24 Dezember 2010

Wortfechtereien bei Punk

Kurz vor dem Heiligen Fest noch ein wenig Besinnlichkeit: Ich schaue mir die Anzeigen von Punkrock-Vertrieben an und überlege mir, eine besinnliche Punkrockscheibe zu kaufen. Da fällt mir dann der »Contra-Onlineshop« quasi vor die Nase.

Ich kann weder gegen den Shop noch das dazu gehörige Label noch gegen die Menschen, die dahinter stehen, auch nur einen Ton sagen. Aber ich lese die Werbetexte zu den Platten und wundere mich.

Was muss ich von der Band Ghostbastardz halten, die folgendermaßen angepriesen wird? »Unverkrampft treffen die Ghostbastardz sowohl textlich wie auch musikalisch mitten ins Ziel.« Wenn sich einer als »unverkrampft« bezeichnet, heißt das ja irgendwas - ich komme nur nicht dahinter, was wirklich gemeint sein könnte ...

Schön ist auch »gehobener deutscher Punkrock«, der den Eastside Boys zugeschrieben wird. Heißt »gehoben« in dem Fall, dass man viele Fremdwörter benutzt, dass man Günther Grass vertont oder dass man einfach fleißig das Bierglas gehoben hat? Fragen über Fragen.

Oder The Ruckers, die als Berliner Vorzeige-Skinheads bezeichnet werden. »ehrlich, aufrecht, direkt und authentisch«, so sei die Band, wird mir versprochen. Und ich kann jetzt rätseln, was damit gemeint ist.

Ohne Schmarrn: Ich finde es lustig, wie man im ausklingenden Jahr 2010 den Punkrock zu vermarkten versucht. Manchmal klingt's als habe man versucht, möglichst viele Worthülsen zu verwenden, ohne etwas konkret sagen zu müssen.

Vor dreißig Jahren war Punk was neues, was rebellisches, vor zwanzig Jahren galt dasselbe für Hardcore, vor zehn Jahren meinetwegen noch für die neue deutsche Streetpunk-Welle. Zum Jahreswechsel 2010/11 braucht man Wortfechtereien, die nach Werbeagentur riechen, um neue und alte Bands anzupreisen. Schon seltsam ...

Kommentare:

gphotographer hat gesagt…

Tja, dieses inhaltsleere Marketinggewäsch hat halt, nicht erst seit gestern, auch in den Punk und stellenweise sogar den DIY-Bereich Einzug gehalten.
Allerdings halt wohl auch vor 20 Jahren kein Label seine Band mit nackter Ehrlichkeit beispielsweise als "maximal durchschnittliche Deutschpunkkombo mit peinlichen, parolenhaften Texten und keinerlei Alleinstellungsmerkmalen" angepriesen.
Die Inhaltsleere hat wohl zugenommen, aber die Ehrlichkeit war auch damals nicht größer. Denk ich.

Ecke hat gesagt…

Lieber Klaus, bei der Suche nach "besinnlichen Punkrockscheiben" bist du bei uns sowieso von vornherein an der falschen Adresse. Allerdings würden wir dir gern die genannten Platten für ein aussagekräftiges Review zukommen lassen. Wohin? Pabel-Moewig Verlag z. Hd. Klaus? Gerade die gehobenen Punkrocker der Eastside Boys sollten was für dich sein wenn du Pascow und Konsorten magst...

Andreas hat gesagt…

Da lob' ich mir doch Peterchen Testtube - der bezeichnete "The Ruckers" letztens beim Stuttgarter Weihnachtskonzert mit breitem Grinsen schlicht als "Arschfuckers" - nichts geht über subtilen britschen Humor... :-)

Enpunkt hat gesagt…

An Ecke: Gute Reaktion - gefällt mir! Eastside Boys hab' ich in meiner Radiosendung auch schon gespielt, wenn ich mich düster erinnere, und zumindest eine Vinyl-LP von den Burschen steht daheim auch im Schrank. Da dürfte ich eh keine Probleme haben.

Ich folg' euch jetzt erst mal via Twitter und schick eine Mail ans Label.