18 Januar 2017

Der Schopf in der Talstraße

Die Talstraße verlief quer durch das Dorf, und nach dem Gottesdienst spazierte ich mit meinen Eltern häufig dort entlang. Die Talstraße begann an dem Platz, der keinen Namen hatte, an dem aber die evangelische Kirche, das Schulhaus und das Rathaus standen; im weiteren Verlauf kam man an der einzigen Tankstelle des Dorfes, an einem Ladengeschäft und einer Metzgerei vorbei. Die Straße hatte keine Gehsteige, man ging am Straßenrand und wich den seltenen Autos und Traktoren aus, indem man sich einfach auf die Seite stellte.

In den späten sechziger Jahren war das Dorf eine beschauliche Welt. Die Leute grüßten sich, wenn sie sich auf der Straße begegneten; die meisten kannten sich und sprachen breites Schwäbisch. Im Neubaugebiet auf der »Rossweide« siedelten sich die Hochdeutschen an, die Kontakte der Zugezogenen zu den Alteingesessenen hielten sich aber in Grenzen. Und die Politik war eher konservativ, so viel bekam ich als Kind schon mit.

Am Anfang der Talstraße, eigentlich schräg gegenüber des Rathauses, erhob sich ein alter »Schopf«: ein einfacher Schuppen, dessen Außenwand aus schlichten Brettern bestand, der aber mit Dachziegeln gedeckt war. Was sich darin befand, wusste ich nicht; es war auch nicht wichtig. Aber eines Tages gab es eine große Schmiererei auf diesem Schopf.

Jemand hatte in riesengroßen, wenngleich etwas krakeligen Buchstaben »NPD« auf die Wand geschmiert, mit einem Pinsel und schwarzer Farbe. Weil der Besitzer des Schopfes offenbar den Aufwand scheute, entfernte er die Schmiererei nicht, sondern ließ sie. Jeder, der durch die Talstraße ging, musste an dem »NPD«-Schriftzug vorüber.

Irgendwann fragte ich meinen Vater, was das heiße. »Die NPD«, erklärte er in seiner direkten Art und in breitem Schwäbisch, »die den Hitler wiederhaben wollen.« Mehr musste man 1969, als die Partei im Landtag von Baden-Württemberg saß und in den Bundestag einziehen wollte, nicht über diese Partei sagen. Mehr Politik war nicht nötig – ist es manchmal auch heutzutage nicht.

(Ich erinnere mich an diese Szene übrigens mit unglaublicher Klarheit. Ich kann mich sogar an das Wetter erinnern und an das grelle Licht, das herrschte. Ob die Schmiererei jemals verschwand, habe ich aber vergessen. Wahrscheinlich wurde der Schopf irgendwann abgerissen ....)

2 Kommentare:

  1. Hoi, Klaus.
    Zwischenzeitlich, gute vier Jahrzehnte später, meint das höchste Gericht, dass von den parteilichen Resten keine, die Verfassung bedrohende, Gefahr mehr ausginge. Seltsame Erkenntnis, denn angeblich existierte besagte Gefahr auch nicht zur dicken Eier-Zeit der Partei. Jemand frisch aus dem Mittagsschlaf aufgewacht, oder muss man/frau die juristische Denke anwerfen, um darin irgendeine Logik zu sehen!?

    bonte

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  2. Dummheit kann man eh nicht verbieten, nur das Etikett. Ich hätte nichts gegen ein Verbot gehabt, aber ob es viel genutzt hätte, das sei dahingestellt. Aber den Geldhahn sollte man diesen Leuten definitiv zudrehen.
    Und im Zweifel auch noch die Reinigung des Schuppens in Rechnung stellen, sollte er noch stehen.

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