18 August 2012

20 Jahre nach Rostock

Anfang der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts arbeitete ich in Tübingen und wohnte noch in Freudenstadt; jeden Morgen und jeden Abend legte ich die 60 Kilometer dazwischen über Landstraßen zurück. Oft hörte ich selbst zusammengestellte Kassetten, immer wieder unterbrochen durchs Radio.

Und bei einer Fahrt vor ziemlich genau zwanzig Jahren hörte ich von den Zuständen in Rostock. Von den Nazis, die eine Asylbewerber-Unterkunft angriffen. Von den Bürgern, die Applaus spendeten. Von der Polizei, die tatenlos zusah.

Ich hatte keinen Fernseher daheim, also fuhr ich zu meinen Eltern und okkupierte dort das Fernsehzimmer. Mit wachsendem Staunen und Entsetzen bekam ich mit, was in der nordostdeutschen Stadt geschah – vor allem bekam ich mit, in welch unglaublichem Ton die verantwortlichen Politiker die Schuld an den Geschehnissen im wesentlichen den Asylbewerbern in die Schuhe schoben.

An diesem Abend schäumte ich buchstäblich vor Wut. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal in dieser Zeit: Während sich die Mehrzahl der Deutschen in Ost und West über die sogenannte Wiedervereinigung noch einigermaßen freuen konnten, gingen die Nazi-Banden in weiten Teiln des Landes zum Angriff über.

Spät reagierte die Politik: Man verschärfte die sogenannten Asylgesetze, das Land schottete sich gegen die Flüchtlinge ab. Massiv wurde gegen den antifaschistischen Widerstand vorgegangen, und überall im Land schienen Ausländerwohnungen zu brennen.

Es war eine widerliche Zeit – und ich hatte sie schon ziemlich verdrängt. Die zurückhaltende Berichterstattung im August 2012 brachte sie mir wieder in Erinnerung. Und ich kann nach wie vor gut verstehen, warum ich damals so tobte; heute würde ich es ebenso tun, heute wären vor allem meine Reaktionen sicher andere als damals.

Kommentare:

thejoshuatree hat gesagt…

ich erinnere mich vor allem an die lämende Fassungslosigket, die mich erwischte.
Heute, 20 Jahre später, sähe das hoffentlich anders aus ...

Grüße
E.

Peter Brülls hat gesagt…

Oh ja, ich erinnere mich noch sehr gut. Ich war einige Wochen auf Reisen durch die USA gewesen und - gerade in jener Zeit - fast komplett von deutschen Nachrichten abgeschnitten. Und von amerikanischen auch, nur eben die größten Titelblätter hin und wieder.

Meine erste deutsche Zeitung las ich im Rückflug. Als ich bei einem der Apologeten und seinem fremdenfeindlichen Gebrabbel, voll des Hasses und Frust über vermeintliches zu-kurz-gekommen-seins, habe ich sie entsetzt weggeworfen. Die nächsten 12 Stunden wollte ich dann noch lieber mit einem Buch verbringen als mich über einen Teil meiner Landsleute aufzuregen.

Kongo-Otto hat gesagt…

Ich erinnere mich nur wenig an diese Rostock-Lichtenhagen-Geschichte, auch wenn sie mir damals sicher präsent war und ich sie auch über die Medien verfolgt habe. Stimmt, es gab eine recht gute Haitzinger-Karikatur in den Stuttgarter Nachrichten: ein deutsches Ehepaar guckt Fernsehen und sieht Mord und Totschlag. Der Mann sagt: "Ein brutales Pack, diese Serben!" Darauf die Frau: "Du, das ist Rostock!".
Mehr ist mir dennoch "Hoyerswerda" in Erinnerung geblieben. Ich hörte damals in einer Stuttgarter S-Bahn Punks großmäulig darüber reden, und dass sie da jetzt hinfahren würden. Damals wusste ich nicht recht, was das soll, ich musste eher an "Katastrophen-Tourismus"/Voyeurismus denken. Das sehe ich heute anders, und eigentlich wäre es auch ne gute Sache, zu der Demo am Samstag in Rostock zu fahren.

Enpunkt hat gesagt…

Als Wochen später die autonome Großdemonstration in Rostock war, gab's in Stuttgart ja Chaostage: Ich weiß noch, dass wir ständig Radio hörten und immer wieder ein Punkrocker davon erzählte, wie es in Rostock aussehe.

Dann aber haben die Hools wieder angegriffen, es flogen Steine und Flaschen, es knüppelte, dann kamen die Bullen mit den Pferden, und dann haben wir die Demo in Rostock aus sehr sportlichen Gründen vergessen.