21 März 2018

Unterwegs mit Beate

Aus der Serie »Dorfgeschichten«

Beate und ich waren beste Freunde. Wir gingen jeden Morgen miteinander los, oft hielten wir dabei Händchen. Wir spazierten den Weg hinauf, in dem wir beide wohnten; meist holte sie mich unterwegs ab, weil sie zwei Häuser weiter weg wohnte. Dann überquerten wir die Hauptstraße an der Bushaltestelle, gingen den Weg hinunter, vorbei am Backhäusle, bis wir den Kindergarten betraten. Wir waren fünf oder sechs Jahre alt, und der Kindergarten war keinen Kilometer von uns entfernt.

Ihre Schwester ging schon in die Schule, immerhin bereits in die zweite Klasse, und darauf war Beate sehr stolz. So wunderte es mich nicht, dass sie eines Tages einen spannenden Vorschlag hatte: »Wir besuchen meine Schwester.«

Der Kindergarten schloss am Nachmittag seine Pforten, es war ein richtig schöner Tag, und wir gingen nicht nach Hause, sondern in die andere Richtung: den Weg hinunter, den Talweg links, dann den Berg hoch und durch das Muggengärtle. In der Schule war niemand mehr – kein Wunder, es war nachmittags.

Die Frau des Hausmeisters kannte mich von der Kirche her, und sie schickte uns heim. Aber spontan gingen wir an der Schule vorbei und in Richtung Wald. Dort schauten wir uns alle möglichen Dinge an und spazierten kilometerweit am Waldrand vorbei, bis wir an die Lautermühle kamen. Von dort bummelten wir langsam über die Wiesen zurück zum Dorf.

Es gab unglaublich viel zu entdecken unterwegs. Wir hatten viel Freude bei unserem Spaziergang, lachten viel, hielten uns auch oft an der Hand. Für uns Kindergartenkinder war es ein unglaubliches Abenteuer.

An der alten Dorfschule stoppte uns Beates Vater. Er war mit seinem Auto kreuz und quer durchs Dorf gefahren, auf der Suche nach uns. Auch mein Vater war – wie ich später von meiner Mutter erfuhr – mit dem Auto unterwegs. Das halbe Dorf schien in Aufruhr zu sein, wie sich später zeigte.

Beates Vater schrie uns an, wir verstanden nicht einmal, wieso er das tat. Dann bugsierte er uns ins Auto und fuhr uns nach Hause. Ich bekam von meinem Vater später den Hintern verprügelt, und irgendwann an diesem Abend schien ich auch zu verstehen, was wir tatsächlich falsch gemacht hatten.

Beate und ich waren – aus Sicht der Eltern – aus dem Kindergarten verschwunden und nicht nach Hause gekommen. Dass Kinder trödelten, war normal. Dass sie nach zwei Stunden immer noch nicht daheim waren, galt sogar in den 60er-Jahren nicht als normal. Aus Sicht der Erwachsenen war die Tracht Prügel also völlig korrekt.

Aber ich vergaß nie das spannende Abenteuer, das wir zwei erlebt hatten: allein in Wald und Wiese unterwegs, in einem – aus unserer Sicht – riesigen Gelände, das nur darauf wartete, dass man es erforschte.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

schön! :-)

RoM hat gesagt…

Dia dhuit, Klaus.
Die eigene Welt als großes Entdeckungsabenteuer - Astrid Lindgren hatte zu der Zeit bereits allerlei Geschichten darüber geschrieben.
Bei der berechtigter Sorge Eurer Eltern, eigentlich hätten sie froh darüber sein können, dass Ihr nur auf Entdeckungsreise ward. Ermahnung, Standpauke ok. Ein strammgezogener Hosenboden spricht eigentlich mehr von Hilflosigkeiten.

Gut - heutzutage würden Heli-Eltern gleich die GSG-9 anfordern...

bonté