15 November 2017

Die angeblich älteste Kneipe der Welt

Das »Café Vlissinghe« behauptet von sich, »probably the oldest pub« der Welt zu sein. Seit 1515 wird angeblich in den Mauern des ehrwürdigen Gebäudes ausgeschenkt, Bier und allerlei andere Getränke – und natürlich musste ich dort selbst ein Bier trinken.

Sagen wir so: Wer durch Brügge spaziert, glaubt alles, was an den Häusern steht. Die sehen nicht nur so aus, als stünden sie seit dem Mittelalter, die riechen häufig auch so.

Wobei ich im »Vlissinghe« kein schlechtes Gefühl hatte. Das Café ist in einer eher bescheidenen Seitenstraße zu finden, am Rand der turbulenten Altstadt von Brügge, in einer Ecke, in der die Busladungen von Touristen nicht ganz so oft hinfinden.

Es wird tatsächlich flämisch gesprochen, und die meisten Gäste sahen aus, als seien sie aus der Stadt. Touristen wie ich wurden allerdings als selbstverständlich wahrgenommen, mit meinem schlechten Englisch kam ich gut durch.

Von außen sieht die Kneipe ganz gewöhnlich aus, auch innendrin haut sie einen nicht um: Tische und Stühle auf einem Holzboden, eine Theke, einfach eine Kneipe, die gemütlich wirkt und sicher nicht den Charakter eines Sterne-Restaurants ausstrahlt, das ja auch nicht sein möchte. Es riecht nach Bier und Essen, ganz normales Gaststubenessen, und es läuft Musik, die einen nicht aufregt.

Dahinter kommt ein schöner Biergarten. Als ich dort saß und ein schönes belgisches Bier trank, kam immer wieder die Sonne heraus; das tat richtig gut. Ansonsten hatte ich einen eher kühlen Tag erwischt. Der Biergarten ist wirklich ein Garten – es gibt Rasen und Büsche, einige Tische stehen herum, und das Personal muss über eine Treppe hinaus ins Freie.

Das ist gemütlich, ein schöner Ort, um bei einem Bier den Nachmittag zu vertrödeln. Das machte ich in Brügge jetzt einmal – ich bin sicher, dass ich mal wieder im Biergarten des »Vlissinghe« sitzen werde. Ich muss schließlich auch noch die anderen Biersorten ausprobieren!

14 November 2017

Atomic und ihr angenehmer Gitarrensound

Wer aus dem Bayerischen Wald kommt und sich Atomic nennt, hat schon einmal gesundes Selbstbewusstsein als Band. Die Band wurde 1997 gegründet, der Name bezog sich aber anscheinend auf das »Atomic Café« in München.

Diverse Tonträger wurden seit 2006 veröffentlicht, die Band hatte viele Auftritte und gewann einige Preise. Ich kenne nur die zweite Platte, die »Coming From The Streets« heißt, 2008 herauskam und ausgesprochen netten IndieRock oder auch meinetwegen IndiePop bietet. Sicher wird es jemanden geben, der die Band auch in eine Emo-Ecke stecken wird.

Was die Burschen machen, ist klassisch anmutende Gitarrenmusik, die unsereins immer noch sehr gern hören mag, die mal an die Beatles erinnert, ohne peinlich zu sein, die aber auch mal moderne Anklänge an Oasis und Co. nimmt. Manchmal geht's ordentlich voran, dann wieder gibt es nachdenkliche Stücke, deren Melodien gut ins Ohr gehen.

Textlich servieren die Jungs eher Liebeslieder und persönliche Songs; vielleicht ist das ein Grund, warum der schicken Langspielplatte kein Textblatt beiliegt. Insgesamt ist das tolle Musik zum Anhören; eine Band, die ich spät entdeckt habe, die mir aber gut gefällt.

Eine Dystopie als Parabel auf unsere Zeit

Der Roman »Die Stadt der Wahrheit« wurde in den USA bereits 1990 veröffentlicht, erhielt später den Nebula Award und wurde 1993 als Taschenbuch in deutscher Sprache publiziert. Warum ich ihn erst dieser Tage las, kann ich so genau nicht sagen – aber der schmale Roman von James Morrow passt tatsächlich gut in die aktuelle Zeit.

Der Autor, der mir vor allem durch seinen brillanten Roman »Das Gottesmahl« in hervorragender Erinnerung ist, stellt eine Welt vor, in der es keine Lügen mehr gibt. Lügen sind ausgerottet, alle Menschen sprechen die Wahrheit.

Die sogenannte Brutalotruppe – also die Polizei – sorgt dafür, dass die Regeln durchgesetzt werden, Rock-Bands nennen sich »Redlichkeit« und machen entsprechende Musik. Und damit auch wirklich alle die Wahrheit sprechen, werden Kinder im Alter von zehn Jahren mithilfe einer derben Gehirnwäsche dazu gebracht, künftig Schmerzen bei Unwahrheiten zu empfinden.

Das klingt wie eine Parabel auf unsere heutige Zeit, auf sogenannte Fake News und Alternative Fakten. Tatsächlich ist die Welt, die James Morrow entwirft, nicht bis ins letzte Detail durchdacht. Der Autor wollte keine komplette Gesellschaft entwickeln, sondern eine menschliche Geschichte erzählen, in der es eben um Wahrheit und Lüge geht.

Spätestens dann, als der Sohn des Helden an einer unheilbaren Krankheit leidet, wird die bisher skurrile Geschichte immer emotionaler und trauriger. Der Held stellt fest, dass es unter der Stadt Veritas eine Stadt der Lügen gibt, zu der er Zugang findet. Er wird zum Schwindler, zu einer Person also, die bewusst die Unwahrheit sagen kann. Das alles tut er nur, damit sein Sohn in seinen letzten Lebensmonaten nicht zu sehr leidet.

Auch die Stadt der Lüge wird zu einer Art Diktatur. Gleichzeitig entwickelt sich die Geschichte zu einer moralischen Parabel über Liebe und Zuneigung, sie endet zuletzt traurig und hoffnungsvoll zugleich.

Es gibt durchaus Gründe, warum »Die Stadt der Wahrheit« so in Vergessenheit geraten ist – das Werk taucht ja nie auf einer »Bestenliste« auf –, und einer der Gründe ist sicher die eher dünne Handlung. Der Roman wirft Fragen auf, er stellt seine Hauptfigur vor zentrale Entscheidungen, und er ist sehr emotional.

Damit ist der Roman ein gutes Beispiel für moderne Science Fiction, die komplett ohne Raumschiffe und Supertechnik auskommt, stattdessen gesellschaftliche Themen aufgreift. Lesenswert – leider nur sehr schwierig zu bekommen.

13 November 2017

Ein Blick auf den Säbtämbä

Es ist immer wieder schön, in alten Fanzines zu blättern. Heute machte ich das in einer Ausgabe des »Fandom Observer«. Die Macher hielten es damals offenbar für einen Luxus, eine Bandnummer aufzudrucken oder diese im Impressum zu nennen – das Heft erschien im September 1990, der auf dem Cover als »säbtämbä« bezeichnet wird. (Man kann dann leicht errechnen, dass es die Ausgabe 15 gewesen sein muss.)

Mancher Humor früherer Zeiten ist nach Jahrzehnten nicht mehr nachvollziehbar, auch manche Auseinandersetzungen dieser Jahre sind völlig unverständlich. So gibt es eine Rubrik, in der Hermann Ritter unter dem Titel »Zum Scheiß der Zeit« eine aktuelle Fan-Diskussion weiter befeuert; darüber hinaus wimmelt es mehr oder weniger witzigen Angriffen auf andere Science-Fiction-Fans.

Immerhin wird über den FreuCon berichtet, den ich mitveranstaltete; ebenso gab es eine Rezension meines Fanzines »Enpunkt«. Darüber hinaus werden Berichte über Veranstaltungen wie den Comic-Salon in Erlangen oder die Science-Fiction-Tage NRW veröffentlicht; der aktuelle Kinofilm jener Tage war »Total Recall«.

Alles in allem war der »Fandom Observer« damals ein sehr fannisches Fanzine, dem Quatsch eher zugeneigt als einer wie auch immer gearteten kritisch-seriösen Berichterstattung. Man machte sich sowieso lieber über die seriösen Fans lustig – das änderte sich später bekanntlich.

Als Zeitdokument vor allem der 90er-Jahre ist meine »FO«-Sammlung ein Schmuckstück in der Fanzine-Bibliothek. Ich habe nicht zum letzten Mal darin geblättert ...

12 November 2017

Italienische Skanimateure

»Das sind ganz schlimme Animateure«. Das war einer der Kommentare während des Konzerts am Samstagabend, 11. November 2017, in der »Alten Hackerei«. Auf der Bühne stand die Band NH3 aus Italien, und der Kommentar war völlig berechtigt. Die sieben Männer boten eine mitreißende Show, schienen aber irgendwie den kleinen Punkrock-Club mit der großen Bühne eines Festivals zu verwechseln, vor der sich Tausende von partyhungrigen Jugendlichen tummeln.

Auf der Bühne wurde in die Hände geklatscht, dann wurde das Publikum dazu aufgefordert, eifrig mitzuklatschen. Man schrie eifrig »Jump jump jump« und wollte, dass wir mitspringen. Dann wurde zum Mitgrölen ebenso animiert wie zu anderen gemeinsamen Bewegungsabläufen. Ich fand das eher lustig, machte aber – logisch ... – bei keinem einzigen Animationsprogramm mit.

Dabei hätte die Band das nicht nötig gehabt. Die Musik war knallig, eine rasante Mischung aus Punkrock der modernen Sorte mit Ska. Super gespielte Bläsersätze, ein hervorragender Sänger, der keine Sekunde lang stillstand, eine insgesamt mit viel Spielfreude aufwartende Band – das war alles sehr gut.

Aber was sollten die Versuche, jemanden zu animieren? Im Raum waren höchstens hundert Leute, durchaus gemischt, und die meisten bewegten sich auch. Wenn man von der Bühne allerdings mit »are you tired?« zum hektischen Mitmachen angeregt wird, führt das nicht zum erwünschten Effekt. Na ja, und am Ende wurde das Publikum mit »you are fucking amazing« dann doch gelobt.

Irgendwie passte das für mich nicht zusammen. Die Band, die mit »No Border No Nation« einen echten Hit hat und auch sonst musikalisch zu überzeugen wusste, verspielte bei mir mit diesem ganzen Theater echt viel Kredit. Bei aller Freude über das Konzert und die eigentlich gelungene Show – für meinen Geschmack war das echt zu viel Animation.

11 November 2017

Junger Anzeigenblatt-Redakteur

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«

Im Frühsommer 1988 wurde ich auf eine Weise, die ich irgendwann noch erzählen muss, zum Redakteur des Anzeigenblattes mit dem schönen Titel »Anzeiger Freudenstadt«. Mein Chef hatte vor, eine »richtige Redaktion« einzurichten. Dass man dafür einen jungen Mann verpflichtete, der gerade mal 24 Jahre alt geworden war, hatte sicher einen wichtigen Doppel-Grund: Ich war »billig« zu haben, und man kannte mich.

Und so bezog ich mein Büro in einem Wohnhaus in Freudenstadt. Ich hatte einen ganz gewöhnlichen Küchentisch und einen billigen Schreibtischstuhl; darauf stellte ich meine elektrische Schreibmaschine und legte los. In einem Schrank baute ich mir ein Archiv auf, in dem ich alle möglichen Dinge zum Landkreis Freudenstadt, zu diversen Autohäusern und anderen Themen ablegte.

Jede Woche erschien eine Zeitung, jede Woche hatte ich zwischen zwei und sechs Seiten zu füllen, dazu die sogenannten Kollektive. Ich hatte einen Stall von freien Mitarbeitern, die meist aus den Vereinen kamen, aber nicht schreiben konnten. Und so schrieb und redigierte ich von morgens bis abends, stand jeden Dienstag in der Druckerei und machte an den riesigen Leuchttischen mein Layout, um mich dann am Mittwoch über eine fertige Zeitung zu freuen.

Es waren spannende eineinhalb Jahre, die ich nicht missen möchte. Ich lernte viel in dieser Zeit, vor allem lernte ich aber, schnell zu schreiben. Über seltsame Vorschläge aus der Chefetage – das war damals das Nachbarzimmer – lernte ich ebenfalls viel, aber das ist eine andere Geschichte.

10 November 2017

Gee Strings sind einfach »so gee«

Irgendwie kann diese Band bei mir nichts falsch machen: Die Gee Strings aus Aachen, Köln und Umgebung spielen seit den späten 90er-Jahren zusammen, ich habe sie mehrfach gesehen, und ihre Platten sind einfach gut. Nach wie vor mixt die Band den alten 77er-Punkrock neu auf, dynamisch und flott gespielt, mit einer Sängerin, die eine gute Stimme hat und auch auf der Bühne überzeugt.

2016 wurde die Platte »I'm So Gee« aufgenommen; die Band ging dafür in ein Studio im französischen Besancon. Zehnmal gibt's rotzigen Punkrock mit englischen Texten, der schwerstens nach dem uralten England-Punk klingt und sich auch keine Mühe gibt, die klassischen Vorbilder zu verleugnen.

Die Stücke sind manchmal ... hm ... selbstreferentiell, womit sie bei mir natürlich auf offene Ohren stoßen. Wer von seinem »Punk Rock Heart« singt oder ein »Hate To Say« rausrotzt, den verstehe ich einfach sehr schnell – und allein deshalb sind die Stücke für mich schon mal Ohrwürmer.

Ich denke aber, dass die Platte auch für jüngere Leute ein Knaller sein sollte. Altmodisch oder abgeschmackt klingt das Ganze nämlich nicht.

Cool und dynamisch: Die Gee Strings packen's einfach immer wieder! Gern bei nächster Gelegenheit in einem Punkrock-Schuppen in Karlsruhe ...

09 November 2017

Ein Bier am Flughafen

Wortlos schob mir der bärtige Typ hinter dem Tresen die Flasche Bier hinüber. Als ich nach der Flasche griff, merkte ich, dass meine Finger zitterten. Das Glas war kalt, direkt aus dem Kühlschrank. Die Feuchtigkeit kondensierte in der Hitze des Nachmittags, Wasser lief über meine Finger.

Er nickte mir zu. »Das brauchst du jetzt.«

»Du weißt Bescheid?«, würgte ich hervor.

»Jeder hier weiß es«, gab er zurück. »Trink!«

Ich starrte an ihm vorbei auf die triste Gegend. Kempton Park war ein weißer Vorort von Südafrika; hinter hohen Zäunen wohnten die Weißen der Gegend, die ihre sauber rasierten Hecken und ebenso sauber geschnittenen Rasenflächen gegen Banditen verteidigten. Ich stand am Tresen eines Hostels, das in Sichtweite des Flughafens der Metropole erbaut worden war und einen eher schlichten Eindruck machte.

Flugzeuge glänzten in der Sonne, einige Vögel schwebten darüber, die Luft flirrte über der vierspurigen Umgehungsstraße in der Luft. Der Rasen des Hostels war verdorrt, nur die Bierhütte wurde richtig frequentiert. Dort lief Musik, dort gab es kalte Getränke.

Ich nahm einen Schluck Bier und genoss es, die kühle Flüssigkeit den Hals hinunterlaufen zu lassen. »Das war knapp«, sagte ich.

»Ich hab dich gewarnt«, sagt er. »Fahr nicht nach Jo'burg, es ist zu gefährlich.«

»Ich war hier vor zehn Jahren, da konnte ich nachts spazieren gehen, und es ist nichts passiert.«

»Fuck!« Er spuckte auf den Boden. »Zehn Jahre, das ist eine Ewigkeit.«

Wir schrieben den November 2003, Sommer in Südafrika. Zweieinhalb Stunden zuvor war ich mitten in Johannesburg angegriffen, geschlagen, mit einem Messer am Hals bedroht und ausgeraubt worden. Direkt vor der Hauptpost; mir reichte es vorerst.

Ich trank weiter. Beim dritten Schluck nahm ich wahr, dass der Typ hinterm Tresen, dessen Namen ich mir nie merken konnte, seine Lieblingsplatte aufgelegt hatte. Dido lief, melodischer Frauengesang mit Elektronik-Gedudel. Nach zwei Tagen hatte ich mich schon richtig daran gewöhnt und fand es sogar gut.

Als ich auf die Flasche starrte, sah ich, dass sie zitterte. Auch wenn ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, steckte der Schock tief in mir. Meine Hose war zerrissen, die Bande hatte meinen Geldbeutel und mein leeres Brillen-Etui gestohlen; meinen kleinen Rucksack mitsamt der Wasserflasche und den Kopien meines Passes hatten sie mitgenommen. Mir selbst war nichts passiert.

»Mann..« Ich schüttelte den Kopf. »Das war knapp.«

Er verneinte. »Nein. Du hattest Glück.«

»Was?«

»Glück. Sie hätten dir auch einfach die Kehle durchschneiden können.«

An diesem Tag sprachen wir nicht mehr viel. Es war nicht nötig. Ich ließ mir das Bier schmecken, hörte der Musik zu, starrte auf Flugzeuge, hing meinen Gedanken nach und sagte nicht viel.

Man ließ mich in Ruhe. Ich bekam mit, dass sie hinter meinem Rücken über mich redeten, aber man hielt sich zurück. Das war mir recht.

An diesem Tag im November brauchte ich nur Bier und Ruhe. Manchmal gibt es Tage, an denen das vollauf genügt.

08 November 2017

Lübbe und Oolipo und das Streaming

Noch auf der Buchmesse führte ich ein Gespräch mit einem Kollegen, der bei der Bastei-Lübbe AG arbeitet. Er erzählte mir von Streaming und von den entsprechenden Erfolgen in diesem Bereich; kein Anzeichen von Krise. Am Dienstag, 7. November, gab die Aktiengesellschaft bekannt, dass »die mit hohem finanziellen Aufwand entwickelte Streaming-Plattform für Leseinhalte oolipo die erwarteten und notwendigen Nutzerzahlen bislang bei Weitem nicht erreicht hat«.

Bekanntlich wurde die Plattform im März 2017 gestartet, nachdem man sie schon 2015 angekündigt hatte. Man wolte vor allem Serien über »ein eigenes Tool« veröffentlichen. Im Zentrum stand das Streaming, weil man darin einen echten Wachstumsmarkt sah. Bis 2019 wollte man weltweit rund zwei Millionen Nutzer erreichen.

Davon ist jetzt keine Rede mehr. Lübbe spricht klar davon, dass man die Nutzerzahlen nicht erreichen konnte. Des weiteren gibt man bekannt, dass man keine neuen Investoren gefunden hat. Man wolle nun »keine weiteren Mittel in das Projekt« stecken und es »außerplanmäßig« abschreiben. Die Presseerklärung spricht von einer Belastung von drei Millionen Euro.

Spannend ist eine weitere Aussage: Der neue Vorstandsvorsitzende Carel Halff – der Mann, der Weltbild groß machte – möchte »die strategische Ausrichtung des Konzerns insgesamt detailliert auf operative Chancen und Risiken hin analysieren«. Was das heißt, wird man in den nächsten Wochen und Monaten erfahren.

Ich bin nicht sicher, wie ich das alles einzuschätzen habe. Die Entwicklung bei Lübbe beobachte ich sowohl privat als auch beruflich mit großem Interesse. Man versucht, neue Wege zu gehen, was in einer sich ändernden Welt sicher nicht schlecht ist. Neue Impulse sind wichtig. Oftmals kamen mir aber die Versprechungen und Äußerungen zu groß vor – bei Oolipo konnte ich mir nie so richtig vorstellen, dass dieses Konzept so einfach aufgehen würde.

Grundsätzlich ist die Idee richtig: Streaming ist ein Modell für die Buchbranche, mit dem sie künftig stärker arbeiten wird. Nein, mit dem sie arbeiten muss. Die Nutzer werden das erwarten.

Auch die Idee, verstärkt auf Serien zu setzen, ist gut. Sie passt zum Markenkern bei Bastei-Lübbe, der jahrzehntelang von Heftromanserien wie »Jerry Cotton« und »John Sinclair« geprägt worden ist; Serienleser sind zudem treue Leser.

Woran Oolipo letztlich gescheitert ist – wobei das Projekt ja nicht gestoppt wird, aber ... –, weiß ich nicht. Vielleicht lag es an der Qualität der gebotenen Produkte, vielleicht war das Marketing nicht gut genug? Wer hat als Endkunde in den vergangenen Monaten denn von der Plattform erfahren?

Ich hoffe nur, dass bei der Bastei Lübbe AG nicht der Sinn für Innovationen schwinden wird. Das wäre die falsche Reaktion ...

07 November 2017

Wie ich 1983 ein politisches Gedicht schrieb

Mit dem politischen Bewusstsein des Jungautors, als der ich mich im Jahr 1983 fühlte, war es nicht so weit her: Am 22. Dezember 1983 entstand das kurze Gedicht »Na ja, und Marx?«, das mit rebellischer Attitüde beginnt, in einer Mixtur aus wütendem Punk und linkem Agitprop, und dann mit einem Bekenntnis zum Nichtstun endet.

Es wurde aus nachvollziehbaren Gründen nie veröffentlicht; das erschien mir damals wohl zu heikel. Ich war seit einigen Monaten ein Mitglied bei den Jusos, engagierte mich – durchaus ernsthaft – in der Lokalpolitik und für unser Jugendzentrum, jobbte in einem Supermarkt und an der Tankstelle, und natürlich träumte ich davon, mit meiner Science-Fiction-Zeitschrift »Sagittarius« irgendwann mal richtig Geld zu verdienen.

So schrieb ich das Gedicht mit dem schönen Titel, tippte es später sauber ab, lochte es und hefte es in einen Ordner ab. In diesem vergammelte es dann Jahrzehnte.

Mal ganz ernsthaft: Das liest sich doch, als habe es jemand im Jahr 2017 geschrieben? Aber ebenso ernsthaft: Das ist kein Fake. Solche Dinge schrieb ich eben 1983; da war ich gerade mal zwanzig Jahre alt geworden und sollte mich eigentlich aufs Abitur vorbereiten.

Ach ja – hier ist es:

Na ja, und Marx? 

Weltrevolution aus den Gossen,
die unteren Schichten rennen an
gegen die Bonzen,
gegen die Macht der Geldgeilen,
gegen den Wahn der Rüstungsbosse,
gegen Geistlosigkeit und Idiotie,
zertrümmern die letzten Mauern
alter Herrschaftsstrukturen.

Die Bonzen haben keine Chance
gegen das Aufbegehren der Masse.

Und ich liege im Garten,
trinke mein Bier leer.
Was geht's mich an?

06 November 2017

Das Radio blickt auf die 70er-Jahre

In mancherlei Hinsicht sind die Radiosendungen, die ich zum Jahresende im Querfunk in Karlsruhe bringe, eine einzige Folge von Abschieden – und deshalb bietet es sich an, noch mal die Musik zu spielen, mit der ich vor vielen Jahren angefangen habe. Konkret: Am gestrigen Sonntag, 5. November 2017, blickte ich mal wieder auf das England der späten 70er-Jahre und spielte Bands und Platten, die mich seitdem prägen und begeistern.

Die Sex Pistols durften nicht fehlen; ich brachte zwei Stücke aus der »Never Mind The Bollocks«. Die Platte hatte ich seit langem nicht mehr gehört; das alte Ding knistert und kratzt ganz schön, aber ich stellte fest, dass Stücke wie »Holidays In The Sun« oder »Bodies« immer noch echte Kracher sind.

Konsequenterweise brachte ich dann aber auch Public Image Ltd.; das ist kein Punk, war es nie und wollte es auch nie sein. Aber ich finde die erste Platte der Band immer noch sensationell, wenngleich sie mich natürlich nie so wegblasen wird wie in den Tagen, als ich sie zum ersten Mal hörte.

Nach wie vor liebe ich The Damned, deren erste Langspielplatte die beste Punkrock-Scheibe dieser Tage ist – finde ich. Nicht einmal meinen anderen Lieblingsbands aus dieser Zeit können mich bis heute so packen. Aber wenn ich »Neat Neat Neat« höre, möchte ich immer noch durch die Gegend pogen.

Großarttig ist nach wie vor der supermelodische Punkrock von den Buzzcocks und den Undertones; das wirkt heute nicht mehr so dynamisch wie 1977 oder 1978. Aber die Melodien zünden in meinen Ohren nach wie vor, auch vierzig Jahre danach.

Natürlich durften The Clash nicht fehlen, meine liebste Band aus dieser Zeit. Ich spielte zwei Aufnahmen aus dem Spätjahr 1976, also aus einer Zeit, die vor der offiziellen Punk-Explosion liegt, die aber ganz schön krachig klangen.

Und zum Abschluss pfefferte ich die Boomtown Rats in den Äther: eine Band, die ich immer noch mag, wenngleich ich sie wegen ihres Sängers eigentlich verabscheuen sollte. Damals war die Band klasse, und das will ich nicht vergessen.

Ich hoffe, dass die Hörer solche Ausblicke in die Vergangenheit des Moderators entschuldigen. Wenn 2018 hoffentlich jemand anders von meinem Sendeplatz aus sendet, kann diese Person ja wieder mehr in die aktuelle Zeit blicken.

05 November 2017

Lobgesang aufs »Weinkontor«

Seit ich vor über dreieinhalb Jahren schon einmal über das »Weinkontor« in diesem Blog geschrieben habe, hat sich einiges geändert. Die Welt drehte sich weiter, ich wurde ein wenig älter, und ... ach, jeder und jede denke sich selbst dazu, was sich für ihn oder sie geändert hat.

Was gleich blieb, war für mich das »Weinkontor« in Landau in der Pfalz, ein Lokal, das ich immer wieder gern ansteuere, was in diesem Fall eben heißt, dass ich im Schnitt pro Halbjahr dort bin. Deshalb hier an dieser Stelle ein kleiner Lobgesang ...
Wenn ich es schaffe, nach Landau zu kommen und das mittlerweile sehr hübsche Gebäude zu betreten, empfängt mich immer eine schöne Mischung aus schick und locker. Man muss keinen Anzug tragen, um in das Restaurant zu gehen; es gibt keine Kleiderordnung und dergleichen. Und man kann, wenn man möchte, auch durchaus preiswert essen.

Es lohnt sich allerdings, ein Menü mit drei Gängen zusammenzustellen, dazu die entsprechenden Weine – gern aus der Pfalz! – dazu zu packen und dann alles in einer schönen Atmosphäre zu genießen: im Sommer gern im Freien, mit Blick auf das Gelände der ehemaligen Gartenschau, im Winter in einem »stylischen Ambiente«. Der Service ist gut, die Beleuchtung dezent, die Musik angenehm; hier passt alles.

Leider muss bei uns immer eine Person nüchtern bleiben – das mit der Bahn hat noch nie geklappt. Aber man muss ja auch nicht immer besoffen sein ...

04 November 2017

Audible und Amazon bieten das Hörbuch

Es gibt Menschen, die mögen Hörbücher lieber als gedruckte Romane oder E-Books; das ist durchaus nachvollziehbar. Und für die gibt es meinen Fantasy-Roman »Das blutende Land« jetzt auch als Hörbuch. Als Verlag tritt Audible auf; dort kann man das Hörbuch herunterladen.

Gelesen wurde es von Oliver Schönfeld, den ich nicht persönlich kenne. Im Vorfeld haben wir einige Male per Mail kommuniziert. Man kann auf der Amazon-Seite schon mal eine Hörprobe anhören – ich bin damit übrigens sehr zufrieden.

Was ich ein wenig skurril finde: Der beschreibende Text ist richtig alt. Er stammt aus einer Zeit, als wir bei dem Buch noch mit dem Arbeitstitel »Wölfe und Jäger« operierten.

Ich vermute, dass die Kollegen bei Droemer-Knaur diesen Text an Audible lieferten, und dort wurde er bislang nicht geändert. Schöne Verwicklung!

27 Oktober 2017

Auf dem roten Teppich

Das finde ich nett: Bei Droemer-Knaur gibt es eine Leselounge – zumindest auf der Internet-Seite des Verlages. Dort wiederum gibt es eine Rubrik, die sich »auf dem roten Teppich« nennt. Und dort bin jetzt auch ich aufgeführt, was mich sehr freut.

Man zitiert in der Überschrift als mein »theoretisches Motto« etwas, das ich viel zu selten schaffe: »nicht stressen lassen!«. Eine sehr schöne Seite mit einigen netten Fragen und einigen hoffentlich interessanten Antworten. Mein erstes Interview gewissermaßen zu »Das blutende Land« ...

Lächelnd in Dreieich

Ach herrje: Dieses Foto will ich echt niemandem vorenthalten – es wurde am Samstag, 14. Oktober 2017, in Dreieich aufgenommen. Fotografin war Christina Hacker, die meine Lesung während des BuchmesseCons besuchte. Wie es sich für einen Gelegenheitsautor gehört, war ich entsprechend stolz auf mein Werk und hielt es gern in die Kamera.

Dabei gab es dann tatsächlich eine Situation, in der ich lächelte. Das ist recht selten – meist ziehe ich ein ernsthaftes Gesicht, wenn sich eine Kamera auf mich richtet. Aber in diesem Moment war ich offenbar gelöst und stolz zugleich.

26 Oktober 2017

Kazor war ein Werbe-Comic

Ein ungewöhnlicher Comic, der 1999 veröffentlicht wurde und der damals an Freunde sowie Kunden des Transgalaxis-Versandes ging: »Kazor – In fremder Galaxie« erschien im Sommer jenen Jammers im Form eines Piccolos, also eines streifenförmigen Comic-Heftes. (An dieses Format erinnern sich nur Sammler oder eben ältere Comic-Leser wie ich.)

Der Zeichner und Autor war Harry Messerschmidt, der im Februar 2017 leider schon verstorben ist. Ich lernte ihn nie kennen, obwohl wir indirekt über Jahre hinweg zusammenarbeiteten: Er lieferte beispielsweise Cartoons, Zeichnungen und Comics für die Raketenheftchenserie, für die ich tätig bin, und deren Begleitprodukte.

Sein Stil war klassisch, orientierte sich an dem, was in den 50er-Jahren durchaus modern gewesen war. Das passte zu den Piccolo-Heften im Allgemeinen und ihrer Geschichte.

Auch inhaltlich unterscheidet sich »Kazor« kaum von den alten Heften: Die Geschichte ist eher schlicht, alles andere als intellektuell, und sie ist zeichnerisch in ihrem eindeutigen Schwarz-Weiß ebenfalls in diese Zeit einzuordnen.

Als originell kann man die Story allerdings doch bezeichnen: Die Geschichte kommt ohne jeglichen menschlichen Helden aus. Zu sehen sind nur monströse Außerirdische, die sich über Probleme unterhalten, die ich beim ersten Durchlesen nicht richtig kapierte. Aber da »der Planet der Kar-Zoa« ja auch »viele hundert Millionen Lichtjahre« von der Erde entfernt ist, dürfte das nicht so schlimm sein.

Harry Messerschmidt machte viele dieser Piccolo-Comics. Ich besitze einen ganzen Stapel davon, und diese werde ich wohl mal wieder neu lesen. Die meisten zählen zu Serien und wurden regulär im Comic-Fachhandel verkauft. »Kazor« war etwas Besonderes – schön!

25 Oktober 2017

Noch einmal in den Herbst geradelt

In diesen Tagen und Wochen nutze ich buchstäblich jede freie Stunde bei Sonnenlicht und halbwegs vernünftigen Temperaturen, um noch einmal mit dem Rad loszufahren. Schließlich kenne ich mich gut genug: Wenn es mal dunkel und kalt ist, mache ich das nicht mehr – dann bleibe ich abends daheim, wo ich letztlich bei heißem Tee und dudeliger Musik versacke. Es gibt Gründe, warum ich früher immer im Herbst nach Afrika reiste.

Ein Ziel, das ich immer wieder ansteuere, ist das Naturschutzgebiet in Neureut. Dort ist es wirklich schön, und man ist als Radfahrer so gut wie allein.

Gelegentlich sieht man andere Leute, einzelne Radfahrer oder auch Spaziergänger mit Hund. Die sportlichen Radler, also die mit den tollen Rädern und in den bunten Klamotten, die steuern so langweilige Ziele nicht an.

Wenn ich da mit offenen Augen und nicht in rasendem Tempo fahre, eröffnen sich mir immer wieder Blicke auf die Natur – oder was, was von ihr übrig geblieben ist –, bei denen man meinen könnte, das sei nicht Karlsruhe. Keine fünf Kilometer davon entfernt beginnt schließlich der Ölhafen, gibt es die großen Raffinerien ...

Aber manchmal denke ich, ich sei in einem weit entfernten Ort, und dann komme ich mir vor wie in so einem verwunschenen Fantasy-Land.

24 Oktober 2017

Vier Personen für einen Roman

»Um was geht’s denn in deinem Roman?«, wurde ich in jüngster Zeit gelegentlich gefragt. Ich fing dann immer an, etwas von Politik und Problemen, von Krieg und Magie zu erzählen. Aber eigentlich geht’s ja um Menschen. Und deshalb nutze ich die Gelegenheit, kurz die vier wichtigsten Personen des Romans »Das blutende Land« vorzustellen.

Sardev Örhun ist die Hauptperson: Seine Tat (die kann man ja schon in der Leseprobe nachvollziehen) löst einige der folgenden Ereignisse aus, und um ihn gruppieren sich letztlich viele andere Ereignisse. Als Sohn eines Freibauern kommt er gewissermaßen aus dem Mittelstand des Landes Patloren.

Shorrn Mekeis stammt ebenfalls aus Patloren, er steht aber auf der anderen Seite: Als Raureiter gehört er zu einer Art berittener Polizei, die in diesem Landstrich für Ordnung sorgt und auch mal einen Verbrecher jagt. Im Zweifelsfall folgt er den Befehlen der Leute, die ihn bezahlen.

Nesh-Tilan stammt aus Eskoh – und sein Volk, die Eskoher, kontrolliert die gesamte bekannte Inselwelt, zu der auch das Land Patloren gehört. Das Imperium des Dreizacks, wie die Eskoher ihren Staat nennen, wird von mächtigen Häusern regiert, die jeweils ihre eigenen Ziele verfolgen. Das bekommt Nesh-Tilan hautnah mit, der als Verwalter in das abgelegene Hügelland von Patloren zieht – will er Karriere machen, muss er dafür sorgen, dass er in Eskoh auffällt.

Und Zarg-Nolesa? Sie ist ebenfalls aus Eskoh, aber ihre Ziele bleiben den meisten Leuten ziemlich unklar. In gewisser Weise kann man sie als zweite Hauptperson des Romans betrachten, eine junge Frau ohne Moral, aber mit klaren Befehlen.

Sie alle treffen sich immer mal wieder, sie haben nicht unbedingt gemeinsame Vorstellungen von ihrer Zukunft – aber letztlich müssen sie sich alle mit dem sogenannten Brodem auseinandersetzen. Über den wiederum will ich an dieser Stelle nichts ausplaudern …

23 Oktober 2017

Klar formuliertes Sachbuch über Demokratiefeinde

In den vergangenen Jahren – so sieht es aus es – ist die Demokratie in Mitteleuropa immer stärker unter Beschuss geraten. Die Demokratiefeinde formieren sich in allen möglichen Bereichen; der islamistische Terror und die neofaschistischen Bewegungen scheinen sich geradezu aufzuschaukeln. Da ist es durchaus sinnvoll, sich einmal in Ruhe anzuschauen, mit wem man es da eigentlich zu tun hat.

Der Wissenschaftler und Autor Claus Leggewie hat in einem Essay-Band, der zum Jahresende 2016 bei Suhrkamp erschienen ist, den Versuch unternommen, die »Anti-Europäer« – so der Titel seines Buches – in einem Band zu präsentieren. Der Massenmörder Anders Breivik aus Norwegen, der russische Nationalist Alexander Dugin und der Islamist Abu Musab al-Suri werden in diesem Buch zu den Protagonisten eines erbarmungslosen Kampfes, der gegen die westliche Lebensart gerichtet ist.

Damit scheinen viele Leser nicht so recht klarzukommen. Zumindest gewinne ich den Eindruck, wenn ich mir die »Rezensionen« im Netz anschaue. Manche verstehen offenbar nicht, dass Leggewie den Terror der Islamisten ablehnt, sich aber gegen eine pauschale Ablehnung von Muslimen ausspricht – was ich für selbstverständlich halte. Andere wiederum verstehen nicht, wieso er die drei unterschiedlichen Demokratiefeinde in einen Topf wirft.

Das tut der Autor, er rührt aber nicht um – wenn ich in diesem Bild bleiben darf. Er entwirft Porträts, die sowohl die persönliche Seite dieser Männer zeigt als auch die Hintergründe, vor denen sie agieren. Wieso ist ein Massenmörder wie Breivik trotz seiner Untaten so populär, woher kommt die Faszination für Dugin? Beides ist mir ebenso unverständlich wie die Begeisterung, die junge Leute für den Dschihad äußern können.

Leggewies Sachbuch gibt keine echte Antwort auf solche Fragen, es liefert Hintergründe. Was mir dabei gefallen hat: Es ist unterhaltsam geschrieben, die Fakten werden so vermittelt, dass man sie auch ohne umfangreiches Studium gut verstehen kann. Ein gewisses Grundwissen zur aktuellen Politik wird allerdings vorausgesetzt – aber das sollte man bei solchen Büchern eh mitbringen.

Besonders wichtig: Leggewie arbeitet mit einem umfangreichen Fußnoten-Apparat. So kann jemand, der sich genauer informieren möchte, die Quellen jederzeit nachprüfen. In Zeiten, wo ständig der irrwitzige Vorwurf der »Lügenpresse« erhoben wird, ist das sinnvoll – wobei ein Wissenschaftler wie Leggewie sowieso stets mit Fußnoten arbeiten dürfte ...

Das sehr lesenswerte Buch ist nach einem Jahr immer noch wichtig. Mit 15 Euro für 176 Seiten ist es nicht gerade preiswert, ich empfehle es aber dennoch für diejenigen, die gern ein wenig mehr Hintergrund mögen. (Wer sich einlesen möchte: Die Kollegen von Suhrkamp stellen auf ihrer Internet-Seite eine Leseprobe zur Verfügung.)

22 Oktober 2017

Gewaltfreie Kommunikation versus Massenschlägerei

Wenn man zu einem Geburtstag von jemandem eingeladen wird, den man schon lange kennt und immer für »recht jung« gehalten hat, und dann stellt es sich herus, dass diese Person ihren vierzigsten feiert, wird eine erst so richtig klar, wie alt man selbst ist ... So ging es mir am Freitagabend, 20. Oktober 2017, als ich über das stockdunkle Gelände des Alten Flugplatzes radelte, um auf eine Party zu fahren, die sich als Punkrock-Konzert tarnte.

Das »P8« ist ein extrem sympathischer Ort in der Nordstadt von Karlsruhe, ein soziokulturelles Zentrum, in dem ich noch nie war – was ich als echten Fehler empfinde. Die Räumlichkeiten wirken wie eine Mixtur aus Musik-Club und besetztem Haus, was ich positiv meine, und das Programm im »P8« ist so, dass ich da eigentlich viel öfter hinmüsste. Schauen wir mal.

Gut hundert oder hundertzwanzig Leute waren da; viele kannte ich vom Sehen. Ansonsten markierte ich mit zwei, drei anderen das obere Ende der Alterspyramide, was mich wenig störte: Es gab Bier, ich konnte mit anderen Leuten labern, und irgendwann spielte die erste Band.

Das waren Massenschlägerei aus Mannheim, die sich an einem witzigen Deutschpunk-Revival versuchten: Die Ansagen waren im lokalen Dialekt, der Sound rumpelte, die Texte klangen schwer nach den 80er-Jahren – ich amüsierte mich sehr, und das Publikum freute sich offenbar darüber.

Danach spielte eine Band, die an diesem Tag zum ersten Mal auf der Bühne stand und sich ironischerweise Gewaltfreie Kommunikation nannte: zwei Männer, zwei Frauen und ein Akkordeon. Für einen ersten Auftritt fand ich das alles ziemlich gut; die Stücke hatten Schwung und Schmackes, die Sängerin hatte eine gute Stimme, und das Akkordeon quiekte immer wieder schön dazwischen.

Die folgenden zwei Stunden verbrachte ich mit Bier und mehr oder weniger gelungenen Gesprächen. Als ich spät nachts mit dem Rad nach Hause eierte, nahm ich mir vor, nicht zum letzten Mal diesen Konzertort besucht zu haben ...