15 April 2026

Handlungsarm und trotzdem spannend

Über die Osterfeiertage las ich einen Roman, dessen Lektüre ich schon seit vielen Jahren vor mir herschiebe. Die Rede ist von »Judas«, einem Werk des israelischen Schriftstellers Amos Oz. Erschienen ist das Buch bereits 2015 in deutscher Übersetzung; damals erhielt es auch den Preis der Leipziger Buchmesse.

Wenn man die Geschichte ganz nüchtern und kurz erzählt, wirkt sie fast belanglos: Ein junger Mann, der antriebslos durchs Leben stolpert und in Geldnöten steckt, bekommt die Möglichkeit, auf leichte Weise sein Geld zu verdienen. Verbunden mit einer kostenlosen Wohnstatt in der Mansarde eines abgelegenen Hauses in der Altstadt von Jerusalem, soll er einem alten Mann zur Hand gehen und mit ihm Unterhaltungen führen.

Der junge Student und der alte Intellektuelle wohnen zusammen; mit ihm Haus ist eine Frau mittleren Alters, in die sich der Student verliebt. Und während er sich in seine Studien vertieft – sein Thema ist der Blick der Juden auf Jesus und der angebliche Verrat des Judas Ischariot –, bekommt er mehr über die familiären Umstände in diesem Haus mit. Das Ende des Romans ist dann sehr offen.

»Judas« hat wenig an echter Handlung, es gibt nicht einmal die Andeutung von Action. Der Roman besteht im Wesentlichen aus Gesprächen, inneren Monologen und der Suche in Bibliotheken sowie Archiven. Trotzdem entwickelt das Buch nach etwa fünfzig Seiten einen unwiderstehlichen Sog.

Es geht um Liebe, aber es geht auch um Verrat. Hat Judas wirklich Jesus verraten? Und hat er Vater der Frau – sie ist die Schwiegertochter des alten Mannes – wirklich den Staat Israel verraten, weil er einen Ausgleich mit den Palästinensern wollte? Und wie kommt man aus der unendlichen Spirale aus Gewalt und Zerstörung heraus?

Das Buch gibt keine Antworten, es wirft Fragen auf, und es gibt einen spannenden Einblick in die israelische Gesellschaft der späten fünfziger Jahre. Starke Lektüre – nicht nur zu Ostern sehr empfehlenswert!

2 Kommentare:

  1. Informationen zu »Judas« von Amos Oz und seiner deutschsprachigen Veröffentlichung gibt es auf der Internet-Seite des Suhrkamp-Verlags.
    Hier:
    https://www.suhrkamp.de/buch/amos-oz-judas-t-9783518466704

    Wer eine Inhaltsangabe zu »Judas« von Amos Oz sowie den Hintergründen des Werks haben möchte, lese den entsprechenden Artikel in der Wikipedia, den ich ziemlich gut finde:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Judas_(Amos_Oz)


    AntwortenLöschen
  2. Friedhelm Hippen8:09 AM

    Hallo, aus dem schönen Ostfriesland. Interessante Seite, ich lese ja andauernd irgendwo, dass Textblogs völlig out sind. Weil ich aber selber auf der Suche nach einer Möglichkeit bin, mit der ich meine nostalgischen Filmerlebnisse verarbeiten kann. Jetzt würde ich gerne wissen, wie die Resonanz auf deine Seite ansonsten so ist. Als Plattform hatte ich eher Weebly im Sinn, auch wenn die genauso wie eigentlich Blogspot nicht mehr so relevant ist.

    Wäre nett, wenn du einen Rat für mich hättest - aus deiner eigenen Erfahrung heraus.

    Mit freundlichem Gruß

    AntwortenLöschen

Leider ist es auch in diesem Blog nötig geworden, Kommentare vorher zu »filtern« und sie erst danach freizuschalten. Ich bedauere das sehr, möchte diese »Sicherungsfunktion« aber beibehalten. Dieser Blog soll keinen Menschen für Beleidigungen und anderes zur Verfügung stehen, die im Zweifelsfall tagelang online sein könnten.

Bitte habt dafür Verständnis - und nötigenfalls auch mal 24 Stunden oder länger Geduld.