24 Dezember 2015

Weihnachten im Schwarzwalddorf

Meine kleine Schwester und ich standen erwartungsfroh vor der Tür. Wir lauschten angespannt, hielten uns an den Händen. Hinter uns hantierte unsere Mutter noch in der Küche, vor uns – wir sahen es durch den Milchglas-Einsatz in der Tür – machte unser Vater irgendetwas. 

Anfang der 70er-Jahre war Weihnachten für mich noch etwa unglaublich Beeindruckendes. Dem Heiligen Abend fieberte man entgegen, der Besuch eines Gottesdienstes gehörte ebenso dazu wie das Warten vor der Wohnzimmertür. Mein Vater schmückte den Baum, meine Mutter machte den Weihnachtsbraten, wir Kinder hatten zu warten.

Irgendwann hörten wir, dass mein Vater den Schrank zum Plattenspieler öffnete. Das war das Signal, nein, das war kurz vor dem Signal. Meine Mutter trat hinter uns, sie trug noch ihre Schürze. »Dann muss ich wohl mal«, sagte sie und machte ihre Schürze ab. Sie würde sich später sogar noch umziehen, im Moment trug sie ihre Küchenkleidung.

Aus dem Wohnzimmer drangen die Klänge der Weihnachts-Schallplatte, die mein Vater jedes Jahr auflegte. Das war das Signal. Ich drückte die Türklinke, ich schob die Tür nach vorne, und meine Schwester und ich traten ein.

Der geschmäckte Baum leuchtete, Lametta glitzerte im Licht der Kerzen. Auf dem Boden lagen einige festlich verpackte Geschenke, auf dem Tisch standen Teller mit Weihnachtsgebäck. »Frohe Weihnachten!«, riefen wir alle durcheinander.

Manchmal vermisse ich diesen Geist der Weihnacht. Er verlor sich schon in den Punkrockjahren, und heute ist er völlig verschwunden. Nie mehr war Weihnachten so schön wie in der Kindheit, so schön wie im kleinen Dorf bei Freudenstadt.

Kommentare:

RoM hat gesagt…

Hyvää päivää, Klaus.
Vermutlich war der Milchglaseinsatz in Wohnzimmertüren die Steigerung einer erwartungsgekitzelten Spannung; obschon es auch Türen gegeben haben soll, die zusätzlich verhangen wurden.

Die konservative, südländliche Idylle der heilen, wohlgeordneten Welt; vermutlich hat so mancher Pfarrer noch pflichtschuldigst gegen das Babylon der Großstädte angepredigt - im bayerischen sollte es nicht anders gewesen sein. Dick hatte bereits "Ubik" veröffentlicht, Niki de Saint Phalle-Ausstellungen in Hannover & München und noch 4 Jahre bis zu den Ramones...allüberall der Untergang des christlichen Abendlands.
Irgenwie, Déjà-vu! :-)

Das Traditionelle zu Weihnachten vermisse ich nicht - gern habe ich den zwanglosen "Clan-Treff" am 26.ten. Familien-Con quasi.

bonté

J. hat gesagt…

Das kenne ich. Beschränkt sich aber nicht nur auf Weihnachten, da gibt es noch ganz viele andere Dinge die in der Kindheit deutlich beeindruckender waren. Unter anderem auch eine gewisse SF-Heftelserie ;-)

Frohes neues.