03 Juli 2014

Gedanken zum Juli 1914

Ich wuchs mit Geschichten über den Zweiten Weltkrieg auf. Die Generation meiner Eltern war durch den Krieg geprägt, die Männer von ihren Fronterfahrungen, die Frauen von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung. Wenn die »Alten« zusammensaßen, kam oft das Gespräch auf »die Nacht, in der Pforzheim brannte und man das Feuer bis Freudenstadt sah« oder »als die Franzosen in Freudenstadt eingefallen sind« oder »wie mein Mann in der Gefangenschaft verhungert ist«. Es waren meist Geschichten von Menschen, die sich als Opfer fühlten.

Der Erste Weltkrieg war erstaunlicherweise nie ein Thema. Dabei war die Generation davor bei diesem Gemetzel dabei gewesen. Mein Großvater war an der Westfront; er musste in Frankreich kämpfen, als Angehöriger eines württembergischen Regiments. Ich habe ihn nie kennengelernt, er starb vor meiner Geburt.

Obwohl der Erste Weltkrieg in den siebziger Jahren noch nicht so lange zurück lag wie der Zweite Weltkrieg heute, war er damals kaum ein Thema. Damals wunderte ich mich nicht, heute kommt es mir seltsam vor. Man sprach über die Inflationszeit, über »die schlechte Zeit«, mit der man irritierenderweise die Zeit vor den Nazis meinte oder auch die Zeit nach dem Krieg, aber den Ersten Weltkrieg gab es nicht.

Egal, wie man es rechnet: Vor hundert Jahren ging es los. Im Juli mobilisierten die europäischen Mächte ihre Truppen, im Juli 1914 erfolgten die wechselseitigen Kriegserklärungen, und dann massakrierten sich Millionen von Menschen auf den Schlachtfeldern in Flandern und Frankreich, in Norditalien und Galizien, in Ostpreußen und im Nahen Osten, auf dem offenen Meer oder in den Steppengebieten Ostafrikas.

Heute legte der Bundestag dafür eine Gedenkstunde ein. Es ist Geschichte, es ist alles lange her – aber schaut man sich die aktuelle Politik an, kommt einem manches so vertraut vor ...

Kommentare:

Stefan Gaffory hat gesagt…

Kleine Korrektur: die Kriegserklärungen erfolgten 1914. Oder habe ich die letzten drei Tage was verpaßt? ;-)

Enpunkt hat gesagt…

Danke für den Hinweis. Himmel hilf!, so schlimm ist es ja noch nicht.

Ich hab den Text jetzt mal klammheimlich korrigiert; unseren Kommentarwechsel lasse ich aber stehn.

Swen hat gesagt…

In Frankreich ist der erste Weltkrieg noch viel stärker in Erinnerung als in Deutschland. Die Bundeszentrale für politische Bildung fasst die Gründe so zusammen:

"Die französische Armee setzte damals in einem Rotationssystem fast alle ihre Divisionen in Verdun ein, während auf deutscher Seite fast immer dieselben Einheiten im Feld blieben. Das ist ein Grund, warum die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Frankreich bis heute viel stärker ist als in Deutschland. Ein anderer, dass die Westfront auf französischem Boden verlief und dort tiefe Wunden hinterließ. Vor allem aber hält der französische Staat das Gedenken bewusst wach – mit einem Feiertag zum Waffenstillstand 1918 und obligatorischen Klassenfahrten nach Verdun."

Quelle: http://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/184892/die-wunden-des-weltkrieges