10 Juli 2026

Dead Bob knallten tatsächlich rein

Ist es eine Band, oder ist es ein Soloprojekt mit Begleitmusikern? Auf der Bühne sind Dead Bob auf jeden Fall eine echte Band, auch wenn John Wright die zentrale Person ist. Er hat jahrzehntelang bei No Means No getrommelt, seine Begleitung – eine Frau und drei Männer – ist zwar deutlich jünger, aber auch weit entfernt davon, junge Punks zu sein.

Im vergangenen Herbst sah ich Dead Bob schon einmal, am 7. Juli 2026 spielten sie wieder in der »Alten Hackerei« in Karlsruhe. Das Konzert war unter der Woche, die Temperaturen immer noch recht hoch; ich schätzte, dass sich gut hundert Leute einfanden, nicht nur aus Karlsruhe, sondern auch aus Städten, die 100 oder 150 Kilometer entfernt waren.

Vom ersten Ton an hatte die Band ihr Publikum im Griff. Wright machte die Ansagen, ansonsten saß er hinter seinem Schlagzeug und trommelte, sang und hatte sichtlich Freude an alledem. Zwischendurch fischte er sein Smartphone aus der Tasche und telefonierte – ob das nun zur Show gehörte oder nicht, war mir nicht klar.

Die Frau und die drei Männer, die Wright begleiteten, ließen es ebenfalls krachen. Sie sangen mal einige Stücke mit, sie trommelten und bedienten Blasinstrumente, sie spielten Gitarre und Bass, sie bewegten sich und sprangen auf der Bühne hin und her.

Im Publikum hatten wir gleich ebenfalls Bewegung. Es war kein Pogo-Konzert, dafür herrschten schlicht zu viele grauhaarige Leute vor. Aber man bewegte sich, es wurde ein bisschen gehüpft, ansonsten frenetisch gejubelt, gejohlt und applaudiert. Es herrschte eine großartige Stimmung, die das gesamte Konzert über anhielt.

Leider war das Ganze auch unfassbar laut. Ich merkte nach einiger Zeit, dass meine Ohren zu pfeifen anfingen, blieb trotzdem noch recht lange vorne stehen und hüpfte ein wenig, bis ich später in den hinteren Teil des Konzertraums ging. Als ich später auf meinem Rad saß und quer durch Karlsruhe strampelte, hatte ich in meinen Ohren ein unaufhörliches Rauschen.

(Am nächsten Tag ging ich in die Ohrenklinik im Städtischen Klinikum, um meinen Hörschaden begutachten zu lassen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein geiles Konzert war's ja trotzdem.)

09 Juli 2026

Werbung für neue Science Fiction

Derzeit werde ich auf Facebook von Werbung für neue und aufregende Science-Fiction-Romane nur so überflutet. Schon klar, das ist bezahlte Werbung, und es spricht nichts dagegen – ich finde es ja auch interessant, auf diese Weise mitzubekommen, was rechts und links von meiner Arbeit sonst so in der Science-Fiction-Welt passiert.

Aber das ist stets Werbung für selbstverlegende Autorinnen und Autoren, auf deutsch – Vorsicht, Scherz! – also für Selfpublisher. Auch dagegen ist nichts zu sagen. Ich frage mich nur: Gibt es neuerdings einen Werbesprüche-Generator im Internet, den man dafür benutzen muss, um für sein eigenes Buch zu trommeln?

Manchmal kommt es mir echt so vor. Die ständigen Superlative führen auf jeden Fall nicht dazu, dass ich mir so einen Roman kaufen würde. Mich schreckt das ab, vor allem auch deshalb, weil es oft so austauschbar wirkt.

Ich halte es dann so wie früher und warte darauf, dass mir jemand so einen Roman empfiehlt, von dem ich weiß, dass seine/ihre Interessen zu den meinen zumindest kompatibel sind. (Was jetzt nicht heißt, dass mich alle mit ihren Vorschlägen überfluten sollen ... ich guck' ja schon, was sich so tut.)

Art Brut und ihr Bang

Im Herbst 2005 sah ich in Los Angeles in »The Echo« eine englische Band, von der ich mir kurz davor die erste Langspielplatte gekauft hatte. Art Brut spielten vor einem frenetisch feiernden Publikum – es waren vielleicht 200 Leute anwesend – und sorgten für eine grandiose Stimmung. Ich bekam während des ganzen Konzerts mein Grinsen nicht aus dem Gesicht, und so ging es wohl vielen der Anwesenden.

Dieser Tage hörte ich mir die Platte wieder an. »Bang Bang Rock & Roll« kam 2005 heraus und begeisterte mich vom ersten Ton an. Das war nicht unbedingt neu, aber es knallte gut. Ob man das in die IndieRock-Ecke steckte oder als Punk bezeichnete, war mir völlig egal. In Los Angeles traten Art Brut auf, als seien sie eine Punk-Band, obwohl sie allesamt eher unpunkig wirkten.

Zurück zur Platte, die ich mir immer noch mit Genuss anhören kann. Es gibt natürlich Stücke wie »My Little Brother« oder das »Formed A Banded«, die richtig zum Pogo einladen, aber es gibt auch ruhigere Stücke wie das Liebeslied »Emily Kane« – aber das ist natürlich kein einfaches Liebeslied, sondern die originelle Version davon. Die Band verarbeitet allerlei gewöhnlich wirkende Themen (in »Moving To L.A.« wird natürlich über das englische Wetter gejammert) zu schrägen Liedern, und das ist immer ironisch bis sarkastisch.

Der Sänger kann nicht singen, anders lässt sich das nicht sagen. Im Prinzip benutzt er eine Art Sprechgesang, die aber nichts mit HipHop oder dergleichen zu tun hat, sondern eben sehr rhythmisch ist; bei einem Konzert hüpft man dann mit dem Sänger mit … Seine Stimme ist gut, er kriegt die Stücke richtig gut rüber; wer aber einen Sangeskünstler erwartet, ist hier falsch.

Und die Band? Die ist richtig gut, man merkt den Herren die Spielfreude an. Klar wird hier weder die Rockmusik im Allgemeinen noch der Punk neu erfunden; der Sound ist ebenfalls sehr rhythmisch, hat aber auch ordentliche Melodien. Die Gitarren klingen angenehm, der Bass und das Schlagzeug poltern ordentlich durch die Stücke, und der Sänger muss dazu eigentlich nur noch ins Mikro schreien. Das alles ist meist schmissig und selbst in den langsamen Passagen immer auf den Punkt gebracht; weit entfernt von manch langweiligem IndieRock.

Ernsthaft: Art Brut waren live großartig. Und die »Bang Bang Rock & Roll« ist immer noch eine sehr gute Platte. Wer sie bisher nicht kennt: reinhören!

07 Juli 2026

Ein deutsch-amerikanischer Science-Fiction-Klassiker

Wer sich heute mit phantastischer Literatur im Allgemeinen und der Science Fiction im Besonderen beschäftigt, hat den Namen Willy Ley (1906 bis 1969) nicht unbedingt parat. Dabei zählte er zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschsprachigen und später amerikanischen Science Fiction, der als Konstrukteur von Raketen ebenso bekannt wurde wie als Schöpfer phantastischer Welten. Mit dem Buch »Die Invasion« liegt eine Sammlung der Erzählungen vor, die er zwischen 1931 und 1940 veröffentlichte.

»Am Perihel« zeigt beispielsweise seine meisterhafte Art, konkrete Wissenschaft mit einer spannenden und auch politischen Handlung zu verbinden. Die Erzählung erschien 1937 in »Astounding Stories«, zwei Jahr nach Leys Auswanderung in die Vereinigten Staaten, und erzählt vom Mars und den Konflikten der menschlichen Kolonien dort. Dabei verhehlt der Autor nicht, was er von der irdischen Politik jener Zeit hält: Die deutsche Kolonie auf dem Mars arbeitet mit rassistischen Kriterien – der Begriff »arisch« fällt –, während die sowjetische Kolonie in brutalem Stalinismus erstarrt ist.

Mit einem Raumschiff flüchten drei Menschen vom Mars; sie wollen zur Erde und müssen eine riesige Ellipse fliegen. Weil Flugbahnen im Sonnensystem nach festen Kriterien verlaufen, müssen sie dabei sogar dicht an der Sonne vorbei … eine dramatische Reise, die auch heute noch faszinierend zu lesen ist. Ley brachte das Kunststück fertig, die Geschehnisse wissenschaftlich korrekt und trotzdem spannend zu schildern. Heute würde man aus dieser Erzählung wohl einen Roman mit 500 Seiten zu machen.

Auch in »Orbit XXIII-H« – die Erzählung wurde 1938 in »Astounding Stories« veröffentlicht – geht es um die Bedeutung von Orbitalbahnen im Sonnensystem; das Thema faszinierte den Autor ganz offensichtlich, und er hatte Freude, es in Geschichten aufzubereiten. Bei diesem Text wird allerdings mehr geballert; Maschinengewehre und Handgranaten kommen zum Einsatz. Damals war das durchaus üblich, heute finde ich es schwach – trotzdem ist es sinnvoll, diese Erzählung in einem solchen Sammelband abzudrucken.

Viel geschossen wird ebenfalls in »Nebel«: In dieser Geschichte, die 1940 herauskam, also vor dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg, schildert der Autor den Versuch einer kommunistischen Revolution in naher Zukunft. Dabei zeigt er die Geschehnisse aus der Sicht eines »Zivilisten«, der die Ereignisse quasi aus der Nähe verfolgt, nicht aber in die Kämpfe verwickelt wird. Die Story hat nur einen winzigen Science-Fiction-Anteil, eine technische Erfindung quasi, überzeugte mich aber durch die dichte Art der Erzählweise.

Typisch für die damalige Zeit – ebenfalls 1940 – ist die Titelgeschichte des Buches: »Die Invasion« erzählt vom unwillkommenen Besuch seltsamer Außerirdischer und den vergeblichen Versuchen, sie zuerst mithilfe schwerer Artillerie abzuwehren. Am Ende siegt ein trickreicher Ingenieur …

Willy Ley verstand es in seinen Geschichten immer, gute Figuren mit technischen Entwicklungen zu verbinden. In der Science Fiction jener Tage verstand man unter »Science« vor allem Ingenieurswesen und Physik; davon hatte der Autor und Raketenforscher sehr viel Ahnung.

Die Erzählungen in diesem Band sind allesamt unterhaltsam geschrieben und auch heute noch sehr gut lesbar. Sie sind natürlich der damaligen Zeit verhaftet, was sich beispielsweise in der Darstellung der Frauen und »Mädchen« zeigt.

Ein kenntnisreiches Nachwort sowie einige andere Texte ergänzen das Buch, das ich all jenen empfehlen möchte, die sich für klassische Science Fiction interessieren. Veröffentlicht wurde »Die Invasion« im Memoranda-Verlag als hochwertiges Taschenbuch mit Klappbroschur; es umfasst 290 Seiten und kostet 24,00 Euro.

Mithilfe der ISBN 978-3-911391-02-3 kann man es überall im Buchhandel bestellen. Das E-Book gibt’s für 8,99 Euro. Weitere Informationen zum Buch und seinem Autor gibt es auf der Internet-Seite des Memoranda-Verlags.

(Die Rezension erschien im Juni auf der Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie. Hier wiederhole ich sie aus dokumentarischen Gründen.)

06 Juli 2026

Zug-Abenteuer

Wer mal so richtig was erleben will, wer mal so richtig mitkriegen möchte, auf welch vorbildliche Weise die Republik verteidigt wird, für den gibt es eigentlich nur eines: Sonntag abend mal das Auto stehen lassen und in Freudenstadt den letzten Zug Richtung Karlsruhe besteigen. Das ist der Zug, mit dem aus der kleinen Schwarzwaldstadt und den umliegenden Ortschaften einige Dutzend junger Männer mit Sack und Pack Woche für Woche in die Garnisonen in Nordbaden, Hessen oder Rheinland-Pfalz abdampfen.

Dabei geht es in Freudenstadt noch recht gemütlich zu. Nur einige wenige der jungen Männer mit den kurzen Haaren pfeifen schrill und rufen ihre Lagemeldungen über den Bahnhof und durch den Zug, geben damit zu Gehör, wieviel Tage sie noch zu dienen haben. Man setzt sich gemütlich, und dann werden ebenfalls gemütlich, ruhig und bescheiden die ersten Sechserpacks Bier aus den Taschen geholt und gleich im Dutzend niedergemacht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass manche Rationen schon den Weg vom Freudenstädter Haupt- zum Stadtbahnhof nicht überstehen.

Aber gemach! Dort steigen schließlich nochmals zwei Dutzend Bundeswehr-Soldaten ein, es kommt zu rührseligen Begrüßungsszenen (»Wieviel Tage hast du noch?« – »Was, so viel? Ist das mehr oder weniger als eine Million?«) und freundlichen Zurufen, und die nächsten Sechserpacks, Dosen und Weinflaschen werden geöffnet. Immerhin sollte bis Baiersbronn, der ersten Station im Murgtal, ein gewisser Mageninhalt vorhanden sein, denn dort steigt wieder ein Dutzend Soldaten mit neuem Reiseproviant ein, und dieses Spiel wiederholt sich von Station zu Station bis Karlsruhe.

Das soll nicht interessant sein? Ist es auch nicht, das ist ja erst der Anfang. Eine zufällig allein mit demselben Zug reisende Frau wird nicht vernachlässigt. Es gibt garantiert mindestens einen Bundeswehrsoldaten, der sich lautstark über ihr Aussehen und ihre Figur auslässt oder ihr gleich mit schwerer Zunge erzählt, dass eigentlich ohnehin nur er der Richtige sei. Dezente Hinweise ihrerseits, dass in erster Linie ein Gewehr die Braut eines Soldaten zu sein habe, verbieten sich schon aus Sicherheitsgründen von selbst.

Von Station zu Station wird die Stimmung in den Abteilen amüsanter, die ersten Lieder werden gesungen, einzelne Soldaten patrouillieren schon durch die Gänge, zeigen jedem, wie wenige Tage sie noch dienen müssen, und freuen sich über Gleichaltrige, die noch ein Jahr vor sich haben. Es kommt zu den ersten Keilereien, die ersten Büchsen fliegen quer durch die Abteile, die Musik vom Kassettenrekorder wird noch ein bisschen lauter gestellt, der Schaffner wagt sich schon gar nicht mehr in die Gänge hinein, und ab und zu geht auch mal ein Fenster zu Bruch. Hält der Zug an einer Station, fliegen die üblichen humorvollen Bundeswehrsprüche zu Wartenden hinüber, werden Frauen aus sicherer Distanz mit allerlei Eindeutigkeiten überhäuft.

Im Karlsruher Hauptbahnhof verlassen dann Dutzende von Soldaten den Zug, die einen eher still und gedrückt, die anderen lautstark pfeifend und grölend, die Flaschen dabei immer in der Hand. Dort gibt es eventuell einen krönenden Abschluss des Zug-Abenteuers, wenn seltsame, grüngekleidete Herren mit weißen Pistolentaschen und roten Mützen auftauchen: Feldjäger, die ab und zu versuchen, Betrunkene abzuführen.

Leider bietet sich dieses Bild nicht allzu häufig, so dass sich das eigentliche Zug-Abenteuer meist auf die Fahrt allein beschränkt. Aber das dürfte dem Normalsterblichen voll und ganz reichen.

(Diesen Text veröffentlichte ich in der Freudenstädter Lokalausgabe der »Südwest-Presse«; der Artikel erschien am 8. Juli 1985, zu einer Zeit also, als ich selbst noch als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr war und die geschilderten Ereignisse an fast jedem Wochenende miterleben durfte. Im Jahr 1994 wurde der Text von mir in meinem Egozine ENPUNKT noch einmal nachgedruckt. Aber das ist ja schon wieder lange her …)

03 Juli 2026

Weniger Sex, mehr Fußball

Der Name des Schriftstellers Marthy J. Cannary ist selbstverständlich ein Pseudonym; wer sich hinter diesen Namen verbirgt, weiß ich leider nicht. Spekulieren könnte ich, aber so wichtig ist das ja letztlich nicht. Der Autor zeichnet für den Roman »Der Name des Spiels« verantwortlich, der als Band 2814 der Serie »Lassiter« erschienen ist.

Die Serie gehört zum Genre des Westerns, hat aber mit historisch korrekten Tatsachen nur wenig zu tun. Das stört nicht: Bei »Lassiter« werden schon immer Western-Elemente mit einer tüchtigen Prise Sex verbunden, und diese Mixtur macht sicher den Erfolg dieser schon sehr lange laufenden Reihe aus.

Diesmal aber geht es weniger um Sex – das bisschen Erotik dieses Romans besteht aus Andeutungen –, sondern vielmehr um Fußball. Ausgerechnet in der Kleinstadt Green River in Wyoming wird das erste Fußballspiel in den Vereinigten Staaten ausgetragen, und Lassiter passt auf, dass alles gut verläuft,

Sagen wir so: Die fußballerischen Details stimmen hoffentlich, die prüfte ich nicht nach. Die Szenerie an sich ist unterhaltsam, das Geschehen unterhaltsam erzählt. So richtig spannend fand ich den Roman allerdings nicht, aber ich zähle ja auch nicht zur Hauptzielgruppe dieser Serie.

Die Idee muss ich aber loben: Die Mixtur aus Fußball und Western ist sicher einmalig – und das haben die Kollegen bei Bastei gut platziert ...

02 Juli 2026

Schnappschuss in Freudenstadt

Aus der Reihe »Ein Bild und seine Geschichte«

Der FreuCon '92 im April 1992 hatte an die 800 Besucher aus gut zwanzig Ländern. Als »Chairman« der Veranstaltung bekam ich vom Ablauf gar nicht so viel mit, weil ich oft in unserem Büro saß und Einzelgespräche mit Helfern, Programmteilnehmern oder der Presse führte. Deshalb waren die Fotos für mich im Nachhinein eine wertvolle Dokumentation.

Das Bild hier zeigt den amerikanischen Science-Fiction-Autor Norman Spinrad, links im Bild, der damals in Paris lebte. Er unterhält sich mit Werner Fuchs, einer der Gründer des Rollenspielsystems »Das Schwarze Auge« und Chef des Verlags Fantasy Productions. Spinrad und ich verloren nach dem FreuCon den Kontakt zueinander, sieht man davon ab, dass ich seine Romane las; mit Fuchs traf ich mich im Verlauf der folgenden Jahrzehnte oft.

Im Vordergrund des Bildes ist eine Frau zu sehen, die zur offiziellen Delegation der Volksrepublik China gehörte. Die chinesische Delegation kam über eine Vermittlung von Wiktor Bukato nach Freudenstadt; Bukato war eine wichtige Person in der polnischen Science Fiction sowie in der European Science Fiction Society (ESFS).

Das Foto stammt von Peter Fleissner.

01 Juli 2026

Der beste deutschsprachige SF-Roman 2025

Derzeit ist Nils Westerboer wohl der deutschsprachige Science-Fiction-Autor, der am stärksten abgefeiert wird. Schon sein Roman »Athos 2843« erhielt Genre-Preise und wurde bereits verfilmt. Mit »Lyneham«, seinem aktuellen Werk, bekam er auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse den »Seraph« für den besten deutschsprachigen Phantastik-Roman des Jahres 2025.

Ich finde: Diesen Preis erhielt er zu Recht, und »Lyneham« sollte jeder Science-Fiction-Leser kennen.

Die Handlung läuft auf zwei Handlungsebenen ab, die durch Jahrtausende voneinander getrennt sind und doch in enger Beziehung zueinander stehen. Beide spielen auf Perm, einem Mond, der einen Planeten in einem fernen Sonnensystem umkreist. Dorthin flüchten Menschen, die auf der zerstörten Erde keine Zukunft mehr für sich sehen. Es handelt sich also um eine Kolonistengeschichte, wie wir sie in der Science Fiction schon sehr oft lesen konnten.

Der Autor greift das Thema aber in ungewöhnlicher Weise auf. Seine Hauptfigur ist ein zwölf Jahre alter Junge, der das eine oder andere Problem hat. Mit seinen Geschwistern und seinem Vater strandet er auf dem Mond; sie schaffen es nur mit viel Mühe in eine Überlebenskuppel. Dort müssen sie sich eine neue Existenz aufbauen. Während die Erwachsenen neue gesellschaftliche Strukturen entwickeln, versuchen die Kinder, sich auf ihre Weise einzurichten. Dabei erkennen sie, dass es Geheimnisse auf diesem Mond gibt, die man sorgsam vor ihnen verbirgt …

»Lyneham« gefällt mir auf verschiedenen Ebenen. Der Autor hat sich offensichtlich gut mit den biologischen und chemischen Grundlagen für Leben auf einer fremden Welt beschäftigt. Er schildert die seltsamen Lebewesen, auf die seine Figuren stoßen, mit viel Liebe zum Detail; sie wirken trotz aller Fremdartigkeit glaubhaft. Die Umwelt, in der sich die Kinder bewegen, ist teilweise sehr lebensfeindlich, und das macht Westerboer immer wieder deutlich.

Nicht nur die wissenschaftlich fundierte Ebene seines Romans überzeugt. Seine Figuren handeln stets nachvollziehbar, auch wenn man als Leser nicht alles gut finden kann, was sie denken, sagen und tun. Sie streiten miteinander, sie raufen sich zusammen, sie suchen nach den besten Wegen, sich in der Fremde zu behaupten. Dabei gelingt ihm die Perspektive seiner jungen Hauptfiguren ebenso wie die der Erwachsenen, die er ebenfalls zeigt.

Das Ganze ist zudem richtig spannend. Der Autor schildert, wie sich kritische Situationen entwickeln und wie sich seine Figuren in ihnen behaupten müssen. Auf beiden Handlungsebenen folgt man da mit großer Faszination; mich ließ das Schicksal der Figuren bei der Lektüre nicht kalt. Und je länger beide Handlungsebenen parallel laufen, desto klarer wird, wie sehr sie miteinander in einer Beziehung stehen.

Klasse!

Erschienen ist der Roman bei Klett-Cotta: ein schönes Paperback mit Klappumschlag. Auf der Internet-Seite des Verlags steht eine Leseprobe zur Verfügung.

(Diese Rezension platzierte ich im Mai 2026 auf die Internet-Seite der PERRY RHODAN-Serie. Hier wiederhole ich sie unter anderem aus dokumentarischen Gründen.)