07 Februar 2021

Zu Besuch in einer Stadt

Wir bogen bei Weinsberg von der Autobahn ab und fuhren über die Landstraße weiter. Der Motor meines VW-Käfers heizte das Auto auf, wir hatten die Fenster und die Dachluke geöffnet. Im Spätsommer 1987 herrschten hohe Temperaturen, und das Auto entwickelte sich bei solchem Wetter immer zu einer rollenden Sauna.

»Wo fahren wir eigentlich hin?«, fragte meine Freundin, nachdem sie gut zehn Minuten lang schweigend neben mir gesessen und die Landschaft betrachtet hatte: sanfte Hügel, winzige Siedlungen, gelegentlich ein Weinberg, insgesamt viel Landwirtschaft. Durch die offenen Fenster drang nicht nur die warme Luft, sondern gelegentlich auch der Duft nach Gülle.

»Du wirst es noch sehen«, versprach ich. »Es ist eine Überraschung.«

»Sag schon!«

»Wir fahren in eine kleine Stadt, in der ich bisher nur einmal war. Ich hoffe, ich finde den Weg wieder.«

»Hier?« Sie wies nach vorne, auf die Hügel, die Buschketten, die Wälder in der Ferne. »In dieser ländlichen Einöde?«

»Genau hier.« Ich drückte die Kassette in den Rekorder vor uns. Irgendeine aktuelle Punk-Band schepperte aus den Lautsprechern. »Ich war da einmal und fand alles toll.«

Ich erkannte immer wieder einige Straßen und Hügel wieder, bog bald von der Bundesstraße ab und folgte einer schmalen Landstraße, die sich einen Hügel hoch und dann durch einen Wald schlängelte. Auf der anderen Seite des Waldes empfing uns eine Nebelbank, die wir durchquerten. Als wir auf der anderen Seite des Nebels herauskamen, lag ein Tal vor uns, umgeben von bewaldeten Hügeln, und in dessen Zentrum erhob sich eine kleine Stadt, deren Straßen um einen eckigen Platz gruppiert waren.

Es war nicht viel los. Nur wenige Autos waren auf der Straße unterwegs, Fußgänger sah ich nur wenige. Als wir uns dem Stadtzentrum näherten, fand ich sofort einen Parkplatz unter einigen großen Bäumen.

»Hier warst du also schon einmal«, stellte meine Freundin fest. »Das sieht schon ziemlich verschlafen aus.«

»Es sieht nicht nur so aus, es ist auch verschlafen.«

Wir hielten Händchen und spazierten durch die Straßen. Die Häuser waren alt, aber sie sahen aus, als seien sie gut gepflegt. Das Fachwerk war akkurat herausgearbeitet, die Sandsteintreppen machten einen stabilen Eindruck. Bald erreichten wir den zentralen Platz, einige Dutzend Meter im Quadrat. Einige Bäume spendeten Schatten, vor einem Café standen Tische und Stühle.

»Hier ist es«, sagte ich erleichtert. »Wir müssen unbedingt einen Kaffee trinken.«

»Wir müssen?« Sie lachte. »Das hört sich ja so an, als ob es eine staatsbürgerliche Pflicht wäre.«

»So ähnlich.« Ich blieb stehen und zeigte auf die Fassaden der Häuser. Dahinter erhoben sich die bewaldeten Hügel. »Ist das nicht schön?«

»Ein bisschen spießig vielleicht, aber sehr hübsch. Wie heißt diese Stadt eigentlich?«

»Keine Ahnung. Ich habe nie auf das Ortsschild geachtet. Und auf der Straßenkarte ist sie nicht eingezeichnet.«

»Du machst Witze!«

»Nein, nein«, beteuerte ich. »Das ist genauso. Komm, lass uns hinsitzen und einen Kaffee trinken.«

Es wurde eine gelassene halbe Stunde vor dem Café. Wir redeten ein wenig, wir sahen den Passanten zu, wir genossen die träge Ruhe auf dem stillen Platz. Die Getränke schmeckten, die Torte schmeckte himmlisch. Die ältere Frau, die uns bediente, trug eine Schürze und eine Bluse, und beides sah aus, als stammte es aus einem vergangenen Jahrhundert. Aber sie nahm keinen Anstoß an unseren Lederjacken und zerrissenen Hosen, sondern war höflich, ja, fast herzlich.

»Das ist wirklich nett hier«, sagte meine Freundin, nachdem ich die Rechnung bezahlt hatte, nicht ohne ein ordentliches Trinkgeld zu geben. »Und jetzt?«

»Wir gehen wieder. Ich habe alles, was ich machen wollte, hier erledigt.«

Sie wirkte verwirrt, sagte aber nichts. Wir hatten schließlich noch eine ordentliche Strecke vor uns, bis wir daheim im Schwarzwald waren. Die Pause im Café passte uns beiden gut, ich fühlte mich wach und frisch, und so konnte ich gut weiterfahren. Ich merkte ihr aber, dass es in ihr gärte.

»Was ist?«, fragt ich, während wir zum VW-Käfer zurückgingen.

»Diese Stadt hier«, sagte sie langsam. »Oder dieses Dorf, was auch immer. Was ist das?«

»Eine kleine Stadt, die von der Zeit vergessen worden ist«, sagte ich locker. »Mir gefällt es hier, ich komme immer wieder gern hierher, auch wenn ich niemanden kenne. Es ist, als sei sie ein Teil von mir.«

Sie sah mich ernst an. »Manchmal verstehe ich dich nicht.«

»Geht mir allerdings auch so.«

Wir gingen zum Auto und fuhren danach über die Landstraße zurück zur Autobahn. Auf der Rückfahrt hörten wir laute Musik, oder wir lästerten über andere Autofahrer. Über den Besuch in der Stadt sprachen wir nie wieder. Und nachdem wir uns wenige Wochen später getrennt hatten, verloren wir uns aus den Augen.

In die kleine Stadt fahre ich immer noch regelmäßig, ich unternehme die Reise aber stets allein und nur, wenn es sich anbietet. Sie ist nach wie vor auf keiner Landkarte verzeichnet, auch mein Navigationsgerät zeigt keinen Weg dorthin. Ich trinke meinen Kaffee im gleichen Café, und ich werde von derselben sympathischen Frau bedient wie früher.

Und ich weiß: Erst nachdem ich meinen Kaffee getrunken und bezahlt habe, kann ich die kleine Stadt wieder verlassen. Sonst werde ich zu einem der wenigen Menschen, die auf den Straßen unterwegs sind – hinter dem Wald und der Nebelwand, in der kleinen Stadt ohne Namen und ohne Geschichte.

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