Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«
Als ich 2007 in Singapur unterwegs war, fotografierte ich viel. Vor allem machte ich zahlreiche Bilder von ganz normalen Gebäuden, gewissermaßen als Recherche für den Thriller, an dem ich zu dieser Zeit schrieb und der ja leider nie fertig wurde. Google Street View gab es damals noch nicht, und ich wollte ein möglichst authentisches Bild der asiatischen Metropole in meinem Roman präsentieren. Dazu gehörte auch, dass die Szenerie stimmte.
Wer durch Singapur spaziert oder fährt – die wenigsten Leute spazieren dort, wie ich nicht nur einmal feststellte –, sieht anfangs die großen Gebäude und die Malls, vielleicht auch die Polizei und die moderne Bahn. Aber er oder sie nimmt nicht unbedingt die Details wahr; für die braucht man dann doch ein bisschen Zeit und Muße.
Am Singapore River ging ich mehrfach an einem Kunstwerk vorbei, das mich verblüffte: junge Menschen, die sich anschicken, ins Wasser zu springen – so zumindest wirkt es auf mich. Doch der eine Junge hat den Mund offen, als ob er schreie würde. Es sieht nicht so aus, als hätte er Freude an dem, was er tut. Schreit er vor Angst?
Ich habe es nie erfahren, ich habe auch nie gefragt. Schaue ich mir das Bild heute an, befremdet es mich immer noch.

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