14 Dezember 2020

Nachdenken auf dem Dach

»Mir fällt nix mehr ein«, stöhnte Fred. Er saß mir an seinem Schreibtisch gegenüber, seinen Notizblock und einen Packen Fotos in der Hand.

»Geht mir ähnlich.« Ich sah ihn an. Meine Hände schwebten noch über der Tastatur, ich wandte den Blick von der weißen Schrift auf dem schwarzen Bildschirm ab. »So langsam fühle ich mich wie leer.«

An diesem Nachmittag hatten wir in der Agentur sehr viele Werbetexte zu schreiben. Es ging um Motorradzubehör: Helme, Jacken, Schuhe, Handschuhe – das alles in verschiedenen Designs. Und deshalb brauchte man für jedes Produkt einen eigenen Text, der möglichst »zupackend« und trotzdem verständlich klingen sollte.

»Gehen wir raus?« Fred nickte mit dem Kopf in Richtung Fenster. »Ich hab was zum Rauchen dabei.«

Ich überlegte, sah dann auf die Uhr. Es war noch früh am Mittag, der Tag würde lang werden. Bis ich mich ins Auto setzen würde, war ich sicher wieder fit.

»Wieder aus heimischem Anbau?«, fragte ich.

»Na klar. Aus dem eigenen Garten. Bio-Cannabis, garantiert sortenrein.« Fred lachte, bückte sich nach seiner Tasche und fischte nach kurzem Suchen einen sauber gebauten Joint heraus. »Den hab ich daheim schon mal vorbereitet.«

Unser Büro war Obergeschoss des großen Hauses untergebracht, direkt unter dem Dach. Wir mussten nur auf einen Tisch steigen; von dort kletterten wir zur Dachgaube hinaus. Dort setzten wir uns aufs Dach: den Hintern auf den Ziegeln, die Füße gegen ein Schneegitter gestemmt.

Unter uns lag Tübingen. Wir sahen über das Tal hinweg, über die Wilhelmstraße und die Gebäude der Universität, bis hin zu den Hügeln, die sich auf der anderen Seite erstreckten und den Rand des Schönbuchs bildeten. Menschen gingen auf der Straße, sie waren klein und filigran.

Fred zündete den Joint an und nahm einen tiefen Zug, dann reichte er ihn an mich weiter. Ich formte die rechte Hand zur Faust und zog so, dass ich den Rauch durch die Faust einzog. Als Nichtraucher, der ich war, konnte ich so kiffen, ohne wie blöd husten zu müssen. Ich sah zu, wie der Rauch nach oben abzog, und gab den Joint zurück.

»So kann man’s aushalten«, meinte Fred.

Ich nickte. Über uns war ein strahlend blauer Himmel, durchzogen von den Kondensstreifen einiger Flugzeuge. Ein Schwarm Vögel stob kreischend vom Österberg herunter und über uns hinweg.

Wir sprachen nicht mehr viel, rauchten den Joint in aller Ruhe zu Ende. Danach genossen wir noch einige Minuten die Sonne, bevor wir in unser Büro zurück kletterten.

Das Texten fiel uns hinterher tatsächlich leichter. Die Qualität unserer Werbetexte konnten wir allerdings kaum selbst bewerten.

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