10 Januar 2017

Jörgle schippt Schnee

Wir schlidderten durchs Dorf, Kinder im Alter von sieben und acht Jahren, eine Bande, wie es sie damals mehrfach gab. Wir bauten Schneehäuser und Schneeburgen, bewarfen andere Banden mit Schneebällen, wurden nass und schmutzig, und wenn wir abends heimkamen, versohlten uns die Eltern den Hintern. Die frühen 70er-Jahre waren für mich eine paradiesische Zeit – ich liebte die Winter im Schwarzwald.

Wenn wir als Bande im Dorf unterwegs waren, sahen wir sehr häufig einen einzelnen Mann. Er trug den typischen »Blaumann«, wie er für Arbeiter normal war, darunter einen dicken Pullover. Unter seinem Hut hatte er graue Haare, er war also schön älter, sicher über fünfzig Jahre alt. Aber alle sagten nur »der Jörgle«, wenn man von ihm sprach.

»Der Jörgle« war geistig behindert – so erklärte man es uns Kindern. Niemand spottete über ihn, er gehörte zum Dorf, und jeder nahm seine Arbeit ernst. Er war nämlich »bei der Gemeinde« beschäftigt, was hieß, dass er im Sommer mit dem Besen unterwegs war und im Winter mit der Schneeschaufel.

Zwar rollte auch ein Schneepflug durch die Straßen und Wege des Dorfes, die »Ecken« blieben aber oft ausgespart. Um die kümmerte sich »der Jörgle«.

Unermüdlich war er in den schneereichen Wintern jener Jahre unterwegs, immer mit seiner Schaufel, nie mit einer Maschine. Er schaufelte die Stellen frei, die der Schneepflug nicht sauber geräumt hatte; er kümmerte sich darum, dass bei beginnendem Tauwetter das Wasser abfließen konnte, und wenn überall Eis lag, half er mit, die Eisplatten von der Straße zu hacken.

Wir Kinder hatten Respekt vor ihm. Wenn wir ihn sahen, sagten wir »Grüß Gott, Jörgle«, und er grüßte ernsthaft zurück. Längere Sätze konnte er nicht sprechen, sein Schwäbisch war vernuschelt und manchmal unverständlich – vernuschelter und unverständlicher als unser Dialekt für Außenstehende sowieso schon war. Er war höflich und zurückhaltend.

Manchmal plauderten die Erwachsenen mit ihm; sie nahmen ihn ebenfalls ernst. Manchmal steckte eine Hausfrau »a Schoklädle« zu, oder es gab – wenn der Wind besonders kalt pfiff – auch mal »a Schnäbsle« an einer Haustür. Ansonsten schien dem »Jörgle« das Wetter nicht viel auszumachen. Er zog seine Kreise, er arbeitete ununterbrochen.

Wenn heute die Städte und Gemeinden im Flachland, wo ich wohne, mit riesigen Maschinen dem bisschen Schnee zu Leibe rücken, denke ich oft an »den Jörgle«, der mit einer Schaufel und einem Eispickel in unserem Dorf unterwegs war. Hätte er die riesigen Schneemaschinen gesehen, hätte er wohl den Kopf geschüttelt, etwas gemurmelt und mit seiner Schaufel einfach weiter geschippt.

Kommentare:

Elena hat gesagt…

Schön, dass er ernst genommen wurde, eine Aufgabe hatte und nicht verspottet und ausgelacht wurde.

J. hat gesagt…

Damals war die Welt noch in Ordnung.

Heute würde er von den Jugendlichen, mindestens, verlacht werden.

Allerdings würde sich zuvor eine Gruppe ganz korrekter Menschen finden, die ungefragt vor Gericht erstreiten würden, dass ein gehandicapter Mensch nicht für solch eine schwere Arbeit missbraucht werden dürfe. Von daher würde er heute ganz schnell von der Straße verschwinden, damit's Städtle politisch korrekt bleibt!

Jim hat gesagt…

Das mit den Jugendlichen möchte ich nicht pauschal glauben.