Ich gestehe: Als ich in den 80er-Jahren zum ersten Mal auf die Autorin Joanna Russ aufmerksam wurde, sprachen mich ihre Romane nicht an. Sie wurde in meiner Wahrnehmung derart stark als »Feministin« vermarktet, dass ich dachte, das könnte nichts für mich sein. Das war ein Irrtum, wie ich bemerkte, als ich endlich »In fernen Gefilden« las, den ersten Band einer Joanna-Russ-Ausgabe, die der Carcosa-Verlag herausgibt.
Enthalten sind die »Alyx«-Geschichten, Storys also, in denen eine Figur namens Alyx im Zentrum steht, dazu Rezensionen und grundsätzliche Artikel. Abgerundet wird das gelungene Buch durch ein Nachwort, das Joanna Russ und ihre Bedeutung für die Science Fiction noch einmal klar vorstellt. (Und mir ganz nebenbei klarmacht, wie sehr ich mich in den frühen 80er-Jahren täuschte, als ich Joanna Russ ignorierte.)
Die »Alys«-Geschichten sind vielseitig und unterhaltsam. Teilweise spielen sie in einem Fantasy-Setting; ein kurzer Roman, der quasi den Mittelteil der Geschichten bildet, ist eindeutig in einer Science-Fiction-Welt der fernen Zukunft angesiedelt. Als beste Erzählung empfand ich eine, in der eine Außerirdische als Besucherin bei einem »ganz normalen« Mädchen zu Gast ist und dessen Welt aus harmlosen Vergnügungen und strengen Sitten durcheinanderbringt.
Alyx ist keine typische Science-Fiction- oder Fantasy-Heldin. Ihre Moral ist durchaus zweifelhaft, sie bringt auch mal Leute um, weil sie diese nicht leiden kann. Als die Geschichten in den 60er-Jahren erstmals erschienen, müssen sie für ein ziemliches Aufsehen gesorgt haben – auch heute sind sie noch sehr gut zu lesen. Vor allem »Picknick auf Paradies« – nicht »im Paradies«! – zeigt eine andere Art, Hauptfiguren darzustellen.
Lesenswert fand ich die Rezensionsartikel, in denen Joanna Russ keine Rücksicht auf die großen Namen nahm und beispielsweise jemanden wie Ray Bradbury frontal angriff; so was lese ich heute mit großem Interesse, obwohl ich ja eigentlich Bradbury-Fan bin. Erhellend sind ihre Artikel über Frauen in der Science Fiction, wo sogar Ursula K. LeGuin von ihr kritisiert wird. Seit damals hat sich viel in der SF-Literatur getan, die gesellschaftlichen Grundprobleme aber sind geblieben.
Joanna Russ zeigte sich bei ihren Geschichten und bei ihren Sachtexten als eine Autorin, die Science Fiction neu definierte. Ihre feministischen Ansichten sind klar, man sollte sich einen Kopf über sie machen. Lesenswertes Buch!

1 Kommentar:
Informationen zu »In fernen Gefilden« gibt es auf der Internet-Seite des Carcosa-Verlags; dort steht auch eine Leseprobe zur Verfügung.
Hier:
https://carcosa-verlag.de/unsere-buecher/russ-werke-1/
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