18 Februar 2020

Schneeschubser

Unsere Eltern wollten noch einmal los. »Wenn ihr schön brav seid und die Hofeinfahrt frei macht, kriegt ihr hinterher ein Schokolädle« versprach meine Mutter, drückte mich noch einmal und eilte zu dem VW-Käfer vor dem Haus. Mein Vater ließ den Motor schon laufen, damit das Gebläse die Scheiben von innen freimachte.

Meine Schwester ging noch nicht in die Schule, ich immerhin in die zweite Klasse. Es war ein kühler Februartag, seit drei Tagen schneite es immer wieder.

Wir nahmen die Kinderschippen aus dem Schuppen und gingen ein wenig an den Schnee, wie man das halt machte, wenn man klein war. Es schneite ununterbrochen an diesem Nachmittag, einer dieser Tage, an denen man Schnee schippte, um den Hof freizubekommen, und dann gleich wieder von Anfang an arbeiten konnte. Mein Vater nannte solche Tage die »Dreißig-Zentimeter-Tage«, weil es im Schnitt um die dreißig Zentimeter Schnee in den Hof setzte.

Wir waren eifrig bei der Sache, und wir versuchten, allen Schnee auf einen Berg zu werfen. Aus diesem sollte später unser erstes großes Schneehaus in diesem Winter werden. Die Technik kannten wir: Zuerst häufte man einen Haufen Schnee an, dann höhlte man ihn aus. Später setzte man ein Stühlchen rein und sorgte mit einer Kerze dafür, dass es innen drin behaglich aussah.

Unsere Schneeschaufeln knirschten auf den Steinchen, die unsere Hofeinfahrt bedeckten. Wenn man die Schaufel zu tief in den Schnee steckte, nahm man Steine mit. Das mochten unsere Eltern nicht, schließlich warfen wir den Schnee in den Garten, und dort gehörten sie nicht hin. Also passte ich entsprechend auf.

Meine Schwester hatte bald keine Lust mehr und stand unschlüssig herum. Aus einem Reflex heraus – typisch großer Bruder – schubste ich sie in den Schnee. Sie fiel hin, das Gesicht zur Hälfte in das kalte Weiß.

Sie begann zu weinen und wollte damit nicht mehr aufhören. Das einzige, was mir nach einige Zeit einfiel, war ein Vorschlag: »Dann schubs du mich auch doch mal.«

Sie überlegte kurz, dann verpasste sie mir einen Stoß. Ich tat so, als würde ich umfallen, und purzelte so in den Schnee, dass mich mein eigener Schwung auf unser künftiges Schneehaus warf und darüber hinweg.

Nun lachte meine Schwester, und sie schubste mich erneut. Ich fiel in den Schnee, stand auf und schubste sie. Beide lachten wir, und die nächste Zeit verbrachten wir damit, im Schnee zu toben und uns gegenseitig in den Schnee zu werfen.

Es wurde dunkel, und es wurde kälter, das Schneetreiben nahm zu. Es kümmerte uns nicht. Wir hatten Spaß daran, etwas zu tun, das normalerweise verboten worden wäre.

Als meine Eltern vom Einkauf zurück kamen, lag bereits wieder ordentlich Schnee in der Einfahrt. Wir zwei Kinder standen mitten in den Schneebergen, in den Woll- und Stoffklamotten klatschnass, völlig durchgefroren, laut lachend und fröhlich, während wir uns gegenseitig in den Schnee warfen.

Meine Mutter war entsetzt und schleppte uns ins Haus, während mein Vater erst einmal die Einfahrt vom Schnee befreite, bevor er den VW Käfer in den ehemaligen Stall – mittlerweile die Garage – brachte und die Einkäufe ins Haus schleppte. Zu der Zeit standen meine Schwester und ich schon im kalten Kinderzimmer, in dem längst das Feuer im Ofen ausgegangen war, wurden von meiner Mutter abgetrocknet und mit trockener Kleidung versorgt.

Die Tracht Prügel blieb aus, die es sonst vielleicht für unseren Unfug gegeben hätte. Immerhin wurde keiner von uns krank. Aber wir versprachen, nicht mehr so blöde und gefährliche Spiele im Schnee zu spielen.

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