11 Oktober 2021

Akne Kid Joe aus Nürnberg

Drei Männer und eine Frau aus Nürnberg machen Punkrock – und mit ihrer aktuellen Platte »Die Jungs von AKJ« gefallen mir Akne Kid Joe richtig gut. Es ist nicht die erste Platte der Band, die es seit 2016 gibt, aber tatsächlich die erste, die ich mir richtig anhörte.

Musikalisch gibt’s Deutschpunk mit einer im Hintergrund herumpfeifenden Orgel und gelegentlich eingeblendeten Effekten anderer Instrumente. Die Stücke werden nicht durchgebolzt, es gibt Breaks und Tempowechsel, unterm Strich sind sie also recht abwechslungsreich. Das klingt nicht unbedingt nach dem ruppigen Deutschpunk der frühen 80er-Jahre, sondern manchmal wie die intellektuelleren Bands dieser Richtung, die man vor allem in den Nuller-Jahren zu Gehör bekam.

Der Gesang ist eher hektisch, wirkt oft absichtlich überreizt. Mann und Frau singen abwechslungsreich, oft atemlos, oft voller Sarkasmus über die aktuelle Weltsituation, meist rhythmisch und weniger melodisch. Die Band ist weit entfernt vom Pop-Punk, entsagt sich jeglicher Emo-Weinerlichkeit und verzichtet auf Metal-Einflüsse; von daher ist das schon Deutschpunk, wie man ihn aktueller kaum spielen und singen kann.

Das liegt auch an den Texten, die ich sehr gelungen finde. In »Gestern, heute, morgen« entwirft die Band das sarkastische Porträt einer positiven Welt, mit klaren Aussagen wie »Trotzdem träume ich von 7 Tagen Anarchie« oder dem kritischen Blick auf die aktuelle Gesellschaft wie in »Die Hochzeit von meinem Cousin«. In »Wieso?!« gibt’s einen zeitaktuellen Blick auf die Szene der Coronaleugner, in die sich sogar Leute aus der Punk-Szene verirrt haben.

Sarkastisch wird zudem über Auswüchse der Musikkultur gesungen, wenn beispielsweise der »Rock im Park« ironisch abgefeiert wird, ebenso wird in »Mein eigenes Café« der Versuch verspottet, sich im Kapitalismus das »eigene kleine Ding« aufzubauen. Die Band hat die eigenen Widersprüchlichkeiten im Blick, das finde ich positiv.

Musikalisch gefällt mir der rotzige Sound der Band schon gut, doch vor allem textlich finde ich Akne Kid Joe sehr gelungen. Lohnenswerte Platte!

10 Oktober 2021

Unfassbar lustige Zwischenrufe

Es ist ein eingespielter Ablauf: Ist die Band mit ihrem Auftritt fertig, geht sie von der Bühne. Das Publikum schreit dann – je nach Begeisterung – eifrig »Zugabe« und dergleichen, und nach einiger Zeit kommt die Band wieder auf die Bühne und spielt die gewünschte Zugabe. Manchmal kann die sogar besser sein als der gesamte Auftritt zuvor.

In den 80er-Jahren hatten wir in unserem Jugendzentrum alle Arten von Konzerten. Es spielten auch Blues-Bands, die ein spezielles Publikum anzogen: »Freaks« aus der Region, die sehr lustig waren und gern mal ein wenig bekifft aufs Konzert kamen. Sie waren originell und riefen nicht »Zugabe« – das war ihnen zu schnöde. Sie riefen eifrig »Bluesgabe«, was sich eh gleich anhört.

Wer besonders lustig sein wollte, rief übrigens »Flughafen«. Es wurde viel gelacht bei diesen Konzerten. Aber wenn ich an manchen herzigen Humor aus den 80er-Jahren denke, kann ich nur den Kopf schütteln.

Bei den Punkrock- und Hardcore-Konzerten, die ich in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre in Weltstädten wie Schorndorf, Geislingen, Göppingen oder Nagold besuchte, setzte sich das Schreien von »Weiter« durch. Da wir allesamt Schwaben waren, klang das eher nach »Weider«.

Unvergessen der Abend, an dem eine italienische Band konsterniert war, als aus dem Publikum ganz ordinär nach einer »Zugabe« verlangt wurde. »You have to shout ›weider‹!«, forderte der Sänger.

Zum Humor der 80er-Jahre zählten auch Zwischenrufe. Wer lustig sein wollte, rief bei einem Punk-Konzert gern mal »Schneller, lauter, härter!«, was eher aus dem Metal-Bereich kam. Ein besonders lustiger Typ rief bei den Konzerten auf der Schwäbischen Alb und in irgendwelchen Schwarzwald-Kleinststädten gerne »Spielt doch mal was von Paul Anka« und fand sich dabei wohl besonders komisch.

Seien wir ehrlich: Der Witz erschließt sich mir heute nicht mehr. Er hat sich damals wohl auch niemandem sonst erschlossen. Der Typ war offensichtlich ein Trottel mit Geltungsbedürfnis, dem das brave »Weider! Weider!« nicht genügte.

Kleiner Nachtrag: Der unfassbar lustige Trottel war übrigens ich.

08 Oktober 2021

Die Monsters und das Peterle

Wenn Joachim Hiller, der Herausgeber des »OX«-Fanzines, und ich über meinen Fortsetzungsroman »Der gute Geist des Rock’n’Roll« kommunizieren, reden und schreiben wir oft nur über »Peterle«. Joachim fragt dann beispielsweise »was macht denn gerade Peterle?«, was ein höflicher Hinweis auf den Abgabetermin ist, oder ich schreibe beispielsweise »Peterles nächstes Abenteuer kommt zum Ende der Woche«.

In der aktuellen Ausgabe des »OX«-Fanzines, der Nummer 158, bin ich wieder mit meiner Fortsetzungsgeschichte vertreten. Es ist Folge 33 – und sie spielt vor allem im Büro-Alltag, wie er sich in der Mitte der 90er-Jahre darstellte. Ich erzähle ein wenig von informellen Hierarchien in Verlagen, wie sie damals üblich waren und es heute wohl auch sonst noch an vielen Stellen so sind.

Das mag wenig mit Punkrock zu tun haben, passt aber zur Figur. Um Geld zu verdienen, hat sich Peter Meißner, der Held des Romans, nämlich in einem Verlag verdingt, der ein kostenloses Wochenblatt herausgibt. Dort arbeitet er als jemand, der Texte abtippt und in ein schlichtes Layout bringt. (Das ist nicht das, was ich bei Zeitungen gemacht habe. So weit gehen die Ähnlichkeiten zwischen mir und meiner Romanfigur dann doch nicht.)

Ach ja: The Monsters sind eine Band. Und ich finde das Titelbild dieser Ausgabe ausgesprochen … ähm … hübsch.

Hexensabbat auf der Insel der Mönche

Es ist eine verwirrende Szenerie, auf die sich der Journalist und Dämonenjäger Dorian Hunter einlässt: Seine ehemalige Geliebte Coco Zamis ist offenbar zu den Bösen übergelaufen und will den Anführer der sogenannten Schwarzen Familie heiraten. Rings um ihn ist sein bisheriges System zusammengebrochen, und verzweifelt versucht Hunter herauszubekommen, welche Machenschaften die Dämonen betreiben …

Soweit der Hintergrund für das Hörspiel 44 der Serie »Dorian Hunter«. Diese Hörspielumsetzung der klassischen Heftromanserie »Dämonenkiller« finde ich immer noch großartig, und die aktuelle Folge bildet da keine Ausnahme. Das Team von Zaubermond Audio setzt auf knallige Dialoge und starke Geräusche.

Diesmal spielt die Handlung in den Klostern auf der griechischen Insel Athos. Dort leben Mönche, dort gelten spezielle Regeln, und deshalb ist es für die Dämonen besonders interessant, sich dort einzunisten. Wie Hunter hier ermittelt, wie er versucht, hinter die Geheimnisse der Schwarzen Familie zu kommen, und wie sich langsam die Hintergründe entschlüsseln, das ist alles spannend gemacht.

Dabei lässt diese Hörspielfolge nichts aus: Sex und Folter, harte Gewalt und knallige Überraschungen. Hörer wie ich, die die Originale nicht kennen, sind auf jeden Fall am Ende reichlich verblüfft und warten dann gespannt auf die Fortsetzung.

Klar, das ist nur für die Fans der Serie verständlich. Wer sich im Universum von »Dorian Hunter« überhaupt nicht auskennt, wird aber zumindest erkennen, wie gut das alles gemacht ist …

07 Oktober 2021

Abdulrazak Gurnah aus Tansania

Das ist mal eine Überraschung! Wieder haben die Schweden keinen der bekannten und oft genannten Namen aus dem Hut gezogen, als es darum ging, den diesjährigen Literaturnobelpreis zu vergeben. Leider wurde es wieder nicht Margaret Atwood aus Kanada, erfreulicherweise wurde auch nicht Martin Walser aus Deutschland ausgezeichnet – das sind zwei der Namen, die man in diesem Zusammenhang gelegentlich liest.

Der Preis geht an Abdulrazak Gurnah. Der Autor wurde in Tansania geboren, er lebt in Großbritannien. Hierzulande erschien sein Werk zumeist in kleinen Verlagen – einmal immerhin bei Krüger – und ist überall vergriffen. Ich habe von ihm also noch keine Zeile gelesen.

Mir sagte auch der Name nicht, obwohl ich Ende der 90er-Jahre einige Wochen durch Tansania reiste. Ich kaufte mir damals sogar ein wenig einheimische Literatur, mir blieb aber nur ein Buch über den Krieg zwischen Tansania und Uganda in Erinnerung. Den Autor verpasste ich offenbar.

Nach allem, was ich heute über Gurnah mitbekommen habe, ist der Autor, bei dessen Werk ich auf die Übersetzungen gespannt bin. Das klingt so, als wäre es lesenswert. Und so freue ich mich darüber, dass jemand gewonnen hat, auf den sich so ein Stück mehr Aufmerksamkeit richtet.

Als Neurosis noch punkig waren

Ich erinnere mich noch gut an den Abend, an dem ich Neurosis zum ersten Mal sah: irgendwann in den 90er-Jahren in Berlin im SO 36. Neurosis waren live eine eindrucksvolle Band, die viel mit ihrem Bühnenbild arbeitete und einen sehr intensiven Sound lieferte. Danach aber spielten Youth Brigade, und ich hüpfte herum wie ein Teenager – das war dann doch der Sound, den ich mehr mochte.

Höre ich mir heute die zweite Platte von Neurosis an, die »The Word Is Law« aus dem Jahr 1990, stelle ich fest, dass das immer noch so ist. Die kalifornische Band war damals recht punkig, die Musiker spielen auf dieser Platte einen eigenständigen und ruppigen Hardcore-Sound mit Breaks und gelegentlichem Gebrüll, mit Andeutungen von Melodie und prügeligem Schlagzeug.

Das kann ich mir heute immer noch anhören, es packt mich aber nach wie vor nicht so. Diese Platte geht mir einfach nicht so leicht ins Ohr, passt aber zum Sound des Hardcore-Jahres 1990.

Die Band entwickelte sich danach weiter, weg vom klassischen Hardcore, hin zu etwas, das man vielleicht als Post-Hardcore oder sonst etwas bezeichnen mag, das mir aber auch nicht mehr gefallen konnte. »The Word Is Law« war 1990 vergleichsweise modern, aber von einer Modernität, mit der ich immer ein wenig fremdelte und die mir auch heute ungewohnt vorkommt.

Als Zeitdokument ist die Platte noch lohnenswert. Betrachte ich sie als eigenständiges Werk, finde ich sie nicht ansprechend.

06 Oktober 2021

Maskenlos durch den Tag

Als ich die Bäckerei betrat, setzte ich – wie in einem Reflex – die Mund-Nase-Maske vors Gesicht. Diese Bewegung war mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich sie schon unbewusst machte. Auf die Frau, die hinter mir in der Warteschlange stand, achtete ich nicht.

Eine der Verkäuferinnen hinter dem Tresen bediente mich. Ich bestellte Brötchen und Brezeln, wie man das in einer Bäckerei eben so macht. Dann kramte ich meinen Geldbeutel aus der Hosentasche und legte einen blauen Schein auf den Tresen.

Die andere Verkäuferin sprach die Frau an, die nach mit in die Bäckerei gekommen war. »Sie müssen eine Maske aufsetzen.« Ihr Tonfall war sehr höflich, sie hatte einen Akzent, den ich als »russisch« betrachtet hätte.

Erst da erkannte ich, dass die Frau neben mir keine Maske trug. Aus Reflex trat ich einen Schritt zur Seite.

Die Frau neben mir lächelte. »Ich habe eine Maskenbefreiung«, sagte sie bereitwillig und griff nach ihrer Tasche, begann mit einer Hand darin zu suchen.

»Nein, nein.« Die Verkäuferin winkte ab. »Ich glaube Ihnen. Aber eigentlich …«

»Ja, schon, aber …« Die Frau lächelte erneut und nahm ihre Hand aus Tasche.

Ich war mit dem Bezahlen und dem Verstauen des Wechselgeldes fertig, verabschiedete mich und ging. Vor der Tür nahm ich im Reflex meine Maske herunter und verstaute sie in der Jackentasche. Ein kühler Wind ging, ich schloss die Jacke und trat zu meinem Fahrrad.

Hätte ich mich in der Bäckerei einmischen sollen? Hätte ich auch etwas sagen müssen? Oder war es besser, dass ich die Klappe gehalten hatte?

Ein Nicht-Roman über die Zeit der Hippies

Als ich anfangs der 80er-Jahre den Roman »Trip Generation« las, fand ich ihn großartig; man kann sagen, dass er mein Schreiben mit beeinflusst hat. Seither hielt ich den Roman nicht mehr in den Händen – außer beim Umziehen –, aber ich behielt ihn in guter Erinnerung. Als ich feststellte, dass der Autor Tiny Stricker in einer Werkausgabe bei p.machinery vorgestellt wird, interessierte mich das so, dass ich mir den Roman »Unterwegs nach Esssaouira« kaufte.

Aber ist das wirklich ein Roman? Schon während der Lektüre wachsen die Zweifel … Das Werk spielt um 1970 herum – zumindest lassen sich einige Szenen genau auf diese Zeit festlegen, weil eine Schallplatte erwähnt wird, die in diesem Jahr aufgenommen worden ist. Aber schon das ist unwichtig, denn die Geschichte fließt … mal hin, mal her.

Es geht um eine Gruppe von Hippies, vor allem um einen, der immer nur mit H. abgekürzt wird und hinter dem sich wohl der Erzähler Heinrich Stricker – genannt »Tiny Stricker« – verbirgt. Man lungert in München herum und musiziert, man reist nach Spanien und treibt sich auf den Inseln herum, man steuert Marokko an und hängt in der Hippie-Enklave Essaouira ab.

Die Handlung des Romans kommt fast ohne Dialoge aus, die Szenen werden nur angerissen. Manchmal liest sich das Ganze wie eine Vorlage zu einem riesigen Romanzyklus; unglaubliche Geschichten werden in nur wenigen Sätzen angedeutet und würden – könnte man sie entsprechend ausformulieren – packende Romane ergeben.

Lässt man sich auf »Unterwegs nach Esssaouira« ein, was recht schnell gelingt, nimmt man an diesen Reisen zum Ende der 60er-Jahre teil. Die Musik, die Drogen, das Reisen, das Lebensgefühl – mir blieb vieles fremd, und trotzdem entfaltete sich eine große Faszination. Ich erkannte mehr von dem, was die Hippies in ihrem Leben suchten und teilweise auch fanden.

Und das ist dann spannend! Auch wenn »Unterwegs nach Esssaouira« sich den Kategorien eines Romans verweigert und sich eher als eine Mixtur aus Exposé, Reisebericht und fragmentierten Tagebuch erweist. Ich vermute, ich werde mir auch weitere Bücher von Tiny Stricker besorgen.

05 Oktober 2021

Comic über den frühen Punk

Auch wenn man heute aus guten Gründen über manche der frühen Punk-Helden lästern mag – als 1976 die ersten Punkrock-Bands loslegten, kam das einer Erschütterung in der Musikwelt gleich. Mit den Jahren 1976 bis 1979 beschäftigten sich seither zahlreiche Filme und Bücher, auch einige Comics entstanden im Verlauf der Jahre. Unter dem Titel »Sex Pistols – die Graphic Novel« ist nun ein Hardcover-Band im Panini-Verlag erschienen, der die wohl bekannteste Punk-Band jener frühen Tage ins Zentrum rückt.

Die Sex Pistols waren weder die erste noch die beste Band, die diese Art von Musik spielte. Mit ihrer Art des Auftretens und ihrer Vermarktung waren sie aber die bekannteste, und sie gelten bis heute als wegweisend. Das liegt nicht unbedingt an ihrer Musik – so viele Stücke hat die Band ja nicht aufgenommen –, die heute vergleichsweise behäbig klingt, sondern vielmehr daran, wie sich die vier jungen Engländer inszenierten.

Das alles zeichnet der Comic nach: die ersten Treffen, die ersten Konzerte, der legendäre Auftritt mit »God Save The Queen« auf der Themse, während das ganze Land feierte, das Feilschen mit den Plattenfirmen, der Hass der Allgemeinheit, später dann die Drogen und das traurige Ende. Echte Fehler wird auch ein Experte wohl kaum finden, der Comic reißt vor allem die entscheidenden Szenen in der Laufbahn der Band heraus und gruppiert sie quasi neu.

Seien wir realistisch: Wer keine Kenntnisse über die Bandgeschichte hat, wird diesen Comic kaum verstehen. Jim McCarthy erzählt fragmentarisch; seine Geschichte spring von Element zu Element. Sie ist zwar chronologisch, aber wer nicht weiß, warum einige Bandmitglieder nach Brasilien reisten, während ein anderes Bandmitglied in New York an der Nadel hing, kann die Zusammenhänge nicht richtig einordnen.

Die Bilder wiederum sind gelungen; die späten 70er-Jahre mit ihren Klamotten und Autos wirken glaubhaft. Steve Parkhouse benutzt eine schöne Mischung aus realistischen Zeichnungen mit leicht komischem Anstrich; sonderlich »punkig« ist das allerdings nicht.

Das »Sex Pistols«-Buch ist gut, keine Frage, aber es ist eigentlich nur Leuten zu empfehlen, die mit der Punkrock-Geschichte gut vertraut sind. (In den 90er-Jahren erschien im amerikanischen Revolution Verlag das Heft 14 der »Rock’n’Roll-Comics«, das ebenfalls die Sex Pistols ins Zentrum stellte – das fand ich damals um Längen besser.) Wie immer ist das eine Geschmackssache – ich empfehle deshalb den Blick auf die Internet-Seite des Panini-Verlages.

Der hundert Seiten starke Hardcover-Band im Comic-Kleinformat kostet 19,00 Euro und kann mithilfe der ISBN 978-3-74162172-7 überall im Comicfach- sowie im Buchhandel bezogen werden.

04 Oktober 2021

Broilers mit Stadion-Punkrock

In den vergangenen Jahren haben sich die Broilers aus Düsseldorf – die in den 90er-Jahren mit Oi!-Punk anfingen – zu einer bundesweit aktiven und beliebten Band entwickelt, die in großen Hallen und Stadien auftritt. (Wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht, schon klar.) Mit der Platte »Puro Amor«, die im Frühjahr 2021 veröffentlicht wurde, hat sich der Weg der Band fortgesetzt.

Musikalisch bewegt man sich immer mehr in Richtung der Toten Hosen. Das meine ich nicht negativ, die Band weiß, was sie tut. Die Stücke sind schmissig, sie sind häufig immer noch punkrockig genug, weisen teilweise starke Melodien auf und werden durch gelegentliche Liedermacher-Anleihen einerseits und Ska-Einschübe andererseits aufgelockert. Das ist natürlich weit entfernt vom »echten« Punk, und wer die Band deshalb als Kommerz-Punk beschimpfen mag, hat damit sicher nicht komplett unrecht.

Die »Puro Amor« ist gut, keine Frage. Ich hörte mir die Vinylscheibe – das Textblatt ist richtig schön gestaltet – nicht nur einmal hintereinander an und fand sie dabei nicht langweilig. Es ist kein Sound für die Straßenschlacht, auch kein Sound für einen knalligen Pogo – aber es ist gut gemachte Rock-Musik mit einem schweren Punk-Einschlag, die man sich gut in der »Indie-Disco« oder bei einem großen Festival anhören kann; es gibt genügend Möglichkeiten, bei einigen Stücken sehr laut mitzusingen.

Bei den Texten hat sich die Band eine schöne Eigenironie bewahrt: »Wir bleiben die, die wir waren / Jugendliche von 40 Jahren« heißt es beispielsweise. Man weiß offensichtlich, wohin man sich entwickelt hat, möchte das aber auch nicht missen.

Ich finde die Broilers in der jetzigen Phase gut; der Weg hin zum Stadion-Punkrock ist halt nicht ganz so meine Tasse Bier.

03 Oktober 2021

Voller Lebensfreude

Die Stadt brodelte an diesem Samstagmittag vor Lebensfreude. Die Sonne schien, es herrschten spätsommerliche Temperaturen, und Heerscharen von Menschen waren auf den Straßen unterwegs. Es schien, als sei Corona wirklich komplett überwunden, so locker und ungezwungen bewegten sich die meisten. Nur an den Menschen, die in den Straßencafés bedienten und die ihre Mund- und Nase-Masken trugen, erkannte man, dass die Pandemie noch lange nicht besiegt war.

Es war ein Tag, der nach Normalität roch, nach einem Leben vor den Beschränkungen. Ich genoss es, mich zwischen den Leuten zu bewegen, mein Fahrrad zwischen Passanten hindurchzusteuern und die Sonne auf meinem Kopf zu spüren. Fast hätte ich mich in Sorglosigkeit gewiegt – aber dafür ist es für meinen Geschmack doch zu früh. Von größeren Gruppen hielt ich mich nach wie vor fern.

Aber was für ein Vergleich zur Situation im Frühjahr 2020! Die Innenstadt war im April und Mai 2020 fast menschenleer. Ich fuhr nur selten mit dem Rad in diese Richtung, nahm lieber die Strecken weg von der Stadt. Die Innenstadt wirkte, als sei sie ausgestorben, die meisten Leute hielten sich daheim auf.

Mag sein, dass die aktuelle Euphorie übertrieben ist. Trotzdem empfand ich es als positiv, so viele gutgelaunte Menschen in den Straßen zu sehen. Ich mag es, in Karlsruhe zu leben, und ich mag es, wenn die Stadt lebendig wirkt – nicht ausgestorben und in Angst!

02 Oktober 2021

Positive Science Fiction?

Noch habe ich mein Ziel nicht aufgegeben, einige Kurzgeschichten und Erzählungen in diesem Jahr zu schreiben. Ein Thema, an dem ich gern weiterarbeiten möchte: positive Sciende Fiction. Ich habe die Nase voll davon, immer nur negative Dinge über eine potenzielle Zukunft zu lesen – auch wenn die leider viel zu naheliegt. Deshalb möchte ich eine Science-Fiction-Erzählung verfassen, die unterm Strich positiv ist.

Sagen wir es so: Es fehlt nicht am Material. Noch ist es möglich, unsere Gesellschaft so zu verändern, dass sie überleben kann. Sie wird nicht mehr so aussehen wie unsere heutige Gesellschaft – ich werde sicher nicht mehr mit einem Auto durch die Gegend fahren können, das mit Diesel betankt wird. Aber das muss ja nicht unbedingt negativ sein.

Mal schauen, was bei diesem Selbst-Experiment herauskommt. Derzeit hapert es ja vor allem an der Zeit: Wer sich den ganzen Tag lang mit der Zukunftsvision beschäftigt, die sich in einer Romanserie manifestiert, hat in seiner freien Zeit manchmal »zu wenig Hirn frei«, sich eigene Gedanken zu eigenen Ideen zu machen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf!

01 Oktober 2021

Wie ich fünf Euro für Pur bezahlte

Aus der Serie »Erinnern an Konzerte«


In den Nullerjahren packte die Stadtverwaltung von Karlsruhe wieder einmal der Größenwahn. Es genügte nicht, eine »kleine Großstadt« zu sein, man wollte unbedingt höhere hinaus. Dazu gehörte dann auch das Ziel, Kulturhauptstadt Europas zu werden, das allerdings gnadenlos verfehlt wurde.

Auf dem Weg dahin vergaß die Stadtverwaltung nicht die geringste Peinlichkeit. Manchmal gab es allerdings auch gute Ideen, und so pilgerten wir am Samstag, 18. September 2004, zu einem riesengroßen Kultur-»Event« in die Oststadt. Die sah damals noch nicht so aus wie heute, sondern bestand zu einem großen Teil aus einem abgewrackten Schlachthof, einem Autohaus, das ausgeschlachtet wurde, und haufenweise Dreck und Steinen.

Ein Jazz-Zelt und eine Filmvorführung, ein Pop-Zelt und haufenweise alberne Akrobaten auf der Straße: Es war alles geboten, was Deutschlehrer und alternde Studenten für Kultur hielten. Alles kostete pauschal fünf Euro, was ich für absolut in Ordnung hielt – Kultur soll schließlich auch etwas für die Leute sein, die nicht so viel Kohle in der Tasche haben –, und wer wollte, konnte sich mit politisch korrektem Döner und viel Bier die Birne abschießen.

Konsequenter-weise hatte man aus diesem Grund in das sogenannte Pop-Zelt dann genau solche Musik geholt, die sowohl junge Leute mit Piercing-Ringen und Holzkettchen als auch altersgraue Sozialpädagogen zufriedenstellten konnte. Leider konnte ich nicht so viel trinken, wie ich gebraucht hätte, um das Ganze ohne größere Schäden zu überstehen.

Zuerst langweilten Schein 23 aus Karlsruhe, so eine Art IndieRock, wobei das einzige, was an dieser auf jeglicher aktueller Welle reitender Band »independent« ist, eben die Tatsache sein dürfte, dass die Musiker noch kein Geld mit ihrer Musik verdienen. Astra Kid verpasste ich, stattdessen guckte ich mir drei Stücke von Kettcar an.

Es erwies sich als eine große Rock-Oper: Schätzungsweise tausend Leurte jubelten der Band zu, auf der Bühne waberte der Trockeneisnebel. Es ar ein weiter Weg für Markus Wiebusch: vom Deutschpunk von Die Vom Himmel Fielen über Intellektuellen-Punk mit ...but alive hin zum weichgespülten IndiePop von Kettcar.

Es war unnötig, zu viel über die Veranstaltung zu schreiben. Mir reichte es nach drei Stücken komplett. Genial war einfach der folgende Satz meiner Begleitung: »Das klingt alles wie Pur.« Gefolgt vom folgenden: »Wer Kettcar gut findet, muss auch Hartmut Engler und seine Band gut finden.«

(aus dem Enpunkt 42 vom April 2005)

30 September 2021

Der Polit-Blick aus dem Jahr 1987

Manchmal hilft es, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um die Gegenwart zu verstehen. Und manchmal ist sogar ein Blick in alte Fanzines durchaus erhellend. Ich habe in der ENPUNKT-Ausgabe 2 geblättert, die im Februar 1987 an damals 70 Personen verschickt wurde. In meinem Vorwort ging ich  auf die Bundestagswahl ein, die am 25. Januar stattgefunden hatte.

Helmut Kohl, den alle, die sich für »aufgeklärt« oder »modern« hielten, für einen Trottel oder etwas Gefährliches hielten, hatte die Wahl eindeutig gewonnen. Die CDU kam trotz aller Verluste auf 44,3 Prozent, die SPD rutschte auf 37,0 Prozent ab. Die Grünen legten auf sensationelle 8,3 Prozent zu, die FDP erreichte 9,1 Prozent. Heute kann man sich diese Zahlen ja kaum noch vorstellen.

Und was verfasste ich für ein Vorwort für die zweite Ausgabe meines Egozines ENPUNKT (dessen Fortsetzung wurde ja 20 Jahre später mein Blog)? Ich schrieb von den zwei kleinen Parteien, die sich als Sieger freuen können, von der CDU, die »auf den Sack« bekommen hat, und von der SPD, die ebenfalls abgesackt ist. Wie sich damals gehörte, warnte ich im weiteren Verlauf des Vorworts dann vor den Rechtsradikalen – aber das ist ja ein anderes Thema.

Es ist nur auffallend, wie sich die Ergebnisse von 1987 und 2021 gleichen. Nicht was die Prozentzahlen betrifft, sondern eher, was die Beurteilung angeht. Wie ich das zu bewerten habe, weiß ich allerdings noch nicht ...

29 September 2021

Zwischen Rasen und Regalen

Mit meinem Rad flitzte ich über einen schmalen Weg, ich hatte ordentlich Tempo drauf. Rechts und links von mir erstreckten sich grüne Wiesen. Wohin ich eigentlich fuhr, wusste ich gar nicht – aber es war mir im Augenblick egal.

Auf einmal musste ich anhalten, weil sich vor mir eine Sperre befand: ein rot weiß gestrichener Balken, der klar signalisierte, dass ich den Radweg zu verlassen hatte. Dahinter kam nur eine graue Wand, und es war nicht zu erkennen, wie es dort wirklich weiterging.

Spontan sprang ich mit dem Rad zur Seite und strampelte über den Rasen zu meiner Linken. Er war sehr kurz geschnitten, so dass es mir keinerlei Probleme bereitete, schnell voranzukommen. Ich machte mir auch keine Gedanken darüber, dass die Umgebung schnell wechselte.

Zwar fuhr ich immer noch auf dem Rasen, aber rechts und links von mir reckten sich auf einmal Regale in die Höhe, erbaut aus einem Metallgestänge mit Brettern, auf denen Bücher und Ordner lagerten. Ich nahm sie nur am Rand wahr, weil ich mich in dieser Umgebung unwohl fühlte, und fuhr weiter, so schnell ich konnte. Am Ende sollte ich es hoffentlich schaffen, aus diesem Labyrinth herauszukommen.

Alles um mich herum sah gleich aus. Regale, die in die Höhe ragten, Rasen auf dem Boden. Ich fuhr zwischen den Regalen herum, bog mal nach links und mal nach rechts ab, fühlte mich immer unwohler.

Dann sah ich einen Informationsschalter, der mitten im Raum stand. Hinter einem Tresen saß eine stark geschminkte Frau, die mir erwartungsvoll entgegenblickte. Direkt dahinter erkannte ich eine offenstehende Tür, die anscheinend in ein Treppenhaus führte.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und schenkte mir ein strahlendes Lächeln.

»Ich will raus hier«, sagte ich, »und zurück auf den Radweg.«

Sie deutete mit dem Daumen hinter sich. »Da geht’s lang. Einfach die Treppe hinunter, dann geht’s weiter.«

»Und mein Rad?«

»Das müssen Sie wohl die Treppe hinuntertragen.« Sie strahlte erneut. »Aber man muss ja Opfer bringen.«

Ich seufzte. »Na dann.« Ich nahm mein Rad hoch und packte die Stange auf meine rechte Schulter, während ich auf die Tür zuging. Dann wachte ich auf.

Die Verbindung aus Kunst, Science Fiction und dem Mond

Mit ihrer Ausstellung »Ticket To The Moon« stellte die Kunsthalle Krems im Jahr 2019 etwas auf die Beine, das nicht nur Kunstfreunde interessierte. Gezeigt wurden künstlerische Kommentare zur Mondladung, die sich im Sommer 2019 zum fünfzigsten Mal jährte; teilweise waren darunter auch Titelbilder von Science-Fiction-Romanen. So entstand eine bunte Sammlung, die ich leider nicht besuchte.

Aber ich nutzte die Gelegenheit, mir den im Verlag für Moderne Kunst veröffentlichten Katalog anzusehen, der von Andreas Hoffer zusammengestellt wurde. Der Katalog besteht aus zahlreichen Bildern sowie erklärenden Texten, die in deutscher und englischer Sprache abgedruckt worden sind; kein Wunder bei dem internationalen Aufgebot an Künstlern, das »Ticket To The Moon« versammelte.

Veröffentlicht wurde diese Kunstübersicht in einem schönen Format, eher quadratisch als das übliche rechteckige Hochformat. Die Bilder sind allesamt in Schwarzweiß, die Erklärungen sind recht kurz, so dass man sich als Betrachter selbst sein Urteil bilden kann. So entstand ein attraktives Buch, das zum Blättern einlädt.

Preiswert ist das Ganze nicht, die Auflage dürfte auch nicht sonderlich groß sein. Wer an einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Science Fiction seine Freude hat, sollte aber einen Blick wagen.

28 September 2021

Mail von der Sparkasse

Ich bin einigermaßen beeindruckt: Die Sparkasse Schwäbisch Hall Crailsheim schreibt mich an. »Damit Sie sich mit unserem neuen System vertraut machen«, heißt es in der Mail, die von einem französischen Mail-Anbieter verschickt worden ist.

Wer noch kein Online-Kunde ist, möge sich ganz schnell und in nur vier Schritten registrieren. Na super!, das mache ich doch gleich. Ich freue mich immer, wenn ich Post von Banken erhalte, mit denen ich noch nie zu tun hatte.

(Mal ernsthaft: Fällt jemand wirklich auf diese Phishing-Mails herein? Offensichtlich ja schon.)

Ironische Annäherung an Comic-Klassiker

René ist Alkoholiker; er hat einen Schnauzbart und eine Halbglatze. Am liebsten sitzt er in der Kneipe und säuft. Wenn er besoffen ist, träumt er vom All und schreibt Texte über irgendwelche Abenteuer, die er gern in den Tiefen der Milchstraße erleben würde. Ganz klar: Wir haben es mit einem Science-Fiction-Fan zu tun, der gerne professioneller Schriftsteller wäre – ich erkenne mich in solchen Szenen natürlich gleich wieder.

Doch dann taucht ein gewisser Albert auf, in Begleitung von drei seltsamen Außerirdischen, und eröffnet ihm, dass er in Wirklichkeit ein Raum-Zeit-Agent namens Valerian sei. Er müsse aufbrechen, um das Universum vor einer großen Gefahr zu bewahren ...

So beginnt »Die Rüstung des Jakolass« des französischen Comic-Künstlers Manu Larcent – und dabei handelt es sich um eine streckenweise nervige, streckenweise gelungene Satire auf die Science-Fiction-Serie »Valerian und Veronique«. Ich bin Fan dieser Serie, seit ich sie in den 70er-Jahren zum ersten Mal gelesen habe, und ich habe sie schon mehrfach durchgeschmökert.

Mit der ironischen Annäherung, die Larcent betreibt, kann ich gut umgehen. Sein Held ist ein echter Trottel, der aber immer wieder über sich hinauswachsen muss. Der Humor ist manchmal grob, dann wieder echt witzig; ich musste bei der Lektüre oft schmunzeln und freute mich über manch blöde Szene.

Zeichnerisch ist Larcent natürlich weit von dem Comic entfernt, den er karikiert. Das macht aber nichts. Sein Comic ist witzig und skurril, erinnert streckenweise an die französischen Underground-Comics, die in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren in »Pilote« veröffentlicht worden sind, und ist insgesamt eine herrliche Science-Fiction-Verarsche.

Empfehlenswert!

27 September 2021

Vergleiche zu 1983

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Bundestagswahl: März 1983, Helmut Kohl trat offiziell an, nachdem er sich im Vorjahr mithilfe der FDP an die Macht gedrängt hatte. Ich ging auf ein Wirtschaftsgymnasium, und der Großteil meiner Mitschüler wollte die CDU wählen; einige waren ein wenig flippig und wollten sich für die FDP entscheiden. Ich war der einzige Juso in unserer Jahrgangsstufe.

Am anderen Gymnasium war der Großteil der Schüler für die Grünen oder die SPD, das beruhigte mich. Aber ich erkannte schnell, dass es nicht wichtig war, dass in meinem Freundeskreis die meisten eher »links« standen und sich für aufklärerisch hielten. Ein großer Teil der Jugend stand der konservativen Seite nahe.

Im Sommer 1983 erreichten die Demonstrationen gegen die geplante Aufrüstung mit Atomraketen ihren Höhepunkt, ständig gab es Demos, an denen ich als Jugendlicher teilnahm. Im Oktober 1983 war ich bei der Menschenkette dabei; es waren Hunderttausende von Menschen auf der Straße. Die Abschlusskundgebung in Ulm war so überfüllt, dass wir nicht einmal in die Nähe des Kundgebungsplatzes kamen.

Mir ging es ein wenig so, wie sich derzeit viele junge Leute fühlen dürften: Wir glaubten damals, auf der richtigen Seite zu stehen – ich glaube übrigens immer noch, dass es richtig war, gegen die Aufrüstung zu demonstrieren. Die heutigen Demonstranten glauben ebenfalls, auf der richtigen Seite zu stehen – und ich glaube es ebenfalls.

Nur waren wir damals nicht die Mehrheit, wenngleich wir das glaubten – und sie Mehrheit ist es heute ebensowenig.

So wie es 1983 richtig war, gegen die Regierung und die Atomraketen zu demonstrieren, so ist es heute wichtig, gegen die Regierung und für eine Klimapolitik zu demonstrieren. Die Lage ist nur viel ernster, scheint mir.

Das Problem ist allerdings: Die Regierenden haben sich 1983 nicht für die Demonstrationen interessiert, und sie tun es derzeit auch nicht. Ich kann die Frustration verstehen, die ich heute sehr oft in den Sozialen Medien lese.

Aber ich kann nur hoffen, dass die »Fridays« und ihre Unterstützenden nicht damit aufhören, ihren Protest auf die Straße zu tragen – jetzt erst recht und noch viel mehr!

War With The Newts auf Vinyl

Ich fand die Band live großartig und kaufte mir dann eine Platte: War With The Newts sind aus Berlin und legen auf der Bühne ein ziemliches Brett hin. Da wird gebrüllt und gesprungen, man hampelt herum und geht komplett aus sich heraus. Auf einer Platte lässt sich das nicht unbedingt so hundertprozentig wiedergeben.

Aber die »Muerte Min Amour« von 2018 funktioniert für mich sehr gut. Die Band liefert eine abwechslungsreiche Mixtur ab. Klar, das ist alles Hardcore, manchmal mit schrabbeligem Punk-Faktor, manchmal mit einem leichten Schuss in Richtung Metal oder Hardrock, sicher aber immer mit viel Energie und Spielfreude.

Die zehn Stücke haben englischsprachige Texte, die meist skurril sind und nicht so richtig ernstzunehmen. Der Sänger trägt sie mit einem manchmal sarkastischen Unterton vor, dazwischen kann auch mal gelacht werden; dann wieder wird gebrüllt. Die Band weiß, wie man Melodien setzt und wie man es moshen lässt, bollert aber manchmal auch einfach in Stakkato-Tempo durch ein Stück hindurch.

»Muerte Min Amour« ist sehr unterhaltsam und macht richtig Spaß. Eine gelungene Platte, die man sich mehrfach hintereinander anhören kann, ohne dass sie langweilt. (Ein Problem, das ich mit MelodyCore und Schunkel-Punk schließlich oft genug habe: Ein Stück ist meist super, zehn oder zwölf am Stück können langweilen.)