23 Januar 2020

Als ich für ein Lexikon schrieb

Im Jahr 1999 war es soweit: Ich konnte einen Text in einem Buch veröffentlichen, das sich als Lexikon bezeichnete. Veröffentlicht wurde es im Reclam-Verlag, es wurde ein schönes Taschenbuch.

Herausgeber war ein gewisser Dr. Hartmut Kasper, den ich zu diesem Zeitpunkt als »literarischen Leiter« an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel kannte. (Dass wir später einmal bei PERRY RHODAN so viel zusammenarbeiten würden, ahnte damals niemand.)

Das Buch, das er zusammenstellte, hatte den schönen Titel »Lexikon der wunderbaren Fahrzeuge«. Allerlei lebensnotwendige Fahrzeuge tauchten in diesem Buch auf, schön alphabetisch sortiert. Die Fluggefährte aus Superhelden-Comics wurden gleichberechtigt neben Raumschiffen aus der PERRY RHODAN-Serie einsortiert, dazu kam der Orient-Express oder die »Raumpatrouille Orion« und die »Enterprise«.

Die Zusammenstellung war kunterbunt und unterwarf sich nicht gerade seriösen lexikalischen Regeln: Manches wunderbare Fahrzeug hätte man sich sparen können, dafür fehlten wertvolle Fahrzeuge wie das »Flüwatüt«. Von mir stammte der Text über das Batmobil, das im Verlauf der Jahrzehnte manche Mutation über sich hatte ergehen lassen müssen.

Der Ton des Buches war heiter und launig; das Augenzwinkern der jeweiligen Verfasser ließ sich nicht übersehen oder überlesen. Wenn man sich das heute so ansieht, kommt es einem vor wie eine Ergänzung zur damals so populären Popliteratur. Als augenzwinkerndes Lexikon wollte das Buch wohl auch verstanden werden. Ich las es komplett und fand es damals gut.

Wenn ich es heute in die Hand nehme und darin blättere oder lese, stelle ich fest, dass ich die meisten Texte immer noch mag. Schade, dass es vergriffen ist. Die wertvollen Informationen wären doch auch etwas für die Leser von heute ...

Rotzlöffel-Punk der Criminals

Zu den rotzlöffeligen Punk-Bands, die in den 90er-Jahren noch einmal die Punkrock-Szene aufmischten, zählten The Criminals aus Berkeley. Die Burschen aus der Universitätsstadt machten aber nie den Eindruck, sonderlich viel auf intellektuelle Aussagen zu setzen, sondern rüpelten sich lieber durch ihre Platten. Mitte der 90er-Jahre kaufte ich unter anderem eine Ten-Inch, eine EP und eine Langspielplatte der Band, die heutzutage kaum noch bekannt ist.

Die Langspielplatte ‪»Never Been Caught« kam im Sommer 1997 heraus, enthält insgesamt 16 Stücke und ist ein Beleg dafür, wie rotzig der kalifornische Punk dieser Tage klingen konnte – auch wenn die meisten zu jener Zeit meinten, Punk aus Kalifornien sei sonnig und fröhlich wie Green Day und Konsorten. Stücke wie »Parlez-Vous Fuk You?« oder »My School Sucks« weisen auf das jugendliche Alter der Punkrocker hin und darauf, wie unernst sie zu Werke gingen.

Der Sound ist knallig, die Stücke werden nach vorne gebolzt, nur selten wird mal ein Offbeat dazwischen geballert; Melodien sind kurz und knapp, die knarzige Stimme des Sängers steht deutlich im Vordergrund. Textlich geht es um das Leben in kalifornischen Vorstädten, unglückliche Lieben, den Ärger mit der Polizei und andere Autoritäten – also alles sehr punkrockig und klischeehaft.

The Criminals sind sicher keine Band, die in einem Geschichtsbuch zu Punkrock eine wichtige Position einnimmt. Aber sie brachten in den 90er-Jahren eine Reihe von Platten heraus, die ich mir auch heute noch gern und ausgiebig anhöre. (Die Langspielplatte wurde übrigens von Lookout Records veröffentlicht; man kann sie noch kaufen, und es gibt sie illegal bei Youtube zu hören ...)

22 Januar 2020

Spannungsgeladener Thriller aus Berlin

Was für ein gemeiner Cliffhanger, was für ein spannender Roman! Ich habe »Stille Schwester« von Martin Krist in einem Rutsch gelesen, fand den Thriller richtig packend, und am Ende saß ich da und wollte mir sofort die Fortsetzung kaufen. Die aber gibt es noch nicht – der Autor lässt mich also mit einer ganzen Reihe von Fragen zurück, die sich nicht nur auf die Hauptfigur, sondern auch auf Nebenfiguren erstrecken.

Konkret: Es handelt sich bei diesem Roman um den zweiten Teil der Reihe um den Berliner Ermittler Henry Frei. Bei dem Mann handelt es sich um einen Zwangsneurotiker, zumindest scheint es so, der auch die eine oder andere dunkle Stelle in seiner Vergangenheit hat. Bei seiner Arbeit bleibt er aber so korrekt wie möglich.

In »Stille Schwester« hat er es mit einem Serienmörder zu tun – zumindest deutet alles darauf hin. Verschiedene Menschen in Berlin werden ermordet, ohne dass es einen Zusammenhang zwischen ihnen gibt. Der Täter geht immer in derselben Weise vor, es ist also klar, dass es immer derselbe sein muss – aber der Polizei wird nicht klar, wie was zusammenpasst.

Abwechselnd beleuchtet der Autor die Situation eines potenziellen Opfers, das ganz nebenbei auf eine ernste Beziehungskrise zusteuert, und die Ermittlungsarbeit der Polizei. Die Kapitel sind schnell und dynamisch, die Handlung wechselt immer an spannenden Stellen, als Leser fiebert man geradezu mit.

Die Charaktere funktionieren für mich, ich finde sie durchgehend glaubhaft. Jedes Kapitel für sich ist packend erzählt und steuert auf einen Wendepunkt hin, man kann dadurch kaum mit der Lektüre aufhören. Immer wieder wird dem Leser klar, dass es noch ein Geheimnis hinter dem Geheimnis geben muss und dass viele der Personen in diesem Roman in einer späteren Geschichte wohl erneut auftauchen werden.

»Stille Schwester« ist übrigens ein Beispiel dafür, dass sich Selfpublisher nicht hinter Verlagsautoren verstecken brauchen. Martin Krist lässt seine Romane professionell lektorieren, das merkt man. Seine Geschichte ist stimmig, sie wirkt nicht »amateurhaft« oder was man sich gelegentlich sonst noch so an Vorhaltungen gegenüber Selfpublishern anhören muss.

Wer spannende Krimis und Thriller mag, die durchaus unter die Haut gehen können, sollte sich die Hörprobe anhören oder die Leseprobe anchecken. Es gibt den Thriller als Hörbuch, als E-Book und als gedruckte Ausgabe. Weil ich Papier bevorzuge, habe ich mir das Taschenbuch bestellt, das mir von Amazon problemlos zugeschickt wurde. (Nach der Lektüre hab ich mir übrigens gleich den nächsten Krist-Roman bestellt.)

21 Januar 2020

Harte Arbeit, harter Lohn

Mein Gegenüber sah mich verwundert an. »Und dann seid ihr wirklich durch die Straße gezogen und hab ›Arbeit ist scheiße!‹ skandiert?«

Ich nickte. »Nicht nur einmal. Aber die große Demonstration der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands in Hamburg war unfassbar lustig.« Ich verzichtete auf die Details; das alles konnte man normalen Menschen im Jahr 2020 wirklich nicht erzählen.

»Aber du arbeitest doch, hast auch damals viel gearbeitet. Wieso schreist du dann, dass Arbeit scheiße sei?«

Ich überlegte. Wie sollte ich das erklären? Ich hatte das Glück, in einem Beruf gelandet zu sein, in dem ich Dinge machen konnte, die mir sogar privat Vergnügen bereiteten: Lesen und Schreiben im Allgemeinen, Science Fiction im Besonderen. Aber das würde mein Gegenüber erst recht verwirren.

»Die meisten Leute arbeiten nicht, weil sie etwas tun, das ihnen Spaß macht«, versuchte ich es. »Sie gehen zur Arbeit, weil sie müssen und das Geld brauchen. Deshalb träumen auch so viele vom Lottogewinn; das würden sie nicht, wenn sie ihrem Job mit viel Freude nachgehen würden. Man geht zur Arbeit, und die meisten Leute hassen ihren Job – mal mehr, mal weniger. Deshalb ist Arbeit für die meisten Leute einfach scheiße.«

»Und warum demonstriert man dafür?«

Es wäre die Gelegenheit für mich gewesen, die Standpunkte der APPD herunterzubeten. Ich hätte sie zumeist noch gekannt. Aber sollte ich im Jahr 2020 von der Balkanisierung Deutschlands reden oder von manchen pogoanarchistischen Forderungen, die in den 90er-Jahren noch richtig absurd und witzig wirkten, die ich beinhart vertreten hatte? Es hätte schal geklungen.

»Weil man …«, setzte ich an und brach ab. »Weil es Punk war.«

»Das kommt bei dir zu oft. Wann immer du etwas nicht erklären kannst, war es halt Punk.«

»Ja. Hm. In einer Zeit, in der alle Parteien von links nach rechts, die Gewerkschaften und die Arbeitgeber sowieso, davon redeten, wie wichtig die Arbeit sei, war es mir eben wichtig, zusammen mit einigen anderen klarzumachen, dass Arbeit nicht der komplette Lebensinhalt sein kann. Dass es auch noch was anderes gibt neben all der Arbeiterei, die von den meisten doch gehasst wird, dass Arbeit eben nicht das Lebensziel ist, dass der alte Spruch von der wahren Arbeit und dem wahren Lohn sowieso nicht stimmt, dass das Gerede von den angeblich so hart arbeitenden Menschen alles nur eine Verarsche der Mächtigen war, und dass …«

Ich merkte, dass ich in eine wahre Predigt verfallen war. Soviel zum Wahren und Guten. Resigniert winkte ich ab. »Es war halt doch Punk.«

Mein Gegenüber wechselte nur, und wir wechselten das Thema. Auch recht.

20 Januar 2020

Grafisch beeindruckender Steampunk-Comic

Um es vorwegzunehmen: Mit »Lady Mechanika« hat der amerikanische Comic-Künstler Joe Benitez ein grafisches Meisterwerk geschaffen. Das bestätigt auch der zweite Band der Serie, die als Hardcover im Splitter-Verlag erscheint und den ich dieser Tage erst gelesen habe. Es ist aber gut, dass sich Benitez Verstärkung geholt hat: Erzählerisch wird die Serie erst ab dem Moment gut, an dem Benitez das Texten abgegeben hat ...

»An Bord der Helio-Rax«, so der Titel des vorliegenden Bandes, zerfällt im Prinzip in zwei Teile. Der erste Teil, für den der Titel auch zutrifft, ist die direkte Fortsetzung der Geschehnisse aus dem ersten »Lady Mechanika«-Band. Beim zweiten Teil, der den Titel »Die Schicksalstafel« trägt, ist M.M. Chen für die Texte verantwortlich, während Martin Montiel den bisherigen Solokünstler Joe Benitez bei den Zeichnungen immer stärker unter die Arme greift.

Und das führt dazu, dass »Die Schicksalstafel« eine wesentlich interessantere Geschichte ist, die auf verschiedenen Kontinenten spielt, die geschickt mit Magie und alten Geheimnissen spielt, die zudem politische Intrigen einarbeitet. Aber seien wir ehrlich: Auch dann ist »Lady Mechanika« vor allem optisch beeindruckend.

Benitez schuf mit dieser Serie eine Steampunk-Welt, die seinesgleichen sucht. Die Dekors sind traumhaft, die Klamotten, die Waffen und die Technik faszinieren und laden auch zu mehrfachem Betrachten der Bilder ein. Das ist absolut gut gemacht, hat auch eine leichte Prise Erotik, ist streckenweise durchaus witzig und hat mich sehr gut unterhalten.

Im ohnehin guten Programm des Splitter-Verlages ist »Lady Mechanika« eine hervorragende Serie, die nicht nur Steampunk-Fans ansprechen sollte. Wer's nicht glaubt, sollte unbedingt die Leseprobe auf der Verlagsseite ansehen.

Ein seriöser Diskutant

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Im vergangenen Jahr besuchte ich den wirklich gelungenen PERRY RHODAN-Con in Osnabrück. An den zwei Tagen saß ich des öfteren auf dem Podium, wo ich zur aktuellen Entwicklung der Serie und anderen Themen die eine oder andere Aussage traf.

Inwiefern mir das gelungen ist, mögen andere Leute beurteilen. Ich gab mir redlich Mühe, seriös und ehrlich zugleich zu sein, wenngleich das manchmal wie ein Gegensatz wirkt.

Das Foto, das ich heute zeige, wurde von Christina Hacker geschossen. (Sie ist Chefredakteurin der Fan-Zeitschrift »SOL« und bloggt selbst unter »Christinas Multiversum«.)  Sie schickte mir eine ganze Reihe von Fotos, die mich in mehr oder weniger intellektuellen Positionen auf dem Podium zeigen. (Aus der Serie hab ich im Dezember schon mal eines genutzt ...)

19 Januar 2020

Heilige Könige aus Regensburg

Rauher Gesang, melodische Gitarren, kompakter Sound: Was The Holy Kings auf ihrer EP »Can You Hear Me?« zelebrieren, gefällt mir sehr gut. Wer mag, kann den hypermelodischen Punkrock der Band in die Emo-Ecke stecken, aber das ist mir egal.

Der Sound erinnert an manche amerikanische Bands der 90er-Jahre, als die den sogenannten Streetpunk neu definierten; manchmal ist es ein wenig schunkelig und vom Tempo her definitiv nie schnell. Nach all dem Hardcore-Geknüppel, das ich mir in den vergangenen Wochen jeweils zum Frühstück angehört habe, ist das, was The Holy Kings machen, auch mal richtig erholsam.

Die Band besteht übrigens aus vier ziemlich junge Typen, die aus Regensburg kommen; die Herren spielen seit 2006 zusammen, haben seitdem einige Tonträger rausgehauen, und die Platte hier erschien im September 2012. (Auflage: 250 Exemplare ...) Das kann ich mir echt oftmals hintereinander anhören!

Ob's die Band noch gibt? Das ist mir fast schon egal; die Musik bleibt ja auf jeden Fall.

18 Januar 2020

Gedanken zum Treck der Bauern

Die aktuellen Demonstrationen der Bauern tun mir weh. Ich kann gut verstehen, dass die Bauern zornig über ihre Situation sind. Immerhin bin ich auf einem Dorf großgeworden, ich habe viele Sommer dem Bauern geholfen. Ich habe Ställe ausgemistet und Tiere auf die Weide getrieben, ich kenne die Lage der Bauern also ein bisschen.

Schon damals war es nicht einfach, heute ist die Lage der Bauern noch schwieriger. Ich kann verstehen, dass sich Bauern durch die Verwaltung gegängelt fühlen, dass sie sich von den Städtern verhöhnt vorkommen – ich habe Großstädter als Kind auch nicht gemocht, weil sie immer mit einer gewissen Arroganz auf uns Dörfler hinuntergeschaut haben – und dass sie frustriert sind, weil sie keine höheren Preise für ihre Arbeit erhalten. Das macht zornig und verzweifelt.

Aber natürlich kann es nicht so weitergehen. Es ist eine Tatsache, dass die Landwirtschaft am Insektensterben eine große Mitschuld hat. Und es ist eine Tatsache, dass Glyphosat und anderer Dreck auf den Feldern ebensowenig gut für die Umwelt ist wie die gnadenlose Überdüngung der Äcker. Massentierhaltung, Tierquälerei und Chemie auf den Feldern – es ist letztlich zu viel, und da muss ein Umsteuern her.

Vor allem kann es damit nicht mehr weitergehen, dass man Bauern und Bauern in einen Topf wirf. Der Agrar-Großbetrieb in Niedersachsen, der Zigtausende von Schweinen oder Hühner hat, ist nicht zu vergleichen mit einem Hof im Schwarzwald oder in Oberbayern, der vielleicht drei Dutzend Milchkühe und zwei, drei Zuchtstiere hat.

Meiner Ansicht nach lassen sich die kleinen Bauern seit Jahrzehnten vor die Interessen der Industriebetriebe in der Landwirtschaft spannen. Das müsste im Interesse der Bauern geändert werden.

Nur bin ich sicher nicht die Person, die das ändern kann. Ich sehe nur die Diskussionen, und ich verstehe teilweise eben den Zorn der Bauern sehr gut. Ich denke halt, es wird sich nichts ändern, wenn sie nicht einsehen, dass sie an der Miserie eine gewisse Teilschuld haben. Es sind nicht die bösen Städter allein (und natürlich auch nicht die bösen Ländler allein).

Es gibt einen alten Spruch, an dem ist viel dran: Es wäre sinnvoll, die Leute würden miteinander als übereinander sprechen. Mir kommt es so vor, als ginge es bei den Bauernprotesten auch darum. Ein Mehr als Kommunikation erschiene mir da sinnvoll ...

17 Januar 2020

Spitzenautoren und die Haufen

Ignoriere ich die allgemeinen Jammertöne über den Zustand der deutschen Buchbranche, stelle ich fest: Es wird für die Verlage immer schwieriger, klar zu planen. Die Leser scheinen sich auf einige Spitzenautoren zu konzentrieren, die hohe Auflagen erzielen; darüber hinaus gibt es Autoren, die einen kleinen, aber feinen Leserkreis erreichen. Zwischendrin wird das Feld der »Midlist«-Autoren immer kniffliger. Besonders schön sieht das dann im Krimi aus.

Im »Buchreport« vom Januar 2020, den ich erst dieser Tage zu Ende lesen konnte, gab es einen großen Schwerpunkt zur Situation im Krimi- und Spannungssektor. Ich fand neben den vielen Artikeln und Interviews auch die Statistik spannend: In der Liste der »umsatzstärksten Krimi-Autoren 2019« rangieren die üblichen Verdächtigen auf den ersten Plätzen, sie erreichen zud4em immer höhere Anteile am Verkauf.

Sebastian Fitzek, derzeit der populärste Thriller-Schriftsteller im deutschsprachigen Raum (ich habe noch nichts von ihm gelesen, kann die Romane also nicht beurteilen), liegt auf Platz eins. Sein Anteil an der Warengruppe beträgt 6,5 Prozent. Angesichts der Tatsache, dass irrsinnig viele Krimis und Thriller veröffentlicht werden, ist ein so hoher Anteil absolut bemerkenswert.

Auf Platz zwei rangiert übrigens Rita Falk – sie schreibt humoristisch angehauchte Krimis, die in Bayern spielen –, die einen Anteil von 2,7 Prozent erreicht, also weniger als die Hälfte. Auf Platz drei findet sich der britische Autor Simon Beckert; es folgen der Autor Klaus-Peter Wolf (er schrieb früher eher Jugendliteratur oder Romane, die man heute als Popliteratur bezeichnen könnte, hat sich in den vergangenen Jahren aber mit seinen Ostfriesland-Krimis einen Fan-Kreis erschrieben) und die Autorin Nele Neuhaus (ihre Taunus-Krimis werden immer wieder verfilmt).

Auffallend: Stephen King kommt erst auf Platz neun, Donna Leon auf Platz elf. Von den beiden las ich immer schon einiges … Auf Platz 16 kommt Andreas Gruber, was mich sehr freut, weil er aus der Science-Fiction-Szene kommt und ich ihn als sympathischen Autor kennengelernt habe. (Krimi-Autoren wie Garry Disher oder Gianrico Carofoglio, die ich sehr schätze, tauchen auf dieser Liste erst gar nicht auf.)

16 Januar 2020

Erinnerung an ein kleines Fanzine

Ich habe – wenn ich mich recht erinnere – die Comiczeichnerin und Fanzinemacherin Heike Anacker nie kennengelernt. Aber ich hatte seit den frühen 80er-Jahren ihr Fanzine »Plop« abonniert und mochte es vor allem in der Phase sehr gern, in der es von Heike selbst betreut wurde. Spätere Herausgeber hatten ihre Stärken und Schwächen, aber der fannische Elan der frühen Jahre konnte logischerweise nie wieder erreicht werden (wie auch?).

Auf der Internet-Seite für das Fanzine, die es seit einiger Zeit gibt, steht die erste Ausgabe des Fanzines zum kostenlosen Download zur Verfügung. In heutigen Zeiten, in denen Teenager lieber einen Youtube-Kanal eröffnen oder eine Instagram-Seite bauen würden, wirkt das sicher ein wenig antiquiert – damals fand ich das spannend.

Und heute macht es mir Freude, in Fanzines von damals zu blättern, gern auch digital. Manchmal kann ich meine Freude von damals nachvollziehen, manchmal nicht. Bei »Plop« sehe ich bei der ersten Ausgabe schon eine fannische Begeisterung, die mir heute noch sehr gut gefällt.

15 Januar 2020

Die Insel der Komtesse

Man kann nicht unbedingt behaupten, dass Saint-Quay-Portrieux eine Gemeinde ist, die man besucht haben sollte. Der kleine Ort liegt in der Bretagne, taucht sicher in keiner Liste auf, in der die »wichtigsten Sehenswürdigkeiten« verzeichnet sind, wirkt eher so, als habe man eine vor allem einen Fischerort für Touristen aufhübschen wollen. Es gibt zwei Strände, rechts und links der Halbinsel, und einen Hafen, der vor allem von Segelschiffen genutzt wird.

Wer durch die Straßen bummelt, kommt an vielen netten Häusern vorbei, ab und zu auch an Läden. Am Hafen ballen sich Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten; der Verkehr konzentriert sich auf wenige Straßen und ist in den schmalen Nebenstraßen sehr übersichtlich. Das klingt alles ein wenig lahm, und das war auch so, als ich in der Gemeinde war.

Trotzdem hat Saint-Quay-Portrieux seinen Reiz, und das liegt an einer kleinen Insel. Die Île de la Comtesse lag direkt vor dem kleinen Hotel, in dem wir ein Zimmer hatten. Wenn wir morgens aufstanden, blickten wir auf die Insel. Wenn wir abends auf dem Balkon saßen, hatten wir die Insel vor uns. Und wenn es Ebbe gab, konnte man am Strand entlang spazieren und die Insel erkunden.

Sie zeigte sich bei unserem Besuch von einer durchaus »wilden« Seite, wozu das frische Wetter beitrug: ein Haufen von Ruinen, die Reste von uralten Gebäuden, die aussahen, als hätte man sie zu Napoleons Zeiten errichtet und gleich wieder zerstört, alles überwuchert von Hecken und Sträuchern. Der Wind pfiff, und wenn man oben auf der Spitze stand, hatte man das Gefühl, in einer alten Zeit zu stecken.

Und so wurde Saint-Quay-Portrieux auf einmal doch zu einem lohnenswerten Ziel. Allein schon der Blick von der Insel hinaus aufs Meer lohnte sich, fand ich.

14 Januar 2020

Redaktionell nach hinten geschaut

Seit vielen Jahren schreibe ich auf der Internet-Seite der Science-Fiction-Serie, für die ich tätig bin, eine Reihe von Kolumnen, die den schönen Titel »Der Redakteur erinnert sich« trägt. Das mache ich gern, leider nicht regelmäßig genug – die Reaktion der Leserinnen und Leser darauf ist auch höchst unberechenbar. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einmal auf einige dieser Kolumnen der jüngsten Zeit hinweisen.

Am 4. September schrieb ich über meine Vorarbeiten für eine Neuauflage der altehrwürdigen Gruselheftserie »Dämonenkiller«. Der Text beschreibt Ereignisse, die sich im Jahr 1993 abspielten; heute ist die Serie längst unter dem Titel »Dorian Hunter« in eine neue und professionelle Existenz überführt worden. Ich finde solche Entwicklungen ja spannend.

Am 2. Oktober 2019 blickte ich auf das Jahr 2008 zurück. In meinem Text ging es unter dem Titel »Taschenheft-Reihen in der weiteren Planung« um eine Konferenz mit Vertrieb und Geschäftsführung, in dem es unter anderem um mögliche Taschenhefte ging. Schon interessant, was letztlich daraus wurde …

Der Text vom 17. Oktober 2019 erzählte vom Start eines Projektes, das wir auch umsetzen konnten: Der Titel »PERRY RHODAN-Klassiker bei Weltbild« sagt schon aus, um was es inhaltlich ging – um Besprechungen im Jahr 2002, aus denen eine umfangreiche Buchreihe entstehen konnte.

Sehr subjektiv wurde es am 18. Dezember 2019. Ich blickte in »Wie ich bei ATLAN einstieg« auf das Jahr 1978 und meine Anfänge als Science-Fiction-Leser. Warum ich mich an manche Dinge so gut erinnern kann und andere sofort vergesse, weiß ich ja leider nicht.

13 Januar 2020

Dorothy und ihre seltsamen Freunde

Die Musik klingt nicht gerade nach Fantasy – aber die schwedische Band Friends Of Dorothy hat sich offenbar in Anspielung auf den Zauberer von Oz und das Mädchen Dorothy benannt. Ebenjene Dorothy stammt ursprünglich aus Kansas und sammelt einen Haufen seltsamer Freunde um sich, um den Kampf gegen den Zauberer aufzunehmen.

Okay, so klingen die Schweden nicht. Ich habe von ihnen die EP »Jimmy Jansson«, die bei Spastic Fantastic Records erschienen ist und vier gelungene Stücke enthält. Gesungen wird in englischer Sprache, geboten wird eine Mixtur aus Punkrock mit viel Melodie sowie klassischem Modsound à la The Jam.

Das klingt nicht phantastisch, sondern eher nach den späten 70er-Jahren. Das machten die Schweden im Jahr 2013 aber so gut, dass ihre Platte so schnell keine Verschleißerscheinungen zeigen sollte.

Feminismus nicht nur für Frauen

Dass viele Männer geradezu Angst vor dem Feminismus haben, könnte witzig sein, wären die Auswirkungen nicht so gravierend. Als ich erzählte, dass ich »Untenrum frei« von Margarete Stokowski las, wurde ich nicht nur einmal nach dem »Warum?« gefragt. Wieso liest ein Mann ein feministisches Sachbuch, was bezweckt er damit? Das Buch sei doch eigentlich nur für Frauen gedacht.

Da mir leider durchaus bewusst ist, wieviel Unfug ich im Verlauf meines Lebens über Frauen gesagt habe und wie blöd oder abschätzig oder verletzend ich mich bei viel zu vielen Gelegenheiten verhalten habe, kann ich bei solchen Gesprächen nicht viel entgegnen. Es ist gut, ab und zu mal die Klappe zu halten. Oder eben so ein Buch zu lesen, das einem die Augen öffnet, auch wenn man meint, schon so viel zu wissen.

Männer haben häufig ein falsches Bild vom Feminismus – und vielleicht sollten sie genau deshalb ein Buch wie »Untenrum frei« lesen. Es ist nämlich extrem unterhaltsam.

Margarete Stokowski kannte ich als Autorin bereits, sie schrieb jahrelang für die »tageszeitung«, und ich mochte ihre pointierten Texte immer sehr. Oft hatte ich dabei so einen erhellenden Moment, so ein »aha, stimmt, da hat sie recht«, was unsereins ja viel zu selten hat. Ähnlich ging es mir bei ihrem Buch.

(Ich las die Hardcover-Version. Seit Frühjahr 2018 existiert auch ein Taschenbuch. Und natürlich gibt's das Ding ebenso als E-Book.)

Die Autorin stellt ihre Sicht auf die Mann-Frau-Konflikte dar. Sie bleibt dabei erfrischend subjektiv, ohne allerdings die Fakten wegzulassen. Sie macht klar, wie die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern sind, und sie zeigt, wie die Schieflage in dieser Gesellschaft zwischen Mann und Frau aussieht. Dabei wird sie manchmal böse und bissig, hat aber meist einen angenehm-sarkastischen Ton drauf.

Mir gefiel, dass das Buch so unglaublich unterhaltsam ist. Man liest es mit großem Vergnügen, stößt halt immer wieder auf Dinge, die einen stören (weil man sich als lesender Mann bei manchen Themen einfach selbst wieder erkennt und peinlich berührt vor einem Spiegel sitzt). Die Autorin zeigt, wie Mädchen schon früh auf das Frausein getrimmt werden, wie Sex und Liebe funktionieren und wie sie den Feminismus sieht – als eine Befreiung, die letztlich auch den Männern nützen würde

»Untenrum frei« ist ein Buch, das ich allen empfehlen möchte, die sich für politische Themen und gesellschaftliche Diskussionen interessieren. Es ist beileibe nicht nur für Frauen gedacht – ich halte die Lektüre sogar für wichtig. Absolut lesenswert!

12 Januar 2020

Stricken mit Harry

Zu den Dingen, die mich immer wieder verblüffen, zählt die Tatsache, dass es nichts gibt, über das man offenbar ein Buch machen kann. Und dass man aus einer Marke auch Dinge extrahieren kann, auf die ich beim besten Willen nicht gekommen wäre. Was wiederum an meiner mangelnden Phantasie liegen könnte ...

Demnächst, also ab Februar, gibt's beispielsweise ein Buch mit dem schönen Titel »Harry Potter: Magisch stricken«. Es handelt sich dabei laut Verlagsangaben um das »offizielle Harry-Potter-Strickbuch«, sprich, es wurden sicher auch Lizenzgebühren an die Urheber der Marke bezahlt. Mithilfe des Buches kann man also Dinge stricken, die in weitestem Sinne mit der Welt von Harry Potter zu tun hat.

Es scheint eine Schnittmenge zwischen Harry-Potter-Fans und Freunden des gepflegten Strickens zu geben. Vielleicht sind einfach die jugendlichen und kindlichen Fans der Serie aus den 90er- und frühen Nuller-Jahren alt genug, um sich für andere Dinge zu interessieren?

Soweit so klar; ich habe da nichts dagegen, frage mich allerdings, wann dann die naheliegenden Ergänzungen kommen. Wer veröffentlicht »Star Wars: Stricken mit der Macht« oder auch »Herr der Ringe: Stricken mit Ringen« und dergleichen?

Ich sehe eine Reihe von »Line-Extensions« auf die Phantastik- und die Film-Fans zukommen. Ein großes Potenzial für Fan-Veranstaltungen, die künftig nicht nur Lesungen anbieten sollten, sondern auch Strick- und Häkel-Seminare. Und zack!, der Nachwuchsmangel wäre vielleicht endlich gelöst.

11 Januar 2020

Die Federwelt mit schönem Themen-Mix

Vom Titelbild der aktuellen »Federwelt« strahlt mich die Autorin Anna Basener an. Sie zählt zu den Überraschungen der vergangenen Jahre, schrieb Heftromane und Popliteratur – und im Interview erzählt sie, wie sie das mit den unterschiedlichen Genres und Richtungen meistert, in denen sie unterwegs ist. (Ich glaube, ich bin praktisch nirgends ihre Zielgruppe, was aber nichts macht: Das Interview ist lesenswert.)

Es handelt sich um die Ausgabe 139 des Magazins, sie umfasst 68 Seiten, die ich diesmal komplett gelesen habe. (Manche Ausgaben lese ich nur zur Hälfte, andere versacken im Stapel und werden irgendwann mal verstaubt in der Sammlung landen.) Wie immer präsentiert Anke Gasch, die aktuelle Chefredakteurin, eine gelungene Mischung an Themen für Autorinnen und Autoren sowie Menschen, die sich im weitesten Sinn für Literatur interessieren.

Lesenswert fand ich unter anderem das Doppel-Interview mit der Autorin Zoe Beck und der Lektorin Catherine Beck – die beiden sind weder verwandt noch verschwägert, arbeiten aber seit vielen Jahren zusammen – oder der kritische Bick auf die Leseprobe zu einem aktuellen Romanprojekt. Generell herrscht ein positiver Ton vor; es wird nicht inhaltlich gewertet, dass beispielsweise gewisse Genres schlecht oder gut seien.

Die »Federwelt« ist für mich immer eine Wundertüte, nach all den Jahren immer noch. Wenn ich das Heft zu lesen anfange, finde ich immer Dinge, die mich überraschen; nicht alles interessiert mich, aber das liegt in der Natur der Sache. (Wobei ich aber auch einen Artikel über Aphorismen zumindest anlese, wenn es schon mal einen gibt.)

Wer sich für Literatur interessiert, vor allem dafür, wie sie entsteht und wer sie schreibt, für den ist das Heft absolut empfehlenswert. Wer selbst schreibt und auch veröffentlichen will, kann hier zahllose Anregungen finden. Ein Blick auf die Internet-Seite der Zeitschrift gibt interessante und weiterführende Informationen ...

09 Januar 2020

Käpt'n Ahab und die Religion

Zu den Dingen, die mich durchaus verblüffen, wenn ich alte Ordner durchwühle, zählt die Tatsache, dass ich in den 80er-Jahren sehr viel experimentierte: mit Sprachen, mit Formen, mit Sprache in allen möglichen Variationen. Viele der Texte, auf die ich stoße, sind heute eher verwirrend; manche der »Gedichte« empfinde ich als richtig gut, einige haben ihren eigenen Charme.

Der Text »Käpt'n Ahab« entstand am 20. Dezember 1982, offensichtlich musste eine Schulstunde dafür herhalten. Ich schrieb ihn mit der alten Schreibmaschine ab. Als ich ihn dieser Tage erneut abtippte, verbesserte ich einige Tippfehler, behielt die originalen Formulierungen aber bei.

Mir fiel auf, wie viele religiöse Anspielungen in diesem Text untergebracht wurden. Meine religiöse Erziehung kam da offenbar nicht nur einmal durch.

Die »Rotte Korach« war mir aus der Kirche bestens bekannt; damit waren die Abweichler gemeint, für die sich die Erde auftat, um sie zu verschlingen. Das Bild schien mich ebenso fasziniert zu haben wie die Städte Babylon und Ninive, die im Religionsunterricht stets eine wichtige Rolle spielten.

Na ja, hier ist er, der »Käpt'n Ahab« ... 

Käpt'n Ahab

Wenn die Flüsse aufplatzen
und die Städte überquellen,
werden die Ratten
die stinkenden Stadtschiffe verlassen
und sich neue Häfen suchen
außer Sichtweite der
grauen, eintönigen Mauern
und all dem dicken, schmierigen Qualm –
bis sich dort
die Erde auftut
und die Rotte Korach
in ihren Schlund zieht.

Babylon und Ninive
werden dann zu neuer Blüte
auferstehen.
Für wen auch immer.

08 Januar 2020

Die Stilts und ihre einzige Single

Eine der Bands aus den frühen 80er-Jahren, über die ich nichts weiß und bei denen ich keine Ahnung habe, aus welcher Kiste ich die Single irgendwann mal gekauft habe: Die Stilts sind nach einer einzigen Platte im Jahr 1981 wohl gleich wieder in der Versenkung verschwunden – zumindest verzeichnen auch die einschlägigen Online-Übersichten nicht viel mehr über die Band.

Die fünf Briten machten mit »Waiting For A Miracle« ein richtig schönes Stück; irgendwas zwischen Powerpop und ein bisschen Ska, nicht kommerziell genug für die Hitparaden, nicht kratzig genug für die damalige Indie-Szene. Beide Stücke auf der Single sind aber echt gelungen, ein Beispiel für die hohe Qualität der damaligen unabhängigen Musik-Szene in Großbritannien. (Veröffentlicht wurde die Platte bei Rondelet Records.)

Eine Graphic Novel über Familie und Selbstbefreiung

Lulu ist eine durchschnittlich wirkende Frau, die drei Kinder und einen Mann hat und mit ihrem Leben nicht sehr glücklich ist. Eines Tages verändert sie alles und beschließt, aus dem bisherigen Korsett auszubrechen. Ohne Ankündigung verlässt sie ihre Familie und »streunt« durchs Land – die Zurückgebliebenen versuchen irritiert, sich die Ereignisse zu erklären.

Das ist in groben Zügen die Zusammenfassung des Comics »Lulu – die nackte Frau«, bei dem die Zuschreibung als »Graphic Novel« absolut zutreffend ist. Bei diesem Comic handelt es sich tatsächlich um einen Roman, der zudem ohne jegliche Genre-Konvention auskommt.

Étienne Davodeau ist sowohl der Autor als auch der Zeichner dieses ungewöhnlichen Comics, der seit einigen Jahren im Handel erhältlich ist. Seine Geschichte erzählt er ruhig, fast journalistisch, und die verschiedenen Ebenen, auf denen er sie präsentiert, verleihen nicht nur seiner Hauptfigur einen vielseitigen Charakter.

Eine Handlungsebene stellt er beispielsweise wie einen Erzählkreis dar: Freunde und Verwandte sitzen um einen Tisch und erzählen von Lulu und ihren Abenteuern. Die andere Ebene ist die von Lulu selbst. Es versteht sich von selbst, dass alle Berichte sehr subjektiv sind, sie widersprechen sich sogar teilweise. Aber sie alle erzählen von einer Frau, die irgendwann nach ihrem vierzigsten Geburtstag ein anderes Leben führen möchte.

Die Illustration unterstützt die Geschichte. In teilweise sehr kleinteiligen Bildern erzählt der Comic-Künstler von seiner Hauptfigur, ihrem Leben, ihren Träumen, ihren Abenteuern. Dabei kommt er ohne Action aus, ohne jegliches offensichtliche Spannungselement. Die Farben sind fast zart, die Linien der Bilder durchaus kräftig. (Ich empfehle auf jeden Fall die Leseprobe auf der Internet-Seite des Verlages.)

Die ruhigen Bilder und die gelassene Erzählsprache erinnern an einen Film, den man in einem kleinen Independent-Kino anschaut. »Lulu – die nackte Frau« bringt eine ganz gewöhnlich wirkende Geschichte so aufs Papier, dass sie besonders interessant wirkt. Eine Empfehlung für die Freunde gut gemachter Graphic Novels – und auch eine Empfehlung für Menschen, de ansonsten mit vielen Genre-Comics nichts anfangen können.

(Das kleinformatige Comic-Buch umfasst 160 Seiten und ist im Splitter-Verlag erschienen. Man kann es im Comic-Fachhandel oder Buchhandel beziehen, ebenso bei den bekannten Versandhändlern.)

07 Januar 2020

»Tolkien« angesehen

Das Grauen des Ersten Weltkriegs, eine Freundschaft zwischen Jungs und Fieberphantasien von fremden Welten: Schenkt man dem Spielfilm »Tolkien« glauben, sind aus dieser Mischung die Fantasy-Klassiker »Der kleine Hobbit« und »Der Herr der Ringe« entstanden. Der Film war 2019 in die deutschen Kinos gekommen, ich hatte ihn verpasst und schaute mir am Wochenende die DVD des Films an. Mir ist klar, dass es zu diesem Spielfilm ein geteiltes Medienecho gab – mir hat er aber sehr gut gefallen.

Weil es ein Spielfilm ist, habe ich wenige Probleme damit, dass er historische und literarische Elemente so zusammenfügt, dass sie eine spannende Handlung ergeben. Mir ist bewusst, dass die Geschichte des Waisenjungen J. R. R. Tolkien, der bei einer Pflegefamilie aufwächst, und die Geschichte des jungen Soldaten, der in der fürchterlichen Schlacht an der Somme mit seinem getreuen Kameraden Sam – ja, echt, der heißt so! – nach einem Freund sucht, viele Menschen nicht zufriedenstellen wird, die nach exakten Daten und genauen Darstellungen dürsten. Ich fand aber genau das spannend.

Der Film beschränkt sich auf Tolkiens Jugend und die Kriegsjahre, auf die große Liebe und seine Rückkehr nach England. Der große Sprung zur schriftstellerischen Karriere wird nur am Ende angerissen. Themen wie die »Inklings« wurden nicht aufgegriffen, die passten aber auch nicht zum Konzept des Streifens. Darauf hatte ich ein wenig gehofft, ich war aber nicht enttäuscht – das ist dann eben ein Thema für spätere Filme.

»Tolkien« ist ein starker Film. Die Szenen vom Ersten Weltkrieg sind fürchterlich, sie sind nicht unbedingt für schwache Mägen geeignet. Das Grauen des Stellungskrieges, in dem Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett gegen Maschinengewehrstellungen anrennen, in dem Gasangriffe und Flammenwerfer zur täglichen Realität gehören – das wird drastisch und klar gezeigt. Die Szenen mit den Freunden sind dagegen von einer gewissen Fröhlichkeit, sogar die Liebesgeschichte wird unterm Strich richtig positiv.

Die Schauspieler fand ich überzeugend, das Drehbuch setzte für mich die richtigen Akzente. Wer allerdings den »Herrn der Ringe« nicht kennt, also weder das Buch gelesen noch die Verfilmungen gesehen hat, der wird sicher nicht den Eindruck gewinnen, der sich mir bei diesem Film geradezu aufdrängte. Es ist einer der Filme, die man nach einigen Jahren auch wieder ansehen kann – lohnenswert!

05 Januar 2020

Eine weiße Hand

Eine phantastische Kürzestgeschichte

Wie kleine weiße Würste sehen sie aus, dachte ich und starrte auf die Finger vor mir. Die Nägel waren sauber geschnitten, die Haut wirkte gut gepflegt. Entweder hatte der Mensch, zu dem diese Hand gehörte, nie körperlich hart arbeiten müssen oder er – oder sie – hatte die Finger stets sehr gründlich gepflegt.

Ich betrachtete die Fingerkuppen. Was mir wohl die Fingerabdrücke verraten würden? Könnte ich Geheimnisse auslesen, wenn ich sie in einen Computer der Polizei einspeiste? Waren es die Finger eines Verbrechers oder einer Verbrecherin? Steckte hinter ihnen ein treusorgender Ehemann, eine liebevolle Mutter oder ein brutaler Mensch, der andere Menschen misshandelt und terrorisiert hatte?

Das wusste ich nicht, und ich würde es nie erfahren. Mich reizten Geheimnisse allerdings schon immer. Wenn ich auch nur andeutungsweise eines wahrnahm, dachte ich ständig daran und versuchte, weitere Informationen zu erlangen, die mir das Tor zu weiteren Geheimnissen öffneten.

Doch an diesem Tag war das nicht sinnvoll. Ich musste handeln, ich durfte nicht zögern, und ich durfte vor allem nicht zu lange nachdenken.

Ohne mich zu rühren, starrte ich auf die weißen Finger, die sich reckten und streckten. Die Gelenke schienen wie eingerostet zu sein, alle Bewegungen verliefen langsam und zäh, jeder Griff wirkte wie ein Kampf um Millimeter. Wie eine Maschine, die eingerostet war und erst langsam wieder in Gang kam. Es würde allerdings nicht lange dauern, bis sich die Hand besser bewegen konnte, bis ein Arm folgen würde, eine zweite Hand, vielleicht ein Körper.

Ich ließ meinen Blick schweifen. Der Friedhof war groß, der Vollmond ließ ihn wie ein Meer aus Steinen und Stelen, aus Büschen und Bäumen erscheinen. Das Grab vor mir war nur eines von vielen, die frisch waren, und ich hatte die Befürchtung, dass es nicht das einzige sein würde, in dem sich in dieser Nacht etwas regte, das besser für alle Ewigkeit in der Erde geblieben wäre.

In der Ferne begannen die Kirchenglocken zu läuten. Die Hand vor mir reckte sich weiter nach oben. Ich seufzte tief.

Dann griff ich nach dem Spaten, der neben mir lehnte, nahm ihn fest in die Hand und holte weit aus. So würde ich genügend Kraft entfalten können. Es wurde Zeit, dass ich dem Untoten in der Erde klarmachte, dass er ein weiteres Jahr in seiner unheiligen Ruhe bleiben musste.

03 Januar 2020

Hundert Jahre Isaac Asimov

Heute spricht man nicht mehr so oft von Isaac Asimov, jüngeren Science-Fiction-Fans ist der Name womöglich nicht einmal mehr präsent. Aber es gab eine Zeit, da hielt ich ihn für einen der wichtigsten Science-Fiction-Autor der Welt. Am gestrigen 2. Januar 2020 wäre er hundert Jahre alt geworden, und ich habe seinen Geburtstag glatt verpasst.

Nachdem ich viele Heftromane gelesen hatte, begann ich Ende der 70er-Jahre damit, mich auch mit den Klassikern der Science Fiction zu beschäftigen. Recht schnell stieß ich auf Isaac Asimov; seine Romane erschienen in preiswerten Taschenbüchern bei Goldmann und Heyne. Ich las seine Robotergeschichten, die mich begeisterten, und ich schmökerte einige seine Science-Fiction-Krimis durch, die mich ebenfalls faszinierten. Richtig stark fand ich die drei Taschenbücher der »Foundation«-Trilogie.

Auch anfangs der 80er-Jahre war ich ein echter Fan dieses Schriftstellers. Bei Bastei-Lübbe erschienen seine wichtigsten Werke in schönen Paperback-Ausgaben, die noch heute in meinem Regal stehen. Wahrscheinlich nahm ich mir die Robotgeschichten und die »Foundation«-Trilogie damit zwei- bis dreimal vor. Ich las sogar ein populäres Sachbuch von ihm, das bei Ullstein erschien.

Seine neueren Romane, in denen er versuchte, die verschiedenen »Serien«, die er im Verlauf der Zeit geschrieben hatte, irgendwie zusammenzufassen, fand ich schlapp. Danach las ich nichts mehr von Asimov. Ab Mitte der 80er-Jahre fand ich andere Science Fiction wesentlich spannender; John Shirley und William Gibson verfassten Romane zwischen Punkrock und Science Fiction, und das fegte mich geradezu um.

In jüngster Zeit, also Jahrzehnte später, griff ich zu einigen der Asimov-Kurzgeschichten. Die Ideen fand ich immer noch gut, sie waren zu ihrer Zeit wegweisend. Der Autor schrieb keine ausgefeilten Charaktere, ihm ging es um die Ideen. In der heutigen Zeit wirken manche seiner Geschichten deshalb antiquiert; ich erkenne aber noch sehr gut, warum sie mich damals so beeindruckt haben.

Der Autor wäre also jetzt hundert Jahre alt. Er hat die Science Fiction geprägt, er hat mich als Leser beeindruckt. Vielleicht sollte ich die klassischen Robotgeschichten noch einmal alle lesen …

02 Januar 2020

Mein erstes Impressum

Es ist jetzt vierzig Jahre her, seit ich mein erstes Fanzine in die Druckerei schickte. Wobei es keine Druckerei war, sondern ein Kopierladen in Hannover, zu dem einer meiner Science-Fiction-Brieffreunde besonders gute Beziehungen unterhielt – deshalb konnte er dort preisgünstig kopieren und heften lassen.

Ende Januar 1980 erschien die erste Ausgabe meines Fanzines SAGITTARIUS. Ich war gerade einmal 16 Jahre alt und glaubte, vor einer großen Karriere als Science-Fiction-Schriftsteller zu stehen.

Ich riskierte eine Auflage von hundert Exemplaren, was damals für ein neues Fanzine völlig in Ordnung war, sowie einen Umfang von 48 Seiten, was ebenfalls normal war. Davor hatte ich Preise vergleichen, Portokosten zusammengezählt und vor allem die Druckerei mit eingerechnet. Viele andere Kosten ignorierte ich bewusst, weil ich davon ausging, dass ich sowieso viele Briefe schreiben würde.

Der Preis von 2,80 Mark war nicht kalkuliert, sondern orientierte sich einfach an dem, was andere Fans für ihre Hefte wollten. Mir war schon damals bewusst, dass ich einen gewissen Teil nicht verkaufen, sondern als Belegexemplare verschenken und einen weiteren Teil mit anderen Fanzinemachern tauschen würde. Aber ich hatte die Hoffnung, nach der Erstausgabe bald eine höhere Auflage bei Folgenummern drucken und veröffentlichen zu können.

(So kam es dann ja auch. Die Nummer 6/7 ließ ich 800-mal drucken, was schon ziemlich wahnwitzig anmutete. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.)

Blättere ich das Heft heute durch, kommt mir vieles sehr fremd vor. Ich erkenne die Begeisterung eines jungen Science-Fiction-Fans, gepaart mit einer Prise von Großkotzigkeit. Aber das war ebenfalls normal für Fanzinemacher in jenen Tagen, würde ich heute sagen …

Tante Polly machen coole Musik

Keine Ahnung, wieso jemand auf die Idee kommt, die Musik von Tante Polly als Jazz zu bezeichnen – aber das hat sicher jemand fixiert, der sich besser mit Musik auskennt als ich. Für mich ist das, was die Band aus Hamburg macht, originelle Popmusik mit allerlei Einflüssen von Jazz über Schweineorgel-Rock bis hin zu Liedermacher-Sound, das Ganze mit schönen und skurrilen Texten in deutscher Sprache garniert.

Die Platte »Herzkotze« ist schon einige Jahre alt, gefällt mir aber immer noch. Man kann sie nicht als »richtigen« Tonträger kaufen, was ich bedauerlich finde; so etwas hätte ich ja gern als Langspielplatte im Regal. Aber bei Bandcamp steht sie komplett zur Verfügung, und ich höre sie dort wirklich gern an, nicht nur einmal, sondern mehrfach hintereinander.

Das Klavier klimpert, der Sänger hat eine herzzerreißende Stimme, die Texte behandeln alltägliche Szenen mit einem schrägen Blick, dann setzen Streicher oder ein Akkordeon ein, und es kommen andere Instrumente hinzu – so ist der Aufbau mancher Stücke. Die Lieder wirken manchmal verloren, und man kann sich den Sänger vorstellen, wie er in einer verrauchten Bar steht und vor einem spärlichen Publikum vom Saufen, vom Leben, von der Lüneburger Heide und verlorenen Träumen singt.

Ach egal – die Band ist eigenständig genug, als dass Genre-Grenzen wirklich wichtig wären. Meinetwegen darf man sie auch in die Jazz-Schublade stecken ... »Herzkotze« ist nicht nur ein starker Titel, sondern insgesamt eine starke »Platte«. (Veröffentlicht bei Off Ya Tree Records.)