17 April 2026

Science-Fiction-Storys aus China

Die Autorin Gu Shi war mir bislang nicht bekannt; dabei wurde sie bereits für einen Hugo Award nominiert. Deshalb war ich sehr interessiert, als ich mitbekam, dass ein Band mit vier Texten von ihr in deutscher Sprache erschienen ist. »Im Ozean ein Mutterschiff« wurde vom Maroverlag veröffentlicht, der seit den 70er-Jahren eigentlich für Underground-Literatur steht und in dem in den 80er-Jahren beispielsweise Autoren wie Charles Bukowski dem deutschsprachigen Publikum nähergebracht wurden.

Mir ihren Texten reiht sich Gu Shi in die neuen Entwicklungen des Verlags ein, der mittlerweile ein breiteres Programm anbietet. Die Autorin arbeitet in Peking als Stadtplanerin, hat mit der klassischen Science Fiction nicht so viel zu tun und wirft in ihren Geschichten einen originellen Blick auf die Zukunft. Sie schreibt seit 2011, hat in der Zeit einige Bände mit Erzählungen veröffentlicht und in ihrem Heimatland diverse Preise gewonnen. Ein Grund, sie näher zu entdecken!

Die Titelgeschichte des Buches erzählt von einer Stadt, die auf einem Ozean treibt und eigentlich aus mehreren Inseln besteht. Wenn ein Sturm ausbricht, geht sie nicht unter, sondern zerteilt sich in die einzelnen Inseln, die zwar noch miteinander verbunden sind, aber jede für sich steht. Ist der Sturm vorüber, verbinden sich die Inseln neu – die Stadt sieht danach also anders aus. Bei dieser Geschichte mochte ich vor allem den Weltenbau, in dem ich die Handschrift einer Stadtplanerin zu entdecken glaube.

Bei »Die letzte Datei« geht es um die Möglichkeit, sich und sein Leben zu besser gestalten, in dem man mithilfe einer Organisation und eines Computerprogramms praktisch auf eine andere Zeitebene wechselt. Das klingt in der Kürze sehr kompliziert, wird in der Geschichte aber originell dargestellt – das könnte ich mir auch als Thema für einen Roman vorstellen. (So wie sich bei »Im Ozean ein Mutterschiff« die schwimmende Stadt als Schauplatz für einen großen Science-Fiction-Film anbieten würde.)

In »An der wilden Furt ist niemand« erzählt die Autorin von einer Künstlichen Intelligenz, die langsam »erzogen« wird und sich mit allen künstlerischen Bereichen auskennt. Am Ende entwickelt sie nicht nur Romane und gestaltet künstlerische Bilder, sondern ist auch in der Lage, ganze Spielfilme zu erstellen. Die eigentlich gruselige Vision wird in einem sehr gelassenen Ton geschildert, fast wie in einem wissenschaftlichen Bericht.

Ebenfalls in einem fast schon wissenschaftlich wirkenden Stil kommt die letzte und umfangreichste Erzählung des Bandes daher: »Eine Einführung zu Ouvertüre 2181, zweite Auflage« ist tatsächlich das Vorwort zu einem Buch, das Ende des 21. Jahrhunderts erscheinen wird. Im Prinzip handelt es sich um eine Zukunftsgeschichte, die von den Entwicklungen des Kälteschlafs in den kommenden Jahrzehnten erzählt – wie wäre es, wenn man sich für zehn oder zwanzig Jahre in eine Kälteschlafkammer legen könnte, während die Zinseinnahmen dazu führen, dass das eigene Guthaben auf der Bank wächst? Die originelle Geschichte läuft zwar in einem nüchternen Ton ab, ist aber trotzdem spannend und endet mit einer Reihe von familiären Verwicklungen.

Gu Shis Texte sind allesamt gut lesbar, sie verlaufen anders als die Geschichten amerikanischer oder europäischer Autorinnen und Autoren. Die vier Erzählungen werden durch ein Vor- und ein Nachwort ergänzt, dazu kommen zahlreiche Illustrationen. Generell ist das Taschenbuch sehr vielseitig gestaltet: Die Texte werden in verschiedenen Farben gedruckt, die Bilder ergänzen die Texte in eigenständiger Art.

Die künstlerisch aufwendige Aufmachung hat ihren Preis: Das 144 Seiten umfassende Taschenbuch kostet 24,00 Euro. Ich habe den Kauf nicht bereut und empfehle das Buch jenen Leserinnen und Lesern, die originelle Science Fiction mögen. Mithilfe der ISBN 978-3-87512-861-1 kann man »Im Ozean ein Mutterschiff« überall im Buchhandel bestellen.

(Diese Rezension veröffentlichte ich bereits im Februar auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie; hier wiederhole ich sie aus dokumentarischen Gründen.)

1 Kommentar:

Enpunkt hat gesagt…

Informationen zu der Kurzgeschichtensammlung von Gu Shi gibt es auf der Internet-Seite des Maroverlags.
Hier:
https://www.maroverlag.de/kapsel/306-im-ozean-ein-mutterschiff-9783875128611.html