02 September 2017

Die Tante und der Küchentisch

Die späten 70er-Jahre, ein Kaffeekränzchen bei meiner Mutter: Am Tisch saßen meine Tante, meine Mutter und ich; mein Vater war unterwegs, meine Schwester bei Freundinnen. Es gab selbstgebackenen Kuchen, der mir immer sehr gut schmeckte, mit viel Schlagsahne und Kaffee, den ich zu der Zeit erst so richtig für mich entdeckte.

Wie meine Tante und meine Mutter auf das Thema Ausländer kamen, wusste ich nicht. Auf einmal war es am Tisch. Meine Tante mochte keine Ausländer. Die seien so dunkel und so heimtückisch, sie seien schmutzig und hätten schlechte Gedanken; sie seien faul und lägen dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche, sie würden zudem den Arbeitern die Arbeitsplätze wegnehmen.

»Aber das stimmt doch nicht«, wandte ich vorsichtig ein. »Wenn sie faul sind, nehmen sie niemandem die Arbeit weg. Und andersrum.«

Mit Fakten kam ich nicht weiter, das merkte ich schnell. Das Gespräch entgleiste in Sekunden. Die Tante wurde laut. Was denn ein »jonger Soicher« wie ich am Tisch zu melden hätte, wenn sich die Erwachsenen unterhielten? Wie ich dazu käme, ihr Vorhaltungen zu machen? »I schwätz wie ich denk.«

Ich wurde auch laut. »Nicht an einem Tisch, an dem ich sitze«, forderte ich. »Kein Nazigeschwätz in meiner Nähe.« Ich schwitzte vor Wut und Ärger.

Meine Mutter, die der Eskalation sprachlos zugeschaut hatte, maßregelte mich. Ich könnte ihrer Schwester nicht den Platz am Tisch verbieten, das ginge nicht. Familienzusammengehörigkeit, blablabla ...

Ich hörte mir die Predigt an, stand auf und ging. Einer musste den Tisch verlassen, in diesem Fall war ich es. Ich ging in mein Zimmer, las einen Science-Fiction-Heftroman, in dem alle Menschen die gleichen Rechte hatten und unter Leitung eines weisen Großadministrators in fremde Galaxien vorstießen. Das war mir dann doch lieber.

Die 70er-Jahre waren schon seltsam. Ausländer galten flächendeckend als minderwertig. Das wird gern verdrängt.

3 Kommentare:

  1. "Die 70er-Jahre waren schon seltsam. Ausländer galten flächendeckend als minderwertig. Das wird gern verdrängt."

    Das ist nicht ganz richtig. Die 70er waren auch die Zeit der Lehrmittelfreiheit und Chancengleichheit, es gab die ersten 68er-Lehrer, die Schulen wandelten sich. In den 70ern holten viele "Gastarbeiter" ihre Familien nach Deutschland. Für mich war es schon Normalität, mit Kindern jeder Herkunft (sozial wie örtlich) in einer Klasse zu sitzen.

    Tanten/Küchentische gab es damals wie heute wieder verstärkt, wahrscheinlich waren sie nie weg, nur vorübergehend ein bißchen leiser.

    Was mir aber immer bewußter wird, je älter ich werde: ich bin (Jahrgang '63) gerade mal drei Wimpernschläge nach Ende des 3. Reichs geboren. In meiner Kindergegend in NRW wohnten in den späten 60ern/frühen 70ern die "Gastarbeiter" in Nissenhütten, in denen die Betten seit den 1940ern nie kalt geworden waren - erst NS-Zwangsarbeiter, dann Flüchtlinge/Vertriebene, anschließend "Ausländer". Die Ressentiments ähnelten sich, ein Teil davon hat wahrscheinlich auch mit Armutsfurcht und -verachtung zu tun, nicht nur mit dumpf-völkischem Rassismus.
    Was es nicht mal ein bißchen besser macht.

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  2. Kia ora, Klaus.
    Früher wurde den Leuten aus dem Nachbardorf alles Üble nachgesagt. Danach den gottlosen Städtern. Spater waren die Franzosen an allem Schlechten schuld. In den Siebzigern also die Gastarbeiter. Der beschränkte Horizont ist also immer ein Stück weiter gezogen.
    Mit wem hat Deine Tante heutzutage ihre Akzeptanzprobleme?

    Du hättest beim Kaffeekränzchen damals ja dezent einflechten können, daß die Hände Farbiger ihre Kaffeebohnen geerntet haben werden...

    bonté

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  3. An Dame von Welt:
    Ich bin auch Jahrgang 1963. In den 60er-Jahren wohnten immer noch Flüchtlinge und Vertriebene in Baracken, die italienischen und jugoslawischen Gastarbeiter hausten in der Fabrik unter dem Dach. Ressentiments sterben wohl nie aus. Heute frustriert mich das stärker.

    An RoM:
    Meine Tante ist vor einigen Jahren verstorben, sie blieb zeit ihres Lebens unbelehrbar. Wir haben eigentlich erst bei einer Beerdigung miteinander gesprochen. Ich war dann auch bei ihrer Beerdigung; das war mein Versuch, mit dem Kapitel abzuschließen. Mit ihr konnte ich nie mehr ein vernünftiges Gespräch führen.

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