30 November 2011

Der Kommissar als Antisemit

Die Romane um den vor allem in Paris, aber auch in ganz Frankreich ermittelnden Kommissar Maigret wurden vor allem in den dreißiger Jahren geschrieben. Antisemitische Vorurteile waren zu dieser Zeit nicht nur in Deutschland üblich; auch Georges Simenon, der Autor der Maigret-Romane, hielt nicht viel von Juden. Dem eigentlich spannenden Roman »Maigret und der Verrückte von Bergerac« verleiht das eine unangenehme Note.

Eigentlich will Maigret in diesem Roman einen gemütlichen Urlaub in der Dordogne verbringen, also in Südfrankreich. Doch dann wird er im Zug in einen seltsamen Fall verwickelt, in dessen Verlauf er angeschossen wird. Die nächsten Wochen verbringt er in einem Krankenbett der Kleinstadt Bergerac.

Dort treibt ein Mörder sein Unwesen, der Frauen überfällt und umbringt. Man glaubt, es handle sich bei ihm um einen Verrückten – und Maigret beginnt, sich in die Ermittlungen einzumischen. Das ist nicht einfach bei einem Mann, der sich nicht aus dem Bett bewegen kann und anfangs sogar selbst als Mörder verdächtigt wird ...

Der Roman ist wieder einmal ungewöhnlich von der Struktur her, zugleich spannend bei der Ermittlungsarbeit. Klischees über Juden, ihr Verhältnis zu Geld oder zu ihrer Familie nerven gelegentlich. Sie sind aber nicht handlungstragend und können getrost überlesen werden.

Ich finde es richtig, dass diese Klischees im Buch geblieben sind und nicht einer politischen Korrektheit zum Opfer gefallen sind: Simenon schrieb seine Romane zu einer Zeit, als derartige Klischees und Denkweisen weit verbreitet waren.

So bleibt unterm Strich: Die Maigret-Romane fesseln mich jedes Mal aufs neue – und ich verzeihe dem Kommissar sogar eine völlig unverzeihliche Denke.

Kommentare:

Frank Böhmert hat gesagt…

Oh, das ist interessant. Liest du die aktuelle Neuausgabe? Ich habe den Roman nämlich in einer älteren Ausgabe gelesen und kann mich an nichts Auffälliges erinnern. Vielleicht haben sie das bei mir ja rausredigiert. Oder ich habe das einfach gleich als Zeitgeist abgehakt und wieder vergessen. Der VERRÜCKTE müsste ja aus den 30er Jahren sein, wenn ich das richtig im Kopf habe.

My. hat gesagt…

Die "unangenehme Note" kommt nicht von dem Roman, sondern von seinem Leser. Der Deutsche im Großen und Ganzen tut sich schwer, mit der Vergangenheit abzuschließen (was nicht heißt, sie zu vergessen) und an der Zukunft (u.a. einer gemeinsamen mit Juden, Moslems und Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften) zu arbeiten. Wenn es heute um Juden in Deutschland geht, dann kommt alles, was vernünftig wäre zu kurz; was auch der weltweit wohl einmaligen Einrichtung eines Zewntralrats der Humorlosigkeit zu verdanken ist. Und alle gemeinsam arbeiten exklusiv in Deutschland immer wieder und immer fein daran, die Juden zu einem Volk zu machen - wie es die Deutschen, Franzosen, Italiener, Amerikaner usw. sind, völlig vergessend, dass kein Jude einen jüdischen Reisepaß wird vorweisen können, weil es kein Land gibt, das solche vergäbe. (Und israelische Pässe sind keine jüdischen; es gibt auch israelische Christen und Moslems, wie wir wissen.)

My.

Enpunkt hat gesagt…

Der Roman enthält keinen Judenhass oder dergleichen, sondern bringt immer wieder Klischees zum Vorschein: Juden verhalten sich so und so, Juden haben kalte Füße, Juden halten zusammen ... solche Aussagen eben. In einer Szene geht Maigret einen Mann an, er sähe aber nicht sehr semitisch aus. Richtig schlimm ist das alles nicht, aber es wird mir unwohl bei der Lektüre.

Und Michael hat recht: Dieses unangenehme Gefühl kommt vom Leser, also von mir. Wobei ich's auch doof fände, wenn in einem Roman ständig stünde, der Franzose an sich sei so oder so ...