27 Februar 2015

Tolle Gestaltung, lahmer Inhalt

Manchmal kaufe ich Bücher nur deshalb, weil sie toll aussehen. Das machte ich bei dem Roman »Der Hals der Giraffe« der deutschsprachigen Schriftstellerin Judith Schalansky; sowohl für den Inhalt als auch die Gestaltung hatte die Autorin sehr viel Lob erhalten. Und das machte mich dann doch sehr neugierig ...

Um es vorwegzunehmen: Will man wissen, warum die anspruchsvolle deutsche Literatur so erbärmlich und langweilig ist, sollte man sich diesen Roman einmal angucken. Wer ihn durchlesen möchte, benötigt ein wenig Zeit. Er ist nicht kompliziert geschrieben, enthält keinerlei stilistischen Experimente, ist aber einfach sterbenslangweilig.

Das Feuilleton liebte das Werk dennoch: In der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« wurde »Der Hals der Giraffe« euphorisch besprochen. Die Rezensentin bescheinigte sogar, es handele sich um »einen aufregend trockenen Roman über die brennenden Fragen unserer Zeit«. Er sei quasi »die Spitze der literarischen Evolution«.

Eigentlich handelt es sich um einen Lehrerinnen-Roman. Hauptfigur ist eine Lehrerin in einer Kleinstadt irgendwo im Osten der Republik, die schon zu DDR-Zeiten und während der sogenannten Wende im Schuldienst tätig war. Sie ist stur, sie schwört auf Professionalität und knallhartes Lernen. Wer sich nicht anpasst, der rasselt durch.

Die zynische Hauptfigur, die eigentlich mit der aktuellen Welt nicht klarkommt, ärgert sich über Schüler und Lehrer, und sie verzweifelt an der Welt, die sie mit einem dauernd-miesepetrigen Blick beäugt. Während in ihrer Wahrnehmung rings um sie die Welt zerfällt, versucht sie grimmig den Kurs zu halten.

Wie die Autorin es schafft, aus diesem eigentlich interessanten Thema eine so langweilige Lehrveranstaltung zu machen, das ist schon klasse. Der Blick durch die Brille der Hauptfigur ist gelungen – wenn geplant war, die Lehrerin so darzustellen, hat die Autorin ordentlich gearbeitet. Da aber eigentlich den ganzen Roman über nichts passiert, kommt so gut wie keine Spannung auf.

Der Roman hat wenig Handlung, sondern besteht aus sehr viel Innensicht, aus Reflektionen und Gedanken; gelegentlich gibt es Interaktion. Die Hauptfigur ist unangenehm, und das beschreibt die Autorin natürlich gut; trotzdem packte es mich einfach nicht. Der Spiegel, den die Autorin ihren Lesern vorhalten wollte, kam bei mir nicht besonders gut an. Unterm Strich war's dann eine quälende Lektüre, mehr nicht.

Ach so: Die Gestaltung des Romans ist wirklich klasse. Der Umschlag besteht aus einem groben Leinen, das man so eigentlich nie sieht; darauf wurde das Skelett einer Giraffe geprägt. Im Inhalt gibt es einige Illustrationen von Tieren aller Art – das hat weniger mit dem eigentlichen Romaninhalt zu tun als vielmehr mit dem »Meta-Thema«: Wieviel Anpassung benötigt man als Mensch, um in der heutigen Umwelt überleben zu können?

»Der Hals der Giraffe« ist im Suhrkamp-Verlag erschienen; der Roman ist noch im Handel erhältlich, allerdings nicht mehr in der superschicken Leinen-Ausgabe. Aber wer sich trotz meines kritischen Blicks für den Roman interessiert, wird ihn sicher auch in einer anderen Version gern kaufen ...

Kommentare:

Jim hat gesagt…

Im Kulturspiegel, der vierwöchentlichen Beilage zum Spiegel, wurde das Buch hoch gelobt.
Da ich noch genug zu lesen habe, streiche ich es erst mal von der Liste.

Jonas hat gesagt…

hehe, der Absatz :

Wie die Autorin es schafft, aus diesem eigentlich interessanten Thema eine so langweilige Lehrveranstaltung zu machen, das ist schon klasse. Der Blick durch die Brille der Hauptfigur ist gelungen – wenn geplant war, die Lehrerin so darzustellen, hat die Autorin ordentlich gearbeitet. Da aber eigentlich den ganzen Roman über nichts passiert, kommt so gut wie keine Spannung auf.


könnte direkt aus dem PR-Forum stammen. Und heißt es dort dann nicht immer, der Leser hätte den Roman nicht verstanden? Schön dass du da mit den Lesern im selben Boot sitzt, denn das Feuilleton irrt nicht! Wenn die sagen das ist spitze, dann ist das so. Basta. Egal was der Leser schriebt.....