17 Mai 2016

SF und Journalismus

Ich finde es durchaus spannend, mit welchem Druck die neue Science-Fiction-Sparte des Fischer-Verlages in den Markt drängen will. Seit Wochen wird man als »normaler« Verlagsangestellter mit Informationen versorgt, die von den Fachzeitschriften treu und brav verteilt werden. Neben den Büchern, die der Verlag veröffentlichen möchte, finde ich aber die angekündigte Website spannend.

»Ab Juli soll die Website www.tor-online.de zur festen Anlaufstelle für Phantas­tik-Freunde werden«, vermeldet boersenblatt.net, die Website des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Die Seite solle ein Ort des Austausches werden, verspricht man; die Autorinnen und Autoren des Verlages sollen dort zudem besser präsentiert werden. Man spricht im Vorfeld von »Leseproben, Cover-Previews, wöchentliche Kurzgeschichten, Videos und Gewinnspiele«. Ich freue mich auf jeden Fall schon mal!

Inwiefern die neue Seite eine Konkurrenz zur Seite diezukunft.de von Heyne sein wird oder ob sich die Seiten ergänzen, das wird sich zeigen. Immerhin gibt es noch eine Reihe von eher fannisch geprägten Informationsseiten, die um die Gunst des Publikums buhlen. Ich merke da selbst an mir, wie sehr ich an meine Genzen stoße: Oft vergehen Wochen, ohne dass ich mir eine der durchaus informativen Seiten angeschaut hätte. (Mir hülfen regelmäßige Newsletter mit Links oder ein vernünftig gepflegter Twitter-Account, der dazu beiträgt, dass ich regelmäßig auf die einschlägigen Seiten gehe.)

Wahrscheinlich bin ich sowieso viel zu sehr durch klassische Printprodukte geprägt. Ich denke aus ebendieser Sicht heraus: Was seit vielen Jahren fehlt, ist ein professionelles Magazin für Science Fiction und Fantasy, das eine kritische Grundstimmung hat, das gut in der Branche vernetzt ist und nicht nur irgendwelche Rezensionen bringt, sondern tiefergehende Artikel und Reportagen. Es müsste doch möglich sein, so etwas in Deutschland zu etablieren ... bei den Comics gibt es das schließlich auch.

(Komme mir jetzt keiner mit der »phantastisch!«, die ich sehr gern lese: Sie ist nicht kritisch genug, sie erscheint nur alle drei Monate, und sie wäre nicht das, was ich gern hätte. So was wie den »Locus« auf deutsch. Oder die »Comixene« für Science-Fiction-Fans ...)

4 Kommentare:

  1. Ja, eine solches Magazin würde ich mir auch wünschen. Die phantastisch! lese ich seit der ersten Ausgabe sehr gerne, aber kritische, provokante Artikel und Essays findet man dort weniger. Auch auf den Internetseiten und Portalen, die ich regelmäßig lese, fehlt mir eine kritische (aber durchaus konstruktive) Auseinandersetzung mit dem Genre. Die findet man dann tatsächlich gelegentlich im vom Fandom eher verschmähten Feuilleton, was dann auch immer vorhersehbare Abwehrreaktionen im Fandom hervorruft, die den Verfassern die Kompetenz im Genre absprechen, statt sich mal kritisch mit dem Inhalt auseinanderzusetzen.

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  2. Mit der TOR-Seite kopiert man exakt das Erfolgsmodell aus den USA. Mit sehr viel Geld werden auf TOR.com viele Artikel veröffentlicht, Geschichten von den Top-Größen der Szene gebracht, durchaus interessante Reread-Lesezirkel angeboten und vieles mehr. Und natürlich Werbung fürs Verlagsprogramm. Das viele Geld, was da rein gesteckt wurde, hat sich gelohnt: Die Seite hat monatlich wohl enorme Klickzahlen, und räumt nebenbei mit ihren Geschichten inzwischen auch noch kräftig Preise ab und gilt inzwischen als eine der Top-Outlets der Szene. Durch Ebooks von allen Geschichten & co. werden noch weitere Einnahmequellen generiert, denn die EBooks kosten Geld, die Seite hat gerade KEINE Paywall.

    Ob das in Deutschland so funktionieren kann, großes Fragezeichen?

    Es ist leider richtig, dass die phantastisch! nicht sehr kritisch ist. Von der Kompetenz und Erfahrung her können es einige der Rezensenten, da denke ich z.B. an Carsten Kuhr, durchaus mit den LOCUS-Größen wie Gary K. Wolfe und co. aufnehmen. Und jetzt mal nebenbei: Als megakritisch empfinde ich den LOCUS auch nicht, da kommen meist auch wohlwollende Rezensionen..

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  3. "Und jetzt mal nebenbei: Als megakritisch empfinde ich den LOCUS auch nicht, da kommen meist auch wohlwollende Rezensionen."

    Ja, das stimmt. Kritisch oder kontrovers sind eher die Essays von Kameron Hurley und Cory Doctorow, aber durchaus auch die Kurzgeschichtenkritiken von Gardner Dozois.

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  4. Sali, Klaus.
    Sich ausreichend kritisch über das Phantastische zu informieren, fällt im angelsächsischen Raum leichter, stimmt. Vermutlich bleibt der deutschsprachige Markt dafür allzu übersichtlich geraten.

    bonte

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