06 Juli 2026

Zug-Abenteuer

Wer mal so richtig was erleben will, wer mal so richtig mitkriegen möchte, auf welch vorbildliche Weise die Republik verteidigt wird, für den gibt es eigentlich nur eines: Sonntag abend mal das Auto stehen lassen und in Freudenstadt den letzten Zug Richtung Karlsruhe besteigen. Das ist der Zug, mit dem aus der kleinen Schwarzwaldstadt und den umliegenden Ortschaften einige Dutzend junger Männer mit Sack und Pack Woche für Woche in die Garnisonen in Nordbaden, Hessen oder Rheinland-Pfalz abdampfen.

Dabei geht es in Freudenstadt noch recht gemütlich zu. Nur einige wenige der jungen Männer mit den kurzen Haaren pfeifen schrill und rufen ihre Lagemeldungen über den Bahnhof und durch den Zug, geben damit zu Gehör, wieviel Tage sie noch zu dienen haben. Man setzt sich gemütlich, und dann werden ebenfalls gemütlich, ruhig und bescheiden die ersten Sechserpacks Bier aus den Taschen geholt und gleich im Dutzend niedergemacht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass manche Rationen schon den Weg vom Freudenstädter Haupt- zum Stadtbahnhof nicht überstehen.

Aber gemach! Dort steigen schließlich nochmals zwei Dutzend Bundeswehr-Soldaten ein, es kommt zu rührseligen Begrüßungsszenen (»Wieviel Tage hast du noch?« – »Was, so viel? Ist das mehr oder weniger als eine Million?«) und freundlichen Zurufen, und die nächsten Sechserpacks, Dosen und Weinflaschen werden geöffnet. Immerhin sollte bis Baiersbronn, der ersten Station im Murgtal, ein gewisser Mageninhalt vorhanden sein, denn dort steigt wieder ein Dutzend Soldaten mit neuem Reiseproviant ein, und dieses Spiel wiederholt sich von Station zu Station bis Karlsruhe.

Das soll nicht interessant sein? Ist es auch nicht, das ist ja erst der Anfang. Eine zufällig allein mit demselben Zug reisende Frau wird nicht vernachlässigt. Es gibt garantiert mindestens einen Bundeswehrsoldaten, der sich lautstark über ihr Aussehen und ihre Figur auslässt oder ihr gleich mit schwerer Zunge erzählt, dass eigentlich ohnehin nur er der Richtige sei. Dezente Hinweise ihrerseits, dass in erster Linie ein Gewehr die Braut eines Soldaten zu sein habe, verbieten sich schon aus Sicherheitsgründen von selbst.

Von Station zu Station wird die Stimmung in den Abteilen amüsanter, die ersten Lieder werden gesungen, einzelne Soldaten patrouillieren schon durch die Gänge, zeigen jedem, wie wenige Tage sie noch dienen müssen, und freuen sich über Gleichaltrige, die noch ein Jahr vor sich haben. Es kommt zu den ersten Keilereien, die ersten Büchsen fliegen quer durch die Abteile, die Musik vom Kassettenrekorder wird noch ein bisschen lauter gestellt, der Schaffner wagt sich schon gar nicht mehr in die Gänge hinein, und ab und zu geht auch mal ein Fenster zu Bruch. Hält der Zug an einer Station, fliegen die üblichen humorvollen Bundeswehrsprüche zu Wartenden hinüber, werden Frauen aus sicherer Distanz mit allerlei Eindeutigkeiten überhäuft.

Im Karlsruher Hauptbahnhof verlassen dann Dutzende von Soldaten den Zug, die einen eher still und gedrückt, die anderen lautstark pfeifend und grölend, die Flaschen dabei immer in der Hand. Dort gibt es eventuell einen krönenden Abschluss des Zug-Abenteuers, wenn seltsame, grüngekleidete Herren mit weißen Pistolentaschen und roten Mützen auftauchen: Feldjäger, die ab und zu versuchen, Betrunkene abzuführen.

Leider bietet sich dieses Bild nicht allzu häufig, so dass sich das eigentliche Zug-Abenteuer meist auf die Fahrt allein beschränkt. Aber das dürfte dem Normalsterblichen voll und ganz reichen.

(Diesen Text veröffentlichte ich in der Freudenstädter Lokalausgabe der »Südwest-Presse«; der Artikel erschien am 8. Juli 1985, zu einer Zeit also, als ich selbst noch als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr war und die geschilderten Ereignisse an fast jedem Wochenende miterleben durfte. Im Jahr 1994 wurde der Text von mir in meinem Egozine ENPUNKT noch einmal nachgedruckt. Aber das ist ja schon wieder lange her …)

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