19 März 2026

Umsatz und Absatz 2025

Ich lese die Zeitschrift »DNV« – eine Abkürzung für »Der neue Vertrieb« – nicht komplett und auch nicht regelmäßig, weil ich als Redakteur eigentlich nicht die Zielgruppe bin, blättere sie aber immer wieder gern durch. Interessant sind beispielsweise die Zahlen, die mir immer wieder geboten werden. So gibt es in der Ausgabe 2/2026 einen lesenswerten Blick auf das Jahr 2026 und die Entwicklung im Presse-Grosso.

Der Gesamtverband Pressegroßhandel – also die Leute, die dafür sorgen, dass Zeitungen und Zeitschriften in den Läden landen, wo sie unsereins kaufen kann – hat für 2025 seine aktuellen Zahlen vorgelegt. Insgesamt habe man 2025 rund 745 Millionen Produkte verkauft, also Zeitungen, Zeitschriften und »Non-Press-Produkte«; das entspricht einem Rückgang von 10,39 Prozent. Die eigentlichen Presseprodukte machen übrigens 721 Millionen Exemplare aus, und da beträgt der Rückgang »nur« 9,8 Prozent.

Das heißt: Presseprodukte im Allgemeinen sackten im vergangenen Jahr im Verkauf um gut zehn Prozent ab. Der Umsatz rutschte übrigens nur um viereinhalb Prozent in den Keller. Grund: Die Verlage hatten fast überall die Preise erhöht und damit ihr Ergebnis zwar nicht gesichert, aber nicht zu sehr vermindert.

Spekulationen dazu überlasse ich den Leserinnen und Lesern dieser Zeilen.

Unterschätzte Hardcore-Platte

Ich bin mir nicht sicher, ob ich The Depraved in den 80er-Jahren gesehen habe oder nicht. Die englische Band war zweimal in Süddeutschland unterwegs, und einmal verpasste ich sie auf jeden Fall. Sicher ist aber, dass ich ihre Platte »Stupidity Maketh The Man« aus dem Jahr 1986 richtig gut finde und sie von mir immer mal wieder aus dem Schrank gefischt und auf den Plattenteller gelegt wird.

Das fiese Cover zeigt eine »Hanging Party«, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den amerikanischen Südstaaten durchaus üblich waren. Die Band stammte zwar aus England, hatte aber trotzdem – wie sich das damals für eine Punk-Band gehörte – zu den aktuellen Zeitereignissen einiges zu sagen. In »New Macarthyite« geht’s um politische Hetze und Denkverbote; in »Agent Orange« natürlich um Krieg und Bomben. Die Band hatte aber ebenso persönliche Texte und verzichtete auf stumpfe Polit-Parolen.

Musikalisch war das kein Hochgeschwindigkeits-Punkrock, aber doch weit genug entfernt von den späten 70er-Jahren. Zu dem manchmal fröhlichen und hippeligen Sound, den Bands wie The Damned oder auch The Buzcccks präsentiert hatten, gab’s schon eine Distanz; den gnadenlosen Discharge-Sound der frühen 80er-Jahre lassen The Depraved aber ebenfalls vermissen.

Ihre Musik ist recht abwechslungsreich; die Gitarren heulen, der Sänger treibt die Stücke nach vorne, der Bass und das Schlagzeug poltern in ordentlicher Geschwindigkeit, ohne dass zu viel Effekt reingemischt wird. Das alles klingt »handgemacht« im besten Sinn.

Fakt ist, dass die Band heute weitestgehend vergessen scheint. Spricht man mit Leuten über den England-Punk der 80er-Jahre, taucht sie kaum im Gespräch auf – dafür war sie wohl zu »hardcorig«. Wer aber den Hardcore jener Jahre erwähnt, hat eher Chaos UK oder Heresy im Sinn.

Fakt ist zudem, dass die »Stupidity Maketh The Man« eine richtig gute Platte ist: Wer die Chance hat, sie irgendwo zu bekommen, sollte sie sich sichern!

18 März 2026

Der Aufbruch nach Hamburg

Den Musiker, Künstler und Schauspieler Rocko Schamoni sah ich ein einziges Mal bei einem Auftritt: Das war 1986, als er im Vorprogramm der Toten Hosen auftrat. Ich weiß noch, dass ich ihn schrecklich fand: Das Publikum war durch die Goldenen Zitronen vorher aufgepeitscht worden, wir wollten Pogo tanzen und schreien, und dann kam dieser Mann mit Sombrero auf die Bühne und sang Schlager.

Solche Szenen finden sich auch in Rocko Schamonis aktuellem Buch, allerdings aus seiner Sicht gespiegelt. Der Roman trägt den Titel »Pudels Kern«, liest sich wie eine Autobiografie und ist im Prinzip die Fortsetzung von »Dorfpunks«. Mit Punkrock und entsprechenden Aktivitäten hat er allerdings nur am Anfang zu tun.

Er spielt in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren. Ein junger Mann kommt vom Dorf in die Großstadt – in diesem Fall ist es Hamburg –, wo er sich auf die Punkrock- und die Avantgarde-Szene einlässt. Er lernt Musiker kennen, tritt irgendwann auf Bühne auf, sammelt Erfahrungen und geht auf Tour. Immer wieder macht ihm bei alledem seine Depression zu schaffen.

Das halte ich für einen interessanten Aspekt: Rocko Schamoni gehörte für mich immer zum Dunstkreis der Funpunks; er ging mit den Goldenen Zitronen auf Tour und machte eine skurrile Mischung aus Punk und Schlager, die mir nicht gefiel. Dass er in Wirklichkeit an Depressionen litt und oft tage- oder gar wochenlang nicht aus dem Haus kam – wenn wir davon ausgehen, dass das Buch eine Autobiografie ist –, verblüffte mich.

Die Geschichten um den Pudel Club und die Versuche, in Hamburg sesshaft zu werden, lesen sich unterm Strich sehr gut. Schamoni hat viel erlebt und kann erzählen. Sein Buch ist unterhaltsam und liest sich leicht; man sollte aber schon ein grundsätzliches Interesse an dem Musiker mitbringen und wesentliche Begriffe einordnen können – sonst kann man mit dem Buch womöglich nicht so viel anfangen …

Alles in allem ist »Pudels Kern« durchaus zu empfehlen. Ich hab’s gern gelesen, eine Pflichtlektüre oder ein relevantes Werk ist es allerdings nicht. (Ich habe die Hardcover-Version gekauft, die 2024 bei Hanser erschienen ist. Auf der Internet-Seite des Verlags gibt’s weitere Informationen. – Seit Ende 2025 gibt's übrigens das Taschenbuch im Heyne-Verlag.)

17 März 2026

Wenn der Atzeschlumpf kommt …

Zu den wichtigsten Geschichten der Comic-Reihe »Die Schlümpfe« zählt sicher die vom »König der Schlümpfe«, eine für Kinder gemachte Story, in der es aber ganz klar um politische Inhalte geht. Schon als Kind mochte ich sie, und als Erwachsener las ich sie immer wieder.

Bei Toonfish erscheinen »Die Schlümpfe« in einer schönen Hardcover-Ausgabe; mittlerweile wird sie durch Dialekt-Ausgaben ergänzt. Zuletzt las ich »Atzeschlumpf markiert den Harten«. Das ist die klassische Geschichte um den Schlumpf, der sich zum König über die anderen Schlümpfe aufschwingt und eine Diktatur errichtet – nur eben im Berliner Dialekt.

Ich kann kein Berlinerisch, finde den Dialekt aber witzig. Vor allem früher, als man in Berlin viele »echte« Berliner antraf – heute wird in manchen Lokalen nur noch Englisch gesprochen, was ich ein wenig skurril finde –, mochte ich den Dialekt sehr, vor allem deshalb, weil ich als Schwabe meine Schwierigkeiten damit hatte.

Die Sprechblasen in diesem Album musste ich teilweise laut lesen, um sie richtig zu verstehen. Ich nehme an, dass Leute, die so richtig berlinern können, daran auch ihre Freude haben werden. Die klassische Geschichte an sich ist ja gut: Sie ist toll erzählt, sie ist toll gezeichnet, sie ist zeitlos.

Das Ganze aber in einem Dialekt, der schon speziell klingt und auch mit einigen Ausdrücken aufwartet, die man so nicht erwartet – das mit dem dauernden »Atze« etwa –, fand ich sehr amüsant. Wer einen witzigen Comic als Geschenk möchte, ist mit diesem Album sehr gut beraten!

16 März 2026

Ein Leben in drei Akten

Bereits 2024 war der amerikanische Spielfilm »The Life of Chuck« erstmals präsentiert worden; in die amerikanischen und auch deutschen Kinos kam er 2025. Ich verpasste ihn damals, obwohl er mich interessierte, und war nun sehr froh darüber, dass er in einem Streaming-Kanal angeboten wurde.

Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Stephen King, und er wird in drei Akten erzählt. Diese unterscheiden sich gravierend: Während der Anfang den dritten Teil schildert, eine Art Weltuntergang mit stark emotionalem Anteil, besteht der mittlerweile Teil des Films vor allem aus einer unglaublichen Tanz-Szene, die weder kitschig noch peinlich oder sonstwie seltsam ist. Und der erste Teil des Films zeigt Szenen aus der Jugend des Titelhelden?

Klingt verwirrend? Ist es aber nicht.

Beim ersten Teil kapiert man vielleicht nicht gleich, wie alles zusammenhängt, ist aber von der tragischen und emotionalen Geschichte sehr gefesselt. Beim zweiten Teil kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus und musste einige Male grinsen. Und der erste Teil der Geschichte, der ja der dritte Akt des Films ist und Chuck als Jugendlichen zeigt, ist wirklich wunderbar.

Und ja, es ist eine Geschichte von Stephen King; sie hat einen phantastischen Zug, geht aber nicht in die Horror-Richtung. Es handelt sich also um einen phantastischen Film, vor allem aber um einen Film, der einen auf eine dramatische Reise mitnimmt.

»The Life of Chuck« ist einer der Film, die man nach einiger Zeit noch einmal anschauen kann; er hat das Zeug zu einem Klassiker. Und Tom Hiddleston als cooler Tänzer ist eine echte Überraschung! (Ach ja, und Mark Hamill ist diesmal kein »Star Wars«-Pilot, sondern spielt einen alten Mann.)

13 März 2026

Karten und eine detailreiche Lektüre

Die Publikationen der Heinrich-Böll-Stiftung zeichnen sich seit Jahren durch ihre hochwertige Art aus: Jeder Artikel ist übersichtlich geschrieben und gegliedert, dazu kommen Karten oder anschauliche Grafiken, die den Inhalt ergänzen. Das gilt auch für die aktuelle Publikation, die den etwas verwirrenden Titel »Konzernatlas« trägt.

Damit man nicht glaubt, es gehe um Konzerne etwa in der Stahl- oder Informationsbranche, muss unbedingt den Untertitel betrachten: »Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie«.

Ich fand die Lektüre trotz der nüchternen Sprache und der Konzentration auf Fakten sehr spannend. Leider ist sie nicht unbedingt dazu geeignet, den Appetit zu fördern. Es wird immer wieder klar, wie sehr wie in unserem täglichen Konsum von Lebensmitteln davon abhängig sind, was uns die großen Konzerne auftischen. Die Marktmacht der Konzerne ist größer als die der Bauern, die zu Recht verärgert sind; sie ist auch größer als die von kleinen Läden oder Verbrauchern.

In den jeweiligen Beiträgen geht es um die Macht dieser Konzerne, etwa mit Saatgut die kleinen Bauern unter Druck zu setzen. Gezeigt wird, wie die Natur immer mehr als Ware betrachtet wird, aber auch, wie beispielsweise China seinen Einfluss ausweitet.

Das Heft belässt es nicht nur bei kritischen Berichten. Es wird ebenfalls klar, dass es so etwas wie »Ernährungsdemokratie« gibt. Als Verbraucher und mündiger Bürger kann ich schließlich selbst bestimmen, was ich esse – zumindest in der westlichen Welt kann ich an vielen Stellen entscheiden, ob ich einen multinationalen Konzern oder einen lokalen Hersteller unterstütze. Manchmal ist das nicht einfach, vor allem aus finanziellen Gründen. Das Heft bietet eine Reihe von Grundlagen für eigenständige Entscheidungen.

Der »Konzernatlas« ist 50 Seiten stark, im A4-Format gehalten und mit zahlreichen Illustrationen ausgestattet. Man kann ihn bei der Heinrich-Böll-Stiftung kostenlos herunterladen oder auch in gedruckter Form bestellen.

12 März 2026

Ein Bier auf dem Stadtfest

Aus der Serie »Ein Bild und seine Geschichte«


Im Sommer 1985 war ich auf dem Sommernachtsfest in Freudenstadt unterwegs; an diesem Samstagabend waren Tausende von Leuten auf dem Marktplatz und in seinen Nebenstraßen unterwegs. Mein Kollege Karl-Heinz Kuball, den alle nur »Charly« nannten, schoss Fotos, während ich versuchte, aus den vielen Begegnungen eine Reportage für die »Südwest-Presse« zu machen.

Irgendwann setzten wir uns an einen Biertisch, zusammen mit anderen Leuten, die wir kannten. Ich war gerade mal 21 Jahre alt, auch Charly war nur knapp über dreißig, obwohl er mir unglaublich erfahren vorkam. Entsprechend feuchtfröhlich ging es in unserer Umgebung zu, auch wenn wir ständig über die Plastikbecher spotteten, aus denen wir unser Alpirsbacher Klosterbräu tranken.

Charly hatte seine Kamera eigentlich längst weggepackt. Dann aber holte er sie heraus, fummelte immer wieder an ihr herum, und als ich einen tiefen Schluck aus meinem Becher nahm, riss er die Kamera hoch und fotografierte mich.

Als wir uns am Sonntag in den Räumlichkeiten der Redaktion trafen, saß ich vor allem an der Schreibmaschine und tippte meine Berichte, während Charly in der Dunkelkamme seine Abzüge der besten Fotos herstellte. Später drückte er mir einen großformatigen Abzug in die Hand.

»Da«, sagte er, »ein Souvenir aus Freudenstadt; ist ganz gut geworden.« Da konnte ich ihm nicht widersprechen.

11 März 2026

Schwabenkinder

Meine Mutter zog ihren Mantel an und musterte uns streng. »Ihr macht keinen Blödsinn, gell?«, sagte sie und hob warnend den Zeigefinger. »Wenn ihr etwas Sinnvolles unternehmen wollt, geht raus auf die Straße und zerhackt den Schnee. Wie das geht, wisst ihr ja.«

Meine Schwester und ich gelobten, uns anständig zu verhalten. Wir blieben im Flur stehen und sahen zu, wie unsere Mutter das Haus verließ. Sie eilte zur Bushaltestelle, wo sie mit in den Bus steigen und mit diesem zur Arbeit fahren wollte. An mehreren Tagen in der Woche arbeitete sie als Putzfrau in einer Firma in der Stadt. Dort würde sie später mein Vater abholen, wenn er endlich Feierabend in der Fabrik hatte; dann wollten die beiden noch einiges einkaufen, bevor sie wieder nach Hause kamen.

Dann grinsten wir uns an. »Zerhacken wir den Schnee?«, fragte ich.

»Na klar«, gab sie zurück.

Wir waren Grundschüler und liebten den Winter in unserem Schwarzwalddorf. Wenn viel Schnee lag und es kalt war, empfanden wir die Luft als frisch, und es gehörte zu unseren großen Freuden in diesem Winter, Schneehäuser zu bauen oder unseren Eltern beim Schippen zu helfen. Manchmal schneite es so stark, dass wir, nachdem wir an der einen Ecke des Hofes fertig waren, wieder von Neuem anfangen konnten. Wenn es schneite, zogen wir mit dem Schlitten los, um irgendwo einen Hang hinunterzurutschen, oder wir lieferten uns Schneeballschlachten mit anderen Kindern aus dem Dorf.

An diesem Tag schien die Sonne, ein typischer Tag im Februar. Es war kalt, die Temperaturen lagen unter dem Gefrierpunkt, also zogen wir uns warm an. Mit Schals und Mützen und Fäustlingen gingen wir auf die Straße. Meine Schwester trug eine Hacke, ich eine Schaufel. Die Berge von Schnee, die meine Eltern beim Schippen aufgetürmt hatten, waren an manchen Stellen über eineinhalb Meter hoch, deutlich größer als wir.

Ohne uns abzusprechen, fanden wir schnell eine Arbeitsaufteilung: Ich war größer als meine Schwester, also schaufelte ich den Schnee vom Haufen herunter und schleuderte ihn mit Schwung auf die Straße. Dabei versuchte ich, sie nicht mit der schweren Ladung zu treffen. Sie jubelte jedes Mal vor Begeisterung und stürzte sich mit der Gartenhacke auf den Schneeklumpen, zerlegte ihn in kleinere Stücke, die sie dann quer über den Asphalt schleuderte.

Als eine gut gekleidete Frau die Straße herunterkam, hielten wir inne. Wir wollten sie nicht versehentlich mit einem Schneeklumpen treffen. Wir kannten sie nicht, aber dass sie nicht aus dem Dorf kam, sahen wir sofort. Sie trug einen eleganten Mantel und Stiefel, die in der Sonne glänzten. Zudem war sie auffallend geschminkt; meine Mutter hätte sie »eine Angeschmierte« genannt.

»Was tut ihr da?«, sprach sie uns in lupenreinem Hochdeutsch an. Sie war deutlich größer als wir und brachte es fertig, von einer unglaublich hohen Warte zu uns herunterzusprechen.

»Wir zerhacken den Schnee«, sagte ich nüchtern. Es klang wahrscheinlich wie »Miar vohacka dän Schnai«; wir Dorfkinder konnten praktisch kein Hochdeutsch.

Sie starrte mich an wie ein Insekt. »Wie bitte?«

Ich versuchte, mich verständlicher auszudrücken. »Wir machen die Schneeberge kleiner«, sagte ich langsam und so deutlich, wie ich konnte. »Wenn die Schneebrocken auf dem Asphalt liegen, schmelzen sie, und dann ist der Schnee weg.« Ich zeigte auf einen Klumpen, von dem ein breiter Streifen Wasser weglief.

»Und welchen Sinn hat das?«

Verwirrt starrte ich die Frau an. Wieso wusste sie das nicht? Jedem Kleinkind im Dorf war klar, warum man den Schnee zerhackte, sobald die Sonne schien.

Ich gab mir erneut Mühe, so deutlich wie möglich zu sprechen. »In der Sonne schmilzt der Schnee, so machen wir die Haufen kleiner. Und wenn es nächste Woche wieder schneit, haben wir Platz für den neuen Schnee. Sonst wüssten wir ja nicht, wohin damit – höher hinauf können wir den nicht schaufeln.« Ich wies auf den Haufen neben mir, über den nicht hinausschauen konnte.

Die Frau musterte mich, dann den weißen Haufen neben mir, zuletzt die schmelzenden Schnee- und Eisbrocken zu ihren Füßen. Vorsichtig ging sie weiter, setzte einen Fuß vor den anderen, so dass sie nicht mit dem Schnee in Berührung kam.

Noch einmal wandte sie den Kopf und musterte uns von oben nach unten. »Ihr zwei, ihr seid schon seltsame Schwabenkinder«, sagte sie dann.

Meine Schwester und ich sahen uns an. Sie verzog das Gesicht, ich hob die Schultern. Kurz sahen wir der Frau nach, die gemütlich weiter spazierte. Dann nahmen wir unsere Werkzeuge und setzten unsere Arbeit fort.

Der nächste Schnee kam schließlich bald.

10 März 2026

Catwoman auf Norwegisch

Dass ich die Comic-Figur Catwoman sehr mag, habe ich schon gelegentlich erzählt. Ich lese die aktuellen »Catwoman«-Bände sehr gern, weil sie spannend erzählt und gut gezeichnet sind. Aktuell gibt es eine neue Story, die bislang die Paperbacks drei und vier umfasst und die für sich gut verständlich sind – man braucht keinerlei Serienkenntnisse, um die packende Story gut zu verstehen und Freude daran zu haben.

Selina Kyle, die als Catwoman eigentlich damit beschäftigt ist, andere Leute zu bestehlen, wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Vor gut zehn Jahren war sie in Europa unterwegs und ließ sich damals auf eine gefährliche Familie ein. Als nun eine junge Frau ermordet wird, erkennt Selina Kyle, dass sie etwas tun muss, und reist nach Europa.

Verantwortlich für die neue Handlung, die in Berlin und Tokio, in Budapest und anderen Städten spielt, ist die norwegische Comic-Autorin Torunn Grønbekk. Bei den aktuellen Geschichten kommt sie komplett ohne Superhelden-Gedöns aus: Es gibt keine maskierten Wirrköpfe, keine Monster aus der Unterwelt, keine Außerirdischen. Stattdessen hat es Catwoman mit »ganz normalen« Drogenhändlern, Mördern und monströsen Familiengeschichten zu tun.

Klar sind die Action-Einlagen knallig, Catwoman ist auf ihre Art natürlich eine Superheldin. Aber erzählt wird vor allem eine Geschichte mit relativ normalen Menschen, die sich gegenseitig verfolgen und umbringen wollen. Das macht die Autorin hervorragend das las ich sehr gern.

Künstlerisch sind die aktuellen »Catwoman«-Bände ebenfalls gelungen. Die verschiedenen Zeichner sind sehr gut darin, Action, Landschaften, Gesichter oder auch Gebäude glaubhaft und realitätsnah darzustellen. So entstehen spannende Comic-Geschichten ohne viel Tiefgang – den ich hier auch nicht erwarte –, die sich flott lesen lassen.

Die Bände drei und vier der aktuellen »Catwoman«-Serie kann ich also nur empfehlen. Ein Blick auf die Internet-Seite bei Panini lohnt sich bestimmt; dort stehen Leseproben zur Verfügung.

09 März 2026

Schmutz- oder Hass-Kampagne?

Die Wahl in Baden-Württemberg ist vorüber, die Stimmen sind ausgezählt. Mit einem echt hauchdünnen Vorsprung hat der Kandidat der Grünen gewonnen. Ein türkischstämmiger Schwabe aus einer kleinen Stadt am Rand der Schwäbischen Alb wird wohl künftig »das Ländle« redigieren. Das finde ich als Schwabe gut.

Worüber ich mich am gestrigen Abend immer mehr ärgerte, während ich die Wahlberichterstattung anschaute, war der Vorwurf, die Grünen hätten eine Schmutzkampagne gegen die CDU geführt, die sogar »unter die Gürtellinie« gegangen sei. Gemeint war das wirklich peinliche Video des CDU-Kandidaten, in dem er sich vor acht Jahren über die »rehbraunen Augen« eines 16 Jahre alten Mädchens ausließ.

Wer ernsthaft behauptet, die Grünen hätten deshalb die Wahl gewonnen, hat in den vergangenen zwei Wochen keine Zeitung gelesen und keine Nachrichten geguckt. Die Christdemokraten haben die Wahl verloren, weil viele Wähler gemerkt habe, wie menschen- und wirtschaftsfeindlich diese Partei ist. Die potenziellen Wähler wurden beschimpft und als faul dargestellt, und die für teures Geld installierten Solaranlagen waren auf einmal nicht mehr viel Wert.

Fakt ist: Die Christdemokraten führen seit Jahren eine extrem zynische Hasskampagne gegen die Grünen. Anders kann man die Ausdrücke wie »Habecksches Heizungsgesetz« und den ideologischen Kreuzzug nicht bezeichnen. Vor allem Leute wie Jens Spahn zeichneten sich zuletzt durch Auftritte aus, bei den ich nur noch den Schaum vor dem Mund vermisste.

Als nächstes erwarte ich von der CDU, dass sie behauptet, die Wahl sei ihr gestohlen worden. So langsam würde mich das nicht mehr wundern ...

06 März 2026

Blick durch die Kunst-Lupe

Spaziert man durch Nantes, stolpert man an allen Ecken und Enden über Kunst. Vor allem die Insel der Maschinisten ist ein Gelände, auf dem sich Künstler aller Art austoben können. Zwischen ehemaligen Werftanlagen und Dockhallen sieht an Graffiti an den Wänden, erheben sich riesige Gummistiefel, die aussehen, als würden sie den daneben liegenden Kräutergarten bewachen, und es gibt entlang der Bras de Madeleine, des einen Arms der Loire, ein Geländer, auf dem Kreise aus Metall befestigt sind.

Es sind keine echten Lupen; wenn man durch die Kreise schaut, vergrößert sich nichts. Es ergeben sich aber immer wieder unterschiedliche Ein- und Ausblicke. Vor allem erhält man dank der Kreise einen schönen Blick auf die andere Seite des Flusses, je nachdem, wo man sich hinstellt und durch welchen Kreis man blickt.

Im Fall dieses Bildes blickte und fotografierte ich zu den alten Hafenanlagen auf der anderen Seite. Dort haben Künstler die alten Docks verschönert; die Hallen sehen dank der riesigen Schwarzweißbilder nicht schrottig oder heruntergekommen aus, sondern wie riesige Leinwände, auf denen man seltsame Gestalten, technische Gegenstände oder Comic-Figuren bewundern kann.

Faszinierend. Und immer wieder einen neuen Blick herausfordernd.

05 März 2026

Vinyl, aber nicht für mich

Das Einkaufszentrum steckte mitten im Umbau, und das merkte ich bei jedem Schritt, den ich zurücklegte. Maschinen lärmten, Männer und Frauen in Arbeitskleidung eilten durch die Gänge. Ich wollte eigentlich nur bummeln, weil ich wissen wollte, was sich wie veränderte, fand die Abläufe aber eher anstrengend.

Ich kam an der Buchhandlung vorbei, in der ich gerne einkaufte. Einige Regale gähnten leer, andere wurden gerade abgebaut. Einige Leute räumten Bücher in große Kisten und verluden sie auf Rollwagen, die schon bereitstanden.

Ich erkannte den Geschäftsführer, mit dem ich mich schon einige Male unterhalten hatte. Er stand zwischen Regalen und Bücherstapeln und wirkte auf mich sehr unglücklich.

Ich überlegte mir, ob ich ihn grüßen sollte, hatte aber Angst, ihn nur zu stören, und eilte weiter. Keine zehn Meter weiter waren die Reste eines Plattenladens, den ich in all den Jahren zuvor nie aufgesucht hatte. Diesmal blieb ich stehen: Der Laden wurde umgebaut, und man hatte einen Stand mit Singles und EPs aufgestellt.

»Die sind nichts für dich«, sagte ein Bekannter, der gerade vorbeikam und sich zu mir gesellte. »Die haben garantiert keine Musik, die dir gefällt.«

Da war ich mir sogar sicher. Es gab Gründe, warum ich in diesem Plattenladen nie zum Kunden geworden war. Doch nun stöberte ich interessiert durch die Vinylscheiben.

Nicht lang: Eigentlich boten die Singles alle nur Reden von Angela Merkel. Die Hüllen waren rot, das Bild der ehemaligen Kanzlerin war in krassem Schwarzweiß gehalten, so dass die Hülle der Vinylscheibe sogar künstlerisch wirkte. Aber eine Rede von Angela Merkel? Das war wirklich nichts für mich.

Kopfschüttelnd ging ich weiter. Vielleicht war es besser für mich, das Einkaufszentrum zu verlassen. Da wachte ich auf.

04 März 2026

Fassdenklettern und andere Probleme

Der Splitter-Verlag ist vor allem durch seine hervorragenden Comics in den Bereichen Science Fiction und Fantasy bekannt geworden. Seit einigen Jahren zählt aber auch die Serie »Die vier von der Baker Street« zu seinem Programm. Ich las dieser Tage den aktuellen Band, die Folge zehn, die den Titel »Das Schwarze Museum« trägt.

Die Handlung spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Während England zur weltweiten Großmacht aufgestiegen ist, leben viele Menschen in London immer noch im Elend. Straßenkinder müssen sich mit allem durchschlagen, was sie an Witz, Intelligenz und Härte aufzubringen haben. Da ist es schon gut, wenn man ab und zu für den berühmten Sherlock Holmes arbeiten und sich damit einige Münzen verdienen kann.

Erzählt wird von drei Jugendlichen und einem Kater – sie sind die vier aus der Baker Street –, die immer mal wieder Sherlock Holmes zur Hilfe eilen, ansonsten aber ihre eigenen Fälle lösen. Da sie aber in einem Milieu verkehren, in dem Kriminalität normal ist, werden sie häufig in Konflikte hineingezogen. Davon erzählt »Das Schwarze Museum«.

Ohne ins Detail zu gehen: Die Jugendlichen schlagen sich mit einer Straßenbande herum, es kommt zu Entführungen und Morden, es gibt einen Einbruch bei Scotland Yard, und Sherlock Holmes sowie Doc Watson müssen sich ebenfalls engagieren. Die Handlung ist turbulent, die Szenen wirken sehr realistisch.

Auch wenn die Helden eigentlich Jugendliche sind, ist das ein Comic, der sich an Erwachsene richtet. Da fließt schon mal Blut, da gibt es hässliche Kämpfe. Das aber wird so mitreißend erzählt und gezeichnet, dass es mich immer wieder aufs Neue begeistert. »Die vier von der Baker Street« ist eine Comic-Serie, die ein größeres Publikum verdient hätte!

03 März 2026

Auf der Jagd nach einem teuren Buch

Philip St, Ives ist ein ungewöhnlicher Held für eine Krimi-Serie: Er ist keiner von den »Guten«, weder ein Polizist noch ein Privatdetektiv, aber er gehört auch nicht zu den Gangstern. Er sieht sich als Mittelsmann, und als solcher vermittelt er beispielsweise zwischen Dieben und Eigentümern, wobei er für ein gewisses Honorar nur gewisse Risiken eingeht.

Philip St, Ives ist die Hauptfigur einer Reihe von Krimis, die der amerikanische Autor Ross Thomas verfasst hat. Zuletzt las ich »Keine weiteren Fragen«, der 1976 zum ersten Mal erschienen war, der im gleichen Jahr als Ullstein-Krimi in deutscher Sprache veröffentlicht wurde und der seit einiger Zeit in einer Neuübersetzung von Gisbert Haefs vorliegt – und das ist ein echtes Qualitätsmerkmal.

Worum geht's? Ein Buch ist verschwunden, das gut eine Dreiviertelmillion Dollar wert sein soll. Als Mittelsmann soll sich St. Ives darum kümmern, das Buch von den Dieben – sie sind zugleich Erpresser – zurückzuholen. Die Übergabe geht schief: Er wird niedergeschlagen, und am Ende liegt auch noch eine Leiche im Schnee von Washington.

Im weiteren Verlauf der Geschichte reist St. Ives nach Los Angeles, wo er sich mit der Halb- und Zwischenwelt der kalifornischen Metropole herumschlagen muss. Das alles schildert der Autor mit viel Liebe zum Detail und einem unglaublich trockenen Stil. Die Dialoge sind auf den Punkt gebracht, die einzelnen Sätze sind lakonisch; das ist mal witzig und mal dramatisch, aber nie langweilig.

Dabei wird der Zeitgeist der 70er-Jahre gut wiedergegeben. Mit Ironie und Sarkasmus blickt der Autor durch die Augen seiner Figuren auf die Welt; manche Anspielungen auf Politiker oder aktuelle Ereignisse sind heute nicht mehr völlig verständlich, aber die kann man auch überlesen.

»Keine weiteren Fragen« ist erneut ein großartiger Krimi, der mich begeistert hat. Man kann ihn ohne jegliche Vorkenntnis anderer St.-Ives-Fälle lesen und hat dabei sicher großen Spaß. Erschienen ist der Roman im Alexander-Verlag, der alle Romane von Thomas Ross in einer schönen Neuauflage veröffentlicht hat.

02 März 2026

Ein mächtiger Gegner in Kanada

Kanada ist ein großes Land, das ich noch nicht bereist habe, über das ich seit Jahren aber immer wieder gerne lese. Da kommt mir eine Fernsehserie gerade recht, die in Kanada spielt, die als Thriller daherkommt und die unterm Strich ganz schön »Öko« ist. Ich meine »Ein mächtiger Gegner«, einen Sechsteiler, den man sich bei ARTE in der Mediathek anschauen kann und den ich hiermit empfehlen möchte.

Es geht um Lithium, das in der kanadischen Provinz Québec gefördert werden soll. Eine engagierte Anwältin soll für die Kanzlei, in der sie tätig ist, das entsprechende Geschäft abwickeln; es geht um richtig viel Geld. Doch auf einmal wird sie in einen Mordfall verwickelt, der auf den ersten Blick nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat. Als sie anfängt, allerlei Fragen zu stellen, wird schnell klar, wie eng die Interessen der Wirtschaft mit denen der Politik verbunden sind.

Die Serie ist geradlinig erzählt, die Figuren handeln zumeist recht glaubwürdig, das ist alles gut gefilmt und gemacht. Der Wandel der Anwältin und ihres Partners geht mir ein wenig zu schnell, aber das ist Geschmackssache.

Was mir gut gefiel: Die Serie macht klar, dass nicht alles schwarzweiß ist. Das Lithium wird benötigt, wenn man die Energiewende gelingen soll – aber kann man dafür die Natur in einer großen Region einer kanadischen Provinz vernichten?

Eine spannende Serie, die starke Bilder von kanadischen Wäldern zeigt und einem klarmacht, dass eine solche Natur nicht zerstört werden darf!