14 November 2017

Eine Dystopie als Parabel auf unsere Zeit

Der Roman »Die Stadt der Wahrheit« wurde in den USA bereits 1990 veröffentlicht, erhielt später den Nebula Award und wurde 1993 als Taschenbuch in deutscher Sprache publiziert. Warum ich ihn erst dieser Tage las, kann ich so genau nicht sagen – aber der schmale Roman von James Morrow passt tatsächlich gut in die aktuelle Zeit.

Der Autor, der mir vor allem durch seinen brillanten Roman »Das Gottesmahl« in hervorragender Erinnerung ist, stellt eine Welt vor, in der es keine Lügen mehr gibt. Lügen sind ausgerottet, alle Menschen sprechen die Wahrheit.

Die sogenannte Brutalotruppe – also die Polizei – sorgt dafür, dass die Regeln durchgesetzt werden, Rock-Bands nennen sich »Redlichkeit« und machen entsprechende Musik. Und damit auch wirklich alle die Wahrheit sprechen, werden Kinder im Alter von zehn Jahren mithilfe einer derben Gehirnwäsche dazu gebracht, künftig Schmerzen bei Unwahrheiten zu empfinden.

Das klingt wie eine Parabel auf unsere heutige Zeit, auf sogenannte Fake News und Alternative Fakten. Tatsächlich ist die Welt, die James Morrow entwirft, nicht bis ins letzte Detail durchdacht. Der Autor wollte keine komplette Gesellschaft entwickeln, sondern eine menschliche Geschichte erzählen, in der es eben um Wahrheit und Lüge geht.

Spätestens dann, als der Sohn des Helden an einer unheilbaren Krankheit leidet, wird die bisher skurrile Geschichte immer emotionaler und trauriger. Der Held stellt fest, dass es unter der Stadt Veritas eine Stadt der Lügen gibt, zu der er Zugang findet. Er wird zum Schwindler, zu einer Person also, die bewusst die Unwahrheit sagen kann. Das alles tut er nur, damit sein Sohn in seinen letzten Lebensmonaten nicht zu sehr leidet.

Auch die Stadt der Lüge wird zu einer Art Diktatur. Gleichzeitig entwickelt sich die Geschichte zu einer moralischen Parabel über Liebe und Zuneigung, sie endet zuletzt traurig und hoffnungsvoll zugleich.

Es gibt durchaus Gründe, warum »Die Stadt der Wahrheit« so in Vergessenheit geraten ist – das Werk taucht ja nie auf einer »Bestenliste« auf –, und einer der Gründe ist sicher die eher dünne Handlung. Der Roman wirft Fragen auf, er stellt seine Hauptfigur vor zentrale Entscheidungen, und er ist sehr emotional.

Damit ist der Roman ein gutes Beispiel für moderne Science Fiction, die komplett ohne Raumschiffe und Supertechnik auskommt, stattdessen gesellschaftliche Themen aufgreift. Lesenswert – leider nur sehr schwierig zu bekommen.

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