20 November 2018

Mein Vater und die SS

»Wieso bist du eigentlich zur Sturmdivision gekommen?«, fragte ich ihn irgendwann. Es war ein warmer Tag, wir saßen im Garten, nachdem wir im Wald gearbeitet hatten, und tranken Bier.

Seit ich nicht mehr daheim wohnte, verbesserte ich unser Verhältnis langsam. Ich half meinem Vater freiwillig, auch deshalb, weil ich körperliche Arbeit im Wald nach einem Tag im Büro zu schätzen wussten. Und ihn störte nicht mehr, wie ich aussah und dass ich ständig »Krach« hörte.

Er sagte erst einmal nichts und setzte die Flasche an. Ich kannte das schon. Wenn das Thema auf den Krieg kam, machte mein Vater dicht. Nur selten rückte er mit Informationen heraus.

»Sie wollten mich zur Waffen-SS«, sagte er dann. »Nicht nur mich, eigentlich alle.« Wie er erzählte, hatte die SS ein Informationszelt im Dorf aufgebaut. Dorthin wurden die männlichen Jugendlichen gebracht, man musste sich dem Einzelgespräch mit einem SS-Offizier stellen.

»Wir hatten ja alle einen Ariernachweis«, erzählte mein Vater. Den bekam man, ob man wollte oder nicht, wenn nachzuweisen war, dass die Familie seit Generationen »reinrassig« war. Bei Bauern, die in Dörfern im Schwarzwald lebten, gab es wenige ausländische Einflüsse, weshalb mich diese Aussage nicht verwunderte. »Und dann hat man auf uns eingeredet, wir sollten der SS beitreten.«

Man habe richtig Druck auf ihn ausgeübt, damals im Frühsommer 1943. Er sei als Feigling bezeichnet worden, weil er sich weigerte, ein SS-Mann zu werden. Aber es sei ihm nichts passiert. Man sei nicht gezwungen worden, zur SS zu gehen, aber einige aus dem Dorf hätten es dann getan. Warum er sich geweigert hatte, erzählte er mir nie. Sicher nicht aus grundsätzlichen politischen Gründen, vielleicht waren es religiöse Motive.

»Und dann?«, fragte ich.

»Nichts ›und dann‹«, gab er mürrisch zurück. »Sie haben mich in die Sturmdivision gesteckt und an die Ostfront geschickt.« Er stand auf und leerte die Flasche, und dann ging er ins Haus, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Kommentare:

My. hat gesagt…

Welcher Jahrgang war denn dein Vater?
Du bist jünger als ich, das weiß ich. Und mein Vater war ein 1936er Jahrgang. Der hätte der Waffen-SS allenfalls Nachttöpfe vollgekackt. Dein Vater muss also deutlich älter gewesen sein, wenn ich das richtig sehe.

Mein Vater hatte nur eine Flüchtlingsgeschichte. Aus dem Sudetenland über sonstwo nach Köln (und dann später nach Düsseldorf). So wie meine Mama (1938 geboren): von Breslau in den Westen. Da ist nicht viel mit Kriegsgeschichte - außer eben als Flüchtling.

My.

Enpunkt hat gesagt…

Meine Eltern waren recht alt: Mein Vater war Jahrgang 1925, meine Mutter war Jahrgang 1932. Mein Vater war 1943 bis 1944 bei der 78. Sturmdivision, wurde im Juli 1994 schwer verletzt und entkam so der Vernichtung der Division. Die wurde dann neu aufgestellt, und man hat ihn dann wieder an die Ostfront geschickt. Im April 1945 wurde er wieder schwer verwundet und entkam dem endgültigen Zusammenbruch der Front. Er kam in ein Lazarett bei Bregenz, wo er in französische Kriegsgefangenschaft geriet. Er hatte also großes Glück.

Meine Mutter hat als Kind die Eroberung von Freudenstadt miterlebt. Die Stadt wurde ja komplett niederbrannt, es kam zu Massenvergewaltigungen und dergleichen, alles ziemlich schlimm.

Was mir dann bei solchen Notizen wie dem Deinen auffällt oder bei Gesprächen mit anderen Leuten: Wir sind zwar Jahre nach dem Krieg geboren worden, aber er hat uns massiv beeinflusst.