

Der Fahrer hatte offenbar beim Bauernhof gewendet und fuhr gerade zurück. Er trug eine kurze Hose und Badelatschen, sonst nichts. Kein Helm, keine Stiefel, keine Sicherheitsschuhe, keine Lederjacke – einfach nur eine kurze Hose oder sogar nur eine Badehose, so genau sah ich das nicht.

Er fuhr den Weg hoch, bog in die Hauptstraße ein. Es war wenig Verkehr, wie immer in jenen Jahren nach 1970, und ich hörte, wie er den Motor seines Fahrzeugs zwei-, dreimal aufjaulen ließ. Dann fuhr er weiter, wahrscheinlich nach Hause – er wohnte auf dem anderen Berg unseres Dorfes.

Ein »Seggel« oder »Seggl« ist im Schwäbischen ein Mann, der nicht unbedingt schlau ist. Es ist kein »Sembel«, der einfach nur ein Trottel ist, ein »Simpel«, wenn man es wörtlich übersetzen würde; ein »Seggel« muss nicht dumm sein, er hat die Weisheit aber sicher nicht gefuttert und benimmt sich gern auch mal daneben.

Und »Seggele«, an dessen richtigen Namen ich mich nach all den Jahrzehnten nicht mehr erinnere, dessen Wohnhaus ich aber noch im Dorf finden würde, war ein junger Mann, der sich mit 18 Jahren – wie so viele im Dorf – sein Motorrad gekauft hatte und damit für Furore sorgte. Die jungen Männer gründeten einen Motorradclub, sie trugen lange Haare und Bärte, und sie fuhren im Pulk durchs Dorf, natürlich ohne Helm und häufig ohne jegliche Schutzkleidung.

Aber damals hatten Autos noch keine Sicherheitsgurte, und wir Kinder turnten während der Fahrt vom Vorder- auf den Rücksitz und zurück, ohne dass unser Vater auch nur mit der Wimper zuckte. Es verging prompt kein Jahr, an dem nicht einer der jungen Motorradfahrer beerdigt wurde.

»Seggele« behielt seinen riskanten Fahrstil bei, sorgte im Dorf immer wieder für Furore und war in gewisser Weise mein Idol. So rotzig und frech wollte ich auch sein, wenn ich größer würde. Er überlebte alles, heiratete irgendwann ein Mädchen aus unserem Dorf und wurde wohl brav.

Ich verlor ihn aus den Augen, wie so vieles, als in den 80er-Jahren so Dinge wie Science Fiction, Comics und Punkrock wichtiger wurden. Was bleibt, ist ein Bild in meinem Kopf: ein junger Mann in kurzer Hose, mit Bart und langen Haaren und nacktem Oberkörper, der auf einem Motorrad durchs Dorf fuhr …

07 August 2018

Ein Geschäftsbericht zur Lektüre

Die Entwicklung des Hauses Bastei-Lübbe verfolge ich seit Jahren mit großem Interesse. Ich bin ein Außenstehender, mehr nicht. Als langjähriger Leser der Verlagsprodukte habe ich ein großes Interesse daran, dass der Verlag weiterhin gute Bücher und Heftromane veröffentlicht, und als Vertragspartner hoffe ich darauf, dass »meine« Serie und ihre Produkte weiterhin mit Lübbe einen guten Partner hat. Deshalb las ich mit großem Interesse den Geschäftsbericht der Bastei-Lübbe AG, der im Juli 2018 veröffentlicht worden ist.

Die Autorinnen und Autoren des Berichtes sind dabei erstaunlich offen und ehrlich. »Die seit dem Börsengang verfolgte Strategie, einen deutschen Publikumsverlag zu einem internationalen Medienunternehmen mit durchgängiger Verwertungskette zu entwickeln, ist nicht erfolgreich gewesen«, heißt es ganz klar. Man spricht von »Ineffizienzen und Fehlallokationen von Ressourcen«.

Der Vorstand setzt nun also auf einen Perspektivwechsel. Man möchte weiterhin »nationale und internationale Lizenzen« verwerten, hofft dabei weiterhin auf die Digitalisierung. Den Anteil des Digitalgeschäfts beziffert der Geschäftsbericht auf 25 Prozent, man habe »in jüngster Vergangenheit ein beachtliches Wachstum erzielt«.

Man will sich »fokussieren«, was in diesem Fall heißt, dass man zum klassischen Verlagsgeschäft zurückmöchte. Man möchte dennoch die »Chancen der Digitalisierung« nutzen. Zudem wolle man auf »veränderte Lesegewohnheiten« reagieren und »Serieninhalte mit umfassenden Verwertungsrechten« entwickeln. Was mit diesen umfassenden Verwertungsrechten gemeint ist, sagt der Text leider nicht aus; dazu müssten sich wohl eher auch die Autorinnen und Autoren äußern.

Spannend finde ich die Aussage zur »kurzfristigen Strategie. Man wolle sich von »strategisch oder wirtschaftlich nicht relevanten Aktivitäten« trennen. Dazu zählt der Text im Geschäftsbericht ganz eindeutig die Tochtergesellschaften »oolipo AG, BookRix GmbH & Co. KG und BEAM Shop GmbH«. Vor allem Beam ist für viele Science-Fiction-Freunde nach wie vor der wichtigste Shop für »ihre« Literaturgattung.

Ich könnte mir mehrere Seiten des Geschäftsberichtes genauer vorknöpfen; das würde zu weit führen. Er steht ja der Öffentlichkeit zur Verfügung, und die Lektüre lohnt sich. Man merkt, dass in der Firma ein Strategiewechsel in Arbeit ist. Wohin dieser Wechsel führen wird, muss man sehen. Ich schaue weiterhin interessiert zu.

06 August 2018

Wunderbare Schunkelpunk-Melodien

Es ist eine Bildungslücke von mir, dass ich die Sewer Rats aus Köln vom Namen her schon seit einiger Zeit kannte, sie aber bislang noch nie bewusst gehört hatte, geschweige denn gesehen. Im Frühjahr 2017 kam die dritte große Platte der Band aus Köln heraus; sie trägt den schönen Titel »Heartbreaks and Milkshakes« und enthält zwölf Stücke.

Was die drei Herren bieten, ist ein schneller Querschnitt durch die verschiedenen Punkrock-Richtungen mit schwerstem Melodie-Anteil. Mal hören sich die Stücke wie flotter MelodyCore der 90er-Jahre an, dann wieder klingt der klassische Ramones-Punk durch, der auch in heutiger Zeit gut funktioniert. Im Titelstück der Platte orientiert sich die Band sogar an einem toll gemachten 60s-Sound.

Textlich ist die Platte ebenso gemischt. Es gibt Stücke, die textlich eher banal anmuten, das Titelstück beispielsweise oder so etwas wie »Danny Has A Date«. Sie sind durch die Bank flott und erzählen eine unterhaltsame Geschichte von Liebesglück und Liebesleid.

Bei »Rocket To Usher« (eine Anspielung auf den Ramones-Klassiker »Rocket To Russia« ebenso wie auf die klassische Geschichte von Edgar Allan Poe) singt die Band über die aktuelle Musik-Kultur und regt sich über das »fucking German radio« auf, vermisst den alten Rhythm'n'Blues und versteht nicht, was heute eigentlich dieses »R&B« sein soll. Und in »Too Punk For You« geht's um Punkrock heute, um einen Blick auf Minor Threat und andere alte Helden und was das eigentlich mit der heutigen Zeit zu tun hat.

Eine sehr gelungene Platte, die mir bei jedem Anhören mehr ins Ohr flutschte. Klassische Punk-Elemente greift die Band so cool auf, dass es eine wahre Freude ist. Sehr schön!

Die Geschichte einer Hexe

Über die coolen Horror-Hörspiele unter der Marke »Dorian Hunter« habe ich schon gelegentlich geschrieben. So viel noch einmal zusammengefasst: Dorian Hunter hat sich dem Kampf gegen die Dämonen verschrieben, die als Schwarze Familie die Menschheit terrorisieren. Mit einer Handvoll von Verbündeten versucht er, die Machenschaften der Schwarzen Familie zu stoppen. Der britische Geheimdienst hilft ihm gelegentlich, aber Hunter nimmt auch die Hilfe von anderer Seite in Anspruch.

Beispielsweise zählt die Hexe Coco Zamis zu seinen engsten Verbündeten, obwohl sie aus der Schwarzen Familie kommt, die jahrhundertelang Wien unter ihrer Kontrolle hatte. (Bei solchen Ideen merkt man einfach, dass die Serie »Dämonenkiller«, auf deren Basis die »Dorian Hunter«-Hörspiele entstehen, von zwei Wiener Schriftstellern geschaffen wurde.)

In zwei Teilen mit den Nummer 29.1 und 29.2 sowie den Titeln »Hexensabbat – Lehrjahre« und »Hexensabbat – Reifeprüfung« wird ihre düstere Geschichte erzählt. Die junge Hexe muss nach Wien reisen, weil ihr Vater gestorben ist. Dort wird das Testament eröffnet, und sie muss an dieser Veranstaltung teilnehmen, ob sie möchte oder nicht.

Gegen ihren Willen wird sie an den finsteren Cyrano von Behemoth – sind diese Namen nicht großartig? – übergeben, der sie in ihrer Kindheit und Jugend ausgebildet hat. Sie erinnert sich unter Zwang an ihre Jugend, während man versucht, alle menschlichen Regungen aus ihrer Gedankenwelt zu brennen ...

Die Handlung der zwei Hörspiele springt durch die Zeiten und Räume, man muss sich schon konzentrieren. Für Horror oder Grusel sind die zwei »Hexensabbat«-Folgen echt anspruchsvoll. Man erfährt mehr über das System der Schwarzen Familie und die Verwicklungen in Cocos Leben ... bis zum knalligen Ende des Doppelbandes.

Das Ganze ist reichlich brutal: Es wird viel geschrien und geweint; die Brutalität, mit der Menschen behandelt werden, ging mir manchmal zu weit. Aber immerhin: Es wird klar, dass die Schwarze Familie eine Bande von Bestien ist. Während ich mir die zwei Hörspiele anhörte, glaube ich fast schon, den Wahnsinn in den Augen der Betroffenen zu sehen; das Kopfkino funktionierte also.

Wer auf derben Horror steht, kommt hier auf seine Kosten. Da ich ein wenig zarter besaitet bin, war's gelegentlich echt an der Grenze für mich. Aber seien wir ehrlich: Die Derbheit passt zum klassischen »Dämonenkiller«-Universum, und wer die Geschichten von Dorian Hunter mag, wird auch mit der Brutalität dieses Doppel-Hörspiels sehr gut klarkommen.

Das ist nämlich großartig: spannend und mitreißend, dynamisch und schnell erzählt. Wenn man durch ist, fühlt man sich wie erschlagen und möchte gleich noch mal reinhören ...

03 August 2018

Beeindruckende Superhelden-Geschichte

Warum dieser Comic-Band so lange im Stapel der ungelesenen Bücher lag, kann ich im Nachhinein gar nicht sagen. Ich begann dieser Tage endlich damit, »Batman – Erde Eins« zu lesen, den ich schon vor Jahren gekauft hatte, und war davon komplett gefesselt.

Was dieses »Erde Eins« im gesamten Zusammenhang des Superhelden-Universums eigentlich bedeutet, ist mir dabei völlig gleichgültig. Um die Geschichte zu verstehen, benötige ich solche Hintergründe gar nicht. Ich las den Comic als eigenständiges Werk und fand ihn toll.

Es ist die klassische Geschichte des jungen Bruce Wayne, der seine Eltern bei einem Mord verliert und daraufhin beschließt, als Batman gegen das Verbrechen zu kämpfen. Doch viele Eckpunkte sind völlig anders: Der korrupte Bürgermeister der Stadt ist beispielsweise der Mann, der in den anderen Batman-Geschichten als Pinguin wirkt.

Der ehrbare Polizist James Gordon kämpft anfangs gar nicht gegen das organisierte Verbrechen. Und der alternde Butler Pennyworth ist ein hinkernder Mann mit Krückstock.

Diese Unterschiede verwirren manchmal, machen aber meist Spaß. Die klassische Geschichte wird so aufgegriffen und modern verändert. Batman steht am Anfang seiner Karriere, er begeht haarsträubende Fehler und begibt sich unnötig in Risiken.

Die Autorenarbeit ist sensationell. Geoff Johns schildert in schnellen Dialogen und klarer Handlung die Entwicklung eines Helden, die anders verläuft als bekannt, aber letztlich natürlich zum selben Batman führt. Das ist glaubhaft erzählt – sofern das bei einer Superheldengeschichte überhaupt machbar ist – und sehr spannend.

Faszinierend finde ich die realitätsnahen Zeichnungen von Gary Frank: Das ist der moderne amerikanische Zeichenstil, der mich immer wieder packt, der durch die Farbgebung gewinnt, der aber auch in Schwarzweiß noch richtig gut aussehen würde. Die Häuserschluchten von Gotham beeindrucken ebenso wie Action oder die Blicke auf Gesichter – alles in allem macht da jedes Bild einen starken Eindruck.

Von »Batman – Erde Eins« gibt's nicht nur einen Band, ich kenne aber bislang nur den ersten. Es wird Zeit, dass ich mir den Folgeband besorge; von diesem parallelen Universum möchte ich mehr lesen!

02 August 2018

Als der Sabberheinz entstand

Warum es mich im September 1999 juckte, ein neues Fanzine zu starten, weiß ich gar nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich seit einigen Jahren als Redakteur für die größte Science-Fiction-Serie der Welt; dass ich mal als Fan angefangen hatte, war mir schon fast selbst entfallen. Also entschloss ich mich, mit dem »Sabberheinz« ein ganz neues Fanzine zu starten.

In der ersten Ausgabe äußerte ich mich recht klar dazu: »Wenn mich eines in den letzten Jahren an der deutschen Science-Fiction-Szene, dem sogenannten Fandom, immer mehr geärgert hat, dann war es die Abwesenheit klarer Aussagen und klarer Meinungsbilder. Konkret: Es fehlen die ›echten‹ Egozines, in denen ein Fan klar Stellung bezieht zu Themen, die ihn ganz persönlich betreffen.«

Heute ist klar, warum es immer weniger Fanzines gibt. Wer sich im Smartphone-Zeitalter zu einem Thema äußern möchte, stellt seine Ansichten in einen Blog oder eben gleich in ein Soziales Netzwerk. Wenn der Text oder das Bild dann mal bei Facebook und Konsorten stehen, werden sie vielleicht auch gefunden.

Ein Fanzine musste gedruckt und verbreitet werden. Das hatte ich mit dem »Sabberheinz« auch vor. Ich strebte keine hohe Auflage an, sondern ich wollte mich mitteilen.

Meine Agenda dazu war klar: Ich wollte über jene Themen schreiben, die mich interessierten: »aus den Gebieten Science Fiction, Fantasy und Horror, gemischt aus Literatur, Comics und anderen Medien«. Noch konkreter: »Das hier soll also ein richtiges SF-Egozine geben. Whow. Eines von denen, die es in den 80er Jahren zuhauf und in den 90er Jahren nur noch selten gab.« Das Layout war mir dabei völlig egal.

Was bot dann die erste »Sabberheinz«-Ausgabe? Ich schrieb über den anstehhenden PentaCon, lästerte über die Serie »T.N.T. Smith« und äußerte meine Meinung zu dem Film »Matrix«. In recht sarkastischer Weise kritisierte ich den einen oder anderen Science-Fiction-Fan für seine Aktivitäten – das entsprach guter Egozine-Tradition, aber ich würde das heute nicht mehr tun.

Der »Sabberheinz« war ein Fanzine nach meinem Geschmack: Es ging um meine Hobbys, die ich leider irgendwann zu meinem Beruf gemacht hatte, und ich konnte meine Meinung äußern. Heute mache ich das in meinem Blog ... na immerhin!

01 August 2018

Kurzer Austausch von Höflichkeit

Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir, war aber gleichzeitig stolz auf mich. Wenn ich auf meine Uhr schaute, war ich gut fünf Stunden lang gelaufen: aus Bafoussam hinaus, die Landstraße entlang, quer durch das Hügelland des zentralen Kamerun. Zwei Kilometer hatte ich ein Buschtaxi bemüht, dann war ich einem schmalen Weg gefolgt, bis zu einem See.

Dort hatte ich die Ruhe genossen, bevor ich quer durch die Landschaft zurück gegangen war, vorbei an arbeitenden Bauern und kleinen Gehöften, über staubige Straßen und alles unter der heißen Sonne von Westafrika. Wir schrieben Sonntag, den 21. November 1999, und ich hatte mich schon einigermaßen an das Leben in Kamerun angepasst.

Ich erreichte die Stadt am späten Nachmittag; meine Hose und mein T-Shirt waren staubig, mein Gesicht glänzte sicher vor Schweiß. Weil ich das kleine Hotel, in dem ich mich einquartiert hatte – zwar nur selten Strom, dafür aber fließendes Wasser! –, rasch erreichen wollte, nahm ich die Route quer über den Markt.

Trotz der Zeit herrschte immer noch geschäftiges Treiben. Ich grüßte einige Leute, die ich bereits vom Sehen her kannte, und wurde zurückgegrüßt, hielt aber nicht inne. Ich wollte eine Dusche und sonst nichts.

Vor einem Stand saß ein Mann auf dem Boden, schwarzes T-Shirt, schwarze Hose, schwarze Kappe. Er wirkte gut gelaunt. Breit grinsend schrie er mir ein »Bonjour, Monsieur Blanc« zu, als ich vorbeiging, sein ironisch klingender Gruß schallte über den Platz.

Ohne auch nur eine Sekunde lang nachzudenken – die Hitze machte mir zu schaffen, und ich hatte Durst –, rief ich in ebensolcher Lautstärke ein »Bonjour, Monsieur Noir« zurück. Als ich weiterging, hörte ich rings um mich herum das Johlen und Lachen der Leute; zwei Männer zeigten mir den nach oben gereckten Daumen.

31 Juli 2018

Der Mann mit der zischenden Tür

Ich bin alles andere als ein Experte für »Star Trek« und Konsorten. Als Kind sah ich einige Folgen von »Raumschiff Enterprise«, wie die Serie damals einfach genannt wurde. Später fand ich »The Next Generation« cool und sah davon rund zwei Dutzend Folgen. Das war's, mehr kenne ich nicht.

Was mir an der Serie und ihrem Umfeld aber immer gefiel, waren manche Details. Dazu zählten charakteristische Geräusche: Wenn sich an Bord der Enterprise eine Tür öffnete oder schloss, machte es immer »Wuuuusch«. Es gab ebenso spezielle Geräusche für den Kommunikator oder das Beamen. Man musste nicht einmal hinschauen, um zu wissen, was gerade geschah, wenn ein entsprechendes Fiepen zu vernehmen war.

Ich machte mir aber nie einen Kopf darüber, dass diese Geräusche von jemand entwickelt werden mussten. Bei »Star Trek« war es ein spezieller Mann, der auch für Filme wie »Mission: Impossible« oder Serien wie »Dallas« als Sound-Entwickler tätig war. Im Gedächtnis blieben seine Geräusche für die populäre Science-Fiction-Fernsehserie.

Der Mann hieß Doug Grindstaff, und ich las seinen Namen heute zum ersten Mal. Er hat fünf Mal einen »Emmy« gewonnen, witzigerweise aber nie für eine »Star Trek«-Folge. Er starb am 23. Juli in Arizona – Grindstaff wurde 87 Jahre alt. In einem entsprechenden Artikel im »Hollywood Reporter« las ich erstmals etwas über seine Arbeit.

Endlich haben die zischenden Türen für mich ein Gesicht. Damit ist mehr von seiner Arbeit in meinem Kopf hängen geblieben als der Job mancher Schauspielerin und manches Schauspielers.

30 Juli 2018

Die Whiskey Foundation aus Bayern

Aus München und Umgebung kommt eine Band, der man nicht zutraut, dass sie aus Bayern stammt – sie klingt viel zu international. Die Rede ist von The Whiskey Foundation, deren Platte den schönen Titel »Blues & Bliss« trägt und im November 2017 veröffentlicht worden ist. Die acht Stücke darauf sind teilweise ganz schön lang, erweisen sich vor allem als musikalisch sehr abwechslungsreich und sind alles andere als modern.

Die musikalische Bandbreite auf der Platte ist groß, so dass man meinen könnte, man habe es mit mehreren Kapellen zu tun. Mal gibt es klassischen Blues-Rock, der aus den 60er-Jahren stammen könnte, dann wabert ein ProgRock aus den Boxen, der klingt, als hätten sich die Musiker mithilfe einer Zeitmaschine in die 70er-Jahre zurück versetzt.

Das abschließende Stück »Soul Man«, das ohnehin recht lang ist, kann dafür als gutes Beispiel dienen: Da gibt es sogar ein Schlagzeugsolo, was für mich normalerweise ein »No Go«-Kriterium ist, hier aber passt. Bei anderen Stücken wird die Orgel eingesetzt oder tröten irgendwelche Bläser dazwischen; es wird fleißig mit verschiedenen Klängen experimentiert. Bei »Funk The Boogie« setzt eine Mundharmonika – so hört es sich für mich an – noch weitere Akzente.

Das alles serviert die Band sehr vielseitig und ideenreich. Eigentlich ist das ja nicht »meine« Musik, aber die Platte steckt so voller Spielfreude, dass ich mir das gern anhören kann. Und wer sich für ProgRock begeistern kann, sollte hier auf jeden Fall reinhören. Auf ihrer Website bietet die Band genügend Beispiele an, die ihre Vielfalt zeigen.

29 Juli 2018

Fahrrad-Partystresser

Die Qual der Wahl machte mir die Planung des Samstagabends ganz schön schwer. An diesem 28. Juli schien halb Karlsruhe eine einzige Festveranstaltung zu sein. Ich entschied mich dazu, körperliche Betätigung mit dem Trinken alkoholischer Getränke zu verbinden. Und damit ich nicht planlos durch die Gegend radelte, bemühte ich vorher Google-Maps.

Das Programm wies mir eine Strecke aus, die ich noch nie gefahren war, und so düste ich am frühen Abend los. Ich kam gut durch und erreichte nach einer starken halben Stunde – für rund elf Kilometer – das Gelände des »Pfinzfatals«. Auf einem Wiesengrundstück finden dort seit vielen Jahren Partys statt, bei denen sich allerlei Menschen auf einer improvisierten Bühne austoben.

Ich kam zu spät, um die Real Turds zu sehen – eine Band, die immerhin auf mehrere Tonträger zurückblicken kann und die an diesem Tag noch mal spielen sollten. Also trank ich Bier und unterhielt mich gut mit den vielen Leuten, die ich auf dem Gelände kannte.

Dann traten Gelt et Nelt auf die Bühne. Die zwei Männer aus der Pfalz machen Lieder in pfälzischem Dialekt, in denen es um junge Frauen, Alkohol und Kotzen geht. Das alles wird mit schrecklichen Reimen, Schlagzeug und Gitarre kombiniert – wenn die zwei Herren nicht sowieso gleich Hip-Hop mit haarsträubenden Texten bringen. Bisher fand ich die Band doof, an diesem Abend war ich betrunken genug, um mich großartig zu amüsieren.

Danach fuhr ich zurück, über die stockdunklen Wiesen blieb ich recht langsam, weil ich nicht weit sah. Aber ich kam zu einer vernünftigen Zeit zum alljährlichen Fest der Wagenburg. Punkrock dröhnte, Bier floss in Strömen, ich traf wieder viele Bekannte, trank einiges und machte, dass ich weiterkam, bevor ich Ausfallserscheinungen haben würde.

Von dort aus nahm ich eine Strecke, die zeitweise durch den Hardtwald führte – die kürzeste Entfernung nach Neureut. Dummerweise war es im Wald stockdunkel, und ich sah nicht viel. Das machte ich dadurch wett, dass ich sowieso nicht mehr nüchtern war.

Ich erreichte die »Mika« zu einem Zeitpunkt, als dort schon alle Bands fertig waren und es nichts mehr zu essen gab. Das Wohnprojekt in der Nordstadt, ursprünglich gegründet von Leuten aus der linksalternativen Szene, ist auch schon 20 Jahre alt – ich kannte einige der Anwesenden, trank noch mal zwei Bier.

Der Heimweg war dann ein wenig mühsam und dauerte länger als die vorherigen Etappen, obwohl es die kürzeste Etappe war. Aber wer sein Fahrrad schiebt, ist halt einfach nicht so schnell – und mit dem vielen Bier und der lauten Musik im Kopf war das vielleicht auch besser so ...

28 Juli 2018

Blutiger Mond über Karlsruhe

Es war ein Himmelsschauspiel, das bei tropischen Temperaturen viele Leute auf die Balkone und auf unseren Platz zog: Ab 21.30 Uhr bezogen wir – mit gekühltem Riesling aus der Pfalz – am Freitagabend, 27. Juli 2018, unsere Position auf dem Balkon. Rechts und links richteten sich Nachbarn in unserem Wohnblock ebenso ein. Wir waren so schlau und hatten ein Fernglas dabei.

Anfangs sah man den Mond gar nicht, weil er sich hinter Bäumen versteckte. Als er hinter dem Baum langsam zu sehen war, schimmerte er rötlich. Blutigrot war nichts, aber der rötliche Schimmer war schon faszinierend.

Auf dem Platz liefen Leute hin und her, alle sommerlich bekleidet. »Kannst du was sehen?«, wurde gerufen, ideale Positionen wurden gesucht. In Gruppen standen sie auf dem Rasen oder auf dem Gehsteig und blickten zu dem Himmelsschauspiel hoch.

Nach einiger Zeit war der Mond weg. Finster war es im Südosten, so richtig dunkel. Die Schaulustigen verzogen sich. Wir blieben, tranken Wein und redeten und schauten durch das Fernglas.

Irgendwann war der Mond wieder zu sehen. Zuerst schimmerte es rot, dann sahen wir wieder nur Flecken; irgendwann kamen leichte Wolken auf, irgendwann zischte die ISS in einem Affenzahn über den Himmel. Dann sahen wir die Mondsichel in einem hellen Weiß – und so beobachteten wir bis kurz vor Mitternacht, wie der Mond langsam wieder aus dem Schatten der Erde hervorkam und sich bald in seiner ganzen Pracht wieder präsentierte. Auch der Mars war schön zu sehen.

Ich empfand das Ganze als ein beeindruckendes Himmelsschauspiel. Und genoss die Stunden auf dem Balkon mit dem schönen Blick in den südöstlichen Himmel ... (Fotos machte ich keine. Die Bilder habe ich ja im Kopf.)

27 Juli 2018

Erinnerungskultur im Wald

Fahre ich mit meinem Rad durch die Gegend, sehe ich immer wieder Dinge, von denen ich bislang nichts wusste. Meist handelt es sich um Gebäude, die ich noch nicht kannte, oder um Leute, die sich verhaltensauffällig durch Wald und Wiese bewegen.

Als ich dieser Tage den Karl-Knierer-Weg entlangfuhr – ich wollte nur eine Stunde durch den Wald flitzen, mehr nicht – und mich daran erfreute, welche Kurven der Weg auf einer eigentlich flachen Strecke nahm, kam ich an einem Stein vorbei. Fast hätte ich ihn nicht wahrgenommen, aber im letzten Moment erkannte ich die Inschrift.

Ich hielt an und betrachtete ihn genauer. Tatsächlich!, mitten im Wald steht bei Karlsruhe ein Stein, dessen Inschrift auf eine Heldentat des damaligen Prinzen von Baden verweist. Dieser erlegte dort im Jahr 1885 einen Dammbock. Beeindruckend ...

Spannend finde ich dabei tatsächlich, dass man damals für so etwas ein Denkmal errichtete – ist in diesem Jahr sonst nichts Relevantes passiert? – und dass man es heute noch finden kann. Sage mir bitte keiner, in Deutschland gäbe es keine Erinnerungskultur ...

26 Juli 2018

Als das »Ulcus Molle Info« hundert wurde

Vom »Ulcus Molle Info« hörte ich erstmals in den späten 70er-Jahren. Das sei so eine Zeitschrift, in der es um sogennante Underground-Literatur ginge, wurde mir erzählt. In linken Science-Fiction-Fanzines fand ich erste Hinweise auf das Blatt, und irgendwann zu Beginn der 80er-Jahre abonnierte ich das Blatt.

Seine große Zeit hatte es damals schon hinter sich. Das »Ulcus Molle Info« war in den 70er-Jahren durchaus wichtig – wer damals Literatur aus kleinen Verlagen lesen wollte, war auf diese Zeitschrift angewiesen. In den 80er-Jahren konnte man die Bücher aus kleinen Verlagen bereits im regulären Buchhandel bestellen.

Ich fand das Heft trotzdem toll. Es hatt einen anarchistischen Charme, jede Seite hatte ihr eigenes Layout. Manche Seiten sahen aus, als seien sie von einem pofessionellen Grafiker gestaltet worden, andere wirkten so, als hätten drei Schüler ihre erste Zeitung gebastelt. Ich mochte das Durcheinander, weil es für Abwechlung stand.

Vor allem aber lieferte das Blatt mir Gedanken, auf die ich nicht selbst gekommen wäre und die mir weder in der Schule noch im Elternhaus vermittelt wurden. Die Ausgabe 100, die im Sommer 1985 erschien, ist hierfür ein gutes Beispiel – im Prinzip war das »Ulcus Molle Info« eben ein Fanzine, aber eines für Literatur-Interessierte im weitesten Sinn.

Herausgeber war Josef Wintjes, von allen nur »Biby« genannt, ein eifrig rauchender Mann mit kräftigem Schnauzer, den ich ein einziges Mal im Rahmen einer Minipressen-Messe in Mainz kennenlernen sollte und der Mitte der 90er-Jahre starb. Er hatte seinen eigenen Blick auf manche Dinge, glaubte immer noch an die Alternativ-Szene, die aber bereits in den 80er-Jahren zerrieben erschien: Die erfolgreichen Autoren wechselten in die großen Verlage, die Kleinverlage lösten sich teilweise auf.

Wintjes schrieb in der Nummer hundert mehrfach darüber, dass er sein Konzept ändern müsse. Ihm war klar, dass er sich anders positionieren musste, wollte er mit seinem Buch- und Zeitschriftenvertrieb überleben. (In der Folge brachte er neue Zeitschriften heraus und versuchte sich an Anthologien.) Zwischen Buch- und Zeitschriftenbesprechungen, zwischen dem Angebot seines Versandhandels und zahlreichen Kleinanzeigen gibt es längere Texte, in denen Wintjes auf die Vergangenheit zurückblickt.

Die Nummer 100 des »Ulcus Molle Infos« wirkt heute wie ein Abgesang auf die 70er-Jahre, die damals schon lange vorüber waren. Die einzelnen Seiten – teilweise wild gestaltet, teilweise durchaus künstlerisch – vermitteln aber immer noch den Eindruck einer brodelnden Szene. Irgendwie schade, dass es so etwas nicht mehr gibt ...

25 Juli 2018

Graffito im Wald

Auf der Landstraße zeigte das Thermometer in meinem Auto noch 32,5 Grad, in Karlsruhe drin waren es 34 Grad. Weil ich schon schwitzte, wenn ich nur blöd herumsaß, entschloss ich mich, mir für das Schwitzen einen vernünftigen Grund zu geben: Ich setzte mich aufs Rad und fuhr in den Wald.

Ich nahm die Grabener Allee nach Norden. Wie immer, wenn ich auf dieser Strecke durch den Wald fuhr und das Forschungszentrum passierte, fand ich es amüsant, dass man an einem Graben entlangfuhr, wenn man zu dem Dorf namens Graben kommen wollte. Von Graben aus fuhr ich über Neudorf und irgendwelche schmalen Wald- und Wiesenwege bis nach Rußheim, dort in dieses Elisabethenwörth und von diesem Winkel des Altheins recht flott zurück.

Unterwegs überquerte ich eine Straße, sah ein Graffito und musste echt lachen. Ich zückte mein Smartphone und fotografierte es. »Krebs für Gauland« ist keine sehr nette Aussage, aber dass jemand das Zitat einer Punk-Band aus Karlsruhe im Wald irgendwo hinsprüht, das fand ich dann doch lustig.

Und so hatten die zweieinhalb Stunden Fahrt, die ich bei recht schweißtreibenden Temperaturen absolvierte, auch noch einen humoristischen und punkrock-spezifischen Aspekt ...

24 Juli 2018

Martin Krist im Interview

Aus der Serie »Drei Fragen an …«

Martin Krist kenne ich seit gut zwanzig Jahren, so richtig unterhalten haben wir uns aber erstmals im vergangenen Sommer beim LiteraturCamp in Heidelberg. Ein zweites Gespräch schloss sich in diesem Sommer an – Martin hielt beides Mal vielbeachtete Vorträge.

Nachdem er viele Jahre für verschiedene Verlage geschrieben hat, ist er nun erfolgreicher Selfpublisher. (Dieser Tage erschien sein aktueller Roman »Stille Schwester«.) Ich wollte wissen, warum er das tut, ob er es schon bereut und ob sich das neue Engagement eigentlich auszahlt. Wir führten das Interview per Mail.

Frage: Nachdem du jahrelang erfolgreich in verschiedenen Verlagen publiziert hast, bist du jetzt als Selfpublisher unterwegs. Ging's dir da nur um die Freiheit, oder hast du damit auch ein anderes Einkommen?

Martin Krist: Sowohl als auch. Einerseits hat sich bei mir ein Frust angestaut über die Verlage, bei denen vielfach nur noch Chaos herrscht, Fehler passieren, meine Arbeit kaum eine Wertschätzung erfuhr. Und obendrein schränkten sie mich dann auch noch ein in ihrer verzweifelten Suche nach dem nächsten, großen, schnellen Erfolg. Getreu der Devise: Schreib das, was gerade angesagt ist, oder ...

Auf der anderen Seite ging es mir natürlich um ein anderes, besseres Einkommen. Denn zuletzt hatte ich bei den Verlagen nur noch Angst um meine Existenz. Wie geht es weiter? Was wird nächste Jahr? Will der Verlag mich weiterhin?

Dieser Druck ist jetzt weg. Ich weiß ganz genau, was nächstes Jahr passieren wird. Und ich alleine bin dafür verantwortlich, mit all meiner Kraft, vor allem aber mit all meinen Ideen, meiner Kreativität, meiner Professionalität, die nicht fortwährend ausgebremst wird.

Frage: Auf dem LitCamp sagtest du sehr pointiert, der Buchhandel solle sterben. Das klingt schon sehr negativ. Woher diese Wut?

Martin Krist: Wut ist der falsche Ausdruck. Eher: Enttäuschung. Oder: Resignation. Wenn der Buchhandel trotz meiner intensiven und, ja, auch finanziellen Bemühungen nicht bereit ist, sich auf mich – oder grundsätzlich: auf neue Entwicklungen – einzulassen, dann ist mir der Buchhandel auch egal. Wenn er sich nicht ändern will, kann ich es auch nicht ändern. Dann wird er über kurz oder lang eben sterben. So einfach ist das.

Frage: Derzeit läuft es ja ganz gut für dich – Deine Bücher verkaufen sich, und du hat als Selfpublisher ein gutes Auskommen. Aber was wäre, wenn ein Verlag auf dich zukäme und dir ein vernünftiges Angebot machen würde?

Martin Krist: Diese Frage wurde mir inzwischen schon mehrmals gestellt. Ganz ehrlich: Dieses Angebot müsste schon sehr, sehr vernünftig sein, damit ich es mir überlege. Mit dem, was die Verlage mir in der Vergangenheit geboten haben – und hey, das waren durchaus Vorschüsse im fünfstelligen Bereich – locken sich mich nicht mehr hinter dem Ofen hervor. Dafür genieße ich viel zu sehr meine Freiheit.

23 Juli 2018

HIGH aus Tübingen

Was für ein Brett! Die Band nennt sich HIGH – in Versalien geschrieben –, kommt aus der beschaulichen Universitätsstadt Tübingen und veröffentlichte im August 2016 die EP »High Spirits In Sick Times«. Es war der zweite Tonträger der Band, die Auflage betrug nur 500 Exemplare.

Sechs mal bolzt die Band einen rasenden Trash-Punk auf die Menschheit los. Der Sänger brüllt, die Gitarre knallt, Schlagzeug und Bass bollern ununterbrochen; das ist schnell und laut und so aggressiv, dass es eine wahre Freude ist. In den kurzen Stücken, deren Texte man durch Anhören nicht verstehen kann, geht’s um »Seggl auf Rädern« und andere lebensnahe Themen.

Das ist Hardcore, wie man ihn anfangs der 80er-Jahre in den USA erfunden hat. Zeit für emotionale Ausbrüche oder Metal-Soli hat da niemand – und das ist dann auch gut so. HIGH machen Rabauken-Hardcore, wie ich ihn mir immer noch anhören kann. Ich hoffe, dass bei den Konzerten der Band dann auch ordentlich was los ist … gesehen habe ich HIGH leider noch nie.

Künftig auch Interview in meinem Blog

Ich habe schon oft darüber gesprochen, dass dieser Blog hier nichts anderes ist als die direkte Fortsetzung meines Punkrock- und Egozines, das von 1986 bis 2006 erschienen ist. Das heißt: Ich schreibe über Dinge, die mich interessieren, und ich nehme dazu einen sehr subjektiven Blick; alles andere wäre falsch.

Dabei entsteht kein Journalismus, es ist auch keine anspruchsvolle Literatur – aber es ist ein Blick auf die Welt, der von jahrzehntelanger Sozialisation durch Science Fiction und Punkrock, Comics und Bier geprägt worden ist. Und so, wie es im alten ENPUNKT-Fanzine immer mal wieder ein Interview gab, möchte ich das im ENPUNKT-Blog fortführen.

Unter der Rubrik »Drei Fragen an ...« sollen diese kurzen Interviews kommen. Ich möchte Autorinnen und Autoren vorstellen, Musiker, Künstler, vielleicht auch ganz normale Leute – zu denen ich eben eine persönliche Bindung oder Beziehung habe. Lasst euch überraschen ... morgen geht's los.

22 Juli 2018

Früh-80er-Jahre-Hardcore in Karlsruhe

Erstaunlicherweise habe ich Musik aus den späten 70er-Jahren besser im Kopf als den Sound der frühen 80er-Jahre. Das merkte ich, als ich am Samstag abend, 21. Juli, unterwegs zur »Alten Hackerei« war. Zwei Bands sollten spielen, die anfangs der 80er-Jahre mit ihrem Hardcore in den USA für Aufmerksamkeit sorgten, und mir fiel so gut wie kein Stück der beiden Bands ein.

Es herrschten tropische Verhältnisse an diesem Abend; es war nicht einmal sonderlich heiß, dafür sehr schwül. Auch wenn man sich im Konzertraum nicht viel bewegte, schwitzte man recht schnell. Gegen den Durst trank ich ein Bier, dann schaute ich mir die erste Band an.

Dr. Know waren nie eine meiner Lieblinge gewesen. Dieser ruppige und abgehackte Sound, bei dem immer eine geradezu sägende Gitarre dazwischen haut, war mir nie ins Ohr gegangen. An diesem Abend sah ich die Band zum ersten Mal – wobei von der Originalbesetzung ja eh nur noch eine Person übrig war. Ich fand's durchaus mitreißend, der schnelle Hardcore war knallig gespielt, und ins Publikum geriet ein wenig Bewegung.

In der Pause unterhielt ich mit vielen Leuten und kam nicht gleich zum ersten Stück in den Konzertraum. Der war anständig gefüllt, aber ich konnte locker nach vorne durchgehen. Dort sah ich dann MDC zum wiederholten Mal in meinem Leben – einer der guten Auftritte der Band sogar, vielleicht sogar einer der sehr guten.

Der Sänger hatte an diesem Abend einen starken Auftritt, er wirkte charismatisch, und wenn er ins Mikrofon röhrte, klang das glaubhaft und mitreißend. Leider verstand man von seinen Ansagen nicht viel, aber das ging mir auch früher bei den Stücken so: Um zu verstehen, was MDC meinte, musste man die Textblätter lesen. Dann kapierte man, dass hinter »John Wayne Was A Nazi« oder »No More Cops« ein sarkastisch-kritischer Blick auf die amerikanische Gesellschaft existierte, der sogar recht schlau argumentiert wurde.

An diesem Samstagabend verstand ich zu wenig von dem, was er meinte. Dass die Band den aktuellen Präsidenten nicht gerade schätzt, war allerdings schnell klar. Ich fand den Auftritt auf jeden Fall klasse, ich hüpfte ein wenig auf der Stelle und war Ende völlig verschwitzt. Ein schönes Konzert!

21 Juli 2018

Common Cause aus Norwegen

Hardcore der klassisch-amerikanischen Schule ist nicht totzukriegen, und alle paar Jahre wird ein neues Revival verkündet. Zumindest bei der norwegischen Kapelle Common Cause geschah die Gründung in den Nuller-Jahren nicht aus Revival-Gründen: Die fünf Musiker hatten allesamt vorher in anderen Bands gespielt.

Als Common Cause knallten sie 2005 ein Demo-Tape heraus, 2006 kam sofort die erste EP. Die trug den schönen Titel »Statement of Purpose«, wurde ursprünglich auf einem belgischen Label veröffentlicht und bietet sechs mal knalligen Hardcore. Das klingt alles ein wenig nach New York in den späten 80er-Jahren, die Burschen haben in ihrer Jugend sicher viel Youth Of Today gehört, und das ist nicht die schlechteste Referenz.

Textlich setzte man auf die englische Sprache und die bekannten Inhalte: Die Band formulierte ihr Unbehagen mit der aktuellen Weltlage, forderte zu »Reflection and Change« auf oder schrieb über ihr eigenes »Coming of Age«. Das mag man ausgelutscht oder gar belanglos nennen, originell ist es sicher nicht.

Wer aber auf den klassischen Hardcore steht, wird von der Band hervorragend bedient. Ich fand und finde die EP großartig – sie ist in dieser Version bei Powered Records erschienen und längst vergriffen. Aber es gibt ja Bandcamp, wo man sich alles anhören kann, sowie eine CD, auf der auch die Demo-Aufnahmen gebrannt wurden ...

20 Juli 2018

Busfahrt mit Pommes

Der Bus hielt an, der Busfahrer stieg aus. Ich war bereits wieder im Halbschlaf an diesem frühen Morgen. Wir hatten früh aufstehen müssen, um den Sammeltransport zum Flughafen zu erwischen, und der Bus steuerte alle paar Minuten ein anderes Hotel an, um dort zwei oder drei Reisende aufzunehmen. Das konnte also dauern, und in solchen Fällen hatte es sich als sinnvoll erwiesen, einfach ein wenig zu schlafen.

Ein Paar in luftiger Sommerkleidung kam aus dem Hotel, gefolgt von zwei Kindern und dem Busfahrer, der eine Liste in der Hand trug, auf die er irgendwas notierte. Sie setzten sich in die Reihe vor uns, die Mutter mit dem Jungen auf die linke, der Vater mit dem Mädchen auf die rechte Seite. Die Kinder waren ziemlich aufgekratzt und quasselten; die Mutter ging mit kurzen Worten darauf ein, während der Vater still zum Fenster hinaussah.

Es waren Engländer, und ihr Dialekt war für mich schwer verständlich. Das war mir recht: Je weniger ich verstand, desto besser konnte ich schlafen. Und je tiefer ich schlief, desto weniger bekam ich von der langweiligen Fahrt mit.

Der Bus fuhr an, eierte durch kurvige Nebenstraßen, holperte über eine »speed bump« und kam langsam in Richtung Hauptstraße. Der Junge vor mir begann zu husten, es klang nicht gesund. Obwohl ich nicht wollte, hörte ich zu. Die Mutter versuchte ihn zu beruhigen, es wurde nicht besser. Sie holte Servietten aus ihrer Handtasche.

Es half nichts: Das Husten ging in einen Würgereiz über, dann erbrach sich der Junge. Das Mädchen fühlte sich dadurch offenbar beeinflusst und begann ebenfalls zu kotzen. Der Geruch vom Pommes frites, die noch nicht lang im Magen gelegen hatten, verbreitete sich durch die vorderen Reihen des Busses, und die Geräusche machten keinen richtig positiven Eindruck.

Na super!, dachte ich. Wieso müssen die Kinder schon zum Frühstück Pommes essen, wenn der Magen es schon nicht verträgt?

Den Rest der Fahrt verbrachte ich mit geschlossenen Augen. Schlafen konnte ich nichts, ich roch zudem die Pommes und hörte die Brechgeräusche. Als wir am Flughafen eintrafen, war ich hellwach und in besonders guter Stimmung …

19 Juli 2018

Der zweite ENPUNKT kam im Winter

Mein Fanzine ENPUNKT, dessen erste Ausgabe im Spätsommer 1986 veröffentlicht wurde, war ziemlich ungeplant: Ich wollte ein Egozine machen, in dem ich mich zu den Dingen äußerte, die mich interessierten. Ich wollte über Science Fiction und Punkrock schreiben, über Dosenbier und Comics, und ich wollte vor allem einen Stil benutzen, der mir persönlich gefiel – direkt und aus dem Bauch heraus, ohne umfangreiches Lektorat oder Korrektorat.

Schaue ich mir die zweite ENPUNKT-Ausgabe an, die im verschneiten Dezember 1986 veröffentlicht wurde, macht diese sehr deutlich klar, in welche Richtung sich das Heft später weiter entwickeln sollte. So gibt es beispielsweise einen ausführlichen Konzertbericht vom Nikolaus-Pogo in Geislingen, bei dem so illustre Bands wie Spermbirds und Schließmuskel, Leberwohlstand und Schlimme Kindheit aufspielten; im Heft war aber ebenso ein Nachruf auf einen verstorbenen Fantasy-Fan enthalten, den ich Wochen zuvor erst besucht hatte.

Das Titelbild stammte von Matthias Langer aus Köln. Ich war unfähig, auch nur krakelig zu zeichnen, und ich war immer froh, wenn mir jemand hilfreich unter die Arme griff. Matthias sollte immer wieder Titelbilder liefern – und weil er sich ebenfalls zwischen Comics, Science Fiction, Bier und Krachmusik bewegte, verstand er es stets sehr gut, den Inhalt einer ENPUNKT-Ausgabe gut zusammenzufassen.

Zu den genannten Texten kamen in dem 16 Seiten umfassenden Mini-Fanzine noch Besprechungen anderer Fanzines, allerlei Bemerkungen und ein wütender Artikel unter der Überschrift »Ich will kein viertes Reich!«, der heute reichlich alarmistisch wirkt. Eine Mischung an Themen also, die ich über zwanzig Jahre beibehalten sollte.

1986 war ich 22 Jahre alt und wusste noch nicht so richtig, wo ich hinwollte. Der ENPUNKT war eine Möglichkeit, meine Gedanken in die Welt zu brüllen. Die war zwar recht klein – die Auflage des Heftes betrug rund 100 Exemplare –, aber ich wollte mich äußern. Und ein kopiertes Egozine war hierfür eine tolle Möglichkeit.

18 Juli 2018

Kein Fußballfieber im Sommer 2018

Ich bin alles andere als ein beinharter Fußballfan. Ich gehe nicht ins Stadion, ich kenne mich mit der aktuellen Bundesliga-Tabelle nie aus. Aber ich schaue gern mal ein Spiel an und mutiere bei der Fußball-Weltmeisterschaft zumindest ein bisschen zu einem Fußball-Patrioten.

Seit ich 1974 die erste Weltmeisterschaft im Fernsehen mitbekommen habe – unvergessen die legendäre Wasserschlacht gegen Polen! –, bin ich bei solchen Ereignissen gern ein Zuschauer. Ich erinnere mich an Maradona in den 80er-Jahren, an die Verblüffung im Sommer 1990, an die Niederlage gegen die Kroaten 1998, an das Sommermärchen 2006, an den Erfolg von 2014.

2018 war alles anders. Nicht einmal das Endspiel begeisterte mich – und es hatte nichts damit zu tun, dass die deutsche Mannschaft so früh das Turnier verlassen musste. In früheren Turnieren sah ich mir auch Vorrundenspiele an, vor allem viele Viertel- und Halbfinalspiele; diesmal verpasste ich den größten Teil.

Es schien mir egal zu sein, auch wenn ich nicht begründen könnte, woran es lag. Ging mir der neue deutsche Patriotismus so auf die Nerven? Lag es an Russland? Stresste mich der Job sehr? Ich werde es wohl nie erfahren. Was bleibt, ist eine Weltmeisterschaft, die mich kalt ließ ...

17 Juli 2018

Dann doch lieber mit dem Taxi?

Ich wollte den Zug um 7.36 Uhr bekommen und verließ um 7.05 Uhr das Haus. Meiner Ansicht nach sollte das gut reichen – es gibt ja genügend Straßenbahnen in Karlsruhe. Zudem war ich nicht völlig unerfahren, was das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln anging.

Als dann am Europaplatz die Straßenbahn einige Verspätung hatte, wurde mir klar, dass es eng werden würde ... Sehr eng! Einige andere Menschen, die ebenfalls Gepäck mit sich führte, wirkten ähnlich nervös wie ich.

In der Straßenbahn lief mir der Schweiß in Strömen den Nacken hinunter und nässte mein Hemd. Ich war angespannt und hoffte ausnahmsweise, die Bahn hätte Verspätung. Das gab es schließlich öfter. Aber wenn man sich auf Pünktlichkeit und Verspätung verlassen könnte, wäre ja manches einfacher.

Ich kam auf die Sekunde genau pünktlich am Bahnsteig an, verschwitzt und genervt, weil ich durch den ganzen Bahnhof gerannt war. Der Zug stand vor meiner Nase und bewegte sich nicht, die Türen waren zu.

Mit mir war ein Mann im hellblauen Hemd in der Straßenbahn gesessen, er hatte auch die verschlossene Tür erreicht. Wir schauten dem Zug zu, wie er eine geschlagene Minute vor unserer Nase stand, ohne dass sich etwas tat.

Dann fuhr der Zug ab, elegant und gelassen. Und ich machte mich auf den Weg, nach einem vernünftigen Anschluss zu suchen ... (Künftig, so schwor ich mir zum wiederholten Mal, würde ich mit dem Taxi zum Bahnhof fahren. Egal, was es kostete.)

16 Juli 2018

Nakam aus Tübingen und ihr Hardcore

Die Band Nakam aus Tübingen hat sich offenbar nach einer jüdischen Gruppierung benannt, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Ziel hatte, Rache für den Massenmord an den Juden zu üben. Das Word »Nakam« ließe sich auch schlichtweg mit »Rache« übersetzen – warum die Band sich für diesen Namen entschieden hat, ist mir allerdings unbekannt.

Seit 2014 hat sie diverse Tonträger veröffentlicht, ich habe die gleichnamige EP seit einigen Tagen auf dem Plattenteller – die kleine Platte enthält sechs Stücke, wurde auf 500 Exemplare limitiert und kam im Herbst 2017 bei dem kleinen Label Kink Records heraus. Geboten wird rotziger Hardcore-Punk mit Brüllgesang und treibendem Sound, der gut nach vorne knüppelt.

Okay, manchmal ist mir die Gitarre zu metallisch, ansonsten gibt es an dieser Band nur wenig auszusetzen. Die Stücke sind knackig und klar, sie rotzen richtig gut und versetzen mich nach kurzer Zeit in ein hektisches Gezappel. Sehr gelungen!

Ein Sonderheft zu fünfzig Jahren

Wann ich genau zum Mitglied in der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) wurde, weiß ich nicht mehr. Es muss in den ganz frühen 80er-Jahren geworden sein. Ich hatte damals ein Faible für Indianer und informierte mich über die damalige Situation indigener Völker in Nord- und Südamerika.

Die Gesellschaft kann in diesem Jahr 2018 ihren fünfzigsten Geburtstag feiern, und ich bin immer noch Mitglied. Dabei bin ich fürchterlich passiv: Ich zahle meinen Beitrag, ich spende gelegentlich ein wenig, und ich lese die Zeitschrift »Pogrom«. Die aktuelle Ausgabe 305 hat als wichtigstes Thema den Rückblick auf die fünfzigjährige Geschichte der Menschenrechtsorganisation.

Noch einmal wird die Geschichte erzählt, wie sich der Verein aufgrund des Biafra-Krieges und der damals anlaufenden Hilfe für Biafra gründete. Nachgezeichnet wird das Leben einiger Vereinsaktivisten, erzählt wird von den Regionalgruppen (ich wohne in Karlsruhe und mache vor Ort nichts für die GfbV; da ist es natürlich interessant, hier zu lesen, was sich so tut) oder von einzelnen Aktionen.

Die GfbV ist auf keinem Auge blind, das fand ich schon immer gut. Man kritisierte »linke« wie »rechte« Staaten und setzte sich immer für die Rechte von Minderheiten und Unterdrückten ein. Das fand und finde ich charmant, das halte ich nach wie vor für unterstützenswert. (Man kann über das Thema »kleine Nationen« gern auch diskutieren – aber das ist ein anderes Thema.)

Das 88 Seiten starke Heft steckt voller Informationen. Vieles war mir als regelmäßiger »Pogom«-Leser seit vielen Jahren bekannt, in der Zusammenstellung las ich trotzdem viele neue Themen. Eine gelungene Ausgabe, wie ich finde – und vielleicht wird durch mein Textlein hier jemand auf die Vereinigung aufmerksam.

15 Juli 2018

Räubereien im Garten

Wie immer im Sommer, wenn es warm ist und ich die Laune dazu habe, sitze ich auf dem Balkon. Ich spanne den Sonnenschirm auf, stelle mir etwas Kühles dazu und tu' die Dinge, die ich dringend erledigen muss: Ich lese Manuskripte und Zeitung, oder ich schreibe allerlei Texte. Manchmal höre ich dazu Musik, meist aber lasse ich die Geräusche der Nachbarschaft auf mich wirken.

Vor etwa zehn Jahren gab sich ein Junge, vielleicht acht Jahre alt, redlich Mühe, mich mit seinen Geräuschen zu euphorisieren. Er hieß Johannes, so viel hatte ich herausbekommen, und er liebte ein ganz bestimmtes Spiel.

Das Spiel war vergleichsweise einfach: Er rannte durch den Garten, hin und her und auf und ab, mal mit einer Spielzeugpistole bewaffnet, mal mit einem kleinen Ast in der Hand. Und mit einer Energie, die nur Kinder aufbringen, schrie er »Ich bin der Räuber Hotzenplotz!« und das mindestens ein Dutzend Mal hintereinander.

Gelegentlich hielt er inne, weil er trinken musste. Dann rannte er wieder los. »Ich bin der Räuber Hotzenplotz!«, schrie er und fuchtelte mit seiner Waffe in der Luft herum. »Ich bin der Räuber Hotzenplotz!«

Anfangs ging er mir ein wenig auf die Nerven, bald aber gewöhnte ich mich an ihn und blendete ihn aus. Weder den kleinen Johannes noch seinen Räuber Hotzenplotz hörte ich mehr. Irgendwelche Geschichten von Raumfahrern auf fremden Welten waren dann doch eingängiger.

Irgendwann zog die Familie weg. Die Kinder, die heute im Haus wohnen, sind pflegeleichter. Sie spielen ab und zu im Garten, sie schreien und kreischen, aber das ist eher abwechslungsreich. Den Räuber Hotzenplotz vermisse ich fast.

Gelegentlich denke ich an den Johannes. Der dürfte jetzt 18 oder gar 20 Jahre alt sein und sich nicht mehr daran erinnern. Oder er hat längst den ehrbaren Beruf eines Räubers ergriffen und eifert dem Herrn Hotzenplotz auch im realen Leben nach ...

14 Juli 2018

Die Science-Fiction-Times vom April 1969

Ein Interview mit dem polnischen Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem, ein großer Artikel über die Kurzgeschichten von Jack Vance: Damit sind die zwei Schwerpunkte umschrieben, die das Fanzine »Science Fiction Times« im April 1969 mit seiner Doppelausgabe 94/95 bot. Verantwortlicher Redakteur der »SFT«, wie das Blatt abgekürzt genannt wurde, war Hans Joachim Alpers, damals wohnhaft in Bremerhaven.

In einer Zeit, in der es nicht einfach war – und vor allem recht kostspielig –, an Informationen aus dem Ausland heranzukommen, lieferte die »SFT« beispielsweise Beiträge, in denen die Inhalte amerikanischer SF-Zeitschriften zusammengefasst wurden. Dazu kamen Berichte zur Szene in aller Welt, umfangreiche Buchbesprechungen und kritische Leserbriefe.

Diese Doppelnummer war vergleichsweise normal, sie lieferte keinerlei Skandale und zeichnete sich nicht durch besondere Angriffe auf »bürgerliche« Autoren und »kapitalistische« Verlagsstrukturen aus. Der Autor Hans Peschke, der auch unter dem Pseudonym Harvey Patton publizierte, wird allerdings wegen eines Leserbriefs attackiert – in einem schriftlichen Angriff, der den Auschwitz-Prozess in Frankfurt, den »Völkischen Beobachter« und das »BRD-Estabilshment« in einen Zusammenhang stellt.

Die Macher der »SFT« hatten große Kenntnisse der Science Fiction und waren den »unkritischen« Fans, die sich zu dieser Zeit in anderen Fanzines wiederfanden, weit voraus, was diese Kenntnisse anging. In der Art und Weise ihrer Argumentation schossen sie aber häufig über das Ziel hinaus. Da bildet diese eigentlich »durchschittliche« und häufig sehr sauber recherchierte Ausgabe 94/95 letztlich doch keine Ausnahme.

13 Juli 2018

Der Wüstenkurier 15

Das Fanzine »Wüstenkurier« eröffnete für mich ab 1980 eine buchstäblich neue Welt: Unter der Ägide von Jörg Schukys veröffentlichte in diesem kopierten und zusammengetackerten Heft eine kleine Gruppe von engagierten Leuten ihre Texte, die allesamt in dem Fantasy-Land Esran angesiedelt waren. Sie erzählten von kleinen Stämmen, die in einem wüstenhaften Land angesiedelt sind, von einer Religion, in der ein einziger Gott angebetet wird, von Mythen und Legenden, von Reisen und Kämpfen, von Abenteuern und Gottesträumen.

Das Land wiederum zählte zur sogenannten Magira-Simulation – die Fantasy-Welt Magira wurde von wirklichen Menschen aus dem deutschsprachigen Raum gewissermaßen gespielt. Ich hatte mir den Namen »Ghazir en Dnormest« gegeben, den ich phantastisch fand und der mit meinem eigenen Namen in gewisser Weise verbunden war. Als solcher war ich ein Esraner und zählte zum Volk der Bekassiden.

Schon 1980 entstanden meine ersten Texte, die in dieser Welt und in diesem Land spielten. Einige wurden im »Wüstenkurier« veröffentlicht, viele warf ich aber weg, weil sie mir zu schlecht erschienen, aus vielen wurden nur Fragmente. Teilweise schrieb ich die Geschichten in der Schule oder im Bus zur Arbeit.

Ich hatte im Sommer 1980 nach der zehnten Klasse das Gymnasium verlassen und einen Lehre als Bürokaufmann angefangen, die ich im Frühjahr 1981 erfolgreich schmiss. Für die Erwachsenen war ich sicher sehr anstrengend: ein sturer Jugendlicher mit verwirrendem Zeugs im Kopf, der am liebsten seltsame Musik hörte und seltsame Heftromane las. Die Fantasy-Welt von Magira und das geheimnisvolle Land Esran fand ich spannender als die bundesrepublikanischen Zustände, die mich 1981 reichlich anwiderten.

Die Ausgabe 15 des Fanzines »Wüstenkurier« präsentierte meine erste »große« Fantasy-Geschichte. Sie hieß »In den Salzstöcken von Bekassan« und erzählte von einem jungen Sheik, der mit einigen Getreuen ein Abenteuer in einem Sandstock erlebt. Ich war irrsinnig stolz auf diese Veröffentlichung im Sommer 1981.

Für das Buch, das ich in diesen Tagen zusammenstelle, griff ich diese Geschichte noch einmal heraus. Ich packte sie in einen neuen Zusammenhang, um sie an meinen heutigen Stil anzupassen – sonst hätte ich sie entweder eins zu eins im damaligen Stil veröffentlichen müssen, der mir mittlerweile doch ein wenig peinlich ist, oder eben komplett neu schreiben. Blättere ich das alte Fanzine heute durch, kann ich den Stolz von damals trotzdem gut nachvollziehen …

12 Juli 2018

Sogar ein ZineWiki

Es gibt immer wieder Dinge, die mich im ersten Augenblick überraschen, bei denen ich im zweiten Augenblick aber ein »na ja, warum eigentlich nicht?« denke. Ein schönes Beispiel dafür ist die oder das ZineWiki, von dem ich dieser Tage zum ersten Mal hörte – ich recherchierte zum »International Zine Month«, von dem ich in all meinen Jahrzehnten des Fanzineschreibens und Fanzinelesens noch nie gehört hatte, und stolperte über eine Wikipedia, die sich nur mit Fanzines beschäftigt.

Die Idee finde ich super. Fanzines gibt es seit den 20er- oder 30er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, sie decken eine irrsinnige Breite an Themen ab, und ich mag die Vielfalt, die man auf ihren Seiten finden kann.

Die Seite solle eine »open-source encyclopedia devoted to zines and independent media« sein, versprechen die Macher. Zudem: »It covers the history, production, distribution and culture of the small press.« Das klingt alles gut.

Egomane, der ich bin, schaute ich erst einmal, ob es etwas von mir gäbe. Doch weder mein Science-Fiction-Fanzine SAGITTARIUS noch mein Punkrock- und Egozine ENPUNKT ließen sich in der Liste finden. Ich checkte weitere Fanzines, an denen ich mitgewirkt hatte – es gab auch kein ZAP zu sehen.

Okay, die Macher haben offenbar die deutschsprachige Szene nicht im Blick. Mir wurde klar, ich müsste mich anmelden, um Beiträge in diese Seite zu schreiben. Dazu habe ich allerdings weder Lust noch Zeit.

Und dann fiel mir der entscheidende Satz auf: »This page was last modified on 4 August 2017, at 16:30.« Daraus schließe ich messerscharf, dass das Engagement auf dieser Seite eben auch eingeschränkt ist.

Wenn's jetzt jemanden gäbe, der sich um solche Themen kümmert, wäre das sicher nicht schlecht. Andererseits dreht sich die Welt auch ohne Fanzines und Fanzine-Listen weiter ...