16 Dezember 2018

Geschwätz mit Nazis?

Das ganze Jahr 2018 musste ich mir immer wieder anhören oder es irgendwie lesen: Man solle mit den Rechtsradikalen reden, man sollte ihnen zuhören und sie ernstnehmen. Ihre Anliegen seien grundsätzlich nachvollziehbar, ihre Methoden falsch. Und ich sagte in solchen Fällen stets, dass ich keine Lust auf solche Gespräche habe.

Das hat sich nicht geändert, und ich fürchte, meine Sicht der Dinge werde ich auch 2019 nicht verändern. Es ist nicht sinnvoll, mit Nazis oder mit »Rechten« zu reden, und ich habe weder Lust noch Zeit, mit diesen Leuten meine Lebenszeit zu verschwenden. (Ich weiß: Man könnte sie ja bekehren. Aber daran glaube ich derzeit nicht.)

Wie soll ich mir das denn vorstellen? Wir setzen uns zusammen, wir trinken Kräutertee, und dann reden wir. Über Flüchtlinge und »Musels«, sicher nicht über Straßenbau und Umweltschutz. Über Messerangriffe und Vergewaltigungen von Ausländern, sicher aber nicht von einer Kultur, in der es sinnvoll ist, Einflüsse von außen zu verarbeiten.

Selbst wenn es gut laufen sollte: Im besten Fall haut man sich die Ansichten um die Ohren, bleibt dabei höflich und freundlich, vergreift sich nicht im Ton und geht hinterher auseinander, ohne dass sich etwas ändert. Wahrscheinlicher ist doch, dass man sich eben nicht »human« verhält, sondern sich sinnlos streitet.

Es geht mir schon gar nicht mehr um Richtig und Falsch. Es geht mir darum, dass ich es als Verschwendung von Lebenszeit betrachte, mit Menschen zu reden, die – sobald sie an die Macht kämen – Leute wie mich in ein Lager stecken würden. Und da lasse ich mich gern als intolerant beschimpfen ...

15 Dezember 2018

Aus für das »Weinkontor«

An diesem Wochenende schließt das »Weinkontor« in Landau seine Pforten. Ich finde das traurig, mir fehlen fast die Worte. Auf der Internet-Seite geben die Betreiber dazu bekannt: »Wir bedanken uns herzlich und mit Tränen in den Augen bei unseren langjährigen Stammgästen und unseren leibgewonnen Winzerfreunden.«

Als wir am vergangenen Wochenende noch einmal im »Weinkontor« waren, bekamen wir – wie immer – ein tolles Essen serviert, dazu wunderbare Weine, in einer Atmosphäre, die ich stets als positiv und aufmerksam empfand. Ich hatte zum wiederholten Mal das Gefühl, in Corine Berrevoets und Michael Mury nicht nur ein Restaurant-Team, sondern echte Gastgeber zu treffen.

Bereits zum Jahresanfang hatten sich die beiden in einem Artikel in der »Rheinpfalz« dazu geäußert, zum Ende des Jahres 2018 aufhören zu wollen. Die Lage in der Gastronomie sei schwierig, das Ganze sei – wenn man ein gewisses Niveau wolle – »wirtschaftlich für zwei Familien nicht darstellbar«.

Ich kann das alles nicht beurteilen. Ich kenne weder die Kalkulation eines solchen Lokals, noch kann ich den Aufwand einschätzen. Ich fand das Preis-Leistungs-Verhältnis immer hervorragend, ich mochte das Essen, die Weine und die Gastfreundschaft. Und ich werde auch die einen oder andere Träne in Erinnerung an das »Weinkontor« vergießen.

14 Dezember 2018

»Besuch bei Papa« noch mal geprüft

Die Kurzgeschichte »Besuch bei Papa« entstand, nachdem ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Voudou-Markt gewesen war. Ich schrieb sie am 30. Januar 1988 in Avepozo, wo ich in einer Hütte wohnte. In Togo faszinierte mich die Allgegenwärtigkeit von Voudou, an dem niemand zweifelte. Ich sah immer wieder am Strand oder wenn ich mit meinem Rad unterwegs war, die Reste von Zeremonien.

Die Geschichte schrieb ich in einem Rausch auf Notizblätter. Ich tippte sie erst Jahre später ab, als ich in Bischweier wohnte und bereits in Rastatt arbeitete – am 30. Juli 1994 war ich damit fertig.

Danach war ich ein wenig ratlos: War das jetzt eine Reisegeschichte, konnte man sie als »phantastisch« betrachten, war das vielleicht sogar Horror? Ich wusste es nicht, es war auch egal.

Veröffentlicht wurde sie 1996 in der Ausgabe 6 des Fanzines »Sternenfeuer«, das unter anderem von Klaus Bollhöfener herausgegeben wurde. Das Fanzine hatte eine geringe Auflage, es gab einige Resonanzen auf die Geschichte, dann geriet sie in Vergessenheit. Auch bei mir.

Im Dezember 2018 hielt ich sie wieder in den Händen, stellte sie auf neue Rechtschreibung um und entfernte das eine oder andere Wort, das mir nicht mehr gefiel. Insgesamt aber fand ich die Geschichte immer noch gut – und ich stellte mir die Frage, was ich damit machen sollte. Schauen wir mal ...

13 Dezember 2018

Der Kosmosgigant wirbt

Science Fiction war in den 70er-Jahren eine »Jungs-Literatur«, und in der Fan-Szene bewegten sich vor allem männliche Jugendliche und einige wenige junge Männer. Deshalb verwundert es auch kaum, dass Fanzines immer wieder sexistische Inhalte brachten oder mit »nackten Mädchen« warben – manche fanden Darstellungen von Nacktheit geradezu progressiv.

Ein schönes Beispiel ist das Fanzine »Giant Of Cosmos«, das gegen Ende der 70er- und zum Anfang der 80er-Jahre vor allem mit gesellschaftskritischen Inhalten auffiel. Man war bewusst »links«; wenn ich mich recht erinnere, zählten der Herausgeber und seine Freunde zu jener Zeit zum DKP-Umfeld. Heute kann man sich das kaum noch vorstellen, aber in diesen Jahren galt die DKP zwar als ein bisschen spinnert, aber sonst als durchaus demokratisch und korrekt.

Mit »Weltraum-Western-Stories«, von denen sich die Herausgeber distanzieren wollten, war vor allem eine erfolgreiche Science-Fiction-Heftromanserie gemeint, deren Lesern gern actionlastige Geschichten schrieben. Wer eher Sozialkritik veröffentlichen wollte, hatte aus nachvollziehbaren Gründen wenig Lust auf Kämpfe zwischen Raumschiffen und deren Besatzungen.

Durchaus üblich war übrigens, dass die »normalen« Seiten eines solchen Fanzines mit einem Umdrucker hergestellt wurden und man die Grafiken via Offsetdruck präsentierte. Man musste beim Zusammenlegen der Seiten entsprechend aufpassen. Das Ergebnis war manchmal gut, manchmal schrecklich.

Sieht man von der seltsamen Werbung ab, die ich 1980 übrigens keine Sekunde lang seltsam fand, erinnere ich mich an den »Giant Of Cosmos« sehr positiv. Die politischen Inhalte hielten sich in Grenzen, das Fanzine lieferte eine schöne Mischung aus Geschichten, Buchbesprechungen und Artikeln. Manchmal fehlen mir solche Hefte, die bewusst politisch argumentierten, in der heutigen Phantastik-Szene.

12 Dezember 2018

Literaturen aus anderen Weltgegenden

Schaue ich beispielsweise während der Buchmesse in die Literaturbeilagen der großen Tageszeitungen, lese ich mal das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen oder gucke ich eine Folge des Literarischen Quartetts an, so stelle ich immer wieder fest: Der größte Teil der sogenannten anspruchsvollen Literatur, die einem in solchen Medien um die Ohren gehauen oder vorgeschlagen wird, klingt schon so langweilig, dass ich nicht die geringste Lust habe, da auch nur die Leseprobe anzufassen.

Dann aber bringt die »taz« eine Sondereilage von »Litprom«, die sich »Literatur Nachrichten« nennt, und ich stelle nicht nur fest, dass ich sie komplett lese, sondern dass ich sogar tierisch Lust darauf bekomme, die vorgestellten Romane alle zu lesen. Präsentiert werden Autorinnen und Autoren aus den unterschiedlichsten Weltgegenden, aus Südamerika und Afrika in diesem Fall, die eben Krimis schreiben. Das klingt spannend und abwechslungsreich, das macht mich alles neugierig.

Wann immer ich diese »Literatur Nachrichten« in den Händen halte, kaufe ich danach Bücher von Schreibenden, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Das finde ich toll. Die aktuelle Ausgabe bestätigt das. (Man kann sie übrigens auf der Litprom-Seite im Internet herunterladen.)

Dass ich dem Verein – ein Litprom e.V. steht dahinter, der sich der »Vermittlung außereuropäischer Literaturen« verschrieben hat – nicht beitreten werde, obwohl ich das alles interessant finde, hat einen einfachen Grund: Selbstschutz. Ich würde sonst noch mehr Bücher kaufen, die sich dann in irgendwelchen Stapeln verbergen werden ...

11 Dezember 2018

Ein Gruselhörspiel ohne Monster und Dämonen

In der immer umfangreicher werdenden Hörspielserie um den Geisterjäger John Sinclair nimmt »Melinas Mordgespenster« eine besondere Rolle ein. Das Doppelhörspiel kommt nämlich ohne übernatürliche Feinde aus, sondern ist – für die Serie vor allem – erstaunlich psychologisch und dadurch ziemlich spannend.

Der Roman wurde erstmals 1981 veröffentlicht; damals als Band 177 der Serie. Zur Story: Der Geisterjäger wird von seinen Eltern gewissermaßen in sein Heimatdorf zurückbeordert. Dort seien Menschen auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Während seiner Fahrt ins Dorf trifft Sinclair mit einem seltsamen Mädchen zusammen, das ihn zu attackieren versucht, dann aber verschwindet. Etwas ist unheimlich in diesem Dorf, das scheint zu stimmen ...

»Melinas Mordgespenster« erzählt von zwei Mädchen, deren Vater offenbar vor ihren Augen ermordet worden ist. Das haben beide nicht verkraftet. Während die eine in eine »Anstalt« eingeliefert werden musste, wohnt die andere mit ihrer Mutter zusammen – und diese arbeitet interessanterweise als Haushaltshilfe bei den Eltern von John Sinclair.

Familiäre Verwicklungen kommen hier ebenso zusammen wie fürchterliche Mordtaten, verzweifelte Mädchen und eine psychiatrische Einrichtung, die nicht sehr vertrauensbildend wirkt. Die Doppel-CD setzt auf die Schock-Effekte, die man bei den anderen »Sinclair«-Hörspielen schon kennt. Wenn gemordet wird, hört man das Zustechen ebenso wie das Spritzen des Blutes. Wer das nicht zu schockierend findet, bekommt eine spannende Hörspiel-Doppelfolge geliefert, die durch eine höhere Realitätsnähe überzeugt.

Klar, anspruchsvolle Psychologie wird nicht geboten; die Geschichte ist für einen »Sinclair« trotzdem gut geworden. Streckenweise wird sie ruhig erzählt, weshalb die Knaller umso heftiger wirken. Gute Dialoge, sehr gute Sprecher, sorgsam eingesetzte Geräusche – wer ein gruseliges Hörspiel mag, ist hier richtig.

Übrigens hat Lübbe-Audio das Hörspiel schön gestaltet: Diesmal werden die zwei CDs in einem Pappschuber ausgeliefert. Wer sich nur den Download sichert, hat dieses haptische Vergnügen allerdings nicht ... (Ach ja: Wer sich mal einen Eindruck verschaffen möchte, checke die Internet-Seite des Verlages.)

Komintern Sect von 1983

Auch wenn ich mich in den 80er-Jahren nicht gerade mit Punkrock aus Frankreich auskannte – die Band Komintern Sect war mir ein Begriff. Die vier Punks und Skins aus Orléans spielten in der ersten Hälfte der 80er-Jahre zusammen, lösten sich 1986 auf und gaben in den Nullerjahren dann doch mal wieder einige Konzerte. Die wichtigste Zeit der Band war aber eindeutig von 1983 bis 1986.

Neben vielen Aufnahmen für klassische Sampler wie etwa »Chaos en France« (nach dieser Sampler-Reihe benannte ich übrigens meinen Punkrock-Roman »Chaos en France – Peter Pank in Avignon«) veröffentlichte die Band auch drei Platten. Die erste LP mit dem klaren Titel »Le seigneurs de la guerre« kam 1983 heraus und kann heute noch überzeugen.

Klar ist der Punkrock nicht gerade schnell, und er rumpelt ganz schön. Dafür gefallen die Oi!-Chöre und die klare Haltung. Die Band war zu ihrer Zeit dem klassischen Stil verhaftet und hielt nicht viel von dem damals neuen Hardcore-Punk; das macht ihre Platte zeitloser als manches Gebretter, das zur selben Zeit von der Insel kam.

Textlich ist und war die Band eher schlicht, dafür aber eindeutig. Obwohl man Oi! mochte, hielt man sich von den Rechten fern. In Stücken wie »Barcelone 1936« oder auch dem Titelstück der Platte behandelt die Band zeitlose Themen: Es geht um Krieg und Freiheit oder um das Leben des einzelnen in einer kälter werdenden Gesellschaft und andere Dinge.

Klar: Die Platte ist vor allem ein zeitgenössisches Dokument. Ich war 1983 zum ersten Mal in Paris und fand die Mischung aus Tristesse in manchen heruntergekommenen Straßenzügen sowie der historischen Tradition dieser Metropole immer irritierend. Komintern Sect lieferte den passenden Soundtrack dazu.

10 Dezember 2018

An die Buzzcocks denken

Zu den Bands, die ich seit gut vierzig Jahren mag und immer wieder gern höre, zählen die Buzzcocks. Ich habe mehrere Platten der Band, allerdings allesamt Nachpressungen, die für Sammler keine große Relevanz habe, und höre mir diese immer wieder an, habe aber auch keine Skrupel, bei YouTube nach Aufnahmen der Band zu schauen und diese während der Arbeitszeit laufen zu lassen.

Dass Pete Shelley, der Sänger der Band, am 6. Dezember im Alter von nur 63 Jahren starb, überraschte mich dann doch. Mir fiel sofort wieder das einzige Konzert der Band ein, das ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Ich musste in meinen Notizen nachschauen, um herauszufinden, wann das gewesen war.

Am Donnerstag, 18. Mai 2000, fuhr ich nach Weinheim ins Café Central, wo ich an diesem Abend für drei Bands meinen Eintritt bezahlte, dann gleich mal zwei Bands völlig verschwatzte, um dann zu den Buzzcocks in den Konzertraum zu gehen. Ich war durchaus skeptisch, daran erinnere ich mich noch gut. Immerhin waren die großen Zeiten der Band damals ja eigentlich schon zwanzig Jahre vorbei.

Aber dann war ich völlig baff. Auf der Bühne standen einige ältere Herren – man muss sich klar machen, dass die damals jünger waren als ich heute … –, und nach einiger Zeit merkte ich, dass die offenbar richtig viel Freude hatten. Sie grinsten die ganze Zeit, sie pfefferten ihre alten Hits mit großartiger Energie ins Publikum. Von »langsam« und »alt« konnte keine Frage sein; die sahen auch genauso aus wie früher (na ja, die paar Falten erkannte ich einfach nicht).

Sie spielten natürlich alle großen Hits wie »Orgasm Addict« oder »Harmony In My Head« – mein Lieblingsstück dieser Band – und natürlich der Über-Hit »Ever Fallen In Love«. Und irgendwann konnte ich nicht mehr still stehen und mit dem Fuß wippen, sondern fing an, wie ein Teenager herumzuhüpfen. Ich sprang, ich sang, ich lachte, ich freute mich.

So habe ich die Band in Erinnerung, und wenn ich die alten Stücke der Buzzcocks anhöre, denke ich an dieses Konzert. Dass Pete Shelley jetzt gestorben ist, trifft mich tatsächlich.

07 Dezember 2018

Parken bei den Flamingos

Wenn ich in den vergangenen Monaten mit der Straßenbahn zum Bahnhof fuhr, um dann – immer genügend Puffer eingeplant – mit dem Zug irgendwohin zu fahren, geriet ich eigentlich stets in Stress. Der Grund: Die Straßenbahn hielt irgendwo an und blieb stehen, ohne dass ich einen Grund dafür erkannte. Zuletzt: sieben Minuten vor dem Europaplatz, acht fünf Minuten an der Ebertstraße – um das auszugleichen, müsste ich eine Dreiviertelstunde einkalkulieren, nicht nur eine halbe.

Also fuhr ich am Freitagmorgen mit dem Rad. Es war vergleichsweise warm, ich hatte dennoch eine Mütze auf. Und ich schwitzte ordentlich, kam aber gut durch das Verkehrsgewühl und pünktlich zum Bahnhof. Alles gut geklappt.

Nur: Einen vernünftigen Abstellplatz fürs Rad fand ich noch nie, auch an diesem Tag nicht. Alle offiziellen Plätze waren völlig zugestellt, zudem standen überall »wild parkende« Räder. Ich kettete mein Fahrrad an den Zaun des Zoos, wo ich es hoffentlich wiederfinden würde.

Hinter dem Zaun stand eine Gruppe von Flamingos, gut ein Dutzend. Sie ignorierten mich, standen cool auf einem Bein oder hüpften gelangweilt herum. Mit ihrer Hilfe, so dachte ich, würde mir am Abend die Orientierung gelingen ...

06 Dezember 2018

Ein Inhaltsverzeichnis, getippt natürlich

Wer sich in den frühen 80er-Jahren mit Fanzines beschäftigte, hatte meist keine Höhepunkte der Layout-Kultur vor sich. Mein Heft war keine Ausnahme. Auch wenn ich mir viel Mühe gab – ich bekam keine vernünftige Gestaltung hin. Man sieht das sehr deutlich am Inhaltsverzeichnis der dritten Ausgabe von SAGITTARIUS.

Natürlich wurde diese Seite mit einer Schreibmaschine getippt, das war damals normal. Nur ganz wenige Fanzinemacher hatten Zugriff auf moderne Satzgeräte, und Hefte dieser Art wurden sofort als semiprofessionell betrachtet.

Ich saß in meinem Kinderzimmer unter dem Dach unseres kleinen Hauses, vor mit eine Kofferschreibmaschine, die nicht viel Geld gekostet hatte, und hämmerte mit allen zehn Fingern wie ein Besessener in die Tasten. Es musste zeitweise ein fürchterlicher Radau gewesen sein, lauter noch als die Musik, die aus dem Kassetten-Rekorder wummerte.

Ein echtes Problem war dabei, den Zeilenrandausgleich hinzubekommen. Das geschah durch sauberes Auszählen. Jeder Punkt wurde sauber gesetzt, und nötigenfalls wurde mit Tipp-Ex – was ganz schön teuer war – schnell ausgeglichen. Für eine Seite wie das Inhaltsverzeichnis benötigte ich also recht viel Zeit.

Schaue ich mir heute die Liste der freien Mitarbeiter an, fühlt sich das seltsam an. Mit den meisten habe ich keinen Kontakt mehr, Manfred Borchard ist leider verstorben, und von einigen weiß ich nur noch den Namen, sonst aber nichts mehr.

Nicht einmal mehr die Schreibmaschine besitze ich noch. Die verkaufte ich im Januar 1988 an einen Autohändler in Ougadougou. Aber das ist dann eine ganz andere Geschichte …


05 Dezember 2018

Zusammengerottet

Wir standen auf dem Balkon, jeder eine Flasche »Tannenzäpfle« in der Hand. Vom dritten Stock aus hatte man einen guten Blick über die Straße und die Häuser der Umgebung.

»Gar nicht schlecht, deine neue Bude«, meinte Pleite, der mich zum ersten Mal besuchte. »So langsam wohnt ihr alle in der Südweststadt.«

Ich nickte und zeigte in verschiedene Richtungen, wer wo in welchen Häusern lebte, den ich kannte. Pleite ergänzte durch zwei, drei weitere Leute. Ich war wenige Tage zuvor in die neue Wohnung in der Hirschstraße gezogen und erhielt von vielen Freunden wertvolle Unterstützung; allein wäre ich im Chaos untergegangen.

»Ihr rottet euch jetzt also in der Südweststadt zusammen«, spottete er. »Dann fällt's den Bullen leichter, wenn sie euch mal ausräuchern wollen.«

»Wieso ausräuchern? Wir sind doch allesamt brave Bürger, die ihre Steuer zahlen.«

Er zeigte mit dem Daumen nach hinten, wo meine Jacke auf dem Sofa lag. »Disco-Punx Karlsruhe. Ein Ruf wie ein Donnerhall.« Er lachte. »Ich seh' schon die Schlagzeile vor mir. ›Polizei hebt gefährliches Netzwerk aus‹ oder so.«

Ich lachte auch. »Na ja, da werden sie nicht viel finden.«

»Sicher?« Er wies auf meine Wand mit Schallplatten. »Aus dem gesammelten Deutschpunk und den entsprechenden Texten kann die Bullerei doch gleich eine komplette Verhaftung ableiten.« Er fing an zu singen. »Polizei SA SS ...«

»Hör auf!«, rief ich und legte ihm die Hand auf den Mund. »Bist du wahnsinnig?«

Er lachte erneut. »Klare Ansage: Wenn das die Nachbarn hören ...« Er hob die Flasche an, als wollte er mit ihr der gesamten Nachbarschaft zuprosten. »So wird das auf jeden Fall nichts mit der Revolution.«

»Vor allem nicht mit Bier aus der Staatsbrauerei«, konterte ich und wies auf das Etikett.

Wir grinsten uns an, dann stießen wir die Flaschen zusammen. Punk war 1998 zu einer Angelegenheit geworden, die uns immer mehr mit den Widersprüchen unseres Lebens konfrontierte. Und eine vernünftige Antwort auf die Widersprüche hatte keiner von uns.

Da war es besser, auf einem Balkon zu stehen, Bier zu trinken und stumm auf die Stadt zu schauen ...

04 Dezember 2018

Illegale Farben tragen Grau

Schaut man sich die – immer noch – aktuelle Platte der Band Illegale Farben an, die den Titel »Grau« trägt, könnte man meinen, ein depressives Album vor sich zu haben. Hört man sich dann aber alles an, wird es bunt, gefühlvoll und abwechslungsreich – und das meine ich an dieser Stelle absolut als Lob.

Nennt es Emo, nennt es Indie, nennt es Dance-Punk – Illegale Farben zelebrieren auf dieser Platte einen vielfältigen, ja, schon überwältigenden Stil-Mix, der mich überzeugt. Es ist die zweite Platte der Band, mit der sie sich stärker vom großen Vorbild befreien kann und nicht mehr so stark nach den frühen Fehlfarben-Aufnahmen klingt. Veröffentlicht wurde sie Ende 2017.

Da lodert die Gitarre mal über längere Zeit richtiggehend hell wie im Stück »Sirenen«, da wummert der Bass in psychotisch-paranoider Weise in dem starken Lied »Willkommen im Tunnel«, da wird das Stück »Kein Problem« in seiner Monotonie und maschinenhaften Starre zu etwas, das ich nur als unfassbar cool bezeichnen kann.

Was die Band macht, ist Neue Deutsche Welle im positiven Sinn. Das klingt nicht wie 1979 bis 1981, natürlich klingt es auch nicht wie die Bands, die danach das Genre totritten – aber die Vergleiche bieten sich einfach an. Hier ist eine Band, die versucht, neue Wege zu gehen, die sich nicht trotzig vom Punk abwendet, sondern ihn auf ihre Weise verändert und für sich anpasst.

Da zapple ich automatisch mit, ob ich die Platte daheim anhöre oder mir die Band live angucke. Immer wieder bin ich von den guten Texten verblüfft, die nicht pathetisch sind, die keine konkrete Politik verkünden, aber immer wieder Lebensfragen klar in den Raum stellen.

Ach – ich kann das eh nicht richtig formulieren: Die Platte ist super. Anhören bitte!

Eine kleine Verwirrung im Literaturhaus

Das Literaturhaus in Frankfurt ist ein beeindruckendes Gebäude: einladend und schön, klassisch von außen, modern im Innern. Ich besuche es gern. Halte ich mich in diesem Gebäude auf, fühle ich mich automatisch ein wenig wichtiger und größer.

Will man auf eine Toilette gehen, nimmt man die breite Treppe nach unten. Danach steht man vor Türen, die zu den Toiletten für Damen – links – und Herren führen.

Dort stand ich auch. Ich starrte auf das »Leser«-Schild, fühlte mich sehr angesprochen und öffnete die Tür. Alles war korrekt, fand ich. Den weiteren Vorgang muss ich an dieser Stelle wohl nicht beschreiben, das können sich die meisten selbst denken.

Aber was machen Leute, die nur Hörbücher hören und nicht lesen? Dürfen Autoren auch aufs Klo oder haben die eine eigene Tür? Fragen über Fragen …

03 Dezember 2018

Spaziergang in Noyers

Es war spät, als wir noch durch Noyers bummelten. Die laue Sommerluft hatte die Hitze des Tages verdrängt, es herrschte ein sehr angenehmes Klima vor. Auf dem Kopfsteinpflaster und zwischen den alten Gebäuden hallten unsere Schritte wieder, aber wir achteten nicht darauf.

Ich staunte über die Gemeinde, die zwar nur einige hundert Einwohner hatte, aber auf mich wie eine kleine Stadt wirkte. Arkaden an den Gebäuden um den alten Marktplatz, einige Kneipen und Pensionen – in den vergangenen Jahren waren Touristen wie wir auf die Gemeinde aufmerksam geworden. Noyers-sur-Serein zählte zu den »schönsten Dörfern Frankreich«, ein Titel, den ich an diesem Ort für absolut angebracht hielt.

Seit dem Mittelalter wurden die Häuser bewohnt, sie wirkten teilweise schief, strahlten in meinen Augen aber eine uralte Würde aus, eine Gelassenheit und Ruhe. Vor allem in der Nacht wirkten sie eindrucksvoll, nur wenige Menschen waren unterwegs, und niemand störte die Ruhe. Schnitzereien an den alten Balken, vorstehende Erker und wuchtiges Gemäuer ließen mich immer wieder anhalten und einige Details betrachten.

Am stärksten beeindruckten mich die kleinen Kunstwerke an der Papierwarenhandlung, die in der Nacht aussahen, als seien sie Lebewesen. Allerlei Gestalten aus Papier klammerten sich an Holz und saßen auf Steinen, ein bizarrer Anblick, der mich an alte Filme erinnerte. Das war Fantasy in der Realität, auf einen Schlag fühlte ich mich wie herausgerissen aus unserer Welt.

Ein schöner Abschluss eines gelungenen Tages in Burgund! Die kleinen Papiermenschen aus Noyers würde ich wohl nicht so schnell vergessen …

02 Dezember 2018

Zehn Jahre und eine Lesung

Im Vorfeld war ich ein wenig angespannt: Ich sollte auf einer Party lesen, bei der hinterher zwei Punkrock-Bands aufspielen sollten. Würde das gut gehen? Würde es ein Publikum für die Lesung geben? Würden sich nicht alle darauf freuen, zu lauter Musik ebenso laut zu feiern?

So radelte ich am Samstag, 1. Dezember 2018, bei eher feuchtkühlem Wetter in die Nordstadt von Karlsruhe. Als ich im P 8 eintraf, waren dort anfangs nur wenige Leute anwesend. Ich trank zwei Bier, um meine Nervosität loszuwerden, unterhielt mich mit den Veranstaltern und kletterte irgendwann auf die Bühne.

Weil ich die falsche Brille dabei hatte, tat ich mich recht lange schwer mit dem Buch: Mit Brille war's nichts, ohne Brille auch nichts. Ernsthaft: Solche Probleme hätte ich mir vor zwanzig Jahren nicht einmal vorstellen können. Aber ich konnte sehen, dass sich gut drei Dutzend Leute im Raum aufhielten und sitzend oder an der Theke stehend meiner Lesung folgten.

Vor allem las ich aus dem aktuellen Punkrock-Buch vor, also aus »Für immer Punk?«, dazwischen erzählte ich allerlei Geschichten. Später gab's auch eine kurze Sequenz aus »Zwei Whisky mit Neumann« und den Text »Maschinengewehr, sing!«, den ich nach all den Jahren selbst immer noch gut finde.

Danach ließ ich mich gern in ein Gespräch verwickeln, trank Bier, verkaufte Bücher und räumte meinen Kram weg. Parallel dazu wurde der seriöse Teil der Veranstaltung vorbereitet.

Weil das Thema des Abends der zehnte Geburtstag der Libertären Gruppe Karlsruhe war, gab es einen Rückblick mit einer Rede, mit Bildern und einem kleinen Filmbeitrag. In Zeiten wie diesen finde ich es wichtig, dass es Leute gibt, die sich für ihre Überzeugung – und Anarchismus finde ich immer noch erstrebenswert – auf die Straße stellen und sich dafür einsetzen.

Später stand ich im Freien. Ein Lagerfeuer brannte, ich trank Bier und unterhielt mich. Als dann die Band Arschwasser spielte, ging ich in den Veranstaltungsraum hinein. Die Band, bestehend aus zwei Frauen und einem Mann, prügelte sich durch 35 Jahre Punkrock und Hardcore, mit durchaus eigenwilligen Versionen alter Punkrock-Hits. Das gefiel mir, einige Leute hüpften herum.

Mir reichte es dann doch irgendwann. Ich hatte einige Biere zu viel getrunken und fühlte mich vom Lagerfeuer völlig geräuchert. Also schnappte ich meinen Kram und radelte heim – das Ende eines gelungenen Abends.

30 November 2018

Ein Kreuz in der Bretagne

Ich komme aus einer Region, in der es nicht üblich ist, dass Kreuze und Heiligenbilder am Straßenrand stehen. In eher katholisch geprägten Regionen – etwa in Bayern – sieht man das öfter. Ebenfalls sieht man solche Kreuze in der Bretagne.

Unter anderem stolperte ich in der Region Finisterre buchstäblich an jeder Ecke über ein solches Kreuz. Das fand ich sehr eindrucksvoll. Und eines musste ich unbedingt fotografieren.

So ein Kreuz müsste man nicht einmal mit Photoshop bearbeiten oder grafisch irgendwie verändern: Das würde als Titelbild für einen Horror-Roman sofort genügen. Da sieht man doch geradezu die gruseligen Geschichten aus dem Gebüsch purzeln …

28 November 2018

Mit der Goldstadt durch die Wüste

Als ich im Dezember 1987 die Grenze zwischen Marokko und Algerien überquerte, hatte ich den Algerien-Reiseführer aus dem Goldstadt-Verlag in der Tasche. Als ich im Januar 1988 die Grenze zwischen Algerien und Niger überquerte, steckte ich den Reiseführer in meinen großen Seesack, um ihn in der Folge durch Niger, Burkina Faso und Togo zu schleppen.

Seither behielt ich ihn, auch wenn ich nie wieder nach Algerien kam. Immer wieder träumte ich davon, die Reise von damals zu wiederholen: Noch einmal wollte ich quer durch die Sahara fahren, noch einmal Ghardaia und Tamanrasset besuchen, noch einmal die Weiten der Wüste zu erleben und in den Hoggar zu blicken.

Aber von Jahr zu Jahr wurde klarer, dass ich das nicht machen würde. Zuerst kam der fürchterliche Bürgerkrieg, der jegliche Reise durch das Land unmöglich machte, und heutzutage könnte ich mir es zeitlich nicht mehr leisten – gesundheitlich vielleicht auch nicht mehr –, für einen Monat nach Afrika zu verschwinden. Die Zeiten haben sich geändert, eben auch für mich.

Und so hielt ich den Algerien-Reiseführer aus dem Goldstadt-Verlag nicht nur einmal in der Hand, wiegte ihn hin und her. Bei jedem Umzug hatte ich ihn in der Hand gehalten: Sollte ich ihn wegwerfen oder aufbewahren? War er nur eine sentimentale Erinnerung, bedeutete er mir vielleicht doch mehr?

Dieser Tage stand die Entscheidung wieder vor der Tür. Immer mal wieder versuche ich, in meinen Regalen zu räumen. Bücher, die ich seit Jahren nicht mehr in der Hand hatte, kommen weg – ich stelle sie in den Bücherschrank oder verschenke sie anderweitig –, damit ich Platz für neue Bücher habe. Der Algerien-Reiseführer hatte nicht nur einmal eine solche Aktion überlebt.

Und so stand ich da, und so sitze ich da, halte den Reiseführer in der Hand, blättere in den Seiten, versinke in der Hochebene von Tademeit, fahre durch die Schlucht von Arak, umkreise den Sitz des Marabout und fahre weiter durch gleißendes Licht hinunter bis an die Küsten von Westafrika.

Ich glaube, ich muss dieses Buch behalten. Es regt in mir Erinnerungen im positiven Sinn ...

27 November 2018

Politiker und andere 2008-Angelegenheiten

Wenn man meint, das Jahr 2018 sei besonders seltsam, hilft es, auch mal in Unterlagen zu schauen, die zehn Jahre alt sind. In meinem Fall blicke ich da nur in den Blog – der ist nun mal mein öffentliches Tagebuch, mit Einschränkungen natürlich. Also schaue ich mir interessiert mal einige Einträge aus dem November 2008 an ...

»Mein neuer Polit-Liebling« titelte ich am 18. November und spottete über einen CSU-Politiker. Wie sehr sich die Maßstäbe verschoben haben. Heute würde man den Mann zur »konservativen Mitte« zählen, weil sich sogar rechts von der CSU eine Partei breit machen konnte.

Über den  »Antiamerikanismus« schrieb ich am 22. November. Das war durchaus selbstkritisch gemeint. Aber auch hier gilt: Vergleicht man die damalige US-Regierung mit der heutigen, muss man feststellen, dass sich einiges zum Schlechteren verändert hat.

Über das Fanzine »Follow« schrieb ich am 23. November 2008 unter »Follow zum vierhundertsten« – das erreichte damals seine Ausgabe 400, die ich seltsam gelangweilt durchblätterte. In diesem Fantasy-Verein bin ich ja immer noch Mitglied, wenngleich noch genauso faul wie damals.

Unter dem Titel »Giesa-Erinnerung« ging es um einen damals aktuellen Roman der Serie »Professor Zamorra«. Kurz zuvor war der Schriftsteller Werner Kurt Giesa gestorben, den ich auch gekannt hatte, nicht sonderlich gut, aber immerhin über lange Jahre.

Aber natürlich ging es vor zehn Jahren ebenfalls um Krachmusik. Ich schrieb am 25. November über »Brat Pack knallen in die 80er-Jahre« und meinte das sehr ernsthaft. Die Band könnte ich auch mal wieder anhören.

Und Politik? Gleich noch mal. »Macht besessen« beschäftigte sich am 26. November 2008 mit einem Politiker, der damals gerade die SPD verlassen hatte. Manchmal wundert es mich, dass es diese Partei überhaupt noch gibt.

Und am 28. November 2008 schrieb ich über ein Thema, das sich in Luft und Asche aufgelöst hat. »Geheimes Buchprojekt« war so geheim, dass es nie fertigwurde und ich immer mal wieder traurig vor der Datei sitze ...

26 November 2018

Originelle Grafik, originelle Comic-Story

Es gibt Comics, da muss ich sagen: Objektiv sind sie toll, subjektiv kann ich damit dann doch nicht so viel damit anfangen. Ein wunderbares Beispiel dafür ist »Betty Boob«: eine grafisch ungewöhnliche Geschichte, die ein ernsthaftes Thema in künstlerischer und sehr origineller Weise verarbeitet.

Der Reihe nach: Betty heißt in Wirklichkeit Elisabeth. Sie hat Brustkrebs, und sie verliert während der Therapie sowohl die Haare als auch ihre linke Brust. Ihr Leben scheint am Ende zu sein: Ihr Mann verlässt sie, den Job verliert sie, die Perücke wird vom Wind verweht.

In ihrer Verzweiflung rennt Elisabeth durch die Stadt, immer auf der Jagd nach ihrer Perücke, und dabei landet sie auf einem Schiff und in einem Burlesque-Theater der besonderen Art. Dort beginnt ihr neues Leben ...

Was hier so kurz angerissen wird, erzählen Vero Cazot und Julie Rocheleau in durchaus eindrucksvoller Weise. Der Comic kommt fast ohne Worte aus, die Geschichte wird durch Bilderfolgen erklärt, die ineinander übergehen, die Raum für phantastische Ideen lassen, die ich als expressionistisch bezeichnen würde. Wie aus Elisabeth letztlich die Tänzerin Betty Boob wird, erzählen die beiden auf eine sehr interessante Art und Weise.

Es ist die Geschichte einer Frau, die sich selbst überwinden muss und sich dabei selbst findet. Sie verliert ihre Weiblichkeit und findet sie wieder – und das alles wird in einer Bildsprache erzählt, die ich für sehr eigenständig halte. Das ging auch anderen Leuten so, dieser Comic wurde mit dem französischen Buchhandelspreis für Comics ausgezeichnet.

Ich hatte dennoch meine Probleme mit der Geschichte, wobei ich feststellte, wie konservativ ich dann doch bin. Offenbar ist mir eine »normal« erzählte Geschichte lieber; ich mag es eben, wenn Bilder und Dialoge in der bekannten Reihenfolge nacheinander kommen.

»Betty Boob« verstört einen gewissermaßen. Sowohl die Sehgewohnheiten als auch die bisherigen Lesekenntnisse werden auf die Probe gestellt. (Vielleicht liegt's sogar an meinem Geschlecht, das dazu beiträgt, dass ich diese weibliche Sicht auf das Thema Brust-Operation nicht so wahrnehme wie andere.)

Langer Rede kurzer Sinn: Ich erkenne, dass ich hier einen Comic vor mir habe, der sehr gut ist. Ich gestehe aber auch, dass es nicht »meins« ist. Checkt doch einfach selbst die Leseprobe auf der Seite des Splitter-Verlages.

Der Comic-Band ist im schicken Hardcover-Kleinformat erschienen, also in der Größe eines amerikanischen Comic-Heftes. Er umfasst 184 Seiten und kostet 24,80 Euro, was völlig korrekt ist. Und wer sich für den Comic interessiert, bekommt ihn mithilfe der ISBN 978-3-96219-268-6 in jedem Comic-Laden. Mein Lieblings-Versandhändler und der Splitter-Verlag mit seinem Shop liefern ihn aber auch, man muss nicht nach Amazonien rudern, um das Buch zu bestellen.

25 November 2018

Grindelwalds Verbrechen

»Puh.« Das sagte ich, als ich im »Filmpalast« in Karlsruhe aus dem IMAX herauskam und meine Drei-D-Brille abgab. Und dann noch mal: »Puha.« Ich brauchte eine Weile, um eine vernünftige Stellungnahme zu »Grindelwalds Verbrechen« hinzubekommen.

Mittlerweile habe ich ein klares Wort dafür: »unentschlossen«. Der Film ist nicht schlecht, ich habe mich sehr gut unterhalten. Er weist eine Reihe von starken Sequenzen auf – die Gefangenenbefreiung am Anfang etwa –, bringt aber derart viele verworrene Abläufe, dass ich zeitweise kopfschüttelnd im Kinosaal saß.

Seien wir fair: Ich habe die »Harry Potter«-Filme alle sehr gern gesehen und fand den ersten Teil von »Phantastische Tierwesen« großartig – so viele tolle Monster, so viele coole Bilder, so viel Phantasie. Bei diesem zweiten Teil der Serie war ich streckenweise einfach verwirrt.

Ich verzichte darauf, die Schwächen aufzuzählen oder den Inhalt zu erzählen. Das eine ginge sowieso nicht ohne das andere, und man kann das alles im Netz nachlesen. Nur fiel mir halt eines auf: Man versteht diesen Film nicht, wenn man den ersten Teil nicht mehr im Kopf hat. So ging es mir.

Ich wusste nach zwei Jahren einfach nicht mehr, wer welche Frau war. Mit welcher Dame war der Held verliebt, verlobt oder verschwägert? Wer war noch mal dieser Credence, der offenbar der Auslöser für ganz viele Geheimnisse ist? Und wieso muss ich all diese verwickelten Familiengeschichten lernen, wenn ich doch einfach haufenweise coole Fantasy-Viecher sehen will?

Trotzdem: Es gibt in diesem Film auch coole Szenen. Wenn der Held in seinem Koffer unterwegs ist, hat das viele Schauwerte. Die Besuche in Hogwarts sind für jeden »Harry Potter«-Freund ein willkommenes Vergnügen. Die Darstellung von Paris ist stark, das haben die Macher des Films toll gemacht.

Ich kann ihn nur bedingt empfehlen. Man muss entweder das Hirn ganz stark einschalten, um alles zu kapieren, oder es komplett ausschalten, um alles genießen zu können. So ein Zwischendrin, wie ich mir es gegönnt habe, führt zu Verwirrungen; so viel weiß ich nun.

24 November 2018

Eine Fahrt durch den Schnee

Warum ich ausgerechnet in der Innenstadt von Karlsruhe auf meine alte Tante stieß, vergaß ich sofort wieder. Sie war ein wenig verwirrt, und sie wollte unbedingt nach Hause. Also entschied ich mich spontan, sie in das Dorf zu fahren, in dem sie wohnte. Weder über das Treffen noch über den anschließenden Dialog machte ich mir große Gedanken.

Wir fuhren los, wir verließen recht schnell die Innenstadt von Karlsruhe – und ehe ich noch einmal nachdenken konnte, rollten wir bereits über die Hügel hinter Dornstetten, der kleinen Stadt unweit des Dorfes, in dem ich aufgewachsen war. Meine Tante wohnte in Salzstetten, einem der Teilorte der Verbandsgemeinde Waldachtal, und ich erinnerte mich daran, dass sie an einem Hang wohnte und dass man von ihrem Wohnzimmerfenster auf einen Bach hinuntersehen konnte.

Hinter Dornstetten begann das Schneetreiben. Der Wind peitschte Unmengen von Schnee über die sanften Hügel, verfing sich an Büschen und Bäumen und überschüttete buchstäblich mein Auto. Ich kam nur langsam voran, musste immer wieder vorsichtig abbremsen und fuhr ebenso vorsichtig weiter. Meine Tante saß still neben mir, ich war völlig konzentriert und hörte auch keine Musik. So rollten wir auf den Wald zu, hinter dem die Dörfer von Waldachtal kommen würden.

Als wir in den Wald eindrangen, wurde es schlagartig dunkel um uns. Der Schnee fiel sanft aus der Höhe herunter, es ging kein Wind mehr. Rechts und links der Straße standen die Bäume, zwischen denen sich nichts rührte.

»Ich hoffe ja, dass wir es nach Salzstetten schaffen«, murmelte ich. Als ich nach rechts blickte, war der Beifahrersitz leer. Meine Tante saß nicht mehr neben mir. Verwirrt blickte ich hinaus ins Schneetreiben. Mein Auto stand auf einmal.

Da wachte ich auf.

23 November 2018

Deutschsprachiges Hardcore-Gebolze

Über die Band Obnoxious Class weiß ich nicht viel; ich habe sie nie live gesehen – und soweit ich das sehen kann, hätte ich da nur wenige Chancen gehabt. Man gründete sich Ende der Nullerjahre in Siegen und löste sich 2015 auf; die fünf jungen Typen spielten anfangs räudigen Deutschpunk. (Bei Bandcamp sind alte Demo-Aufnahmen zu hören.)

2011 war man musikalisch weiter, die Band ging ins Studio. Der Sound war nicht unbedingt gefälliger, orientierte sich aber am Hardcore-Punk. Die EP mit dem schönen Titel »Weltembolie« wurde 2012 veröffentlicht; sie enthält sechs Songs und ist schön »oldschoolig«, um mal einen Szene-Ausdruck zu verwenden.

Der Sänger brüllt in rüpeliger Weise die deutschsprachigen Texte raus. Man versteht sie, wenn man sich ein wenig konzentriert – erfreulicherweise hilft das Textblatt bei der EP weiter. Es geht oft um das Leben in der Stadt, um die »Bastarde«, die »Gehirnwäsche« betreiben.

Damit steht die Band in der klassischen Punk- und Hardcore-Tradition: Man findet die Welt größtenteils scheiße und brüllt das entsprechend raus. Hier ein Beispiel aus dem Stück »Betonstadt«. Die ersten Zeilen sind klar: »Keine Fenster / die Menschen wollen raus / draußen sterben alle / und kotzen sich die Freiheit aus.«

Die Musik passt dazu: Knallig werden die Songs nach vorne geprügelt, auf filigrane Gitarrenarbeit legt niemand wert. Diese Art Hardcore ist für den Augenblick gemacht – ich höre so was immer noch richtig gern.

Ich lese im P 8

Die Libertäre Gruppe Karlsruhe ist mir seit einiger Zeit ein Begriff: Ich traf Menschen aus dieser Gruppe immer mal wieder, wenn es darum ging, sich gegen die regelmäßigen Nazi-Aufmärsche in unserer Stadt auf die Straße zu stellen. Tatsächlich hätte ich aber nicht gewusst, wer eigentlich zu dieser Gruppe gehört.

Die Gruppe feiert einen Geburtstag – seit zehn Jahren gibt es sie. Das finde ich respektabel. Wie es sich gehört, findet die Feier im P 8 statt, in einer Halle, in der ich auch schon das eine oder andere Punkrock-Konzert miterlebt habe. Auch zur Feier des Tages spielen zwei Bands, die Punkrock auf Lager haben.

Als »Senior des Abends« hat man mich eingeladen. Ich darf aus meinen »gesammelten Werken« vorlesen, was in diesem Fall natürlich heißt, dass ich nicht aus Science-Fiction-Texten zitiere, sondern eher aus meinen Punkrock-Büchern vortrage.

(Die Lesung mit anschließendem Konzert der zwei Bands findet am Samstag, 1. Dezember 2018, im P 8 statt. Der Club liegt in der Nordstadt von Karlsruhe, genauer gesagt, in der Pennsylvaniastraße 8 – und ich eiere da auch immer ein wenig mit dem Fahrrad rum, weil ich von »hinten« an das Gelände anfahre. Beginn ist um 18.30 Uhr, und es gibt zuerst die Lesung und dann den Punkrock.)

22 November 2018

Wie wir Multimedia verstanden …

Man kann nicht behaupten, dass wir 1991 bescheiden gewesen wären: Der Gruppe von Fans, die sich ab 1990 damit beschäftigten, eine große Science-Fiction-Veranstaltung in Freudenstadt zu organisieren, wollte Aufmerksamkeit erregen. Also wurden entsprechende Anzeigen produziert, die in Fan-Zeitschriften veröffentlicht wurden und auf den geplanten Con hinwiesen.

Die Anzeige, die ich diesmal zeige, stammt von der Rückseite des »Fandom Observer«, genauer gesagt, dessen Nummer 22 vom April 1991. Der »FO«, wie man ihn im Allgemeinen abkürzte, war ein sogenanntes News-Fanzine, in dem es um die Belange der Fan-Szene ging, um die Streitereien zwischen den einzelnen Gruppierungen, um Fanzines und um Veranstaltungen, also sogenannte Cons.

Mit dem FreuCon '92 wollten einige Leute – darunter ich – einen großen Con nach Freudenstadt holen. Ausgerechnet im Schwarzwald sollte eine Veranstaltung steigen, die man bisher für undenkbar gehalten hatte: Wir wollten die unterschiedlichsten Gruppierungen in ein Boot holen. Dazu zählten beispielsweise Rollenspieler und Kino-Fans, die zu der Zeit auf eigene Veranstaltungen gingen und sich mit den üblichen Cons nicht anfreunden konnten.

Auf eine Idee von Günther Freunek hin wurde der Begriff »Multimedia« stärker ins Zentrum gerückt. Günther hatte sich in den Jahren zuvor immer intensiver mit modernen Anwendungen im Computerbereich beschäftigt, betrieb »Desktop-Publishing«, was 1991 immer noch revolutionär war, und sah Begriffe wie »Multimedia« durchaus skeptisch. »Das schreiben wir uns auf die Fahne«, war trotzdem sein Credo – und so tauchte der Begriff auch auf unseren Anzeigen auf …

21 November 2018

E-Books doch im Wachstum

Es gibt den alten Spruch von der Statistik, der man nur glaube, wenn man sie selbst gefälscht habe. Daran muss ich immer wieder denken, wenn ich die aktuellen Zahlenspielchen rings um das Thema E-Books lese. Vor sechs, sieben Jahren überschlugen sich alle möglichen Experten – oder solche, die dafür erklärt wurden – mit Hochrechnungen und allgemeinem Jubel über die Wachstumsmöglichkeiten beim E-Book-Geschäft.

Vor drei Jahren kam eine Delle bei den zuvor steigenden Zahlen. Prompt begannen viele Journalisten damit, die E-Books kaputtzuschreiben. Die Entwicklung sei rückläufig, die Leser würden wieder gedruckte Bücher bevorzugen. Wie das halt so ist, wenn es um so moderne Dinge wie dieses Internet geht: Panik und Euphorie wechseln sich da in verlässlicher Reihenfolge ab.

Und jetzt gibt's eine neue Umfrage mit entsprechenden Ergebnissen. Ich habe sie nicht in ihrer Gesamtheit gelesen, sondern sehe mir das an, was in den Fachzeitschriften steht. (Das hier ist auch kein journalistischer und sauber recherchierter Blog, sondern gibt meine Sicht auf die Dinge wieder.)

Die ersten drei Quartale des E-Book-Marktes wurden diesmal aus Sicht der Konsumenten analysiert. Dabei kam heraus, dass sich der Absatz der E-Books gesteigert habe. Man spricht von einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 19 Prozent. Auch der Umsatz sei um 14,9 Prozent gestiegen. Derzeit spricht man zudem von 3,1 Millionen E-Book-Käufern.

Der Durchschnittspreis der E-Books ging übrigens zurück. In den ersten drei Quartalen 2017 betrug er 6,29. In den ersten drei Quartalen rutschte er auf 6,07 Euro. Den Gedankengang, ob das vielleicht einfach auch an der geänderten Statistik liegen könnte, muss ich wohl nicht weiterführen.

(Nur so viel: Wenn man aus Verlags- und Handelssicht den Markt betrachtet, werden sicher die Verlags-E-Books stärker gewertet. Betrachtet man den Markt aus Sicht des Kunden, sind auf einmal viele Selfpublisher dabei, die häufig Titel im Niedrigpreissegment anbieten. Aber das ist auch nur meine Sicht der Dinge.)

Madame Monster machen Dampf

Was für ein unfassbares Gebräu! Seit Tagen läuft die Platte bei mir, sie passt zu dieser grauen Jahreszeit: Die Band nennt sich Madame Monster, sie stammt aus Berlin und Dortmund, wenn ich das richtig weiß, und sie brachte 2013 eine einseitig bespielte Langspielplatte heraus, die mich mit ihrer Mischung aus Hardcore, Brüllgesang, Emo-Gitarre und gelegentlichen ruhigen Passagen echt begeistert.

Man versteht die deutschen Texte praktisch nicht, sie werden in einem wütenden Gebrüll in die Welt gekotzt. Wer sich aber so etwas wie »Pisse und Adorno« ausdenkt, kann kein schlechter Mensch sein – das ist sowieso ein Stück, in dem sich der treibender Sound mit diesem brutalen Gesang sehr gut verträgt.

Die Stücke sind abwechslungsreich, werden von einer tüchtigen Portion Wut und Hass getragen. Dabei schält sich unter dem Gebrüll und Geprügel immer wieder eine Melodie hervor, und so entsteht ein Gebräu, das mich unweigerlich in Bewegung versetzt. Das ist dann schon irgendwie Hardcore-Punk der 90er-Jahre-Schule, klingt aber dennoch eigenständig genug. (Der Vergleich zu Hammerhead, der immer wieder gebracht wird, ist nicht falsch, wird Madame Monster aber auch nicht gerecht.)

Ich habe keine Ahnung, was aus der Band wurde oder ob es sie noch gibt. Soweit ich weiß, ist und war die »Adore« die einzige LP der Burschen, die zudem dann auch noch mit einer sehr geringen Auflage veröffentlicht wurde. Ich bin sehr froh, dass ich sie habe und ich mir dann im Büro ab und zu mal die Aufnahmen von Bandcamp um die Ohren blasen lassen kann.

20 November 2018

Mein Vater und die SS

»Wieso bist du eigentlich zur Sturmdivision gekommen?«, fragte ich ihn irgendwann. Es war ein warmer Tag, wir saßen im Garten, nachdem wir im Wald gearbeitet hatten, und tranken Bier.

Seit ich nicht mehr daheim wohnte, verbesserte ich unser Verhältnis langsam. Ich half meinem Vater freiwillig, auch deshalb, weil ich körperliche Arbeit im Wald nach einem Tag im Büro zu schätzen wussten. Und ihn störte nicht mehr, wie ich aussah und dass ich ständig »Krach« hörte.

Er sagte erst einmal nichts und setzte die Flasche an. Ich kannte das schon. Wenn das Thema auf den Krieg kam, machte mein Vater dicht. Nur selten rückte er mit Informationen heraus.

»Sie wollten mich zur Waffen-SS«, sagte er dann. »Nicht nur mich, eigentlich alle.« Wie er erzählte, hatte die SS ein Informationszelt im Dorf aufgebaut. Dorthin wurden die männlichen Jugendlichen gebracht, man musste sich dem Einzelgespräch mit einem SS-Offizier stellen.

»Wir hatten ja alle einen Ariernachweis«, erzählte mein Vater. Den bekam man, ob man wollte oder nicht, wenn nachzuweisen war, dass die Familie seit Generationen »reinrassig« war. Bei Bauern, die in Dörfern im Schwarzwald lebten, gab es wenige ausländische Einflüsse, weshalb mich diese Aussage nicht verwunderte. »Und dann hat man auf uns eingeredet, wir sollten der SS beitreten.«

Man habe richtig Druck auf ihn ausgeübt, damals im Frühsommer 1943. Er sei als Feigling bezeichnet worden, weil er sich weigerte, ein SS-Mann zu werden. Aber es sei ihm nichts passiert. Man sei nicht gezwungen worden, zur SS zu gehen, aber einige aus dem Dorf hätten es dann getan. Warum er sich geweigert hatte, erzählte er mir nie. Sicher nicht aus grundsätzlichen politischen Gründen, vielleicht waren es religiöse Motive.

»Und dann?«, fragte ich.

»Nichts ›und dann‹«, gab er mürrisch zurück. »Sie haben mich in die Sturmdivision gesteckt und an die Ostfront geschickt.« Er stand auf und leerte die Flasche, und dann ging er ins Haus, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

19 November 2018

Die Mixtur aus Horror und Krimi geht in die zweite Runde

Rowan Black ist eine Polizistin, die nicht gerade zimperlich ist. Wenn es hart auf hart kommt, zieht sie ihre Waffe und schießt, wenngleich sie hinterher ihre Probleme mit der Tat hat. Ihre Kollegen respektieren sie eigentlich ... doch in jüngster Zeit haben sich Vorfälle ereignet, die ihr eigenes Bild von sich selbst ins Wanken bringen.

Nachdem ich schon den ersten Band der neuen Comic-Serie »Black Magick« ziemlich klasse fand, war ich auf die direkte Fortsetzung sehr gespannt. Es geht im zweiten Band auch richtig rund. Die Polizistin ist nämlkch – ganz nebenbei – eine Hexe, und es scheint Kräfte zu geben, die gegen die Hexen der neuen Zeit massiv vorgehen wollen. Erinnerungen an frühere Hexen und deren Verbrennungen werden in ihr wach.

Das ist nicht alles: Gegnerische Detektive spähen ihr nach, die an kirchliche Organisationen erinnern, und offenbar gibt es eine weitere Organisation, die Rowan Black und andere Hexen massiv bekämpfen will. Bei einem Einsatz muss Rowan einen Mann erschießen, und es scheint einen Zusammenhang mit ihrer Hexerei zu geben, den sie sich nicht erklären kann ...

Die Serie wird hierzulande vom Splitter-Verlag veröffentlicht, in einem kleineren Hardcover-Format, das sich an das Format amerikanischer Comic-Hefte anlehnt. Dadurch wirken die Bücher edel, die Farben kommen durch den Druck richtig gut zur Geltung, und die Hardcover-Bände liegen schön in der Hand.

Nach wie vor finde ich die Texte von Greg Rucka klasse. Die Geschichte entwickelt sich weiter, sie bleibt spannend, und man kann sich hervorragend in die Hauptfigur und ihre Probleme hineinversetzen. Action und Magie halten sich in der Waage, psychologisch wirkt das auf mich ebenfalls überzeugend.

Ansprechend finde ich die Zeichnungen. Nicola Scott hat einen realitätsnahen Stil, der die Geschichte unterstützt. Die meisten Bilder sind in Grautönen gehalten, nur ab und knallt Farbe auf die Seite. Damit leistet die Koloristin Chiara Arena einen wertvollen Beitrag zum Erfolg dieses Comics.

»Das Erwachen II« ist die konsequente Fortsetzung des ersten Teils. Ich freue mich dann schon auf die Fortsetzung von »Black Magick« – ein Comic, der mich als Krimi- und als Phantastik-Freund absolut anspricht. Tolle Sache! Checkt unbedingt die Leseprobe!

16 November 2018

Als Vorleser im Einsatz

Ich war dann doch sehr gerührt, als der kleine Junge, der keine Sekunde hatte stillsetzen können, mir über den halben Pausenhof nachrannte, mehrfach »Herr Klaus, Herr Klaus!« rief, bis ich stehen blieb. Dann umfasste er meine Hand und sagte ganz aufgeregt: »Danke, dass du vorgelesen hast.« Er drehte sich um und rannte zurück zu den anderen Kindern, und ich ging weiter.

Heute war nämlich der »bundesweite Vorlesetag«, und ich nahm zum zweiten Mal als »Vorleser« daran teil. In einer Schule in Ettlingen, einer kleinen Stadt bei Karlsruhe, saß ich im Zimmer einer zweiten Klasse vor zwei Dutzend Kindern, die mich gebannt anstarrten.

Als Buch hatten die Lehrerin und ich »Lindbergh« ausgesucht, das wunderbar-phantastische Bilderbuch. Ich las daraus vor, zeigte den Kindern immer wieder die tollen Bilder und fragte sie Dinge. Sie waren komplett gespannt und gingen voller Euphorie mit, sie waren wirklich intensiv dabei. Man sah ihnen an, wie spannend sie die Geschichte fanden.

Danach war es richtig schwer, sie in die Pause zu schicken. Während einige gleich rausrannten, weil sie spielen wollten, drängten sich einige um mich, um mir Fragen zu stellen. Da fiel es mir richtig schwer, aus dem Raum zu gehen.

Als ich über den Pausenhof ging, winkten mir einige zu, riefen meine Namen. Und einer lief mir wirklich nach. Das berührte mich stärker, als ich vorher gedacht hätte.

15 November 2018

Andro 2001 von 1980

Die Stadt Renningen liegt im Schwäbischen, auf dem halben Weg zwischen Stuttgart und dem Schwarzwald. Ende der 70er-Jahre gab es in dieser Stadt eine kleine, aber sehr aktive Science-Fiction-Szene. Wie es sich gehörte, fabrizierten die jungen Männer – oder eher: die männlichen Jugendlichen – zu dieser Zeit auch ein kleines Fanzine. Dieses trug den hübschen Namen »Andro 2001«.

Im Mai 1980 erschien die Ausgabe elf, die vierzig Seiten im A5-Format hatte, im Offsetdruck hergestellt wurde und zwei Mark kostete. Damit bewegte sich das Preis sowohl in der Form als auch im Preis in dem Umfeld, das damals üblich war. Ebenso üblich war, dass ein solches Heft mit einer Mixtur aus Kurzgeschichten, Artikeln, Buchbesprechungen und Grafiken aufwartete und dass es mit einer Schreibmaschine getippt wurde. Wobei »Andro 2001« optisch immer sehr sauber war und die Macher auf ein ordentliches Schriftbild stets Wert legten.

Bei den Kurzgeschichten waren mit Manfred Borchard – der unlängst erst verstorben ist – und H. G. Rubahn zwei Autoren vertreten, die in den späten 70er-Jahren viele Fanzines mit ihren Beiträgen schmückten. In den Artikeln ging es um den Science-Fiction-Künstler David A. Hardy, der Literaturagent Uwe Luserke wurde interviewt, und der SeaCon im englischen Brighton wurde thematisiert.

Ich las »Andro 2001« damals sehr gern. Günther Freunek, einer der Macher des Fanzines, stieg drei Jahre später bei meinem SAGITTARIUS ein und sorgte dafür, dass das Fanzine eine vernünftige Optik bekam. Armin Reichrath, einer der anderen drei Macher, kam kurze Zeit später dazu – ohne die beiden wäre das ehemalige Fanzine nicht zu einer »richtigen« Zeitschrift mit farbigem Titelbild und teilweise farbigen Innenseiten geworden.

Man kann also sagen: Ohne »Andro 2001« kein professionelles SAGITTARIUS. Und wahrscheinlich hätte ich ohne die Kontakte von damals nicht den Job, den ich heute habe. Aber das ist eine andere Geschichte …

14 November 2018

Wie ich mehr über Luft-Taxis erfahren konnte …

Zum zweiten Mal lud DSP – das ist die Agentur, die unter anderem für unsere Werbung und unsere Messeauftritte verantwortlich ist – zu der Veranstaltungsreihe »Weißraum«. Weil mir das Konzept schon beim ersten Mal so gut gefallen hatte, ging ich am Dienstagabend, 13. November 2018, gern in die Räumlichkeiten eines Fotostudios in der Nordstadt von Karlsruhe.

Die Begrüßung fand ich schon sehr nett; es gab einige Leckereien und Cocktails – ich hielt mich an ein alkoholfreies Getränk und nahm erst später ein Bier –, ich wurde fotografiert, und ich unterhielt mich mit Leuten. Einige Dutzend Personen aus unterschiedlichen Firmen der Region waren anwesend. Ich nutzte die Zeit, um die Räume des Fotostudios zu bewundern, in dessen großer Halle mal allerlei Autos und sogar Lastwagen fotografisch in Szene setzen kann.

Dann begann der Höhepunkt des Abends: Es ging um die Firma Volocopter, die das gleichnamige Fluggerät herstellt. Es handelt sich bei der Volocopter GmbH um ein Start-Up-Unternehmen aus Karlsruhe, das sich weltweit um Partner bemüht hat und sehr ernsthaft daran arbeitet, das Thema Luft-Taxis nicht nur albernen Politikern zu überlassen, sondern voranzutreiben. Es gab viele Testflüge, und die Ambitionen der Firma sind wirklich spannend.

Stefan Klocke, der »Chairman« der Volocopter GmbH, hielt den Vortrag und stellte sich hinterher den Fragen der Anwesenden. Man kann sich darüber streiten, inwiefern die Welt so etwas wie Volocpter braucht – aber ich finde das Konzept interessant, auch deshalb, weil ich als Science-Fiction-Fan schon immer von Luft-Taxis, Gleitern oder Space-Jets geträumt habe. Ich hoffe ja, dass ich nicht nach Dubai oder Singapur reisen muss, um mal mit einem Volocopter zu fliegen.

Dem Vortrag und der Fragerunde folgte ein gemütliches Beisammensein; das mag ich ja. Bei einem Bier und leckerem »Fingerfood« konnte ich mit Leuten aus anderen Branchen ein wenig plaudern, bevor ich in die Nacht hinausging. Automatisch sah ich zum Himmel auf – fast vermisste ich einen Volocopter in der Nacht.

13 November 2018

Man kann mich »erspenden«

Ich finde schon den Ansatz sehr gut: Unter dem Namen »Autoren helfen« haben sich Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum zusammengetan. Sie wollen – so steht es auf der entsprechenden Internet-Seite – »ihre kreativen Kräfte bündeln und sich für humanitäre und soziale Anliegen einsetzen«. Seit ihrer Gründung im September 2015 hat die Initiative immer wieder auf politische Themen aufmerksam gemacht und Spenden gesammelt.

Dabei wird eine politische Agenda verfolgt, die ich ebenfalls begrüße: Es geht um die Unterstützung von Flüchtlingen. So wurde die Initiative Flüchtlingspaten Syrien e.V. gefördert, Geld ging an schwangere Frauen im Flüchtlingscamp Idomeni, es gab Leseförderung in Frankfurt/Oder.

Das aktuelle Projekt heißt »Verschenke eine Wohnzimmerlesung«, und da bin ich jetzt auch dabei. (Im Team sind Autorinnen wie Kathrin Lange und Ursula Poznanski, die ich kenne und schätze, denen ich sehr vertraue.)

Das Projekt ist spannend, man kann sich praktisch einen Autor oder eine Autorin »erspenden«. Die Mixtur an Personen ist enorm: Lyriker und Krimischreiber, Science-Fiction- und Thriller-Autoren sind vertreten. Wer sich dafür interessiert, schaut auf der entsprechenden Seite, welcher Autor in der Nähe wohnt – und dann kann man sich jemanden für eine Lesung ins Wohnzimmer halten. Okay, man muss natürlich etwas spenden – aber das ist bei so einer Aktion ja der erwünschte Nebeneffekt.

Ich finde das Projekt super, und ich würde mich freuen, wenn es erfolgreich würde. Ich zitiere gern: »In Zeiten wie diesen ist jeder Einzelne gefragt, ein Zeichen zu setzen für Toleranz und Weltoffenheit. Denn jetzt entscheiden wir, in was für einem Land wir in zehn Jahren leben werden.« Eine Wohnzimmerlesung verändert nicht die Welt, kann hier aber durchaus etwas bewegen – und wenn's nur Spenden sind, die an die richtige Stelle gelangen.